12 Kate-Momente: März

© bugi

März 2019. Der Inle-See in Myanmar. Ich fahre zu den schwimmenden Dörfern, vorbei an Fischern mit ihren Booten. In a sea of honey. A sky of honey. Ich denke an Aerial, an den Song Sunset, erinnere mich, wie ich 2005 vor der Veröffentlichung von Aerial bei einem Pre-Listening von EMI in Köln Sea & Sky zum ersten Mal hören durfte, in Kates neue musikalische Welt eintauchte und bei Sunset sich Sea & Sky zusammenfügten. Could be honeycomb. In a sea of honey. A sky of honey. Schon damals ging für mich mit diesem Song musikalisch die Sonne im Herzen eher auf als unter. Am Inle-See mitten in Myanmar treffen Sea & Sky erneut für mich zusammen. Every sleepy light / Must say goodbye / To the day before it dies / In a sea of honey / A sky of honey …

Kiss a Crow als Seelenerkundung

Foto: Bettina Stöß

Dieser ungewöhnliche und faszinierende Ballettabend zeigt drei Arbeiten, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Die Uraufführungen „Rise“ des 30 Jahre alten Emrecan Tanis und „Kiss a Crow“ des 47 Jahre alten Marco Goecke wurden dabei ergänzt durch „Concertante“, eine Arbeit des 87 Jahre alten Meisters Hans van Manen aus dem Jahr 1994. Der Abend demonstriert drei ganz unterschiedliche Arten, mit Musik und mit Tanz umzugehen. Musik dient in „Rise“ zur Unterstreichung dessen, was man ausdrücken will. In „Concertante“ ist der Tanz das Spiegelbild der Musik. „Kiss a Crow“ setzt Musik als Mittel ein, um Emotionen aller Art aus den Tänzern herauszubringen. „Rise“ ist ein Tanztheater über die Bildung von Machtstrukturen in Gruppen. Emrecan Tanis wurde – so in der Einführung erläutert – durch eine Gruppe spielender Kinder in einem Einkaufszentrum inspiriert und die Art, wie sie ihre Hierarchien im Spiel klären.

Zu Beginn hebt sich zu einem türkischen Lied der grinsende Anführer aus dem Orchestergraben, von oben senken sich Beine herab. So beginnt das Spiel um die Macht. Tanis setzt das mit Videoprojektionen und Licht wie aus Computerspielen um, er spielt mit dem gleißenden Weiß des Neonlichts. Zu wummernder Musik formt sich die Gruppe zu einem fast militärisch anmutenden Tanz, bis sich der Anführer herausschält. Eine weiße Wand gleitet herein, bildet einen abgegrenzten Raum. Hier tanzt der Anführer mit drei weiteren Personen um die Macht, in komplexen Bewegungsabläufen. Sechs weitere Tänzer sind unter Scheinwerfern links abgestellt, sie geraten immer mehr in fast unkontrolliert wirkende Zuckungen. Aus der Wand fahren Treppenstufen heraus, der Anführer gleitet sie hinauf, verschwindet durch eine Tür. Die wummernden Elektronikklänge werden durch fast religiös anmutende Musik aus „Koyaanisqatsi“ von Philip Glass abgelöst. Der Anführer befreit die zuckenden und wimmernden Gestalten und leitet sie nach vorn, versucht sie zu beruhigen, es gelingt nicht. Machtmissbrauch hat seinen Preis. Rauch quillt aus seinem Mantel hervor, mit den meisten Tänzerinnen und Tänzern versinkt er im Orchestergraben. Nur ein Paar tanzt in sich versunken zu einer Violinmelodie auf der Bühne, bis die Musik und das Licht verdämmert. Mich erinnerte dies manchmal an expressionistischen Tanz der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, voll mit großen Gesten und Theatralik. Die Musik unterstreicht das, was ausgedrückt werden soll. Man muss den gedachten Hintergrund über Machtstrukturen nicht wissen, es wirkt auch so. Der Beifall für diese perfekt getanzte Fallstudie über Macht war groß. 

Hans van Manens „Concertante“ nahm die Mitte des Ballettabends ein, es bildete quasi das Adagio zwischen den zwei schnellen Sätzen. Zur klaren neoklassischen „Petite Symphonie Concertante“ Frank Martins gab es eine ebenso klare, strenge und fast kühle Choreographie zu sehen. Musik und Tanz spiegelten sich ineinander, es waren zwei Seiten einer Einheit. Hans van Manen stellt Paarbeziehungen in den Mittelpunkt. Von links und rechts kommen zwischen Vorhängen die Tänzerinnen in blau gestreiften Trikots und die Tänzer in grün gestreiften Trikots hervor auf die von einem blassblauen Licht erhellte Bühne, formen sich zu Gruppen und Paaren. Immer neue Konstellationen finden sich zu komplexen Bewegungsmustern zusammen. Paare umtanzen einander, die Interaktion ist voll von Anziehung und gleichzeitig auch latenter Aggression. Die typischen Mann-Frau-Muster des Tanzes sind aufgehoben, es sind Beziehungen auf Augenhöhe. Zeit und Raum scheinen aufgehoben durch die kühlen, klaren Bilder. Es ist ein ästhetischer Genuss, den acht Personen auf der Bühne bei ihrem Spiel zuzuschauen. Das war meisterlich, Tanz in Perfektion und in voller Harmonie. Es gab auch für diesen Teil des Abends verdient viel Beifall. 

Im Gegensatz zu den ersten beiden Choreographien fällt es mir sehr schwer, das faszinierende „Kiss a Crow“ zu beschreiben. Vielleicht so: Es ist kein Tanztheater mit Handlung, es ist auch kein reiner, klarer Tanz – es ist eine Seelenerkundung, eine Seelenerfahrung. Die Musik von Kate, Tanz und Innenleben lassen sich hier nicht mehr trennen. Die Musik zerrt Chimären, Monster und Gestalten hervor aus dem Inneren. Die Figuren auf der Bühne sind Krähen, die Musik zwingt sie, Mensch zu werden. Marco Goecke wurde inspiriert von seinen Spaziergängen im hannoverschen Stadtwald Eilenriede, von den Krähen in den Bäumen, die ihn und seinen Dackel Gustav beobachteten. Dieses Naturerlebnis zusammen mit dem, was in seiner Seele vorging, was ihn beschäftigte und berührte, all das hat diese Choreographie hervorgebracht.

Die Bewegungssprache in den Choreographien von Marco Goecke hat einen hohen Wiedererkennungswert. Hier aber erscheint sie noch außergewöhnlicher als sonst und der Grund ist die Musik. Marco Goecke ist mit Kate Bush seit seiner Jugend verbunden und vielleicht passt wirklich keine andere Musik besser zu der Art von Tanz, die ihm vorschwebt. Es beginnt mit „Jig of Life“, einem Song über das am Leben bleiben wollen. Die Figuren in schwarzen Anzügen mit weiten Hosen werden durch diesen wilden Tanz gleichsam auf die Bühne gezwungen. Sie zittern und beben in abgehackten Bewegungen, mit ruckartigen Zuckungen, mit Armen, die sich wie zustoßende Schnäbel bewegen oder wie verkrampfte Flügel. Es sind Krähen unter einem Zauber, der sie zwingt, ihre Seele zu offenbaren. Die Körper scheinen unter einer unermesslichen Anspannung zu stehen, die Gesichter sind verzerrt, die Münder stoßen Schreie aus. Der irische Tanz der Musik wird zu einer unheimlichen, beängstigenden Beschwörung. Die Bühne trägt zur unheimlichen Stimmung bei. Rauchtöpfe verbreiten Nebel, ein Lichtkreis erhellt das Geschehen, wird mal größer und mal kleiner, so als ob eine unirdische Wesenheit (die Ursache der Beschwörung?) ihren Fokus ändert. Die Bühne kann eine Lichtung im Wald sein, voll Nebel, aber auch im Glanz von Schnee.

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Foto: Bettina Stöß

Im Verlauf des Stückes verlieren die Figuren langsam immer mehr das Tierhafte, die Bewegungen werden menschlicher, bleiben aber genauso unheimlich, rätselhaft und intensiv. Die verwendeten Stücke von Kate Bush („Sat in your Lap“, „And dream of Sheep“, „Snowflake“, „Among Angels“ und „Get out of my House“) bringen immer neue Emotionen hervor. Die Bilder machen Gänsehaut, ich habe selten eine so emotionale Ausdeutung von Musik (und Wechselwirkung mit der Musik) gesehen. Das Außergewöhnliche und Extravagante von Kate Bushs Musik gewinnt Gestalt in der Tanzsprache von Marco Goecke, Textzeilen spiegeln sich in Bewegungen und Konstellationen wieder, Tanz und Musik kommentieren einander. Es geht ans Herz, wenn zur Textzeile „The world is so loud. Keep falling. I’ll find you“ aus „Snowflake“ sich Paare begegnen und sich fast steif und unbeholfen umarmen. Sie versuchen sich zu finden, aber es gelingt nicht. Sehnsucht und Härte der Musik, Romantik und Aggressivität – alles findet auch Ausdruck im Tanz. „And dream of Sheep“ zum Beispiel ist der Gesang einer Frau, die nach einem Schiffsunglück im Meer treibt und darum kämpft, nicht einzuschlafen. Die Eiseskälte und Verlorenheit hinter dem Lied fand sich in jeder Bewegung auf der Bühne wieder. Marco Goecke kennt Kate Bushs Songs ganz genau, es ist in jeder Minute spürbar. Diese Choreographie ist eine Herzensangelegenheit. Sie lässt einen nicht los, wenn man sie anschaut. Sie ist unheimlich, sie ist bewegend, sie schmerzt. Nicht jeder wird das aushalten können.

Der Beifall des überraschend jungen Publikums fiel enthusiastisch aus. Die Tänzer wurden bejubelt und das Klatschen wollte fast nicht enden. Die Oper Hannover hat eine Compagnie, die die verschiedenen Herausforderungen dieses Abends mit Perfektion, Eleganz und ungeheurer Ausstrahlung fast mühelos meistert. Ein bewegender Abend! © Achim/aHAJ

Über die Unmöglichkeit, eine Krähe zu küssen

Foto: Bettina Stöß

Ein Gespräch mit Marco Goecke zu seiner neuen Choreographie „Kiss a Crow“

Von Achim Riehn

Neben meiner Mitarbeit in der „Gesellschaft der Freunde des Opernhauses Hannover“ (GFO) interessiere ich mich auch noch für andere Themen. Für den Blog „morningfog“ über die Komponistin und Sängerin Kate Bush schreibe ich ab und zu Beiträge. Marco Goeckes neue Choreographie „Kiss a Crow“ benutzt Musik von Kate Bush, es ist seine erste neue Arbeit für das Ballett der Oper Hannover, seit er hier Ballettdirektor ist. Eingebettet wird sie in den Ballettabend „3 Generationen“, zusammen mit zwei Arbeiten anderer Choreographen. Kate Bush – da musste ich einfach für morningfog.de ein Interview mit ihm führen. Als ich am Opernhaus ankam, machte Marco Goecke mit einigen Mitarbeitern Pause vor dem Bühneneingang. Eine Probe des Ballettabends war gerade zu Ende gegangen. Ich wurde sehr freundlich begrüßt. Für das Interview zogen wir uns in ein dunkles Foyer zurück, stellten uns zwei Stühle zusammen und fingen an. Marco Goecke hatte wie immer in einem Tragekorb seinen betagten Dackel Gustav dabei, der dem Geschehen ganz gelassen beiwohnte. Auf dem Weg ins Foyer erzählte ich ein bisschen über den Blog und Marco Goecke fing spontan an, Zeilen aus Kate Bushs Lied „The morning Fog“ zu singen. „I’ll tell my mother – I’ll tell my father – How much I love them“. Marco Goecke redet mit Bedacht, leise, sehr konzentriert. Ich spürte, wie er er seiner Arbeit verbunden ist, wie sehr sie ihn bestimmt. Allgemeinplätze sind nicht zu erwarten. Wir beschlossen, uns zu duzen. Im Gespräch konnte ich das nicht durchhalten, als Hannoveraner muss das Duzen bei mir erst einmal in der Seele ankommen, das braucht Zeit.

Achim: 2013 haben Sie bereits Musik von Kate Bush in einer Choreographie umgesetzt, es war der Song „Suspended in Gaffa“, soweit ich mich erinnere. Was verbindet Sie mit der Musik von Kate Bush und wann haben Sie sie für sich entdeckt?

Marco: Ich habe sie ganz früh entdeckt. Ich habe eine Schwester, die ist fünf Jahre älter als ich. Ganz früh habe ich das bei ihr im Zimmer entdeckt, als ich Kind war. „Never for ever“ ist vom Ende der Siebziger, kann das sein?

Achim: 1980.

Marco: Echt 80? Gut, da war ich acht, neun – und da habe ich diese Platten bei meiner Schwester entdeckt. Ich fand das immer geheimnisvoll, weil ich da auch Töne und Mischungen drin gehört habe, Effekte und Geräusche, Dinge, die ich so von Musik nicht kannte. Dann hatte ich nochmal so 88, 89 – da war ich gerade Ballettstudent – so eine richtige Kate Bush-Phase, meist mit dem Album, auf dem „Cloudbusting“ ist.

Achim: Hounds of Love.

Marco: Hounds of Love, richtig. Es ist interessant, dass man oft immer noch Lieder im Kopf hat. Da steht man morgens auf und macht sich einen Kaffee und hat plötzlich so ein Lied im Kopf. Und weiß eigentlich auch nicht, warum man das gerade im Kopf hat, oder?

Achim: Das Phänomen kenne ich auch!

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Foto: Regina Brocke

Marco: Ja. Da gibt es Stellen in den Kate Bush-Liedern, die ich seit Jahren vor mich hin singe. Und dann habe ich 2013 gedacht, ich mach was damit und das hat auch ganz gut geklappt. Es ist trotzdem immer eine Gratwanderung zwischen Popmusik und meiner Arbeit. Ich brauche auch Popmusik dafür, ich kann das nicht nur mit klassischer Musik oder moderner Musik machen. Aber bei Kate Bush ist es sehr schwierig einzuschätzen. Es gibt Lieder, die mir sehr gut gefallen und plötzlich kippen die Lieder in eine andere Richtung, was sicherlich auch zu ihrer Kunst gehört, was ich dann aber nicht mehr gebrauchen kann. Es ist schwierig.

Achim: Es geht in der Musik von Kate Bush ja oft um die existenziellen Fragen des Lebens – wer bin ich, wie finde ich meinen Platz in der Welt, wie gehe ich mit Vergänglichkeit um. Das sind ja Themen, die bei ihr immer wieder auftauchen. Hat Sie das gereizt?

Marco: Das sind ja Themen, die wir alle haben, natürlich. Im Moment ist eine Phase, die nicht so einfach ist in meinem Leben, weil mein Vater sehr schwer krank ist. Und ich habe etwas Tiefes gesucht und trotzdem auch das Traurige. So empfinde ich das in meiner Arbeit und so ist es auch in der Musik von Kate Bush. Jede Kunst, die so tief geht, die sich dem stellt, hat immer auch eine Erlösung in sich und auch etwas Versöhnliches.

Achim: „Kiss a Crow“ heißt Ihre Choreographie, ich schätze sie ist als Drittel des Abends ungefähr 25 Minuten lang. Welche Songs kommen da drin vor?

Marco: Ich habe witzigerweise weniger von den alten Sachen benutzt. Es gibt natürlich auch Hits, die nicht zu benutzen sind, weil sie uns einfach mit etwas anderem verbinden. Ich habe „Jig of Live“ eingebaut, weil das mit dem irischen Touch ein bisschen in die Irre führt.

Achim: Da geht es ja darum, dass man der eigenen Zukunft eine Chance gibt.

Marco: Okay. Ich habe den Song immer geliebt. Weil es Assoziationen mit irischem Tanz gibt. Dann habe ich „Sat in your Lap“ in das Programm eingebaut.

Achim: Ein sehr wilder Titel, in dem es wieder um existenzielle Fragen geht, darum, wie man im Leben weiterkommt.

Marco: [nickt] Dann kommt „Snowflake“ von einem der späteren Alben vor.

Achim: Ah, sehr schön! Etwas ganz Ruhiges, Meditatives – Musik, in der man in der Nacht steht, der Schnee fällt. Musik, in der eigentlich der Tod um jede Ecke schaut.

Foto: Bettina Stöß

Marco: Dann habe ich noch einen Teil von „Among Angels“, auch von dem Album. Aber da bin ich noch nicht ganz sicher, das probiere ich gerade im Tanzstudio. „Snowflake“ ist sehr lang, da habe ich das Gefühl, ich verzettele mich vielleicht, da wird das so ein bisschen „dämpfig“. Und am Schluss kommt „Get out of my House“.

Achim: Die Shining-Paraphrase!

Marco: [lacht] Und es funktioniert!

Achim: Da frage ich mich sofort, ob es zwischen den Liedern in Ihrer Choreographie einen roten Faden gibt, den sie drumgewunden haben?

Marco: Nein, nicht von der Aussage und von den Texten her. Es ist reine Gefühlssache, was musikalisch da passen könnte.

Achim: Was reizt Sie denn ganz speziell als Choreograph an der Musik von Kate Bush? Ist es für Sie einfach Musik, die interessant ist, die sich abhebt vom Pop, die anders ist?

Marco: Als Erstes reizt mich natürlich das, was mich damit verbindet. Ich habe früher als junger Choreograph oft Musik benutzt, die grausig war, nur weil ich dachte, ich mache mich damit interessanter oder künstlerischer. Bis ich irgendwann in den letzten Jahren bemerkte, wenn ich die Musik benutze, die mir persönlich etwas bedeutet, dann ist es immer richtig. Dann ist es auch egal, was es ist. Hauptsache, es hat etwas mit mir zu tun.

Achim: Dann passt es zu einem selbst. Ich glaube auch, es passt auf eine andere Art. In der Musik von Kate Bush habe ich immer das Gefühl, sie kehrt ihr Innenleben nach außen. Das empfinde ich auch bei Ihren Choreographien. Es sieht so aus, als ob die ganzen Tänzer alles von sich preisgeben.

Marco: Das Risiko muss man eingehen, auch wenn man natürlich dadurch verletzlich wird. Ich habe das bei mir auch, das Menschen das nicht mögen, das ist auch okay. Wenn ich in Youtube bei Kate Bush geschaut habe, wieviele hunderte Daumen nach oben so ein Clip hat, aber eben auch nach unten!

Achim: Ja, sehr kontrovers manchmal! Es gibt Songs von ihr, die ich nicht so mag und welche, die ich jeden Tag hören könnte. Wie ist es, wenn Sie eine Choreographie entwickeln? Haben Sie zuerst die Musik im Ohr oder haben Sie zuerst eine Vorstellung, was Sie auf die Bühne bringen wollen?

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Foto: Achim Riehn

Marco: Ich habe nur mein tägliches Ins-Studio-Gehen. Dann ist da erstmal ein Tänzer, den ich auf den Probenplan gesetzt habe, der kommt an dem Tag und dann fangen wir an mit Schritten. Dann habe ich vielleicht ein, zwei Lieder im Kopf oder auf CD mit oder im Computer. Wir probieren das langsam aus und so wächst es weiter.

Achim: Iterativ geht es voran?

Marco: Eine ganz mühevolle, zehrende, schreckliche Arbeit oft. Je mehr Erfolg man hat und je mehr man gemacht hat, desto kritischer und brutaler wird man mit sich selbst und das ist schon eine harte Angelegenheit.

Achim: Was bedeutet der Titel „Kiss a Crow“? Das klingt nach Naturerlebnis. Haben Sie vielleicht die vielen Krähen inspiriert, die hier in der Eilenriede [der Stadtwald von Hannover] überwintern?

Marco: Ja, das ganze Stück hat damit zu tun. Ich wohne ja noch nicht so lange hier, aber Gustav und ich wohnen direkt an der Eilenriede. Diese langen Spaziergänge da mit ihm, das ist das Beste. Im Stück ist alles, was mir da in den Sinn kam oder was ich für Gefühle oder Ängste hatte oder da gesehen habe. Auch die Krähen natürlich, die da „rumwachen“. Eine Krähe zu küssen ist sicherlich unmöglich, vielleicht genauso unmöglich, wie jemand anders zu küssen.

Achim: Aber es sind ja sehr intelligente Tiere. Wenn man ihnen Geschenke bringt, Nüsse zum Beispiel an einen festen Platz, dann findet man da irgendwann auch einmal Geschenke von ihnen, eine Maus vielleicht.

Marco: Ja, es sind tolle Tiere. Ich habe so das Gefühl, die hüpfen und sitzen da oben in den Bäumen und gucken Gustav an. Sie haben natürlich auch irgendwas ….

Achim: Dunkles.

Marco: Ja.

Achim: Könnte eine Inspiration vielleicht auch Edgar Allan Poes „Der Rabe“ gewesen sein?

Marco: Nein. Aber gestern hatte ich auch so eine Idee. Da hat jemand gesagt, „wie Edgar Allan Poe, mit dem Mantel des Teufels“. Das kannte ich aber überhaupt nicht. Mit Poe habe ich mich nicht so viel beschäftigt.

Achim: Er ist in der Literatur ja ein bisschen so, wie es Kate Bush in der Musik ist – ein bisschen merkwürdig, unheimlich.

Marco: Ja, genau! Anselm Kiefer hat mal gesagt, ein Kunstwerk, das nicht auch etwas Bedrohliches ausstrahlt, das ist keines.

Achim: Eine Freundin von mir war zu einem Probenbesuch hier und sie hat mir danach über Ihre Choreographie gesagt „Faszinierend, aber irgendwie verstörend unheimlich“.

Marco: Ja, hoffentlich! [lacht]

Achim: Sie können das also nachvollziehen?

Marco: Ja, ich beantworte das mit Anselm Kiefer. Es ist so, es hat immer etwas Bedrohliches. Aber es hat auch immer etwas mit Versöhnlichem zu tun. Es gibt in der Musik von Kate Bush Momente, jetzt in dem Stück, die auch versöhnlich, die tröstend sind.

Achim: Auf ihrem letzten Album sind ja so ganz unheimliche, lange Stücke drauf. „Snowflake“ hatten Sie ja schon erwähnt. „Lake Tahoe“, ganz dunkel, dann „Misty“, über die Liebe zu einem Schneemann, die vergebliche Liebe natürlich. In dem Album geht es ja eigentlich nur um Vergänglichkeit.

Marco: Dieses Album [„50 words for snow“] hat sie wohl nur für sich gemacht, glaube ich. Das war ganz privat. Das ist bei mir schwierig, weil ich natürlich das direkte Publikum habe. Ich hoffe, ich komme mal irgendwann so weit. Noch möchte ich auch geliebt werden dafür, das ist immer das Fatale bei so einer Arbeit, weil es nicht möglich ist, von allen geliebt zu werden. Aber das ist so ein naiver Hintergedanke, dass man damit Liebe bekommt.

Achim: Ich glaube, Hannoveraner sind ein bisschen zurückhaltend zuerst, sie schauen sich alles erst einmal an.

Marco: Bist Du Hannoveraner?

Achim: Ich wohne schon sehr lange hier, bin gebürtiger Niedersachse, das ist von der Art her ungefähr gleich.

Marco: Das ist nicht so einfach hier, das muss ich sagen.

Achim: Aber wenn die Leute einen erst einmal ins Herz geschlossen haben, dann werden sie für immer Ihnen gehören.

Marco: [lächelt] Ich gehe jetzt ein halbes Jahr in ein Café hier in der Nähe. Es hat echt gedauert, bis die einen anlächeln, obwohl die mich jeden Tag sehen.

Achim: Ja die Menschen hier können manchmal besonders stur sein!

Marco: Ja? [lautes Lachen]

Achim: Drei Choreographien gibt es an dem Abend, die sind alle musikalisch und darstellerisch ganz unterschiedlich. War das von Anfang an beabsichtigt oder hat sich das im Laufe der Arbeit ergeben?

Marco: Also ich habe dem ersten Choreographen, dem jungen Choreographen Emrecan Tanis, einfach eine Carte blanche gegeben, er konnte machen was er will. Dann hatte ich den Jahrhundertchoreographen Hans van Manen dabei mit einem Stück aus seinem riesigen Repertoire. Hans van Manen ist unser aller Meister in seinem Minimalismus. Von ihm habe ich viel gelernt. Mir war wichtig, dass es keinen Rahmen gab, sondern jeder seine dreißig Minuten, seinen Moment haben konnte. Und das Publikum kann sich aussuchen, was für den Einzelnen am meisten stimmt.

Achim: Ich finde das sehr reizvoll, weil es drei ganz unterschiedliche Sachen sind.

Marco: Ja, da haben die Leute was zu quasseln. Da können sie sagen „das war aber schlimm“ und „das war toll“ – oder umgekehrt.

Achim: Ich liebe das. Aber ich gehe nie zu Premieren, weil ich da immer mitfiebere. Ich habe für eine spätere Vorstellung Karten, dann schaue ich mir das an.

Marco: Okay, gut!

Beim Hinausgehen in den sonnigen Tag plauderten wir noch angeregt weiter. Kommt Kate Bush zur Premiere? Wir glauben nicht, aber die Vorstellung an sich ist schön. Beim Verabschieden klappte es mit dem Duzen bei mir endlich und draußen dachte ich mir, dass ich als Hannoveraner an spontaner Offenheit noch ein bisschen arbeiten muss. Aber bei einem nächsten Interview kennen wir uns ja. Ich durfte einen Menschen kennenlernen, der seine Choreographien ganz tief aus seiner Seele schöpft, der sich in seiner Arbeit nach außen kehrt. Wer sich so für sein Publikum öffnet, der ist ein besonderer Mensch. Wenn er die Krähe Hannover küsst, dann wird sie es lieben.

Nach der umjubelten Premiere am 22. Februar geht es am 4. März mit den Vorstellungen weiter. Termine gibt es bis zum 30. Juni. Weitere Infos hier.

Musik von einem anderen Stern

Wenn Kate Bush der Fixstern im musikalischen Universum ihrer Fans ist, dann verstehen das einige ihrer Fans wortwörtlich. So gibt es im Netz zahlreiche Seiten, auf denen aus einem Bezug zu New Age-Themen sehr schnell die verworrensten Theorien werden. Die absurdeste davon: Kate ist eigentlich gar nicht Kate sondern die Reinkarnation eines Außerirdischen vom Stern Sirius, auch Hundsstern genannt (womit man schon den Bezug zu Hounds of Love hätte) und passenderweise auch der hellste Stern am Himmel. „Die sirianischen Seelen kommen in vielen Aussehensformen vor, die meisten als Delphine und Wale“, heißt es ganz ernsthaft auf einer Seite, die nicht unbedingt dem Song Moving gewidmet ist. Und kommt man nicht als Wal oder Delphin auf die Erde (die Entfernung beträgt übrigens schlappe 8,6 Lichtjahre), dann eben als Reinkarnation: „Eine weitere Art, in welcher die Sirianer als physische Form auf der Erde erscheinen, ist als Mensch. Das sind Wesenheiten, die ihre überwiegende Lebenszeit in einem sirianischen Körper verbrachten, aber gewählt haben, als Erdenmenschen, entweder von Geburt an, oder als so genannte Walk-In Seele.“ Praktisch. Dass Kate ihre überwiegende Lebenszeit in einem sirianischen Körper verbringt, diese Erkenntnis verdanken wir dieser Seite. Glücklicherweise sind die Macher der Seite nämlich in der Lage, mit den Sirianern zu kommunizieren. Sie stellen Fragen, die Sirianer antworten – allerdings nicht unbedingt auf die konkreten Fragen. Immerhin erfahren wir von „37Zku95c Velnloch”, einem hochrangigen Vertreter der Sirianer: „By living people we can say that the English pop singer Kate Bush and the Norwegian UFO researcher Knut Åsheim are incarnated from the Sirius system.“ Natürlich hat Kate all das selbst ausgelöst, wie Ufologe Robert Moore ernsthaft in seinem 17-seitigen Essay „The Kate Bush Mysteries“ nachweist. Schließlich war sie es, die Anfang der 1980er Jahre über eine Ufo-Sichtung in Schottland gesprochen hat. Und: Natürlich sind ihre Songs voll von Andeutungen über Ufo-Sichtungen und außerirdisches Leben. So geht es beispielsweise in Strange Phenomena natürlich um Astrologie, Reinkarnation und Ufos.

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Und weil sie in Them Heavy People den Esoteriker George Ivanovich Gurdjieff erwähnt, sich später in Cloubusting auf den Psychoanalytiker Wilhelm Reich bezieht, in King Of The Mountain Elvis wieder zum Leben erweckt oder in Hello Earth ihre Ufo-Sichtung verarbeitet („I get out of my car/Step into the night/And look up at the sky/And there’s something bright/Traveling fast/Look at it go/Look at it go“), wird sie im Buch „Abduction“ von Jenny Randles 1988 kurzerhand zur Präsidentin einer Ufo-Gruppe eines westlichen Landes erhoben. Geheime Botschaften vernehmen wir nach Robert Moore noch in vielen anderen Songs von Kate. In den Lyrics zu Violin taucht das Wort „Banshee“ (Frau aus dem Feenreich, Geisterfrau) auf, auf der Cover-Rückseite von Never for Ever wird Kate als „bat-woman“ abgebildet. Das sie vorher schon zu Kite auf The Kick Inside auf dem Back-Cover durch die Lüfte schwebt, ist dem Autor wohl durchgegangen. Dazu passt vermutlich auch, dass Nick Price, der unter anderem das Cover für NFE entworfen hat, Kate für das Tourprogramm als Sky-Lady gezeichnet hat. Oder: Weil Wuthering Heights in einer Vollmondnacht geschrieben worden sei, tauche in Strange Phenomena auch die Textzeile „Soon it will be the phase of the moon/When people tune in“ auf und deswegen würde bis hin zu December will be magic again auch der Mond immer wieder auf den Covern auftauchen. Noch verrückter wird es, wenn besagte Nacht, zu der Wuthering Heights geschrieben wurde, der Vollmond natürlich im Sternzeichen des Löwen stand und sich somit erklären ließe, warum eine LP Lionheart heißt und bei December will be magic again der Weihnachtsmann als Löwe dargestellt wird. „Zu den Formen paranormaler Phänomene in Bushs Texten gehören Auren, Geister und Out-Of-Body-Erfahrungen, Spiritualismus, vergangene Leben, Reinkarnation und Karma“, schreibt Ufologe Robert Moore weiter. Immerhin kommt er nach eifrigen Recherchen zu dem Ergebnis, dass die Geschichte aus dem Buch „Abduction“ sich nicht belegen lässt und auch die Geschichte, Kate sei eine Gesandte der Sirianer, hält selbst er für bekloppt.

Jon Kelly versteigert Kate-Raritäten

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Um ein Schulprojekt in Südafrika zu unterstützen, hat Kates früherer Produzent Jon Kelly tief in sein Plattenarchiv gegriffen und ein paar Schätze ans Tageslicht befördert, die jetzt auf Ebay meistbietend versteigert werden. Dabei handelt es sich durchgängig um Testpressungen, die Kelly zum Probehören erhalten hat. Im Angebot sind eine White Label-Pressung von The Kick Inside, Never For Ever als White Label Doppel-LP mit jeweils einer abspielbaren Seite, die Single Breathing, ebenfalls als Pressung mit je einer Vinylscheibe für A- und B-Seite,  die Single Hammer Horror (nur als A-Seite) sowie Breathing als Demo. Als besonderer Leckerbissen wird eine „second cut“-Version von Sat In Your Lap (auf dem Label als Sat In My Lap benannt) als Acetat angeboten. Der second cut soll nach dem endgültigen Mix und vor dem Mastering entstanden sein. Wer auf Ebay mitbieten will muss sich beeilen – die Angebote laufen diesen Sonntag aus. Die Preise liegen aktuell zwischen 17 Pfund (Breathing-Demo)  und 375 Pfund (SIYL-Acetat). Die Angebote findet man in der Übersicht hier.

12 Kate-Momente: Februar

© bugi

Der letzte Abend in Peru. Wir ziehen durch Cusco, gehen erst Essen und landen danach in einer kleinen Bar. Es ist spät, am nächsten Tag müssen wir früh raus. In der Kneipe ist es schummrig, es gibt eine sehr nette Bedienung und es bleibt nicht nur bei einem frisch gemixten Pisco Sour. Im Hintergrund spielt ’ne Band und es wird getanzt. Leider nicht zu Kate. Das Foto entsteht mitten auf der Tanzfläche, ich liege auf dem Boden, Kamera nach oben. Als ich das Ergebnis sah, war ich erst enttäuscht. Die Unschärfe, die Reflexion, der Rotschimmer machen das zunichte, was ich dachte einfangen zu können. Beim zweiten Blick bin ich überrascht – die eingefangenen Bewegungen, das Licht lassen mich auf einer Tanzfläche in Cusco an Kate denken. Die roten Schuhe hatte ich leider nicht dabei, sonst hätte ich vielleicht doch mitgetanzt. And this curve, is your smile. And this cross, is your heart. And this line, is your path. Really happening to ya. They can’t stop dancing …

Klingende Postkaten mit Kate

Die polnischen Klangpostkarten: oben Blow Away, unten All We Ever Look For, Delius und Wuthering Heights
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Inzwischen sind sie ziemlich rar geworden: die Klangpostkarten aus Polen. In den früheren Ostblockländern waren sie ziemlich weit verbreitet, produziert wurden sie insbesondere in Polen und Ungarn. Die Postkarten waren oft mit einer Plastikschicht mit Rille überzogen und konnten so auf dem Plattenspieler abgespielt werden. Ein Song passte so auf eine Postkarte, die auf der Rückseite mit einem (oft lieblosen) Motiv als Ansichtskarte verziert war und natürlich ausreichend frankiert auch verschickt werden konnte. Beliebt waren die Klangpostkarten auch deshalb, weil sich die Macher illegal an westlicher Popmusik vergriffen. Das schon in den 60ern, als die Beatles aufkamen. Aber auch in der 80ern bediente man sich noch bei den Größen des Musikgeschäftes und so gab es beispielsweise vom polnischen Verlag Krajowa Agencja Wydawnicza (KAW) mindestens sechs Karten mit Musik von Kate, die in einem einheitlichen Layout erschienen sind. Zu den Songs Wuthering Heights, Babooshka, Blow Away, Delius (Song of Summer), All We Ever Look For und Egypt wurde als Ansichtsseite jeweils ein Bild des polnischen Künstlers Kazimierz Mikulski verwendet. Der 1998 in Krakau verstorbene Mikulski war Maler, Bühnenbildner, Schauspieler und Illustrator und stand dem Surrealismus nahe. Natürlich handelte es sich bei den Flexidisk-ähnlichen Pressungen nicht um legale Musik-Veröffentlichungen, auch wenn der Verlag in Polen nicht ganz unbekannt war und sich zudem noch bei Werken eines polnischen Künstlers bediente. Die musikalische Qualität der abzuspielenden Postkarten dürfte eher bescheiden gewesen sein, ähnlich wie bei den russischen Flexi-Disks (Schallfolien), die aus einfachem Material gefertigt waren und die eher als Wegwerfobjekt betrachtet wurden, dafür aber, wie Michael auf seiner Seite hier beschreibt, oft sehr schön produziert wurden, wie zum Beispiel bei der transparent-blauen Flexi Babooshka. Die Songauswahl war auch bei den Flexis oft erstaunlich, so listet Micha etwa Exemplare wie Ken, The Fog oder One Last Look Around The House Before We Go. Die Babboshka-Flexi taucht bei Ebay immer wieder auf, ist aktuell für 20 bis 25 US-Dollar zu erwerben. Andere Flexis sind deutlich seltener, die Postkarten hingegen sind kaum noch zu bekommen. Schallfolien gab es übrigens auch in Deutschland, meist zu Werbezwecken, durchaus aber auch als Beigabe in Musikzeitschriften. Von den Exemplaren dürften auch nur wenige überlebt haben.

Das Song-ABC: Moments Of Pleasure

„Moments of Pleasure“ gehört für mich zu den bewegendsten Liedern von Kate Bush. Es ist das, was ich ein „Erinnerungslied“ nenne, eine Kategorie von Songs, die bei Kate Bush häufiger vorkommt. Titel wie „Blow Away“, „A Coral Room“ und „Among Angels“ gehören dazu. Es sind ruhige, melancholische Balladen, in denen an Vergangenes, unwiederbringbar Verlorenes, an Verstorbene erinnert wird. Meist sind diese Songs sparsam instrumentiert, nur mit Klavier und Streichern. Auch „Moments of Pleasure“ ist so ein trauriger Blick zurück. Kate Bush selbst sagt es so: „It’s to show just how precious life is and all those little moments that people give you. And that’s how people stay alive, through your memories of them.“ [5] Es ist ein Song, „der allzu flüchtige Momente der Freude heraufbeschwört und am Ende in einer traurigen Aufzählung […] verstorbener Weggefährten gedenkt“ [1]. Graeme Thomson hat dieses Liste durchleuchtet [1], es finden sich da Kate Bushs Tante Maureen, Alan Murphy (‚S Murph’), Gary Hurst (‚Bubba’), Bill Duffield (der Lichttechniker war während der ‚Tour of Life’ verunglückt) und John Barrat (dessen Spitzname ‚Teddy‘ aus der Kinderserie ‚Andy Pandy‘ stammt), Tonassistent bei den Aufnahmen zu ‚Never for ever‘ und ‚The Dreaming‘.
Ein weiterer wichtiger Name ist der von Michael Powell, dem Regisseur des Tanzfilms ‚The red Shoes‘. Diese Film ist einer von Kate Bushs Lieblingsfilmen [1]. Kate Bush hatte Powell kurz vor dessem Tod gefragt, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit habe [1]. Beim Besuch in New York im späten Frühjahr 1989 gab es ein Treffen, draußen fegte dazu ein später Schneesturm über die Stadt hinweg [1]. Diese Szene findet sich in den Lyrics des Songs wieder. Der Regisseur war da 84 Jahre alt, vom Alter gezeichnet, sehr gebrechlich. En Jahr später ist er gestorben. Die Bedeutung dieser Begegnung schildert Kate Bush in bewegten Worten: „I was very lucky to get to meet Michael in New York before he died, and he and his wife were extremely kind. I’d had few conversations with him and I’d been dying to meet him. As we came out of the lift, he was standing outside with his walking stick and he was pretending to be someone like Douglas Fairbanks. He was completely adorable and just the most beautiful spirit, and it was a very profound experience for me. It had quite an inspirational effect on a couple of the songs.“ [6] Dieses Treffen muss Kate Bush sehr beeindruckt haben, was sich allein schon am Titelsong „The red Shoes“ des darauf folgenden Albums ablesen lässt.

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Die Erwähnung von Kate Bushs Mutter Hannah Bush wird oft so aufgefasst, als ob sie auch zu den Personen gehört, an die erinnert wird. Der Song ist aber nach Thomson Mitte 1991 aufgenommen worden, vor Hannah Bushs Tod [1]. Sie wird im Text mit einer ihrer Spruchweisheiten erwähnt: ‚Every old Sock meets an old Shoe‘ [1]. Hannah Bush starb dann während der Entstehungszeit des Albums, was dieser Erwähnung tragische Tiefe verlieh. Der Song existiert in zwei Fassungen, die Originalfassung findet sich auf „The red Shoes“. Hier beginnt es mit zarten Klavierklängen, die Gesangsstimme ist präsent im Vordergrund, dann kommt ein Streicherteppich hinzu. Möventöne sind im Hintergrund bei „into another moment“ zu hören. Der Chorus „Just being alive / It can really hurt“ wird fast herausgeschrieen, die Stimme ist hier voller Emotion, die Worte „treffen den Hörer wie ein Hammer“ [1]. Ron Moy [2] konstatiert, das dies den Trauerprozess genauer und ökonomischer zusammenfasst, als es jemals eine blumige poetische Lobrede schaffen könnte. Zum Schluss hinter den Erinnerungen klingt die Musik aus, sie verebbt quasi. Eine fast verzweifelte Stimmung herrscht von Anfang bis Ende.
In der musikalischen Gestaltung lenkt nichts von der inhaltlichen Aussage ab. Der Takt ist ein reiner 4/4-Takt, die Tonart ist ein reines Des-Dur [3]. Tonverbindungen über Taktschwerpunkte hinweg sorgen für einen schwebenden, schwerelosen Eindruck [3]. Die Tonart Des-Dur steht gemäß Beckh [4] für den Ausdruck des Allerhöchsten. Ein eigenartiger Abgrund zwischen Höhe und Tiefe scheint sich innerhalb dieser Tonart aufzutun. Diese Tonart ist wie ein Gebet aus der Tiefe, das fast hoffnungslos nach den verlorenen Lichteshöhen emporblickt (z.B. Beethovens ‚Appassionata‘), sie kann aber auch ein ernstes, feierliches Weihegebet sein (z.B. in Bruckners 8. Sinfonie) [4]. Alle diese Gefühle und Stimmungen finden sich in Kate Bushs Song wieder. 

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Die Fassung auf „Director‘s Cut“ intensiviert diese Gefühle noch einmal. Das Klavier klingt nun tiefer, ruhiger. Auch die präsente Stimme ist tiefer, ruhiger, langsamer. Es gibt keine Streicherteppiche mehr. Der ganze Song ist viel mehr in Moll, in Dunkelheit getaucht. Töne verhallen, als ob sie in die Unendlichkeit hinein verdämmern. Der Chorus hat nun seinen Text verloren, die Melodie wird durch einen Chor gesummt. Dieser Summchor erinnert mich an den Summchor aus „Madame Butterfly“ von Puccini, dort wird er in einer Szene eingesetzt, in der die Titelfigur gewahr wird, dass ihr Geliebter sie verlassen hat und nicht mehr kommen wird. So wie dort ist die Stimmung auch in „Moments of Pleasure“ tieftraurig. Kate Bush ist nun zwanzig Jahre älter, sie muss die Fassungslosigkeit über den Verlust nicht mehr in Worte fassen. Es gibt zu viel davon, wenn man älter wird. Zur Textzeile „it‘s just started to snow“ erklingen auf einmal höhere Klaviertöne, so als ob Schneekristalle herabfallen. Bei „And I can hear my mother saying“ bricht die Stimme fast, dies ist nun eine wieder gegenwärtige Erinnerung, ein Satz der verstorbenen Mutter aus der Vergangenheit. Die Liste der Toten musste Kate Bush am Ende leicht kürzen, denn „offenbar erwies sich der bereits aufgenommene  Piano-Track als ein klein wenig zu kurz und sie musste auf jemanden verzichten“ [1]. Maureen und Bill Duffield fehlen nun.
Der Song hat die verzweifelte Grundstimmung der ersten Version verloren. Er ist nun in ein Dämmerlicht getaucht, er ist zu einer zeitlosen Elegie geworden. Graeme Thomson [1] schreibt es sehr treffend: „Als das üppige Streicherarrangement des Originals wegfiel, bekam der winterliche Text mehr Gewicht und es wurde so ein persönliches Stück über den Verlust liebgewonnener Menschen, dass man den Schnee im Hintergrund fallen hören konnte.“ Es singt nun jemand, der den Schock der Verluste öfter erlebt hat und der ihn nun für einen unausweichlichen Bestandteil des Lebens hält. Das Nichtakzeptieren in der ersten Fassung ist gewichen. Nun ist das Lied auf eine stille Art und Weise verstörend und bewegend. Die Weiterentwicklung von Kate Bush in diesen zwanzig Jahren zwischen den beiden Fassungen bringt Siobhan Kane [8] für mich auf den Punkt: „This version is even more poignant, for the fact that there is more loss, yet the choir that hums along elevates us sky-high, gently–and takes Bush into another realm, sharing space with someone like Puccini and his Hummingbird Chorus. She shares a common ground with opera in terms of its expansiveness, turning people’s everyday lives and stories into great art, for we are all epic, in a way, aren’t we?“
Wie soll man diese Details über diesen bewegenden Song zusammenfassen? Ich kann dem Fazit von Ron Moy [2] fast nichts hinzufügen: „The humanism, affectism and grounded spirituality of this song quite overwhelmed me upon first listen. Indeed, it is one of the few songs that carry such an emotive charge that I have to be careful when I choose to listen to it. […] Relatively few songs have moved me to tears – but ‚Moments of Pleasure‘ did, and does.“ Ein letztes Wort zu diesem Song von Kate Bush selbst – die Essenz in einem Satz [7]: „I’m not talking about only pain or only ecstasy, but this notion that life is so precious. The moments of pleasure couldn’t exist without the sadness.“ © Achim/aHAJ

[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S321f und S.395f
[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.117
[3] Kate Bush: The red shoes (Songbook). Woodford Green. International Music publications Limited. 1994. S.31ff
[4]  Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.231ff
[5] Chrissie Iley: „Beating About The Bush“. The Sunday London Times. 12. September 1993
[6] Marianne Jenssen: „Rubber Souls“. Vox. November 1993
[7] Tom Moon: „A Return to Innocence“. Philadelphia Inquirer. Januar 1994.
[8] Siobhan Kane: „Album Review: ‪Kate Bush – Director’s Cut“, Consequence of Sound (Webseite), 24.05.2011. https://consequenceofsound.net/2011/05/album-review-kate-bush-directors-cut/ (gelesen 20.01.2020)

Kate auf dem neuen Uncut-Titel

Das englische Musikmagazin Uncut veröffentlicht in seiner Märzausgabe eine Titelgeschichte über Kate. Das Heft kann hier für 13 Euro inklusive Versand nach Deutschland bestellt werden. Die Märzausgabe kommt am 16. Januar auf den Markt. Für dieseTitelgeschichte hat Autor Peter Watts sich laut Uncut ausführlich der frühen Phase von Kates Karriere gewidmet und „hat nach dem Ursprung ihrer einzigartigen, sehr englischen Magie gesucht. Peters ausgezeichnetes Stück zeigt, wie Bushs eigenwillige Vision von Anfang an da war.“ Im Artikel soll es zudem Beiträge von Pat Martin, Glenys Groves, Duncan McKay, Peter Henderson, Roy Harper, David Paton, Brian Bath, Vic King and Joe Boyd geben. Passend dazu will Uncut das unveröffentlichte Transkript von Andy Gills Interview mit Kate aus dem Jahr 2011 veröffentlichen, in dem sie über ihre Kindheit und ihren frühen Erfolg sprach. Umgekehrt bedeutet das allerdings auch, dass es für die Titelgeschichte kein neues Interview mit Kate gab und keine Infos über mögliche neue Projekte zu erwarten sind.

12 Kate-Momente: Januar

© bugi

In der Bretagne, eine kleine Landzunge, von der aus man den Blick auf Port Louis hat, kurz vor Lorient. Etwas abseits des Ortes liegen die Boote, die verfallen. Ich sitze auf einer kleinen Mauer, schaue aufs Wasser, betrachte die Boote. Mir fällt das Bild „Fisherman and Boat“ von Joseph Edward Southall aus dem Aerial-Booklet ein. Dieses Boot wird nicht mehr ins Wasser geschoben. Und da ist plötzlich die Textzeile aus A Coral Room in meinem Kopf: Put your hand over the side of the boat – What do you feel? Es fühlte sich nach vielen Geschichten an, die das Boot erzählen könnte.

Kate als La Dame du Lac

Der französische Sänger und Harfenist Alan Stivell hat neben dem Song Kimiad ein weiteres Lied mit Kate aufgenommen. Stivell, der sich insbesondere der keltisch-bretonischen Musiktradition verpflichtet fühlt, hatte auf Einladung von Kate an The Fog (Harfe) und Between a Man and a Woman (Harfe und Backing Vocals) auf Kates Album The Sensual World (1989) mitgewirkt. Im Anschluss produzierte Kate für Stivell das Traditional Kimiad für sein 1993 erschienenes Album Again in klassischer Kate-Besetzung mit John Giblin am Bass, Charlie Morgan an den Drums und Alan Murphy an der Gitarre. Kate selbst sorgte für die Background Vocals und steuerte die Keyboards bei.  
In einem Interview mit „innerviews“ hat Stivell jetzt erzählt, dass er für sein bereits 1991 erschienenes Album The Mist of Avalon einen weiteren Song mit Kate aufgenommen hatte: The Lady of the Lake (La Dame Du Lac). Tatsächlich befindet sich auf dem Album allerdings eine Aufnahme mit Sängerin Polly Bolton. Dass die Originalversion nicht veröffentlicht wurde hatte laut Stivell damit zu tun, dass die Plattenfirma nicht rechtzeitig die Genehmigung zur Veröffentlichung erteilt hatte und Stivell, der bereits seit 1986 an dem Album arbeitete, den Veröffentlichungstermin nicht weiter verschieben wollte. Im englischen Kate-Forum gab es dazu noch eine andere bemerkenswerte Randnotiz, die rblazon herausgefunden hat: die englischen Lyrics von La Dame du Lac stammten von Kates Bruder John Carder Bush, der auch den Text zu dem Song Guinevere geschrieben hat, an dem ebenfalls John Giblin und Charlie Morgan mitgewirkt haben. Teile der Platte wurden in Kates Tonstudio eingespielt, dabei dürfte es sich um diese beiden Songs handeln. Die Originalversion von La Dame du Lac ist bis heute nicht veröffentlicht worden.

Frohe Weihnachten

Seit genau sieben Jahren besteht dieser Blog und passend dazu gab es in den letzten Tagen den anderthalbmillionsten Besucher auf dieser Seite, das macht etwas mehr als 200.000 Besucher im Jahr. Eine verblüffende Zahl, erst recht in Zeiten, in denen man sich eher in den sozialen Medien tummelt und nicht so sehr auf statischen Webseiten. Danke für die jahrelange Treue. Danke an alle, die mit ihren Beiträgen zu dieser Webseite beitragen, danke an alle, die Anregungen geben, auch, wenn sie vielleicht nicht immer umsetzbar sind. Ich wünsche Euch frohe Feiertage. Kommt gut ins neue Jahrzehnt. Und da Kate bekanntlich eher in Dekaden denkt und veröffentlicht, wünsche ich uns allen, dass wir im kommenden Jahr endlich wieder neue Musik von ihr bekommen.
Burkhard

Das Bild des Monats: Dezember

© Sjaak Vullings

„Manchmal“, sagt Sjaak, „wollen wir alles sofort, müssen aber warten, bis wir auch tatsächlich bereit dafür sind.“ Bei Suspended in Gaffa geht es für Sjaak um das Gefühl, man sei unbeweglich, ist in einer Art Klebeband gefangen und kann sich nicht mehr bewegen. „Es ist wie in einem schlechten und anstrengenden Traum, in dem man sich in Zeitlupe abmüht, an einen anderen Ort zu gelangen, und man das Ziel einfach nicht erreichen kann “
Suddenly my feet are feet of mud.
It all goes slo-mo.
I don’t know why I’m crying.
Am I suspended in Gaffa?
Not until I’m ready for you,
Not until I’m ready for you
Can I have it all.

Die Füße, die Sjaak fotografiert hat, sind Teil einer Kunstskulptur im Museum „The Pont“ in Tilburg. Sjaak hat das BIld so beschntten, dass die ganze Aufmerksamkeit auf die Füße ausgerichtet wird, sie scheinen zu schweben, aber obwohl sie vom Boden abheben, sind sie bewegungslos. Und er hat erkennbar mit der Farbe gespeilt, um den „matschigen“ Ton zu treffen. Feet of mud.
Würde man das Bild auf den Kopf stellen, könnte es sich für Sjaak auf die Tarot-Karte „Der Erhängte“ beziehen. Übrigens eine Trumpfkarte, weil man so eine bessere Position hat, „um die Dinge vielleicht anders zu betrachten, aus einer anderen Perspektive, um sie dann klarer zu sehen.“

Wer den Beitrag über Sjaak verpasst hat, kann hier mehr über ihn erfahren.

Das Song-ABC: Suspended in Gaffa

Das Album „The Dreaming“ ist voll von bemerkenswerten Songs, die die Grenzen des konventionellen Pops ausweiten. „Suspended in Gaffa“ ist da keine Ausnahme. Schon der Rhythmus ist selten in der Popmusik. Der Song ist ein beschwingter, schneller Tanz im Dreivierteltakt, der in den Strophen vom Klavier vorangetrieben wird. Der Strophentext wird von Kate Bush fast sich überschlagend schnell gesungen, das macht einen zungenbrecherischen Eindruck. Selten wird in einem Song von Kate Bush in so kurzer Zeit so viel Text untergebracht. Die Gesangsstimme ist dabei eher tief, ein typischer Chor aus Kate-Stimmen in der hohen Lage bildet dazu den Gegenpol. Vor den Chorus-Abschnitten klingen verzerrte Sätze hinein, halb gesprochen, halb gesungen (z.B. „Mother, where are the angels? I’m scared of the changes“ [10]). Im Gegensatz zu den Tanzstrophen sind die Chorus-Abschnitte stark rhythmisch betont, vorwärtsdrängend. Hier überlagert ein Marsch den schnellen Tanz und peitscht das Geschehen voran. Die Stimme von Kate Bush klingt auch in der tiefen Lage voll, rund und beherrscht.
Worum geht es in „Suspended in Gaffa“? Im Leben bemüht man sich darum, Dinge zu erreichen und meist gelingt es nicht. Bei aller Mühsal erkennt man manchmal für einen ganz kurzen Moment das, was möglich wäre. Dann ist dieser Blitz wieder vorbei und es bleibt nur die Erinnerung. Man verzweifelt an sich und möchte den Lohn am liebsten ohne Mühe haben. Ausreden und Entschuldigungen werden gesucht. Aber das ist ein Verschließen der Augen, das funktioniert nicht, man muss sich weiter anstrengen. Nur dann kann das Ergebnis erreicht werden, mit dem man zufrieden ist.

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Kate Bush war zu diesem Song sehr offen und formuliert dies so: „It’s about seeing something that you want – on any level – and not being able to get that thing unless you work hard and in the right way towards it. When I do that I become aware of so many obstacles, and then I want the thing without the work. And then when you achieve it you enter … a different level – everything will slightly change. It’s like going into a time warp which otherwise wouldn’t have existed.“ [1] Das ist der Inhalt und für Kate Bush sollte man nicht mehr hineindeuten und nicht überinterpretieren. „But when you explain it […] it doesn’t sound like anything. The idea is much more valuable within the song than it is in my telling you about it. When you analyse it, it seems silly.“ [1]
Dieses Streben nach Vollkommenheit scheint tief aus der Seele von Kate Bush zu kommen. Offenbar musste sie dieses Gefühl aus sich herauslassen. Es ist einer der ganz wenigen Songs (der einzige Song?), für den Kate Bush einen autobiografischen Hintergrund einräumt: „Suspended in Gaffa is reasonably autobiographical, which most of my songs aren’t.“ [1] All dies wird in einer bilderreichen Sprache gesungen, voll mit Metaphern, auch Kindheitserinnerungen blitzen auf, der Hof, die Scheune, der Garten („Out in the garden there‘s half of a heaven“) [4].
Das Wort „Gaffa“ bedarf einer Erklärung. „Gaffa Tape“ ist ein viel verwendetes Klebeband. Wenn man sich darin mit den Füßen verheddert, dann ist man auch real in einer Situation, in der man nicht vorankommt. Es ist selten, dass Kate Bush ihre Bilder so offen erklärt. „‚Gaffa‘ is Gaffa Tape. It is thick industrial tape, mainly used for taping down and tidying up the millions of leads, and particularly useful in concert situations. Suspended in Gaffa is trying to simulate being trapped in a kind of web: everything is in slow motion, and the person feels like they’re tied up. They can’t move.“ [7]
Die Situation, dass man manchmal einen Blick auf das Vollkommene erhascht, es aber dann nie wieder sieht, findet sich in einer geheimnisvollen Textzeile wieder, die sich nur in Transkriptionen des Songs findet: „I caught a glimpse of god, all shining and bright…“ [10]. Auch dies erklärt Kate Bush freimütig (offenbar war es ihr wichtig, dass dieser Song so verstanden wird, wie sie ihn gemeint hatte): „I remember when I was at school, I was always told about purgatory as being the place that you went to and you saw a glimpse of God and then he went away and you never ever saw him again and you were in the most tremendous pain for the rest of eternity because you couldn’t ever see him again. And it’s a really heavy image, you know, especially for a child. And I think in many ways it’s a very similar thing, trying to get that back that thing that you really want to see again.“ [2]

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Für mich ist in diesem Song das Herz von Kate Bush übergelaufen, eine Emotion musste heraus. Die Inspiration kam sehr schnell, alles war auf einmal da, es gab kein langes Nachdenken und Überarbeiten. „When I wrote this track the words came at the same time, and this is one of the few songs where the lyrics were complete at such an early stage.“ [3] Den zungenbrecherisch schnell gesungenen Text hatte ich schon erwähnt, auch für Kate Bush war er eine Herausforderung. „Whenever I’ve sung this song I’ve hoped that my breath would hold out for the first few phrases, as there is no gap to breathe in.“ [3]
Der Song ist in einem reinen 3/4-Takt gehalten. Die Tonarten sind eine Mischung aus a-Moll und C-Dur, dabei stehen die Strophen eher in a-Moll, die Chorus-Passagen eher C-Dur [5]. Diese Tonarten unterstützen die Aussage des Textes, wenn man sich an den von Beckh gegebenen Bedeutungen orientiert. A-Moll ist eine schwermütige, poetische Tonart, es ist die Sehnsuchtstonart [6]. C-Dur steht für klares Licht, für nüchterne Klarheit [6]. Dass passt gut dazu, dass in den Strophen der Zweifel überwiegt, während im Chorus doch mehr entschlossene Klarheit über die Situation besteht.
„Suspended in Gaffa“ wurde als dritte Single aus dem Album ausgekoppelt, aber nur auf dem europäischen Kontinent und in Australien veröffentlicht (in Großbritannien fiel die Wahl auf „There goes a tenner“) [9]. Ein großer Chartserfolg war es nicht. Das Video zum Song wurde schnell aufgenommen. „The video of Suspended in Gaffa was to be done as simply and quickly as possible; as always with very little time to complete it in, the simpler the better. I saw it as being the return to simplicity, a light-hearted dance routine, no extras, no complicated special effects.“ [8] Es ist trotz dieser Einfachheit reizvoll und enthält sogar einen Auftritt von Kate Bushs Mutter [8].
„Suspended in Gaffa“ ist eine persönliches Stück, ein Blick in das Innere von Kate Bush. Ein fröhlicher Tanz gewährt einen Einblick. Der Song funktioniert sehr gut ohne Kenntnis dieses Hintergrunds, aber mit dieser Kenntnis gewinnt er noch erheblich dazu. Auch ein Tanzlied kann eben sehr tiefsinnig sein. © Achim/aHAJ

[1] Richard Cook: „My music sophisticated? I’d rather you said that than turdlike!“. New Musical Express Oktober 1982
[2] BBC Radio 1 Interview durch vermutlich David Jensen, Zeitpunkt unklar
3] Kate Bush: „About the dreaming“. KBC Ausgabe 12.
[4] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.21
[5] „Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.152ff
[6] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.71f (C-Dur) und S.78f (a-Moll)
[7] Kate Bush. KBC Ausgabe 16. Interview
[8] Kate Bush. KBC Ausgabe 13. Sommer 1983.
[9] https://en.m.wikipedia.org/wiki/Suspended_in_Gaffa (gelesen 26.11.2019)
[10] https://genius.com/Kate-bush-suspended-in-gaffa-lyrics (gelesen 26.11.2019)

Inspirationen für Director’s Cut

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So wie es für Songs und Texte von Kate oftmals bekannte Inspirationsquellen wie Filme und Bücher gibt, gilt das auch für viele Bilder von Kate. Am deutlichsten wird das bei der Gestaltung des Booklets für das Album Director’s Cut, wo sie sich gleich mehrfach an berühmten Vorbildern orientiert hat – so etwa am berühmten Foto, das den sowjetischen Filmregisseur Sergei Eisenstein („Panzerkreuzer Potemkin“) mit der Schere in der Hand beim Sichten von Filmnegativen zeigt. Kate hat das Foto für das Booklet detailgetreu nachstellen lassen, von der Schere in der Hand bis zum Schwarzweiß-Look, dem weißen Hemd, der Krawatte und selbst den Hosenträgern. Auch bei den weiteren Motiven hat sie sich bei einer berühmten Vorlage bedient – dem 1934 von Max Ernst veröffentlichten surrealistischen Collageroman „Une semaine de bonté“, der heute vielen als erste Graphic Novel gilt. Und wer sich über Kates Label Fish People wundert, kann neben dem vielleicht offensichtlichen Bezug zur englischen Science Fiction-Serie „Doctor Who“ genau bei den Zeichnungen von Max Ernst fündig werden, der Menschen mit Vogel- oder Fischköpfen abbildet.

Der in der Nähe von Köln geborene Ernst schloss sich 1919 der Kölner Dada-Gruppe an, lebte und arbeitete ab 1922 in Paris und wurde einer der bedeutendsten Künstler der surrealistischen Bewegung.  „Mit seinen Gemälden, Collagen Skulpturen schuf der Künstler rätselhafte Bildkombinationen, bizarre Wesen, die häufig Vögel darstellen, und phantastische Landschaften“, heißt es auf Wikipedia zu seinen Werken. In „Une semaine de bonté“ („Die Woche der Güte“) ist das ausführlich zu betrachten. Dabei hat sich Ernst hier selbst bei Vorlagen bedient: vorzugsweise bei Holzstichen aus dem 19. Jahrhundert von dem französischen Illustrator Gustav Doré. Spannend ist das Werk, weil Ernst in seinen Zeichnungen auf absurde Weise Themen wie Eifersucht, Tod und Mord aufgreift und es wie eine Vorahnung des drohenden Krieges wirkt (Ernst‘ Werke galten unter den Nazis als ‚entartete‘ Kunst), gleichsam wirkte das graphische Buch 1934 wie ein Versuch, dem sterbenden Medium Stummfilm neues Leben einzuhauchen. Kate hat sich erkennbar bei zwei der über 180 Motive aus „Une semaine de bonté“ bedient. Eines zeigt eine Szene in einem Zugabteil, das andere ein Paar beim Kuss. Handwerklich umgesetzt hat die Bilder Fotograf Tim Walker, der jetzt in der November-Ausgabe des Magazins „The World of Interiors“ in einem Beitrag die Max Ernst-Idee allerdings für sich reklamiert und erstmals die Location, an der die Fotos entstanden sind, benennt: Shotover Park in Wheatley in Oxfordshire. Den Park mit seinen herrschaftlichen Häusern aus dem 18. Jahrhundert hatte demnach Kate als passende Location ausgesucht („She had been fascinated by the house and ist romantic situation for years.“)  Entstanden sind die Bilder dann – wie man auch sehen kann – in einem verlassenen Nebengebäude der Anlage. Max Ernst ist seinen surrealistischen Motiven über Jahre treu geblieben. So gibt es ein etwa 1940/41 entstandenen Bild namens Marlene, das eine Frau umgeben von Vogelwesen zeigt und die Gesichtszüge von Marlene Dietrich zeigt, die genau wie Ernst während des Krieges in die USA ausgewandert ist.