Coffee Homeground

Der gute alte Kaffeeklatsch: man diskutiert, rätselt, tauscht sich aus und spekuliert ein bisschen. In digitalen Zeiten gibt es den Kaffee natürlich nicht mehr analog, aber diskutieren und spekulieren kann man natürlich immer noch über alle Themen, die sich igendwie rund um Kate drehen. Und dafür ist hier genau der richtige Platz, quasi der Coffee Homeground. Wer Ideen und Anregungen zu Gesprächsthemen hat, selber mal mitdiskutieren möchte, kann sich gerne melden.

6.11.2019: Kate und die Relativität der Zeit

Kate Bush und die Relativität der Zeit: Das lange Warten auf ein neues Kate Bush-Album kann manchmal richtig nerven. Zwölf Jahre dauerte, es bis Aerial das Tageslicht erblickte und seit 50 Words for Snow sind auch schon wieder acht Jahre vergangen, ohne dass es irgendeinen noch so kleinen Hinweis darauf gäbe, dass Kate an neuen Songs bastelt. Sind lange Alben-Pausen gerechtfertigt? Wäre mehr und häufigerer Output besser? Oder ist es genau so richtig, wie es ist? Das ist das Thema im „Kaffeeklatsch“ mit Beate Meiswinkel.

Wenn wir uns über das Thema „Kate Bush und die Relativität der Zeit“ unterhalten, muss ich vielleicht als erstes gestehen, dass ich leicht gefrustet bin. Es ist Anfang November 2019 und es gibt acht Jahre nach 50 Words for Snow kein einziges Anzeichen für ein neues Kate Bush-Album. Dabei hatte ich fest damit gerechnet, dass wir Ende September mit der Ankündigung für ein neues Album im November überrascht werden. Geht Dir dieses ewige Warten manchmal auch auf den Geist?

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Beate: Acht Jahre ist das schon her seit dem letzten Album? Die Before the Dawn-Konzerte waren auch schon 2014… time flies, möchte man da einerseits sagen. Andererseits ist es tatsächlich immer wieder unglaublich, wie lange die Schaffenspausen dauern. Ich kann mich noch erinnern, wie lange mir die vier Jahre zwischen Hounds of Love und The Sensual World vorgekommen sind. Nie hätte ich geglaubt, dass das mal noch ganz anders kommen sollte! Wenn man bedenkt, was andere Künstler in diesen Jahren für einen Output haben und dazu noch touren – ich denke hier etwa an Tori Amos – könnte man manchmal fürwahr verzweifeln. So ein irdisches Menschenleben ist ja nun bekanntlich endlich. Kunst wohnt andererseits eine gewisse Zeitlosigkeit inne, sofern sie nicht zeitgeist- oder trendorientiert ist. Was Kate betrifft, so scheint sie in ihrem Schaffensprozess irgendwie durch die „Lagen der Zeit“ zu schlüpfen oder ihr zu entfliehen… jedenfalls setzt sie sich keinem Druck aus. Das finde ich einerseits bewundernswert, andererseits bin ich manchmal auch verärgert, frustriert, wenn ich an „verlorene Möglichkeiten“ denke. Ich will mehr. Mehr Kate. Wie geht es Dir damit? Bei dem Gedanken „Was könnte sie nicht alles machen – veröffentlichen – mit uns teilen“?

Mir geht es bestimmt nicht anders als Dir: Ich muss mich da als Fan immer selbst einbremsen und mir klar machen, dass ich für jeden Song dankbar sein darf, aber keine Forderungen ableiten kann. Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn es eine DVD zu den Konzerten gegeben hätte. Natürlich bin ich nicht glücklich darüber, dass jetzt schon wieder acht Jahre ohne neue Musik von Kate verstrichen sind, obwohl sie 2011 in einem Interview zur Vorstellung von 50 Words for Snow gesagt hat, dass sie schon Ideen für ein neues Album im Kopf hat. Aber will ich umgekehrt alle zwei Jahre ein neues Album, bei dem mir vielleicht die Hälfte der Songs gar nicht gefallen, weil man ihnen anhört, dass sie nicht dem Anspruch gerecht werden, den ich von Kate gewohnt bin?

Beate: Stimmt, da geht es mir ganz genau so: wenn ich darüber grummle, wie gerne ich mehr Musik von Kate möchte und wie sehr ich mir die Before the Dawn-DVD wünsche, versuche ich, mich daran zu erinnern, dass ein Teil der schöpferischen Kraft ihrer Musik eben daraus resultiert, dass sie sich nicht verbiegen lässt. Und eben nicht alle zwei Jahre ein Album raushaut. Was ich andererseits seltsam finde: Für mich ist 50 Words for Snow noch immer „das neue Kate Bush Album“. Es ist vermutlich das Album, das ich bisher am wenigsten gehört habe, und ich finde auch, es entfaltet sich am langsamsten. Mir geht es jedenfalls damit so.

Hinzu kommt noch die Erkenntnis, dass sich das Warten lohnt. Aerial ist für mich ein Meisterwerk und besonders der Sky-Teil setzt bei mir bei jedem Hören unglaublich viele Emotionen frei. Bei 50 Words for Snow ist das nicht anders. Ich glaube sogar, dass es ihr perfektestes Album ist, weil sie sich auch musikalisch von allen Zwängen befreit. Bei Aerial hast du überwiegend noch die klassischen Song-Strukturen, die erst zum Schluss aufgelöst werden. Du findest noch die radiotauglichen Stücke im Fünf-Minuten-Format. Bei 50WfS schmeißt sie auch das über Bord und eröffnet der Musik Raum und Zeit. Wie überhaupt ein Großteil der Musik von Kate vollkommen zeitlos wirkt. Bei anderen Musikern höre ich, wann ein Stück entstanden ist, ob es beispielsweise in der 80ern oder 90ern war. Zeitlose Produktionen schaffen nur wenige Künstler. Das mag vielleicht mit ein Grund sein, warum 50WfS für Dich noch wie ein neues Album klingt.

Beate: Teile von 50WfS sind für mich schwer zugänglich, und das mag daran liegen, dass Kate hier tatsächlich Raum und Zeit überflügelt. Ich bin an sich ein sehr ruhiger Mensch, aber die bewusste Langsamkeit mancher Momente dieses Albums hat mich stets gefordert. Dieses unerwartet späte Einsetzen hier, das bewusste Innehalten da… wenn ich es recht bedenke, hat es etwas Meditatives. Auch in der Meditation bleibt man bewusst im Hier, im Jetzt. Das fordert dem menschlichen Geist eine gewisse Konzentration ab. Bevor es mühelos werden kann. Auch die Intimität von 50WfS ist sehr groß und tief. Dafür offen zu sein ist nicht immer leicht. Zeit ist schon eine merkwürdige Sache. Obwohl jede Minute gleich lang ist, vergeht sie uns unterschiedlich schnell. Living in the gap between past and future, beschrieb Kate das mal in Love and Anger. Ich habe öfter schon an Kates Zeitempfinden gedacht. Das Thema beschäftigt sie zweifellos auch, etwa in Moments of Pleasure (the hills of time), Snowed in at Wheeler Street, oder in A Sea of Honey. Ein Liebespaar, das sich von Leben zu Leben immer wieder trifft und irgendwie verpasst. Ein Zeitbogen intensiven Erlebens im Sommer, wo die Lebenszeit fließt wie flüssiges Glück. Oder auch die Sache mit dem schmelzenden Schneemann in Misty, diese zarte gnadenlose Vergänglichkeit …Was fällt Dir zum Thema Zeit ein, wenn Du an Kates Arbeit denkst?

Dass sie natürlich bitte schneller arbeiten sollte. Oder: Too-re-ay, too-re-o aus Not this time. Aber im Ernst: Ich denke eher daran, wie zeitlos ihre Musik ist und dass sie eben auch keinem Zeitgeist hinterherrennt, sondern ihren eigenen Maßstäben folgt. Kates Musik ist immer Kate pur und unverfälscht und oft auch irgendwie sehr intim. Wenn ich mich an die erste Zugabe im Konzert erinnere, wo Kate sich zuvor bei Aerial vollkommen verausgabt hat, dann kommt sie alleine auf die Bühne zurück, setzt sich ans Klavier und spielt diese herzergreifende Version von Among Angels. Und in der Halle, in der vorher der Applaus gar nicht enden wollte, könntest du eine Stecknadel fallen hören. Das ist einer der intimsten musikalischen Momente, die ich je erlebt habe und den sie mit uns geteilt hat, fast so, als ob es auch bei ihr zuhause hätte stattfinden können.

Beate: Das frage ich mich sowieso häufig: im Laufe der Zeit wird es Musik gegeben haben, die niemals jemand außerhalb von Kates Familie oder Freunden gehört haben wird. Als Musikerin wird sie in ihrem Alltag immer wieder diesen Ausdruck suchen. All diese uns verlorene Musik fließt in einer Art Lebensstrom dahin, und wir „bekommen“ sie nicht. Die Kinder- oder Schlaflieder, die zarten Lovesongs, die witzigen, sarkastischen oder albernen Spielereien. Gesungene Gebete… Geburtstagsständchen, Lieder, die sie am Grab eines geliebten Menschen dem Wind anvertraut, oder wütende, frustrierte, verärgerte Musik, um sich abzureagieren… In all den Jahren wird es viel davon gegeben haben. Und nicht für uns… Oder doch, denn bildet das Ungehörte nicht den Boden, auf dem solche unvergleichlichen Alben gewachsen sind?

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Das setzt voraus, dass der Musiker immer Musiker ist. Der Komiker ist aber nicht immer der Komiker. Das Stichwort gesungene Gebete könnte mich aber in der Tat noch mal zu Among Angels führen und auch der Song Bertie legt nahe, dass Du mit Deiner Vermutung nicht ganz unrecht hast. Und natürlich wird es zuhause am Klavier Melodiefolgen geben, die irgendwann, auch sehr viel später, in ein Lied münden, das wir kennen. Wenn wir die gefilterte Essenz eines Liedes kennen, wäre es in der Tat spannend, viel öfter die ungefilterten Gehversuche eines eigenständigen Liedes zu hören. Da fällt mir als erstes Why Should I love you ein, bevor Prince Hand angelegt hat. Letztlich landen wir aber auch da wieder bei unserem Thema der Relativität der Zeit mit Blick auf Kate. Wenn sie 2011 im Interview sagt, sie habe Ideen für ein neues Album im Kopf, sie dann stattdessen Konzerte gibt, ein Live-Album herausgibt, den kompletten Back-Katalog überarbeitet und einen PopUp-Store eröffnet, dann ist sie zwar alles andere als unproduktiv, aber in unseren Augen immer noch nicht produktiv genug. Und wenn wir ehrlich sind, ist das ausschließlich unser Problem, weil wir immer von der Angst getrieben sind, dass der Schlusssong des jüngsten Albums auch ihr letzter gewesen sein könnte.

Beate: Es stimmt, es ist unser Wollen nach mehr, unser Sehnen und auch unsere Befürchtung, dass es keine neue Musik mehr geben könnte. Im Gegensatz zu vielen Bands oder Musikern, die wiederholt das letzte Album, die letzte Tour angekündigt haben und dann doch ebenso wiederholt weitermachen, gibt es von Kate keine solchen Ankündigungen. Die Türe ist offen.

Bleibt zum Schluss die immer wieder gestellte Preisfrage: Neues Album 2020?

Beate: Das bringt mich zurück zu Deiner Aussage, ein Musiker sei nicht immer Musiker. Das ist wahr. Allerdings denke ich, dass ein Künstler immer weitermachen will, ja muss. Hier handelt es sich um Berufung, nicht um einen Beruf. In der Dokumentation „Tea with the Dames“ werden die Schauspielerinnen Maggie Smith, Judi Dench, Joan Plowright und Eileen Atkins gefragt, ob sie denn je ans Aufhören denken würden. Alle vier verneinen dies, ungeachtet ihres stattlichen Alters. Ich denke, letztendlich wird auch Kate nicht davon lassen können, weiterzumachen. Neues Album 2020… das wäre wunderbar. Ich wünsche es mir so sehr!

Gut, ich hab’s auf meiner Weihnachtswunschliste mit Auslieferung in 2020 notiert. Mal sehen, ob Kate uns erhört.

11.05.2019: The Red Shoes

Einige der besten Songs von Kate sind auf dem Album The Red Shoes versammelt – und dennoch tun sich viele Fans mit dem Album schwer. Ein Widerspruch? Im „Kaffeeklatsch“ mit Achim, der für morningfog.de die Rezensionen der Alben schreibt und im Song-ABC die einzelnen Lieder von Kate analysiert, geht es um Widersprüche, den musikalischen Mainstream der 90er Jahre und den Grundton des Schmerzes, der auf diesem Album unüberhörbar ist.

Kate war mit dem Ergebnis von The Red Shoes im Nachhinein nicht wirklich zufrieden und man kann vermuten, dass die Produktion von Director’s Cut für sie ein sehr befreiender Prozess war – einzelne Songs so einzuspielen, wie sie hätten klingen können oder sollen. Listen wir mal die negativen Seiten von TRS auf: Dem Album wird oft vorgeworfen, dass es stellenweise überproduziert klingt, dass eine Verbindung zwischen den Songs fehlt, dass es zu traurig sei. Habe ich was vergessen?

Achim: Kate Bush war immer mit ihren abgeschlossenen Arbeiten unzufrieden, das würde ich nicht überbewerten. An „The Red Shoes“ fand sie die zu kalte digitale Produktion unbefriedigend, zudem hielt sie das Album für zu lang. Ja, es ist zu voll mit Musikspuren, das kann man überproduziert nennen – aber „The Dreaming“ ist das auch. Verbindungen zwischen den Songs sehe ich durchaus, obwohl es kein Konzeptalbum ist. Traurigkeit ist das verbindende Element, die sich hinter aufgesetzter Fröhlichkeit versteckt. Als geäußerten Kritikpunkt hast Du vergessen, dass die Songs hier mehr nach „Mainstream“ klingen als sonst.

Was man auch noch mit TRS verbindet ist natürlich ihr Film The Line, The Cross & The Curve, der stellenweise schon kitschig gerät und natürlich die zum damaligen Zeitpunkt in Aussicht gestellte und dann wieder abgeblasene Tour. Spielt beides bei der Bewertung der Musik mit eine Rolle?

Achim: Den Film fand Kate später ganz furchtbar. Ein professioneller Regisseur zur Unterstützung wäre hilfreich gewesen. So erscheint er unzusammenhängend und etwas wirr. „Kitschig“ ist vielleicht die Sicht von heute. Es waren die Neunziger, untypisch ist das nicht. Aber das alles hat wohl zu der negativen Einschätzung beigetragen. Ich sage es so: das Album ist hörbar ein Kind der Neunziger und so viel „Aktualität“ wollte man von Kate Bush nicht hören. Für mich ist „The Red Shoes“ ein sehr interessantes Album.

Das war mir schon klar, dass ich Dich beim Kaffeeklatsch nicht mit einem Latte Macchiato bestechen muss, damit wir zu dem Ergebnis „interessantes Album“ kommen. Aber bleiben wir mal bei der Kritik. Welcher Vorwurf ist denn aus Deiner Sicht gerechtfertigt? Nur, dass es den Mainstream der 90er wiedergibt und nicht musikalisch wegweisend war?

Achim: Es klingt zu sehr nach Mainstream und es klingt nicht „warm“. Die digitalen Möglichkeiten waren noch zu neu. Mehr ist aus meiner Sicht nicht zu kritisieren.

Bevor wir die Jubelarien anstimmen: Wenn mehr nicht zu kritisieren ist, woran liegt es dann, dass bei vielen Fans TRS durchgängig eher im unteren Bereich der Lieblingsalben angesiedelt ist?

Achim: Vielleicht fällt es als „nur“ gutes Album in einer Reihe von außerordentlichen Alben etwas ab. Aber ich glaube, es liegt an einem anderen Punkt. Auf dem Album sind kaum Songs, bei denen man den Kopf schüttelt und sagt „so etwas kann nur Kate Bush einfallen“. Diese Exotik – ein besseres Wort fällt mir nicht ein – fehlt hier. Man muss also schon genauer hinschauen.

Könnte als zweiter Punkt hinzukommen, dass es trotz der vordergründig fröhlichen Musik ein tottrauriges Album ist? In Deiner Analyse zu TRS hast Du geschrieben: „Überall in diesem Album ist Schmerz. Überall in diesem Album sind im Hintergrund bedrohliche Stimmen, Geräusche, Chaos. Ein Album der Verlassenheit, Verzweiflung, der vorgetäuschten Fröhlichkeit, ein (Hilfe)Schrei. Ein Album über den Zusammenfall der Welt; eine Momentaufnahme kurz vor dem Crash.“ Überfordert der Grundton des Schmerzes in jedem Song den Hörer?

Achim: Ja, das ist ein guter Punkt. Emotionen der Trauer und des Verlusts kommen ganz nah an den Zuhörer heran. Das muss man aushalten können.

Was mich umgekehrt ja immer fasziniert hat ist, dass TRS bei Fans gerne durchfällt, die Songs für sich aber nicht. Bei And So is Love, Eat The Music, Moments of Pleasure, The Song of Solomon, Top of The City oder Lily gibt es kaum jemanden, der sie nicht liebt. Lily war immerhin der umjubelte Opener für ihre Konzerte. Ist es also so, dass es nur als Album vielleicht nicht funktioniert, aber die Songs für sich sehr wohl?

Achim: Ein dunkler Diamant ist für sich faszinierend. Ein Diadem nur aus dunklen Diamanten ist beängstigend.

Ich sehe, es wird jetzt poetisch. Erzähl‘ mir etwas über das Hohelied der Liebe, obwohl wir ja eben noch bei Schmerz, Trauer, Verlust waren.

Achim: Das lässt sich auf TRS nicht trennen. Wenn die Songs von Liebe handeln, dann von einer Liebe in unsicheren Verhältnissen. Es ist kein Liebe-Freude-Tralala. Es geht ganz realistisch und ehrlich darum, dass die Liebe immer bedroht ist und erkämpft und verteidigt werden muss. Auf diesem Album ist die Sicht darauf nicht sehr optimistisch. Aber wie es so nüchtern in „Constellation of the heart“ heißt: „You can’t run away from it / Maybe you’d better face it“.

Das passt zu dem, was Du 2013 zum 20-Jährigen von TRS über „The Song of Solomon“ als dem Hohelied der Liebe geschrieben hast: „Hier singt jemand „who walks the path of the solitary heart“ herzzerreißend davon, einfach eine Berührung zu finden, eine alles entflammende Ekstase. Keine Beziehungsprobleme, kein „Bullshit“: nur Emotion, Sex, das steht im Vordergrund. „The soul cries out“, das ist ein Blick in die Tiefen einer Seele. Kates Gesang hier ganz intim, hochemotional, berührend, eingebettet in einen melancholischen Teppich aus Musik. Es ist so zart und so von innen. Es geht zu Herzen. Jeder kann diese Gefühle teilen, wenn er ehrlich zu sich ist.“ Realistisch, ehrlich, nüchtern, kein Bullshit und trotzdem berührend.

Achim: Vielleicht ist es diese gnadenlose Ehrlichkeit, die vor dem Album zurückschrecken lässt. Es ist keine Heile-Welt-Esoterik.

Und es ist nicht verschroben. So wie Du es vorhin formuliert hast: Dieser „So etwas kann nur Kate Bush einfallen“-Moment fehlt. Aber kann man nicht auch in der Musik einfach mal gnadenlos ehrlich sein? Warum erwarten wir von Kate immer etwas anderes?

Achim: Musik muss auch mal so offen und ohne Visier sein. TRS ist ein Blick in die Seele, daher mag ich es. Ich finde es schade, dass es nicht so geschätzt wird. Aber wenn du in einen Abgrund schaust, dann schaut der Abgrund in Dich zurück. Vielleicht überfordert das, wenn man „nur“ Musik hören will.

Für mich sind es Abgründe, die Kate musikalisch meistert. Auch wenn die traurigen Noten überwiegen (life is sad, and so is love), liebe ich das Album gerade deswegen. Es greift Empfindungen auf, die jeder von uns schon erlebt und durchlitten hat. Und seit den Konzerten 2014 gibt es für mich noch einen anderen Grund, das Album zu lieben. Es ist vielleicht etwas kitschig, aber vor dem Konzert war ich in der St. Pauls Kirche essen. Beim Verlassen der Kirche musste ich am lila angestrahlten Altar samt Jesus-Figur am Kreuz vorbei. Die Textzeile „Have you ever seen a picture of Jesus laughing?“ hat mich ins Konzert begleitet. Und die lächelnde Jesus-Figur.

Achim: Ich mag es, weil so kompromisslos ehrlich ist. Kate Bush lässt uns nah an sich ran wie selten. „Just being alive, it can really hurt“ – so heißt es in „Moments of pleasure“. Und in „Constellation of the Heart“ wird ergänzt „Who said anything about it hurting? / It’s gonna be beautiful / It’s gonna be wonderful / It’s gonna be paradise“. Das Helle und das Dunkle, es geht nur zusammen.

27.02.2019: Kate Bush & Sex

Sexualität und Erotik sind immer wiederkehrende Themen in den Songs von Kate Bush. Schon ihr Debütalbum kommt einem mehrfachen Tabubruch gleich. Wie setzt Kate das Thema um? Wie ändert sich ihr Blick auf das Thema im Laufe ihrer musikalischen Entwicklung? Fragen, die hervorragend in den „Kaffeeklatsch“ passen. Heute mit Beate, Fan der ersten Stunde und früher Mitherausgeberin des deutschen Fanzines „Irgendwo in der Tiefe“.

Reden wir über Kate Bush und Sex. Mal sehen, ob wir da Experten sind. Es ist 1978, Kate besingt eine Ikone der englischen Literatur und auf der gleichen Scheibe geht es in „Strange Phenomena“ um den „punctual blues“. Ich könnte jetzt nicht behaupten, dass ich 1978 als 14-jähriger Junge auch nur ansatzweise einen blassen Schimmer hatte, worum es da eigentlich geht. Wie war das bei Dir?

Beate: Als Mädchen, als Teenager war Sex und Sexualität etwas, das noch sehr abstrakt war und unter verschiedenen Aspekten eher ungeschickt vermittelt wurde. In den grellen Überschriften von Jugendzeitschriften, eher verhalten-verkniffen im Elternhaus und sachlich-steril im Biologieunterricht. Zotig und irgendwie geschmacklos von Seiten gleichaltriger Jungs. Und mit immenser ängstlich-faszinierter Erwartungshaltung hinter vorgehaltener Hand, tuschelnd mit Freundinnen. Dass man sich dem Thema auch unverbrämt poetisch, neugierig, offen fasziniert und dennoch mit mystischer Tiefe nähern kann, war für mich in verschiedenen Formen der Kunst möglich. In Theaterstücken, im Ballett, in der Malerei, Literatur. Natürlich auch in der Musik. Es dauerte eine Weile, bis sich dies erschloss und wirkt daher noch immer nach. Besonders in Kates Musik. Ihr Umgang mit dem Thema Sex und Erotik in ihrer Arbeit, besonders auch auf den ersten Alben, ist sehr vielschichtig, hat seinen Ursprung in der Welt von Träumen und Vorstellungen und fließt, ähnlich wie Jahre später in The Sensual World, in die Wirklichkeit, ins Lebendige.
Wann und wie hat sich dir erschlossen, dass in Kates Texten sexuelle Bilder, Anspielungen oder gar sehr deutliche Ansätze enthalten sind?

Spät. Sehr spät. Vor allem deshalb, weil ich mich Kate in der Anfangszeit über ihre Musik und nicht über die Texte genähert habe. Vermutlich stehe ich damit aber nicht alleine. TKI ist ja voll von Anspielungen. In Feel it taucht die Textzeile „So keep on a-moving in, keep on a-tuning in, Synchronize rhythm now“ auf, in Wow gibt es mit „hitting the vaseline“ Andeutungen von schwulem Sex, ein Jahr später handelt Kashka from Baghdad von einem verliebten Männerpaar. Hat man das Ende der 70er Jahr einfach überhört?

Beate: Oh, ich glaube nicht, dass Kate hier überhört wurde, man ging glaube ich (etwa in Interviews) einfach nicht direkt darauf ein. An Kates Geste im „Wow“-Video – sie tätschelt sich an der entsprechenden Textstelle ja symbolisch das Hinterteil – soll die BBC ja meines Wissens Anstoß genommen haben. Im Gegenzug gab es keinerlei Probleme, Kate als Person als Sexsymbol in Szene zu setzen oder „verkaufen“ zu wollen. Das ist ein klein wenig paradox, aber auch recht typisch. Beim künstlerischen Ausdruck errötet man, während gleichzeitig relativ skrupellos entsprechende Fotos favorisiert wurden. Man denke an das berühmte pinke Top…

…bei dem es dann allerdings auch Versuche gab, es aus dem äh…Verkehr zu ziehen. Trotzdem muss es doch 1978 ein Tabubruch gewesen sein – sie singt über Menstruation und schwule Liebe. Das hat so zuvor in Popsongs noch keiner gewagt und selbst noch Jahre später wurden Songs von der BBC mit zu eindeutigem Inhalt boykottiert. Oder ist es vielleicht deshalb kein Tabubruch gewesen, weil sie nicht provozierend, sondern sehr natürlich mit dem Thema Sexualität umgeht?

Beate: Ja, das waren Tabubrüche, und es gab auch noch weitere, wenn man an den tragischen Titelsong The Kick Inside denkt, in dem es ja um eine verbotene Liebe zwischen Bruder und Schwester geht und der sich interessanterweise direkt an Room for the Life anschließt. Das gesamte Debutalbum ist tief durchdrungen von weiblicher Sexualität. Bereits auf Lionheart erweitert sich diese Perspektive dann. Auch das ist eine Besonderheit. Männliche Künstler zu der Zeit, gerade im Rockbereich, thematisierten Sex, teils provokant, teils platt und sexistisch. Kates Umgang mit dem Thema war und ist tatsächlich sehr natürlich und gleichzeitig sehr poetisch und tiefsinnig. Und er bleibt respektvoll, selbst wenn sie augenzwinkernd und voller Anspielungen damit umgeht.

Ändert sich dieser Blick auf das Thema, wenn Du beispielsweise die Lieder von The Kick Inside mit The Sensual World vergleichst?

Beate: Definitiv ja. Die Lieder, Texte und Musik, sind auf The Sensual World viel sinnlicher und erotischer und auch bewusster. Wir hören auf The Kick Inside noch viel mehr Neugier, ein großes ernsthaftes Interesse und auch eine gewisse Unschuld im positiven Sinne am Thema. Und viel verträumte Verliebtheit. Ab The Sensual World hören wir einer reiferen, erwachsenen Frau zu, die eine Welt erfährt, die von Sinnlichkeit und tiefer Empfindung durchdrungen ist, Ebene um Ebene. Der Satz „stepping out of the page into the sensual world“ scheint das gesamte Album zu durchziehen. Nicht nur in den Texten, sondern auch in den Stimmen und den Instrumenten. Man denke etwa an dieses „Zerfließen“ in The Fog, den Spannungsbogen des Trio Bulgarkas mit Dave Gilmours ekstatischer Gitarre in Rocket‘s Tale, das weiblich-männliche Spannungsfeld in Love and Anger, oder den erotischen Kitzel in Heads we‘re dancing… vom wunderbaren Titelsong gar nicht zu sprechen. In einer alten Rezension des Songs schrieb ein Musikjournalist übrigens, dass er sich zum Tanzen dazu weite Hosen wünsche. Wie empfindest du diesen Wandel in Kates Alben?

Reifer, erwachsener und erotischer trifft es auch in meinen Augen perfekt. Das Yes im Titelsong ist Erotik pur in drei unverfänglichen Buchstaben. Am meisten beeindruckt es mich immer, wenn sie dabei wie in Heads we‘re dancing eine unerwartete Geschichte erzählt oder wie in This Woman’s Work die Perspektive ins Ungewohnte verschiebt. Das sind nur zwei der vielen Songs von ihr, die ich oft sogar eher noch visuell wahrnehme und es ist wahrhaftiges Kino. Soweit das Thema Kate Bush und Sex. Sollen wir zum Schluss noch ‘nen Schneemann vernaschen?

Beate: Ja, das finde ich auch. Das Mhhh, yes… dieses Seufzen mit bewusstem Ausdruck von Genuss, von Sehnsucht und Erfüllung… wundervoll. Bringt uns zu diesem wunderbaren Schneemann-Thema. Die Geschichte an sich ist schon fantastisch… Sie baut einen Schneemann, der nachts in ihr Schlafzimmer kommt, der in ihr Bett zu ihr sinkt und schmilzt, während sie sich lieben. Diese Erzählung ist so vielschichtig. Das Verschmelzen, Dahinschmelzen, die gleichzeitige Ewigkeit des Augenblicks und dessen unaufhaltsame Vergänglichkeit. Es ist fast schmerzlich intensiv, Kate zuzuhören. Es drückt etwas aus, das wir alle schon erlebt haben, denke ich. Wenn man etwa jemanden bereits vermisst, obwohl man ihn noch in den Armen hält. Wie wunderschön ausgedrückt in diesem Bild… Was meinst Du?

Verschmelzen ist das richtige Stichwort. Sie verschmelzen und schmelzen dahin, suchen, finden und verlieren sich. Du kannst alles nachempfinden und an Menschen denken, die du geliebt und verloren hast. Gleichzeitig funktioniert er aber auch auf dieser vordergründigen Ebene der vollkommen abstrusen Geschichte vom Sex mit einem Schneemann und man kann sich vorstellen, wieviel Spaß sie bei der Aufnahme hatte. Das ist wirklich ein so unglaublicher Song der dich lachen lässt und gleichzeitig zu Tränen rührt. Wenn sie das Thema Liebe und Sexualität auf The Sensual World in Vergleich zu The Kick Inside reifer und erwachsener umgesetzt hat, muss man hier feststellen, dass sie bei diesem Lied eine Symbiose von Inhalt und Musik erreicht. Das ist Perfektion pur.

26.10.2018: Ruhestand oder Aufbruch?

Müssen wir die Befürchtung haben, dass sich Kate mit der Aufarbeitung ihres Gesamtwerkes in den musikalischen Ruhestand verabschiedet und wir keine neuen Lieder mehr von ihr bekommen? Was spricht für diese Befürchtung? Was spricht dagegen? Das ist heute das Thema beim Kaffeeklatsch mit Achim, der für morningfog.de die Rezensionen der Alben schreibt und im Song-ABC die einzelnen Lieder von Kate analysiert.

Wenn wir uns die Fakten anschauen, ist es ja in der Tat so, dass es seit 2011 kein Album mit neuen Songs gegeben hat und sich Kate im Vergleich zu früher auffällig ihrem bisherigen Werk widmet: Auf Director’s Cut finden wir neue Versionen der Songs von The Sensual World und The Red Shoes, bei den Konzerten spielt sie fast ausschließlich die Songs von Hounds Of Love und Aerial, jetzt hat sie sich selbst um das Remastering ihrer zehn Studioalben gekümmert und veröffentlicht ein Buch mit einer Auswahl ihrer besten Songtexte. Das könnte man doch wirklich als Rückschau aufs Lebenswerk und drohenden Abschied verstehen. War’s das?

Achim: Es wäre natürlich sehr schade, wenn das ein Schlusspunkt sein sollte. Aber zum Glück ist es Spekulation. Niemand kann in den Kopf von Kate Bush hineinschauen. Leider, das könnte ja sehr spannend sein. Wenn sie Musik im Kopf hat, dann wird die auch rauskommen. Director‘s Cut hat ja auch dazu geführt, dass sie sofort ein neues Album angegangen ist. Ich würde also ganz anders spekulieren: durch solche Aufräumarbeiten wird der Kopf frei für Neues. Also bin ich ganz optimistisch.

Zumal man gerade bei DC festhalten muss, dass es für sie etwas „bereinigendes“ hatte und ich zudem den Eindruck hatte, dass es eine Art Vorbereitung auf die kommenden Konzerte war: die Songs wurden von Ballast befreit und waren so einfacher live spielbar. Lily ist ein schönes Beispiel dafür.

Achim: Ich hatte auch den Eindruck, dass die Arbeit an DC den Kopf frei gemacht hat. Ballast war raus, Dinge waren raus aus dem Kopf, die vielleicht immer im Hintergrund gestört haben. Sowas kann wirklich ein Akt der emotionalen Befreiung sein. Etwas Altes ist erledigt – auf zu neuen Dingen. Das ist jedenfalls das, was ich mir erhoffe als in diesem Fall grenzenloser Optimist.

Wobei es für den Optimismus ja letztlich auch einen Beleg gibt: Wir haben DC und 50wfs erhalten, es gab die Konzerte, mit denen man nicht ernsthaft rechnen konnte, dann die Live-CD, jetzt die Remasters plus das Lyrik-Buch. So produktiv war Kate seit Jahren nicht mehr.

Achim: Mein Optimismus wäre allerdings noch größer, wenn es wenigstens klitzekleine Hinweise auf Neues gäbe. Aber stillt ruht die See des Internets. Ich bin ja wegen der Beiträge für das Song-ABC immer am Recherchieren und sammeln, leider ist mir nichts aufgefallen.

Das ist nun mal bei Kate so. Auch dass sie an den Remastern selbst mitarbeitet, war nie bestätigt und man konnte immer nur hoffen, dass sie eines Tages erscheinen. Und aus heiterem Himmel sind sie dann da. Letztlich bleibt nur der Hinweis von Kates Bruder, dass sie an einem neuen Projekt arbeitet. Ich habe die Hoffnung, dass er damit neue Musik meinte.

Achim: Ja, da setze ich auch drauf. Am Remastering war sie sicherlich wenig beteiligt, das Buchprojekt wird eine Auswahl aus den Lyrics der Songs sein – alles nichts, was ich als „Projekt“ bezeichnen würde. Und ich habe ein weiteres optimistisches Argument! Ihr Sohn Bertie ist langsam erwachsen und wird das Nest verlassen. Wieder beginnt ein neuer Abschnitt. Was soll Kate Bush nun tun? Depressiv Tee trinken und aufs Meer schauen, sich langweilen? Nein – endlich Luft für Musik, Musik, Musik!

Ich spiele trotzdem nochmal die Optimismus-Bremse. Im „Zeit“-Interview von 2016 wird Kate gefragt, ob sie nach den Konzerten nochmal im Studio war. Teil 1 ihrer Antwort: „Nein. Ich habe auch seit Langem keinen Song mehr geschrieben.“ Ganz abgesehen davon, dass Tawny Moon dementsprechend ein alter Song aus Aerial-Zeiten sein muss, könnte ich doch daraus schließen, dass sie vielleicht gar keine Musik mehr im Kopf hat, die raus muss, wie Du es vorhin formuliert hast.

Achim: Ich kann mir das nicht vorstellen. Wer für eine Sache lebt, wird immer zu ihr zurückkehren.

Womit wir bei Teil 2 der Antwort sind: „Aber ich freue mich darauf, demnächst etwas Neues beginnen zu können.“ Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie damit Remaster und ein Buch gemeint haben könnte.

Achim: In einem kreativen Prozess ist es oft so, dass man auf den passenden Auslöser warten muss. In Phasen der Ruhe bildet sich was im Hintergrund und das materialisiert sich.

Jetzt lass uns zum Schluss dann doch mal spekulieren: Wie lange müssen wir noch warten, bis sich neue Musik „materialisiert“?

Achim: Haha. Du bist echt witzig – so eine Vorhersage zu verlangen!!!! Aber weil Du es bist und ganz unter uns: Herbst 2019.

Ich schlage ein und freue mich auf ‘ne schöne Flasche Rotwein, wenn Du falsch liegst. Herbst 2019 wäre aber auch mein Tipp gewesen.

Achim: Wir gehen gemeinsam unter – Proooost!

6.10.2018: Der neue Backkatalog

Wenn Kate ihren kompletten Backkatolog remastered neu veröffentlicht, ist das natürlich eine besondere Würdigung wert. Statt nem Podcast gibt es was zum Lesen: Kaffeklatsch mit Michael Guth, der nicht nur auf This Womans World seine eigene Kate-Seite betreibt und für morningfog.de in der Reihe „All we ever look for“ schreibt, sondern zudem einer der profundesten Sammler im deutschsprachigen Raum ist.

Lass uns zu Beginn noch mal einen Blick auf das werfen, was wir im November von Kate bekommen: Alle zehn Alben werden remastered neu veröffentlicht, sowohl auf CD als auch auf Vinyl. Dann gibt es die Boxsets mit zusätzlichem Material: 12“-Mixe, B-Seiten und Coversongs, die Kate im Laufe ihrer Karriere aufgenommen hat. Ich kann mich also entscheiden, ob ich mir die Boxsets zulege, oder ob ich zum Beispiel nur meine Vinyl-Sammlung vervollständige. Da dürften Aerial und The Red Shoes am begehrtesten sein und natürlich das vierte Vinyl-Boxset mit dem Bonus-Material.  Wie immer bei Kate kommt das alles aus heiterem Himmel, obwohl eigentlich spätestens mit dem neuveröffentlichten Remaster von The Red Shoes 2011 klar war, dass auch die anderen Alben irgendwann mal folgen werden. Die ersten Gerüchte, dass daran gearbeitet wird, gab es im August 2015. Wie immer also eine gewohnt lange Zeit des Wartens. Vielleicht zuerst mal zu The Red Shoes: Die sollte ja ursprünglich auf Vinyl bei Analog Spark erscheinen und ist immer wieder verschoben worden und erscheint jetzt sogar als Doppelalbum. Verblüfft Dich das?

Michael: Dass sie überhaupt alle Alben remastered neu herausbringt (außer Before The Dawn) haut mich schon vom Hocker. Und The Red Shoes als Doppelalbum kommt natürlich auch vollkommen überraschend! Wie heißt es so schön bei Kate: Erwarten sie das Unerwartete! Zumal: Ich glaube sie war und ist kein Fan von Re-Mastern.

Wenn ich mal bei der Logik der Boxen bleibe: Ich kann die Alben und CDs einzeln kaufen, kann beim Vinyl gezielt nur das Bonus-Material erwerben, auf CD aber nur als Box-Set, in dem dann auch nochmal Before The Dawn mit drin ist. Ist das für Fans nicht ein bisschen unfair?

Michael: Da gehen im Moment viele Beschwerden ein, denn die CD mit den Raritäten gibt es ja in der Tat nur in der Box. Viele beschweren sich auch, dass es überhaupt Boxen gibt, die natürlich ihren Preis haben. Ich kann die ganze Heulerei überhaupt nicht nachvollziehen! Erst beschwert man sich jahrelang, dass sie die remasterten Versionen ihrer Alben nicht herausbringt, und jetzt, wo sie erscheinen, beschwert man sich über den Preis und die Verpackungsform. Ich möchte nicht wissen was passiert wäre, hätte sie nur eine Box mit den LPs und eine für die CDs veröffentlicht. Klar sind die Boxen teuer, aber man muss ja auch nicht sofort alle auf einmal kaufen.

Du hast ja eben schon angesprochen, dass Kate nicht gerade leidenschaftlich für remasterte Versionen ihrer Alben gekämpft hat. Bisher gab es nur die Versionen von Hounds Of Love und The Red Shoes. Was versprichst Du Dir von der digitalen Verjüngungskur ihrer Alben?

Michael: Natürlich denk ich da sofort an The Dreaming! Ich hoffe Dinge zu hören, oder wenigstens besser zu hören, die ich auf diesem Album noch nie gehört habe. Natürlich werde ich alle Alben genau untersuchen, aber The Dreaming interessiert mich am meisten.

Das geht mir auch so. The Dreaming in remasterter Form und so laut wie möglich könnte ein ganz neuer Hörgenuss werden. Allerdings: Beim Vinyl sind ja nicht alle Fans mit dem Klang bisher wirklich zufrieden gewesen, und auch bei Kates Album Director’s Cut war der digitale Klang stellenweise sehr merkwürdig.

Michael: Ja, oder die Pressungen waren teilweise schlecht. Die US-Pressungen von 50 Words For Snow sind schrecklich gegenüber den UK-Pressungen. Die CD-Versionen teilweise auch. Ich rate dann immer dazu, einfach die Laustärke höher aufzudrehen und schon wird‘s besser.

Wobei man bei einzelnen Songs ja auch den Eindruck hatte, dass Kate selbst beim Abmischen eher dafür gesorgt hat, dass sie runtergepegelt werden. Das ist mir beim Titelsong von Aerial schon aufgefallen und auf DC gibt es da ja auch verschwurbelte Beispiele, wenn ich an Rubberband Girl denke.

Michael: Rubberband Girl ist mir auch sofort eingefallen. Das klingt, als ob man hinter einer Glaswand sitzt. Ob das so gewollt war oder wirklich an den Pressungen lag, werden wir hoffentlich bald erfahren.

Kommen wir mal zum Bonusmaterial. Dein erster Eindruck?

Michael: Da fehlt mir einiges! Ken, The Empty Bullring, Don’t Give Up, die ganzen Instrumentals… Und nur Humming als einzige Demo? Da hätte mehr rausspringen können, aber das ist halt Kate. Vieleicht macht sie aus den alten Demos noch ein neues Album…man weiß bei ihr nie!

Mein erster Eindruck war: Es ist sehr ähnlich mit dem Bonus-Material der TWW-Box. Ich vermisse Ken und vor allem die Mixe der Red Shoes. Shoedance zum Beispiel, oder die extended Version von Eat The Music. Humming ist natürlich eine dicke Überraschung, zumal man ja noch nicht weiß, ob es die komplette Version des Songs ist.

Michael: Deshalb hätte ich an ihrer Stelle die Chance genutzt und mal ordentlich aufgeräumt und wirklich komplett alles herausgebracht. Allerdings überrascht es mich nicht, dass Shoedance und Eat The Music extended fehlen. Mit The Red Shoes war sie ja nie sehr zufrieden.

Mir hätte zum Beispiel gefallen, wenn es eine von ihr eingesungene Studio-Version von Tawny Moon als Bonus gegeben hätte.

Michael: Oder eine Demo von Ibiza mit Peter Gabriel. Es wirkt im Ganzen eher wie eine „Meine persönliche Best Of“ von Kate. Da hätte sie vielleicht über ihren Schatten springen müssen.

Zumal Outtakes ja komplett fehlen, was wirklich schade ist. Es hätte dann aber bestimmt auch den Status als „Lebenswerk“ erhalten und Diskussionen, dass nichts neues mehr kommen könnte, wären unausweichlich gewesen. Wie zuversichtlich bist du in dem Punkt? Immerhin warten wir jetzt auch schon wieder sieben Jahre auf neue Musik von ihr.

Michael: Ist das schon wieder so lange her? Mein Zeitrhythmus ist bei Kate Bush komplett abgestellt. Ich glaube schon, dass da noch was kommt. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass das neue Album schon fast fertig ist. Was ich mir gar nicht vorstellen kann ist, dass es überhaupt nichts Neues mehr gibt.

Vielleicht kannst Du aus Deiner Sicht noch was zum Artwork der Boxen sagen.

Michael: Ich habe noch nicht viel gesehen. Die LP-Boxen sehen wunderbar aus Für die CD-Boxen hätte ich keine „Fish People“-Cover genommen. Vieleicht ist es aber ein kleiner Hint, dass ihr jetzt alle Rechte an den Alben gehören? Für die ersten drei hatte sie ja keine.

Zumindest schienen die Rechte bis zuletzt immer sehr kompliziert, weil es EMI Publishing noch gab.
Du hast eben von Kates persönlicher „Best Of“-Auswahl gesprochen beim Bonus-Material. Passt das auch zum Lyrik-Buch, wo sie ja auch eine Auswahl präsentiert?

Michael: Das wird spannend! Ich gehe mal davon aus, dass es ein persönliches „Best Of“-Lyrik-Book wird. Besonders spannend finde ich die limitierte Ausgabe von Faber & Faber. Es gibt ja bis jetzt leider noch keine Infos darüber, aber ich schätze mal der Preis wird galaktisch. Jedes Exemplar soll ja von ihr signiert sein.

Puh. Das wird dann wirklich ein sehr teurer Herbst. Glaubst Du, dass rund um die Veröffentlichung der Boxen noch Sondereditionen zu erwarten sind? Vielleicht auch mit Blick auf den japanischen Markt?

Michael: Da wird gerade heftig drüber diskutiert, ob die Boxen auch in Japan erscheinen werden. Wenn dem so ist, wird es ein sehr teures 2018/19. Besonders interessant werden dann für Sammler die Promo CDs. Die Preise für die letzten drei Alben waren schon galaktisch – wenn man sie denn überhaupt ergattern konnte.