Katemas: „Ein Stück Poesie im Herzen“

Von Beate Meiswinkel

Am 30. Juli 1958 wurdest Du geboren; Du feierst also dieses Jahr einen großen runden Geburtstag. Ich gratuliere Dir in diesem kleinen offenen Brief ganz herzlich, und ich hoffe, Du verbringst diesen Tag im Kreis Deiner Familie und Freunde und ganz so, wie Du es am liebsten magst.
Seit meinen Teenager-Tagen begleiten mich Deine Musik, Deine Texte – Deine Poesie – und die künstlerische Umsetzung derselben im Foto, im Video, in Mimik, Tanz, in großartigen Kostümen und auf der Bühne.
Genau wie Du bin ich vom Mädchen zur Frau herangewachsen, und während die Jahre ach so schnell vergingen, war Dein künstlerisches Schaffen stets etwas, das mich begleitet hat. Durch Schule und Ausbildung, hinein ins Berufs- und schließlich ins eigene Familienleben war Deine Stimme immer an meiner Seite. Der Alltag hat mich oft aufgefressen, die Pflichterfüllung, die Arbeit, das Erfordernis, meinen Lebensunterhalt zu verdienen…
Dunkle und helle Stunden wechselten einander ab, wurden zu Tagen, Monaten, Jahren. Rückblickend sehe ich Dich immer irgendwo in meinem Leben. Als Poster an der Wand, als Melodie in meinem Ohr, als ein Stück Poesie in meinem Herzen. Du bist eine, die etwas Wahrhaftiges zum Ausdruck bringt inmitten all des seichten Dahinplätschern des Lebens, das so voll scheint von leichthin Dahergesagtem, von Blitzlichtaufnahmen einzelner Erinnerungen, von Begegnungen, Erfahrungen, erblühenden und vergehenden Lieben, heranwachsenden Kindern: von gelebtem Leben.
Immer war und ist Dein Werk wie ein kleines Fenster in ein alternatives Universum für mich, das einen verheißungsvollen Blick gestattet in ein Erleben und Erfahren, das tiefer geht, irgendwie bunter ist und von echter Bedeutung. Manchmal habe ich mich Durch dieses Fenster hineinzwängen können in Deine Welt, um von den Blüten und Früchten zu kosten, die Du dort wachsen lässt. So manches habe ich mit in mein eigenes Leben hinüber genommen, so dass es auch etwas bunter und reicher werden konnte. Auch ein paar Samen, die Du mir in meine ausgestreckten Hände legtest, habe ich mitgenommen. Ich habe sie angepflanzt und sie sind aufgegangen, sind erblüht und haben Wurzeln geschlagen.
Dank Deines Mutes, als Künstlerin stets eigene Wege zu gehen, Dich nicht anzupassen, Dich niemals zu verbiegen oder unterkriegen zu lassen, hast Du mir Mut gegeben, ich selbst zu sein. Als ich jünger war, wäre ich lieber wie Du gewesen. Doch als ich Dir weiter, besser zugehört und zugeschaut habe, habe ich begriffen, dass Du Dir für mich, für uns, die wir Deine Musik so sehr lieben, etwas ganz anderes gewünscht hast. Du wolltest immer dazu ermutigen, authentisch zu sein, statt einem bestimmten Idol nachzueifern – auch nicht Dir. Du bist nicht in die Öffentlichkeit getreten, damit andere so werden wie Du, sondern damit Menschen ihre eigene Stimme und ihren eigenen Ausdruck finden können, so wie es ihrem ureigenen Wesen entspricht.
Zu Deinem Geburtstag möchte ich Dir dafür Danke sagen, in meiner eigenen Sprache, mit meinen eigenen Worten. Danke, dass Du mich inspirierst. Danke, dass Du Deine Frau in dieser Welt stehst und stets so handelst, wie Du es für richtig hältst. Danke, dass Du Stärke und Kraft, Eigensinn und Originalität, Wahrhaftigkeit und echte Kreativität lebst und uns dazu ermutigst, unseren eigenen Ausdruck zu finden.

Happy Birthday, Kate Bush mit dem Herzen einer Löwin.

Alles Liebe und Gute für Dich!

Das Song-ABC: Kite

Das ist ein Lied für den Sommer, so leicht, fröhlich und unbeschwert im „sanften Reggae-Rhythmus“ [1] kommt es daher. Die Stimme tänzelt und jubiliert über den Bassfundamenten und schwingt sich zu fast ekstatischen Höhen empor, wenn der Drache „over the moon“ hinausschießt. Dies ist der erste Eindruck beim Hören und auch den Biographen fällt nicht viel mehr dazu ein. Jovanovic [2] stellt immerhin fest, das die Strophen „tatsächlich gewisses Reggae-Feeling“ haben, dass aber der Refrain „wieder in klassisches Rockterrain“ führt.
Worum geht es in diesem Song? Ist es ein leichtgewichtiger Sommer-Sonne-Liebe-Text, den man schnell beiseite legen kann? Es ist das Gegenteil, die fröhliche Stimme erzählt eine fast schon unheimliche Geschichte. Die Protagonistin fühlt sich gefangen in ihrem Leben („My feet are heavy and I’m rooted in my wellios / And I want to get away and go“). Da tritt sie in Kontakt mit einer überirdischen Macht („There’s a hole in the sky / With a big eyeball / Calling me“), die ihr anbietet, sie aus ihrem Leben herauszuholen und in einen zweidimensionalen Papierdrachen zu verwandeln („Come up and be a kite“). Sie wird verwandelt, es ist faszinierend und fremdartig „over the moon“, doch sie sehnt sich zurück nach ihrer alten Existenz. Aber sie findet den Weg nicht mehr („Well, I’m not sure if I want to be up here, at all. / And I’d like to be back on the ground / But I don’t know how to get down, down, down!“). Fast den ganzen Song über kann man diesen Wunsch nach der Rückkehr hören, im Hintergrund taucht an verschiedenen Stellen leise ein „I wanna be home“ bzw. „I’d like to be down“ auf, eine zweite Stimme hinter der Erzählung selbst.
Kate Bush bestätigt in einem Interview, dass es genau um diesen Zwiespalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit geht: „In the song the character starts to feel that he is rooted to the ground, but there is a force pulling him up to the sky. A voice calls out, ‚Come up and be a kite,‘ and he is drawn up to the sky and takes the form and texture of a kite. Suddenly he’s flying ‚like a feather on the wind,‘ and for a while he enjoys it, but the longing for home and the security of the ground overtake these feelings.“ [4]
Graeme Thomson mutmaßt, der Song spiegele die psychische Befreiung und die psychische Wandlung wider, die Kate Bush beim Tanzen erfahren hat [1]. Mit dieser Deutung kann ich mich nicht anfreunden – warum dann der Wunsch, wieder zurückverwandelt zu werden? Vielleicht geht es eher um die Verwandlung einer privaten Person in eine Person der Öffentlichkeit, die – einmal vollzogen – kaum noch umkehrbar ist. Die Plattenaufnahmen bedeuteten einen Schritt aus dem Privaten heraus, es ging los mit der Musik, es begann eine neue Zeit – das war verlockend, aber wohl auch ein bisschen erschreckend. Kate Bush wusste nicht, wie sich das entwickeln wird.
Kate Bush bezeichnete „Kite“ als ihren „Bob-Marley-Song“ [2], gab aber zu, dass er nicht leicht als ein solcher zu erkennen war “It was sparked off when I sat down to try and write a Pink Floyd song, something spacey; though I’m not surprised no-one has picked that up, it’s not really recognisable as that–in the same way that people haven’t noticed that Kite is a Bob Marley song, and Don’t Push Your Foot on the Heartbrake is a Patti Smith song.“ [3] Kate Bush spielt mit Elementen des Reggae und dies bestätigt ein Blick auf die Noten [6]. Der Song ist hauptsächlich im 4/4-Takt gehalten, es gibt aber Einschübe von 2/4-Takten an den Enden der Strophen und längere Passagen im 3/4-Takt. Diese 3/4-Passagen finden sich hauptsächlich in den Chorus-Abschnitten (z.B. ab „ooh what a diamond“). Der 3/4-Takt findet sich auch in der Coda, die dann aber im 4/4-Takt endet. Diese rhythmischen Abweichungen sind für einen Reggae nicht typisch, der normalerweise im 4/4-Takt steht und seine Spannung nicht aus metrischen Wechseln bezieht [7].
Weiter kennzeichnend für den Reggae ist eine Verschiebung der Taktschwerpunkte, die dieses ganz spezielle Reggae-Feeling erzeugen. „Beim ursprünglichen Reggae-Schlagzeug fällt auf, dass die Zählzeit 1 nicht betont wird. Der typische Reggae-Grundschlag hat den Betonungsschwerpunkt auf der Zählzeit 3 und wird meist von Bass- und Snare-Drum ausgeführt: Das Hi-Hat betont in der Regel die Afterbeats auf den Zählzeiten 2 und 4, die von Gitarre und/oder Keyboard gespielt werden.“ [7]. Diese den Song zum Tanzen bringenden Verschiebungen sind vielleicht das Kennzeichen, das auf „Kite“ am meisten zutrifft. Die Band hatte freie Hand, über den feststehenden Akkorden und unter der Melodie zu improvisieren [2] und hat vielleicht diese Reggae-Effekte herausgearbeitet.  Der Song steht hauptsächlich in B-Dur. Es gibt fast nur Dur-Akkorde im Song, nur ganz selten erscheinen Moll-Akkorde [6]. Dies sorgt für den fröhlichen Eindruck, die der Song vermittelt. Auch das ist für Reggae nicht typisch. „Im harmonischen Bereich unterscheidet sich der Reggae von anderen Arten der bluesbezogenen populären Musik, wie auch von seinem Vorläufer, dem Ska, durch die häufige Verwendung von Moll-Akkorden.“ [7]
Es gibt kürzere Ausweichungen nach C-Dur mit der Akkordfolge C-Dur/G-Dur/F-Dur/G-Dur [6]. Dies taucht immer dann auf, wenn es um den Kontakt mit der übernatürlichen Macht geht bzw. um die Konsequenzen der Verwandlung („My feet are heavy …. And I want to get away and go“, „And then I find it out …. There‘s a hole in the sky“, „l‘m 2.D. after a push …. I love the homeland“, „Well I‘m not sure … And I‘d like to be back“). Diese beiden Haupttonarten spiegeln dabei sehr fein den Konflikt der Protagonistin zwischen Verlockung (B-Dur: noch nicht das Licht selbst, aber die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichts, der Glaube an das Licht [8]) und nüchterner Betrachtung (C-Dur: der Durchbruch des Lichts, die Tonart des klaren Lichts [8]) wieder.
Insgesamt werden im Song eine Vielzahl von Akkorden verwendet. Auch dies ist für einen Reggae nicht typisch, da sich viele Reggae-Songs auf die Verwendung von zwei Akkorden beschränken [7]. Die Verwendung der zweiten mit dem C-Dur-Akkord beginnende Akkordfolge neben dem B-Dur findet sich aber vage im Reggae-Schema wieder. „Dem melodischen Prinzip, größere Intervalle zu vermeiden, entspricht die Tendenz, Akkorde zu gebrauchen, deren Grundtöne nur einen Ganzton auseinanderliegen.“ Größere Intervalle werden allerdings im Song nicht vermieden. „Kite“ ist also kein reinrassiger Reggae. Das Reggae-Gefühl wird hauptsächlich durch die Akzentverschiebungen ausgelöst. Kate Bush spielt mit Elementen des Reggae, deutet sie an, schmilzt sie in die Struktur ein, integriert die Elemente in ihr musikalisches Universum. Das „Kite“ mit seinem Zwiespalt zwischen Wunsch und Wirklichkeit für Kate Bush ein wichtiger Song ist, ist auch daran zu erkennen, dass es die Thematik auf das Cover des Albums geschafft hat. Die Protagonistin hängt an einem bunten Papierdrachen, im Hintergrund ist eine Andeutung des riesigen Auges des überirdischen Wesens zu sehen. Kate Bush gibt aber zu, dass alle Beteiligten hier im Überschwang des kreativen Prozesses ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen sind.
„I think it went a bit over the top, actually. We had the kite, and as there is a song on the album by that name, and as the kite is traditionally oriental, we painted the dragon on. But I think the lettering was just a bit too much. No matter.“ [5] Die so im Cover erzeugte Fremdartigkeit passt aber gut zum abgründigen Text (und natürlich auch zum Album und zur Künstlerin, weit weg vom Mainstream). „Kite“ ist ein Sommersong mit Tiefgang, in dem die Stimme wie ein bunter hin und her schwingender Papierdrache auf und ab tanzt. © Achim/aHAJ

[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH, S.109 u. S.116
[2] Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH/Hannibal. Höfen. S.68
[3] Kate Bush: „Hello Everybody“ & Interview. KBC Ausgabe 2 (Sommer 1979).
[4] Robert Henschen: She’ll Crush The Lily In Your Soul. The Music Journal. Dezember 1978
[5] Donna McAllister: You Don’t Have To Be Beautiful… Sounds. 11. März 1978
[6] „Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987.  S.113f
[7] http://www.james.de/reggae/reggae07.htm (gelesen 08.07.2018) [8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999.  S.245 und S.71

Neue Single und Video von Paddy Bush

Im Oktober 2017 hatte Paddy Bush anlässlich seines Vortrags über madagassische Musik im schweizerischen Aarau ein neues Album von Bushtucker angekündigt. Diese Meldung war umso aufregender, da es von Paddys Projekt mit dem Musiker Colin Lloyd Tucker seit 25 Jahren keine neuen Töne zu hören gab. Seit einigen Tagen kursiert auf Spotify und Youtube nun tatsächlich ein faszinierendes neues Stück von Bushtucker namens „The Abduction and Rescue of Lord Weir’s Daughter”. Auf Nachfrage nach dem kompletten Album und diesem Vorab-Boten hat Paddy eine recht ausführliche Antwort geschickt:
„Zu diesem Zeitpunkt gibt es noch kein Release-Date, denn wir arbeiten immer noch an dem Album.  ‚Lord Weir‘ ist die Single, Colin hat das Stück geschrieben. Vor drei Jahren hat er es mir zugeschickt zusammen mit einer Email, in der es hieß: ‚Ich weiß, es klingt momentan sehr indisch, ideal wäre es, wenn es mehr nach Kraftwerk klingen würde…‘
Ich dachte damals ein paar Tage darüber nach, und ich war mir nicht sicher, von was der Song handelte. Es war, wie auf eine große Leinwand zu malen. Aber sich dabei Kraftwerk vorzustellen? Das passte irgendwie nicht in diese Gleichung. Ich konnte fliegende Untertassen sehen, Männer vom Geheimdienst und andere Bilder. Der Originaltrack war voller indischer Samples, ich konnte überhaupt nicht sehen, wie ich mich diesem Song nähern sollte.
Ich bat Colin also um einen weniger indisch gefärbten Mix, und als der ankam, taten sich ein paar Räume auf der Leinwand auf … und ich fing an zu malen. Und ich kann mich nur dafür entschuldigen, dass auf der ersten Tube-Klangfarbe, die ich verwendete, geschrieben stand: ‚Sehr schlechter deutscher Akzent‘.
Wie dem auch sei, es funktionierte! Selbst auf diesem extrem niedrigen Level wurde Colins Originalstimme von meinem schrecklichen Beitrag beeinflusst, so dass er im gleichen Akzent sang! Nicht exakt Kraftwerk, aber der Effekt war außergewöhnlich…
Ich versuchte ihn dazu zu kriegen, meine Vocals mehr in den Hintergrund zu mixen, aber er bevorzugte die Konfrontations-Perspektive.
Wir haben uns nicht ins Geschäft des Kidnappens oder des Rettens begeben, und Lord Weir und seine Familie sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig.
(…)
Colin möchte, dass jeder seine eigenen Schlüsse aus dem Stück zieht, und ich gebe wenig mehr Hinweise als diesen: Wir sind keine Kidnapper!“

Schließlich hat Paddy auch noch ein paar Worte über seine madagassischen Aktivitäten verloren, denn auch mit Justin hatte er ja vergangenes Jahr ein neues Album als Produzent in Aussicht gestellt: „Justin ist sehr beschäftigt und tourt momentan in China. Im September werde ich während einer Show in Cardiff zu ihm und seiner Band stoßen. Da gäbe es dann auch eine gute Gelegenheit, zusammen Aufnahmen zu machen.       Stefan Franzen

Kates Gedicht für Emily

Zum 200. Geburtstag von Emily Brontë („Wuthering Heights“) hat sich Kate an einem besonderen Projekt beteiligt. Im Rahmen des Bradford Literatur Festivals wurden zwischen dem Geburtsort der Brontë-Schwestern in Thornton und dem Pfarrhaus der Eltern in Haworth insgesamt vier Gedenksteine aufgestellt, um so das literarische Erbe der Brontë-Schwestern zu würdigen – die Idee dazu stammte von dem Schriftsteller Michael Stewart. Er hatte zudem  vier der beliebtesten britischen Literatur- und Kulturschaffenden – Kate Bush, Carol Ann Duffy, Jackie Kay und Jeanette Winterson – gebeten, jeweils ein Gedicht zu schreiben, das an die Brontë-Schwestern erinnern sollte.  Diese Gedichte zieren nun die Gedenksteine. Kate war für Emily ausgewählt worden.  „Emily hat nur den einen Roman geschrieben – ein außergewöhnliches Kunstwerk, das wirklich Spuren hinterlassen hat. Mich zu bitten, ein Stück für Emilys Stein zu schreiben, ist eine Ehre und in gewisser Weise eine Chance, ihr Danke zu sagen“, hatte Kate bei der Bekanntgabe des Projektes gesagt. Am Wochenende wurden die Steine nun enthüllt. Auf dem Stein für Emily steht:

She stands outside
A book in her hands
“Her name is Cathy”, she says
“I have carried her so far, so far
Along the unmarked road from our graves
I cannot reach this window
Open it, I pray.”
But his window is a door to a lonely world
That longs to play.
Ah Emily. Come in, come in and stay.

Die rätselhafte Lionheart Poster-Edition

Ein weiteres Rätsel, das bis heute noch nicht gelöst werden konnte, ist die kanadische Lionheart Poster-Edition. In 40 Jahren habe ich sie nur einmal gesehen und natürlich sofort zugeschlagen. Weltweit ist sie nirgendwo gelistet. Die reguläre Ausgabe enthält kein Poster. Normalerweise ist der Einschub auf der linken Seite des Gatefolds zugeklebt. Hier ist er offen und darin steckt das gefaltete Lionheart-Poster. Warum diese Ausgabe ein Poster enthält ist unbekannt. Es könnte sich um ein „limited store offer“ handeln, aber normalerweise wäre dann ein entsprechender Aufkleber auf dem Cover.  Oder Lionheart sollte ursprünglich in Kanada mit Poster veröffentlicht werden. Dafür spricht, dass der linke Einschub des Covers nicht zugeklebt ist. Die dritte Variante wäre, dass das Poster zu dem seltenen kanadischen Promo Press Kit gehört, was aber niemand bestätigen kann. Leider konnte ich dieses Rätsel noch nicht knacken, ich bleibe aber am Ball. Happy hunting! Michael Guth

Trommel, Bass, Stimme und Herz

Foto: Valentin Zaschke

Für ihren Auftritt im Stadtgarten von Emmendingen in der Nähe von Freiburg zum Auftakt der neuen Konzertreihe Pavillonklänge an diesem Sonntag um 11 Uhr haben sich Dieter Schroeder am Schlagzeug und Jan Fitschen an der Gitarre mit Sängerin Bella Nugent einiges vorgenommen: das komplette Hounds of Love-Album in Trio-Besetzung wollen sie spielen – und das nicht zum ersten Mal. Für das Litfaß-Festival in Freiburg hatte  Schroeder schon 2017 die Idee, komplette Alben zu präsentieren. Wie er Sängerin Bella Nugent für dieses Projekt ködern konnte, wusste er auch: „Bella, wusste ich, konnte man mit Kate Bush locken, wiewohl sie nur die früheren 70er Jahre Platten kannte. Die schienen mir aber nicht für dieses Festival geeignet: Ein bisschen Konzeptalbum soll es da schon sein“, erzählt er. Die Wahl fiel auf „Hounds of Love“, dass Schroeder zuletzt 1986 gehört hatte. Er ist bekennender Zappa-Fan, Kate war für ihn 1986 „Mädchen-Musik“, auch wenn er sich „einer gewissen Sogwirkung, insbesondere der zweiten Seite, nicht erwehren“ konnte. Die Scheibe hatte er damals schon von Jan Fitschen geliehen bekommen, den er jetzt wieder mit ins Boot holte – vor allem als sich nach einer ersten Probe herausstellte, dass HOL nur mit Gesang und Schlagzeug zu spielen vielleicht doch etwas ambitioniert sein könnte. Schroeder: „Jan war schon dringend notwendig, allerdings im ersten Moment gar nicht begeistert, eher skeptisch. Schließlich willigte er ein, es zumindest mal zu probieren.“ Überschattet wurden für das erste geplante Konzert im September beim Freiburger Litfaß-Festival dann von einer Hiobsbotschaft: Sängerin Bella  erkrankte an Krebs und musste sich einer Chemotherapie unterziehen. „Eigentlich sollte sie sich aussuchen, was auch immer sie schon mal singen wollte, mit welcher Besetzung auch immer. Im folgenden halben Jahr aber, während Bellas Arbeit an Hounds of Love und Chemotherapie sich immer mehr, schließlich kaum trennbar verbanden, war dann auch klar, dass dieses Welcome Back-Konzert eben auch nur ‚Hounds of Love‘ sein dürfte“, erinnert sich Schroeder. Die Premiere war dann die reinste Zitterpartie. Erst ein Tag vor dem Auftritt war klar, ob Bella auftreten konnte. „Es war bemerkenswert erfolgreich, und das sicher nicht nur aus Mitleid mit der mittlerweile kahlköpfigen Sängerin. Ich glaube, wenn es nur das gewesen wäre, hätten wir es von uns aus auch bei diesem Termin und dem Abschluss am Freiburger Waldsee belassen. Aber das Projekte hatte etwas Seriöses, musikalisch Echtes, etwas Tiefes. Vielleicht ist es das donquichotteske Gefühl, als mickriges Trio einer so pompösen, orchestralen musikalischen Windmühle die Stirn zu bieten…“, glaubt Schroeder. Also haben sie weitergemacht, home concerts gegeben, ein Video produziert, sind weiter vor Publikum aufgetreten. „Wir treffen uns weiterhin zu ‚Hundeproben‘, es bleibt ‚work in progress‘. Jan Fitschen nörgelt nach wie vor hier und da. Bella kann inzwischen auch die gesprochenen Gedichtpassagen auswendig, und wenn ich endlich ‚Under Ice‘ lernen würde, könnten wir das Ganze auch komplett papierfrei darbieten“, sagt Schroeder, der inzwischen auch bei frei improvisierten Jazzkonzerten Stücke oder Passagen von HOL einfließen lässt. „Diese Scheibe hat uns nun fast schon ein ganzes Jahr lang begleitet. Und weil es eben so ein spezielles Jahr war, wird wohl auch die Beziehung zu ‚Hounds‘ speziell bleiben. Und wohl auch noch eine ganze Weile, denke ich“, sagt er. Zum work in progress gehört auch, dass die Grenzen zwischen Rock, Pop und Jazz fließend sind. Schroeder: „Wir versuchen gar nicht, Hounds of Love zu verjazzen. Wir probieren einfach verzweifelt, dieses Produktionsmonstrum zu dritt auf die Reihe zu kriegen und da sowas wie eine Essenz zu finden.“ Und die finden sie, auch wenn Schroeder da eher mit Understatement arbeitet: „Ob da jetzt jemand unsere Version von Mother stands for comfort für jazzig hält? Mag sein, das liegt aber auch an der Besetzung. Für uns war das aber nie ein Thema. Für uns klang es einfach zwingend nach Trommel, Bass und Stimme.“  Es ist aber eben wesentlich mehr als Trommel, Bass und Stimme. Es hat Seele und lebt. Davon kann man sich am Sonntag beim Konzert überzeugen, kostenfrei, oder auch bei youtube, wo man das Konzert am Waldsee vom März findet. Spätestens danach will man nach Emmendingen…

Alte Fotos von Andy Phillips

Die englische Zeitschrift „The Mirror“ hat zehn bisher unveröffentlichte Bilder von Kate aus dem Jahr 1980 ausgegraben. Sie stammen von dem Fotografen Andy Phillips, der damals ganz frisch im Geschäft war und für EMI die Bilder kurzfristig als PR-Material erstellen sollte. Er hatte 30 Minuten Zeit, Kate und Phillips gingen kurzerhand am EMI-Hauptsitz am Manchester Square in London in den Garten. Dementsprechend posierte Kate ungeschminkt unter anderem vor einem Baum und auf einer Wiese – immer im selben schwarzen Outfit mit kniehohen Stiefeln.

Show a little devotion: Timo

Kate-Fans sind treu, hingebungsvoll, geduldig und vor allem in die Musik von Kate verliebt. Im Kate-Fragebogen “Show a little devotion” gibt es für Kate-Fans immer die selben zwölf Fragen… mit den unterschiedlichsten Antworten…Heute von Timo:

Mit welchen Kate-Song wachst du am liebsten morgens auf?
Am liebsten wache ich mit Prelude auf und direkt im Anschluss kann gern Prologue weiterlaufen. Was gibt es schöneres als von Vogelgezwitscher geweckt zu werden und wenn Kate dann noch ein Duet mit einer Taube singt?

Welche von Kate besungene Figur wärst du gerne?
Eins von den Schafen (Dream Of Sheep), mit dem warmen Atem – die nach Schlaf riechen.

Wie lautet deine liebste Textzeile von Kate?
Tiefer, tiefer! Irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht.

Welchen Kate-Song singst Du unter der Dusche?
Ich bade ja lieber statt zu duschen, und dann höre ich gern die Director’s Cut und singe bei This Womans Work mit, und ich bin froh, dass die den Song mittlerweile heruntertransponiert hat. Hahaha. Das kommt mir sehr entgegen.

Mit welchem Song von Kate verbindest Du ein besonderes Erlebnis?
Army Dreamers. Ich sang in den 90ern in meiner ersten Band und ich hatte immer Kate-Songs auf meinen Auto-Kassetten, und wenn wir mit den Bandproben fertig waren, sind wir oft mit dem Auto zum Baden an den See gefahren. Wir hatten dann die Fenster heruntergedreht, der Wind wehte durch unsere Haare und bei Army Dreamers haben wir immer alle gemeinsam mitgesungen. Eigentlich unpassend, aber wir hatten uns keine wirklichen Gedanken ob des Texts gemacht.

Welchen Song von Kate hörst Du, wenn Du verliebt bist?
L’amour Looks Something Like You oder The Morning Fog (You know what? I love you better now.)

Welcher Song-Titel beschreibt Dich am besten?
The Man With The Child In His Eyes – da ich denke, man sollte sich immer eine gewisse kindliche Naivität und Neugierde erhalten. Ich hoffe, dass mir das nicht ganz verloren gegangen ist. Manchmal aber auch Waking The Witch … haha.

Welches Album von Kate magst Du am liebsten?
Hounds of Love – ich muss hier Hounds of Love sagen. Ein perfektes Album. Es wird ab und zu von The Dreaming abgelöst und zwar immer, wenn mir Hounds of Love zu glatt, zu durchdacht ist, wenn ich eine etwas ruppigere, verrückte Kate Bush  möchte –  und dann kommt auch schon 50 Words for Snow, ABER A Sky of Honey wächst und wächst und wächst. A Sky Of Honey war mir zuerst zu ruhig, aber vielleicht werde ich auch ruhiger.

Welcher Song hat Deine Begeisterung für Kate geweckt?
Cloudbusting. Ich habe Cloudbusting im Radio gehört und war faziniert – Der eigentlich recht ruhige, trotzdem energische Anfang, mit den Streichern, dann dieser mächtige Chor am Ende des Stücks – fast wie ein Kriegsgesang. Die Dampflock, die zum stehen kommt. Ich erzählte einer Freundin von dem Song und sang ihr „The sun’s coming out. Your son’s comming out“ vor und sie wusste sofort, dass es Kate Bush war. Sie lieh mir dann die The Whole Story und damit war mein Schicksal besiegelt. Noch heute denke ich, dass Cloudbusting der perfekte Song ist. Wenn er im Radio kommt, lasse ich alles stehen und liegen und muss zuhören und als sie Cloudbusting bei dem Konzert in London gespielt hat…was soll ich sagen? Es gibt Lieder, an die muss ich nur denken und könnte sofort anfangen zu weinen, weil sie einfach so perfekt sind. Cloudbusting treibt mir immer die Tränen in die Augen.

Was macht für Dich Kate so besonders?
Es gibt niemanden wie Kate. Es gibt nur eine Kate. Kate weckt in mir eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach meiner eigenen Kindheit, aber auch nach dunklen Nächten, im Wald, auf der Suche nach dem Unbekannten. Fabelwesen, Fledermäuse, Schwäne, Natur.

Was würdest Du Dir für das nächse Album von Kate wünschen?
Einerseits denke ich mir „bloß keine Veränderungen“ und solange überhaupt was neues herauskomm,t bin ich schon mehr als froh – andererseits wäre eine Kolaboraton mit jüngeren Musikern oder Musikern außerhalb ihres normalen Umfeldes (und damit meine ich nicht Bertie) vielleicht ganz spannend. Cat Power, Scott Matthew, Mùm oder auch Scott Walker oder Robert Smith (The Cure). Gerade Robert Smith hat sich ja oft als Riesenfan von Hounds Of Love geoutet. Irgendwie kann ich mir auch Kate und Tom Waits gut vorstellen. Das würde vielleicht ein wenig „Roughness“ zurückbringen. Zur Not würde ich mich auch selbst (Bleedingblackwood) für ein Duett zur Verfügung stellen. Ganz uneigennützig. Hihi. Oder wenn es um Instrumentalisten geht: Robin Guthry, Guitarist von Cocteau Twins. Zeena Parkins (Harfe) bekannt durch Bjoerk. Ich könnte mir Kate auch gut in der Welt von CocoRosie oder Anohni vorstellen.

Welcher Song von Kate soll einmal auf Deiner Beerdigung gespielt werden?
Under The Ivy!

Die Rückkehr betörender Stimmen

Foto: themysteryofthebulgarianvoices.com/www/

Von Stefan Franzen

„Legendäre, aber fast vergessene Chorsängerinnen suchen Popstar vom anderen Ende der Welt für zweiten Frühling“. So könnte, ein bisschen überspitzt, die Anzeige gelautet haben, die zu diesem Treffen führte. Hier: der Frauenchor Le Mystère des Voix Bulgares, der weltweit Menschen zu Tränen rührt und dessen Mysterium bis heute unerklärlich scheint. Dort: die australische Wave-Ikone Lisa Gerrard, die seit 30 Jahren mit ihrer betörenden Stimme ein Publikum von Gothic bis Weltmusik fasziniert. Ungleiches Paar oder Traumhochzeit?
Ich glaube, das größte Mysterium liegt darin, nicht zu verstehen, was sie singen und trotzdem so tief berührt zu sein“, sagt Lisa Gerrard. „Es durchdringt dich von den Haarspitzen bis zu den Zehennägeln und hat mich schon in den Bann gezogen, als ich Mitte zwanzig war. Irgendetwas kristallisierte sich in mir heraus, veränderte mich grundlegend.“ Gerrards Geständnis klingt ehrlich. Die mittlerweile 57-Jährige sitzt in einem Kölner Hotelzimmer neben ihren beiden bulgarischen Kolleginnen, und wenn diese sprechen, nimmt sie sich fast ehrfürchtig zurück, lauscht mit großen Augen. Etwa als die Chorleiterin Dora Hristova einen Versuch unternimmt, aus ihrer Sicht das Mysterium zu beschreiben. Für sie ist das eine Frage des Handwerks. „Die wichtigste Gesangstechnik ist die des open throat. Sie kommt aus dem Kehlkopf, das ist die natürlichste Technik überhaupt, die auch zum Einsatz kommt, wenn du ganz normal sprichst. Die jungen Mädchen werden mit dieser Fähigkeit schon geboren. Aber um sie im Gesang anzuwenden, solltest du mit einer besonderen Physiognomie geboren sein: Du solltest sehr starke Kehlkopfmuskeln haben und eine große Luftröhre als Resonanzkörper!““BooCheeMish“ heißt das Album, das die Chorfrauen aus Sofia mit Gerrards Unterstützung eingespielt haben. Der Name geht auf einen Folkloretanz im Fünfzehn-Sechzehntel-Takt zurück. „Der Geist des ganzen Albums ist dynamisch, offen, groovy“, so Produzentin Boyana Bounkova. „Unsere Musik und unsere Kultur kommunizieren darauf mit anderen Kulturen und Musikstilen anderer Kontinente. Ein Ausdruck von Freiheit.“
Denn Freiheit war nicht das, was immer gegeben war in der Historie des Chors: Bereits 1952 veranlasst die kommunistische Führung Bulgariens die Gründung eines Volksliedensembles fürs staatliche Radio. Wie in vielen anderen Bruderstaaten wird Musik in den Dienst der sozialistischen Ideologie gestellt, doch die archaischen Lieder der Dörfer werden zugleich kunstvoll arrangiert. Zum Durchbruch auf dem internationalen Plattenmarkt verhilft den Frauen der Schweizer Weltenbummler Marcel Cellier, der 1975 seine Aufnahmen mit dem Radiochor auf eine Scheibe presst und dem Phänomen den Namen „Le Mystère des Voix Bulgares“ verpasst. Popstars von Zappa bis Kate Bush werden Fan, in den Achtzigern lizensiert das Wave-Label 4AD die Musik, dort ist auch Gerrards Band Dead Can Dance beheimatet. Nach dem Ende des Ostblocks privatisiert sich ein Teil des Chores, wird als Buglarian Voices Angelite weltweit erfolgreich, der andere Teil trägt weiter das „Mystère“-Prädikat im Namen, gerät jedoch in Vergessenheit. Bis sie mit dem jungen Komponisten Petar Dundakov 2015 das Konzept ändern, sich Popeinflüssen öffnen, ohne die Wurzeln zu kappen.
Dundakov hat sowohl Klassik- als auch Rockerfahrung, den clever modernisierten Stücken auf „BooCheeMish“ hört man das an. Und dann ist ja da noch die Stimme von Lisa Gerrard, die im fernen Australien bei rund der Hälfte der Titel ihre Stimmgewalt beisteuerte. Später kam sie dann für gemeinsame Konzerte mit den Bulgarinnen nach Europa. „Die Intervallreibungen sind wirklich erstaunlich“, sagt Gerrard. „Mir ist es ein Rätsel, wie sie die Tonhöhen halten können. Diese Stimmen sind wie Dudelsäcke! Wenn ich meine eigenen fließenden, offenen Singtechniken verwende, dann kann ich mich auf sie einstellen, aber wenn ich anfange, in Synkopen zu ihren Stimmen zu singen, dann ist das richtig tricky. Es gibt ein paar Songs, die mich schier verrückt machen!“ Ob der Mystère-Chor durch den Support des Popstars wieder Aufwind bekommt? Dora Hristova sieht die Zukunft realistisch. „Es braucht junge Leute, die sich für die Folklore interessieren. Selten treffe ich auf ursprüngliche Stimmen, die wie ihre Mütter oder Großmütter singen wollen, vielmehr versuchen sie, die westlichen und zeitgenössischen Stile zu imitieren.“ Lisa Gerrard würde sich eine Fortsetzung des Teamworks wünschen, für sie sind die bulgarischen Stimmen geradezu eine Notwendigkeit: „Als ich beim letzten Konzert in den Saal schaute, haben die Leute geweint. Das passiert, weil wir heute so desensibilisiert sind, alles ist so statisch, so einfach, so bequem. Und dann wirst du konfrontiert mit etwas so Wahrhaftigem, Aufrichtigem, einer Verkörperung von so viel Leidenschaft. Klar, dass du da emotional wirst. Es ist reinigend, all die Abstumpfung fällt von dir ab. Und deshalb denke ich, die Welt braucht diese Musik!“
(aus: Badische Zeitung)

Buch und Film über Fong Leng geplant

Foto: amsterdammuseum.nl

Als der niederländische Fotograf Claude Vanheye Kate 1978 oder 1979 mehrfach fotografierte, sorgten die Bilder für Wirbel. Kate bekleidet nur mit einer extrem kurzen roten Jacke, das Wal-Cover für „Symphony in Blue“ und das „Bondage“-Foto, das Kate symbolisch gefesselt präsentiert – all diese Bilder entstanden in Vanheyes Amsterdamer Fotostudio, vermutlich im Auftrag von Emi. Eines der bekanntesten Bilder aus der Reihe ist das Bild mit Kate im gelben Kostüm mit einem Krokodil an der Leine. Das gelbe Glitzer-Kleid stammte damals von der wohl bekanntesten niederländischen Modedesignerin Fong Leng. Die ist inzwischen 80 Jahre alt. Im Herbst erscheint ein Buch über sie, zur Fashion Week 2019 soll ein Film über ihre Arbeit in die Kinos kommen. Der niederländischen Tageszeitung AD hat sie jetzt ein längeres Interview gegeben. Mehr über die Arbeit von Fong Leng findet man hier und hier.

TMWHDE 2018: Berlin ist mit dabei

Foto: Per Nilsson

Zum dritten Mal in Folge wird auch 2018 wieder in Berlin der The Most Wuthering Heights Day Ever gefeiert. Treffpunkt am 14. Juli ist der Görlitzer Park. Das Programm startet um 13 Uhr mit einem Picknick, um 14 Uhr folgt die Probe, um 15 Uhr wird „gewuthert“. Idealerweise sollte man ein Radio oder Handy mit Lautsprecher mitbringen und sich natürlich dem Anlass entsprechend ins wallende Rote schmeißen. Angemeldet haben sich bisher über 200 Teilnehmer (Stand 9. Juni). Weitere Infos gibt es auf der Facebook Eventseite. Weltweit nehmen inzwischen 26 Städte an dem Event teil. Neben Berlin ist auch San Diego in den USA neu hinzugekommen. Die Veranstaltung dort wird von der Band Baby Bushka organisiert.

Inspiriert von der Klangfarbe der Musik

Immer wieder stößt man im Netz auf täuschend echte Plattencover, die so nie veröffentlicht wurden. Selten sind es Auftragsarbeiten, öfter hingegen Arbeiten von Studenten, die im Bereich Design arbeiten und sich der Neugestaltung eines Plattencovers als Projektarbeit annehmen. Wie so etwas aussehen kann, ist hier und hier schon in zwei Beispielen zum Hounds of Love-Cover vorgestellt worden. Es tummeln sich im Netz aber auch Menschen, die das Entwerfen von „fake covers“ zu ihrem Hobby gemacht haben. Dazu zählt zum Beispiel Gabriele R. aus Brasilien, die sich auf Flickr tummelt. „Ich bin ein großer Enya-Fan und habe irgendwann entdeckt, dass es zwischen ihr und Kate sehr viele Gemeinsamkeiten gibt“, erzählt Gabriele, wie sie vor einigen Jahren Kate für sich entdeckt hat. Gabriele ist 19. Mit elf Jahren hat sie angefangen, mit Photoshop zu arbeiten. Als Hobby und vor allem um den Umgang mit Photoshop immer besser zu lernen, hat sie irgendwann begonnen, täuschend echte Cover von Veröffentlichungen ihrer Lieblingskünstler zu entwerfen. „Es klingt vielleicht verrückt, aber meine größte Inspiration beim Entwerfen der Cover ist die Klangfarbe der Musik“, sagt sie. Danach wählt sie ein passendes Bild aus, entscheidet sich für bestimmte Effekte, sucht nach den passenden Schrifttypen. Das größte Problem: die passenden Bilddateien zu finden, weil sie nur mit großen Bilddateien arbeitet, um die entsprechende Qualität sicherstellen zu können. Manchmal lässt sie sich aber auch von anderen Einflüssen inspirieren. Ihr Cover mit dem gespiegelten Wuthering Heights-Schriftzug etwa ist von dem Filmposter inspiriert. „Es ist nicht immer eine sehr organisierte Herangehensweise, meistens sogar eher chaotisch – aber es funktioniert“, erzählt sie. Eine besondere Beziehung hat Gabriele zu „The Ninth Wave“, weil es sie an das Schicksal einer brasilianischen Schauspielerin erinnert, die am Neujahrstag 1989 ertrunken ist.  Die fake cover von Gabriele sind bestechend professionell. Bei Cloudbusting verschwimmt der Schriftzug zu Wolken, aus Hammer Horror trieft das Blut, vebunden mit Humor: „More fear guaranteed!“ pappt als Aufkleber auf dem Cover, so wie Pi mit dem Warnhinweis „Parental Advisory Mathematical Content“ versehen wird.  Mit The Ninth Wave, Pi, Joanni oder Waking the Witch kreiert Gabriele zudem fake cover zu Formaten, die es (leider) so nie gab.  Es sei alles nur ein Hobby und sie würde das auch gar nicht professionell betreiben, entschuldigt sich Gabriele beinahe. Dabei sind ihre Entwürfe der beste Beweis, dass man sich auch von der Klangfarbe der Musik leiten lassen kann.

TMWHDE 2018: 24 Städte und erstmals 4 Kontinente

Knapp zwei Monate sind es noch hin, aber die Vorbereitungen laufen in mehreren Städten rund um die Welt bereits auf Hochtouren: am Samstag, 14. Juli, wird zum dritten Mal der „Most Wutherings Heights Day Ever“ gefeiert – 40 Jahre nachdem der Song die englischen Charts bis an die Spitze gestürmt hat und das Video von der tanzenden Kate im roten Kleid noch heute tausende Nachahmer findet. Aktuell sind Events in folgenden Städten geplant: Newcastle, Melbourne, Brisbane, Bunbury, Canberra, Wollongong, Warragul, Blue Mountains, Goldcoast, Sydney und Adelaide in Australien, in Europa in Göteborg, Uppsala, Brüssel, Dublin, Rotterdam, Sheffield und in Folkestone und in den USA erstmals in San Francisco sowie in Atlanta und Austin. Hinweise auf eine Wiederholung der Veranstaltung in Berlin gibt es bisher noch nicht. Drei Veranstaltungen sind auf den 15. Juli terminiert: in Kopenhagen im Rahmen eines Jazz-Festivals, in Toronto und mit Buenos Aires erstmals auch eine Veranstaltung in Südamerika.

Das Song-ABC: Misty

Bei einem Glas Wein auf Madeira zu sitzen und auf das Meer schauen – ein ungewöhnlicher Ort, um über „Misty“ nachzudenken. Aber es hilft dabei, andere Perspektiven einzunehmen und nicht nur einen Blick auf Frosty den Schneemann zu werfen. Nicht der Schneemann ist das Zentrum dieses Songs, es ist die Protagonistin. „Misty“ ist ein faszinierendes Musikstück, etwas über dreizehn Minuten lang, eher ein gigantisches Nocturne als ein herkömmlicher Song. Graeme Thomson sagt sehr zutreffend, es sei „selbst für Kate Bushs Verhältnisse ein seltsamer Song“, der sich „durch einige Momente geradezu überirdischer Schönheit“ auszeichne [1].
Kate Bush sagt wenig zu diesem Song. Die Journalisten fokussierten sich auf „Sex mit einem Schneemann, WOW!“ und thematisierten dies in den Interviews. Wahrscheinlich hat Kate Bush innerlich (vor Lachen?) jedesmal die Augen verdreht. In einem Interview mit der Berliner Zeitung gibt sie aber einen wichtigen Hinweis: „Es ist schon kurios, dass gerade dieses Lied die Vorstellungskraft vieler Ihrer Kollegen enorm zu beschäftigen scheint. Das amüsiert mich sehr. Als ich den Song schrieb, dachte ich zunächst: Was für eine lächerliche Idee! Dabei ist es ein sehr düsterer Song, wie viele der anderen Lieder“ [2].
„Misty“ steckt voller Geheimnisse – und ja, es ist ein sehr düsterer Song. Um das alles aufzudröseln, ist es nötig, zuerst einmal die erzählte Geschichte kurz darzustellen. So treten dann die Punkte zutage, an denen anzusetzen ist. Die Protagonistin baut einen Schneemann, der möglichst lebensnah werden soll. Blut läuft von ihrer Hand, sie läuft ins Haus. Nachts in ihrem Zimmer öffnet sich auf einmal das Fenster. Der Schneemann kommt herein, legt sich neben sie. Er ist kalt, aber sie ist nicht erschreckt, sie ist fasziniert wie in einem Traum. Er ist kalt, und er schmilzt, wenn sie ihn anfasst. Er löst sich langsam auf, während die Dämmerung naht. Am nächsten Morgen erwacht die Protagonistin. Der Schneemann, Misty, ist verschwunden, nur noch Wasserspuren und Reste dessen sind da, was im Schnee war. Die Protagonistin ist voller Sehnsucht, irgendwo draußen muss er sein, draußen wo es weiter schneit. Um ihn zu erreichen, würde sie alles riskieren und sich hinaus in den Schnee stürzen.
„Misty“ ordnet sich damit ein in das Hauptthema des Albums – der Einbruch des Übernatürlichen, insbesondere  übernatürlicher, halbwirklicher Wesen, in die alltägliche Welt. Andy Gill fasst das präzise und sehr treffend zusammen: „These songs all deal with empathy for figures that only exist in a half-formed, mythical manner – it’s as if the fall of snow offers cover for these beings, allows them to take life under its blanket.“ [6]
Zu Beginn erklingt ein ruhiges Klavier, begleitet von sanfter Percussion (auch später wird dies nur durch ganz sparsame weitere Farben von Gitarren, Bass und Effekten ergänzt), dann beginnt die Stimme („Roll this body“). Wie eine Beschwörung wirkt dieser Text bis „I run back inside“, auch musikalisch erinnert es ein bisschen an eine rituelle Handlung. Die Harmonien schwingen zwischen zwei Akkorden hin und her (As-Dur, B-Dur) [3]. Dies ist eine ungewöhnliche Akkordverbindung – zu As-Dur würde man eigentlich den b-Moll-Akkord erwarten. Die Protagonistin will dem Schneemann Leben geben („Give him life“), sie will, dass er für sie lächelt („Make him smile for me“). Sie gibt ihr Blut für ihn, aber erschreckt dann über ihr Tun („My hand is bleeding / I run back inside“).
Die Protagonistin vollführt hier (ob bewusst bleibt unklar) Blutmagie. Sie gibt ihr Blut, um unbelebter Materie (hier dem Schnee, welken Blättern, Gras) Leben einzuflößen. In der Mythologie galt der Mensch als aus dem Blut der Götter erschaffen. Die symbolische Verbindung von Blut und Leben ist dabei essenziell, Blut verbindet die eigene Seele mit der eines anderes Wesens [4]. Ein allbekanntes Beispiel ist das Märchen Schneewittchen, in dem zu Beginn Blutstropfen in den Schnee fallen und damit auf Neubeginn und neues Leben verweisen [5].
Dann gibt es einen Bruch in der Stimmung, die Musik ändert sich, sie klingt nicht mehr beschwörend, es ist nun Musik, die etwas erwartet. Aus der Realität geht es in eine Welt, die unwirklich wie ein Traum erscheint. Ab „I turn off the light“ klingt auch die Stimme anders, höher, hingebungsvoll, bebend fast, wie im Angesicht eines Wunders. Die Harmonien weiten sich aus (der H-Dur-Akkord ersetzt zunehmend den B-Dur-Akkord) [4]. Akkordfolgen mit Schwerpunkten auf den Akkorden As-Dur und H-Dur bestimmen nun weite Teile des weiteres Songs. Der Schneemann erscheint zu dieser mystischen Musik. Ist es ein Geliebter? Ist es ein gewünschtes Kind? Der Text lässt das offen. Aber auf drängende Nachfragen [9] nach einem sexuellen Unterton (offenbar können viele männliche Musikjournalisten nicht in anderen Bahnen denken) ließ sich Kate Bush aber zu einer Aussage verleiten: „To that song, yeah. Yeah, because of the story that’s being told“. Man soll ja der Komponistin glauben, es handelt sich also wohl wirklich um einen unirdischen Geliebten.
Vor „So cold next to me“ gibt es eine instrumentale Passage, ein Innehalten von unwirklicher Schönheit. Die Musik kommt dann zur Ruhe, Klaviertöne fallen in die Tiefe, wie perlendes, schmelzendes Wasser. Zu „I can feel him melting in my hand / melting, melting in my hand“ wird die Musik so ruhig, dass es mir wie ein Ausdruck von Verzauberung erscheint. Die Zeit scheint für einen Moment stillzustehen. Diese Passage wird später fast genauso (fast noch intensiver) wiederholt. Einen schmelzenden Schneemann als Traumsymbol legt die allgemeine Traumdeutung als das Weichwerden eines verhärteten Herzens aus [10]. Genau das passiert hier, die einsame Protagonistin wird durch den von ihr erweckten Schneemann verzaubert, sie öffnet sich der Liebe (und der Schneemann schmilzt daran). Mit „He won‘t speak to me“ wird wieder die musikalische Gestaltung des Beginns (Realität?) aufgegriffen. Ab „Full of dead leaves“ vermischen sich die beiden musikalischen Welten. Es ist eine fast traumhafte Stimmung in der Musik, irreal, traumartig, unwirklich.
Mit Beginn der Textzeile „Sunday morning“ sind wir wieder in der Musik des Beginns, die Realität hat die Protagonistin eingeholt. Die Intensität steigert sich allmählich. Verlust und Sehnsucht sprechen aus jedem Wort und aus jedem Ton. Es klingt ein bisschen so, als ob ein Herz vor Sehnsucht pocht. Die Stimme wird immer intensiver. Die Protagonistin realisiert ihren Verlust und sie realisiert wohl auch, dass ihre Liebe den Schneemann getötet (zum Schmelzen gebracht) hat. Sie kann es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten („I can’t find him / Misty / Oh please can you help me? / He must be somewhere“). Das Lied endet mit den Textzeilen „Open window closing / Oh but wait it’s still snowing / If you’re out there / I’m coming out on the ledge / I’m going out on the ledge“. Abrupt wird es dann ruhiger und endet. „Ledge“ übersetze ich in diesem Kontext jetzt einmal mit Fensterbrett. Draußen fällt der Schnee, will die Protagonistin sich hinausstürzen, in den Schnee hinein? Ist das ein Selbstmord, um mit dem Geliebten wieder vereint zu sein? Ein Liebestod? Das Cover des Albums „50 words for snow“ zeigt eine Frau und einen Schneemann, sie küssen sich, eingefroren und zugedeckt vom Schnee, es sieht aus wie ein Relief auf einer Grabplatte. Lebend können sie nicht zusammenkommen – der kalte Schneemann und die warme Frau. Das Ende vom „Misty“ ist für mich ein Liebestod im Schnee. Diese Deutung wird unterstützt, wenn man sich die harmonische Gestaltung anschaut und analysiert. Die verwendeten Tonarten haben gemäß Beckh [7] eine Bedeutung, die verblüffend gut dazu passt. Das Folgende ist gemäß Beckh zitiert.
Die Haupttonart scheint das As-Dur zu sein. As-Dur ist tiefste Tiefe, die dunkelste der Dur-Tonarten, die mystische Tonart. Es steht für die „Ahnung und Empfindung des kommenden Weihnachtslichts inmitten der tiefsten Jahresfinsternis“. Tiefe Innerlichkeit und Weihe verkörpert diese Tonart, es „scheinen sich weite Wunderreiche der Nacht oder geheimnisvolle Reiche des Überirdischen vor uns aufzuschließen, wir sehen uns auf einmal in mystische Tiefen des eigenen Inneren, des Innersten der Welt hineingeführt, ein Licht beginnt aufzuleuchten, wo wir bisher nur Dunkel vermuteten.“  As-Dur ist die Tonart der Nachtstücke. Bekannte Musikstücke sind in dieser Tonart geschrieben, z.B. Liszts „Liebestraum“.  Alle diese Zitate klingen wie Beschreibungen der Grundstimmung von „Misty“, das ja auch eine Art Liebestraum ist.
Zu Beginn des Songs wird häufig der B-Dur-Akkord benutzt. B-Dur ist noch nicht das Licht selbst, es ist die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichts, der Glaube an das Licht, Tonart des Glaubens und der Hoffnung. Robert Schumann verwendet B-Dur als „Liebestonart“.  Die Tonart steht für sichere Glaubenszuversicht, es ist die Tonart der liebenden Erwartung, der ahnenden Erwartung des Schicksals. So wird sie in „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner benutzt. Wagner – ein Meister in der Verwendung der Tonarten – hat die Charakteristika dieser Tonart oft herausgearbeitet. Er benutzt sie zur Darstellung des „Sterns der wahren Liebe“ im „Tannhäuser“ („Heilige Elisabeth – bitte für mich!“), der Brautchor aus „Lohengrin“ steht in B-Dur („Treulich geführt ziehet dahin, wo euch der Segen der Liebe bewahr! Siegreicher Mut, Minnegewinn, eint euch in Treue zum seligsten Paar“). In „Die Walküre“ ist es die Tonart der liebenden Erwartung („Winterstürme wichen dem Wonnemond“). Es ist Überwindung des Winters durch den Frühling der Liebe.
All das passiert auch in „Misty“. Der Winter im Herzen der Protagonistin weicht durch den Zauber einer mystischen Liebe.  Schmilzt der Schneemann an dieser Liebe? Wenn er im Song auftritt, dann wird der B-Dur-Akkord durch den H-Dur-Akkord ersetzt, der zum As-Dur dazukommt. H-Dur ist nach Beckh die Vorahnung des Hinübergehens, es ist die „Verklärung“. Diese hoch über dem Irdischen liegende Tonart wird nur verwendet, wenn man damit etwas ganz Bedeutsames ausdrücken will.  As-Dur ist die dominierende Tonart in Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“, der Oper schlechthin über eine verzweifelte Liebe, die im Tod endet. Es ist die Tonart der Liebesnacht und des Liebestods („Mild und leise, wie er lächelt“). Dieser Schlussgesang wandelt sich überirdisch verklärend nach H-Dur und endet in einer Apotheose in H-Dur.
Kate Bush spiegelt in „Misty“ Wagners Liebestod wieder, musikalisch und inhaltlich, für mich gibt es da keinen Zweifel. Bewusst oder intuitiv – das muss allerdings offen bleiben. Es gibt aber möglicherweise eine weitere Inspirationsquelle, die zum Song beigetragen hat. Ich zitiere den Beginn des Märchens „Schneewittchen“, der interessante Gemeinsamkeiten aufweist. „Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: Hätt‘ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.“ [8]
Schnee, die Protagonistin an einem Fenster, Blut fällt in Schnee, ein magischer Wunsch, der Wunsch wird erfüllt, die Protagonistin stirbt – Gemeinsamkeiten mit „Misty“ sind für mich sichtbar. Aber vielleicht geht hier meine Fantasie mit mir durch, das mag am Wein und am Blick auf das Meer liegen.
Mein Fazit: „Misty“ verwebt den Liebestod aus „Tristan und Isolde“ mit märchenhafter Blutmagie (vielleicht analog zu Schneewittchen) zu einem neuen Mythos. Graeme Thomson meint, „[…] es ist die düstere Atmosphäre der Trauer, die den Song prägt“ [1]. Es ist aber auch die Geschichte einer alles überwindenden Liebe, die vielleicht doch eine Art Happy-End im Tod findet. Daher enthält „Misty“ neben unendlicher Trauer auch Hoffnung.    © Achim/aHAJ

[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S.413f
[2] ‪Martin Scholz: Ich will das nicht. Berliner Zeitung. 27.11.2011
[3] https://chordify.net/chords/Kate-bush-misty-antirecords (gelesen 25.04.2018)
[4] https://www.inana.info/blog/2018/01/25/symbolik-ritual-blut.html (gelesen 03.05.2018)
[5] https://symbolonline.de/index.php?title=Blut (gelesen 03.05.2018)
[6] Andy Gill: ‪Kate Bush: The ice queen of pop returns. The Independent. 18.11.2011
[7] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.196ff (As-Dur), S.244ff (B-Dur), S.171ff (H-Dur)
[8] zitiert nach https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/sneewittchen_schneewittchen  (gelesen 03.05.2018)
[9] John Doran: A Demon In The Drift: ‪Kate Bush Interviewed. The Quietus. 13.11.2011 [10] https://traum-deutung.de/schneemann/  (gelesen 25.04.2018)

Wanderung durch die Zeiten und die Stimmen von Heathcliff und Emily

Michael Stewart

Ein Interview mit Michael Stewart von Beate Meiswinkel

Der Schriftsteller Michael Stewart ist in mehr als nur einer Hinsicht ein interessanter Gesprächspartner: mit seinem neuen Roman „Ill Will“ hat er nicht nur der Wuthering Heights-Romanfigur Heathcliff eine eigene Stimme verliehen und ein Buch geschrieben, das neue Schlaglichter auf das literarische Meisterwerk von Emily Brontë wirft. Er initiierte auch ein groß angelegtes, spannendes Kunstprojekt zu Ehren der Brontë-Geschwister, über das bereits hier in diesem Blog zu lesen war. Darüber hinaus ist Michael auch Kate Bush-Fan, und es war ein besonderes Vergnügen, das nachstehende Interview mit ihm zu führen. Zusätzlich dürfen wir ein Gedicht von Michael Stewart veröffentlichen.

Beate: Ich war sehr beeindruckt, als ich von deiner Wanderung von Haworth in West Yorkshire nach Liverpool gelesen habe: 65 Meilen! Dies war Teil deiner Recherchen für deinen Roman „Ill Will“. Kannst Du unseren Lesern etwas über diese Erfahrung erzählen? Wie war es, auf Mr. Earnshaws Spuren zu wandeln?

Michael Stewart: Na ja, ich habe drei Tage dafür gebraucht, um ans Ziel zu gelangen. Mr. Earnshaw lief diesen Weg hin und zurück in drei Tagen, das war wirklich eine Leistung. Und nicht nur das, er hat außerdem noch eine Peitsche, eine Fiedel und einen Waisenjungen getragen. Die Leute waren damals einfach gut zu Fuß. Ich schlief unterwegs und machte Pausen, um zu essen – ein Luxus, den Mr. Earnshaw sich nicht gönnte. Es war eine sehr interessante Wanderung. Dort im Moor kann man sich selbst vorgaukeln, man sei in der Zeit zurückgereist. Es gibt dort Plätze weit oben, die vollkommen unverändert geblieben sind, und man kann sich gut vorstellen, wieder in der damaligen Zeit zu sein. Etwas weiter dann muss man sich häufig durch post-industrielles Brachland schleppen. Es war gut, am Kanal entlang zu gehen, der nun Teil der Freizeitindustrie geworden ist; damals war er eine brandneue technologische Errungenschaft! Ich hatte meinen Hund und ein Einmannzelt dabei. Dass es keinen Schlafplatz für den Hund gab, wurde mir erst bewusst, als ich in der ersten Nacht in meinen Schlafsack kroch, also schlief er auf mir. Er hat sehr gut geschlafen – im Gegensatz zu mir…

Beate: Es war ja Kate Bush mit ihrem Lied „Wuthering Heights“, das dich in sehr jungem Alter dazu inspiriert hat, mehr über die Hintergrundgeschichte dieses Liedes erfahren zu wollen. Magst du Kates Musik heute immer noch? Welches ihrer Alben hörst du am liebsten, und welches ist dein Lieblings-Song?

Michael Stewart: Ich liebe ihre Musik. Ich liebe alles davon. The Ninth Wave – dieses ganze Album innerhalb eines Albums – ist absolut brillant. Besonders mag ich, dass es eine durchgängige Geschichte erzählt. Es ist ein Film, umgesetzt in Musik. Ich bin auch sehr von der LP The Dreaming begeistert. Ich mag das Experimentieren sehr. Das ist eine verrückte Platte. Ich liebe auch viele der B-Seiten. Besonders Under the Ivy und The Handsome Cabin Boy.

Beate: Heathcliff ist ja nun ein recht „kontroverser“ Charakter: sehr anziehend, dennoch sehr finster. Er ist düster, und doch gilt er als überaus romantisch. Ich kann mir vorstellen, dass eine sehr persönliche Verbindung zu ihm entsteht, wenn man mit solchem Detailreichtum über ihn schreibt. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Michael Stewart: Nun, bis zu einem gewissen Grad leben wir alle mit einem anderen Charakter mit. Er kann Dinge tun und sagen, die ich nicht tun oder sagen könnte. Es ist sehr eigenartig, was Emily Brontë in diesem Buch macht. Sie verbringt die ersten neun Kapitel damit, das sympathische Opfer männlicher Gewalt aufzubauen, und dann, als er nach drei Jahren zurückkehrt, scheint sie unseren Glauben an ihn auf die Probe stellen zu wollen. Bei seiner Rückkehr hat er einen Großteil seiner Menschlichkeit eingebüßt und könnte in modernem Jargon als Psychopath bezeichnet werden. Er ist bestimmt kein romantischer Held; und dennoch geben wir ihn nicht auf, trotz allem, was er tut. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, besonders für eine Schriftstellerin im Alter von Ende 20.

Beate: Der Name deiner Romanfigur Emily ist eine Hommage an die Wuthering Heights-Autorin. „Deine“ Emily ist ein ähnlich schräger, anziehender Typ wie Heathcliff: ein verletzliches, einsames kleines Mädchen voller List, Tücke und seltsamer Weisheit. Sie gibt ja vor, sie könne mit den Toten sprechen… hat Emily’s „Gabe“ einen Einfluss auf die Situation, in der Heathcliff später mit Cathys Geist konfrontiert wird? Und beeinflusst dies die Art, wie er mit Cathys Tod umgeht?

Michael Stewart: Es gibt einige Dinge in meinem Buch, die für diejenigen, die Wuthering Heights kennen, bestimmte Ereignisse und Vorkommnisse vorbereiten, die sehr viel später in Emilys Roman vorkommen. Meine Emily begann vielleicht als Hommage, entwickelte jedoch rasch ihre eigene Stimme und startete richtig durch. Sie ist eine Trickbetrügerin. Anfangs ist Heathcliff leichtgläubig. Und diese Leichtgläubigkeit wollte ich aufzeigen, genau aus den Gründen, die du ansprichst. Er ist empfänglich für das Übernatürliche.

Beate: Dein Schreibstil ist sehr außergewöhnlich. Er ist voll (teilweise) schmutziger Umgangssprache. Davon abgesehen besitzt du eine sehr lebendige, bildhafte, wortgewandte Sprache, die starke Spannungsbögen erzeugt. Mir gefällt auch die ungewöhnliche Weise, in der Heathcliff – oder vielmehr Will – seine Geschichte erzählt: in Ich-Form und immer direkt an Cathy gerichtet, als ob er beständig im Gespräch mit ihr sei. Das zeigt seine Obsession und Leidenschaft. Hast du für ihn eine besondere Erzählsprache entwickelt, bzw. einen bestimmten Schreibstil für dieses Buch?

Michael Stewart: Das ist sehr liebenswürdig von dir, es so auszudrücken. Heathcliffs Stimme entstand recht einfach. Ich neige dazu, über verdrehte, düstere, verstörte Charaktere zu schreiben – warum weiß ich auch nicht so genau. Ich selbst bin weder besonders verdreht, düster oder verstört. Ich weiß nicht so genau, woher das kommt. Ich denke, es macht einfach viel Spaß, mit Typen wie ihnen Zeit zu verbringen.

Beate: Ist denn geplant, eine deutsche Übersetzung von „Ill Will“ zu veröffentlichen? Ich denke, viele Deutsche wären sehr gespannt darauf, es zu lesen, und dank des sehr anspruchsvollen Englischs würden einige eine Übersetzung bevorzugen.

Michael Stewart: Das hoffe ich sehr. Es wird im November in den USA veröffentlicht, und ich hoffe, bald mehr bezüglich europäischer Übersetzungen zu erfahren. Ich habe eine Weile in Deutschland gelebt. Ich mag die Deutschen und die deutsche Kultur sehr, deshalb würde ich mich über eine deutsche Übersetzung sehr freuen.

Beate: Zur Vorbereitung auf dieses Interview habe ich etwas über die Brontë-Geschwister gelesen, und dabei habe ich mich gefragt, wie anders Schriftstellerei zu ihrer Zeit wohl gewesen sein muss. Keine Computer, mit denen man ständig die Möglichkeit hat, Dinge zu korrigieren. Es gab keine Diktiergeräte, und Tinte und Papier waren wahrscheinlich auch nicht unbegrenzt zur Hand. Außerdem haben die drei Schwestern unter männlichem Pseudonym veröffentlicht, da man Schriftstellerei für Frauen als unschicklich ansah. Was denkst du: wie muss das damals gewesen sein, zu schreiben? Wie haben sie veröffentlicht? Gab es damals auch Verträge mit Verlagen, verdienten sie mit dem Schreiben Geld?

Michael Stewart: Es war tatsächlich Charlotte, die sie (die Brontës) veröffentlicht hat. Sie war sehr ehrgeizig. Ich glaube nicht, dass Emily nach einer Veröffentlichung gestrebt hätte, wäre Charlotte nicht gewesen. Ihr erstes veröffentlichtes Buch war ein Gemeinschaftsprojekt. Ich glaube, davon haben sie zwei Exemplare verkauft. Sie nahmen die Kunst und das Handwerk der Schriftstellerei sehr ernst. Die Art, wie sie lebten, war sehr förderlich dafür. So etwas wie ein ständiger Schriftsteller-Retreat.

Beate: Du hast beschlossen, die Brontë-Geschwister in ganz besonderer Art und Weise zu ehren: mit den sogenannten Brontë-Steinen. Möchtest du uns etwas über diese großartige Initiative erzählen?

Michael Stewart: Es ist ein Projekt, bei dem vier Gedenksteine in der Landschaft zwischen ihrem Geburtsort in Thornton und dem Pfarrhaus in Haworth gesetzt werden, dort, wo sie aufwuchsen, um große Schriftstellerinnen zu werden. Ich habe vier sehr renommierte Autorinnen angeworben, die die Worte für diese Steine schreiben sollen – über eine davon werdet Ihr Euch ganz bestimmt besonders freuen, wobei ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mehr verraten darf [inzwischen ist dieses Geheimnis ja bereits gelüftet: Kate verfasst die Zeilen für Emilys Gedenkstein]. Ein Steinmetz wird diese Worte dann in die Steine meißeln. Es wird einen Landkarten-Satz geben, vier Wanderwege, einschließlich einem, der direkt von Thornton nach Haworth führt, und drei Rundwege, einen für jede der Schwestern – Charlotte, Emily und Anne. Eine Reihe von Events ist ebenfalls geplant, einschließlich der Einführung der Steine beim diesjährigen Bradford Literature Festival im Juli.

Beate: Diese Frage stelle ich in Interviews jedes Mal, wenn es um Kate Bush geht: Was ist es deiner Meinung nach, dass sie zu einer so inspirierenden Künstlerin macht? Sie bringt so viele Menschen mit ihrer Musik dazu, selbst kreativ zu werden…

Michael Stewart: Das ist eine schwierige Frage. Es ist immer eine Kombination drei verschiedener Dinge, denke ich: dein persönlicher Hintergrund, deine DNA und schließlich jener Funke, den man nicht genauer definieren kann. Wie du weißt, besitzt sie einen sehr musikalischen Hintergrund, aber das zählt nicht als Argument, warum sie so eine originelle Künstlerin ist. Ich denke, dass sie die Dinge anders sieht. Als Künstlerin ist sie furchtlos. Eine Menge Rockstars sind übermäßig besorgt, möglichst „cool“ zu wirken. Kate hat das nie auch nur die Bohne gekümmert.

Beate: Wie ich lese, schreibst du auch Gedichte – welches davon könnte denn möglicherweise ein Kate Bush-Song sein, oder vielmehr: welches würdest du sie gerne singen hören?

Michael Stewart: Was für eine interessante Frage. Vielleicht ein Gedicht mit dem Titel „Clean“, oder „The Spring Fires“. Ich denke, die Doppeldeutigkeit darin würde ihr gefallen.


The Spring Fires

Von Michael Stewart

They found him burning furniture in the back yard.
First the dining table, faux-antique oak
and the chairs, with legs like varicose veins.
He piled up the kitchen units,
the work bench and the foot stool.
Next to go the sofa and the armchair,
a matching set from DFS.
The glazed dresser and the sideboard, both solid teak,
a pine chest, a shelving unit from Ikea, a wicker fruit bowl,
a stirring spoon and an ash wine rack,
the white wood tall boy with its drawers of MDF,
a walnut bureaux, a wedding gift,
his grandma’s rocking chair, an heirloom.

Last to go, the double bed,
their bed, its base first then its headrest,
then the mattress and the duvet.
What a gagging stink that made,
the bed they’d shared all these years
a thick fog of black smoke. 

It’s over, they said, there’s nothing left.
I know, he said, and lit a cigarette.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Michael Stewart.)