Okt 19 2017

Musik ohne Regeln und ein Hauch von „The Dreaming“

Foto: Orange Ear

Es ist schräg, eigenproduziert, der Titel klingt nach einem Abschied und zu allem Überfluss liegt der Sänger auch noch nackt auf dem Plattencover: „Record full of last Songs“ heißt das Album, das Timo C. Engel unter dem Projektnamen „Bleedingblackwood“ schon 2016 veröffentlicht hat. Zu seligen Forumszeiten noch vor Kates „Aerial“ war Timo als DJ und Sänger unterwegs, arbeitete fürs Radio. „Kate war immer eine riesige Inspiration für mich“, erzählt Timo. „Mit 15 war natürlich in erster Linie die Musik ausschlaggebend und das Coverartwork der Platten. Das sie, ab ‚The Dreaming‘ alles zu Hause im eigenen Studio erarbeitet hat, ist natürlich etwas, was ich erst später zu schätzen wusste. Die Möglichkeit, im eigenen Studio zu arbeiten, herum zu experimentieren, das ist ein Traum, den ja mittlerweile jeder umsetzten kann.“ Genau letzteres hat Timo bei Record full of last Songs“ gemacht und es ist kein Zufall, dass er „The Dreaming“ als Inspirationsquelle nennt. 2006 gab es dann einen Bruch in seinem Leben. „Ich musste raus, brauchte einen Neuanfang. Eigentlich wollte ich auch gar keine Musik mehr machen, aber das ist wie atmen. Man kann mal die Luft anhalten, aber ganz aufhören zu atmen geht ja auch nicht.“ Also hat er wieder angefangen Musik zu machen, als Sänger in Bands, vor allem aber hat er mit Instrumenten herumexperimentiert. 2010 kam dann der endgültige Wechsel: Von Kiel ging‘s nach Berlin. Aber wie macht man Musik und schreibt Songs, wenn „das eigentliche Musikmachen“ gar nicht beherrscht? „Die Songs entstehen unterschiedlich. Ab und zu fange ich einfach an etwas zu summen, nehme das auf, loope das und erarbeite damit einen Song, indem ich da noch mehr Gesangspuren und Variationen darüber singe“, erklärt Timo. Hören kann man das zum Beispiel bei dem Song „Apple Tree Garden“, der noch relativ nah am Demo ist. Wer Timos Stimme hört, wird sich nicht darüber wundern, dass das funktioniert  er setzt sie wie ein Instrument ein und klingt dann bei „Apple Tree Garden“ unerwartet sanft und fast schon nach Bowie. Hinzu kommt aber noch seine ausgesprochene Leidenschaft für Musikinstrumente. Von Freunden hat er sich alte Instrumente schenken lassen und kauft immer wieder neue dazu. Ausgefallen sollten sie sein, also finden sich bei ihm ein altes Spielzeug-Piano, ein Glockenspiel, eine Zither oder ein altes Kuhhorn. Jüngste Neuerwerbung ist eine Ocarina aus Italien. „Das ist eine Tonpfeife, die einen wunderbar warmen, tiefen Klang hat“, erzählt er. Für die Aufnahmen experimentiert er mit den Instrumenten, nimmt Passagen auf, fertigt Loops, überspielt die so lange, bis alles passt. Der Song „I grow a tree“ ist ein schönes Beispiel für diese Vielfalt – da findet sich das Kuhhorn wieder, Glasflaschen, Rasseln mit muschelähnlichen Holzperlen oder aus länglichen, trockenen Bohnen, die Timo aus Afrika mitgebracht hat, ein Bamboophon und vieles mehr. „Ich habe den Großteil des Albums zu Hause in meinem Schlafzimmer unter recht primitiven Bedingungen aufgenommen – oft mit offenem Fenster. Und an manchen Stellen hört man Geräusche von draußen. Ich wohne zwar mitten in Neukölln, aber meine Fenster sind alle zum zweiten Hinterhof raus und wenn man genau hinhört, hört man ab und zu Geräusche vom Hinterhof. Zum Beispiel hat sich ein Krähenschrei in einen Loop bei dem Song ‚You should have known‘ eingeschlichen“, sagt Timo zum Entstehungsprozess seiner Songs. Die sind stellenweise so herrlich schräg, dass die Anklänge an „The Dreaming“ unüberhörbar sind. So kommt beispielsweise beim zweieinhalbminütigen „Last Night Lover“ gefühlt eine Brassband aus New Orleans um die Ecke und spielt den Hochzeitsmarsch für den, von dem nur noch der Geruch in der Bettdecke hängt und längst verschwunden ist. Oder ist es der Trauermarsch des Zurückgebliebenen? Einen Song später ertönt purer Techno-Beat. Bis die Songs soweit waren, war es ein hartes Stück Arbeit. „Irgendwann hatte ich so 25/30 Songideen und ein Freund sagte: Die sind gut. Wie ein vertontes Tagebuch. Mach was damit.‘ Eine andere Freundin sagte mir, du brauchst eine Deadline, sonst werkelst du in zehn Jahren noch daran herum“, erinnert sich Timo. Kurzentschlossen hat er sich die Deadline selbst gesetzt: er tat so, als ob die Songs fertig seien und vereinbarte einen Performance-Abend – einen Monat später. Timo: „Ich wollte alles live machen, also habe ich Freunde gefragt, ob sie das, was ich da eingesungen hatte, nachsingen würden und Lust hätten, in einem Monat aufzutreten.“ Das ist so gut angekommen, dass die gemischte Truppe drei Jahre lang gemeinsam aufgetreten ist. Erst danach ist dann die CD entstanden. Timo: „Der eigentliche Plan war, dass ich alles alleine einspiele und singe. Bei Kate liebe ich, wie sie oft ihre eigenen Backings und Chöre einsingt. Gerade bei solchen Songs wie ‚Mother stands for Comfort‘. Dadurch werden ihre Songs noch mehr ihre eigenen Songs. Aber es war dann einfach zu verlockend Leute zu fragen, die vielleicht noch ein paar Highlights beisteuern.“ Das reicht vom Chor bis zum Theremin, der „singenden Säge“ oder dem besagtem Bambus-Xylophon. „Ich mag es, Dinge zusammen zu bringen, die eigentlich nicht zusammengehören. Da ist dann halt mal ein gesummtes Lied, welches dann plötzlich in einen Trauermarsch, mit Trompeten und Posaunen umschlägt. Ich möchte mich selbst überraschen. Das ist das Schöne am Musikmachen: Es gibt keine Regeln. Du kannst machen, was du willst.“ Und genau das macht er, lässt sich musikalisch auch kaum verorten. Pop? Vielleicht. Experimentell? Bestimmt. „Ich sage ja immer, ich mache Pop. Langsamen, melancholischen Pop. Ich saß letztens mit ein paar Freunden zusammen und irgendwann haben wir unsere Musikrichtung ‚Spooky-Cosy‘ genannt. The Godfathers of Spooky-Cosy.“ Weder gespenstisch noch gemütlich sondern eher energiegeladen und intensiv wird es, wenn Timo in neuer Kombination mit der Cellistin Martina Bertoni auftritt. „Die hatte vorher mit so illustren Leuten wie Blixa Bargeld, Teho Teardo und Alexander Balanescu gearbeitet und war gerade frisch nach Berlin gezogen und hatte praktisch nur ihr Cello dabei. Ich gab ihr meine CD, wir probten einmal und eine Woche später hatten wir unseren ersten Gig. Und seit dem spielen wir zu zweit.“ Auftritte und neue Produktionen füllen ihn im Moment komplett aus. Ein Remix-Album von „Record full of last Songs“ ist in Planung, er schreibt Songs für ein neues Album, plant Videos. Bleiben noch zwei Fragen. Für jemanden, der einen Neuanfang wagt, klingt „Record full of last Songs“ doch eher nach einem Abschied. „Der Name der Platte kam daher, dass ich bei jedem neuen Demo  immer dachte: Das wird der letzte Song, auf der Platte. Das kann nur der letzte Song, auf dem Album werden!“, erzählt Timo.  Und sich nackt auf dem Cover räkeln? Auch das hat eine eigene Geschichte. Ein Freund in Oslo wollte ihn unbedingt malen. Nach mehreren Anläufen war Timo schließlich einverstanden. Als es später dann um die Frage ging, wie denn das Cover aussehen könnte, sagte der Freund nur: Du hast doch schon eins. Timo: „Und natürlich passt gerade die Nacktheit. Für mich ist es das persönlichste, was ich bis dahin musikalisch gemacht hatte. Ich hatte mich praktisch auch da ‚nackt gemacht‘.

Wer mehr über Timo und sein Projekt Bleedingblackwood erfahren möchte, wird hier fündig. Die CD kann man bei bandcamp hören (und bestellen).

Okt 15 2017

Das Song-ABC: Running Up That Hill

Dieser Song ist einer der größten Single-Hits von Kate Bush und bis heute hat er nichts von seiner Faszination und seiner Wucht verloren. „Zu monumental für jede denkbare Kategorisierung“ – diesen Satz schrieb Ulf Kubanke [1] in einer Review zum Album „Hounds of Love“ und dies trifft ganz besonders auf diesen „Überhit“ [1] „Running up that Hill“ zu (unter Insidern unter dem Kürzel RUTH bekannt).
Er entstand im Sommer 1983 als erster Song des Albums [2] – ein hymnisch vorantreibender Titel voller Energie mit einem Grundteppich aus leisen Trommeln und einem orgelpunktartig eingesetzten Synthesizerakkord. Der Song handelt von der Unmöglichkeit, dass sich zwei Liebende wirklich verstehen können und wie verlockend es wäre, für eine kurze Zeit die Körper tauschen zu können und in die Seele des Gegenüber einzutauchen. Er ist energisch und perfekt gesungen – offenbar handelt es sich um eine sehr energiegeladene Beziehung, in der die Funken fliegen. Es ist bei jedem Wiederhören zu spüren: „Running up that hill“ ist besonders, ungewöhnlich. Hinter dem Kleid einer Hitsingle versteckt sich etwas Tiefergehendes. Ulf Urbanke fasst das sehr gut zusammen [1]: „Der Überhit „Running Up That Hill“ wartet mit einer der prägnantesten Synthie-Hooks aller Zeiten auf. Für diesen Deal mit Gott packt sie etwas Forderndes, nahezu Eiferndes in den Gesang. Das verleiht dem Song eine Intensität, die fast allen Pophits ganz und gar fehlt.“
Der Song behandelt einige der Grundthemen von Kate Bush – die Komplexität von Zweierbeziehungen, die Unterschiede zwischen Mann und Frau, die Angst vor dem Verlust, das gegenseitige Nichtverstehen.
„I am very excited about how it’s been received by people! It’s so rewarding after working for a long time to see that your work is being received with open arms. This song is very much about two people who are in love, and how the power of love is almost too big for them. It leaves them very insecure and in fear of losing each other. It’s also perhaps talking about some fundamental differences between men and women.“ [3]
Im Song sinniert die Protagonistin über diese schwierige Situation und erträumt sich eine radikale und ungewöhnliche Lösung – ein Handel mit Gott, um die Plätze zu tauschen und die Perspektive des Partners zu verstehen.
„I was trying to say that, really, a man and a woman, can’t understand each other because we are a man and a woman. And if we could actually swap each others roles, if we could actually be in each others place for a while, I think we’d both be very surprised! [Laughs] And I think it would be lead to a greater understanding. And really the only way I could think it could be done was either… you know, I thought a deal with the devil, you know. And I thought, „well, no, why not a deal with God!“ You know, because in a way it’s so much more powerful the whole idea of asking God to make a deal with you.“ [4]
„Deal with God“ sollte der Titel auch heißen – aber hier sah sich Kate Bush mit einem ganz anderen Problem konfrontiert. „Gott“ im Titel einer Single – religiös geprägte Länder würden das angeblich nicht im Radio spielen.
„You see, for me it is still called „Deal With God“, that was it’s title. But we were told that if we kept this title that it wouldn’t be played in any of the religious countries, Italy wouldn’t play it, France wouldn’t play it, and Australia wouldn’t play it! Ireland wouldn’t play it, and that generally we might get it blacked purely because it had „God“ in the title. Now, I couldn’t believe this, this seemed completely ridiculous to me and the title was such a part of the song’s entity. I just couldn’t understand it. But none the less, although I was very unhappy about it, I felt unless I compromised that I was going to be cutting my own throat, you know, I’d just spent two, three years making an album and we weren’t gonna get this record played on the radio, if I was stubborn. So I felt I had to be grown up about this, so we changed it to „Running Up That Hill“. But it’s always something I’ve regretted doing, I must say. And normally I always regret any compromises that I make.“ [4]
Bei diesem Problem musste also selbst eine Frau mit einem so eisernen Willen wie Kate Bush einem Kompromiss zustimmen. Man kann in jedem ihrer Worte spüren, wie wenig ihr das gefällt. So kam der Song also zu seinem Titel „Running up that hill“ und „A deal with god“ taucht nur noch als Untertitel auf.  Für mich passt der neue Titel aber auch sehr gut, weil er die Grundstimmung des Songs wiedergibt: „It’s meant to be the positivism of going somewhere. Climbing up a mountain, going up. It might be hard but you are getting there.“ [5]
Bei Textzeilen wie „You never understood me, you never really tried“ kam natürlich in den Interviews die Frage nach einem autobiographischen Hintergrund auf. Wie immer bei solchen Fragen verneint das Kate Bush.
„I think everyone at some times feels misunderstood. But I can’t think of any song that I would say was truly autobiographical. There’s something of me in every song, in that I’m expressing something I’m hoping is interesting. But I don’t think they’re truly autobiographical comments in any way.“ [6]
Der Beginn beschwört die Stimmung einer heidnischen Zeremonie hervor. Ein sirenenhafter Synthesizer-Klangteppich blendet auf, bildet dann einen permanenten Hintergrund, der beständig in der Art eines Orgelpunkts durchgehalten wird und nur ab und zu akzentuiert wird. Dieses Aufblenden zu Beginn ist, als ob der Zuhörer zugeschaltet oder einbezogen wird. Dazu ertönen permanente, drängelnde Trommeln und schließlich das so charakteristische Eingangssignal. Dies ist ein magischer Ritus. Diese Eingangstakte bildeten auch die musikalische Keimzelle des Songs.
„I had an idea of what I wanted to say in the song and I actually asked Del to write me a drum pattern, and he wrote this great pattern in the drum machine. So I just put the Fairlight on top of it and that was the basis of the song, with the drum, which played quite an important part. “ [4]
Die Singstimme ist meist sehr energisch und durchsetzungsfähig, ist aber auch zu fast zärtlichen Tönungen fähig („It’s you and me“). Ein stimmloser Chor singt dazu und bildet einen weiteren Teil des Klangteppichs im Hintergrund. Das ganze Lied sprüht vor Energie, es reißt einen mit, ist ein energiegeladenes, entschlossenes Vorwärtsdrängen. Bei „Let’s exchange the experience, oh…“. brechen plötzlich Trommelschläge herein wie eine Eruption. Dieser Effekt wird dann mehrmals wiederholt, dies steigert das energische Vorandrängen noch. Zum Schluss übernehmen E-Gitarren-ähnliche Töne die Aufgabe der drängenden Trommeln. Die Chorus-Stimmen werden wilder und ekstatischer, sie werden auch präsenter und individualisiert. Es ist nicht mehr nur ein Klangteppich, Einzelstimmen heben sich ab. Der Klangteppich klingt zum Schluss solo einfach aus und der Schluss bildet so ein Spiegelbild des Beginns. Die Zeremonie ist zu Ende.
Auch die tonale Gestaltung ist wieder sehr interessant (die folgenden Details aus [7]). Das ganze Lied über wird ein strikter 4/4-Takt durchgehalten, es gibt kein Ausweichen vor dem energischen Vorwärtsdrängen. Die Tonart ist ein  c-Moll; As-Dur-Akkorde, B-Dur-Akkorde und g-Moll-Akkorde kommen zum c-Moll-Akkord dazu. Diese vier Akkorde prägen das ganze Lied, angeordnet in den Akkordfolgen As-Dur/B-Dur/c-Moll und As-Dur/B-Dur/c-Moll/g-Moll. Auf „You. It’s you and me wont’t be unhappy“ kommt es zu einer Ausweitung, es kommen der Es-Dur-Akkord und der f-Moll-Akkord hinzu und ergeben eine neue Färbung. Hier ist die Akkordfolge As-Dur/Es-Dur/f-Moll. Diese drei Akkordfolgen aus verschränkten Dur/Moll-Parallelen (B-Dur/g-Moll, Es-Dur/c-Moll, und As-Dur/f-Moll sind jeweils Dur/Moll-Parallelen) bilden das Gerüst des Songs. Sie enden immer auf einem eher pessimistischen Moll-Akkord. Die strikte Verwendung dieser drei Akkordfolgen verstärkt das Beschwörende, intensiviert die rituelle Komponente des Songs.

Hält man sich an die Tonartencharakteristiken von Hermann Beckh [8], so sieht man, dass hier ganz weit auseinanderliegende Gefühlwelten miteinander verbunden werden. Die Protagonistin ist in ihren Gefühlen hin und her gezogen. Es-Dur und c-Moll haben einen starken, positiven, kämpferischen Charakter. C-Moll steht von allen Tonarten am festesten auf der Erde, es steht für eigene Kraft und Stärke, für Verwurzelung auf dem Boden, aber auch für die Tragik des Irdischen. Es ist die Haupttonart des Songs und drückt klar dessen kämpferischen Charakter und die Stärke der Protagonistin aus. Wie später in „The Fog“ und „Lily“ wird diese Tonart auch hier im Zusammenhang mit einer Anrufung der positiven Mächte benutzt. Es-Dur ist die Tonart der Feier, die geistige Sonne scheint hier am hellsten. „Das Schauen der Sonne um Mitternacht“ nennt das Beckh.

F-Moll ist tonartlich das Düsterste, was es in der Musik überhaupt gibt. Es steht für die Todesahnung, den Todesschatten. Es symbolisiert die Nacht, in der es keine Erlösung mehr gibt, das Unerlöste, nicht mehr zu Erlösende. Die Dur-Parallele As-Dur ist dagegen das Licht in der Finsternis, es ist eine mystische Tonart. Ein Licht beginnt aufzuleuchten, wo wir bisher nur Dunkel vermuteten.
B-Bur ist halbdunkel, helldunkel, es ist eine Liebestonart, steht aber auch für feste Glaubenszuversicht. Bezeichnenderweise erklingt der B-Dur-Akkord immer zum Wort „God“ [7]. G-Moll ist im Gegensatz dazu klagend, mehr tragisch; es fehlt die Ahnung und Hoffnung auf Licht, die B-Dur erahnen lässt.

In den Akkordfolgen wird die Zerrissenheit der Situation deutlich. Die Folge As-Dur/B-Dur/c-Moll lässt zu Beginn ein Licht in der Finsternis aufleuchten (die Beziehung ist komplex und verworren) und drückt dann die feste Zuversicht in die Liebe aus (es ist verworren, aber sie lieben sich dennoch). Es folgt das Bauen auf die eigene Stärke und das Vertrauen auf die eigene Stärke (die Protagonistin will und wird die Probleme lösen). Kommt dann noch der g-Moll-Akkord als Abschluss dazu, dann verliert sich die Protagonistin dennoch in Zweifeln.
Die Akkordfolge As-Dur/Es-Dur/f-Moll zu „You. It’s you and me wont’t be unhappy“ ist zerrissener. Das aufleuchtende Licht in der Finsternis führt zur Siegeszuversicht, zum Erahnen der Sonne in der dunklen Nacht. Aber es folgt der tiefe Absturz, es ist trotzdem Nacht, die Nacht, in der es keine Erlösung gibt. Die Tonarten dieser Akkordfolge deuten an, dass die Beschwörung der Protagonistin vielleicht doch keinen Erfolg haben wird. Gott antwortet nicht in dieser Musik. Zum Glück endet der Song auf einem lang angehaltenen c-Moll-Akkord. Das Vertrauen in die eigene Stärke siegt (aber vielleicht ist die Beziehung nicht zu retten).

Ich kann nicht über den Song reden, ohne zum Schluss auf das Video einzugehen. Es gehört für mich zu den schönsten Musikvideos überhaupt. Passagen aus klassischem Tanz werden mit surrealen Sequenzen gemischt, in denen Kate Bush und ihr Tanzpartner Michael Hervieu den Weg zueinander suchen durch eine Menge von maskierten Fremden. Zum Höhepunkt befinden sich sie weit von einander entfernt in einer Menge von Menschen, die jeweils das Gesicht der beiden Partner als Maske tragen.
MTV hatte 1985 offenbar Schwierigkeiten mit einem so ambitionierten Video. „MTV chose not to show this video (at the time of its original release) and instead used a live performance of the song recorded at a promotional appearance on the BBC TV show Wogan. According to Paddy Bush, ‚MTV weren’t particularly interested in broadcasting videos that didn’t have synchronized lip movements in them. They liked the idea of people singing songs.'“ [9]
Dieses Ersatzvideo zählt für Kate Bush nicht. Es ist eine „TV performance that we did in England to promote the single. And I don’t do very many TV performances. It concerns me that to try and to do everything you can and put as much effort into it, and sometimes its very difficult to make things look good in TV situations. But that was a live TV and we presented it that way for the British audience. It wasn’t my intention that that clip would be shown anywhere else at all, apart from that one live performance in England. And it was something that the record company wanted to use here, and that’s why you’re seeing that. From my point of view, the expression visually that goes with that song is the film that we made that is the dance video. And the other one is really for me just a one-off TV.“ [6]
Das ursprüngliche Musikvideo ist als klarer Gegenentwurf zu den damals üblichen Videos gedacht, die nach Kate Bushs Einschätzung die Möglichkeiten des Tanzes nicht ausschöpfen. „During the gap between the last and this album, I’d seen quite a few videos on television, that other people had been doing. And I felt that dance, something that we’d be working in, particulary in the earlier videos in quite a foreway, was being used quite trivially, it was being exploited: haphazard images, busy, lots of dances, without really the serious expression, and wonderful expression, that dance can give. So we felt how interesting it would be to make a very simple routine between two people, almost classic, and very simply filmed. So that’s what we tried, really, to do a serious piece of dance. [10]
Der Dreh des Videos erforderte intensives Training und eine sorgfältige Vorbereitung. „The video took eight weeks: six weeks‘ training and choreography working with Dyane Gray, and three days shoot, plus editing and various meetings.“ [11] Die surrealen Details kamen dann im Laufe der Vorbereitung hinzu. Die Frage nach dem Ursprung der Masken erläuterte Kate Bush in einem Interview: „Well that was very much a coincidence, where the director was talking about these masks and I had a film on video that we’d taped that had a section where people were wearing these photographic masks. And we just felt that it was a really interesting idea, this crowd that would suddenly sorta rush in through the dance sequence. And the idea of the crowd being the force of either the man or the woman and so the faces change from the man to the woman. And then the idea of drowning in yourself. Just sorta those kinda plays on things. [6]
Herausgekommen ist ein Video, das auch heute noch beeindruckt. Ich bewundere die Tanzszenen, da ist für mich pure Schönheit, traumverlorene Emotion, zwei Personen als Einheit. Hier ist die Zerrissenheit aufgehoben.
„Running up that hill“ ist ein zeitloser Klassiker, ewig jung, nicht alternd, ein Juwel. Das sehen nicht nur die eingeschworenen Fans von Kate Bush so – er dürfte auch heute noch der am meisten im Radio gespielte und am meisten gecoverte Klassiker von Kate Bush sein. Ich muss los .. muss ihn wieder hören … brauche Musik, deren Energie mich zerreißt … tschüss!     (© Achim/aHAJ)
[1] Ulf Kubanke: Zu monumental für jede Kategorisierung. http://www.laut.de/Kate-Bush/Alben/Hounds-Of-Love-17081  (gelesen 08.09.2017)
[2] Graeme Thomson: Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S.258
[3] Kate Bush: Hounds Of Love songs. KBC article Issue 18.
[4] Richard Skinner: Classic Albums interview: Hounds Of Love. Radio 1. Interview gesendet 26.01.1992.
[5] Phil McNeil: Kate Bush Isn’t Your Everyday Songwrite. Star Parts(?). Datum unbekannt.
[6] J.J. Jackson: Uneditet. MTV. November 1985
[7]  “Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.142ff
[8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.124-126 (Es-Dur/c-Moll). S.196-198 (As-Dur/f-Moll), S.245-248 (B-Dur/g-Moll)
[9] https://en.wikipedia.org/wiki/Running_Up_That_Hill  (gelesen 08.09.2017)
[10] Good Rockin Tonight. Nan Devitt(?). November. 1985
[11] Kate Bush: An Interview With Auntie Hetty. KBC article Issue 20.

Okt 10 2017

Paddy im Interview: Kate arbeitet an einem neuen Projekt

Foto: Stefan Franzen

Im zweiten Teil des Interviews mit Paddy geht es nochmal um die Musik Madagaskars, um Paddys musikalischen Projekte, um seinen Beitrag zu den Before the dawn-Konzerten und die wichtigste Frage überhaupt – wie sieht es mit einem neuen Kate-Projekt aus?

Kehren wir nochmal zur madagassischen Musik zurück. Du bist einer der wenigen Europäer, wenn nicht der einzige, der die madagassischen Instrumente spielt. Was macht es für Europäer so schwierig, sie zu spielen? Sind das wirklich bloß die Rhythmen?

Paddy: Die Rhythmen sind unglaublich schwierig. In traditioneller europäischer Musik gibt es immer eine Wechselbeziehung zwischen den Beats und den betonten Noten der Melodie. Du schlägst also automatisch mit dem Fuß den Takt. So aber funktioniert madagassische Musik nicht. Die Betonung des Beats kann sich verschieben. Die Madagassen verstehen das, Leute von auswärts nicht. Die Madagassen schlagen den Takt an einer ganz anderen Stelle als da, wo die Europäer den Rhythmus hören. Es dauert unglaublich lange, bis man lernt, wie man die Betonung verschiebt. Nur wenn du madagassische Perkussion studierst, kannst du das schaffen. Die Musik der Tromba wird immer von einer Rassel namens Kaiamba begleitet, ein verschobener Rhythmus. Du denkst, du hörst die starke Zählzeit, aber der Rhythmus liegt auf dem nächsten Beat. Vielleicht zählen sie für einen 12/8-Takt also vier Gruppen von drei. Die erste Note des Songs ist oft gar nicht hörbar, die letzte Note einer Melodie kann die erste sein. Eine magische Symmetrie. Ich habe zwei Alben mit einem sehr talentierten madagassischen Musiker namens Paskaal Japhet produziert. Ein sehr cleverer Perkussionist und Komponist. Als Bezahlung für die Produktion bat ich ihn, mir die Rhythmen in all meinen Lieblingsstücken seit den 1980ern zu markieren. Das war die Hölle!  Keines der Stücke, die ich gelernt hatte, hatten die Rhythmusbetonung dort, wo ich sie vermutet hatte. Den Paddy, den du heute vor dir siehst, ist ein bisschen wie ein Phönix, der aus der Asche aufgestiegen ist. Denn ich hab die madagasssiche Musik drei mal aufgegeben. Das letzte Mal, das ich sie aufgegeben hatte, war ich so desillusioniert, dass ich stattdessen anfing, Glasbearbeitung zu lernen. Eine Sache, die die Ahnenverehrung begleitet, ist die: Für deine Probleme verschreibt man dir bestimmte Perlen. Die Ahnen kennen deine Probleme, und wenn du an einer Zeremonie teilnimmst, dann werden sie dir verschiedene Perlen verschreiben, und die haben fantastische Namen. Es ist wie Schmuckmedizin. Die Namen, die sie tragen, sind etwa: „Lass dich nicht herumschubsen“ oder „König der Welt“ oder „Zusammenhalt“, es gibt Hunderte von ihnen und die Madagassen kennen sie alle auswendig. Doch seltsamerweise sind sie alle aus Plastik. Diese Perlen beschützen dich, geben auf dein Vieh acht, bringen Liebe in dein Leben, bewahren dich vor dem Bösen. Doch auf meiner gesamten Reise habe ich nie eine einzige Perle aus Glas gesehen. Plastik ist halt billiger. Wenn du also deine Liste von verschriebenen Perlen mit auf den Markt nimmst, dann gehst du in den Teil wo sie Kräutermedizin verkaufen. Viele Leute tragen diese Perlen, aber niemals aus Glas. Als die madagassische Musik mir also zum dritten Mal eine Niederlage zufügte, habe ich sie komplett aufgegeben, zwei Jahre lang, und ich habe mich total auf die Herstellung von Perlen aus Glas konzentriert. Die wurden sehr erfolgreich in Madagaskar. Ich hatte eine hochbegabte Lehrerin namens Diana East. Ihr brachte ich die madagassischen Plastikperlen und fragte sie, wie man die aus Glas machen könnte.

Was hat dich dann doch wieder zur Musik zurückgebracht?

Paddy: Eines Tages ist etwas passiert. Ich spielte bei einer Aufnahme mit einer Rassel mit. An der Rassel zeigt sich, ob du madagassische Rhythmen verstehst oder nicht. Wegen dieser verschobenen Zählzeiten wurde ich jedes Mal, wenn ich die Musik hörte, ängstlich, denn ich verstand sie nicht. Ich fühlte mich wie ein Heuchler, als würde ich diese Musik nur imitieren, wie ein Chinese, der einen Elvis Presley-Song singt, nur dass das hier auch noch in einem spirituellen Kontext geschah. Sie sagten zu mir: „Paddy, wir sehen ja, dass du die Rhythmen nicht verstehst. Aber was du mitbringst, ist Liebe! Und die hören wir, wenn du spielst. Und eines Tages wirst du die Rhythmen verstehen.“ Eines Tages also spielte ich mit der Rassel und mir fiel etwas auf, was ich zuvor nicht bemerkt hatte: Der Rhythmus der Rassel schien sich zu verschieben. Und irgendetwas in mir, was nicht intellektuell war, fand seinen Weg. Ich fühlte mich, als würde ich zuhören und nicht, als würde ich es beeinflussen. Ich wurde mir bewusst, dass ich eine unglaubliche Ignoranz gegenüber der Formbarkeit von Rhythmus hatte. Die ganze Zeit kamen meine Wurzeln aus der Folkmusik zurück und zwangen meinen Fuß, den Takt falsch zu schlagen. Und ich fragte meine madagassischen Freunde: „Wie könnt ihr da den Takt klopfen und hier spielen? Und sie lachten einfach. Aber als es das erste Mal klappte, da war es mehr als magisch. Der ganze intellektuelle Scheiß wurde ausgeblendet und plötzlich hatte ich eine ganz andere Beziehung zum Rhythmus. Es hat alles verändert. Ich habe erneut die Stücke von Pascal angehört und bekam keine Angst mehr. Denn ich konnte den Beat hören und er war schon vor dem Einsatz der Rassel da. Er ist an einem unsichtbaren Platz. Endlich hat der Rhythmus zu mir gesprochen. 25 Jahre habe ich gebraucht, um die madagassische Musik zu verstehen. Die Musik in Madagaskar unterscheidet sich von Region zu Region so stark, dass die Menschen die Traditionen ihrer Nachbarregionen nicht verstehen. Sie verwenden die gleichen Rhythmen und Skalen, aber sie können sie nicht verstehen. Als Justin zum ersten Mal die Musik der Vezo-Fischer aus dem Südwesten hörte, dachte er, dass es nicht ein Solist auf der Marovany sei sondern zwei. Der Gitarrist hat ihn darauf aufmerksam gemacht: „Justin, das ist ein einziger Typ, der das spielt!“ Justin pfiff durch die Zähne und schaute ziemlich verzweifelt. Die Leute vom Hochplateau verstehen nicht unbedingt die Rhythmen aus dem Süden und umgekehrt. Aber es gibt eine Art magische Brücke zwischen der Musik der Küstenregion und der des Hochplateaus, und das ist Rakotozafy. Jeder liebte Rakotozafys Melodien. Die Merina-Leute sagten: „Ok, er ist nicht von hier, aber er hat wirklich sehr schöne Melodien.“ Das gleiche gilt für die Leute an der Küste: Sie denken, er lebt noch, obwohl er 1970 gestorben ist.

Wie siehst du deine Rolle als Produzent von madagassischer Musik? Wolltest du mit den Alben, die du für Justin und Paskaal Japhet gemacht hast, die madagassische Musik in die Zukunft bringen, sie zugänglicher für Europäer und vielleicht sogar für die madagassische Jugend machen?

Paddy: Ich denke, das stimmt. Ich sehe meine Rolle als Produzent wie ein unsichtbares Bindeglied zwischen dem Musiker und seiner Musik. Justin oder Pascal sind vertraut mit der Arbeit in einem Vielspurstudio. Ich wollte nicht, dass sie sich zu sehr mit der technischen Seite befassen. Alle frühen Alben von Kate sind ja entstanden wie die Malerei in der Decke der Sixtinischen Kapelle. Da passiert so viel auf den verschiedensten Ebenen! Die 1970er waren voll mit Alben, die im Studio zusammengesetzt wurden, das war das Handwerk, das wir gelernt haben. Madagassische Musiker mit ins Studio zu nehmen und mit ihnen das Gleiche zu tun, hat ihre Musik in einer Art und Weise befreit, zu der sie vorher nicht fähig gewesen wären. Aber ich muss sagen, auch wenn es fantastisch ist, die Sixtinische Kapelle im Studio zu malen, ist es kein Ersatz für eine wirklich herausragende Liveperformance, wie zum Beispiel einige Sachen, die ich im Vortrag  gespielt habe, zum Beispiel Justin Renés Akkordeon. Kein Multi-Tracking, kein Hall, nichts. Für mich ist es eine atemberaubende, fantastische Sache, dass es Musiker gibt, die zu so etwas fähig sind, mit nichts anderem als ihrem Instrument. Sie nehmen dich an einen Ort mit, und egal, wie viele Sixtinische Kapellen du gestaltet hast, das kannst du nicht vergleichen mit so mancher Musik in Madagaskar. Für mich hat das die Musik von allen anderen Orten der Welt verdorben, nichts klingt so gut, wie die madagassische Musik. O.k., nicht alles aus Madagaskar klingt fantastisch. Es gibt furchtbares Zeug. Ein Genre, das Justin liebt und ich nicht ausstehen kann. Eine Art milde klassische Musik, in der mehrstimmiger Gesang vorkommt, der sehr schmalzig ist, für mich eine Folter. Aber Justin liebt es und ich schaue ihm gern zu, wie er darauf reagiert! Und es gibt auch schlimme Popmusik. Ich habe davon gesprochen, wie bedroht madagassische Tradition ist, da die Musik von woanders so beliebt ist. Aber die Madagassen spielen immer noch ihre madagassische Musik. Sie spielen sie auf Gitarren und Keyboards, und statt der Rassel haben sie nun einen ganzen Schlagzeugaufbau. Doch die Musik, die sie damit mache,n ist immer noch ein Teil der lebendigen Tradition, sie spielen sie halt auf westlichen Instrumenten.

An dieser Stelle macht Paddy einen langen Exkurs über die madagassische Spiritualität, der in einer unglaublichen Anekdote gipfelt: Als eine große Anzahl von Riesenschildkröten aus einer Aufzuchtstation gestohlen wurde, hat er diese mithilfe eines Mediums wiedergefunden, das ihm den exakten Aufenthaltsort des Diebesgutes auf der Insel La Réunion verriet. Die Polizei wollte den Angaben zunächst gar nicht nachgehen, doch die mit einer Nummer gekennzeichneten Tiere waren tatsächlich dort. Ich schwanke mittlerweile zwischen Faszination über seine Geschichten und einem ständigen Unbehagen über die fortgeschrittene Zeit. Schließlich wartet seine Freundin Eva Keller schon lange auf die Abfahrt…Und so wage ich die Schlusskurve mit einigen wenigen Fragen zur Gegenwart und Zukunft.

Paddy, du hast heute Abend im Vortrag „Love And Anger“, „Eat The Music“ und „The Red Shoes“ gespielt, sehr hörbare Einflüsse auf die Musik von Kate. Wie sieht es heute aus? Bist du immer noch als musikalischer Ratgeber für sie tätig?

Paddy: Vor drei Jahren haben wir zusammengearbeitet. Für „Before The Dawn“ lud sie mich ein, einigen beteiligten Musikern bei bestimmten verwendeten Instrumenten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Jetzt gerade arbeiten wir an völlig verschiedenen Sachen. Was Kates Projekt betrifft, darüber kann ich dir nichts sagen, das ist geheim. Das tut mir sehr leid! Ich selbst arbeite an zwei CDs, die 2018 veröffentlicht werden, eine neue CD mit Justin Vali und ein neues Bushtucker-Album mit meinem Freund Colin Lloyd-Tucker. Da freue ich mich sehr drauf, denn beim ersten Album hatten wir eine Plattenfirma, die nicht gerade aufrichtig war. Wir wissen, dass wir einen Haufen Platten verkauft hatten, und sie haben uns die exakten Zahlen verheimlicht. „Skypscraping“ war ein absolutes finanzielles Desaster. Dieses werden wir ganz unter unserer Kontrolle halten. Das Justin Vali-Album wird sich aus dem Material heraus entwickeln, das wir für die BBC gemacht haben. Wir haben ein paar Stücke für sie aufgenommen, die auf dem „10 Years of World Routes“ drauf sind. Mein Albtraum war es, dass die BBC mich fragen würde, live zu spielen. Lange im Voraus hatte ich ihnen gesagt, dass ich das niemals tun würde. Und dann kamen wir zum Festival und der Produzent sagte: „Würde es euch was ausmachen, eine Livenummer zu spielen? Und ich konnte mich selbst sagen hören: „Kein Problem!“ Da waren wir also und spielten dieses wunderbare Stück. Und in dem Moment fühlte ich, wie es im ganzen UK aus den Radios kam, im schottischen Hochland, im Süden, und wie es über den World Service der BBC in die ganze Welt ausgestrahlt wurde. Es war ein wunderschönes Gefühl, es fühlte sich richtig an. Im Unterschied zu allem, was ich in der Folk-Welt oder im Popmusikgeschäft getan hatte, ist das Musik, die etwas ganz Besonderes in sich trägt. Wenn du einmal eine Vorliebe für madagassische Musik entwickelt hast, dann klingt alles Andere nicht mehr so gut. Also: Diese beiden Sachen werden nächstes Jahr rauskommen.

Ich glaube jeder, der bei einer der „Before The Dawn“-Shows dabei war, wird sein Leben lang davon erzählen. Was hat dir an den Konzerten am besten gefallen?

Paddy: Kate hat die „Before The Dawn“-Shows vor allem gemacht, um das unglaubliche Talent ihres Sohnes Bertie zum Leuchten zu bringen. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn, er ist ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Er studiert im Moment Physik in Oxford auf einem sehr hohen Level. Für mich ist er der perfekte Renaissance-Mann, es gibt nichts, was er nicht tun kann: Bertie kann schauspielern, er kann Instrumente spielen, er kann singen, tanzen und er kennt sich mit Astrophysik aus. Zum Geburtstag habe ich ihm die Feynman Lectures geschenkt, das sind sehr komplexe physikalische Theorien, Bücher so dick wie Telefonverzeichnisse voll mit Formeln. Ich habe sie ihm gekauft, um zu testen, wie ernsthaft sein Interesse an Physik tatsächlich ist. Er hat das in ein paar Tagen durchgeackert und alles verstanden. In diesen Konzerten gab Kate ihm also die Gelegenheit, seine Talente vorzustellen. Er hat eine große Zukunft.
Aber natürlich ging es in den Konzerten nicht nur darum, es gab auch andere wunderbare Momente, aber Kates Liebe für ihren Sohn war nur eines der Dinge. Die Zeitlupenfilme, die sie verwendete, als die den Flug der Vögel zeigte, Vögel, die spirituelle Wesen wurden. Diese wunderbaren slow motions, die perfekt mit ihrer Musik verschmolzen sind. Fantastisch. Und der Minimalismus und die Strangeness, die die Kulisse ausstrahlte, die Bühne hatte eine einfach umwerfende Atmosphäre. Die größte Magie in diesen Shows für mich war aber Kate, wie sie da am Klavier saß und sang. Das ist die wahre Kate Bush, die ich kenne. Die Muse, die bei ihr ankam, als sie zehn Jahre alt war. Die Beziehung, die sie zum Piano hat, ist etwas, das so grundlegend und tief ist. Sie ist eine wunderbare Tänzerin und Schauspielerin, aber die Krönung für mich war, wie Kate am Piano sitzt. Diese Momente aus den Konzerten gehen mir immer noch im Kopf herum. Das war so wunderschön. © Stefan Franzen

Okt 06 2017

Paddy im Interview: Violinen mit Armen und Beinen und das Geheimnis der Cutty Sark (Teil 1)

Paddy und Stefan im Forum Schlossplatz, wo nach dem Vortrag die Gelegenheit zum Interview bestand.

Die Schlusstakte von „The Red Shoes“ verklingen, Paddy beantwortet ein paar Fragen und ich blicke unruhig auf meine Uhr. Er sei etwas müde, denn um in die Schweiz zu kommen, war er sehr früh aufgestanden, hat man uns am Anfang schon gesagt. Zudem hat er deutlich die vorgesehene Zeit seines Vortrags überschritten. Im Geiste schreibe ich das versprochene Interview schon ab, oder stelle mich darauf ein, dass ich mich mit einem Viertelstündchen begnügen muss. Doch nach etlichen Handshakes und Selfies mit den Gästen stellt mich Eva Keller ihm vor, und er setzt  überhaupt keine zeitliche Begrenzung. Er hat nur eine Bitte: Eine Tasse Tee möchte er gerne haben. Und so sitzen wir in gemütlichen Ledersesseln in einem hohen Raum mit einem bemalten Fries unter der Decke und starten. Vielmehr: Paddy startet, denn wie sich schnell herausstellt, kann man diesen unvergleichlichen Geschichtenerzähler wenig lenken und erst recht nicht stoppen. Aus dem befürchteten Viertelstündchen werden sagenhafte 70 Minuten, während derer ich meinen Fragezettel bald wegwerfe und einfach zuhöre. Wie wir auf das Eingangsthema kommen, ist mir im Nachhinein schleierhaft: Weit holt Paddy aus über die Unterschiede des Musizierens zwischen den 1920ern und 1960ern. Die Uilleann pipes (der irische Dudelsack) und die sardischen Launeddas klingen auf alten Aufnahmen sehr kantig, Staccato-haft, in den Sechzigern sei dann plötzlich ein Flow in die traditionelle Musik hineingekommen, an vielen Orten der Welt unabhängig voneinander. Ein Bewusstseinssprung, wie mit den Affen, die Kartoffeln waschen, werfe ich ein. Ja, oder wie mit den Schafen in Wales, die gemerkt haben, dass sie über das cattle grid rollen können und dann in die Gärten der Nachbarn eingedrungen sind, um sie zu verwüsten, sagt Paddy. Das wird ein lustiges Gespräch, denke ich mir. Und nutze eine Sekunde, in der er am Tee nippt, um ihn zu fragen, wie er denn ursprünglich zur Musik gekommen ist.

Paddy: Auf der Seite meiner Mutter gab es viele traditionelle Musiker aus Irland. Mein Großvater war auch ein Instrumentenbauer. Sie waren arm, um also Zugang zu bestimmten Dingen zu bekommen, mussten sie sie selbst herstellen. Und ich vertrete die gleiche Sichtweise: Einige Dinge, an die du nicht rankommst, musst du dir eben selbst bauen.

Keltische Musik war also der Startpunkt für dich?

Paddy: Es war das Folkrevival der 1960er, das für mich den Ausgangspunkt bildete. Ich machte meine erste Feldaufnahme von traditioneller englischer Tanzmusik als ich dreizehn war. Ich hatte ein Tonbandgerät, das unglaublich viele Batterien verbrauchte, aber Aufnahmen von fantastischer Qualität machte. Das war noch das Zeitalter vor den Kassettenrekordern. Ich habe traditionelle Musik immer geliebt und hatte immer eine sehr fixierte Sicht auf Musik als die einzig wahre Religion. Aber es kamen eben immer wieder Dinge vorbei, die meinen Glauben komplett zerstört haben. 1960 sangen wir alle Folksongs ohne Begleitung. Als ich dann zum ersten Mal bulgarische Musik gehört habe, konnte ich das nicht glauben. Diese Tiefe der Gefühle hat mich erschreckt! Es war, als ob unsere eigene Musik keine Gefühle hätte! Trotzdem muss ich sagen, dass einige der bulgarischen Texte nicht an die Melodien herankommen. Es kann also passieren, dass du wegen einer Melodie anfängt zu weinen, aber wenn du dann den Text übersetzt, dann ist das überhaupt nicht interessant. Als ich es schaffte, das Trio Bulgarka zu einer Zusammenarbeit mit Kate zu bewegen, kam ich im Studio an und die Damen nahmen mich in ihre Arme und fingen ganz nahe an meinen Ohren an zu singen. Sie haben nicht aufgehört, bis ich in Tränen ausbrach. Das war ihre Art, danke zu sagen. Das werde ich nie vergessen, diese unglaublich schöne Musik. Doch das Gleiche war mir eben früher auch mit der irischen Musik meiner Familie passiert. Die Familie meiner Mutter kam aus dem County Waterford im Südosten. In London ging ich in eine Schule, die voll mit Söhnen irischer Eltern war. Einer dieser Jungen war der irische Fiddler Kevin Burke, der Tanzmusik aus Sligo spielte (Anmerkung des Autors: Kevin spielte später bei der irischen Supergroup Planxty und ist der Fiddler auf „Violin“). Ich will die Musiker aus Waterford nicht verunglimpfen, aber mein Gott, dieser Typ konnte spielen! Ich ging eines Tages an der Schule entlang, und aus dem Gebäude kam diese Musik. Ich dachte, ich würde halluzinieren. Kevin war ein Wunderkind, er war damals gerade 15, 16 Jahre alt und spielte diese komplexe, phänomenale irische Fiddlemusik. Der Flow war unglaublich, die Komplexität der Rolls und Triolen verblüffend. Ich wurde süchtig nach dem Fiddlestil aus Sligo. Zwei Jahre habe ich gebraucht, um gerade einmal eines der grundlegenden Ornamente zu lernen, den Roll. Nur unter großen Mühen machte ich Fortschritte. Aber ich hatte die Vorstellung, dass es doch toll wäre, an einer der irischen Tanzmusikwettbewerbe teilzunehmen, einfach zum Spaß. Also fragte ich Kate, ob sie ein paar Akkorde auf dem Klavier lernen würde. Es gab diese fantastischen Aufnahmen von traditioneller irischer Tanzmusik mit einem Klavier im Hintergrund. Alle Folkies haben sie gehasst, das Piano war für sie des Teufels, es musste eine Gitarre dabei sein bei den Puristen. Da gab es diese Frau namens Bridie Lafferty und sie spielte ein grauenhaftes Piano zu der unglaublichen Fiddle, oft in einer völlig anderen Tonart. Also fragte ich Kate: „Kannst du bitte lernen, wie Bridie Lafferty zu spielen? Mein Vater zeigte ihr daraufhin einige Akkorde auf dem Klavier, eigentlich nur zwei, und sie hat das unglaublich schnell kapiert, ganz anders als ich auf der Geige.

Wie alt war sie da?

Paddy: Sie muss da ungefähr zehn Jahre alt gewesen sein und ich fünfzehn. Was passierte, ist, dass es ihr langweilig wurde darauf zu warten, dass ich mal irgendwann den Fiddlepart spielen konnte. Denn ich habe einfach zu spät angefangen. Wenn du anfängst Geige zu spielen, dann brauchst du einen Onkel, der dir eine Kopfnuss gibt, wenn du falsch spielst. Und du musst jung anfangen, damit sich die Knochen in deinem Handgelenk noch ein bisschen verformen können und du nicht das Gefühl in allen Fingern verlierst, wenn du spielst. Mit all diesen Problemen hatte ich zu kämpfen. Kate wurde also überdrüssig mich zu begleiten, sie rann davon und fing an, ihre eigenen Sachen zu schreiben. So kam sie zum Songwriting! Es hat für uns alle mit der keltischen Musik angefangen und sich dann in eine völlig andere Richtung entwickelt.

Aber die irische Musik kommt ja immer wieder hoch in ihren Songs, etwa in „Night Of The Swallow“ oder im „Jig Of Life“, wo sich Irisches mit einer griechischen Melodie verknüpft. Dieser Song interessiert mich sehr, da er einer meiner Liebelingssongs von Kate ist. Hast du diese Melodie entdeckt?

Paddy: Oh ja, habe ich, eine Melodie aus dem Anastenaria-Ritual. Ich erzähl dir, wie der „Jig of Life“ zustande kam: Anastenaria ist ein außergewöhnliches Ritual, dass in Nordgriechenland und Bulgarien praktiziert wird. Das Verblüffende ist, dass diese alten Leute auf dem Feuer tanzen, und zwar minutenlang. Es ist nicht wie der jamaikanische Feuertanz, den ich im Fernsehen gesehen habe, wo die Leute einfach mal drei kurze Schritte übers Feuer tänzeln und das war‘s. Diese Leute schlurfen richtig in den Flammen herum. Dass sie das können, liegt am Timing mit der Musik und an ihrem tiefen Glauben. Dieses Ritual geht weit, weit zurück bis in dionysische Zeiten. Ich verfiel diesem Rhythmus, der auf der Tupan gespielt wurde. Eine außergewöhnliche Trommel, bei der ein dünner Schlegel auf der Seite ruht und der andere Schlegel spielt, das gibt einen rasselnden Effekt wie bei der Snare Drum. Für mich hört sich das an, als würde das ganze Haus knarren und sich bewegen. Dazu tanzen die Leute und halten diese wunderschönen Ikonenbilder im Namen des Heiligen Konstantin.

Wie hat sich dann die ursprüngliche Musik aus den Ritualen zu dem entwickelt, was wir auf „Hounds of Love“ hören? Hast du das arrangiert?

Paddy: Ich habe es nach Irland mitgenommen und es einer Gruppe von irischen Musikern gelehrt. Bill Whelan wurde als Produzent ausgewählt, um sie zu gruppieren. Meine Aufgabe war im Grunde, drei Tage nach Irland zu gehen und Bill Whelan diese Melodie beizubringen.

Ich möchte dich unbedingt etwas über deine seltsamen Instrumente fragen, die man ja auch auf Kates Alben hört, wie zum Beispiel das ominöse Strumento de Porco auf „Kashka From Bagdad“ und „Egypt“ (hier zeigt Paddy es bei 13‘06). Mit den ganzen Instrumenten, die du gebaut hast, hättest du ja eigentlich viel mehr CDs veröffentlichen können als du es getan hast. Sind das also eher Auftragsarbeiten für andere Musiker gewesen?

Paddy: All diese Instrumente habe ich gebaut, als ich Instrumentenbau studiert habe. Das waren alles Projekte aus Leidenschaft. Was das Strumento de Porco angeht: Sie wollten, dass wir eine Kantele bauen, eine finnische Kastenzither. Aber das war mir zu simpel, ich wollte etwas Komplizierteres bauen. Ich schaute ein mittelalterliches Stundenbuch aus Italien durch und fand eine Illustration, auf der ein Engel ein Instrument spielte, das da „Strumento De Porco“ genannt wurde und tatsächlich die Form eines Schweins hatte, im Grunde war es ein Psalterium. Es ist verrückt: In London liegt seit den 1960ern ein Schiff aus dem 19. Jahrhundert namens Cutty Sark in den Docks, ein Klipper, der im Einsatz war, um Tee aus China zu transportieren. Ich liebte dieses Schiff, und eines Tages ging ich dort spazieren und sah, dass sie Restaurierungsarbeiten vornahmen. Sie ersetzten einige Stücke, die in die Planken hineingehen, um sie wasserfest zu machen. Sie brachen die alle raus und arbeiteten sich immer weiter im Rumpf nach unten vor. Es wurde Abend und niemand war mehr in der Umgebung zu sehen. Also kletterte ich rein, mit dem Schatten dieses gigantischen Schiffsrumpfes über mir, und ich stahl fünf oder sechs dieser Stücke, die aus Eisenholz gefertigt waren, ein so hartes Holz, das jede Säge davon stumpfe Zähne bekommt. Die Rückseite des Strumento de Porco ist aus dem Holz der Cutty Sark gemacht. Das habe ich bisher niemandem erzählt. Naja, die Teile lagen da halt rum und ich dachte, sie schmeißen sie ohnehin weg. Das war eine wertvolle Quelle: Holz, das vielleicht Hunderte von Malen nach China und zurück gereist war, über die verrücktesten Meere der Welt.

Würdest du sagen, das war das verrückteste Instrument, das du gebaut hast?

Paddy: Möglich. Aber es hat einen schönen, sanften Sound, es klingt manchmal fast wie eine elektrische Klingel, denn es wird ja mit kleinen Hämmerchen gespielt.

Hast du denn deine Instrumente mal ausgestellt?

Paddy: Die Dinge haben sich auf eine etwas seltsame Weise verselbstständigt. Es war sehr frustrierend, diese Instrumente zu bauen. Unsere Standards für die Konstruktion waren sehr hoch, denn diese Instrumente waren seit ihrer Originalzeit nicht mehr gebaut worden, wir waren die ersten, die eine Rekonstruktion versuchten. Um die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Zeit des Baus und dem Ergebnis zu verändern, fing ich an, Instrumente mit anderen Materialien zu bauen, Materialien, mit denen es schneller ging. Ich baute zum Beispiel eine ganze Serie von Instrumenten aus Filz, die sahen aus wie Barockinstrumente, waren aber dazu gemacht, um mit ihnen zu schmusen, Kuschelinstrumente. Es war wunderbar, diese Instrumente zu bauen und sie unglaublich schönen Frauen zu schenken. Die saßen dann da und haben diese schönen Instrumente gestreichelt, die ich in nur wenigen Tagen fertig bauen konnte. Ich baute also plötzlich Instrumente, die Arme und Beine hatten. Eines Tages bot man mir an, eine Ausstellung in der White Chapel Art Gallery zu machen, das war 1975 oder 1976. Ich habe wirklich eine Menge ungewöhnlicher Instrumente gemacht. Violinen mit Armen und Beinen, für die ich ein Kamasutra geschrieben habe. Es war ein Riesenspaß, diese Ausstellung zu machen. Das Tolle an Ausstellungen ist: Nicht jeder weiß, dass du der Künstler bist. Du kannst also rumstehen und die Reaktionen der Leute auf deine Arbeiten beobachten. Das ist eine schöne, indirekte Kommunikation mit den Menschen. Also: Das Strumento de Porco ist nicht das verrückteste Instrument, da sich gemacht habe! Und einige davon bringen nicht einmal Musik hervor. Aber sie machen die Menschen glücklich – oder bringen sie zum Lachen. © Stefan Franzen

Okt 05 2017

Kate ist für die Rock’n’Roll Hall of Fame nominiert

Lange hat es gedauert und nach heftiger Kritik in den vergangenen Jahren ist es jetzt endlich soweit: Kate Bush ist zur Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame im kommenden Jahr nominiert worden. Ebenfalls auf der Liste stehen unter anderem Nina Simone, die Eurythmics, Radiohead, Dire Straits, Rufus featuring Chaka Khan, Depeche Mode und Bon Jovi. Die Rock’n’Roll Hall of Fame wurde auf Anregung des Gründers von Atlantic Records gegründet. Seit 1986 wird jährlich eine begrenzte Zahl neuer Mitglieder für ihre Verdienste um die Rockmusik geehrt. Das entsprechende Museum wurde 1995 in Cleveland (Ohio) eröffnet. Auf der Internetseite der Hall of Fame heißt es zur Nominierung von Kate: „Kate Bush gave popular music a new palette of techniques, crafting unorthodox performances that are part sonic experiment, part theatre. Bush draws us into the world of her imagination through complex arrangements, striking visual presentations and inventive use of technology.” Welche der nominierten Musiker tatsächlich aufgenommen werden, entscheidet eine Jury. Das Ergebnis wird im Dezember bekanntgegeben. Es gibt zudem eine Publikumsabstimmung. Wer für Kate seine Stimme abgeben möchte, kann das hier tun. Die offizielle Aufnahmezeremonie erfolgt dann am 14. April 2018.

Okt 05 2017

„Fantastischer Klangkosmos“

Foto: © Hannes Caspar

Einige Monate ist es nun schon her, dass Thomas sich mit Lea W. Frey in einem Berliner Café zum Interview getroffen hat. Im Mai gab es den ersten Teil des Interviews. Es ging damals hauptsächlich um Kate und nur kurz um die Arbeiten an Leas neuem Album, das am 6. Oktober erscheint. Rechtzeitig zum Release von „Plateaus“, ausschließlich mit eigenen Stücken, kommt nun also der zweite Teil des Interviews und eine Rezension. Dazwischen lag eine wirklich beeindruckende Album-Pre-Listening-Session an einem der höchsten und geschichtsträchtigsten Orte der jüngeren Berliner Vergangenheit. Lea und Band hatten im Juni auf den Teufelsberg eingeladen, in die verlassenen Abhörstationen der britischen und amerikanischen Alliierten zur Zeit des kalten Krieges und der Berliner Teilung. Ein Ort, an dem Lea sehr viel liegt. Und, wie passend, ein Plateau von etwa 48.000 qm. Begonnen hatte die Session mit einem Live-Part in der intakten Kuppel einer Radarstation nach langem Aufstieg über dunkle Treppen. Es war absolut beeindruckend, den Unterschied zwischen Sprech– und Singstimme zu erleben. Leas Worte der Begrüßung waren kaum zu verstehen ohne Mikrofon. Umso faszinierender, wie klar, kräftig und deutlich der Gesang dann durch die Kuppel hallte.

Lea, Du stellst mit deiner Band das neue Album „Plateaus“ auf dem Teufelsberg vor. Warum gerade dort?

Lea W. Frey: Der Berg hat für mich eine ganz besondere, sehr starke Atmosphäre. Zum einen dieser Trümmerberg aus dem Schutt des zweiten Weltkriegs. Dann die verlassene Radarstation aus dem kalten Krieg, alles etwas spooky und geheimnisvoll. Dies alles umgeben vom Wald. Und im Gegensatz zum rasanten Wandel in der Stadt ist hier ein wenig die Zeit stehengeblieben. So eine richtige Gentrifizierungsoase.  Ich denke, ich werde einen Teil meines nächsten Albums auch dort oben schreiben.

Erzähl uns doch bitte noch etwas mehr zu deinen Musikern auf dem Album.

Lea W. Frey: Zunächst einmal: die Band ist organisch gewachsen über Freundschaften, Kontakte, familiäre Bande. Es sind keine für ein Projekt gecasteten Musiker. An den Synthesizern die Wahlberlinerin Liz Kosack, Peter Meyer, der jetzt auch für den Jazz-Echo nominiert ist, an den Gitarren, Bernhard Meyer, der auch stark an der Produktion des Albums beteiligt war, spielt den Bass, Andi Haberl, festes Mitglied bei The Notwist an den Drums, Drum Machine und Glockenspiel. Sie alle komponieren auch selbst eigene Stücke und sind in der Jazzszene verwurzelt. Es ist meine absolute Traumband.

Gibt es ein Konzept hinter dem Album oder ist es eher eine Sammlung solitärer Songs?

Lea W. Frey: Ich würde schon sagen, dass die Stimmung sich durchzieht. Als ich die Stücke geschrieben habe, war ich einer bestimmten Zeit in meinem Leben, einer Art Umbruchphase. Man sollte sich das Album ruhig komplett anhören. Es hat einen Grund, welcher Song an welcher Stelle steht.

Wird es Videos zu Songs von „Plateaus“ geben?

Lea W. Frey: Ja. Wir haben ein ganz tolles Team für den Videodreh gehabt. Auch das ist zusammengewachsen, zum Teil durch schöne Zufälle. Im Herbst letzten Jahres sind wir für zwei volle Tage mit zehn Leuten raus gefahren ins brandenburgische Müncheberg und haben für einen Song einen Clip gedreht. Mir war wichtig, dass alle in dem Team auch die Musik verstehen. Man soll wirklich sehen können was wir spielen, nicht nur hören. Es sind wunderbare Bilder entstanden, und sie haben uns für die ganze Zeit ihr Herz gegeben. Es war eine tolle Erfahrung. Das Video wird dann zum Release veröffentlicht.

Gibt es eine Tour zum Album?

Lea W. Frey: Ja, die Termine für Oktober und November stehen fest und sind auf meiner Facebookseite zu finden. Wir werden die Stücke in ihrer Dichte auch live genauso umsetzten. Natürlich wird auf der Bühne dann noch viel improvisiert, so dass die Songs an den verschiedenen Abenden durchaus unterschiedliche Färbungen erhalten können.


Lea W. Frey: Plateaus (Enja & Yellowbird Records)

Ist dieses Album Jazz, Pop oder Indie-Rock? Gibt es einen Begriff für eine Melange aus allen drei Richtungen? Egal eigentlich, denn was Lea W. Frey und die Band hier liefern, ist in sich ein faszinierendes Album mit sphärischer Dichte und Weite. Die traumklare Stimme von Lea W. Frey liegt nicht über den Instrumenten, degradiert die Musiker nicht zu reinen Begleitern sondern ist meist mittendrin, und ist dennoch die Guideline der Songs über Veränderungen, Umbrüche, Umwelt und Beziehungen. Die Band ist quasi ein gewachsener Organismus, jeder Einzelne sehr präsent aber nie dominant. Mit Arrangements, die an Jazz orientiert aber immer noch sehr griffig sind wird eine wahrhaft magnetische Aura erzeugt. So wirkt “Waters Ember“ auf mich gleichzeitig schwerelos und erdrückend. Bei „Plateau“ denkt man anfangs an The Smiths um den Gedanken dann nach einer Minute zu verwerfen, später doch wieder Anklänge zu hören, um dann im langen Noise-Outro dem Heulen des Windes zu folgen. Sicher funktionieren die Stücke auch jedes für sich, das poppige „Plateau“ und „Dylan“ haben sich sofort festgehakt. Wenn man sich aber die Zeit und Muße nimmt die das Album braucht, schwebt man durch einen fantastischen Klangkosmos, in dem alle Genregrenzen irrelevant sind.  Thomas

Die Konzerttermine: 17.10.2017 – Radio EINS, Dachlounge; 20.10.2017 – Wiesbaden, Rudersport; 21.10.2017 – Brelingen, Brelinger Mitte; 27.10.2017 – Magdeburg, Moritzhof; 28.10.2017 – Bielefeld, Ulmenwall; 31.10.2017 – Berlin, Berghain Kantine; 04.11.2017 – Eberswalde, Guten Morgen; 05.11.2017 – Weimar, Mon Ami; 15.11.2017 – Traunstein, Tropical; 16.11.2017 – Ingolstadt, Tagtraum; 30.11.2017 – Nürnberg, Z-Bau; 01.02.2018 – Kassel, Theaterstübchen; 23.03.2018 – Leipzig, Telegraph; 25.03.2018 – Ludwigsburg, Fetzerei; 07.06.2018 – Lauenau, Kesselhaus; 10.06.2018 – Kiel, Kulturforum.

Okt 03 2017

Paddy Bush und die Musik Madagaskars (Teil 2)

Foto: Forum Schlossplatz/Nadine Schneider

Auf der Leinwand erscheint ein Bild aus den Love & Anger“-Sessions: Dave Gilmour ist zu sehen, und er selbst an der Marovany. „Hier seht ihr eine andere Version von Paddy“, meint er mit einer augenzwinkernden Anspielung auf seine physiognomische Veränderung. „Mein Vater hat beim Akkordeonspielen immer den Mund weit offen gehabt und im Rhythmus geatmet. Das sah wirklich ein wenig doof aus. Ich habe mir schon als Kind geschworen: Wenn ich mal Musiker werde, dann mache ich das nicht!“ Nun, Paddy hat auf dem Foto den Mund weit offen. Und dann erklingt „Love & Anger“, das er stolz als das erste Stück aus der Geschichte der Popmusik ankündigt, in dem ein traditionelles madagassisches Instrument verwendet wurde.
Paddys Marovany-Bau blieb nicht ohne Folgen. 1992 war ein schwieriges Jahr für die Bush-Familie, denn Mutter Hannah starb. „Kate und ich waren in tiefer Verzweiflung“, erinnert er sich. „Ich hatte in Paris gerade eine CD mit dem Projekt Spondo um Hughes de Courson und Ivan Lantos gemacht. Sie riefen mich an, dass ich nochmals rüberkommen sollte, damit sie von mir ein Foto fürs CD-Cover machen könnten. Ich sträubte mich, denn ich war so verheult von der ganzen Trauer, dass ich nicht fotografiert werden wollte, aber sie bestanden drauf. Als ich dann da war, sagte der Toningenieur der Band zu mir: ‚Du, da ist ein madagassischer Musiker, der im New Morning gespielt hat und der hat gehört, dass du eine Marovany nachgebaut hast. Er möchte dich kennenlernen.“
Dieser Musiker war kein anderer als Justin Vali, der im Begriff war, einer der Stars der gerade blühenden Weltmusikszene zu werden. Die beiden verstanden sich blendend, und Paddy nahm Justins aktuelle CD „Rambala“ mit nach England, wo er sie Kate vorspielte. „Wir waren beide immer noch im Zustand tiefer Verzweiflung und hörten diese Musik, in der uns die Sphäre der Fröhlichkeit wieder berührte. Die tiefe, ehrliche Fröhlichkeit, die die Madagassen haben, nichts Aufgesetztes. Kate hat sich sofort in das Stück  ‚Soratra Masina‘ verliebt. Am Ende singt Justin einen Vers, der bedeutet: ‚Lass Fröhlichkeit aus uns zu euch hinüberfließen.‘ Kate war völlig fixiert auf diese Phrase, sie liebte sie so sehr. Und sie sagte zu mir: ‚Paddy, bring Justin hier her, ich will unbedingt mit ihm arbeiten.“

Der Bugatti-Rennwagen des Zither-Gottes

Foto: Forum Schlossplatz

Der Rest ist Legende. Im Studio entstand „Eat The Music“, eigens für Justin geschrieben, der nicht nur Valiha spielte, sondern schließlich auch den Chorus sang. Paddy schätzt, dass sich die Auskopplung vier Millionen Mal verkauft hat, wohl wissend, dass nur einem Bruchteil der Leute der madagassische Hintergrund des Songs bewusst war. Für Paddy war das der endgültige Startschuss für ausführliche geographische und musikalische Exkursionen in die Seele Madagaskars. Um für die Valiha einen neuen Kontext zu kreieren, der sie in die Popmusik des Landes hineinbringen sollte, produzierte er mit Justin die Scheibe „The Sunshine Within“. Ein Stück, auf dem alle existierenden Valiha-Varianten vorgestellt werden, gelangte zu Berühmtheit im madagassischen Fernsehen, wurde für Werbeclips verwendet. Über eine Reise zu Justin Valis Familie und seinem kulturellen Umfeld auf dem Hochplateau drehte er 1994 mit dem Filmemacher Christian Passuello die Dokumentation „Rambala“, die er in einem wunderbar singenden Französisch moderiert (hier ein Ausschnitt: http://www.christianpassuello.com/films/rambaladm.html). Und zwei Jahre später begab er sich für die Doku „Like A God When He Plays“ auf die Suche nach dem halbmythischen Marovany-Virtuosen Rakotozafy (diesen Film gibt es hier komplett).
„Rakotozafy hat ein riesiges Instrument gebaut, es sieht aus wie ein Bugatti-Rennwagen. Er stammte aus einer Gegend, die in Madagaskar einen ähnlichen Ruf hat wie bei uns die Umgebung des Dracula-Schlosses. Als wir sagten, dass wir dahin gingen, hat man uns etwas ironisch viel Glück gewünscht. Ich fragte: ‚Warum?‘ Sie sagten: ‚Dort praktizieren sie Hexerei. Sie tun dir Sachen ins Essen und können dich verrückt machen. Wenn ich du wäre, dann würde ich da nicht hingehen.‘ Dass Paddy sich mit seinem Team trotz der Warnungen in das Gebiet wagte, hat sich gelohnt. Die Doku ist eine bewegende Reise zum Grab seines Vorbilds. Rakotozafy starb schon in den 1970ern unter sehr traurigen Umständen. Sein Sohn brach auf der Bühne zusammen und das hat den Musiker seelisch zerstört. Innerhalb weniger Wochen starb er an Herzversagen. Paddy kam gerade rechtzeitig zu einer Zeremonie, in der der Musiker in einem Famadihana geehrt wird. Dabei wird der Leichnam kurz dem Grab entnommen, damit die Lebenden Kontakt herstellen können und so neue Kraft und Inspiration von den Ahnen finden. Paddy sucht auf seine Weise den Kontakt auch in Aarau: Seine zweite Live-Einlage während des Vortrags ist dem „Zither-Gott“ gewidmet.

Die Theatertruppe des Königs

Und nun folgen Klangbeispiele Schlag auf Schlag –  man wird sich klar darüber, welche Fülle an Klängen Madagaskars birgt. Viele der musikalischen Einblicke stammen aus der fünfteiligen Radioserie „World Routes“, die Paddy vor einigen Jahren mit der Musikjournalistin Lucy Duran für die BBC erstellt hat, und die auf der Seite von BBC Radio 3 immer noch komplett zu hören ist. Er stellt den großartigen Akkordeonvirtuosen Justin René vor. Ja, die Valiha werde durch die Gitarre und eben vor allem durch das durchsetzungsfähige, laute Akkordeon bedroht und verdrängt, aber diesen ansteckenden, „engelsgleichen“ Klängen könne sich niemand entziehen. Das Akkordeon im Beispielstück wird von einer Blechbüchsen-Rassel namens Kaiamba begleitet: „Ich bin durch die Hölle gegangen wegen dieses Rhythmus‘. Es gibt Babys, die diesen Rhythmus schon in der Wiege mit dem Fuß schlagen. Du musst zu einem Kolben in einem Motor werden, wenn du das exakt spielen willst. Die rhythmische Exaktheit madagassischer Musiker ist unglaublich.“
Mein persönliches Lieblingsbeispiel aus Paddys Fundus ist der Hira Gasy: Das Genre entstand im 18. Jahrhundert und wurde vom damaligen König persönlich ins Leben gerufen. „Sie waren Botschafter des Königs, sind auf dem Hochplateau herumgereist, um Verkündigungen des Palastes zu Gehör zu bringen. Heute reisen die verschiedenen Gruppen, die den Hira Gasy ausüben in allen Regionen Madagaskars herum und bekommen riesige Zuschauermengen.“ Monarchie gibt es auf Madagaskar nicht mehr, die Hira Gasy-Truppen kommentieren stattdessen mit beißender Ironie den Alltag, üben etwa Kritik an der Kirche, die sich mit der Ahnenreligion nicht immer verträgt. „Lass nicht zu, dass deine Ahnen in Düngemittel für Kartoffeln umgewandelt werden“, heißt es in dem Stück das wir hören: Schneidende, helle Stimmen, werden da von einem Ensemble begleitet, in rasender Präzision. Man kann sich die Massenwirkung dieser Musik sofort vorstellen.

Vier Hölzer und der Weckruf an den Waldgeist

Und Paddy führt weiter durch die madagassischen Musikwelten, weckt die Faszination für vier Frauen aus dem Süden, die aus nichts als vier Holzstöcken namens Atranatrana eine polyrhythmische Fülle herausholen. Er macht bekannt mit dem Musiker Sambiasy aus der Kriegerkaste des Antandroy-Volkes im Süden, der eine Marovany aus drei verschiedenen Hölzern spielt und die Waldgeister herbeiruft. Sein persönliches Lieblingsstück allerdings stammt von einem Zitherspieler namens Bekamby, den er mit dem BBC-Team während eines achtstündigen Tromba-Rituals traf. Wie sich Melodie und komplexe Rhythmik ineinander verschlingen, das lässt einen in der Tat nicht mehr los. „Selbst wenn ich 100 Jahre übe, das werde ich mir nie draufschaffen können. Ein Beispiel dafür, wie man als Hörer Feuer fangen kann, wenn man eine Melodie hört.“ Es besteht kein Zweifel: Viele der Zuhörer in Forum Schlossplatz haben Feuer gefangen nach den 90 Minuten. Und viele aus der „Generation Kate Bush“, die vielleicht nur aus Neugier über die prominente Schwester gekommen sein mögen, haben einen lebendigen Einblick in eine andere Musikkultur bekommen, dank der ansteckenden, warmherzigen Art des Referenten. Zum Ende erklingt „The Red Shoes“, ein Stück, das ja auch genau so zustande kam: weil sich da jemand von Paddy anstecken ließ. © Stefan Franzen

Mit herzlichem Dank an Paddy Bush, Eva Keller und Nadine Schneider vom Forum Schlossplatz!

…to be continued: Im Interview nach dem Vortrag erzählt Paddy unter anderem, wie Kate wirklich zum Klavier kam, er berichtet über seine Experimente im Instrumentenbau, erklärt, warum er vom Zitherspiel auf die Fertigung von Glasperlen umstieg, was ihn an der „Before The Dawn“-Show am meisten faszinierte – und er macht neugierig auf seine und Kates musikalische Zukunft.

Okt 02 2017

Paddy Bush und die Musik Madagaskars (Teil 1)

Foto: Forum Schlossplatz/Nadine Schneider

Bis in die letzte Stuhlreihe ist der kleine Saal im Forum Schlossplatz besetzt. Als ein „Ort der Reflexion und Debatte“ stellt sich die seit 1994 im schweizerischen Aarau bestehende Einrichtung dar. Das Publikum soll hier “zur Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart“ angeregt werden. Dafür haben die Macher aber auch wirklich eine schöne Stätte gefunden: eine alte Villa, die hoch über der Aare thront, am Eingang zur Altstadt der Aargau-Metropole mit ihren trutzigen Häusern. Was hier gleich passieren wird, darauf weisen in diesem schönen Saal mit seinen knarrenden Dielenböden und dem Kronleuchter zwei Dinge hin: Vorne, auf einem kleinen Podest, ruht ein länglicher Metallkasten mit Saiten, den man als Experte vielleicht als die Zither Marovany erkennt. Und an der Wand ist eine kleine Karte von Madagaskar festgepinnt.
Von hinten erschallt ein „Good Evening“ und ein Mann mit grauem Wuschelkopf nimmt im Schneidersitz an der Marovany Platz. Im nächsten Moment ist der Raum erfüllt von filigranen Tongirlanden, die nicht nur Weltmusikfreaks bekannt vorkommen. Auf Kates Alben „The Sensual World“ und „The Red Shoes“ kann man solche auch entdecken. Kein Wunder, denn besagter Herr mit dem grauen Wuschel und dem fast zarten Lächeln ist ihr Bruderherz Paddy Bush. Klar, er hat sich schon ein wenig verändert, seit er in der Fernsehfassung von „The Wedding List“ den Bösewicht spielte oder auf den Werbefotos für The Red Shoes“ posierte, doch man erkennt ihn sofort. Was um Himmels willen tut er mitten in der Schweiz? Die Antwort ist denkbar einfach: Er möchte Begeisterung wecken für seine größte Leidenschaft seit Jahrzehnten, die Musik Madagaskars. Zu den Eidgenossen hatte ihn eine gute Freundin, die Ethnologin Eva Keller gelockt. Sie ist auf Madagaskar spezialisiert, hat im Erdgeschoss der Villa eine Ausstellung namens „Teny – Tany – Tantara“ mit einem außergewöhnlichen Konzept kuratiert: Man erschließt sich an etlichen Lausch-Stationen die Rieseninsel ganz über den Hörsinn. Nachdem schon der große Röhrenzither-Virtuose Justin Vali im Rahmen der Ausstellung ein Konzert gegeben hat, passt es wunderbar, dass Justins Kumpel Paddy sich nun auch die Ehre gibt. Sein Vortrag heißt „The Beauty and Complexity of Malagasy Music“, wird immer wieder von Klangbeispielen und Anekdoten durchzogen – und einige davon berühren natürlich auch die Arbeit mit seiner Schwester.
Von Beginn an ist klar: Paddy ist ein großartiger Geschichtenerzähler. Wenn er seine Biographie anhand der madagassischen Töne entrollt, kann man gar nicht anders, als sich von der Begeisterung anstecken zu lassen. Wenn er spricht, tänzelt er manchmal vor Enthusiasmus, wenn er der Musik zuhört, hat er ein fast hingebungsvolles Lächeln auf den Lippen. Er hat diese charakterstarke, britisch distinguierte Stimme, die jetzt im etwas fortgeschritteneren Alter (der Mann wird demnächst 65) an eine mildere Ausgabe des deutschen Synchronsprechers Christian Brückner erinnert. Auf fast unheimliche Weise wird mir bewusst, an wie vielen Stellen er nicht nur singend und spielend, sondern auch sprechend auf Kates Alben vertreten ist. Das wäre doch mal eine schöne Aufgabe, denke ich mir während des Vortrags: Eine Liste aller Passagen von „Never For Ever“ bis „50 Words For Snow“ erstellen, in denen Paddy Bush einen Sprechereinsatz hat.

Valiha – Bambus kontra Metall

Und schon sind wir mittendrin in der Materie. Paddy zeigt auf die Landkarte: „Madagaskar ist eigentlich so etwas wie die Vereinigten Staaten des Indischen Ozeans. In den letzten 2000 Jahren wurde es von Menschen aus dem gesamten Indischen Ozean besiedelt. Sie sehen sich alle als madagassisch an, nicht aus Afrika, Indonesien oder aus Borneo.“ Übers Meer kam auch der Bambus, der schließlich in riesigen Wäldern an der Ostküste wuchs und aus dem die Röhrenzither Valiha gefertigt wurde. Man schnitt Kerben in die Haut, schälte so die Saiten heraus. Vergleichbare Instrumente gab es zuvor schon bei Ureinwohnern im Regenwald des heutigen Chinas. Es könnte das älteste Instrument der Welt sein. „Tausende von Jahren wurde die Valiha so gespielt, dann kamen die Franzosen auf die Insel, brachten Fahrräder mit, und die Leute kamen auf die Idee, die Saiten aus den Bremskabeln herzustellen.“ Wie silbrig und kristallklar dadurch plötzlich der Sound wurde, demonstriert Paddy an einem Klangbeispiel des Virtuosen Sylvestre Randafison. Die wunderbar fließenden Linien hören sich fast wie eine klassische Konzertharfe an. Doch wie kam er eigentlich selbst zur madagassischen Musik?
Sein Urerlebnis geht tatsächlich bis ins Jahr 1972 zurück. Paddy studierte damals bei der Ethnomusikologin Jean Jenkins, und die brachte eines Tages die Platte „Musiques Malgaches“ mit, die Charles Duvell fürs Label Ocora in den 1960ern aufgenommen worden war. „Ich war neunzehn, und das Stück ‚Ianao Ve De Roso‘ veränderte mein Leben“, sagt Paddy, während wir zwei schnarrende Männerstimmen hören, die sich über einem Riff von Klängen der Lokanga Voatavo-Zither  abwechseln. „Für mich hörte sich das wie ein Bob Dylan-Song mit komplizierten Rhythmen an, von dem ich kein Wort verstand. Sehr alt und doch irgendwie zeitgenössisch.“ 1972 war es noch fast unmöglich, Musik aus Madagaskar zu finden, und es dauerte weitere neun Jahre, bis er wieder auf madagassische Töne stieß.

Nackt-Yoga in Glastonbury

„Ich bekam einen Anruf von Michael Eavis, dem Chef des Glastonbury-Festival. Er wollte, dass Kate dort auftritt. Doch wir hatten zwei Jahre zuvor die Tour Of Life beendet, sie war in der Produktion von „The Dreaming“ und es war unmöglich, jetzt wieder etwas auf die Bühne zu bringen. Ich teilte Michael das mit, und er erzählte mir, dass sie gerade dabei waren, fürs 10-jährige Jubiläum in Glastonbury eine neue Bühne zu entwerfen. Ich sagte zu ihm: ‚Michael, warum baust du nicht eine Pyramide?‘ Einige Zeit später rief er mich wieder an und sagte: ‚Paddy, wann kommst du vorbei und schaust dir deine Pyramide an? Und übrigens: Hat Kate ihre Meinung geändert?‘ Nein, hatte sie nicht. Aber ich ging zum Festival, und das war ein großartiges Jahr, denn ich fand dort diese Platte.“ Paddy zeigt ein Cover, auf dem ein Musiker vor einem Metallkasten mit Saiten sitzt. Er, der in den 1970ern Instrumentenbau und -technologie studiert hatte, liebte seltsame Instrumente – allein deshalb musste er die Platte kaufen. Und sofort hören. Doch wie, wenn auf dem ganzen Festivalgelände kein Plattenspieler aufzutreiben war? „Ich traf eine Freundin, die war gerade dabei, Nackt-Yoga zu praktizieren. Sie sagte: ‚Kein Problem, ich zieh mir nur gerade Stiefel an und du klemmst dich hinten auf mein Motorrad. Bei mir zuhause können wir sie hören.‘“
Auf dieser Ocora-LP namens „Airs à Dancer pour Cithare Sur Caisse de Sud Ouest de Madagascar“ waren unter anderem Stücke der Ahnenverehrung namens Tromba zu finden, und sie faszinierte Paddy so, dass er sie Hunderte von Malen hörte. „Was ich bis dahin an Geistermusik gehört hatte, war Voodoo, verrückt, wild, mit Trommeln. Doch das hier war weich, zärtlich, und eine sehr hoch entwickelte Musik.“ Paddy war so im Bann dieser Musik, dass er die Metallbox, die der Musiker Robert Rindy aus dem Fischervolk der Vezo im Südwesten Madagaskars auf dem Cover spielte, nachbauen wollte. Als Maß diente ihm der Fuß des Musikers auf dem Bild. Und so schaffte er es tatsächlich, seine eigene Version der Marovany aus plattgehämmertem Wellblech herzustellen. „Zehn Jahre später habe ich Robert auf einem meiner Trips ausfindig gemacht. Bernhard Koechlin, der ihn in den 1960ern aufgenommen hatte, hatte ihm auch eine Platte geschickt. Aber leider gab es bei Robert weder einen Plattenspieler noch eine Nackt-Yogi, die ihn zu einem bringen konnte. Also spielte ich ihm seine eigene Aufnahme auf einem winzigen Kassettenrekorder vor. Ich werde den Tag nie vergessen, wie er das hörte und mit leuchtenden Augen sagte: ‚Das bin ich!‘“ Paddy blieb ein paar Wochen bei Robert und ging in die Marovany-Lehre. Doch die Madagassen bringen einem die Musik eigentlich nicht bei, sie monieren lediglich, wann man etwas falsch spielt. Für Paddy eine große Herausforderung, trotzdem ließ er sich nicht ermutigen. Und so kam es, dass auch wir bald in den Genuss seines Zitherspiels kamen… © Stefan Franzen

Okt 01 2017

Kate in Polaroids: Oktober

Running Up That Hill

Running up that hill, erzählt MIchael, „war eines der ersten Lieder von Kate, die ich bewusst wahrgenommen habe. Alleine der Synthyklang zu Beginn des Liedes ruft bis heute freudige Erinnerungen hervor. Und er schlägt für mich die Brücke zu den ersten Polaroids: Viele Erfahrungen sind gemacht. Aber diese muss ich nun nicht mehr alleine machen. Es gibt jemanden, der sie mit mir teilt. Mit dem ich sie austauschen kann. Der mich hält. Und das tut sehr gut.” Let’s exchange the experience. Dabei gesteht MIchael ein, dass es eine Umdeutung des Songs sein könnte: „Vermutlich geht meine Interpretation in diesem Foto völlig an der Intention von Kate Bush vorbei.“ Kate hat sich vergleichsweise oft zu dem Song geäußert. „So what that song is about is making a deal with God to let two people swap place so they’ll be able to see things from one another’s perspective“, sagt sie in einem Interview. Es geht also um eine Beziehung, um Missverständnisse, die auftauchen können, und den Wunsch, mehr über die Sichtweise des Partners zu erfahren. All‘ das versucht auch Michael in seiner Deutung unterzubringen: die Partnerschaft, die Freude darüber einen Menschen gefunden zu haben. mit dem er seine Erfahrungen austauschen kann, teilen will, weil nur der dauerhafte Austausch eine Partnerschaft erhalten kann. Ob bewusst oder unbewusst greift er dabei zudem abstrakt auf einen Ausschnitt eines bekannten Motivs zurück: Die Erschaffung Adams von Michaelangelo aus der Sixtinischen Kapelle. Was könnte besser passen bei einem Song, der eigentlich „A Deal With God“ heißen sollte?!

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Sep 24 2017

Neu in der Sammlung: Rubberband Girl

Rubberband Girl habe ich schon immer innigst geliebt – vom Original bis zur extended Version und der dahingeschrammelten und genuschelten Director’s Cut-Version. Die hat es sowieso in sich, auch wenn sie höchst umstritten ist. „I thought the original ‚Rubberband‘ was… Well, it’s a fun track. I was quite happy with the original, but I just wanted to do something really different. It is my least favourite track. I had considered taking it off to be honest. Because it didn’t feel quite as interesting as the other tracks. But I thought, at the same time, it was just a bit of fun and it felt like a good thing to go out with. It’s just a silly pop song really, I loved Danny Thompson’s bass on that, and of course Danny (McIntosh)’s guitar“, hat Kate 2011 zu der DC-Version im Mojo-Interview erzählt. Dabei spielt der Gitarrenpart von Danny zum  Schluss kaum mehr eine Rolle, weil stattdessen die Mundharmonika einsetzt. Und erst das US-Video. Kate ganz cool abwechselnd in der Lederjacke, mit Sonnenbrille, in der Zwangsjacke oder die große Showbühne herunter steigend. Wundervoll. Um so mehr freue ich mich, dass ich neulich auf Ebay die Picture-Vinyl ergattern konnte. Irgendwie werde ich doch mit und mit zum Sammler…

Sep 20 2017

Selbstgemachte Glasperlen von Paddy Bush

Foto: Lucy Hunt

Dass Paddy Bush ein Faible für Weltmusik hat, sich insbesondere für die Musik auf Madagaskar interessiert, sich als Instrumentenbauer betätigt, als Musiker unter anderem zur selben Zeit mit Colin Lloyd-Tucker ein Album herausgegeben hat, als der wiederum für Kate beim Album „The Red Shoes“ bei zwei Songs mitgesungen hat – all das war hier passend zum Auftritt von Paddy am Donnerstag im schweizerischen Aarau bereits ein Thema. Erst recht, dass er Kates Musik nicht ganz unwesentlich mit beeinflusst hat. Über eine ganz andere Seite von Paddy erfährt man eher weniger: Seit dem Jahr 2000 beschäftigt er sich intensiv mit der Herstellung von Perlen aus Glas. Auf Madagaskar haben solche Glasperlen eine religiöse Bedeutung. Das oben abgebildete Objekt ist vor 2008 entstanden und war 2010 sogar in einer Ausstellung im Glasmuseum in Immenhausen (Hessen) zu bewundern. Laut Beschreibung ist das 3,2 Zentimeter hohe Glasperlen-Ei von „Ariel’s opening speech“ inspiriert. Ariel ist im Theaterstück „The Tempest“ (Der Sturm) von Shakespeare der Luftgeist, der dem Herrscher Prospero dient. Dem entliehen ist auch der Titel für dieses Mini-Kunstwerk: „… to dive into the fire, to ride on the curl’d clouds'“, eine Textzeile aus dem Theaterstück von Shakespeare. Das rot-orangene Glas zeigt die zündelnden Flammen, die sich zum Himmel hoch strecken, bis zu den Wolken, die schwarzen Flecken symbolisieren den schwarzen Rauch. Erstmals gezeigt wurde das Objekt auf der British Glass Biennale 2008. Paddy selbst hat 2011 noch in einer irischen Gallerie ausgestellt und dort neben seinen selbstgebauten Instrumenten und Bildern zu seinen Madagaskar-Reisen auch seine Glasobjekte präsentiert – unter anderem verschiedene Versionen von dem „Ariel-Ei“.

Sep 13 2017

Nie war sie wütender: The Dreaming wird 35

Ich bin in bester Gesellschaft! Für mich, für Musiker wie Björk, Big Boi und zahlreiche andere, ist „The Dreaming“ das beste Kate Bush-Album. Zum damaligen Zeitpunkt von der Presse belächelt (‚jetzt ist sie vollkommen verrückt geworden‘), von der Plattenfirma fallen gelassen (‚das verkauft sich nie‘), von Kritikern zerissen, wurde „The Dreaming“ mittlerweile vollkommen von den Medien rehabilitiert und wird heute von vielen Kritikern als innovativ und wegweisend in den Himmel gelobt. Völlig zu Recht – mit „The Dreaming“ war Kate Bush ihrer Zeit ganz weit voraus. „A theatrical and abstract piece of work,“  „a brilliant predecessor to the charming beauty of 1985’s Hounds of Love“, „a delirious, head-spinning experience“ sind nur einige der Lobeshymnen, die heute auf das Album gesungen werden. Ohne „The Dreaming“ wäre „Hounds of Love“ nicht möglich gewesen, deshalb gibt es gleich zwei Gründe zu feiern! Zu den schönsten Sammlerstücken gehören wohl die beiden Promo Sampler aus Kanada und den USA, sowie die 7″ Single „Night of the Swallow“ aus Irland. „The Dreaming“ wurde übrigens auch auf pinkfarbenem Vinyl gepresst, leider nur als Testpressung und limitiert auf fünf Stück. Happy hunting, und Happy Birthday „The Dreaming“! Michael Guth

Sep 13 2017

35 Jahre „The Dreaming“: Pressestimmen und Impression 1982-84

Von Beate Meiswinkel

Man mag es kaum glauben: 35 Jahre sind seit dem Erscheinen von „The Dreaming“ vergangen. Die inzwischen nur unwesentlich gealterte Schreiberin dieser Zeilen war damals zarte 15 Jahre jung und bereits enthusiastischer Kate Bush-Fan. Ach, ich war so voller Gedanken und Ideen damals, und sooo verträumt… meine Mama nannte mich liebevoll „Träumerle“, wenn ich mal wieder etwas verdaddelt hatte. Mein Jugendfreund hingegen bezeichnete mich in Anleihen an einen von mir zutiefst verabscheuten Supertramp-Song gerne als „Stupid Little Dreamer“ – eine Neckerei, die mich ein ums andere Mal auf die sprichwörtliche Palme trieb! Jedenfalls kam mir Kate Bush mit ihren wilden und ungezähmten Einfällen gerade recht – noch eine, der es offensichtlich in der Welt der Fantasie und der bunten Ideen viel besser gefiel als in der schnöden Wirklichkeit. Wie passend war da ein Album über den Traum, über das Träumen, über die Traumzeit der australischen Ureinwohner, die ihren Ausdruck in Gesang, Tanz, Malerei und der Geschichtenerzählung findet? Und was für ein Album das war: kontrovers, kompromisslos, ausdrucksvoll, fordernd, bizarr, enervierend zuweilen, so stark und gleichzeitig so zart – und so befreiend! „The Dreaming“ war großartig. Es spaltete sowohl Fans als auch Presse – denn es war und ist überaus meinungsbildend: „Nicht nur für Träumer“, tönte die EMI Electrola GmbH in ihrer Werbeanzeige im Musik Express 10/82 vollmundig. „Das Warten hat sich gelohnt. Das neue Album von Kate Bush ist wirklich traumhaft.“ In ihrem Promo-Sheet zur aktuellen LP gab die Plattenfirma in ähnlich sprachlicher Opulenz Einblicke in das aktuelle Kate Bush-Album: „THE DREAMING vereint zehn elaborierte Pop-Partituren, in denen sich KATEs Interesse an ethnischer Musik niederschlägt und leichte Jazzeinflüsse bzw. Rockelemente hörbar werden. Sie bewegt sich auf dem Pop-Parkett mit einer Grazie und Eigenständigkeit, die für ein Frollein (sic!) Anfang Zwanzig erstaunlich sind. (…)
Die Umsetzung ihrer teilweise recht schwierigen und undurchschaubaren Lyrik geriet der Song-Aktrice selbst zu einem mühevollen Puzzlespiel. Wenn auch zu einem lohnenden, wie das Resultat den Hörer belehrt, der gewillt ist, sich auf diesem musikalischen Abenteuerurlaub einzulassen. Griffig im Sinne oberflächlicher Kommerzialität ist THE DREAMING nicht. Dafür aber ein Album, in dem zarte Klanggewebe neben ungewöhnlich aggressiven Titeln stehen, in dem filigrane Geräuschziselierungen neben rhythmischer Schwere vorkommen. KATE – verantwortlich für Produktion, Arrangement, Komposition und ein von ihr bedientes Keyboard-Sortiment – lud ausgezeichnete Musiker zu den Session ein. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier EBERHARD WEBER (Bass auf „HOUDINI“), DAVID GILMOUR (Backing Vocals), STUART ELLIOT (Drums), ALAN MURPHY und IAN BAIRNSON (Guitar) erwähnt. Die Nutzung moderner Elektronikinstrumente, die KATE auf ihrer letzten LP einzusetzen begann, geht auf THE DREAMING weiter. Fairlight, CS 80 und Synclavier wurden verschiedentlich eingesetzt und ermöglichten KATE die Herrichtung diffizieler Klangfarben. Die Kombination hochmoderner und alter akustischer Instrumente (…) sowie die Einarbeitung imitierter Tiergeräusche (…) bringen zusätzliche Abwechslung ins musikalische Geschehen. (…)“  (EMI Electrola GmbH, Presse International, Köln)

Nicht überall stieß das Ergebnis von Kates künstlerischem Ausdruck auf haltlose Gegenliebe. So schrieb Rezensent/in D. D. in der deutschen SOUND durchaus hintergründig und verstiegen: „In diesen Redaktionsstuben und nicht nur hier herrscht eine tiefe Ablehnung gegenüber Kate Bush, so daß ich, der ich von ihr außer der Single „Babooshka“, die mir ganz gut gefiel, noch nie einen Ton gehört habe, beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. Und siehe! Ausnahmsweise schien ein Vorwurf zuzutreffen, der so oft grundlos erhoben wird: männlicher Chauvinismus. Nicht im Sinne jener paranoiden Struktur, die ihn in allem sieht, sondern im Sinne der Unfähigkeit von kleinen Jungs zu verstehen, warum die Schwester oder die Freundin das Zimmer voller Pferdebilder hat und die Sommerferien am liebsten im Ponyhof verbringt.
Kate Bushs Beziehung zur Musik, ihre manieristischen Soundvorstellungen sind eine Mischung aus einer unergründlichen, aber reizvollen Mädchenhaftigkeit mit schnödem (männlichen) Art-Rock (also dem zutiefst ablehnungswürdigen Ehrgeiz, wichtig zu sein, Kunst im alten europäischen Sinne zu hinterlassen). Pferdebilder-Kate und Art-Rock-Kate (= Genesis-Kate) nehmen jede circa eine Hälfte von THE DREAMING ein. Wirklich gut im Sinne von Auflegen, nicht im Sinne von Gutachten, sind eigentlich nur die beiden Singles „Suspended In Gaffa“ und „Sat In Your Lap“, der Rest ist fast immer zu nahe am Absturz in 70er-Jahre-Manierismus.“ (D.D., SOUNDS 12/1982, S. 66).

Alles klar??

Ehrlich begeistert hingegen äußerte sich Ingeborg Schober im Musik Express 10/1982: „Lange haben wir gewartet, lange hat Kate Bush an ihrem neuen Album THE DREAMING gearbeitet, die Perfektionistin, die Besessene. Verständlicherweise entstand ein schwer zugängliches, mystisches Album voller Rätsel. Bei anderen Künstlern hätte so ein „Egotrip“ ins Auge gehen können – nicht so bei Kate Bush, die die rare Kombination von Distanz und Leidenschaft besitzt, die erlebt und zugleich beobachtet. Eher unauffällig zieht sie uns in einen faszinierenden Sog der Gefühle, der Ängste, der Ahnungen. Und wenn auch ihre Geschichten ein Spiegelbild ihrer Kaleidoskop-Phantasien sind, bleiben die einzelnen Worte ohne Bedeutung, lösen sich in Klang und Stimmen. Stimmen, so viele verschiedene Stimmen! Flüstern, Schreien, Kreischen, Hauchen, Seufzen – sie sind ineinander verwoben und schicksalhaft verbunden wie in einer hochdramatischen Traumsequenz. Auffallend auch die „anderen Stimmen“ – spirituelle Dialoge übers Telefon und aus dem Jenseits. Eine Methode, die auch Nina Hagen auf NUNSEXMONKROCK angewendet hat, wird von Kate Bush wesentlich ästhetischer und differenzierter gebraucht. Ihre Arrangements sind verschlungene Muster – zu farbenfrohen und dennoch gedämpften Gobelins zusammengesetzt. (…) Ein Traum, ein Alptraum, ein musikalisches Traumspiel fernab der Rock-Klischees. Eine Dimension Sensibilität und Phantasie zuviel? Die Würfel sind gefallen.“
****** (Ingeborg Schober, ME 10/1982, S. 48)

Ebenfalls für den Musik Express traf Gabriele Meierding an einem heißen Sommermorgen in einem Londoner Hotel auf unsere „Song-Aktrice“: „Kurz vor 10 Uhr morgens war Kate hereinspaziert, ich bin auch pünktlich. Doch in der dritten Etage herrscht noch helle Aufregung. Da die Londoner Hotels dieser Luxuskategorie meistens ebenso schlecht organisiert sind wie teuer, war die gebuchte Suite natürlich noch nicht fertig. Das bedeutete allgemeine Panik, denn Kate hatte sich in den Kopf gesetzt, an zwei Tagen ein Pensum von 20 Interviews zu absolvieren. So ist der Terminplan schon im Eimer, ehe die erste Frage gestellt ist. Kate ist jedoch dabei liebenswürdig wie immer. Mir wird erst später bewußt, daß sie trotz der Bruthitze Schnürstiefeletten trägt, überhaupt sieht sie aus wie ein weiblicher Spielmann. Ein Interview mit Kate ist für mich wie ein Teekränzchen schwärmerisch veranlagter Backfische. Sie ist so romantisch, ihre Fantasie ist absolut positiv, wobei sie eine feine Antenne für alles Obskure hat. (…)
Für die neue LP, THE DREAMING, verbrachte Kate mit ihren Musikern ein geschlagenes Jahr im Studio (…). Ihr Perfektionsdrang hatte sich diesmal eindeutig lähmend ausgewirkt. „Ich wußte zwar genau, was ich hören wollte, aber nicht, wie ich dahinkomme.“ (…) Völlig deprimiert saß Kate Bush irgendwann mittendrin, total erschöpft, aber unter dem Druck, „daß alles noch ungeheuer verbessert werden muß.“
So entstanden, ist THE DREAMING natürlich weit entfernt vom frischen Zauber ihres faszinierenden Debüts und ebenso vom kommerziellen „Babooshka“ vom Vorgänger NEVER FOR EVER. Die vierte Kate-Bush-LP geriet geradezu zum Dschungelwerk. Zwischen ungewohnter Aggressivität auf der einen und ethnischen Akzenten auf der anderen Seite macht sich nicht selten ein jenseitiger Vollrausch breit. Bis auf das ekstatische „Sat In Your Lap“ ist es schwer, auf Anhieb einzelne Songs in den Griff zu bekommen, denn es sind oft nur eingeschobene Sequenzen, die sich als eingängige Oasen bemerkbar machen. „Ich wollte schon seit dem ersten Album in diese Richtung gehen,“ erklärte Kate. „Aber ich bin jetzt erst langsam so weit, daß ich das auch kontrollieren kann. (…)“
Das Reizvollste an Kate Bush sind für mich eigentlich immer die Geschichten hinter den Songs. (…) „Pull Out The Pin“ zum Beispiel basiert auf einer TV-Dokumentation über den täglichen Überlebenskampf der Vietnamesen, ihren Einzelaktionen gegen die Amerikaner (…) „Die Vietnamesen taten das alles für Buddha, deshalb tragen sie auch immer diese kleine silberne Buddha-Figur um den Hals. Im Kampf stecken sie sie in den Mund, so dass sie Buddha auf den Lippen haben, wenn sie sterben.“ Das Ganze, meint Kate, habe sie „fast zerrissen“, aber irgendwie sei das auch schon wieder „so beautiful“ gewesen …Ein typisches Kate-Bush-Thema dann „Houdini“. (…) Dieser berühmte Entfesselungskünstler starb bekanntlich in einem Wassertank nach einem unglücklichen Unfall. (…)
Kate: „Houdini war zu Lebzeiten geradezu besessen vom Spiritismus. Und nach dem Tode seiner Mutter hatte er vergeblich versucht, über ein Medium zu ihr zu gelangen und kam schließlich dahinter, daß viele Leute einfach nur mit unglaublichem Schwindel versuchten, aus dem Leid anderer Kapital zu schlagen. Und um seiner Frau diese schmerzhafte Erfahrung zu ersparen, vereinbarte er mit ihr ein geheimes Codewort, so daß sie merken würde, wenn das Medium sie betrügt.
Ich habe mir Zeitungsberichte aus den 20er Jahren besorgt mit den Berichten darüber. Sie hatte dort die offizielle Erklärung abgegeben, daß sie tatsächlich bei einer Séance mit ihm in Kontakt getreten sei. Ich glaube eigentlich nicht, dass sie es nur des Geldes wegen getan hat. Natürlich weiß ich es nicht. Aber in dem Bewußtsein, daß sie immer nur so entsetzlich enttäuscht wurde, weil er nie mit dem Codewort zu ihr kam, wäre ich auch gar nicht im Stande gewesen, dieses Lied zu schreiben.“ (…)
Eigenartig nur der Text zu dieser aufmüpfigen Musik zu „Sat In Your Lap“. Da man ihn (…) kaum versteht und den Gesang nur als zusätzliche Soundfarbe im Ohr hat, ist man innerlich auf eine eher körperliche Aussage gefaßt. Aber: hier geht es um Übergeordnetes… um die rastlose Suche nach Lebensinhalten, die meistens in der Erkenntnis der totalen Unwissenheit endet, nämlich! (…) Und „Suspended in Gaffa“ geht sogar noch einen Schritt darüber hinaus; für Fortgeschrittene sozusagen, denen einmal vergönnt war, einen kurzen Einblick in die große Wahrheit zu gewinnen und die jetzt rastlos in der ernüchternden Realität umherwandern. Schwer zu sagen, ob Kate Bush vielleicht selbst dazu zählt.
Eine Woche vor diesem Interview hatte Kate Bush übrigens wieder mit dem Tanztraining begonnen. Aber das bedeutet nicht, daß sie übermorgen auf Tournee geht. (…) Irgendwann, nächstes Jahr … (wenn überhaupt) … soll es soweit sein. Und all ihre Fans werden mit leuchtenden Augen auf die Bühne starren und darauf warten, daß sie endlich „Wuthering Heights“ singt oder wenigstens „Babooshka“…  (Gabriele Meierding, Musik Express 09/1982, S. 20 ff).

Denkste, Puppe… die Wartezeit betrug nur noch etwa 32 Jahre.

Die BRAVO widmete Kate einen etwas merkwürdigen Artikel mit dem Untertitel „Als Astronautin landet sie im australischen Busch“ – immerhin hübsch bebildert und prangend vor journalistischer Stilblüten: „Wuschelige, dunkle Haarmähne, betörend schöne Augen, ein schmales, porzellanfarbenes Gesicht mit sinnlich geschnittenen Lippen, Kate Bush (24) meldet sich nach 15monatiger Abwesenheit wieder auf der Szene zurück. Solange arbeitete Kate an ihrer neuen LP „The Dreaming“, aber das Ergebnis kann sich hören – und sehen – lassen. Ihr Auftritt in Thomas Gottschalks „Na sowas“ Ende September verblüffte allerdings die Fans. Kate hatte sich von der zerbrechlichen, romantischen Elfe in eine engagierte Astronautin verwandelt. Im Text ihrer Single „The Dreaming“ geht’s mitten rein in den australischen Busch. Es wimmelt dort von Schlangen, Krokodilen und Känguruhs, während Kate lauthals gegen die Ungerechtigkeit angeht, der die australischen Ureinwohner heute noch ausgesetzt sind. (…) Der weiße Astronautenanzug stammt aus Londons In-Shop Lawrence Corner und hilft Kate, sich in ein „Höheres Wesen“ zu verwandeln, während die Schlangenmenschen Tänzerinnen (!!!) aus dem Stall von Tanzmeister Lindsay Kemp sind, bei dem auch Kate regelmäßig Tanzunterricht nimmt. (…) Kate Bush erzählte BRAVO, sie sei sich sicher, daß Houdini persönlich aus dem Jenseits mit ihr gesprochen hat. Das habe sie darüber hinaus zu dem Song „Wuthering Heights“ inspiriert, in dem sie als totenblasse Cathy aus einer anderen Welt mit ihrem Liebhaber spricht.“ (BRAVO, Ausgabe?, Autor?, 1982)

1984 schließlich „erforschte ein bekehrter MICK WALL die (Traum) Welt der KATE BUSH“ in der Februar-Ausgabe der britischen Rock- und Metal-Zeitschrift KERRANG! in seinem Beitrag „A Girl For All Seasons“ (KERRANG! No. 62): „Ihr letztes Album, „The Dreaming“, ist ihr Bestes, um ein Klischee zu bemühen. Selbst produziert, selbst geschrieben, auch die Ideen für die Grafiken der (LP)Hülle wählt sie selbst aus, und das geschieht, bevor sie sich hinsetzt, um darüber nachzudenken, was sie mit dem neuen Video machen wird… (…) also begleitet mich in Kate Bush’s Tanzstudio, wo sie im Schneidersitz auf dem Boden sitzt, dick in Wolle eingepackt gegen die kalte Januar-Luft, mit einer Kanne Tee und Keksen in neo-chinesischer Manier zwischen uns, euer und mein Hintern sind auf dem einzigen verfügbaren Kissen geparkt, und wir glühen gemeinsam diesen kühlen Nachmittag miteinander durch.“
Im folgenden Interview sprachen Mick und Kate über Tanzen, Songwriting, Videoproduktion und anderes. Es muss ein durchaus angenehmes Gespräch gewesen sein: „Kate Bush und ich machen weiter, bis die Sonne in meinem Rücken untergeht. Wir unterhalten uns und sie erzählt mir, dass sie momentan Songs für ein Album schreibt, das für den Herbst geplant ist. (…) Sie erzählt mir, dass sie ihr Haar mit Henna färbt, dass sie es gelegentlich mit einem Kreppeisen bearbeitet und dass ihr sowohl Make-up- und Haarstylisten als auch Kostümdesigner zur Verfügung stehen (…) Sie erzählt, dass sie es schwierig findet, ein Buch zu lesen, ohne daraus einen Song zu machen, und sie setzt mich davon in Kenntnis, dass Oscar Wilde wahrscheinlich ihr Lieblingsautor ist. Besonders liebt sie seine Kindergeschichten, die sie immer noch zu Tränen rühren können. Alles, was ich sagen kann ist … ja. Mich auch.“ (Mick Wall, KERRANG Nr. 62, S. 42 – 44, 1984)

(Die Emi-Pressemappe, den Bravo-Artikel, das Kerrang-Interview und die Artikel aus dem Musikexpress gibt es in den nächsten Tagen auf der Facebook-Seite.)

Sep 10 2017

Der Mensch und die Musik im Mittelpunkt

Foto: Alex Frei

Seit 30 Jahren ist die Schweizer Ethnologin Dr. Eva Keller eng mit dem Land Madagaskar verbunden, hat dort mehrere Jahre gelebt, geforscht, die Menschen und ihre Kultur kennengelernt. Dieses Wissen nutzt Eva Keller, um als Kuratorin im „Forum Schlossplatz“ in der Gemeinde Aarau zu arbeiten. Das Forum ist ein Ort, an dem man „sich mit kulturellen und gesellschaftlichen Zeitfragen auseinandersetzt. In Ausstellungen mit Begleitprogramm werden Themen aus Kultur, Kunst und Gesellschaft aufgegriffen und zur Diskussion gestellt“, das alles in einem historischen Umfeld. Noch bis zum 1. Oktober gibt es eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Teny, Tany, Tantara. Madagaskar hören“. Und weil die Musik ein wichtiger Bestandteil der Kultur Madagaskars ist, hat Eva Keller im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe zwei besondere Gäste eingeladen: den Musiker Justin Vali, der aus Madagaskar stammt, und Paddy Bush, der mit Vali eng befreundet ist und das Land mehrfach bereist hat. Paddy Bush wird am 21. September in Aarau zu Gast sein. „Paddy ist fasziniert von diesem Land und vor allem ein sehr guter Erzähler. Er wird etwa eine Stunde lang von der Musik dieses Landes berichten und hat natürlich auch mehrere Instrumente dabei, auf denen er dann Kostproben geben wird“, erzählt Eva Keller in einem Telefonat. Aber wie gelingt es eigentlich, Paddy Bush für solch einen Auftritt in der Schweiz zu begeistern? Die Antwort ist simpel: „Wir sind befreundet“, sagt Eva Keller. Die Ethnologin hat vor ein paar Jahren eher zufällig einen der beiden Filme gesehen, die Paddy auf Madagaskar gedreht hat – und war begeistert. Dazu gibt es noch eine kleine Vorgeschichte: Madagaskar ist für Wissenschaftler ein äußerst interessantes Land. Eva Keller: „Es gibt unzählige Dokumentationen über dieses Land, weil Madagaskar für seine Tier- und Pflanzenwelt sehr berühmt ist. Alle Biologen tummeln sich da. Vergessen wird dabei aber immer wieder, dass in diesem Land auch 23 Millionen Menschen leben.“ Die würden dann eher so dargestellt, dass sie nicht mal in der Lage seien, den Wert dieser Flora und Fauna zu erkennen und zu beschützen, ärgert sich Eva Keller. Genau das sei bei den Dokumentationen „Rakotozafy – Like A God When He Plays“ und „Rambala“ anders gewesen. Da standen die Menschen im Mittelpunkt, ihre Kultur, ihre Musik. Für eine Ethnologin ein Glücksfall. „Ich war so begeistert, dass ich wissen wollte, wer dieser Paddy Bush ist. Also habe ich ihn über die Filmproduzentin kontaktiert.“ Seitdem stehen sie in engem Kontakt, wenn Eva Keller in London ist, treffen sie sich. Dass Paddy der Bruder von Kate Bush ist, für die Eva Keller zu „Wuthering Heights“-Zeiten ebenfalls geschwärmt hat, bis sie sie danach wieder aus den Augen verloren hat, wusste sie damals noch nicht – das hat ihr Paddy erst später erzählt. Für Eva Keller spielt das aber auch keine große Rolle, weil sie die Leidenschaft für das Land Madagaskar teilen. Die Verbindung zu Kate wird allerdings bei dem Vortrag von Paddy in Aarau dann doch eine Rolle spielen. Schließlich war er es, der Kates musikalischen Horizont um Einflüsse aus anderen Ländern geweitet hat – zum Beispiel die madagassischen Einflüsse auf „The Red Shoes“, der georgische Chor auf „Hello Earth“ oder die Songs mit dem Trio Bulgarka. Ganz abgesehen davon hat Paddy als  Instrumentenbauer bei Songs von Kate immer wieder für europäische Popmusik eher exotische Instrumente gespielt. Auf „The Red Shoes“ war es dann die Valiha, ein madagassisches Instrument, das letztlich ähnlich gestimmt wird wie ein Klavier. „Paddy kann die Valiha hervorragend spielen, obwohl er genau genommen eine rechteckige Valiha nutzt, die Marovany. Und er hat natürlich eine enge Verbindung zur Popmusik, was seinen Vortrag nochmal besonders spannend macht“, beschreibt Eva Keller. Besonders ist auch die Art und Weise, wie man im „Forum Schlossplatz“ mit dem eigenen Anspruch, Themen aus Kultur, Kunst und Gesellschaft aufzugreifen und zur Diskussion zu stellen, umgeht. Beim Konzert von Justin Vali Ende August, der immerhin als der berühmteste Valiha-Spieler der Gegenwart gilt und von seinem langjährigen Duopartner, dem Gitarristen Doudou, begleitet wurde, hat sie vorab noch einen Workshop mit einer Schulklasse organisiert – die 13-jährigen Schüler waren begeistert „und Justin Vali und Doudou haben sich sehr viel Mühe gegeben, ihr Wissen zu vermitteln und haben für die Kinder gespielt, als ob sie vor einem Publikum von 500 Leuten gesessen hätten“, erzählt Eva Keller. Deutlich wird das aber auch in der Ausstellung selbst. „Wir haben keine Bilder in der Ausstellung. Man muss sich darauf einlassen, Madagaskar zu hören. Das kommt bei den Besuchern sehr gut an. Wir zeigen in einem Raum zum Beispiel die beiden Filme von Paddy und erleben, dass die Besucher sich sehr viel Zeit nehmen“, erzählt Eva Keller. Und was sie besonders freut: „Es kommen auch Menschen aus Madagaskar zu uns, die in der Schweiz leben.“ Eben die Menschen, die es der Ethnologin so angetan haben. „Man kann das schlecht beschreiben. Aber die Menschen auf Madagaskar haben etwas sehr warmes, menschenfreundliches. Im Englischen würde man von ‚kindness‘ sprechen.“ Und die sehr spezielle madagassische Musik passt sehr gut zu den Menschen, findet Eva Keller: „Die Musik ist sehr wohlklingend für europäische Ohren. Der Klang ist nicht fremd und die Melodien sind sehr fröhlich und beglückend, sehr emotional. Aber die Rhythmen sind sehr ungewohnt und vor allem für Europäer sehr schwer zu spielen.“ Wie schwer, wird Paddy bei seinem Vortrag in Aarau erklären. Alle Infos zu dieser besonderen Veranstaltung am 21. September gibt es hier; wer mehr über Paddy und seine Vorliebe für die Musik Madagaskars erfahren will, wird bei der BBC fündig.

Sep 07 2017

Das Song-Abc: Cloudbusting

Dieser Song ist der Hammer. Anders kann ich es nicht sagen. Selten gibt es solch eine makellose Einheit zwischen Text, Musik und zugrundeliegender Geschichte.
Der Song handelt von einer Beziehung zwischen Sohn und Vater, die durch äußere Kräfte bedroht und zerstört wurde. Er basiert auf dem Buch „Book of Dreams“ von Peter Reich, dem Sohn des berühmten und umstrittenen Psychoanalytikers Wilhelm Reich. Im Lauf seines Lebens driftete Wilhelm Reich immer mehr ins Esoterische ab. Eine seiner Ideen war eine Regenmaschine, der „Cloudbuster“, zu der Vater und Sohn zusammen gingen, um Regen zu machen. Wegen seiner immer obskureren Experimente mit sogenannten „Orgon-Akkumulatoren“ – Orgon ist eine von ihm postulierte spezifische biologische Energie – geriet Wilhelm Reich ins Zwielicht. Ein verfügtes gerichtliches Verbot der Verwendung dieser Geräte sowie die Verfügung, diese sowie alle seine Bücher zu vernichten, wurde von Reich nicht akzeptiert. Nachdem ein Mitarbeiter Reichs gegen das gerichtliche Verbot verstieß, Orgon-Akkumulatoren über Grenzen der US-Bundesstaaten zu transportieren, wurde Reich 1956 zu einer zweijährigen Haftstrafe wegen „Missachtung des Gerichts“ verurteilt. Reich starb während der Haft im November 1957. [1]
Ein Vater wird verhaftet und stirbt, das Kind bleibt allein zurück. „Cloudbusting“ ist ein Rückblick, eine Erinnerung, ein Traum, ein Wunschtraum. Immer wenn es regnet ist diese Erinnerung wieder da, ist der Vater wieder da im Kopf. Kate Bush fasst die Essenz des Songs in zwei Sätzen zusammen: „But it’s very much more to do with how the son does begin to cope with the whole loneliness and pain of being without his father. It is the magic moments of a relationship through a child’s eyes, but told by a sad adult.“ [2]
 Kate Bush war zufällig auf das Buch gestoßen. Die Magie des Buches schlug bei ihr ein wie ein Blitz. „It must have been nearly ten years ago, when I used to go up to the Dance Center in London, that I went into Watkins‘ occult bookshop for a look, and there was this book and it said, A Book of Dreams, by Peter Reich. I’d never heard of his father, Wilhelm Reich, but I just thought it was going ‚Hello, Hello,‘ so I just picked up the book and read it and couldn’t believe that I’d just found this book on the shelf. I mean it was so inspirational, very magical, with that energy there. So when I wrote and recorded the song, although it was about nine years later, I was nevertheless psyched up by the book, the image of the boy’s father being taken away and locked up by the government just for building a machine to try to make rain. It was such a beautiful book!“ [3]
Die Geschichte war wohl deshalb so faszinierend, weil sie verschiedene typische Bush-Motive bündelt. Es geht um komplizierte Beziehungen zwischen Menschen, die Geschichte enthält geheimnisvolle und mysteriöse Elemente, es gibt kein richtiges Happy-End, es endet bittersüß, es löst Bilder aus, an denen sich ein Song entlang entwickeln kann.
Kate Bush erläuterte das im Detail in verschiedenen Interviews: „And it’s a very unusual, beautiful book, written by this man through the eyes of himself when he was a child, looking at his father, and the relationship between them. Very special relationship, his father meant so much to him. His father was a psychoanalyst, very respected, but he also had a machine that could make it rain, and the two of them would go out together and they would make it rain. And in the book there was such a sense of magic, that it a way the rain was almost a presence of his father. Unfortunately, its a very sad book in that the peak of it is where his father was arrested, taken away from him, because of his beliefs he’s considered a threat. And it’s how the child has to cope from that point onwards without his father. And the song is really using the rain as something the reminds the son of his father. Every time it rains instead of it being very sad and lonely, it’s a very happy moment for him, it’s like his father is with him again.“ [4]
Jeder Satz von Kate Bush spiegelt die Faszination wieder, die das Buch ausgelöst hat. Es geht um das „Wunder einer Beziehung“. „It’s a very magical sense in the book for me this sort of encaptulated the wonder of their relationship, and unfortunately the book leads up to where his father is arrested because his beliefs are considered somewhat outrageous. And to the child it’s it’s coping from then on without his father. And the song is really about that adult looking back at the magic of their relationship, how much they loved it and how for him now that his father is not there anymore that every time it rains he thinks about how they were together out there on the machine cloudbusting. And it makes him happy he’s finds a way with coping with it.“ [5]
Über kaum einen ihrer Songs hat sich Kate Bush so ausführlich geäußert. Neun Jahre hat diese Geschichte in ihr gereift und auf den richtigen Moment gewartet, um als Song wiedergeboren zu werden. „Yes, but I read that so long ago and it’s just been waiting to come out for nine or ten years. The thing is, I had to wait till I was at the right point to write that song in such a way that I could do it proper justice.“  [3]
Pulsierende Streicher und ein staccatoartiger Rhythmus kennzeichnen „Cloudbusting“. Die Streicher aus dem Fairlight wurden später durch reale Streicher ersetzt – wahrscheinlich, um die Wärme und Emotionalität zu betonen.  „There were very few track on this album that I wrote on the piano -Running Up That Hill, Hounds of Love, Watching You Without Me. Most of them were Fairlight based. Cloudbusting I wrote on the Fairlight and I just felt it would be much more interesting with real strings, so we transcribed the Fairlight arrangement from string players to reed. And then they redid it.“[4]
Dieses rhythmische Streicherpochen klingt wie ein Herzschlag in der Dunkelheit, die Protagonistin schreckt aus einem Traum auf: „I still dream of Orgonon / I wake up crying“ (Textzitate aus [6]). Es ist ein Alptraum, da sofort alles wieder präsent ist, Verhaftung und Tod, Verlassenheit. Es fühlt sich an, als ob der Vater wieder ganz nah ist: „And you’re just in reach / When you and sleep escape me.“ Bei „You’re like my yo-yo“ im zweiten Teil der Strophe kommen Trommeln dazu und Hintergrundtöne, die wie ein stimmenloser Chor (Synthesizer?) klingen.
Im Song wird der Vergleich mit einem Jo-Jo gezogen, das mit in der Dunkelheit leuchtender (radioaktiver) Farbe bestrichen ist. „You’re like my yo-yo / That glowed in the dark. / What made it special / Made it dangerous, / So I bury it / And forget.“  Zu dieser merkwürdigen und geheimnisvollen Passage gibt Kate Bush selbst eine Erklärung.
„The song is very much taking a comparison with a yo-yo that glowed in the dark and which was given to the boy by a best friend. It was really special to him; he loved it. But his father believed in things having positive and negative energy, and that fluorescent light was a very negative energy –as was the material they used to make glow-in-the-dark toys then– and his father told him he had to get rid of it, he wasn’t allowed to keep it. But the boy, rather than throwing it away, buried it in the garden, so that he would placate his father but could also go and dig it up occasionally and play with it. It’s a parallel in some ways between how much he loved the yo-yo –how special it was– and yet how dangerous it was considered to be. He loved his father (who was perhaps considered dangerous by some people); and he loved how he could bury his yo-yo and retrieve it whenever he wanted to play with it. But there’s nothing he can do about his father being taken away, he is completely helpless. “ [2]
Die Protagonistin kann das vielleicht gefährliche Jo-Jo verstecken und immer wieder herausholen. Den für die Öffentlichkeit vielleicht gefährlichen Vater kann sie nicht verstecken und es gibt auch keinen Weg, ihn wieder lebendig zu machen. Nur die Erinnerung vermag das, und die wird durch Ereignisse immer wieder hervorgerufen: „But every time it rains / You’re here in my head / Like the sun coming out“. Diese Verbindung zwischen Jo-Jo und Vater ist fein ausgearbeitet und aus der Hintergrundstory abgeleitet. Wilhelm Reich begann im Januar 1951 das „Oranur-Experiment“, mit dem er erforschen wollte, ob sich mit Orgonenergie Radioaktivität neutralisieren lässt [1].
Der Chorus („Everytime it rains“ ) endet mit einer Beschwörungsformel. „Ooh, I just know that something good is going to happen / And I don’t know when / But just saying it could even make it happen.“ Wenn man eine Erinnerung an einen Toten ausspricht – kann er wieder lebendig werden?
Der Song steigert sich zu einem Marsch, fast einem Trauermarsch (es gibt kein Happy-End). Ein Streichermotiv kommt dazu, welches die emotionale Stimmung verstärkt. Der Chorus wird zweimal wiederholt und beschließt den Song in einer dritten Wiederholung als intensiv ausgearbeitete Coda. Ab Mitte dieser Coda wird es immer hymnischer, eine Melodie (instrumental) schwingt sich auf wie ein sehnsuchtsvolles Lied. Diese Melodie wird zum Schluss wiederholt, der Marsch gewinnt immer mehr an Energie. Ein Chor kommt im Hintergrund dazu, ferne Stimmen, die eine hypnotische Wirkung auslösen. In der Livefassung aus den „Before the dawn“-Konzerten zieht dieser sich immer weitere steigernde Schluss das ganze Publikum hinein in einen gewaltigen Sog, das Publikum wird mitgerissen und übernimmt den Chor. Für mich ist das wie ein gemeinsames Aufsteigen in den Himmel. Der Zauber der Erinnerung triumphiert, das Tor zum Himmel und zur Vergangenheit wird weit aufgerissen. Einen passenderen Schluss für ein Livekonzert kann es kaum geben.
Der fulminante Rhythmus wird am Schluss aufgenommen und dann beendet durch die Töne einer anhaltenden Lokomotive, das Lied vollzieht eine Vollbremsung. Kate Bush sagte, dass dies eine Notlösung gewesen sei – es fehlte ein guter Schluss für das Lied. „That did all fall apart over a period of about ten bars. And everything just started falling apart, ‚cause it didn’t end properly, and, you know, the drummer would stop and then the strings would just sorta start wiggling around and talking. And I felt it needed an ending, and I didn’t really know what to do. And then I thought maybe decoy tactics were the way, and we covered the whole thing over with the sound of a steam engine slowing down so that you had the sense of the journey coming to an end. And it worked, it covered up all the falling apart and actually made it sound very complete in a way. And we had terrible trouble getting a sound effect of steam train so we actually made up the sound effect out of various sounds, and Del was the steam. [Laughs] And we got a whistle on the Fairlight for the ‚poo poop.'“ [7]
Zum mitreißenden Schwung trägt der strikt durchgehaltene 4/4-Takt bei, es gibt keine Taktwechsel/Brechungen im Rhythmus wie so oft sonst bei Kate Bush [6]. So ist „Cloudbusting“ geprägt durch ein fast manisches, beschwörendes Fortschreiten. Die Tonart ist ein cis-Moll, zentrale Akkorde sind der cis-Moll-Akkord und der H-Dur-Akkord, die über weite Strecken des Songs wie ein Pendel (hin und her) benutzt werden [6]. Cis-Moll symbolisiert leuchtende Schönheit und Wärme, aber alles mehr in ein Element von Schwermut und Sehnsucht getaucht. Cis-Moll eröffnet alle in unserem Herzen verborgenen Quellen der Sehnsucht, es ist die Sehnsuchtstonart schlechthin [8].  H-Dur steht gemäß Beckh [8] für Verklärung, es ist die Tonart des Hinübergehens. Ganz vereinzelt kommen andere Akkorde hinzu, so wie der fis-Moll-Akkord auf „crying“ (in „I wake up crying“), auf „coming“ (in „you could see them coming“) und auf „saying it would ever make it“ (in „Just saying it would ever make it happen“). Fis-Moll ist tiefster Abgrund, tiefste Absturzgefahr, es ist der „Abgrund des Leidens“ [8]. Allein die Akkorde erzählen schon die Geschichte.
Das Video zu „Cloudbusting“ setzt all dies perfekt um. Es ist kein Musikvideo – eher ein kleiner Film (ein Hoppsassa-Tanzfilmchen wäre auch nicht angemessen gewesen). Die Herausforderung für Kate Bush war groß – als Schauspielerin aufzutreten war für sie neu und das Darstellen eines Kindes dazu eine besonders anspruchsvolle Aufgabe.  „I think it’s something I’d obviously worried about. When you’re not a child there are lots of things that could be a problem. Like I could look old and not young. And we were also – excuse me – trying to take away the feminine edge so that in a way I could be a tomboy rather than a little girl. Trying to keep the thing as innocent as possible. And I think rather than being that worried about playing a child, I was just worried about the whole process of acting, because it’s something I’ve not really done, in a true sense. I’ve preformed in lots of ways, but not really acted. And it was something that I was wary of and I was actually surprised at how much I enjoyed it.“ [4]
Es war klar, dass dies mit einem gestandenen Schauspieler als Wilhelm Reich besonders bildmächtig werden würde. Schon von Anfang an hatte Kate Bush hier Donald Sutherland im Sinn.  „The brief, really from the start, was that I wanted a great actor to play the father. I wanted it to be a piece of film rather than a video promotional clip. I wanted it to be a short piece of film that would hopefully do justice to the original book. And let people understand the story that couldn’t really be explained in the song. So we wanted a great actor. We thought of Donald Sutherland and thought „well, chances are we won’t get him, but why not try?“ So we found a contact and explained the story and sent the script to him, and he was interested in doing it. And just happened to have the days free when we were shooting. So, um, pretty incredible really!“ [4]
Ein erster Kontaktversuch führte zu keinem Ergebnis, da der Schauspieler nicht an einem Videodreh interessiert war. Aber wenn sich Kate Bush etwas in den Kopf gesetzt hat, dann gibt sie nicht auf. Donald Sutherland erzählte das in einem Interview zum dreißigjährigen Jubiläum des Albums „Hounds of Love“ sehr humorvoll und mit viel Respekt und Zuneigung. “Barry Richardson, who was the hairdresser on Nic Roeg’s Don’t Look Now, asked me if I’d do a music video with Kate Bush. I told him no and we went on to other conversations. A couple of days later there was a knock on my door. I lived in the Savoy Hotel (in London). On the river. Suite 312. I loved it there. So cosseted. So private. Only the floor butler rang the door. I opened it. There was no one there. I heard a voice saying hello and I looked down. Standing down there was a very small Kate Bush. Barry had told her where I lived. What can you do? She wanted to explain what her video was about. I let her in. She sat down, said some stuff. All I heard was ‘Wilhelm Reich’. I’d taken an underground copy of his The Mass Psychology of Fascism with me when I went to film (Bernardo) Bertolucci’s Novecento in Parma. Reich’s work informed the psychological foundations of Attila Mellanchini, the character Bernardo had cast me to play. Everything about Reich echoed through me. He was there then and now he was here. Sitting across from me in the person of the very eloquent Kate Bush. Synchronicity. Perfect. She talked some more. I said OK and we made ‘Cloudbusting’. She’s wonderful, Kate Bush. Wonderful. I love that I did it. (What do I remember) about doing it? I remember being in the car and the hill and them taking me, taking Reich, away and looking back through the back window of the car and seeing her, seeing Reich’s son Peter, standing there. And I remember the first morning on set seeing her coming out of her trailer smoking a joint and I cautioned her, saying she shouldn’t smoke that, it’d affect her work, and she looked at me for a second and said she hadn’t been straight for nine years and I loved her.” [9]
Regie bei Dreh des Videos führt Julian Doyle, der von Terry Gilliam empfohlen worden war.  „I’m a big fan of Terry Gilliam, I don’t know if you know him, suburb director. And I was interested in working with him and he put me in touch with Julien, who works with Terry on his movies. He’s a cameraman and this was really his first role as director. Terry was involved with the storyboard as well, and this is how I met Julian. We spent a lot of time on this video and what was nice was the way that everyone became so concerned with the story and also concerned with giving justice to it. You know everyone wanted it to be something special.“  [4] Ganz einfach war die Zusammenarbeit trotzdem nicht, da zwei detailversessene Menschen aufeinandertrafen. Terry Gilliam musste zwischendurch als Mediator eingreifen. „They had a great time shooting, but somewhere in the editing a conflict developed and I became the mediator. Kate knows exactly what she’s doing, she knows what she wants. She’s the sweetest person on the planet but she’s absolute steel inside!” [9]
Das Video ist ein gelungener Kurzfilm, es nimmt die Atmosphäre der Jahre um 1955 auf und beeindruckt mit seiner Regenmaschine.  „Well the book very little details of what the actual machine looked like. But from what I could gather the reality of the machine wouldn’t look right. On screen it’s got to be exaggerated. So it was trying to design something that would look powerful and possible of doing it but that wouldn’t be comical, because we didn’t people to laugh at it, we wanted people to be astounded by the machine. So it was really designing something that was a cross between an […] gun and a pipe organ. I just felt that it had to have these huge funnels that would reach to the sky and could be moved around. And the whole thing should be rotatable. And so we worked with some designers that worked on the Alien and I think it looked pretty good.“ [4] Entworfen wurde der Cloudbuster dann von Personen, die auch am düsteren Design des Films „Alien“ mitgewirkt hatten [10], ob HP Giger selbst mitgewirkt hat ist unsicher. Diese Maschine ist ein Geheimnis, ein Mysterium, sie hat wirklich bedrohliche Aspekte.
Kate Bush nahm dann Kontakt mit dem Autor der Vorlage, Peter Reich, auf. Sie war sich unsicher, ob er die Umsetzung mögen würde. „These were worrying moments for me–what if he didn’t like it? If I’d got it wrong? But he said he found them very emotional and that I’d captured the situation. This was the ultimate reward for me.“[11] Peter Reich war aber sehr angetan. “​Sometime in 1985, a package arrived with a video cassette and an autographed album,” says Peter Reich. “My wife and children, who were five and two at the time, listened, watched and were entranced. Quite magically, this British musician had tapped precisely into ​a unique and magical fulfilment of father-son devotion, emotion and understanding. They had captured it all.” [9]
Auch über das Video gibt es nur anerkennende Worte. ​“Watching it for the first time, and ever since, not infrequently, the video’s emotional power is overwhelming and enduring, even after 30 years – or 60 years, for me. I did meet Kate once or twice. She gave me a very British umbrella, how very appropriate, one rainmaker to another.​” [9]
Was kann sich eine Songwriterin und Komponistin mehr wünschen als Anerkennung von dem Menschen, dessen Geschichte sie erzählt hat! „Cloudbusting“ ist groß, selbst in den kleinsten Details, es ist ein Meisterwerk, kaum vergleichbar. Ich bewundere es, ich liebe es.  (© Achim/aHAJ)
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Reich (gelesen 11.08.2017)
[2] Kate Bush: „Hounds Of Love songs“. KBC article Issue 18.
[3] Peter Swales: Interview im Musician (unedited). Herbst 1985
[4] J.J. Jackson: Interview auf MTV. Unedited. November 1985
[5] N.N: Interview in Night Flight. Unedited version. November 1985
[6] Kate Bush: Hounds of Love (Songbook). London 1985. EMI Music Publishing Ltd. S.14ff
[7]  Richard Skinner: „Classic Albums interview: Hounds Of Love“. Radio 1. Gesendet 26.01.1992
[8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Stuttgart 1999. Verlag Urachhaus. S268 (cis-Moll), S.171ff (H-Dur), S.138 fis-Moll
[9] Alex Denney: The story behind Kate Bush’s Cloudbusting video. http://www.dazeddigital.com/music/article/27217/1/the-story-behind-kate-bush-s-cloudbusting-video (gelesen 10.08.2017)
[10] https://en.wikipedia.org/wiki/Cloudbusting (gelesen 13.08.2017)
[11] Zwort Finkle (= Kate Bush?): „Cousin Kate“ . KBC article Issue 21 (Winter 1987).