Das Song-ABC: Coffee Homeground

„Coffee Homeground“ vom Album „Lionheart“ – einer der wenigen Songs, die für das Album neu entstanden waren [1] – ist unter den Songs von Kate Bush eine Besonderheit. Ron Moy [2] sagt es vielleicht am treffendsten, indem er feststellt, dass dieser Song ein amüsantes Gothic-Flair besitzt und dass er mit fast allem im populären Musikkanon der letzten hundert Jahre wenig zu tun hat. Ron Moy ergänzt, dass dies seine Attraktivität stark erhöht. Ich stimme zu. Andere Analytiker und Hörer waren eher verwirrt und konnten den Song nicht recht einordnen. Graeme Thomson sieht in ihm ein Mischung aus Krimi und Brecht-Parodie [1]. Rob Jovanovic meint, dass er von der Musik her die Begleitung für einen Jongleur oder Hochseilartisten im Zirkus sein könnte [3]. Paul Kerton nennt ihn einen fröhlichen Energieausbruch und stellt Anklänge an Marlene Dietrich fest [4]. Ron Moy stimmt dem zu und vermeint die jüngere Schwester von Marlene Dietrich zu hören [2].

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Worum geht es in diesem Song? „Coffee Homeground“ ist aus der Sicht eines vermutlich paranoiden Mannes verfasst, der zu Besuch bei einer Frau ist, die er für eine Giftmörderin hält. Er lehnt unter Vorwänden alle möglichen Getränke ab, weil er in ihnen Gift vermutet (Bitter Almond – Bittermandel, Belladonna – Tollkirsche, Hemlock – Schierling). Er fragt sich, wo die Klempner geblieben sind, die vor kurzem dort noch arbeiteten. Er fürchtet abgehört zu werden. In Bildern an der Wand meint er den in England berüchtigten Mörder Crippen zu erkennen. Crippen ging in die Geschichte ein als erster Verbrecher, der dank Funktelegrafie gefasst wurde, als er über den Atlantik in die USA entkommen wollte [12].
Kate Bush wurde zu diesem Song inspiriert durch einen etwas merkwürdigen Taxifahrer, der offenbar unter Verfolgungswahn litt. „[Coffee Homeground] was in fact inspired directly from a cab driver that I met who was in fact a bit nutty. And it’s just a song about someone who thinks they’re being poisoned by another person, they think that there’s Belladonna in their tea and that whenever they offer them something to eat, it’s got poison in it. And it’s just a humorous aspect of paranoia […].“ [6]
Diese dunkle Geschichte von Paranoia, Mord, Gift und Intrige ist gestaltet wie eine Moritat, die in einem dunklen Hinterhof zu einer Drehorgel gespielt wird. Es gibt Passagen mit beinahe volkstümlich anmutender Blasmusik, Kate imitiert sogar einen pseudo-bayerischen Akzent, es herrscht Rummelplatzatmosphäre [4]. Der Song nimmt damit den Theaterfaden der ersten Seite des Albums wieder auf [3]. Faszinierend ist, wie die einzelnen Rollen des Songs voneinander abgesetzt werden. Angerissene, verschliffene Töne mit starkem deutschen Akzent in den Strophen, die Silben gleiten zwischen den Tönen – dies ist der männliche, paranoide Protagonist. Diese Übernahme einer andersgeschlechtlichen Rolle in der Geschichte war damals für Kate Bushs Publikum noch ungewohnt. „It would have been very difficult to make people understand I was singing as a man in that scene. That’s a problem sometimes. A lot of people don’t realise I’m a little boy in ‚Peter Pan’ and a male who a female is trying to poison in ‚Coffee Homeground‘.“ [9]
Der erste Teil des Chorus („Pictures of Crippen / Lipstick-smeared. / Torn wallpaper. / Have the walls got ears here?“) wird im Gegensatz dazu von einer hohen Stimme gesungen, ohne deutschen Akzent. Das ist offenbar die Giftmischerin. Im zweiten Teil des Chorus („Well, you won’t get me with your Belladonna–in the coffee / […] with your hemlock / On the rocks.“) kommt es zu einem Wechselsang zwischen den beiden Stimmen. Die giftigen Kredenzen („in the coffee“, „in a cup of tea“, „with your hemlock“) werden von der hohen Stimme der Giftmischerin gesungen. Da sie hier „your“ singt, scheint es sich nicht um eine reale Person zu handeln. Ist es vielleicht eine eingebildete Stimme im Kopf des Protagonisten?

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Ganz zum Schluss sind dann einige deutsche Worte in die Coda eingebettet („With your hemlock on the rocks. / Noch ein Glas, mein Liebchen? / With your hemlock on the rocks / Es schmeckt wunderbar! / With your hemlock on the rocks. / Und?“ Dies findet sich leider nicht im Booklet, sondern nur in transkribierten Texten [5].  Dies – obwohl die Perspektive der Giftmischerin – wird wieder von der tiefen Stimme gesungen. Wer singt eigentlich? Wie viele Personen sind es? Die Ebenen verschwimmen. Für mich sind das keine realen Personen, sondern Stimmen im Kopf des Protagonisten, der irgendwo in einem kleinen Café sitzt, der von einer Kellnerin seine Getränke serviert bekommt und den seine Paranoia übermannt. Homeground, das ist der „home ground“, der eigene Platz, das vertraute Gelände – aber es fühlt sich nicht sicher an.
Die Tonart des Songs ist ein Ges-Dur und damit mit fünf b ganz weit weg von klaren, nüchternen Tonarten mit wenigen Vorzeichen [7]. Es gibt viele chromatische Abtönungen, die es noch romantisch-märchenhafter machen. Insbesondere im Chorus („Pictures of Crippen / Lipstick-smeared. / Torn wallpaper. / Have the walls got ears here?“) ist die Chromatik extrem [7], was sehr viel zum Spannungsaufbau und zur paranoiden Atmosphäre beiträgt. Ges-Dur ist nach Beckh [8] die Schwellentonart, der „Übergang, der über die Schwelle führt, die Wachen und Schlafen, Leben und Sterben, Tagesansicht und Nachtansicht der Welt, Sinnenwelt und geistige Welt voneinander trennt.“ Die Tonart spiegelt die Stimmung des Songs wieder, setzt sie um.
Der Song war einer derer, bei denen Text und Musik zugleich entstanden, wie Kate Bush in einem Interview sagte. „Well, Coffee Homeground would have been a song where the words and the music were coming together probably at exactly the same time. Actually, that’s the only song which I wrote when I visited America […]. Which is quite interesting, as it’s not at all American…“ [11] Im gleichen Interview wies ihr Bruder Paddy auf Bertold Brecht als Inspiration hin. Bertolt Brecht war zwar kein Komponist, aber Librettist. Eine Verwandtschaft des Songs zur von Kurt Weill vertonten „Dreigroschenoper“ mit Liedern wie der „Moritat von Mackie Messer“ ist auch zweifellos erkennbar [10]. Paddy Bush erläuterte, dass dieses Brecht-Flair entstand, als Kate Bush die Idee mit dem deutschen Akzent hatte. „As a matter of fact, Coffee Homeground vibrantly mutated. When the very first demos of it were done, it had a decidedly different flavour. The Brechtian treatment didn’t appear until much later on, that only took shape when Kate got the idea of treating the song with a slightly German sort of flavour.“ [11]
Je weiter der Aufnahmeprozess fortschritt, desto mehr verstärkte sich dies noch gemäß Paddy Bush. „The Brechtian feel is something that appeared only gradually, during the actual recording, and became more definite as time went on.“ [11] All dies hat dazu geführt, dass „Coffee Homeground“ ein außergewöhnlicher und origineller Song geworden ist. Er erinnert wunderbar an vergangene Zeiten der Zwanziger und an die Moritaten von Weill und Brecht. Perfekt wird dies insbesondere im Chorus mit zeitgenössisch anmutenden Vokallinien verknüpft. Der Song bildet eine Brücke zwischen den Zeiten, er verbindet und verschmilzt die paranoiden Details der Geschichte zu einer außergewöhnlichen und liebevollen Einheit. © Achim/aHAJ

[1] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.142 und 153
[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.22
[3] Rob Jovanovic: Kate Bush. Die Biographie. Höfen. Koch International GmbH/Hannibal. 2006. S.95
[4] Paul Kerton: Kate Bush. Bergisch-Gladbach. Gustav Lübbe Verlag GmbH. 1981. S.91
[5] https://www.songtexte.com/songtext/kate-bush/coffee-homeground-7bd3fecc.html (gelesen 02.05.2019)
[6] Lionheart Promo Cassette. EMI Canada
[7] „Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.72f
[8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.102
[9] Phil Sutcliffe: „Labushka“. Sounds 30.08.1980
[10] https://prlbr.de/2017/kate/coffee-homeground/ (gelesen 15.05.2019)
[11] http://gaffa.org/reaching/i85_swa.html (gelesen 15.05.2019)
[12] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Hawley_Crippen (gelesen 04.05.2019)

Show a little devotion: Christian

Kate-Fans sind treu, hingebungsvoll, geduldig und vor allem in die Musik von Kate verliebt. Im Kate-Fragebogen “Show a little devotion” gibt es für Kate-Fans immer die selben zwölf Fragen… mit den unterschiedlichsten Antworten…heute von Christian:

Mit welchem Kate-Song wachst du am liebsten morgens auf?
Leider wache ich jeden Morgen zu den Klängen meines Handyweckers auf. Aber wenn ich mir ein Ideal vorstelle, dann geht gerade die Sonne an einem wunderschönen Sommermorgen auf und die Klänge von A Sky Of Honeys Prelude und Prologue entlocken mich sanft dem Schlummer.

Welche von Kate besungene Figur wärst du gerne?
Puh, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Eigentlich gar keiner, aber wenn ich mich festlegen müsste, dann wohl der Beekeeper aus You Want Alchemy. Ich war als Kind von der Imkerei fasziniert (und bin es noch immer zu einem gewissen Teil).

Wie lautet deine liebste Textzeile von Kate?
Auch das ist eine schwierige Frage, denn ihre Lyrics sind so vielschichtig und es kommt immer auf die Stimmung an, in der ich gerade bin. Aber meine Signatur in den Foren ist „With a kiss, I’d pass the key“. Also nehme ich die für den Moment.

Welchen Kate-Song singst Du unter der Dusche?
Oh, das kommt wirklich darauf an. Ich habe schon sehr viele von Kates Songs unter der Dusche gesungen. Aber die beiden, die mir jetzt gerade einfallen, sind einmal Babooshka und Kates Version von The Man I Love.

Mit welchem Song von Kate verbindest Du ein besonderes Erlebnis?
Das sind auch einige. Kates Musik ist eng mit meinem Leben verbunden. Aber besonders heraus sticht das gesamte The Red Shoes-Album. Es fungierte praktisch als Soundtrack meines USA-Austausches. Ich hatte auch die anderen Alben dabei, doch The Red Shoes war das erste Kate-Album, welches ich mir am Erscheinungstag kaufen konnte. Die ganze Aufregung bis zum Release bekam ich dort zum ersten Mal mit. Eat The Music war die erste Single und ich musste vier Stunden nach dem Kauf warten, bis ich sie endlich hören konnte. Damals konnte man in den USA nicht in CDs hineinhören. In der Zeit habe ich die Lyrics gelesen, die im Insert abgedruckt waren, und habe mir ausgemalt, wie die Musik klänge, auf Basis der mir zur Verfügung stehenden Erfahrung ihrer letzten drei Alben. Unnötig zu sagen, dass ich komplett daneben lag und Kate mich wieder einmal völlig überraschte. Dann kam das Album und ich schleppte es auf jeden Spaziergang, auf jeden Trip, jede Reise mit, die ich machte. Ich entdeckte das Album und die USA quasi gleichzeitig und jedes Lied verband sich mit einem anderen Moment, den es besonders passend fand.

Welchen Song von Kate hörst Du, wenn Du verliebt bist?
Tatsächlich war es, ganz am Anfang, als ich mit 14 bewusster Kate-Fan geworden bin, Oh, To Be In Love. Der Klassiker …

Welcher Song-Titel beschreibt Dich am besten?
Jig Of Life.

Welches Album von Kate magst Du am liebsten?
Mir gefallen wirklich alle Kate Bush-Alben und ich höre sie je nach Stimmung. Doch stechen zwei Alben für mich heraus. Einmal The Dreaming, ihr absolutes Meisterwerk, und The Red Shoes. Moments Of Pleasure, der Titel-Track, Top Of The City, Big Stripey Lie, Song Of Solomon sind meiner Meinung nach mit das Beste, was sie je geschrieben hat. Und beide Alben sind absolut missverstanden worden, als sie erschienen.

Welcher Song hat Deine Begeisterung für Kate geweckt?
Das war wohl Wuthering Heights. Den habe ich als Baby schon auf dem Rücksitz des Autos meiner Eltern auf meiner ersten Urlaubsfahrt um die Ohren bekommen, und als ich ihn dann mit 13 bei Freunden wieder hörte, war ich sofort verzaubert. Zu meinem 14 Geburtstag bekam ich dann Never For Ever und All We Ever Look For übernahm. Der Rest ist Geschichte.

Was macht für Dich Kate so besonders?
Ihre Stimme. Und ihre Fähigkeit, Stimmungen zu schaffen, Klanggeschichten und Landschaften. Außerdem klingt kein Album wie das andere. Sie unterwirft sich dem, was sie erzählen will, nicht einem Sound, der sie definiert. Das ist für mich wahre Kunst.

Was würdest Du Dir für das nächse Album von Kate wünschen?
Wieder etwas mehr Elektronik und Wildheit.

Welcher Song von Kate soll einmal auf Deiner Beerdigung gespielt werden?
Prologue in der Live-Version und dann nur noch Pogues, Dubliners, Finbar Furey und der ganze Rest!

Jazz-Hounds mit Brontë-Hommage

Dieter Schroeder (Schlagzeug), Jan Fitschen (Gitarre) und Sängerin Bella Nugent sind mit ihrem „Hounds of Belfort“-Projekt zurück. Am Freitag, 24. Mai, spielen sie in gewohnter Trio-Besetzung in Schallstadt (in der Nähe von Freiburg im Breisgau) im „Käppele“ das komplette Hounds of Love-Album. Die Besonderheit an diesem Abend: Zusätzlich zu HOL wird es eine Musik-/Textcollage zu den Schwestern Brontë geben. Schroeder hatte dazu schon vor längerer Zeit die Schauspielerin Renate Obermaier angefragt. „Sie hat in den 1990er Jahren am Freiburger Kinder- und Jugend-Theater im Stück „Die Nächte der Schwestern Brontë“ die Emily gespielt. Da sie sich dafür minutiös vorbereitet hatte, also nicht nur alles gelesen, sondern sogar nach Yorkshire gereist ist, um an Originalschauplätzen genau in die Fußstapfen zu treten, war sie mir als Expertin in diesem literarischen Feld bekannt“, erzählt Schroeder. „Deswegen hatte ich sie letztes Jahr mal gefragt, ob sie ‚irgendwas‘ sprechen wollte, eben in Kombination mit dem Song ‚Wuthering Heights‘.“ Während Schroeder eher an gesprochene Passagen aus dem Theaterstück gedacht hatte, überraschte ihn Obermaier kurz darauf mit einer eigenen Abhandlung über die Schwestern Brontë, Hintergrund und das Umfeld von Wuthering Heights. „Der Text ist informativ und selbst für Insider spannend, zumal Renate Obermaier eine wirklich gute Sprecherin ist. Der würdest du auch beim Vorlesen eines Telefonbuchs gespannt lauschen!“, ist Schroeder überzeugt. Kombiniert wird der Vortrag mit einer 20-minütigen (!), jazzigen Version von Wuthering Heights. Eine Herausforderung. Schroeder: „Wir spielen das Stück als Trio mit Gitarre, Drums und Gesang in kleinen Einheiten; zunächst nur eine Zeile, dann immer etwas mehr. In den Zwischenräumen ist der Text, unterlegt mit weitgehend improvisierten Klängen, die sich aber immer harmonisch, melodisch oder rhythmisch in Wuthering Heights-Nähe bewegen.
Ob mit oder ohne Wuthering Heights: Schroeder, Fitschen und Nugent spielen als Trio HOL so überzeugend gut, das sich der Besuch mehr als lohnt.
Start des Konzerts ist um 20 Uhr, Einlass ab 19 Uhr. Das „Käppele“ ist der örtliche Kindergarten, der vom Kulturverein regelmäßig für Veranstaltungen genutzt wird. Weitere Infos zu diesem Auftritt gibt es hier, den Mitschnitt eines früheren HOL-Konzertes hier.

Kaffeeklatsch: The Red Shoes

Einige der besten Songs von Kate sind auf dem Album The Red Shoes versammelt – und dennoch tun sich viele Fans mit dem Album schwer. Ein Widerspruch? Im „Kaffeeklatsch“ mit Achim, der für morningfog.de die Rezensionen der Alben schreibt und im Song-ABC die einzelnen Lieder von Kate analysiert, geht es um Widersprüche, den musikalischen Mainstream der 90er Jahre und den Grundton des Schmerzes, der auf diesem Album unüberhörbar ist.

Kate war mit dem Ergebnis von The Red Shoes im Nachhinein nicht wirklich zufrieden und man kann vermuten, dass die Produktion von Director’s Cut für sie ein sehr befreiender Prozess war – einzelne Songs so einzuspielen, wie sie hätten klingen können oder sollen. Listen wir mal die negativen Seiten von TRS auf: Dem Album wird oft vorgeworfen, dass es stellenweise überproduziert klingt, dass eine Verbindung zwischen den Songs fehlt, dass es zu traurig sei. Habe ich was vergessen?

Achim: Kate Bush war immer mit ihren abgeschlossenen Arbeiten unzufrieden, das würde ich nicht überbewerten. An „The Red Shoes“ fand sie die zu kalte digitale Produktion unbefriedigend, zudem hielt sie das Album für zu lang. Ja, es ist zu voll mit Musikspuren, das kann man überproduziert nennen – aber „The Dreaming“ ist das auch. Verbindungen zwischen den Songs sehe ich durchaus, obwohl es kein Konzeptalbum ist. Traurigkeit ist das verbindende Element, die sich hinter aufgesetzter Fröhlichkeit versteckt. Als geäußerten Kritikpunkt hast Du vergessen, dass die Songs hier mehr nach „Mainstream“ klingen als sonst.

Was man auch noch mit TRS verbindet ist natürlich ihr Film The Line, The Cross & The Curve, der stellenweise schon kitschig gerät und natürlich die zum damaligen Zeitpunkt in Aussicht gestellte und dann wieder abgeblasene Tour. Spielt beides bei der Bewertung der Musik mit eine Rolle?

Achim: Den Film fand Kate später ganz furchtbar. Ein professioneller Regisseur zur Unterstützung wäre hilfreich gewesen. So erscheint er unzusammenhängend und etwas wirr. „Kitschig“ ist vielleicht die Sicht von heute. Es waren die Neunziger, untypisch ist das nicht. Aber das alles hat wohl zu der negativen Einschätzung beigetragen. Ich sage es so: das Album ist hörbar ein Kind der Neunziger und so viel „Aktualität“ wollte man von Kate Bush nicht hören. Für mich ist „The Red Shoes“ ein sehr interessantes Album.

Das war mir schon klar, dass ich Dich beim Kaffeeklatsch nicht mit einem Latte Macchiato bestechen muss, damit wir zu dem Ergebnis „interessantes Album“ kommen. Aber bleiben wir mal bei der Kritik. Welcher Vorwurf ist denn aus Deiner Sicht gerechtfertigt? Nur, dass es den Mainstream der 90er wiedergibt und nicht musikalisch wegweisend war?

Achim: Es klingt zu sehr nach Mainstream und es klingt nicht „warm“. Die digitalen Möglichkeiten waren noch zu neu. Mehr ist aus meiner Sicht nicht zu kritisieren.

Bevor wir die Jubelarien anstimmen: Wenn mehr nicht zu kritisieren ist, woran liegt es dann, dass bei vielen Fans TRS durchgängig eher im unteren Bereich der Lieblingsalben angesiedelt ist?

Achim: Vielleicht fällt es als „nur“ gutes Album in einer Reihe von außerordentlichen Alben etwas ab. Aber ich glaube, es liegt an einem anderen Punkt. Auf dem Album sind kaum Songs, bei denen man den Kopf schüttelt und sagt „so etwas kann nur Kate Bush einfallen“. Diese Exotik – ein besseres Wort fällt mir nicht ein – fehlt hier. Man muss also schon genauer hinschauen.

Könnte als zweiter Punkt hinzukommen, dass es trotz der vordergründig fröhlichen Musik ein tottrauriges Album ist? In Deiner Analyse zu TRS hast Du geschrieben: „Überall in diesem Album ist Schmerz. Überall in diesem Album sind im Hintergrund bedrohliche Stimmen, Geräusche, Chaos. Ein Album der Verlassenheit, Verzweiflung, der vorgetäuschten Fröhlichkeit, ein (Hilfe)Schrei. Ein Album über den Zusammenfall der Welt; eine Momentaufnahme kurz vor dem Crash.“ Überfordert der Grundton des Schmerzes in jedem Song den Hörer?

Achim: Ja, das ist ein guter Punkt. Emotionen der Trauer und des Verlusts kommen ganz nah an den Zuhörer heran. Das muss man aushalten können.

Was mich umgekehrt ja immer fasziniert hat ist, dass TRS bei Fans gerne durchfällt, die Songs für sich aber nicht. Bei And So is Love, Eat The Music, Moments of Pleasure, The Song of Solomon, Top of The City oder Lily gibt es kaum jemanden, der sie nicht liebt. Lily war immerhin der umjubelte Opener für ihre Konzerte. Ist es also so, dass es nur als Album vielleicht nicht funktioniert, aber die Songs für sich sehr wohl?

Achim: Ein dunkler Diamant ist für sich faszinierend. Ein Diadem nur aus dunklen Diamanten ist beängstigend.

Ich sehe, es wird jetzt poetisch. Erzähl‘ mir etwas über das Hohelied der Liebe, obwohl wir ja eben noch bei Schmerz, Trauer, Verlust waren.

Achim: Das lässt sich auf TRS nicht trennen. Wenn die Songs von Liebe handeln, dann von einer Liebe in unsicheren Verhältnissen. Es ist kein Liebe-Freude-Tralala. Es geht ganz realistisch und ehrlich darum, dass die Liebe immer bedroht ist und erkämpft und verteidigt werden muss. Auf diesem Album ist die Sicht darauf nicht sehr optimistisch. Aber wie es so nüchtern in „Constellation of the heart“ heißt: „You can’t run away from it / Maybe you’d better face it“.

Das passt zu dem, was Du 2013 zum 20-Jährigen von TRS über „The Song of Solomon“ als dem Hohelied der Liebe geschrieben hast: „Hier singt jemand „who walks the path of the solitary heart“ herzzerreißend davon, einfach eine Berührung zu finden, eine alles entflammende Ekstase. Keine Beziehungsprobleme, kein „Bullshit“: nur Emotion, Sex, das steht im Vordergrund. „The soul cries out“, das ist ein Blick in die Tiefen einer Seele. Kates Gesang hier ganz intim, hochemotional, berührend, eingebettet in einen melancholischen Teppich aus Musik. Es ist so zart und so von innen. Es geht zu Herzen. Jeder kann diese Gefühle teilen, wenn er ehrlich zu sich ist.“ Realistisch, ehrlich, nüchtern, kein Bullshit und trotzdem berührend.

Achim: Vielleicht ist es diese gnadenlose Ehrlichkeit, die vor dem Album zurückschrecken lässt. Es ist keine Heile-Welt-Esoterik.

Und es ist nicht verschroben. So wie Du es vorhin formuliert hast: Dieser „So etwas kann nur Kate Bush einfallen“-Moment fehlt. Aber kann man nicht auch in der Musik einfach mal gnadenlos ehrlich sein? Warum erwarten wir von Kate immer etwas anderes?

Achim: Musik muss auch mal so offen und ohne Visier sein. TRS ist ein Blick in die Seele, daher mag ich es. Ich finde es schade, dass es nicht so geschätzt wird. Aber wenn du in einen Abgrund schaust, dann schaut der Abgrund in Dich zurück. Vielleicht überfordert das, wenn man „nur“ Musik hören will.

Für mich sind es Abgründe, die Kate musikalisch meistert. Auch wenn die traurigen Noten überwiegen (life is sad, and so is love), liebe ich das Album gerade deswegen. Es greift Empfindungen auf, die jeder von uns schon erlebt und durchlitten hat. Und seit den Konzerten 2014 gibt es für mich noch einen anderen Grund, das Album zu lieben. Es ist vielleicht etwas kitschig, aber vor dem Konzert war ich in der St. Pauls Kirche essen. Beim Verlassen der Kirche musste ich am lila angestrahlten Altar samt Jesus-Figur am Kreuz vorbei. Die Textzeile „Have you ever seen a picture of Jesus laughing?“ hat mich ins Konzert begleitet. Und die lächelnde Jesus-Figur.

Achim: Ich mag es, weil so kompromisslos ehrlich ist. Kate Bush lässt uns nah an sich ran wie selten. „Just being alive, it can really hurt“ – so heißt es in „Moments of pleasure“. Und in „Constellation of the Heart“ wird ergänzt „Who said anything about it hurting? / It’s gonna be beautiful / It’s gonna be wonderful / It’s gonna be paradise“. Das Helle und das Dunkle, es geht nur zusammen.

Das Bild des Monats: Mai

© Sjaak Vullings

Ein Bild für den Wonnemonat? Klar, Herzen! Was könnte also besser passen, als ein Song, in dem schon das Herz im Titel präsent ist: Constellation of the Heart. Wären da nicht die kleinen Fragezeichen.
We take all the telescopes
And we turn them inside out
And we point them away from the big sky
Put your eye right up to the glass, now
And here we’ll find the constellation of the heart

„Wenn Menschen diesen Rat befolgen würden, gäbe es wahrscheinlich weniger Kriege“, sagt Sjaak zu dem Songtext. Für ihn macht Kate in diesen Zeilen etwas Grundsätzliches deutlich: den Unterschied zwischen der westlichen Philosophie (Erkundung und Betrachtung der Umwelt) gegenüber der östlichen Philosophie (Konzentration auf die eigene Entwicklung durch Kontakt mit dem Herzen).
„Vielleicht gibt es mehr Möglichkeiten zu verstehen, wer wir sind und woher wir kommen, aber Kate versucht auf jeden Fall, uns davon zu überzeugen, dass der ‚östliche Weg‘ der einzige Weg ist“, glaubt Sjaak. Vielleicht muss man dazu eben den Fokus wie beim Teleskop umdrehen und auf sich selbst richten. „Das mag ein schmerzhafter Weg sein, aber vielleicht am Ende der einzige Weg zum inneren Frieden“, vermutet Sjaak.
Sein Bild ist in Tilburg unter einer Brücke entstanden. Und das Graffiti zeigt mit den kleinen Fragezeichen auch Sjaaks eigene Zweifel.

Wer den Beitrag über Sjaak verpasst hat, kann hier mehr über ihn erfahren.

Das Song-ABC: Constellation Of The Heart

Manche Lieder haben es etwas schwer. „Constellation of the heart“ erschien 1993 auf dem Album „The red Shoes“, der Song wurde wenig beachtet, auch bei den Fans bekam er keine besondere Aufmerksamkeit. Wenn ein Kommentator überhaupt näher auf diesen Song einging, dann negativ. Ein typisches Beispiel ist Rob Jovanovic in seiner Biographie: „[Der Song] war der zweite Song auf der Platte, der ein wenig so klang, als ob Prince ihn verfasst hatte – obwohl der damit wieder nichts zu tun hatte. Falls Kate damit versuchen wollte, die amerikanische Funkszene zu erobern, war das gründlich danebengegangen – falls nicht, dann auch.“ [1].
Wie so oft bei Jovanovic wird eigentlich nicht auf den Song eingegangen. Er legt ein unterstelltes Zielszenario zugrunde und misst den Song dann an dieser von ihm aufgestellten These. In einem Punkt muss ich Jovanovic aber Recht geben. Man kann diesen Titel als eine Art Verbeugung vor dem Stil von Prince verstehen. Der Titel des Songs ist vielleicht sogar auch von Prince inspiriert. Es gibt einen Prince-Song „Condition of the heart“ auf dem Album „Around the world in a day“ von 1985 [2] und diese Ähnlichkeit im Titel ist doch auffallend.

Sind diese eher negativen Einschätzungen berechtigt? Für mich beruhen sie auf einem etwas oberflächlichen und flüchtigen Blick. Das Album „The red Shoes“ ist ein von Selbstzweifeln und Verlustgedanken durchzogenes Werk. Viele der Lieder kreisen um die Angst vor Veränderungen und der Zukunft. „Constellation of the heart“ klingt eher fröhlich-funkig, finden sich die dunklen Grundströmungen des Albums da wieder? Was will uns dieser Song im Kontext des Albums sagen?
Fangen wir mit dem Inhalt (nach [3]) an. In der Geschichte geht es offenbar um eine Raumfahrt zu fremden Welten. Der Bordcomputer (meine Interpretation!) hat seine Aufmerksamkeit weg vom Himmel nach innen gewandt, weil dort und nicht im Himmel das zu lösende Problem festgestellt wurde („We take all the telescopes / And we turn them inside out / And we point them away from the big sky“). Der Captain (gesungen von Kate Bush) liegt offenbar im Schlaf (vielleicht eingefroren, auf langen Weltraumreisen wäre das eine Methode, die Strecken zu überstehen) und wird vom Bordcomputer geweckt: „Well we think you’d better wake up captain / There’s something happening up ahead / We’ve never seen anything like it“. Der Captain verlangt nach mehr Informationen, ohne will er sich dem Problem nicht stellen. Aber es gibt keine weiteren Informationen, er muss handeln. Diese zentrale Strophe ist ein virtuoser Zwiegesang zwischen Bordcomputer und Captain. Der Captain wird gezwungen, sich mit der „Bedrohung“ zu befassen („What am I supposed to do about it? / We don’t know, but you can’t run away from it / Maybe you’d better face it“).
Graeme Thomson ist von der Komplexität dieses Zwiegesangs ganz angetan. „[Er] besticht durch Gesangsstimmen in kaum je dagewesener Verflechtung, ein Labyrinth aus syntaktisch verschränkten Frage-und-Antwort-Spielen zwischen Kate Bush, Paddy und Colin Lloyd Tucker“. [4]. Die Zeiten sind nicht mehr so unbeschwert wie früher. Der folgende Satz bringt die Situation auf den Punkt: „She can’t run away, like in HOL, she has to stand and face it […].“ [10]. Der Captain hat Angst, dass dieser Blick ins Innere etwas ist, das schmerzen wird: „What am I gonna do? / It is gonna hurt, it is gonna hurt me bad?“ Der Bordcomputer versucht, die Angst zu nehmen. „Who said anything about it hurting? / It’s gonna be beautiful / It’s gonna be wonderful / It’s gonna be paradise“. Der Captain nimmt das an, wendet sich der Situation (dem Leben?) mit allen seinen Ängsten und Zweifeln zu, es ist eine Art Weg zum Himmel. Per aspera ad astra – über raue Pfade gelangt man zu den Sternen.
„Constellation of the heart“  ist ein für Kate Bush typischer Song mit wechselnden Perspektiven. Die Strophen des Bordcomputers werden von einem Chor aus Männer- und Frauenstimmen gesungen („We take all the telescopes“ usw.), der Captain wird von Kate Bush verkörpert. Den Refrain „The constellation of the heart“ singt ebenfalls Kate Bush, in einem sehr zärtlichen Tonfall.  Es ist unklar, ob sie hier in ihrer Rolle als Captain spricht. Für mich singt sie hier selbst und kommentiert damit den Zwiegesang zwischen Bordcomputer und Captain. Dies ist etwas, was Kate Bush betrifft, sie singt es, es ist ihr Herz, ihr Inneres.
Das Wechselspiel zwischen den zwei Perspektiven erlaubt es Kate Bush, eine existentielle Fragestellung kurz und knapp zu beleuchten. Eine Sicht ist dazu da, um die Situation voranzutreiben und die entscheidenen Fragen zu stellen. Die zweite Sicht wird dazu genutzt, die Antworten zu finden. Hier übergibt uns Kate Bush ihre Schlussfolgerungen als Rat.
Musikalisch sind die Ebenen nicht sehr herausgearbeitet bzw. voneinander abgesetzt. Es geht im gleichen Rhythmus und der gleichen Stimmung weiter. Der Song erscheint daher auf den ersten (zweiten) Blick eintönig und konventionell – und das kann man ihm durchaus zum Vorwurf machen. Im Text gibt es klare Verweise auf andere Songs. Es wird zurückgeschaut auf „The big sky“ vom Album „Hounds of love“: „We take all the telescopes / And we turn them inside out / And we point them away from the big sky“. Wir sind acht Jahre später, die Zeit der Unbeschwertheit ist vorbei. Der Blickwinkel wandelt sich. Statt verträumt nach außen zu schauen geht der Blick nun nach innen.

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Foto: Flickr Commons/s58y

„The lyric describes telescopes being turned inside out and pointed towards the heart, “away from the big sky“, which is a direct reference to the track The Big Sky and seemingly a disavowal of old subjects.“ [11] „Just being alive, it can really hurt“ – diese Zeile ist eine zentrale Aussage aus dem Song „Moments of pleasure“ vom selben Album – ein Song über den Verlust, dem man im Leben nicht ausweichen kann. Bei solchen Verweisen überlege ich, ob für Kate Bush ihr ganzes Werk ein zusammenhängendes Kontinuum ist. Lieder stehen nicht einzeln, sie greifen Themen auf, die das Leben von Kate Bush bestimmen, sie kommentieren sich untereinander.
Es gibt keine Aussagen von Kate Bush dazu, ob der Song von einer literarischen Quelle angeregt wurde. In einem britischen Forum wurde die Vermutung geäußert, dass der Roman „The black corridor“ von Michael Moorcock eine Inspiration gewesen sein könnte [10]. „It is about a journey through space where eveyone is in suspended animation for the trip when the captain is awoken by the ship’s computer. He deals with the crisis and decides to stay awake for the rest of the trip. Gradually he begins to lose his mind. Check the book out and you’ll see the connections, particularly the first page.“ Vielleicht ist der Song aber auch vom SF-Klassiker „2001“ beeinflusst. Auch hier wird eine Crew von Astronauten im Kälteschlaf durch das All befördert, der Captain sieht sich mit großen Problemen konfrontiert, die durch den wahnsinnig gewordenen Bordcomputer hervorgerufen wurden. Dieser Film endet ebenso wie der Song in einer Art Paradies/Himmel-
Die bei Kate Bush oft „sprechende“ Tonart ist schwer festzulegen. Notiert ist das in einem e-Moll, aber die Tonart ist verschleiert, es taucht auch der E-Dur-Akkord auf [3]. Die Strophen werden von einem stereotyp wiederholten Akkordablauf über zwei Takte bestimmt: Em7 – Hm7 – Hm7/D  – E7sus4 [3]. Abweichungen gibt es im Refrain zum Text „Constellation of the heart“: Esus4 – Dsus4 – Asus4 – Am – G – Em jeweils über vier Takte. Das ist noch unklarer in der Tonalität, es ist vielleicht ein A-Dur, dass dann wieder in das e-Moll hinübergleitet [3]. In der Coda ertönt dann das „The constellation of the heart“ zur ersten Akkordfolge. Das Sternbild des Herzens ist sozusagen bei der Protagonistin angekommen [3].
Die Deutung der Tonarten ergibt keine eindeutigen Hinweise für eine Interpretation, was für Songs von Kate Bush eher ungewöhnlich ist. Der Tonart e-Moll ist vor allem der Ausdruck der Klage eigen. Sie hat aber noch eine andere Seite, die sich bis zum Ausdruck des Erhabenen steigern kann [5]. A-Dur, das sind „die lichten Höhen“. Charakteristisch ist der dieser Tonart innewohnende Niederstieg von den Höhen des Überirdischen zu den Tiefen des Irdischen [5]. Der Abstieg in die Klage des e-Moll geschieht am Ende des Refrains. Vielleicht geben diese nur angedeuteten Tonarten einfach dieses diffuse Gefühl des Unbehagens wieder, das mit schwierigen und emotional belastenden Situationen verbunden ist.
Ich habe geschrieben, dass der Song in einer Art Paradies/Himmel endet. Das kommt direkt im Text vor: „It’s gonna be beautiful / It’s gonna be wonderful / It’s gonna be paradise“. Es gibt aber weitere direkte Symbole, die sich auf den Himmel oder eine andere Welt beziehen. Es findet sich die Zeile „Ooh find me the man with the ladder […] And he might lift me up to the stars“. Diese Leiter zu den Sternen könnte die Jakobsleiter sein. „Die Jakobsleiter oder Himmelsleiter ist ein Auf- und Abstieg zwischen Erde und Himmel, den Jakob laut der biblischen Erzählung in Gen 28,11 während seiner Flucht vor Esau von Be’er Scheva nach Harran in einer Traumvision erblickt. Sie stand auf der Erde und ihre Spitze reichte in den Himmel.“ [6]. Eine weitere geheimnisvolle Gestalt wird erwähnt: „Ooh and if you see the woman with the key […] I hear she’s opening up the doors to Heaven“. Es gibt eine keltische Göttin Epona. „Epona war […] eine Fruchtbarkeitsgöttin. Als solche entspricht sie der Großen Göttin. Epona wurde in ganz Europa verehrt. […] Ein Schlüssel in der Hand steht symbolisch für ihre Fähigkeit, das Tor zur Anderwelt zu öffnen.“ [7]. Hier musste ich auch spontan an Kate Bush selbst denken, an das Cover zu „The dreaming“ (sie gibt einem Schlüssel mit einem Kuss weiter) und die dazugehörende Textzeile aus „Houdini“: „With a kiss I’d pass the key“.
Auch die letzte mystische Gestalt hat einen Bezug zum Himmel: „Oh, and here comes the man with the stick […] He said he’d fish me out of the moon“. Dieser Stab ist ein altes Gottessymbol. „Im Alten Ägypten war der Krummstab das Herrschaftszeichen verschiedener Könige […] und Gottheiten […]. Er symbolisierte zugleich die Wiedergeburt und Regeneration. Im altägyptischen Totenbuch gehörte der Krumm- beziehungsweise Hirtenstab zum Ausrüstungsgegenstand von Osiris in seiner Funktion als Richter über die Toten. Mit dem Hirtenstab besaß Osiris die Macht, über den Eintritt in das Jenseits zu entscheiden und der Ba-Seele zur täglichen Wiedergeburt zu verhelfen.“ [8]
Der Song ist vielschichtiger, als er auf den flüchtigen Blick erscheint. Er handelt – verkleidet in eine ScienceFiction-Geschichte – von existenziellen Dingen. Wir müssen uns dem Leben stellen. Dass was wichtig ist, das findet sich in uns. Wir können eine Reise zu den Sternen machen, aber da sind unsere Probleme nicht. Wir können wegschauen, aber das ist nicht das, was das Leben von uns verlangt. „Without the pain, there’d be no learning / Without the hurting, we’d never change.“ Finde Dein Herz – das ist die Botschaft. Stelle Dich Deinem Leben. Musikalisch kann man den Song gut so charakterisieren: „[…] Constellation Of The Heart is a happy experiment with disco-funk.“ [9]. Über das „happy“ ließe sich streiten, für mich ist das – wenn überhaupt vorhanden – ein vorgetäuschtes Gefühl. Experiment mit Disco-Funk trifft es aber ganz gut, Hommage an Prince wäre noch passender.
Vielleicht hätte Kate Bush die Inhalte in einer anderen Lebenssituation präziser herausgearbeitet. Hier versteckt sich die Botschaft doch hinter dem etwas gleichförmigen musikalischen Gewand. Ron Moy sagt es ganz prägnant: „In short, the track itself lacks its own clear identity.“ [2]. Das beste Schlusswort findet sich aber in dem britischen Forum: „I know many of you don’t like this song, but it’s probably the most direct way she has explained a way to a more positive and healthy soul.“ [10]. Der Song ist vielleicht nicht Kate Bushs bestes Werk, es ist aber ein zutiefst ehrliches. © Achim/aHAJ
[1] Rob Jovanovic: Kate Bush. Die Biographie. Höfen. Koch International GmbH/Hannibal. 2006. S.183
[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.119f
[3] Kate Bush: The red shoes (Songbook). Woodford Green. International Music publications Limited. 1994. S.7ff
[4] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.318
[5] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.218 (e-Moll) und S.139f (A-Dur)
[6] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Jakobsleiter_(Bibel) (gelesen 12.04.2019)
[7] http://www.zadik-lamas.de/txt_Goetter.htm (gelesen 12.04.2019)
[8] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Krummstab (gelesen 12.04.2019)
[9] N.N.: „Booze, Fags, Blokes And Me“. Q, 12/1993
[10] http://katebush.proboards.com/thread/1750/constellation-heart (gelesen 10.03.2019)
[11] https://www.katebushencyclopedia.com/constellation-of-the-heart (gelesen 11.03.2019)

Cloudbusting als neue Picture-Vinyl

Am 24. Mai soll bei Rough Trade eine 12″ Picture Vinyl erscheinen. Sie war heute kurzfristig in den USA und England vorbestellbar und ist offenbar inzwischen ausverkauft. Als Titel werden auf Seite A Cloudbusting (The Organon Mix) und Under The Ivy angegeben, für Seite B Rocket Man und Warm and Soothing – jeweils als 2018 Remaster vom Rarities-Album The Other Sides. In England wurde die Platte für 22 Pfund angeboten, in den USA für 20 Dollar. In welcher Stückzahl sie erscheinen wird, ist unklar. Einen Hinweis auf Kates Internetseite zu der Single gab es bisher nicht. Das Erscheinungsdatum ist ungewöhnlich, deshalb gibt es die Spekulation, dass die Cloudbusting-Vinyl ursprünglich für den Record Store Day vorgesehen gewesen sein könnte, aber nicht mehr rechtzeitig fertig geworden ist. Bei Warner Deutschland wird die Single nicht gelistet. Auch das ist ungewöhnlich, weil einerseits die RSD-Veröffentlichungen stets auch in Deutschland zu haben waren, andererseits ein Großteil, vielleicht sogar alle der Vinyl-Neuerscheinungen von Kate der letzten Jahre in Deutschland gepresst wurden. Interessant ist noch der Hinweis auf der amerikanischen Seite von Rough Trade, man möge doch beim „local store“ schauen, ob es die Platte gibt. Daraus könnte man schließen, dass nicht alle Exemplare vorbestellbar waren und tatsächlich am 24. Mai auch noch einige in den Plattenläden auftauchen werden.

Update: Die Picture-Vinyl ist bei jpc für 23 Euro vorbestellbar.

The making of … „The Red Shoes“

Heute wird es ein wenig technisch. Ende letzten Jahres erreichte mich die „The Red Shoes“-Post Production Promo-CD aus den berühmten Town House-Studios. The Town House (oder Townhouse Studios) war ein Aufnahme- und Mastering-Studio-Komplex in West London, der Ende 1978 von Richard Branson und Ian Cooper als Teil der Virgin Studios Group (zusammen mit „The Manor“) erbaut wurde. Unter anderem wurde dort auch „The Dreaming“ aufgenommen und das Mastering vorgenommen. Im April 2008 wurden die Studios leider für immer geschlossen. Unter Post Production versteht man folgendes: Bei Musikaufnahmen gehören die Abmischung und das Mastering als letzte Phasen der Musikproduktion zur Postproduktion. Die Abmischung befasst sich dabei mit der Bearbeitung selektierter Tonspuren und deren ausbalancierter Zusammenfügung zu einer Einheit, dem Summensignal (engl. „stem“). Dabei kommt es insbesondere bei der Pop- und Rockmusik zum Einsatz von Soundeffekten und zu weiteren gestalterischen Maßnahmen zwecks Erreichung eines vom Musikpublikum als attraktiv aufgefassten Klangbildes. Den Abschluss der Postproduktion bildet schließlich das Mastering, bevor das Master(band) als Grundlage für die  Herstellung der Tonträger entsteht. Da sich die CD Ton-technisch genauso anhört wie die reguläre CD, nehme ich an, dass alle Produktionsschritte auf dieser Promo-CD bereits abgeschlossen waren. Sehr seltene Promo-CD, die ich vorher noch nie gesehen habe. Happy Hunting! Michael Guth

Das Song-ABC: You Want Alchemy

Dieser Song gehört zu den unbekannteren Werken von Kate Bush. Geschrieben und aufgenommen wurde er nach dem Abschluss der Arbeiten zum Album „The red shoes“ und zum Film „The line, the cross and the curve“ [1]. Er wurde nur auf den in Europa und Australien erschienenen CD-Singles von „Eat the music“ veröffentlicht [1]. Jetzt ist er auf der Compilation „The other sides 1“ endlich nicht nur für Sammler verfügbar. Der Song handelt von einem Ausflug, den die Protagonistin mit einer Gruppe von nicht näher definierten Personen macht („What a lovely afternoon / On a cloudbusting-kind-of day / We took our own ‚Mystery Tour‘ / And got completely lost somewhere up in the hills.“). Irgendwo in dieser ländlichen Einsamkeit treffen sie auf einen Imker. Er erzählt von seiner Ehrfurcht und seiner Verehrung für Bienen, die für ihn ein Schlüssel zur Welt sind („They got alchemy! / They turn the roses into gold! / They turn the lilac into honey /They’re making love for the peaches“). Zuerst hält ihn die Protagonistin für einen Spinner, sie versteht seine Faszination für die Bienen nicht. Aber allmählich wagt sie einen vorsichtigen Schritt in die private Welt dieses Mannes. Es gelingt ihr sich zu öffnen und die Freuden dieses einsamen Mannes zu spüren und zu respektieren. Sie nähert sich mit Sympathie und für einen kurzen Moment kann sie seine Vision teilen. Sie kann die Alchemie sehen. Zu diesem Song findet sich nichts in den Biographien von Johanovic und Thomson, wir sind also auf eine ganz eigene Interpretation angewiesen.

Der Song beginnt ruhig. Eine bekannte Melodie fällt auf: eingewoben in den Teppich der Streicher ist der Beginn des „Claire de lune“ von Claude Debussy (u.a. zu „What a lovely afternoon / On a cloudbusting-kind-of day“ gleich zu Beginn). Es ist eine zärtliches, träumerisches Melodiefragment, das immer wieder im Song auftaucht. Im Refrain („You want alchemy! […]“) wechselt die Perspektive zum Imker. Wie so oft bei Kate Bush wechselt mit der Perspektive auch die Musiksprache. Nun ist das eher ein Sprechgesang, ohne richtige Melodie, heftiger im Ton. Es klingt so, als ob hier jemand seine Gefühle ausdrückt, der selten mit anderen Menschen redet und des Singens in Melodien nicht so mächtig ist. Es ist eine Art gestammelte Anbetung der Natur.
In der zweiten Strophe ist das „Claire de lune“ wieder mit der Natur, den Bienen verbunden. Auch im zweiten Refrain taucht diese Melodie nun im Hintergrund auf. In der dritten Strophe vermischen sich die Gesangsstile der Protagonistin und des Imkers. Beide haben zu einer gemeinsamen Harmonie gefunden. Ganz zum Schluss des Songs „gewinnt“ das „Claire de lune“-Thema, wie eine Hymne an die Natur und ihre Geheimnisse erhebt es sich über dem Hintergrund. Es kommen Einwürfe eines Chores dazu („what they gonna do…?“), das erinnert an die den Sonnenaufgang ankündigenden Chöre in „Nocturne“ (auch dies eine Anbetung der Natur).
Der Song ist voller Querbeziehungen, hervorstechend ist natürlich das „Claire de lune“. Dies ist der 3. Satz der „Suite bergamasque“ von Claude Debussy aus dem Jahr 1890, übersetzt bedeutet der Titel Mondglanz oder Mondschein [2]. Es ist ein komplexes und faszinierendes Stück, das Einflüsse aus der Lyrik, der Barockmusik und des Impressionismus miteinander vermischt. Es ist ein Mittler zwischen den Welten. Der Titel des Stückes wurde kurz vor der Veröffentlichung hinzugefügt, er beruht auf dem Titel eines Gedichts des Symbolisten Paul Verlaine. Das Gedicht spricht von “au calme clair de lune triste et beau” – dem stillen Mondlicht, traurig und schön [3]. Der geplante Originaltitel war aber „Promenade sentimentale“ und griff damit ein Gedicht von Verlaine aus dessen 1866 veröffentlichter Sammlung „Paysages tristes“ (traurige Landschaften) auf [3]. Dieses Gedicht war wahrscheinlich die Inspiration, die Debussy brauchte. Die Eröffnungszeilen („Le couchant dardait ses rayons suprêmes / Et le vent berçait les nénuphars blêmes”), in denen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne und die sich wiegenden Seerosenfelder beschrieben werden, sind mit großer Schönheit in den Anfangstakten von „Claire de lune“ umgesetzt [3]. Das Stück von Debussy steht für die Natur, ihre Geheimnisse und ihre Schönheiten – genau dafür wird es auch im Song von Kate Bush als musikalisches Zeichen benutzt. Die Natur ist etwas Ewiges, sie wurde in der Musik aller Zeiten beschworen. Durch die Verwendung des Debussy-Fragments stellt sich Kate Bush ganz bewusst in diese Tradition.

Neben der Verwendung des „Claire de Lune“ gibt es weitere direkte Verweise in den ersten drei Textzeilen. „What a lovely afternoon“ – diese Textzeile wird sich später auf der Sky-Seite des Albums „Aerial“ wiederfinden. „On a cloudbusting-kind-of day“ – das verweist auf den Song „Cloudbusting“. „We took our own ‚Mystery Tour’“ – das zitiert die gleichnamige EP und den gleichnamigen Film der Beatles. „Magical Mystery Tour“ (englisch ‚Magisch geheimnisvolle Fahrt‘) ist der Soundtrack zum gleichnamigen Fernsehfilm der Beatles. Auf der Doppel-EP ist auch das Instrumentalstück „Flying“ enthalten, das zur Zeit der Komposition noch den Arbeitstitel „Aerial Tour Instrumental“ trug [4]. Das hier über die Beatles auf das Album „Aerial“ verwiesen wird so wie es auch die erste Textzeile tut, das ist wahrscheinlich Zufall, vielleicht aber auch nicht. Eine magische, geheimnisvolle Reise – das ist es aber, was die Protagonistin in „You want alchemy“ durchmacht, vordergründig in die Natur, aber auch in die Seele eines anderen Menschen.
Von „You Want Alchemy“ gehen Verbindungen aus in ganz unterschiedliche Richtungen, Altes und Neues scheinen zusammenzuhängen. Echos aus der Vergangenheit treffen auf Visionen der Zukunft, Natur spiegelt sich in der Seele.  „You want alchemy“ ist die Brücke über die Jahre des Verstummens zwischen den Alben „The red shoes“ und „Aerial“. Der Song nimmt zentrale Motive von „Aerial“ vorweg. Mir erscheint er wie eine Keimzelle. Es finden sich ähnliche Bilder, ähnliche Worte. Auf dem Album ist aus dem Samenkorn einer Idee eine volle Blume geworden. © Achim/aHAJ

[1] https://www.katebushencyclopedia.com/you-want-alchemy (gelesen 13.10.2018)
[2] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Suite_bergamasque (gelesen 21.02.2019)
[3] http://theconversation.com/decoding-the-music-masterpieces-debussys-clair-de-lune-79765 (gelesen 21.02.2019)
[4] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Magical_Mystery_Tour_(Album) (gelesen 21.02.2019)

Vor 40 Jahren: Die Tour of Life

Hamburg, Stuttgart. München, Duisburg, Mannheim und Frankfurt – sechs Konzerte hat Kate Bush 1979 zu ihrer europaweiten Tour of Life zwischen dem 28. April und 10. Mai in Deutschland gegeben. Eine Tour, die Maßstäbe gesetzt hat, was die künstlerische, visuelle und technische Seite betrifft. Eigens für ihre Shows wurde das Headset erfunden, damit Kate auf der Bühne Bewegungsfreiheit hatte und sowohl singen wie gleichzeitig auch tanzen konnte. Schon 1979 vereinte sie Tanz, Pantomime, Magie, Theater-Elemente und Poesie mit ihrer Musik zu einer Inszenierung, die von Publikum und Kritik gleichsam gefeiert wurde. Wie akribisch sich das Team um Kate auf diese Tournee vorbereitet hat, zeigen nicht nur die Tour-Dokumentationen der BBC und die 40-minütige Dokumentation von Albert Krogmann vom SWF, sondern auch Bilder, die vor Jahren im englischen Forum aufgetaucht sind. So gab es beispielsweise detaillierte Zeichnungen für das Bühnenset, Anweisungen für Lichteffekte und Stoffmuster für Kates Outfit zu den jeweiligen Songs. Zusätzlich gab es Skizzen, welche Kostüme Kate im Verlauf der Show trägt. Unveröffentlichte Fotonegative zeigen die Proben zur Tour, zudem gibt es Fotos von den Generalproben. Auf weiteren Dokumenten kann man für jeden Song einen genauen Ablaufplan für Tänzer, Band und Beleuchtung erkennen. Die Show war bis ins kleinste Detail durchgeplant.


Das Bild des Monats: April

© Sjaak Vullings

Als „fantastisch und zugleich beängstigend“ hat Stefan in seiner Song-Analyse zu „Get out of my House“ den Song beschrieben, Sjaak verleiht ihm mit seinem Bild etwas diabolisches. „Für mich geht es in diesem Song darum, das eigene Umfeld gegen eine Person zu schützen, die (wieder) in dein Leben eintreten möchte, aber nicht mehr willkommen ist. Das Haus ist das Symbol der Person selbst, wenn sie singt: ‚Dieses Haus ist so alt wie ich‘. Der Mann, der hinein will, versucht alles, um sich wieder in dein Leben einzuschmeicheln. Sie kennt jedoch seine teuflischen Tricks und ist sehr kreativ dabei, ihn aus ihrem Haus fernzuhalten“, interpretiert Sjaak das Lied. Für das Foto musste Sjaaks Freund Jean-Philippe quasi den Kopf hinhalten. Das Bild entstand 2015 in Madrid. „Manchmal nenne ich Jean-Phillippe auch Luzifer, weil er ein überaus charmanter Mann ist. Aber seit ‚Heads we’re dancing‘ wissen wir alle, was Kate über charmante, teuflische Männer denkt“, erzählt Sjaak. In den letzten Jahren hat er sich ein bisschen mit dem Thema Bildbearbeitung beschäftigt und dementsprechend Jean-Philippe den teuflischen Look mit dem zweiten Gesicht verpasst.
‘Woman let me in!
Let me bring in the memories!
Woman let me in!
Let me bring in the Devil Dreams!’

Wer den Beitrag über Sjaak verpasst hat, kann hier mehr über ihn erfahren.

Letzte Songs neu interpretiert

War das Project „Record full of last Songs“ von Timo C. Engel alias „Bleedingblackwood“ schon eine spannend-schräge Herausforderung, wird es mit der neuen CD von Timo nochmal eine Spur schräger. „Das Album ist ein wenig wie ein Mixtape, wie man sie früher oft bekommen hat. Nur dass alle Songs von mir sind…aber irgendwie auch nicht mehr“, erzählt Timo zu der Scheibe, die jetzt via Bandcamp digital veröffentlicht worden ist. „Befreundete Musiker haben Remixe, Coverversionen und Neuinterpretationen meiner Lieder aufgenommen und auch das Cover-Artwork wurde von verschiedenen Künstlern neu interpretiert“, sagt Timo. Und das Ergebnis ist überraschend. Wo Timo mit einer Vielzahl von teils sehr ungewöhnlichen Instrumenten Klangwelten erschaffen hat, erklingen jetzt plötzlich Synthesizer-Sounds. Mit dabei sind Remixe von aMinus, Filtig (Dadatek), Eschberg, (r)/Fabrizio Modonese Palumbo, A.R.P., The Surreal Funfair, Jo (Orange Ear) und Le Plan, zwei Cover-Versionen von An:Idea und Diana Lindner. Einen Song hat Timo selbst nochmal in einer akustischen Version eingespielt. Das alles ist absolut hörenswert und überzeugt auch deshalb, weil verschiedene Künstler sehr unterschiedliche Versionen gleicher Songs abliefern. Etwa bei Venus Flytrap Eyes, das von Diana Lindner als wundervolles Cover bezaubernd sanft neu eingesungen wird, sich bei An:Idea fast zur Disco-Nummer wandelt, um bei Filtig schräg zu entgleiten. Hören kann man all das hier. Den Beitrag zu Timos Original-CD gibt es hier.

Neu in der Sammlung: Die Hounds of Love 10 Inch

Drei Vinylplatten hat Kate zu den Record Store Days zwischen 2011 und 2013 veröffentlicht – eine schöner als die andere. 2013 gab es den 2012er-Remix von Running Up That Hill mit der B-Seite Walk Straight Down The Middle mit FishPeople-Motiven von Director’s Cut auf schwarzem Vinyl. Besonderer Clou: Das achtfache Motiv zu RUTH erzeugt beim Abspielen den Eindruck, als ob der Läufer in Bewegung ist. 2012 hatte Kate mit Lake Tahoe und Among Angels zwei Songs von 50 Words for Snow zum Record Store Day beigesteuert, mit den entsprechenden Motiven des Albums. Was mir bisher fehlte war die 2011er-Veröffentlichung. In den USA erschien damals die Hounds Of Love 10 Inch-Vinyl mit den Songs Hounds Of Love/Cloudbusting aus der A-Seite, und Watching You Without Me/Jig Of Life von The Ninth Wave als B-Seite – auf mormoriertem, pinken Vinyl in kleiner Auflage. Mit ein Grund, warum sie zu eher hohen Preisen von bis zu 200 Euro gehandelt wird. Mit viel Glück konnte ich die Scheibe – originalverpackt – jetzt auf Ebay in den USA für 65 Dollar plus Versand ergattern – geradezu ein Schnäppchen. Nur sie auszupacken habe ich mich bisher noch nicht getraut…

Never for Ever und das „verlorene“ Booklet

Auf einen meiner nächtlichen Streifzüge durchs Internet fiel mir letztens ein seltsames Angebot ins Auge: Eine Never for Ever first pressing LP aus England sowie eine Babooshka-Single, ebenfalls aus England, beides drapiert auf einem japanischen Booklet, das ich weiter nicht identifizieren konnte. Bei näherer Untersuchung (ich habe das Bild versucht zu vergrößern) fiel mir auf, dass es sich nur um das seltene Promo Booklet zu der japanischen Never for Ever Promo LP handeln konnte. Japanische Promo LPs sind wie eine Wundertüte, man weiß nie, was sich genau in der LP-Hülle befindet. Sehr sehr selten sind Promo-Fotos beigelegt (habe ich bis jetzt nur bei The Kick Inside gesehen) und noch seltener Promo-Booklets, die meist seltener sind, als die Promo LPs selbst. Oft wurden sie einfach weggeschmissen oder sind verloren gegangen. Da ich von der Never for Ever LP nur die UK Reissue besitze, schlug ich bei dem günstigen Angebot von rund 20 Euro natürlich sofort zu, und zwei Wochen später war das Paket da. Es handelte sich wirklich um das rare Booklet, das ich in 40 Jahren Sammeln noch nie sah! Warum der Händler (der übrigens aus Japan kommt) der UK Never for Ever LP ein japanisches Promo Booklet beilegte, wird wohl immer ein Geheimnis bleiben. Da ich die japanische white label Promo LP ohne Booklet bereits besaß, kommt jetzt zusammen, was zusammen gehört! Happy hunting! Michael Guth

Kate über ihre Songs


Im Zuge der Veröffentlichung von The Other Sides als 4CD heute hat Kate in ihrem Erinnerungsschatz gekramt und Details zu den Songs Rocket Man, Under The Ivy, The Man I Love und Experiment IV auf ihrer Webseite veröffentlicht.

Rocket Man:
I remember buying this when it came out as a single by Elton John. I couldn’t stop playing it – I loved it so much. Most artists in the mid seventies played guitar but Elton played piano and I dreamed of being able to play like him.
Years later in 1989, Elton and Bernie Taupin were putting together an album called Two Rooms, which was a collection of cover versions of their songs, each featuring a different singer. To my delight they asked me to be involved and I chose Rocket Man. They gave me complete creative control and although it was a bit daunting to be let loose on one of my favourite tracks ever, it was really exciting. I wanted to make it different from the original and thought it could be fun to turn it into a reggae version. It meant a great deal to me that they chose it to be the first single release from the album.
That meant I also had the chance to direct the video which I loved doing – making it a performance video, shot on black and white film, featuring all the musicians and… the Moon!
Alan Murphy played guitars on the track. He was a truly special musician and a very dear friend. Tragically, he died just before we made the video so he wasn’t able to be there with us but you’ll see his guitar was placed on an empty chair to show he was there in spirit. 

The Man I Love:
This romantic song was written by George and Ira Gershwin and when Larry Adler put an album together of their songs, called The Glory of Gershwin, he asked me to sing this beautiful song. The album was produced by George Martin. I was very fond of George – such a special talent and creative spirit, a really gentle man, very kind and incredibly interesting. It was a great honour to work with him and Larry.  George and Larry were very different personalities ( Larry was a real character), but they made a great creative combination.
It was released as a single and Kevin Godley directed the video. I loved working with Kevin –  so imaginative and great fun. I’d worked with him and Lol Creme when they directed the video for Peter Gabriel’s song, Don’t Give Up. Kevin chose to present the video in a very traditional way which suited the song extremely well.  Godley and Creme are huge talents who left their mark not just in the music industry with their intelligence and wit in the band 10CC but also in the visual world with their groundbreaking videos, working with an impressive list of diverse artists.

Under The Ivy:
I needed a track to put on the B-Side of the single Running Up That Hill so I wrote this song really quickly. As it was just a simple piano/vocal, it was easy to record.
I performed a version of the song that was filmed at Abbey Rd Studios for a TV show which was popular at the time, called The Tube. It was hosted by Jools Holland and Paula Yates. I find Paula’s introduction to the song very touching.
It was filmed in Studio One at Abbey Rd. An enormous room used for recording large orchestras, choirs, film scores, etc. It has a vertiginously high ceiling and sometimes when I was working in Studio Two,  a technician, who was a good friend, would take me up above the ceiling of Studio One. We had to climb through a hatch onto the catwalk where we would then crawl across and watch the orchestras working away, completely unaware of the couple of devils hovering in the clouds, way above their heads!  I used to love doing this – the acoustics were heavenly at that scary height.  We used to toy with the idea of bungee jumping from the hatch.

Experiment IV:
This was written as an extra track for the compilation album The Whole Story and was released as the single. I was excited at the opportunity of directing the video and not having to appear in it other than in a minor role, especially as this song told a story that could be challenging to tell visually. I chose to film it in a very handsome old military hospital that was derelict at the time. It was a huge, labyrinthine hospital with incredibly long corridors, which was one reason for choosing it. Florence Nightingale had been involved in the design of the hospital. Not something she is well known for but she actually had a huge impact on hospital design that was pioneering and changed the way hospitals were designed from then on.
The video was an intense project and not a comfortable shoot, as you can imagine – a giant of a building, damp and full of shadows with no lighting or heating but it was like a dream to work with such a talented crew and cast with Dawn French, Hugh Laurie, Peter Vaughn and Richard Vernon in the starring roles. It was a strange and eerie feeling bringing parts of the hospital to life again. Not long after our work there it was converted into luxury apartments. I can imagine that some of those glamorous rooms have uninvited soldiers and nurses dropping by for a cup of tea and a Hobnob.
We had to create a recording studio for the video, so tape machines and outboard gear were recruited from my recording studio and the mixing console was very kindly lent to us by Abbey Rd Studios. It was the desk the Beatles had used – me too, when we’d made the album Never For Ever in Studio Two. It was such a characterful desk that would’ve looked right at home in any vintage aircraft.
Although it was a tough shoot it was a lot of fun and everyone worked so hard for such long hours. I was really pleased with the result.