Inspiriert von der Klangfarbe der Musik

Immer wieder stößt man im Netz auf täuschend echte Plattencover, die so nie veröffentlicht wurden. Selten sind es Auftragsarbeiten, öfter hingegen Arbeiten von Studenten, die im Bereich Design arbeiten und sich der Neugestaltung eines Plattencovers als Projektarbeit annehmen. Wie so etwas aussehen kann, ist hier und hier schon in zwei Beispielen zum Hounds of Love-Cover vorgestellt worden. Es tummeln sich im Netz aber auch Menschen, die das Entwerfen von „fake covers“ zu ihrem Hobby gemacht haben. Dazu zählt zum Beispiel Gabriele R. aus Brasilien, die sich auf Flickr tummelt. „Ich bin ein großer Enya-Fan und habe irgendwann entdeckt, dass es zwischen ihr und Kate sehr viele Gemeinsamkeiten gibt“, erzählt Gabriele, wie sie vor einigen Jahren Kate für sich entdeckt hat. Gabriele ist 19. Mit elf Jahren hat sie angefangen, mit Photoshop zu arbeiten. Als Hobby und vor allem um den Umgang mit Photoshop immer besser zu lernen, hat sie irgendwann begonnen, täuschend echte Cover von Veröffentlichungen ihrer Lieblingskünstler zu entwerfen. „Es klingt vielleicht verrückt, aber meine größte Inspiration beim Entwerfen der Cover ist die Klangfarbe der Musik“, sagt sie. Danach wählt sie ein passendes Bild aus, entscheidet sich für bestimmte Effekte, sucht nach den passenden Schrifttypen. Das größte Problem: die passenden Bilddateien zu finden, weil sie nur mit großen Bilddateien arbeitet, um die entsprechende Qualität sicherstellen zu können. Manchmal lässt sie sich aber auch von anderen Einflüssen inspirieren. Ihr Cover mit dem gespiegelten Wuthering Heights-Schriftzug etwa ist von dem Filmposter inspiriert. „Es ist nicht immer eine sehr organisierte Herangehensweise, meistens sogar eher chaotisch – aber es funktioniert“, erzählt sie. Eine besondere Beziehung hat Gabriele zu „The Ninth Wave“, weil es sie an das Schicksal einer brasilianischen Schauspielerin erinnert, die am Neujahrstag 1989 ertrunken ist.  Die fake cover von Gabriele sind bestechend professionell. Bei Cloudbusting verschwimmt der Schriftzug zu Wolken, aus Hammer Horror trieft das Blut, vebunden mit Humor: „More fear guaranteed!“ pappt als Aufkleber auf dem Cover, so wie Pi mit dem Warnhinweis „Parental Advisory Mathematical Content“ versehen wird.  Mit The Ninth Wave, Pi, Joanni oder Waking the Witch kreiert Gabriele zudem fake cover zu Formaten, die es (leider) so nie gab.  Es sei alles nur ein Hobby und sie würde das auch gar nicht professionell betreiben, entschuldigt sich Gabriele beinahe. Dabei sind ihre Entwürfe der beste Beweis, dass man sich auch von der Klangfarbe der Musik leiten lassen kann.

TMWHDE 2018: 24 Städte und erstmals 4 Kontinente

Knapp zwei Monate sind es noch hin, aber die Vorbereitungen laufen in mehreren Städten rund um die Welt bereits auf Hochtouren: am Samstag, 14. Juli, wird zum dritten Mal der „Most Wutherings Heights Day Ever“ gefeiert – 40 Jahre nachdem der Song die englischen Charts bis an die Spitze gestürmt hat und das Video von der tanzenden Kate im roten Kleid noch heute tausende Nachahmer findet. Aktuell sind Events in folgenden Städten geplant: Newcastle, Melbourne, Brisbane, Bunbury, Canberra, Wollongong, Warragul, Blue Mountains, Goldcoast, Sydney und Adelaide in Australien, in Europa in Göteborg, Uppsala, Brüssel, Dublin, Rotterdam, Sheffield und in Folkestone und in den USA erstmals in San Francisco sowie in Atlanta und Austin. Hinweise auf eine Wiederholung der Veranstaltung in Berlin gibt es bisher noch nicht. Drei Veranstaltungen sind auf den 15. Juli terminiert: in Kopenhagen im Rahmen eines Jazz-Festivals, in Toronto und mit Buenos Aires erstmals auch eine Veranstaltung in Südamerika.

Das Song-ABC: Misty

Bei einem Glas Wein auf Madeira zu sitzen und auf das Meer schauen – ein ungewöhnlicher Ort, um über „Misty“ nachzudenken. Aber es hilft dabei, andere Perspektiven einzunehmen und nicht nur einen Blick auf Frosty den Schneemann zu werfen. Nicht der Schneemann ist das Zentrum dieses Songs, es ist die Protagonistin. „Misty“ ist ein faszinierendes Musikstück, etwas über dreizehn Minuten lang, eher ein gigantisches Nocturne als ein herkömmlicher Song. Graeme Thomson sagt sehr zutreffend, es sei „selbst für Kate Bushs Verhältnisse ein seltsamer Song“, der sich „durch einige Momente geradezu überirdischer Schönheit“ auszeichne [1].
Kate Bush sagt wenig zu diesem Song. Die Journalisten fokussierten sich auf „Sex mit einem Schneemann, WOW!“ und thematisierten dies in den Interviews. Wahrscheinlich hat Kate Bush innerlich (vor Lachen?) jedesmal die Augen verdreht. In einem Interview mit der Berliner Zeitung gibt sie aber einen wichtigen Hinweis: „Es ist schon kurios, dass gerade dieses Lied die Vorstellungskraft vieler Ihrer Kollegen enorm zu beschäftigen scheint. Das amüsiert mich sehr. Als ich den Song schrieb, dachte ich zunächst: Was für eine lächerliche Idee! Dabei ist es ein sehr düsterer Song, wie viele der anderen Lieder“ [2].
„Misty“ steckt voller Geheimnisse – und ja, es ist ein sehr düsterer Song. Um das alles aufzudröseln, ist es nötig, zuerst einmal die erzählte Geschichte kurz darzustellen. So treten dann die Punkte zutage, an denen anzusetzen ist. Die Protagonistin baut einen Schneemann, der möglichst lebensnah werden soll. Blut läuft von ihrer Hand, sie läuft ins Haus. Nachts in ihrem Zimmer öffnet sich auf einmal das Fenster. Der Schneemann kommt herein, legt sich neben sie. Er ist kalt, aber sie ist nicht erschreckt, sie ist fasziniert wie in einem Traum. Er ist kalt, und er schmilzt, wenn sie ihn anfasst. Er löst sich langsam auf, während die Dämmerung naht. Am nächsten Morgen erwacht die Protagonistin. Der Schneemann, Misty, ist verschwunden, nur noch Wasserspuren und Reste dessen sind da, was im Schnee war. Die Protagonistin ist voller Sehnsucht, irgendwo draußen muss er sein, draußen wo es weiter schneit. Um ihn zu erreichen, würde sie alles riskieren und sich hinaus in den Schnee stürzen.
„Misty“ ordnet sich damit ein in das Hauptthema des Albums – der Einbruch des Übernatürlichen, insbesondere  übernatürlicher, halbwirklicher Wesen, in die alltägliche Welt. Andy Gill fasst das präzise und sehr treffend zusammen: „These songs all deal with empathy for figures that only exist in a half-formed, mythical manner – it’s as if the fall of snow offers cover for these beings, allows them to take life under its blanket.“ [6]
Zu Beginn erklingt ein ruhiges Klavier, begleitet von sanfter Percussion (auch später wird dies nur durch ganz sparsame weitere Farben von Gitarren, Bass und Effekten ergänzt), dann beginnt die Stimme („Roll this body“). Wie eine Beschwörung wirkt dieser Text bis „I run back inside“, auch musikalisch erinnert es ein bisschen an eine rituelle Handlung. Die Harmonien schwingen zwischen zwei Akkorden hin und her (As-Dur, B-Dur) [3]. Dies ist eine ungewöhnliche Akkordverbindung – zu As-Dur würde man eigentlich den b-Moll-Akkord erwarten. Die Protagonistin will dem Schneemann Leben geben („Give him life“), sie will, dass er für sie lächelt („Make him smile for me“). Sie gibt ihr Blut für ihn, aber erschreckt dann über ihr Tun („My hand is bleeding / I run back inside“).
Die Protagonistin vollführt hier (ob bewusst bleibt unklar) Blutmagie. Sie gibt ihr Blut, um unbelebter Materie (hier dem Schnee, welken Blättern, Gras) Leben einzuflößen. In der Mythologie galt der Mensch als aus dem Blut der Götter erschaffen. Die symbolische Verbindung von Blut und Leben ist dabei essenziell, Blut verbindet die eigene Seele mit der eines anderes Wesens [4]. Ein allbekanntes Beispiel ist das Märchen Schneewittchen, in dem zu Beginn Blutstropfen in den Schnee fallen und damit auf Neubeginn und neues Leben verweisen [5].
Dann gibt es einen Bruch in der Stimmung, die Musik ändert sich, sie klingt nicht mehr beschwörend, es ist nun Musik, die etwas erwartet. Aus der Realität geht es in eine Welt, die unwirklich wie ein Traum erscheint. Ab „I turn off the light“ klingt auch die Stimme anders, höher, hingebungsvoll, bebend fast, wie im Angesicht eines Wunders. Die Harmonien weiten sich aus (der H-Dur-Akkord ersetzt zunehmend den B-Dur-Akkord) [4]. Akkordfolgen mit Schwerpunkten auf den Akkorden As-Dur und H-Dur bestimmen nun weite Teile des weiteres Songs. Der Schneemann erscheint zu dieser mystischen Musik. Ist es ein Geliebter? Ist es ein gewünschtes Kind? Der Text lässt das offen. Aber auf drängende Nachfragen [9] nach einem sexuellen Unterton (offenbar können viele männliche Musikjournalisten nicht in anderen Bahnen denken) ließ sich Kate Bush aber zu einer Aussage verleiten: „To that song, yeah. Yeah, because of the story that’s being told“. Man soll ja der Komponistin glauben, es handelt sich also wohl wirklich um einen unirdischen Geliebten.
Vor „So cold next to me“ gibt es eine instrumentale Passage, ein Innehalten von unwirklicher Schönheit. Die Musik kommt dann zur Ruhe, Klaviertöne fallen in die Tiefe, wie perlendes, schmelzendes Wasser. Zu „I can feel him melting in my hand / melting, melting in my hand“ wird die Musik so ruhig, dass es mir wie ein Ausdruck von Verzauberung erscheint. Die Zeit scheint für einen Moment stillzustehen. Diese Passage wird später fast genauso (fast noch intensiver) wiederholt. Einen schmelzenden Schneemann als Traumsymbol legt die allgemeine Traumdeutung als das Weichwerden eines verhärteten Herzens aus [10]. Genau das passiert hier, die einsame Protagonistin wird durch den von ihr erweckten Schneemann verzaubert, sie öffnet sich der Liebe (und der Schneemann schmilzt daran). Mit „He won‘t speak to me“ wird wieder die musikalische Gestaltung des Beginns (Realität?) aufgegriffen. Ab „Full of dead leaves“ vermischen sich die beiden musikalischen Welten. Es ist eine fast traumhafte Stimmung in der Musik, irreal, traumartig, unwirklich.
Mit Beginn der Textzeile „Sunday morning“ sind wir wieder in der Musik des Beginns, die Realität hat die Protagonistin eingeholt. Die Intensität steigert sich allmählich. Verlust und Sehnsucht sprechen aus jedem Wort und aus jedem Ton. Es klingt ein bisschen so, als ob ein Herz vor Sehnsucht pocht. Die Stimme wird immer intensiver. Die Protagonistin realisiert ihren Verlust und sie realisiert wohl auch, dass ihre Liebe den Schneemann getötet (zum Schmelzen gebracht) hat. Sie kann es vor Sehnsucht nicht mehr aushalten („I can’t find him / Misty / Oh please can you help me? / He must be somewhere“). Das Lied endet mit den Textzeilen „Open window closing / Oh but wait it’s still snowing / If you’re out there / I’m coming out on the ledge / I’m going out on the ledge“. Abrupt wird es dann ruhiger und endet. „Ledge“ übersetze ich in diesem Kontext jetzt einmal mit Fensterbrett. Draußen fällt der Schnee, will die Protagonistin sich hinausstürzen, in den Schnee hinein? Ist das ein Selbstmord, um mit dem Geliebten wieder vereint zu sein? Ein Liebestod? Das Cover des Albums „50 words for snow“ zeigt eine Frau und einen Schneemann, sie küssen sich, eingefroren und zugedeckt vom Schnee, es sieht aus wie ein Relief auf einer Grabplatte. Lebend können sie nicht zusammenkommen – der kalte Schneemann und die warme Frau. Das Ende vom „Misty“ ist für mich ein Liebestod im Schnee. Diese Deutung wird unterstützt, wenn man sich die harmonische Gestaltung anschaut und analysiert. Die verwendeten Tonarten haben gemäß Beckh [7] eine Bedeutung, die verblüffend gut dazu passt. Das Folgende ist gemäß Beckh zitiert.
Die Haupttonart scheint das As-Dur zu sein. As-Dur ist tiefste Tiefe, die dunkelste der Dur-Tonarten, die mystische Tonart. Es steht für die „Ahnung und Empfindung des kommenden Weihnachtslichts inmitten der tiefsten Jahresfinsternis“. Tiefe Innerlichkeit und Weihe verkörpert diese Tonart, es „scheinen sich weite Wunderreiche der Nacht oder geheimnisvolle Reiche des Überirdischen vor uns aufzuschließen, wir sehen uns auf einmal in mystische Tiefen des eigenen Inneren, des Innersten der Welt hineingeführt, ein Licht beginnt aufzuleuchten, wo wir bisher nur Dunkel vermuteten.“  As-Dur ist die Tonart der Nachtstücke. Bekannte Musikstücke sind in dieser Tonart geschrieben, z.B. Liszts „Liebestraum“.  Alle diese Zitate klingen wie Beschreibungen der Grundstimmung von „Misty“, das ja auch eine Art Liebestraum ist.
Zu Beginn des Songs wird häufig der B-Dur-Akkord benutzt. B-Dur ist noch nicht das Licht selbst, es ist die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichts, der Glaube an das Licht, Tonart des Glaubens und der Hoffnung. Robert Schumann verwendet B-Dur als „Liebestonart“.  Die Tonart steht für sichere Glaubenszuversicht, es ist die Tonart der liebenden Erwartung, der ahnenden Erwartung des Schicksals. So wird sie in „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner benutzt. Wagner – ein Meister in der Verwendung der Tonarten – hat die Charakteristika dieser Tonart oft herausgearbeitet. Er benutzt sie zur Darstellung des „Sterns der wahren Liebe“ im „Tannhäuser“ („Heilige Elisabeth – bitte für mich!“), der Brautchor aus „Lohengrin“ steht in B-Dur („Treulich geführt ziehet dahin, wo euch der Segen der Liebe bewahr! Siegreicher Mut, Minnegewinn, eint euch in Treue zum seligsten Paar“). In „Die Walküre“ ist es die Tonart der liebenden Erwartung („Winterstürme wichen dem Wonnemond“). Es ist Überwindung des Winters durch den Frühling der Liebe.
All das passiert auch in „Misty“. Der Winter im Herzen der Protagonistin weicht durch den Zauber einer mystischen Liebe.  Schmilzt der Schneemann an dieser Liebe? Wenn er im Song auftritt, dann wird der B-Dur-Akkord durch den H-Dur-Akkord ersetzt, der zum As-Dur dazukommt. H-Dur ist nach Beckh die Vorahnung des Hinübergehens, es ist die „Verklärung“. Diese hoch über dem Irdischen liegende Tonart wird nur verwendet, wenn man damit etwas ganz Bedeutsames ausdrücken will.  As-Dur ist die dominierende Tonart in Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“, der Oper schlechthin über eine verzweifelte Liebe, die im Tod endet. Es ist die Tonart der Liebesnacht und des Liebestods („Mild und leise, wie er lächelt“). Dieser Schlussgesang wandelt sich überirdisch verklärend nach H-Dur und endet in einer Apotheose in H-Dur.
Kate Bush spiegelt in „Misty“ Wagners Liebestod wieder, musikalisch und inhaltlich, für mich gibt es da keinen Zweifel. Bewusst oder intuitiv – das muss allerdings offen bleiben. Es gibt aber möglicherweise eine weitere Inspirationsquelle, die zum Song beigetragen hat. Ich zitiere den Beginn des Märchens „Schneewittchen“, der interessante Gemeinsamkeiten aufweist. „Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab. Da saß eine Königin an einem Fenster, das einen Rahmen von schwarzem Ebenholz hatte, und nähte. Und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee. Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: Hätt‘ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen genannt. Und wie das Kind geboren war, starb die Königin.“ [8]
Schnee, die Protagonistin an einem Fenster, Blut fällt in Schnee, ein magischer Wunsch, der Wunsch wird erfüllt, die Protagonistin stirbt – Gemeinsamkeiten mit „Misty“ sind für mich sichtbar. Aber vielleicht geht hier meine Fantasie mit mir durch, das mag am Wein und am Blick auf das Meer liegen.
Mein Fazit: „Misty“ verwebt den Liebestod aus „Tristan und Isolde“ mit märchenhafter Blutmagie (vielleicht analog zu Schneewittchen) zu einem neuen Mythos. Graeme Thomson meint, „[…] es ist die düstere Atmosphäre der Trauer, die den Song prägt“ [1]. Es ist aber auch die Geschichte einer alles überwindenden Liebe, die vielleicht doch eine Art Happy-End im Tod findet. Daher enthält „Misty“ neben unendlicher Trauer auch Hoffnung.    © Achim/aHAJ

[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S.413f
[2] ‪Martin Scholz: Ich will das nicht. Berliner Zeitung. 27.11.2011
[3] https://chordify.net/chords/Kate-bush-misty-antirecords (gelesen 25.04.2018)
[4] https://www.inana.info/blog/2018/01/25/symbolik-ritual-blut.html (gelesen 03.05.2018)
[5] https://symbolonline.de/index.php?title=Blut (gelesen 03.05.2018)
[6] Andy Gill: ‪Kate Bush: The ice queen of pop returns. The Independent. 18.11.2011
[7] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.196ff (As-Dur), S.244ff (B-Dur), S.171ff (H-Dur)
[8] zitiert nach https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/sneewittchen_schneewittchen  (gelesen 03.05.2018)
[9] John Doran: A Demon In The Drift: ‪Kate Bush Interviewed. The Quietus. 13.11.2011 [10] https://traum-deutung.de/schneemann/  (gelesen 25.04.2018)

Wanderung durch die Zeiten und die Stimmen von Heathcliff und Emily

Michael Stewart

Ein Interview mit Michael Stewart von Beate Meiswinkel

Der Schriftsteller Michael Stewart ist in mehr als nur einer Hinsicht ein interessanter Gesprächspartner: mit seinem neuen Roman „Ill Will“ hat er nicht nur der Wuthering Heights-Romanfigur Heathcliff eine eigene Stimme verliehen und ein Buch geschrieben, das neue Schlaglichter auf das literarische Meisterwerk von Emily Brontë wirft. Er initiierte auch ein groß angelegtes, spannendes Kunstprojekt zu Ehren der Brontë-Geschwister, über das bereits hier in diesem Blog zu lesen war. Darüber hinaus ist Michael auch Kate Bush-Fan, und es war ein besonderes Vergnügen, das nachstehende Interview mit ihm zu führen. Zusätzlich dürfen wir ein Gedicht von Michael Stewart veröffentlichen.

Beate: Ich war sehr beeindruckt, als ich von deiner Wanderung von Haworth in West Yorkshire nach Liverpool gelesen habe: 65 Meilen! Dies war Teil deiner Recherchen für deinen Roman „Ill Will“. Kannst Du unseren Lesern etwas über diese Erfahrung erzählen? Wie war es, auf Mr. Earnshaws Spuren zu wandeln?

Michael Stewart: Na ja, ich habe drei Tage dafür gebraucht, um ans Ziel zu gelangen. Mr. Earnshaw lief diesen Weg hin und zurück in drei Tagen, das war wirklich eine Leistung. Und nicht nur das, er hat außerdem noch eine Peitsche, eine Fiedel und einen Waisenjungen getragen. Die Leute waren damals einfach gut zu Fuß. Ich schlief unterwegs und machte Pausen, um zu essen – ein Luxus, den Mr. Earnshaw sich nicht gönnte. Es war eine sehr interessante Wanderung. Dort im Moor kann man sich selbst vorgaukeln, man sei in der Zeit zurückgereist. Es gibt dort Plätze weit oben, die vollkommen unverändert geblieben sind, und man kann sich gut vorstellen, wieder in der damaligen Zeit zu sein. Etwas weiter dann muss man sich häufig durch post-industrielles Brachland schleppen. Es war gut, am Kanal entlang zu gehen, der nun Teil der Freizeitindustrie geworden ist; damals war er eine brandneue technologische Errungenschaft! Ich hatte meinen Hund und ein Einmannzelt dabei. Dass es keinen Schlafplatz für den Hund gab, wurde mir erst bewusst, als ich in der ersten Nacht in meinen Schlafsack kroch, also schlief er auf mir. Er hat sehr gut geschlafen – im Gegensatz zu mir…

Beate: Es war ja Kate Bush mit ihrem Lied „Wuthering Heights“, das dich in sehr jungem Alter dazu inspiriert hat, mehr über die Hintergrundgeschichte dieses Liedes erfahren zu wollen. Magst du Kates Musik heute immer noch? Welches ihrer Alben hörst du am liebsten, und welches ist dein Lieblings-Song?

Michael Stewart: Ich liebe ihre Musik. Ich liebe alles davon. The Ninth Wave – dieses ganze Album innerhalb eines Albums – ist absolut brillant. Besonders mag ich, dass es eine durchgängige Geschichte erzählt. Es ist ein Film, umgesetzt in Musik. Ich bin auch sehr von der LP The Dreaming begeistert. Ich mag das Experimentieren sehr. Das ist eine verrückte Platte. Ich liebe auch viele der B-Seiten. Besonders Under the Ivy und The Handsome Cabin Boy.

Beate: Heathcliff ist ja nun ein recht „kontroverser“ Charakter: sehr anziehend, dennoch sehr finster. Er ist düster, und doch gilt er als überaus romantisch. Ich kann mir vorstellen, dass eine sehr persönliche Verbindung zu ihm entsteht, wenn man mit solchem Detailreichtum über ihn schreibt. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Michael Stewart: Nun, bis zu einem gewissen Grad leben wir alle mit einem anderen Charakter mit. Er kann Dinge tun und sagen, die ich nicht tun oder sagen könnte. Es ist sehr eigenartig, was Emily Brontë in diesem Buch macht. Sie verbringt die ersten neun Kapitel damit, das sympathische Opfer männlicher Gewalt aufzubauen, und dann, als er nach drei Jahren zurückkehrt, scheint sie unseren Glauben an ihn auf die Probe stellen zu wollen. Bei seiner Rückkehr hat er einen Großteil seiner Menschlichkeit eingebüßt und könnte in modernem Jargon als Psychopath bezeichnet werden. Er ist bestimmt kein romantischer Held; und dennoch geben wir ihn nicht auf, trotz allem, was er tut. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, besonders für eine Schriftstellerin im Alter von Ende 20.

Beate: Der Name deiner Romanfigur Emily ist eine Hommage an die Wuthering Heights-Autorin. „Deine“ Emily ist ein ähnlich schräger, anziehender Typ wie Heathcliff: ein verletzliches, einsames kleines Mädchen voller List, Tücke und seltsamer Weisheit. Sie gibt ja vor, sie könne mit den Toten sprechen… hat Emily’s „Gabe“ einen Einfluss auf die Situation, in der Heathcliff später mit Cathys Geist konfrontiert wird? Und beeinflusst dies die Art, wie er mit Cathys Tod umgeht?

Michael Stewart: Es gibt einige Dinge in meinem Buch, die für diejenigen, die Wuthering Heights kennen, bestimmte Ereignisse und Vorkommnisse vorbereiten, die sehr viel später in Emilys Roman vorkommen. Meine Emily begann vielleicht als Hommage, entwickelte jedoch rasch ihre eigene Stimme und startete richtig durch. Sie ist eine Trickbetrügerin. Anfangs ist Heathcliff leichtgläubig. Und diese Leichtgläubigkeit wollte ich aufzeigen, genau aus den Gründen, die du ansprichst. Er ist empfänglich für das Übernatürliche.

Beate: Dein Schreibstil ist sehr außergewöhnlich. Er ist voll (teilweise) schmutziger Umgangssprache. Davon abgesehen besitzt du eine sehr lebendige, bildhafte, wortgewandte Sprache, die starke Spannungsbögen erzeugt. Mir gefällt auch die ungewöhnliche Weise, in der Heathcliff – oder vielmehr Will – seine Geschichte erzählt: in Ich-Form und immer direkt an Cathy gerichtet, als ob er beständig im Gespräch mit ihr sei. Das zeigt seine Obsession und Leidenschaft. Hast du für ihn eine besondere Erzählsprache entwickelt, bzw. einen bestimmten Schreibstil für dieses Buch?

Michael Stewart: Das ist sehr liebenswürdig von dir, es so auszudrücken. Heathcliffs Stimme entstand recht einfach. Ich neige dazu, über verdrehte, düstere, verstörte Charaktere zu schreiben – warum weiß ich auch nicht so genau. Ich selbst bin weder besonders verdreht, düster oder verstört. Ich weiß nicht so genau, woher das kommt. Ich denke, es macht einfach viel Spaß, mit Typen wie ihnen Zeit zu verbringen.

Beate: Ist denn geplant, eine deutsche Übersetzung von „Ill Will“ zu veröffentlichen? Ich denke, viele Deutsche wären sehr gespannt darauf, es zu lesen, und dank des sehr anspruchsvollen Englischs würden einige eine Übersetzung bevorzugen.

Michael Stewart: Das hoffe ich sehr. Es wird im November in den USA veröffentlicht, und ich hoffe, bald mehr bezüglich europäischer Übersetzungen zu erfahren. Ich habe eine Weile in Deutschland gelebt. Ich mag die Deutschen und die deutsche Kultur sehr, deshalb würde ich mich über eine deutsche Übersetzung sehr freuen.

Beate: Zur Vorbereitung auf dieses Interview habe ich etwas über die Brontë-Geschwister gelesen, und dabei habe ich mich gefragt, wie anders Schriftstellerei zu ihrer Zeit wohl gewesen sein muss. Keine Computer, mit denen man ständig die Möglichkeit hat, Dinge zu korrigieren. Es gab keine Diktiergeräte, und Tinte und Papier waren wahrscheinlich auch nicht unbegrenzt zur Hand. Außerdem haben die drei Schwestern unter männlichem Pseudonym veröffentlicht, da man Schriftstellerei für Frauen als unschicklich ansah. Was denkst du: wie muss das damals gewesen sein, zu schreiben? Wie haben sie veröffentlicht? Gab es damals auch Verträge mit Verlagen, verdienten sie mit dem Schreiben Geld?

Michael Stewart: Es war tatsächlich Charlotte, die sie (die Brontës) veröffentlicht hat. Sie war sehr ehrgeizig. Ich glaube nicht, dass Emily nach einer Veröffentlichung gestrebt hätte, wäre Charlotte nicht gewesen. Ihr erstes veröffentlichtes Buch war ein Gemeinschaftsprojekt. Ich glaube, davon haben sie zwei Exemplare verkauft. Sie nahmen die Kunst und das Handwerk der Schriftstellerei sehr ernst. Die Art, wie sie lebten, war sehr förderlich dafür. So etwas wie ein ständiger Schriftsteller-Retreat.

Beate: Du hast beschlossen, die Brontë-Geschwister in ganz besonderer Art und Weise zu ehren: mit den sogenannten Brontë-Steinen. Möchtest du uns etwas über diese großartige Initiative erzählen?

Michael Stewart: Es ist ein Projekt, bei dem vier Gedenksteine in der Landschaft zwischen ihrem Geburtsort in Thornton und dem Pfarrhaus in Haworth gesetzt werden, dort, wo sie aufwuchsen, um große Schriftstellerinnen zu werden. Ich habe vier sehr renommierte Autorinnen angeworben, die die Worte für diese Steine schreiben sollen – über eine davon werdet Ihr Euch ganz bestimmt besonders freuen, wobei ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mehr verraten darf [inzwischen ist dieses Geheimnis ja bereits gelüftet: Kate verfasst die Zeilen für Emilys Gedenkstein]. Ein Steinmetz wird diese Worte dann in die Steine meißeln. Es wird einen Landkarten-Satz geben, vier Wanderwege, einschließlich einem, der direkt von Thornton nach Haworth führt, und drei Rundwege, einen für jede der Schwestern – Charlotte, Emily und Anne. Eine Reihe von Events ist ebenfalls geplant, einschließlich der Einführung der Steine beim diesjährigen Bradford Literature Festival im Juli.

Beate: Diese Frage stelle ich in Interviews jedes Mal, wenn es um Kate Bush geht: Was ist es deiner Meinung nach, dass sie zu einer so inspirierenden Künstlerin macht? Sie bringt so viele Menschen mit ihrer Musik dazu, selbst kreativ zu werden…

Michael Stewart: Das ist eine schwierige Frage. Es ist immer eine Kombination drei verschiedener Dinge, denke ich: dein persönlicher Hintergrund, deine DNA und schließlich jener Funke, den man nicht genauer definieren kann. Wie du weißt, besitzt sie einen sehr musikalischen Hintergrund, aber das zählt nicht als Argument, warum sie so eine originelle Künstlerin ist. Ich denke, dass sie die Dinge anders sieht. Als Künstlerin ist sie furchtlos. Eine Menge Rockstars sind übermäßig besorgt, möglichst „cool“ zu wirken. Kate hat das nie auch nur die Bohne gekümmert.

Beate: Wie ich lese, schreibst du auch Gedichte – welches davon könnte denn möglicherweise ein Kate Bush-Song sein, oder vielmehr: welches würdest du sie gerne singen hören?

Michael Stewart: Was für eine interessante Frage. Vielleicht ein Gedicht mit dem Titel „Clean“, oder „The Spring Fires“. Ich denke, die Doppeldeutigkeit darin würde ihr gefallen.


The Spring Fires

Von Michael Stewart

They found him burning furniture in the back yard.
First the dining table, faux-antique oak
and the chairs, with legs like varicose veins.
He piled up the kitchen units,
the work bench and the foot stool.
Next to go the sofa and the armchair,
a matching set from DFS.
The glazed dresser and the sideboard, both solid teak,
a pine chest, a shelving unit from Ikea, a wicker fruit bowl,
a stirring spoon and an ash wine rack,
the white wood tall boy with its drawers of MDF,
a walnut bureaux, a wedding gift,
his grandma’s rocking chair, an heirloom.

Last to go, the double bed,
their bed, its base first then its headrest,
then the mattress and the duvet.
What a gagging stink that made,
the bed they’d shared all these years
a thick fog of black smoke. 

It’s over, they said, there’s nothing left.
I know, he said, and lit a cigarette.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Michael Stewart.)

Let me in-a-your window: Ein Ausflug in das Reich von Wuthering Heights

Fotos: A.Pickard/Ponden Hall

Heathcliff, it’s me, Cathy, I’ve come home. I’m so cold, let me in-a-your window. Wenn Kate diese Zeile im Song „Wuthering Heights“ singt, ist klar, was gemeint ist: Der Geist von Cathy ist nach Hause zurückgekehrt – sie bittet Heathcliff, der inzwischen auf dem Gutshof „Wuthering Heights“ lebt, um Einlass. Schon die Geschichte von „Wuthering Heights“ ist verwirrend, noch verwirrender wird es aber, wenn man sich auf die Spur nach den historischen Vorlagen des Romans begibt. Cathy lebt auf dem Gutshof „Wuthering Heights“ und zieht nach der Hochzeit mit Edgar Linton in das Herrenhaus Thrushcross Grange. Als Vorlage für dieses Herrenhaus gilt unter anderem Ponden Hall im kleinen Örtchen Stansbury. Es würde vor allem geographisch passen. Das Landhaus gehörte im frühen 19. Jahrhundert einem Textilfabrikanten und beherbergte damals die größte Privatbibliothek von ganz Yorkshire. Überliefert ist, dass Emily Brontë sich in der Bibliothek oft aufgehalten hat. Kleiner Haken an der Sache: Das Haus, das als Vorlage für den Stammsitz der Familie Linton gilt, passt eigentlich perfekt auf die Beschreibung des Gutssitzes „Wuthering Heights“ – inklusive dem berühmten Fenster, vor dem der Geist von Cathy nach ihrem Heathcliff ruft. Seit 1998 gehört Ponden Hall Julie Akhurst und Steve Brown, die in drei Räumen des Hauses Bed & Breakfast anbieten – und sich dabei auf die Brontë-Verbindung berufen. Dabei sticht natürlich besonders der Raum mit dem Cathy-Fenster hervor, der Earnshaw-Room, benannt nach den Besitzern von „Wuthering Heights“.
„Das berühmte Cathy-Fenster befindet sich hier in Ponden Hall – wo Cathys Geist darum kämpfte hineinzukommen, verzweifelt auf der Suche nach ihrem Liebhaber Heathcliff in Emily Brontës berühmtem Roman ‚Wuthering Heights‘“, heißt es da unter anderem auf der Webseite von Ponden Hall. Und: „Für ein einzigartiges Brontë-Erlebnis oder um einen besonderen Anlass zu feiern: machen Sie es wie Mr. Lockwood und übernachten Sie in einem Bett im Stil des 18. Jahrhunderts, entworfen als Kopie des berühmten Bettes von ‚Wuthering Heights‘, das im Roman von Emily ausführlich beschrieben wird und um das berühmte Fenster herum gebaut wurde. Wenn Sie mutig genug sind, können Sie das Paneel vor dem Fenster öffnen, um unsere Nachbildung der Familienbibel zu sehen, in die Cathy ihren Namen eingetragen hat. Wenn nicht, schließen Sie alle Paneele und machen Sie es sich für die Nacht gemütlich!“ Und wer nicht schlafen kann, für den steht mit der Buch-Ausgabe die passende Bettlektüre bereit. Julie, die sich liebevoll um ihre Gäste kümmert, ist selbst Kate Bush-Fan und weiß auch von Gästen zu berichten, die im Earnshaw-Zimmer gerne „Wuthering Heights“ hören oder gar in den benachbarten Mooren den Song selbst schmettern. Und: Regelmäßig seien zudem auch die Gründer des britischen Kate Bush-Fanclubs bei ihr zu Gast.  Eine Nacht in dem Zimmer kostet  180 Pfund. Man kann allerdings auch schon für 95 Pfund in einem der anderen Räume wahlweise von Cathy, Heathcliff oder natürlich auch Kate Bush träumen. Weitere Infos zu Ponden Hall gibt es hier, noch viel mehr zu Emily Brontë’s „Wuthering Heights” hier.

Kate beteiligt sich an Kunst-Projekt für Emily Brontë

 

Im Rahmen der Feiern zum 200. Geburtstag von Emily Brontë wird sich Kate Bush an einem besonderen Kunst-Projekt beteiligen, das der Schriftsteller und Brontë-Experte Michael Stewart bereits 2013 angeregt hatte. Im Rahmen des Bradford Literatur Festivals werden zwischen dem Geburtsort der Brontë-Schwestern in Thornton und dem Pfarrhaus der Eltern in Haworth insgesamt vier Steine aufgestellt, um so das literarische Erbe der Brontë-Schwestern zu würdigen. Zudem wurden vier der beliebtesten britischen Literatur- und Kulturschaffenden – Kate Bush, Carol Ann Duffy, Jackie Kay und Jeanette Winterson – ausgewählt, deren Texte die Steine zieren werden. Das Projekt, das im Juli auf dem Festival vorgestellt wird, zeigt eine neue permanente öffentliche Kunstinstallation für mehrere Orte in der zerklüfteten Landschaft von Yorkshire, die die Brontës selbst mit Romanen wie Jane Eyre und Wuthering Heights verewigt haben. „Ich freue mich, an diesem Projekt beteiligt zu sein“, wird Kate in einer Pressemitteilung zu dem Projekt zitiert. Weiter heißt es, dass sie es faszinierend finden würde, dass künftig ein Stein an jede Schwester in der rätselhaften Landschaft erinnern solle, in der sie gelebt und gearbeitet haben. Kate: „Emily hat nur den einen Roman geschrieben – ein außergewöhnliches Kunstwerk, das wirklich Spuren hinterlassen hat. Mich zu bitten, ein Stück für Emilys Stein zu schreiben, ist eine Ehre und in gewisser Weise eine Chance, ihr Danke zu sagen.“ Nicht nur der „Guardian“ feiert das als gelungenen Coup der Festival-Macher, die offenbar selbst von der Zusage von Kate überrascht waren. Der „Guardian“ zitiert die Festival-Direktorin Syima Aslam, man habe Kate mit „einer gewissen Beklommenheit“ angefragt Bush sei mit einer gewissen Beklommenheit angesprochen worden.  „Wir wussten, dass sie wunderbar passen würde, gleichzeitig dachten wir aber auch, dass sie einfach Nein sagen könnte. Aber man erfährt es nicht, wenn man nicht einfach fragt. Und sie sagre ja, was für uns ungeheuer aufregend war.“ Kate wurde genau vor 40 Jahren mit dem Song „Wuthering Heights“, der auf Emilys Roman basiert, über Nacht berühmt und teilt zudem den Geburtstag mit ihr. Der Öffentlichkeit offiziell vorgestellt werden sollen die Kunstwerke mit den neuen Texten der vier Künstler am 7. Juli – eine Woche vor dem Wuthering Heights Day in diesem Jahr und drei Wochen vor dem Geburtstag von Emily Brontë. Kleiner Wermutstropfen: Carol Ann Duffy, Jackie Kay und Jeanette Winterson werden bei der Feier zugegen sein und ihre Texte vorstellen, Kate ist nicht als besonderer Gast genannt. Das würde vermutlich aber auch zu einem Massenauflauf von Fans führen. Allerdings könnte sich auch der Stein mit der Inschrift von Kate, der mitten in der Landschaft seinen Platz finden soll, zu einem neuen Treffpunkt für Kate-Fans werden…

Show a little devotion: Rainer

Kate-Fans sind treu, hingebungsvoll, geduldig und vor allem in die Musik von Kate verliebt. Im Kate-Fragebogen “Show a little devotion” gibt es für Kate-Fans immer die selben zwölf Fragen… mit den unterschiedlichsten Antworten…Heute von Rainer:

Mit welchem Kate-Song wachst Du am liebsten morgens auf?
Schwer zu sagen  –  am Ehesten wohl mit ,Kite’, weil dieser Titel irgendwie lustig klingt!

Welche von Kate besungene Figur wärst Du gerne?
Der Daddy in ,Cloudbusting’ denke ich  –  oder einer ihrer Brüder. Vielleicht, weil ich gern selbst in einem so hochmusikalischen Haushalt groß geworden wäre… 

Wie lautet Deine liebste Textzeile von Kate?
Da fällt mir ganz spontan ein ,There is only one problem  –  we are best friends’ aus ,You´re The One’ ein, weil ich sowas in der Vergangenheit selbst oft erlebt habe.

Welchen Kate-Song singst Du unter der Dusche?
Eigentlich singe ich nicht unter der Dusche und wenn, dann wär´s wohl am ehesten so etwas wie ,Cloudbusting’. 

Mit welchem Song von Kate verbindest Du ein besonderes Erlebnis?
Das ist definitiv ,Wuthering Hights’, weil es ein absolutes Aha–Erlebnis für mich war, diese außergewöhnliche Stimme erstmals zu hören! Ich stand damals wenige Monate vor der heiß ersehnten Entlassung aus der Armee und verliebte mich regelrecht in diese Stimme. Zumal die Gegend, in der ich damals stationiert war, frappierende Ähnlichkeit mit den Moorwiesen aufwies, über die Kate Bush in dem Wuthering-Hights- Video tanzte…

Welchen Song von Kate hörst Du, wenn Du verliebt bist?
Nun ja … verliebt … kommt ja eigentlich nicht mehr vor, aber ich würde ,This Womans Work’ favorisieren! 

Welcher Song-Titel beschreibt Dich am besten?
Der Typ, den Kate in ,Blow Away’ mit den Worten ,One of the Band told me last Night’ besingt, weil Musik in meinem Leben einen außerordentlich hohen Stellenwert hat.

Welches Album von Kate magst Du am liebsten?
Schwer zu sagen – da wäre einerseits ,The Kick Inside’ weil es ihr frühestes Werk ist, das mit einer Menge Erinnerungen verbunden ist und des Weiteren ,The Sensual World’. Aber an sich hat jedes ihrer Alben großartige Songs, so dass die Wahl wirklich schwer fällt.

Welcher Song hat Deine Begeisterung für Kate geweckt?
Das war definitiv ,Wuthering Hights’, quasi der Beginn einer musikalischen Liebe, die bis heute anhält.

Was macht für Dich Kate so besonders?
Kate Bush ist nie gängigen Klischees gefolgt, hat immer ihr ,eigenes Ding’ gemacht und sich dabei auch nicht von solchen Molochs wie EMI dreinreden lassen. Ich denke, sie besitzt ein außerordentliches Gespür für Musik und lässt uns daran teihaben. Jedenfalls ist sie für mich die wohl größte weibliche Sängerin/Songschreiberin unserer Zeit.

Was würdest Du Dir für das nächste Album von Kate wünschen ?
Dass es möglichst bald kommt und aufgrund ihrer interessant weitergereiften Stimme ruhig wieder etwas ,härter’ wird! 

Welcher Song von Kate sollte einmal auf Deiner Beerdigung gespielt werden?
Puuuh, das ist hoffentlich noch eine Weile hin. Aber wenn, dann könnte ich mir durchaus so etwas wie ,Coffee Homeground’ vorstellen, um dem Ganzen ein wenig den Ernst der Stunde zu nehmen.

The Dreaming: Zehn Blicke auf fremde Welten (3)

Die Analyse des Albums ist natürlich nicht vollständig, wenn nicht auf die Songs eingegangen wird. „The Dreaming“ beginnt mit „Sat in your lap“, das vor der eigentlichen Arbeit am Album entstanden war und als recht erfolgreiche Single die Zeit zwischen den Alben überbrückte. Die Anklänge an Stammesrhythmen sind hier besonders deutlich (hier zeigt sich der erste Einfluss der Zusammenarbeit mit Peter Gabriel und des dort entwickelten Schlagzeugsounds). Die Arbeit an dieser Single und die Integration der neuen Sounds war für Kate Bush wie eine Initialzündung [8]: „I felt as if my writing needed some kind of shock, and I think I’ve found one for myself. The single is the start, and I’m trying to be brave about the rest of it. It’s almost as if I’m going for commercial-type ‚hits‘ for the whole album.“ Der letzte Satz klingt bei Kenntnis des ganzen Albums etwas merkwürdig – aber wer weiß, was Kate Bush in ihrem Herzen für kommerziell hält … In diesem Song geht es [2] um die Erkenntnis, es geht um das Streben nach spirituellem Fortschritt. „Ist Erkenntnis etwas Angeborenes, Instinktives, Sexuelles […], oder kann man sie nur durch lebenslanges Suchen und Streben […] erlangen und selbst dabei möglicherweise versagen?“ [2]. Hier wird das Kernthema des ganzen Albums angesprochen, darum geht es, das hat Kate Bush mit diesem Album versucht zu beantworten. Erzählt wird auch von schöpferischer Frustration, was wohl dazugehört. „Sat in your lap“ ist von einem vorantreibenden Sog erfüllt, wilde Trommeln, hektisches Klavier und später hektische Bläser, so etwas wie Peitschentöne, Töne wie aus einem Stammesritual – Rastlosigkeit. Es ist ein Song ohne Pause. Die Gesangsstimme ist tiefer als früher, zurückgenommen, ebenfalls von Ruhelosigkeit getrieben. Manchmal gibt es fast opernhafte Töne. In einer ganz anderen Tönung Einwürfe, hoch gesungen, wie Kommentare („Some say that knowledge is something that you never have“).
There goes a tenner“ ist nach Meinung von Thomson [2] das leichteste Stück des Albums. Es ist eine tänzelnde Krimiparodie, aber mit einem düsteren Subtext. Offenbar werden Ganoven von Paranoia geplagt und geben auf, als der Tag der Umsetzung des geplanten Einbruchs gekommen ist [2]. Thomson stellt die Frage, ob dies auch ein Kommentar zu den eigenen Ängsten und Unsicherheiten bei der Produktion des Albums sein könnte. Die Ausgestaltung hat einige Besonderheiten. Der Gesang der Protagonistin ist zurückgenommen, sie singt mit einem deutlichen Akzent. Es gibt comicartige Einlagen („all my words fade“) und dunkle, tiefe, düstere Töne im Chorus („We‘re waiting“), die wie eine Ermahnung aus dem Grab klingen. Karikatur und Düsternis treffen in diesem Song zusammen – es ist ein gereiftes Echo auf das ähnliche „Coffee Homeground“ vom Album „Lionheart“.
Pull out the pin“ greift den Vietnamkrieg auf, aus der Sicht eines Vietcong. Diese fast filmische Erzählung mit ihren Urwaldgeräuschen holt den Schrecken des Krieges ganz nah heran, macht ihn mit lyrischen und musikalischen Mitteln fühlbar. Er ist ein ganz typisches Beispiel für die Arbeitsweise von Kate Bush. Eine außermusikalische Inspiration (hier eine Sendung im Fernsehen) löste einen Assoziationssturm aus. Hier geht es um etwas Existenzielles, den Kampf einer gegen einen („Just one thing in it, me or him. And I love life!“). Das „And I love life!“ wird geradezu verzweifelt herausgeschrieen, es ist der pure Überlebenswille. Dies ist eine fremdartige und dunkle Atmosphäre, die sich zum Ende hin hinter den Hubschraubergeräuschen – die an den Vietnam-Film „Apocalypse now“ erinnern – in Agonie und Tod verliert.
Suspended in gaffa“ kreist um die Suche nach Erfüllung, ist aber von Selbstzweifeln und Entfremdung durchzogen [2]. Ein schneller Walzerrhythmus (selten in der Popmusik) hetzt die tiefe Gesangsstimme durch den Song, begleitet von hohen chorischen Stimmen als Begleitung.
Leave it open“ kann wirklich als hochgradig experimenteller Song bezeichnet werden. Thomson hält ihn für einen verstörenden Song [2]. Für ihn fasst er die düstere Botschaft des Albums zusammen: „Harm is in us“. Die Stimmen in diesem Song sind verzerrt, überall umtosen einen merkwürdige Soundexperimente. Zum schon typischen Schema „tiefe Solostimme / hohe Begleitung“ kommen nun auch Männerstimmen als Begleitung hinzu („Harm is in us but power to arm“). Der etwas lang geratene letzte Chorus geht in eine Schlusssteigerung über, hier hebt der Song richtig ab und nimmt Drive auf. Merkwürdige Stimmen ergänzen nun die eigentlich positive Botschaft „leave it open“ mit einem „Say what we‘re gonna let in / We let the weirdness in“. Auch dies kann als Kommentar zum Album verstanden werden, das ja ausdrücklich das Unheimliche und die Verrücktheit hereinlässt.
Der Titelsong „The Dreaming“ wurde als Single ausgekoppelt. Es ist eine eher ungewöhnliche Single, sie hat nun so überhaupt nichts mit dem Mainstream zu tun. Inspiriert wurde Kate Bush zu diesem Song durch eine Australienreise im Jahr 1978 [2]. Der Song hat das Schicksal der Aborigines zum Thema [2], deren Land ausgebeutet wird und die selbst der zerstörerischen Kraft des Alkohols ausgesetzt sind („devils in a bottle“). Ein „knochenharter Rhythmus bildet das Gerüst des Songs“ [2]. Hier gab es eine Zusammenarbeit mit Rolf Harris, für dessen Song „Sun arise“ Kate Bush geschwärmt hatte, für sie immer noch ein Meilenstein der Weltmusik [2]. Diese Zusammenarbeit sollte sich dann über zwanzig Jahre später mit „Aerial“ fortsetzen. Der ganze Sound des Songs ist australisch inspiriert, ein Didgeridoo ertönt, es ertönen Tierlaute (Schafe?), alles ist wie Musik aus einer fremden Welt. Es erinnert mich an archaische Riten. Auch die Gesangsstimme ist merkwürdig akzentuiert, als ob Kate Bush mit einem Akzent (der Aborigines?) singen würde. Fast überirdische Passagen kommen dazu („Coming in with the golden light“), ferne Einwürfe wie Erinnerungen erklingen („See the light ram through the gaps in the land“). Es ist eine zerrissene Welt, die hier gezeigt wird.
Night of the swallow“ ist für Thomson ein wegweisendes Stück [2]: „Barocke Balladenkunst geht mit traditionellen keltischen Instrumenten eine bestechend schöne Verbindung ein.“ Diese neue und überraschende Einbeziehung von traditionellen Instrumenten und Stilformen wurde von Kate Bush auch auf späteren Alben aufgegriffen. Sie war damit eine Wegbereiterin für andere Künstler. Überraschend für mich ist der bruchlose Übergang von „The Dreaming“ zu diesen Song – hier vermischen sich Didgeridooklänge mit irischen Klängen, Australien weicht Irland, beide Songs besinnen sich auf die Tradition. „Night of the swallow“ kann am ehesten als Ballade bezeichnet werden. In der Stimmung erinnert es mich immer an „Oh england my lionheart“ vom Album „Lionheart“. Auch dort schimmert die Tradition durch die Pop-Folie.
In „All the love“ trifft ausgefeilte Technologie auf eine sehr reine, fast klassische Singstimme [2]. Der Song beklagt, wie schwer es ist, der Liebe Ausdruck zu verleihen und auf andere zuzugehen [2]. Er endet in einer Toncollage aus verschiedenen Stimmen, die auf einem Anrufbeantworter ihre Stimmen hinterlassen – aber die Protagonistin antwortet nicht. Der Song ist ruhig, melancholisch, traurig. Die Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und den Erwartungen der Welt ringsum werden thematisiert („They think I‘m up to something weird / And up rears the head of fear in me“).  Eine ganz zarte, hohe Knabenstimme gibt Hoffnung und Aufmunterung, wie eine himmlische Verheißung: „We needed you to love us too, we wait for your move“. Ein himmlischer Appell? Eine Aufforderung? In der Stimmung nimmt dies schon etwas von „Hello Earth“ vorweg und ich höre auch eine Vorausahnung der reinen, kristallinen Schönheit von „Snowflake“. Linien in die Zukunft werden sichtbar.
Eine faszinierende Studie über das Übernatürliche [2] ist „Houdini“. Ist Liebe stärker als der Tod? Dieser Song ist wieder eines dieser geheimnisvollen Lieder von Kate Bush, der eine ganz konkrete Begebenheit der Geschichte in einem musikalischen Moment zusammenzieht. Harry Houdini war ein amerikanischer Entfesselungs- und Zauberkünstler. Seine Ehefrau Wilhelmine Beatrice „Bess“ Rahner fungierte viele Jahre als seine Bühnenassistentin. Geschildert wird die Geschichte dieser Frau, die von der Liebe zu ihrem toten Mann besessen ist. Wieder und wieder versucht sie, ihn auch im Tode zu erreichen. So groß ist ihre Liebe, dass sie nicht aufgibt. Kann die Liebe schließlich doch den Tod besiegen? Hat die Rettung nicht in der Vergangenheit jedesmal geklappt? Liebe über den Tod hinaus – dieses Thema wurde schon in Kate Bushs erstem Hit „Wuthering Heights“ besungen. Dort kehrte Cathy zurück zu Heathcliff, hier Harry zu Bess.
Get out of my house“ ist schließlich der dämonische Abschluss des Albums. Er ist der einzige Song, der konsequent auf einen Rhythmus setzt [2]. Im Chorus wird wieder eine fast opernhafte Stimme benutzt, das ist ein sehr theatralischer Effekt („No strangers feet will enter me / I wash the panes I clean the stains away“).  Der Song ist inspiriert von Stephen Kings Roman „The Shining“ [2] bzw. wahrscheinlicher von der Verfilmung durch Stanley Kubrick. Es handelt sich vordergründig um ein vom Bösen besessenes Haus, tote Materie wird zum Leben erweckt. „Es ist die Stimme einer Frau, die in ihrem privaten Rückzugsort bedrängt wird“ – das ist die Meinung von Thomson [2]. Ist es eine Parabel auf den Starruhm? Gibt Kate Bush hier ihrem Unterbewusstsein eine Stimme? Beängstigend sind für mich die verzweifelten Schreie im Hintergrund, die immer wieder auftauchen („Get out of my house“). Die Bedrängung findet durch einen Mann statt (ein Echo auf Jack Nicholson im Film?), für mich hat das aber auch etwas von sexueller Nötigung. Eine erschreckende Vorstellung und ein verstörendes Ende des Albums.
Wie kann ich das Album zusammenfassen, wie kann ich ein Fazit ziehen? Ich will es auf eine neue Art versuchen. In Twitter ist die Zeichenlänge für einen Tweet begrenzt und das erfordert viel Kreativität in der Beschränkung. Hier kommt nun als Fazit mein Versuch, die Essenz des Albums in einem Tweet zu erfassen:

„Zehn Blicke auf fremde Welten. Gold und Düsternis, Licht und Hysterie, Traurigkeit und Liebe. Zerrissene Seelen, Himmel und Hölle treffen sich. Schönheit in der Dunkelheit, die gefährlich ist. With a kiss you‘d pass the key.“ © Achim/aHAJ

[1] Beate Meiswinkel: „35 Jahre „The Dreaming“: Pressestimmen und Impression 1982-84“.  http://morningfog.de/?p=4857. (gelesen 01.01.2018)
[2] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 230ff
[3] N.N.: The New Music. 3./4. August 1985.
[4] Robin Smith: Getting Down Under With ‪Kate Bush. Unbekannte Quelle. 1982.
[5] Kate Bush: Letter from Kate. KBC article Issue 9. Frühling 1981.
[6] Paul Simper: Dreamtime is over. Melody Maker, 16. Oktober 1982.
[7] Kate Bush: About The Dreaming. KBC article Issue 12. Oktober 1982.
[8] John Shearlaw: The Shock of the New. Record Mirror. September 1981.
[9] Kate Bush: About Hounds Of Love & Interview. KBC article Issue 17.

https://twitter.com/achimriehn/status/982841570138324992?s=21

The Dreaming: Eine Grenzerfahrung (2)

„We let the weirdness in.“

Die Suche nach den Juwelen, nach dem perfekten Klang – es muss für alle eine Grenzerfahrung gewesen sein. Kate Bush entschuldigt sich fast etwas dafür bei ihren Mitstreitern: „Del Palmer engineered all the demos and every night he would sit up in the cramped little control room, getting different sounds for each track. He sat through hours of harmonies and takes of lead vocals, replying ‚I’m not bored‘
as many times as there were cups of tea, and nodding ‚Yeah, Kate, I think it sounds great!‘, a phrase to be echoed by Hugh, Haydn, Paul–Bless you all.“
Es ging in diesem langen Prozess nicht um die eigentliche Komposition, diese Phase war längst abgeschlossen. Die Arbeit bereitete die richtige Ausgestaltung [7]: „Now it’s all finished, I think of the beginning. Twenty demos, ten of which became the album. In these demos all the moods and sounds were captured, and all the way through the album these demos were referred to. Often the session would stop, we’d dig out the 1/4 inch tape of the track we were working on, and with the original flavour and sounds strong in our heads, the session would begin again. In many ways it would have been interesting to have used the demos as masters, they were so spontaneous.“
Nervenaufreibend, belastend, im Kampf mit den neuen Techniken, unter Zeitdruck, wechselnde Wegbegleiter, abhängig von äußeren Einflüssen, die Studiozeiten kosteten wahrscheinlich Unsummen – Kate Bush muss es gehasst haben. Sie äußert sich nicht dazu. Aber in logischer Konsequenz baute sie danach ihr eigenes Home-Studio auf, verwirklichte die Freiheit in der Arbeit.
„The Dreaming“ ist ein Album, in dem die Komponistin und Sängerin ALLES will. Es ist voller Experimente, die Beherrschung des Instrumentariums und der Visionen bedeutete eine praktisch ununterbrochene Arbeitszeit, die an die Substanz ging. Die angestrebte Vision beschrieb Kate Bush so [8]: „I want it to be experimental and quite cinematic, if that doesn’t sound too arrogant. Never For Ever was slightly cinematic, so I’ll just have to go all the way.“ Rhythmen treten stärker in den Vordergrund [9]: „Since drum machines entered my life on the third album, it’s never been the same.“ Der Gesang geht weg von der vorher vorhandenen Süße und Leichtigkeit hin zu mehr Ernst, er ist tiefer und  kräftiger, erdiger. Es gibt noch mehr Stimmfärbungen als früher, den Inhalten angepasst, die Stimme ist dabei immer unter völliger Kontrolle. „Es ist fast, als würde man Zeuge, wie ein Mädchen zur Frau wird.“ [2]
Themen des Albums sind Konflikte und Klaustrophobie, Flucht und Zerstörung, der Kampf gegen Hemmnisse und Grenzen [2]. Selbstzweifel werden in verschiedenen Songs angesprochen. Kate Bush fasst das so zusammen [3]: „I think the last album is very dark and about pain and negativity, and the way that people treat each other badly. It was a sort of cry really and I think that perhaps the biggest influence on the last album was the fact that I was producing it so I could actually do what I wanted for the first time. And then there are a lot of things we wanted to experiment with and I particulary wanted to play around with my voices, because there are a lot of different backing vocals and things like that. The different textures were important to me. I wanted to try and create pictures with the sounds by using effects.“
Auch das Einhalten einer stilistischen Grundhaltung war Kate Bush wichtig – hin zu mehr archaischen Formen, zurück zu den Wurzeln der Musik [4]: „I wanted it to be a very human, emotional album. I think we’ve come so far in making music sophisticated that we’re almost in danger of losing the roots. That’s why I think there’s been a return to tribal influences. After all, that’s where rock’n’roll came from in the first place. It’s a very ethnic album, as well, in many respects.“
Graeme Thomson fasst das alles kurz und prägnant so zusammen [2]: „Der Eindruck kaum gezügelter Hysterie in dieser Musik ist nicht allein den düsteren Inhalten der Songs zuzuschreiben, er entsteht auch aus der schieren Menge an musikalischer Information, aus einer Art klanglicher Überlastung.“
Ich teile das nur bedingt. Hysterie kommt nur in wenigen Titeln vor, klangliche Überlastung ist die Ausnahme. Die Songs sind zum großen Teil zwar reich an Informationen, an überraschenden Klangfarben, sie überfordern aber nicht (das ist vielleicht aber nur Gewöhnung). Der Kampf mit der Technik ist zu bemerken, es wird experimentiert und ausprobiert. Das klingt manchmal roh und es ist manchmal auch ein bisschen übertrieben. Kate Bush zeigt was sie kann und eine Reduktion auf das Wesentliche (die Essenz) gelingt ihr erst auf dem nächsten Album. „The Dreaming“ ist wild und ungezügelt, das ist das Schöne an ihm. Die Möglichkeiten werden ausgebreitet ohne Beschränkungen. © Achim/aHAJ

[2] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 230ff
[3] N.N.: The New Music. 3./4. August 1985.
[4] Robin Smith: Getting Down Under With ‪Kate Bush. Unbekannte Quelle. 1982.
[7] Kate Bush: About The Dreaming. KBC article Issue 12. Oktober 1982.
[8] John Shearlaw: The Shock of the New. Record Mirror. September 1981.
[9] Kate Bush: About Hounds Of Love & Interview. KBC article Issue 17.

The Dreaming: Alles musste sich ändern (1)

Eine Analyse zum Album „The Dreaming“ zu schreiben ist eine Herausforderung. Was kann noch geschrieben werden, was über die bereits existierenden Reviews hinausgeht? Beate Meiswinkel zum Beispiel hat in ihrem wunderbaren Rückblick für diese Webseite [1] alle wesentlichen Punkte zusammengefasst. Was also noch? Ich möchte mich darauf beschränken,  Informationen zur Entstehung zu geben, gefolgt von einem Versuch der Einschätzung und Einordnung. Nun gut – das wird trotzdem nicht kurz werden.
Zur Entstehungsgeschichte findet sich eine gute Zusammenfassung in der Biographie von Graeme Thomson [2]. Kate Bush fühlte sich offenbar zunehmend eingeengt durch die Art, in der die ersten drei Alben entstanden waren. Unzufriedenheit ist auch zu spüren über die Art, wie sie früher gesungen hat, Selbstzweifel waren da. Es fehlte zudem bisher aus ihrer Sicht die Fähigkeit, durch die Stimme die „Wahrheit“ auszudrücken [3]: „I think my writing and my voice have continually tried to get better, to be able to do something I actually like. And it’s very frustrating when you are writing songs and singing them, and you’re not enjoying what’s coming back. So hopefully, y’know, it will be become more pleasurable for me, the actual process, because it is painful to listen to things that sound awful, when you really wanted them to sound good.“
Ein grundsätzlicher Wechsel musste her, eine Weiterentwicklung, ein Abbiegen vor einer möglichen Sackgasse: „I couldn’t go on forever as the little girl with the ‚hee-hee‘ squeaky voice“ [4]. Eingeengt fühlte sie sich offenbar auch immer mehr dadurch, dass sie nicht die volle Kontrolle über ihre Musik hatte, auch dies änderte sich mit diesem Album [3]: „[…] and I think that perhaps the biggest influence on the last album was the fact that I was producing it so I could actually do what I wanted for the first time.“
Kate Bush befand sich also an einem aus ihrer Sicht kritischen Punkt ihrer Karriere. Alles musste sich ändern.
Einen wichtigen Anstoß gab die Zusammenarbeit mit Peter Gabriel. Kate Bush war während der Aufnahmesessions für Gabriels drittes Soloalbum dabei (sie arbeitete als Backgroundsängerin mit), in denen auch der charakteristische Drum-Sound für „In the air tonight“ von Phil Collins entwickelt wurde. Kate Bush gab selbst dazu ein paar Andeutungen [5]: „It’s great to hear some really good music coming back. Wasn’t ‪Phil Collins’s In the Air a masterpiece? Well, while I’m trying to organise some tracks to record, I hope you will be having a positive March forward.“. Die Teilnahme an diesem Prozess und der Einblick in die neuen technischen Möglichkeiten war für Kate Bush eine erregende Erfahrung [6]: „Seeing Peter working in the Town House Studio, especially with the engineers he had, it was the nearest thing I’d heard to real guts for a long long time. I mean, I’m not into rhythm boxes – they’re very useful to write with but I don’t think they’re good sounds for a finished record – and that was what was so exciting because the drums had so much power.“
Diese elektrisierenden Erfahrungen führten schnell zur Zusammenarbeit mit dem Toningenieur Hugh Padgham, der diesen Sound mit entwickelt hatte. Das erste Ergebnis war die Single „Sat in your lap“, die dann später auch auf dem Album erschien.
Die weitere Entwicklung des Albums scheint ein quälender Prozess gewesen zu sein. Kate Bush selbst gibt in [7] Einblicke, welche die Probleme zart andeuten (die folgenden Zitate sind aus diesem Bericht). Mit Hugh Padgham wurden die Titel „Get Out of My House“ und „Leave It Open“ aufgenommen. Padgham war noch in weitere Produktionen eingebunden („[…] however, Hugh was too busy to continue […]“), weiter ging es im Sommer 1981 mit Nick Launay („Houdini“, „All the Love“, „There Goes a Tenner“, „The Dreaming“ und „Suspended in Gaffa“). Die Aufnahmen fanden im Studio „The Townhouse“ statt und müssen wieder intensiv gewesen sein („We were working through the warm summer last year, and much dedication was required from all to stay in the studio all day without succumbing to the sun.“). Auch hier lief die Zeit davon („[…] we were all sad that Nick was too busy to continue and that the time at The Townhouse had run out.“). Weiter ging es in den Abbey Road Studios mit Haydn Bendall für „Night of the Swallow“ und „Pull Out the Pin“. Wieder reichte die gebuchte Zeit nicht („The two tracks are finished and Haydn’s time runs out too […]“). Nun stieß Paul Hardiman zum Team, bis Weihnachten 1981 wurde in den Odyssey Studios gearbeitet. Auch hier gab es Zeitprobleme, das Studio stand nicht mehr zur Verfügung. Im Advision Studio wurde schließlich in mühevoller Kleinarbeit das Album abgeschlossen („[…] and the three weeks we booked were to turn into more like three months.“). Offenbar gab es in diesen drei Monaten wenig Freizeit: „Dave [Taylor] was […] the maintenance engineer, and on quite a few nights, when we went home to bed, he would be up all night twiddling inside machines or trying to figure out why the digital machines weren’t working. Every night we ate take-away food, watched the evening news and returned to the dingy little treasure trove to dig for jewels.“ © Achim/aHAJ

[1] Beate Meiswinkel: „35 Jahre „The Dreaming“: Pressestimmen und Impression 1982-84“.  http://morningfog.de/?p=4857. (gelesen 01.01.2018)
[2] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 230ff
[3] N.N.: The New Music. 3./4. August 1985.
[4] Robin Smith: Getting Down Under With ‪Kate Bush. Unbekannte Quelle. 1982.
[5] Kate Bush: Letter from Kate. KBC article Issue 9. Frühling 1981.
[6] Paul Simper: Dreamtime is over. Melody Maker, 16. Oktober 1982.
[7] Kate Bush: About The Dreaming. KBC article Issue 12. Oktober 1982.

O Heathcliff, Where Art Thou?

Fotos: HarperCollins

Von Beate Meiswinkel

Der englische Schriftsteller Michael Stewart erzählt in seinem Roman „Ill Will“ die unbekannte Geschichte des mysteriös-suspekten Antihelden aus Emily Brontës „Wuthering Heights“

„Jetzt wäre es unter meiner Würde, Heathcliff zu heiraten.“ Diese aus dem Zusammenhang gerissenen und nur für das Ohr ihrer Vertrauten Nelly bestimmten Worten sind es, die ihren Liebsten von Wuthering Heights vertreiben. Von dem, was sie über ihre unerschütterliche Liebe zu ihm, ihre Seelenverwandtschaft und den wahren Grund ihrer Verlobung mit dem vermögenden Edgar Linton sagt, hört der zutiefst gekränkte Heathcliff nichts mehr. Drei Jahre lang bleibt er verschwunden, bis er als gemachter Mann zurückkehrt: wohlhabend und gut gekleidet, doch noch immer von unbezähmbar wildem Wesen, das ebenso anziehend wie sinister ist. Was hat Heathcliff in diesen drei Jahren erlebt? Wohin hat es ihn verschlagen, und wie ist er zu seinem Vermögen gekommen?
Der preisgekrönte Buchautor Dr. Michael Stewart hat sich mit seinem dritten Roman „Ill Will – The Untold Story of Heathcliff“ diesen Fragen gewidmet. Seine Leidenschaft für die Brontë-Geschwister und ihr literarisches Werk, insbesondere für Emily und ihre „Sturmhöhe“, begann bereits in seiner Kindheit, und zwar mit dem Kate Bush-Song: „1978 war ich sieben Jahre alt, und da war diese irre Frau, die ihre Arme durch die Luft schwenkte“, erzählte Michael lachend in seinem Interview mit dem Historia Magazine. „Wuthering Heights war an der Spitze der Charts, es lief überall im Fernsehen. Ich ging immer wieder im Kopf den Text durch. Ich verstand ihn nicht so ganz, besonders die Zeile über Cathy am Fenster… wo war sie? Warum nahm sie nicht die Tür?“ (Independent). Seine Mutter, die in der Abendschule ihren Englischabschluss nachholte, las Wuthering Heights und erzählte ihrem kleinen Sohn die Geschichte, die ihn vollkommen gefangen nahm.
Stewart, der an der Universität von Huddersfield kreatives Schreiben unterrichtet, lebt seit vielen Jahren in Thornton. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das Geburtshaus der Brontë-Geschwister, was seine Faszination noch verstärkt haben dürfte. Besonders der markante Romancharakter Heathcliff beschäftigte ihn so sehr, dass er begann, dessen unerzählte Geschichte zu schreiben. Dafür nahm er durchaus aufwändige Recherchen auf sich; so wanderte er die Strecke von 65 Meilen (ca. 105 km) von Top Withens nahe Haworth in West Yorkshire nach Liverpool an der englischen Westküste, um die Reise von Cathys Vater Mr. Earnshaw von Wuthering Heights in die Stadt nachzuverfolgen. Drei Tage war er unterwegs, um sich in den Landbesitzer einzufühlen, der seinen beiden Kindern statt der erhofften Geschenke das verwahrloste Waisenkind Heathcliff mit nach Hause brachte: „Ich hatte ein Diktiergerät dabei und schrieb diesen Abschnitt, während ich ging (…) Wenn man durch eine Landschaft wie Yorkshire wandert, wandert man durch die Geschichte.“ (Historia Magazine)
Auch Stewarts Recherchen der Lebensweise des 18. Jahrhunderts waren eine neue Herausforderung – seine bisherigen Werke sind eher zeitgenössisch. Für seinen ersten Roman „King Crow“ (2011) erhielt er den Not The Booker Prize der britischen Tagszeitung The Guardian. Einige seiner Drehbücher wurden ebenfalls ausgezeichnet, unter anderem mit einem BBC-Award.
Im Zusammenhang mit der Frage nach Heathcliffs Herkunft stieß Michael auf ein finsteres Kapitel der Geschichte: die Sklaverei. Liverpool war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Handelshäfen für Sklaven. War Heathcliff etwa ein Sklavenkind und sollte als billige Arbeitskraft auf der Farm eingesetzt werden?
Heathcliff ist zwischen 16 und 17 Jahren alt, als er Wuthering Heights hinter sich lässt, um nach Liverpool zurückzukehren. Er ist auf der Suche nach seinen Wurzeln und begegnet Emily, der Tochter eines Wegelagerers, die behauptet, sie könne mit den Toten sprechen. Die beiden tun sich zusammen, um den Norden von England zu durchstreifen und sich mit Lug und Trug zu bereichern. Der Romantitel „Ill Will“, der sich mit Feindseligkeit, Missgunst oder Groll übersetzen lässt, lässt sowohl die Motivation als auch die Wesenszüge der beiden Protagonisten erahnen. Auch die Erzählsprache unseres Autors scheint nicht gerade zimperlich zu sein: „Ich wollte keinen Pastiche schreiben“, erklärte Stewart dem Historia Magazine. „(…) Außerdem wollte ich die Grobheit von Wuthering Heights wiederherstellen. Das Buch löste in der viktorianischen Gesellschaft einen Skandal aus. Man bezeichnete es als barbarisch, gewalttägig, es galt als unmoralisch. Von Joseph und Nelly erfahren wir, dass Heathcliff eine schmutzige Sprachweise besaß. (…) Emily konnte diese Worte nicht schreiben, da sie gegen die damaligen Sitten verstießen, sie wäre nicht veröffentlicht worden. Aber ich kann das tun. Es ist interessant, dass Shakespeare solche Begriffe verwenden konnte, so wie ich heute. Emily aber durfte das nicht.“
Dass er seine weibliche Hauptfigur nach der Romanautorin benannte, ist nicht Michaels einzige Hommage an die Brontës. So hat er die sogenannte Brontë-Gedenkstein-Initiative ins Leben gerufen, um einen Themenweg durch die Moore nahe der Heimatstadt der Geschwister anzulegen, mit Gedenksteinen für Emily, Anne, Charlotte und ihren Bruder Branwell. Während die Schwestern zu ihren Lebzeiten übrigens ausschließlich unter männlichen Pseudonymen publizierten, veröffentlichte der Bruder unter seinem eigenen Namen. Frauen hatten sich im 18. Jahrhundert mit Heim und Herd zu befassen und nicht mit Schriftstellerei.

„Ill Will“ wurde im März dieses Jahrs bei HarperCollins Publishers veröffentlicht und ist sowohl als gebundene als auch als Taschenbuchausgabe sowie als E-Book erhältlich. Ein Interview mit Michael Stewart ist in Vorbereitung. Auch eine Buchrezension folgt.

Vor 40 Jahren: Die Ost-Jugend mit Kate

Der Amiga-Sampler ist 1984 in zwei Formaten erschienen: auf Vinyl und als Kassette.

Sich in eine Stimme zu verlieben –  genau das ist mir vor 40 Jahren passiert, als ich ,Wuthering Hights‘ zum ersten Mal hörte. Geboren und aufgewachsen in der DDR, war es nahezu völlig unmöglich, die neuesten Songs zeitgleich zu empfangen, wenn man den ostdeutschen Rundfunk verfolgte. Und so hörten wir heimlich Radiostationen aus dem ,nichtsozialistischen Ausland‘ ab. Ich war gerade bei der Armee und hatte heimlich einen  kleinen Radioempfänger dabei, als ,Wuthering Hights‘ auf NDR gespielt wurde! Es war ein absolutes Wow-Erlebnis für mich.  Dank des ,Inselstatus‘ West-Berlins und der Tatsache, dass ich in Ost-Berlin groß wurde, strahlten natürlich westliche Radiostationen kräftig in den Osten ab. Schon früher saß ich oft samstags nachmittags am Tonbandgerät und schnitt beim RIAS-Treffpunkt eifrig mit. Dieser Sender hatte sich zur Aufgabe gemacht, uns im Osten mit voll ausgespielten Titeln der gängigsten Bands zu versorgen. Im Osten gab’s ledigich den Sender DT 64, der hin und wieder ,internationale Musik‘ brachte. Das alles ist sicher heute kaum noch vorstellbar. Das erste Mal im Fernsehen gesehen habe ich sie erst Monate, wenn nicht gar Jahre später. Das dürfte Anfang der 1980er Jahre gewesen sein. Unter die Haut ging mir damals besonders der Video-Clip zu Breathing. Die bedrückende Dichte grade dieses Songs und die visuelle Darbietung berührte mich damals zutiefst.  Aber selbst damals war sie  schon nicht allzu oft präsent im deutschen Rundfunk und Fernsehen. Die Crux in Deutschland war wohl schon immer die kommerzielle Verwertbarkeit von populärer Musik und da macht Kate Bush ja nun wahrlich keine Musik von der Stange. Spezielle Sachen kursierten daher bei uns nur im Freundeskreis, wie zum Beispiel auch Songs von Yes oder Peter Gabriel. Deshahalb waren Wuthering Hights und Babooshka lange Zeit die einzigen Titel, die ich von Kate Bush auf Tonband hatte. Später kam noch Breathing dazu – alles sozusagen bei Musiksendungen mitgeschnitten. Als dann 1984 die ostdeutsche Amiga-LP von Kate Bush herauskam, hatte ich das große Glück, den Sampler zu Weihnachten geschenkt zu bekommen. Seitdem habe ich sie gehütet wie eine Perle – es ist bisher nicht ein Kratzer darauf. Das war für mich zu DDR-Zeiten immmer etwas besonderes,  eine Platte von Kate Bush in den Händen zu halten, zumal es tatsächlich unerwartet kam. Eine komplette Kate-Bush-Sammlung habe ich mir erst in den letzten Jahren zugelegt und muss sagen: Die ersten drei Alben waren von der musikalischen Vielfalt her noch die Interessantesten für mich – mit welch traumwandlerischer Sicherheit sich diese junge Frau dort durch verschiedene Stilrichtungen bewegt – Wahnsinn. Nur live  auf der Bühne habe ich Kate nie gesehen. Dafür besitze ich wenigstens die DVD vom Hammersmith Odeon-Konzert  1979, einer Zeit, wo ich regelrecht ,verliebt‘ in Kate Bush war – verliebt in dem Sinne, dass der Song Wuthering Heights und ihre Stimme wirklich ein absolutes Aha-Erlebnis für mich war . Muss am Osten gelegen haben, der nicht gerade viel Raum für Träume ließ. Heute muss ich übrigens grinsen, wenn ich das Publikum in Bio´s Bahnhof beim ersten Konzert in Germany sehe….allo so steif und förmlich… Rainer Sanne

Überraschungsei in der Osterwoche

Manchmal kann man gar nicht so genau begründen, warum man etwas unbedingt haben will. Obwohl ich gar nicht so der Sammlertyp bin, hat mich von Anfang an die Hounds of Love-Vinyl in pink fasziniert. Seit Jahren wünsche ich mir die für den Plattenschrank und irgendwie war sie immer unerreichbar, weil zu teuer. Was stets zu meiner Verwirrung beigetragen hat war, dass es unterschiedliche Versionen gibt. So erschien im April 2011 zum Record Store Day die 10 Inch Single Hounds of Love mit vier Titeln (The Big Sky/Cloudbusting/Watching You Without Me/Jig Of Life) auf pinkem Vinyl, während zuvor auf dem gleichen Label (Audio Fidelity) bereits im August 2010 das komplette Album Hounds of Love auf marmoriertem Vinyl erschienen war. Ich habe meine Augen immer auf die Record Store Day-Version geworfen und die – siehe oben – war stets schlicht zu teuer, was das Verlangen nach pinkem Vinyl aber eher steigerte. Letzte Woche bin ich dann zufällig auf die HOL-LP-Version in pink gestoßen und fand mich plötzlich auf der Ebay-UK-Seite wieder. Das Angebot war zu verlockend: 50 englische Pfund wollte der Verkäufer haben. Und weil Ostern vor der Tür stand dachte ich mir, dass man sich das durchaus mal gönnen könnte. Der Mauszeiger bewegte sich fast von selbst auf den Button „jetzt kaufen“ – und stoppte plötzlich. HOL? Audio Fidelity? Irgendwas klingelte im Hinterkopf. War da nicht? Da war doch vor Jahren was… Genau. Record Store Day 2013. Der Plattenhändler meines Vertrauens um die Ecke organisiert mir die RSD-Version von Running up that Hill. Wochen später ruft er nochmal an: Ich hab da noch was. HOL auf 180 Gramm schwerem Vinyl. Aus den USA. Willst Du? Ich wollte. Hab sie gekauft und weggestellt. Das Ebay-Angebot konnte warten. Also schnell ins Wohnzimmer gerannt. Da steht sie. Hounds of Love. In Folie verschweißt. Audio Fidelity prangt tatsächlich auf der Folie. Aufgeregt in die Küche, Schere gegriffen und vorsichtig den oberen Rand der Folie abgeschnitten, damit ja nicht der Aufkleber in Mitleidenschaft gezogen wird. Tief durchatmen. Das Cover rausgezogen, nach dem Vinyl gegriffen – noch vorsichtiger. Und dann: deep purple. Dunkles lila, marmoriert. Wundervoll. Und steht seit fünf Jahren in meinem Plattenschrank, ohne, dass ich die leiseste Ahnung davon hatte. Dabei hätte gerade ich es wissen können, denn immerhin hatte Michael in einem Beitrag hier in der Reihe All we ever look for genau das beschrieben, was ich immer gesucht hatte. Damals hatte ich noch gestaunt, in welch unterschiedlichen Variationen von grau über pink bis lila die Scheibe auf den Markt gekommen war…

Neue Tributeshow in England

In England startet am 25. April eine neue Kate Bush-Tributeshow mit 24 Live-Terminen. Unter dem Titel „Wuthering Heights – The Music of Kate Bush“ gehen Sängerin Rachel Sinnetta und ihre Rubber Band auf Tour und wollen Songs aus allen Alben von The Kick Inside bis Aerial spielen. Rachel ist ausgebildete Sängerin und Gesangslehrerin, hat unter anderem mit Pete Townshend und Gerry & The Pacemakers zusammengearbeitet. Im Interview mit einer englischen Tageszeitung hat sie vor dem Tourneestart in vier Wochen erzählt, dass sie schon länger vorhatte, Kates Musik einem jüngeren Publikum zu präsentieren. „Wir wollen, dass die Musik voller Energie und Emotionen ist „, erklärt Rachel in dem Interview weiter. Dabei gehe es ihr nicht so sehr darum, die Stimme von Kate perfekt nachzuahmen („Ich glaube nicht, dass irgendjemand Kate Bush nachahmen kann. Das ist schwierig.“), sondern eher darum, „diese jugendliche Energie ihrer Stimme“ aufzunehmen und den „emotionalen Ausdruck, wie sie ihre Lieder singt“ zu transportieren. Die Rubber Band besteht aus fünf Musikern, die schon mit Paul Weller, Style Council, Katrina & The Waves, Samantha Fox, Marc Almond, Right Said Fred und Pete Townshend gespielt haben. Weitere Informationen gibt es auf der Seite katebushtributeshow, dort kann man Rachel Sinnetta auch hören.

Wenn Kate unerwartet auf der Bühne steht

35 Jahre hat es gedauert, bis Kate im Jahr 2014 nach der Tour of life von 1979 erstmals wieder Konzerte gegeben hat. Von einer jahrzehntelangen Bühnenabstinenz zu sprechen, wäre aber falsch. 1982 etwa trat sie beim Prince‘s Trust auf und sang The Wedding List – begleitet von Pete Townsend, Phil Collins, Midge Ure, Peter Hope-Evans und Mick Karn. Fünf Jahre später präsentierte sie mit David Gilmour eine Live-Version von Running up that hill beim Secret Policeman’s Third Ball zugunsten von Amnesty International. Zwei Live-Auftritte ragen aber besonders heraus, weil sie unerwartet waren: ihr Auftritt bei Konzerten von Peter Gabriel und David Gilmour.
Gabriel hatte zum Abschluss seiner So-Tour 1987 mehrere Konzerte in London gegeben und jeweils einen Special Guest angekündigt – am 28. Juni, dem letzten Konzert im Earls Court, betrat dann vollkommen unerwartet Kate Bush beim Song Don’t give up die Bühne. „Ich werde diese tolle Nacht nie vergessen. Ich erinnere mich, dass ich damals gehofft hatte, dass Kate sich bei der letzten Vorstellung zeigen würde. Ich bin fast aus meiner Haut gesprungen, als sie die erste Note gesungen hat. Es war, als ob der ganz Raum abgehoben wäre“, beschreibt eine Userin auf Youtube das Ereignis. Wer die Bootleg-Aufnahme von dem Auftritt kennt, dürfte das nachvollziehen können: die ersten Töne von Kate gehen in dem tosenden Applaus vollkommen unter und man bekommt allein beim Hören eine Gänsehaut. Ein anderer Konzertbesucher erinnert sich ebenfalls auf Youtube an diesen Abend, der für ihn besonders denkwürdig war: „Ich ging während dieses Songs auf Toilette, als ich plötzlich dieses unglaubliche Dröhnen und Brüllen von der Bühne hörte … und ich dachte, ist das Kate Bush ??? … Auf keinen Fall!!! Ich rannte trotzdem zurück und sie war es!“ Dramatischer war es für einen anderen Kate-Fan, der Tickets für dieses Konzert an die Schwester seiner Freundin verkauft hatte, weil er den Gig an einem anderen Abend besuchen wollte. Als er sie dann fragte, wie ihr das Konzert gefallen habe, erfuhr er von Kates Auftritt und war vollkommen entsetzt.
15 Jahre später, am 18. Januar 2002, war es dann ein Konzert von David Gilmour, bei dem Kate zu Gast war. Gilmour hatte sich für den Song Comfortably Numb bei Auftritten in London schon früher Gast-Sänger an die Seite geholt, Bob Geldof zum Beispiel, später auch Sting und David Bowie. Mit einem Auftritt von Kate konnte man im Jahr 2002 trotzdem nicht wirklich rechnen, immerhin hatte sie seit 1993 kein Album mehr veröffentlicht und sich aus der Öffentlichkeit nahezu komplett zurückgezogen. Während es vom Auftritt beim Gabriel-Konzert nur eine Audioaufnahme gibt, existiert vom Comfortably Numb-Duett ein Video, wenn auch in schlechter Qualität. Gilmour wollte den Gastauftritt von Kate damals angeblich auch für seine DVD „David Gilmour in Concert“ nutzen, Kate soll dagegen gewesen sein, so dass die Version mit Bob Geldof letztlich auf der DVD landete. Vielleicht wird der Mitschnitt aber irgendwann doch noch ans Tageslicht kommen…

Das Video zu Comfortably Numb gibt es hier; Don’t give up kann man hier hören.