Irgendwo in der Tiefe

Im Mai 1994 reiste eine kleine Gruppe deutscher Fans nach London, um die Kate Bush Convention im Hippodrome zu besuchen. Nach diesem wunderschönen Erlebnis kehrten wir mit der Idee nach Hause zurück, einen deutschsprachigen Fanclub zu gründen; „Irgendwo in der Tiefe“ sollte er heißen. Medium des Fanclubs war ein Fanzine gleichen Namens, von dem in den Jahren 1995 bis 1997 fünf Ausgaben entstanden. Einige erinnern sich vielleicht auch noch an unseren pinkfarbenen Internetauftritt, dessen Farbgebung von einer raren „Hounds of Love“ Vinyl-Edition ähnlichen Kolorits inspiriert worden war.  Die wenigen Ausgaben des Fanzines erschienen in der zwölfjährigen Pause zwischen „The Red Shoes“ und „Aerial“. Kate Bush war in den Medien nur sporadisch präsent, so dass es schwierig war, aktuelle Neuigkeiten zu verkünden. Dennoch stürzten wir uns mit Feuereifer in die Aufgabe, unser Magazin von Fans für Fans zu gestalten, denn es gab viel zu erzählen: über Kates Arbeit, die Freude, die sie damit schenkt und wie sie Menschen dazu inspiriert, selbst Ausdruck zu finden, sei es in Musik, Tanz, Malerei, literarisch oder auch in heißblütiger Sammelleidenschaft.
Das Leben geht weiter, Dinge verändern sich. Den Fanclub und das Fanzine gibt es nicht mehr, und das soll auch so bleiben. Umso mehr freue ich mich als ehemalige Mitherausgeberin, dass „Irgendwo in der Tiefe“ auf dieser Webseite einen neuen Raum gefunden hat. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen – It’s gonna be beautiful, it’s gonna be wonderful, it’s gonna be paradise!

Beate Meiswinkel

 

tiefe

Die Ode des mondsüchtigen Malers

tm620Lohfarbener Mond
von Beate Meiswinkel, inspiriert durch „Tawny Moon“, Kate Bush

Jede Wolke will ich verkleiden mit Silber
Jeden Stern lass ich strahlen in lieblichem Glanz
Die Eule soll herabschießen, der Wolf möge heulen
Wellen erheben sich in wallendem Tanz
Den Wind lass‘ ich weh’n
Den Sternenhimmel mache ich fest

Heute Nacht will ich den Mond malen
Heute Nacht male ich den Mond

Über die Ebenen von Afrika reist sie heran
Stürmt jeden Gipfel, nah und fern
Fern und nah
Oh, Geliebte, Liebste, meine Luna
Bald schon bist du da!

Herein bricht die Nacht
Sie erhebt sich über dem Strand
Ich muss es vollenden!
(und sei es mit wunden Händen!)

Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir:
Den Mond!
Nur zu, trau dich vor

Lohfarbener Mond!

Heute Nacht werde ich den Mond malen
Heute Nacht tanze ich mit dem Mond

Nur noch ein wenig Flitter, vermischt mit dem Erglühen
So male ich das Antlitz, das die Ozeane regiert
Strahlend, voll –
Geheimnisvoll!

Luna, meine Liebste, dein Ruf erklingt
Du schriebst dein Buch der Liebe
Und übergabst seine Seiten dem Wind

Schau nur den Mond an, heute Nacht
Schau nur, der Mond

Hörst du das Seufzen der Nachtigall
Die weiß, warum der Dichter wehklagt
Denn sie kommt und geht
Sie geht und kommt

Luna, meine Liebste,
Du Königin des Wahns
Mach die Musikanten musizieren!
Setz Musik gegen Kummer und Gram

Heute Nacht will ich den Mond malen
Heute Nacht tanz ich mit dem lohfarbenen Mond

 

tiefe

Geisterstunde auf der Sturmhöhe

Von Beate Meiswinkel

Von wegen wildromantisches Yorkshire… der Wind heult, der Regen peitscht, es ist stockdunkel, und wie üblich ist es kalt hier auf dem Hochmoor. Saukalt. Nicht, dass man als Geist etwas spüren könnte; unerfreulicherweise kann man sich aber erinnern. Meine sterbliche Hülle hat es in ihrem Sarg wenigstens relativ trocken. Mein Geist allerdings steckt hier draußen fest, und Schuld an allem ist einzig und allein Heathcliff.
Heathcliff… was habe ich mir dabei nur gedacht! Mit meinem Mann, dem wohlhabenden Langweiler Edgar, hätte ich ein beschauliches, ereignisloses und langes Leben führen können. Doch ich konnte mir meine große Liebe einfach nicht aus dem Kopf schlagen. Fragt nicht, es ist eine lange, traurige Geschichte. Jedenfalls bin ich jetzt tot, und bevor Heathcliff und ich im Tode nicht wieder vereinigt sind, ist mir der Zugang zur nächsten Ebene verwehrt, denn einst haben wir uns ewige Treue geschworen. Von eilfertigen Eiden im Liebestaumel kann ich daher nur dringend abraten. Ganz egal, wie verknallt ihr seid – lasst es!
Man hat als körperloses Wesen auf Erden nur wenige Freuden. Eine davon ist die Heimsuchung der Lebenden. Wobei man leider gewissen Einschränkungen unterworfen ist. Für den Spuk steht uns Geistern nur ein relativ kleines Zeitfenster zur Verfügung, die Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens. In dieser sogenannten Geisterstunde ist es nicht nur möglich, den Lebenden zu erscheinen und Angst und Schrecken zu verbreiten, man kann auch unbelebte Gegenstände bewegen. Dies wiederum ist nur unter Anwendung höchster Konzentration möglich, was ungemein anstrengend ist. So ist für das durchschnittliche Schlossgespenst ein klassisches nächtliches Spukprogramm mit Heulen, Zähneklappern und Kettenrasseln in etwa das Äquivalent zu einem Halbmarathon. Sehr motivierend in diesem Bereich wirken starke Antriebskräfte wie Rachedurst, Mordlust und schiere Boshaftigkeit, oder, wie in meinem Fall, eine ordentliche Portion Wut im Bauch.
Warum ich sauer bin? Weil mein ach so gramgebeugter Herzallerliebster mich einfach nicht zur Kenntnis nehmen will! Da rüttelt man an Türen und trommelt auf das Dach, und er beschwert sich über das stürmische Wetter. Man heult und wehklagt, und er macht den alten Hofhund dafür verantwortlich. Man klopft ans Fenster und kratzt an den Scheiben, und er lässt die Bäume vor dem Haus beschneiden.
Kate BushJede Nacht komme ich über das Moor zur Sturmhöhe zu Heathcliff. Aber der feine Herr ist ja viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um mich zu bemerken! In der ersten Zeit hat er heiße Tränen vergossen und sich an die Brust geschlagen – reiner Egoismus und Selbstmitleid! Hätte er sich auch nur einmal wenigstens ein wenig auf meine Anwesenheit konzentriert, hätte er mitbekommen müssen, dass ich den Dialog zu ihm suche. So eine Unterhaltung würde uns doch beiden gut getan haben, aber nein – Schluchz und Heul in einem fort. Mit der Zeit hat er sich dann mit der Situation abgefunden. So schnell ist man vergessen – aber nicht mit mir! Höchste Zeit, dass Heathcliff das Zeitliche segnet. Damit allerdings ist in nächster Zeit nicht zu rechnen, so pumperlgesund wie er aussieht! Und da er keinerlei Bestrebungen hegt, sich selbst zu entleiben, muss ich eben etwas nachhelfen. Beispielsweise, indem ich ihm einen zünftigen Schrecken einjage, wenn ich ihm mit nichts als meinem Leichentuch am Leibe erscheine und ihm mit weit aufgerissenen Augen meine kalten weißen Geisterhände um den Hals lege.
Von dieser Idee bin ich ganz entzückt, und, oh Gunst der Stunde, heute steht das Fenster einen Spaltbreit offen! Mühelos wie ein Windhauch schwebe ich ins Innere des Hauses. Drüben am Kamin, den Rücken mir zugewandt, sitzt Heathcliff im Ohrensessel und blickt ins Feuer. Ja, so schön gemütlich hätte ich es auch gerne mal wieder! Aber warte nur, gleich ist es aus mit der Beschaulichkeit! Ich fege also schwungvoll um den Sessel herum, erhebe die Arme, reiße die Augen auf, öffne den Mund – und muss leider feststellen, dass der impertinente Ignorant tief und fest eingeschlafen ist. Ja ist denn das die Möglichkeit?

„Heeeaaaathcliffff“, röchle ich aus voller Kehle. „Ich bin’s! Cathy!“

Heathcliff antwortet mit einem dröhnenden Schnarchen. Sein Mund steht offen, im rechten Mundwinkel entdecke ich einen winzigen Speichelfaden, der sich feucht glänzend an seinem schlecht rasierten Kinn entlang schlängelt. Meine Güte, ist das ekelhaft! Ich kann den Blick nicht davon abwenden – doch Augenblick mal! Es schimmert so silbrig, so ätherisch… Als Geist erkenne ich: das ist gar keine schnöde Spucke, sondern reinste Lebensenergie, die den Körper verlässt! Behutsam strecke ich meine gespenstigen Finger aus, um danach zu greifen und ziehe ein wenig daran. Siehe da, das Fädchen wird länger und länger. Beharrlich zupfe ich, und da der Schlaf und der Tod eng miteinander verwoben sind, hole ich auf diese Weise Stück für Stück Heathcliffs Seele hervor. Wenn es mir gelingt, seinen Geist vom Körper zu trennen, sind wir wieder vereint – und ich kann dem Nichtsnutz endlich die Meinung sagen!
In meinem Eifer ziehe ich wohl ein wenig zu euphorisch und löse damit einen weiteren heftigen Schnarcher aus. Bei dem barbarischen Ratzen erschrecke ich so sehr, dass ich versehentlich das Ende der Silberschnur loslasse, die prompt in Heathcliffs klaffenden Mund zurück schnalzt. Heathcliff schreckt kurz in seinem Ohrensessel zusammen und macht Anstalten zu erwachen. Noch während ich mich zurück in meine ursprüngliche Positur des Grauens werfe, sackt er mit einem Seufzer in den Tiefschlaf zurück. Aus der Ferne höre ich die Friedhofsglocke ein Uhr schlagen und verblasse. Mist Mist Mist!
Was soll’s. Ich war nahe dran. Und morgen gibt’s eine neue Geisterstunde.

tiefe

25 Jahre TSW: Stepping out of the page…

Von Beate Meiswinkel

Im Oktober 1989 stand ich mit weichen Knien vor dem Schaufenster meines Lieblings-Plattenladens. Mit großen Augen starrte ich sprachlos auf das Cover des neuen Kate Bush Albums. So lange, seit 1985 und seit „Hounds of Love“ nämlich, hatte ich auf ein weiteres Werk meiner Lieblingskünstlerin gewartet. Von einer bevorstehenden Neuveröffentlichung hatte ich nichts gewusst – die Überraschung und das Herzklopfen kann man sich daher vielleicht vorstellen…
Kate, die mit ebenso großen Augen zurückstarrte, hielt mir eine weit geöffnete Rosenblüte entgegen, wie eine Fee, die über einen geheimen Garten wacht und von Dingen weiß, von denen kein Sterblicher auch nur zu träumen wagt. Der Titel, „The Sensual World“, erschien mir wie eine einzige Verheißung, wie eine Aufforderung dazu, einzutreten in jenen verlockenden Feengarten, in diese noch unbekannte sinnliche Welt. Nun, fürs Erste betrat ich erst einmal den Plattenladen, und zwar mit einem überaus mulmigen Gefühl im Magen. Es war beinahe Angst, die ich empfand, was meine Vorfreude und Überraschung auf eher unangenehme Weise dämpfte. Das seltsam widersprüchliche Gefühl entsprang der Befürchtung, Kate Bushs neuestes Werk könne sich nach ihren früheren Alben als reine Enttäuschung entpuppen. Selbstverständlich kaufte ich trotzdem und jetzt erst recht das neue Album. Ich eilte nach Hause, legte es auf, hörte zu – und war überwältigt. Das, was ich nun erfuhr, was ich empfand, übertraf meine kühnsten Erwartungen.

Als junge Frau Anfang Zwanzig bewegte ich mich damals in einem eher männlich geprägten Umfeld. Ich hörte hauptsächlich harte Rockmusik und Heavy Metal. Meine Weiblichkeit war ein wenig erschlossenes Gebiet. Es gab viele Dinge, die ich daran ablehnte, aber natürlich konnte ich meinem eigenen Geschlecht nicht entkommen. Mit dem, was an diesem Abend zu Hause beim ersten Eintauchen in Kate Bushs sinnliche Welt mit mir geschah, hatte ich nicht gerechnet. Ich hörte zu, ich spürte, nein, gab mich hin, und auf einmal war ich erwacht. Der Dornröschenschlaf, der mich umfangen gehalten hatte, war beendet – nicht durch den Kuss des Prinzen, sondern durch die Lyrik und die Musik einer Künstlerin, der es gelungen ist, das Leben und dessen Sinnlichkeit zu erfassen, herauszuarbeiten, zu beschreiben, zu vertonen – sie auf unbegreifliche Weise greifbar zu machen.
Die Fee auf dem Cover, die mich mit ihrer voll erblühten Rose in ihren geheimen Garten einlud, gab mir etwas, das mir bis dahin gefehlt hatte: den Schlüssel zu meinem Frausein, zu meiner Weiblichkeit. Und zu meiner Verwunderung war dies etwas Wunderschönes! Jenen Schlüssel habe ich seither nicht mehr aus der Hand gegeben. Stattdessen bin ich selbst wie im Titelsong wie aus den Seiten eines Buches hervorgetreten – hinein, oder vielmehr hinaus in die Sinnlichkeit der Welt.

tiefeEin Blick in den Schuhschrank von Kate Bush

These Shoes do a kind of Voodoo

“Von Männern mag ich keine Ahnung haben”, sagte Carrie Bradshaw einst in Sex and the City, “Aber Schuhe, Schuhe kenne ich genau!” Diese Aussage verrät eine Menge über das ganz spezielle Verhältnis von Frauen zu ihrer Fußbekleidung. Schuhe sind schließlich auch modisches Statement, ein Mittel zum Selbstausdruck oder verbunden mit einer ganz bestimmten, oft nur der Trägerin bekannten Bedeutung. Schuhe tragen uns nicht nur durch den Alltag; wir erklimmen in ihnen Berge und durchschreiten Täler, durchtanzen ganze Nächte darin oder stöckeln unseren ganz individuellen Laufsteg hinab. Wäre es in diesem Zusammenhang nicht einmal interessant, einen Blick in den Schuhschrank von Kate Bush zu werfen?
Wir finden darin sicher ein Paar feste Gummistiefel; nicht das ästhetischste Schuhwerk, aber durchaus zweckmäßig, besonders bei Regenwetter und unausgegorener Gemütslage. „Beelzebub is aching in my belly-o, my feet are heavy and I’m rooted in my wellios“, singt Kate in Kite, “And I want to get away and go from all these mirror windows.” Die Stimmung, die sie hier so gekonnt in Worte fasst, erkennt man sofort. Es ist mal wieder einer dieser Tage, man möchte eigentlich nur weg, ist halb in den Wolken verfangen, halb mit dem Boden verwurzelt, somewhere in between also, irgendwo dazwischen. Da sind so ein paar solide, vielleicht quietschgelbe oder knallrote Gummistiefel irgendwie tröstlich.
Wenn die Füße schwer sind, möchte man sich vielleicht lieber gleitend fortbewegen, beispielsweise mit diesem Paar weißer Rollschuhe aus dem Sat in your Lap-Video, oder bei entsprechenden Außentemperaturen mit den Schlittschuhen aus Under Ice… Ach, silberne Kufen, die Schnee spucken und feine Linien in das Eis ritzen. Dahinschießen, beinahe schwerelos. Wobei uns auffällt: bei Kate scheint das Thema Schuhe irgendwie oft mit der Sehnsucht nach dem Fliegen verbunden zu sein, wie man an diesen schnittigen Stiefeln erkennen kann, die gleich komplett zum Abheben einladen: „I put on my cloudiest suit. Size 5 lightning boots, too“. In Rocket’s Tail, finden wir Kate als Rakete verkleidet auf der Waterloo Bridge stehend vor, bereit, in die Nacht hinaus zu schießen. Höhenflug, Ekstase, ein Moment grenzenloser Freiheit und völliger Erfüllung!
Da mag man es ihr nachsehen, dass sie diesen prächtigen roten Ballettschuhen so leichtsinnig auf den Leim gegangen ist. Schließlich locken diese mit dem Versprechen, Befreiung, Beflügelung und rauschhaftes Entzücken im Tanz zu finden, und das ohne monatelanges Training. Leider hat die Sache einen Haken: “Oh the minute I put them on, I knew I had done something wrong”, muss Kate schon bald erkennen, “It’s the red shoes, they can’t stop dancing!” Man kann also nicht so ohne weiteres wieder mit dem Tanzen aufhören, selbst wenn man todmüde ist.
Vielleicht ist es daher gut, dass es Situationen gibt, in denen man Schuhe wieder ausziehen kann. So konnte man die berühmten roten Schuhe bei einer TV-Performance von Moments of Pleasure nach gebrochenem Zauberbann dekorativ auf Kates Flügel drapiert wieder­finden. Ob sie sich bei der Gelegenheit an ein anderes Paar Schuhe erinnert haben mag, das sie sich einmal auf der Flucht vor der Liebe von den Füßen gerissen hat? „Take my shoes off, and throw them in the lake, and I’ll be two steps on the water!” Den Wettlauf mit der Liebe in Hounds of Love hat sie dennoch verloren, in der süßen Erkenntnis: „I need lo-lo-lo-lo-lo-lo-loooove!“ Daran erinnert auch das Sprichtwort, das Kate oft von ihrer verstorbenen Mutter gehört hat: „Every old sock meets an old shoe.“ Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen, weiß auch der deutsche Volksmund.
Beenden wir an dieser Stelle unseren Streifzug durch Kate Bushs Schuhschrank, obwohl es sicher noch viel zu entdecken gäbe. Eine Frau braucht schließlich Schuhe für jede Gelegen­heit, und Gelegenheiten gibt es viele im Leben. Deshalb geh jetzt erst mal Schuhe kaufen. Beate Meiswinkel

tiefe

Über den Dächern der Stadt

I don’t mind if it’s dangerous
I don’t mind if it’s raining
Take me up to the top of the city
And put me up on the angel’s shoulders
(Kate Bush – Top of the City )

Maureen erreichte die St. Pauls Cathedral etwa zur Mittagszeit. Es war ein schöner Tag, die Sonne schien und London hatte sich ein leichtes Sommerkleid angezogen. Sie wunderte sich ein wenig darüber, dass sie hierhergekommen war, an diesen Ort, der vor Touristen nur so wimmelte. Andererseits war St. Pauls schon immer ihre Lieblingskirche gewesen, und sie war nicht mehr hier gewesen seit, ja seit…
Ärgerlich schüttelte Maureen den Kopf. In letzter Zeit kam es öfter vor, dass sich ein Schleier des Vergessens über sie senkte. Es war keine klare Erinnerung an bestimmte Ab­schnitte des letzten Tages, der letzten Wochen, des letzten halben Jahres vorhanden. Was sie sicher wusste: ihr Leben war unaufhaltsam in seinem ausgewaschenen Flussbett vertrauter Routine dahingeflossen. Zwei ereignislose, arbeitsreiche Jahre lagen hinter Maureen, die heimlich wie Schatten an ihr vorüber geschlichen waren. Dann war sie krank geworden, und anschließend hatte sie dringender Erholung bedurft. Vage Erinnerungen an Schwäche und Unwohlsein stiegen wie Blasen an die Oberfläche des tiefen dunklen Sees ihres Gedächtnisses.

Schlaf. Ich möchte noch etwas schlafen.
Dunkelheit, die mich umfängt.
Wohltuende, gesegnete Ruhe.

Die Blasen zerplatzten und hinterließen ein Gefühl der Leere und Verunsicherung.
Maureen straffte sich. Nun war sie ja wieder gesund und ein neuer Lebensabschnitt lag vor ihr. Eigentlich musste sie noch immer etwas kürzer treten, aber da sie sich bedeutend bes­ser fühlte, hatte sie Lust auf frische Luft und Bewegung bekommen. Am späten Morgen hat­te sie zu Fuß die Kensington Gardens erobert. Sie labte sich am Anblick der großzügig an­gelegten Rasenflächen und der alten Bäume. Amüsiert beobachtete sie kleine Vögel und Eich­hörnchen, die gar nicht scheu waren; selbst wenn sie ihnen nahe kam, liefen sie nicht fort. Bestimmt waren sie es gewohnt, von Spaziergängern gefüttert zu werden. Ein feiner Nieselregen hatte einge­setzt, der sie nicht weiter störte. Sie schlenderte ohne Eile zum Peter Pan Denkmal. Wie immer, wenn sie hier war, war sie von stiller Freude erfüllt. Tränen aus Regen glänzten auf den glatten Wangen der bronzenen Elfen, die andächtig dem nur für ihre Ohren hörbaren Flötenspiel des kleinen Jungen lauschten, der niemals erwachsen wird.
Ein junges Paar mit zwei Kindern näherte sich dem Denkmal, und ein Gefühl der Wehmut erfasste Maureen bei ihrem Anblick. Der Vater holte eine Kamera hervor, um Erinnerungsfo­tos von seiner Familie zu machen.
„Nun lächle doch ein bisschen, Michael!“, rief er seinem kleinen Sohn in breitem Ameri­kanisch zu. „Und Du zapple nicht so herum, Heather!“
„Cheese, Kinder, Cheese!“, rief die Mutter lachend, und Maureen blieb stehen, um dem Fotografen nicht in die Quere zu kommen. Sie hob die Hand und winkte den Kindern zu, doch diese schienen sie nicht zu bemerken. Beschwingt wandte sie sich zum Gehen und summte leise vor sich hin.
Mit der Central Line war sie von Notting Hill Gate nach St. Pauls gekommen. Der Regen war strahlendem Sonnenschein gewichen. Nun stand sie vor dem herrlichen Gebäude und legte den Kopf in den Nacken, um zur Kuppel hinauf­zuschauen. Ihr Blick verweilte lange in der schwindelnden Höhe. Dann mischte sie sich unter die Touristen, um das Innere der Kathedrale zu besichtigen.
Der Besucherstrom, der durch die Türen hinein und wieder heraus drängte, schwemmte Maureen mit sich fort. Die vielen einander schiebenden und drängelnden Leiber erfüllten sie mit heller Panik und sie stieß erleichtert die Luft aus, als sie sich schließlich drinnen wieder­fand. Aus der vorüber wogenden Menge ragte hier und da ein Regenschirm, die behelfs­mäßige Standarte eines Reiseleiters, der seiner Gruppe den Weg wies. Verkaufsstände bo­ten Ansichtskarten und allerlei Krimskrams feil. Maureen blieb neben einem dieser Stände stehen, um sich zu sammeln. Trubel setzte ihr noch immer stark zu.
Wie die meisten großen Kirchen dieser Welt war St. Pauls schon längst kein Ort des Friedens und des Gebetes mehr. Die große Zahl ihrer Besucher hatte die Kathedrale in einen Hort des Kommerzes und der kulturellen Vergnügungen verwandelt. Maureen dachte amüsiert, dass ein gewisser Jesus Christus alle Hände voll damit zu tun gehabt hätte, diesen Tempel von seinen Händlern zu befreien. Wahrscheinlich wäre er dabei als langhaariger, unrasierter Unruhestifter festgenommen worden. Maureen schmunzelte über diese Vorstellung – manche Dinge änderten sich eben nie. Obwohl sie sich nun wieder wohler fühlte, überlegte sie, ob sie sich ein wenig in eine der Kirchenbänke setzen sollte, als sie auf einmal bemerkte, dass jemand sie beobachtete. Ein junger Mann stand neben dem Treppenaufgang, der zur Kuppel hinaufführte und sah sie unverwandt an. Ihr Blick tauchte in den seinen und Maureen hatte das Gefühl, der Boden werde ihr unter den Füßen weggezogen.

Die Welt verkehrte sich. Es war, könne sie sich selbst durch seine Augen sehen: sie stand direkt unter einem der drehbaren Postkartenständer. Das Licht, das abgetönt durch die Kirchen­fenster brach, ließ ihr langes, braunes Haar fast rötlich schimmern. Ihr ovales, nicht mehr ganz junges Gesicht war blass und sehr klein. Ihre haselnussbraunen Augen waren stau­nend geweitet. Sie hatte das taillierte, wollweiße Kostüm an. Dazu trug sie die roten Pumps. Sie hatte immer rote Schuhe haben wollen. Der Wunsch danach hatte sie niemals losge­lassen: Mama, kauf mir rote Schuhe; rote Schuhe möcht‘ ich haben!

Mit aller Kraft suchte Maureen, sich aus den Fängen des Blickes zu lösen, der sie ge­fangen hielt. Zumindest gelang es ihr, wieder zu sich selbst und ihrer eigenen Perspektive zurück zu kehren. Dennoch konnte sie ihre Augen nicht von dem jungen Mann abwenden, denn sie hatte noch nie einen Menschen wie ihn gesehen.

Seine blonden Locken waren so glänzend, dass es schien, als sei sein Kopf von einer leuchtenden Aureole umgeben. Sie umrahmten ein Antlitz mit sanft geschwungenen Lip­pen und Augen, in denen reinste Unschuld gepaart mit unendlichem Verstehen leuchteten. Seine Gestalt war hochgewachsen; er trug verwaschene Jeans und eine abge­tragene Motorradlederjacke. Und er hörte nicht auf, Maureen anzuschauen mit diesen wei­sen, unschuldigen Augen, als wolle er die überschatteten Tiefen ihrer Seele erhellen. Einem unwiderstehlichen Impuls folgend ging sie auf ihn zu. Sein Mund verzog sich zu einem Lä­cheln, bei dem Maureens Herz ganz weit wurde. Nichts außer ihm schien mehr zu existieren.
Er nahm ihre Hand und sagte: „Ich habe lange auf dich gewartet.“
Sie wollte ihn fragen, woher er sie kannte und wer er war. Ihre Gedanken und Gefühle wirbelten durcheinander, doch er hielt sanft lächelnd ihre Hand. Als er sie fragte „Willst du mit mir die Kuppel besuchen?“ nickte sie stumm.
Sie dachte nicht darüber nach, wie anstrengend der Aufstieg war und dass sie nach ihrer langen Krankheit eigentlich noch nicht die Kraft dazu besaß, all die Treppen zu bewältigen. Das alles war nicht wichtig.
Hand in Hand stiegen sie die Wendeltreppe empor. Maureen konnte mühelos mit seinen langen Beinen Schritt halten. Auf dem ganzen Weg nach oben kam ihnen kein einziger Mensch entgegen, obwohl die Aussicht über London, die die Kuppel zu bieten hatte, stets zahlreiche Besucher anlockte. Maureen freute sich darüber, und je höher sie kamen, desto schneller schritten sie aus. Stufe um Stufe stiegen sie der Kuppel entgegen. Maureen bemerkte, dass sie weder außer Atem war noch einer Pause bedurfte. Jetzt liefen sie fast, mit gleitenden, weit ausgreifenden Schritten und lächelten einander dabei an. Wie eine weitere kleine Luftblase stieg mit einem Mal eine Kindheitserinnerung in Maureen auf:

Mama, warum lächelt Jesus auf den Bildern nie?
Das weiß ich nicht, Liebling.
Lächelt Jesus denn manchmal?
Aber ja, da bin ich mir ganz sicher!
Mama, hat Jesus ein schönes Lächeln?
Ganz bestimmt. Ich glaube, wenn er lächelt, macht er die Menschen damit gesund.

Die Erinnerung verwischte. Maureen und ihr Begleiter hatten die Galerie unterhalb der Kuppel erreicht und befanden sich nun hoch oberhalb des Kirchenschiffes.
Auch die Galerie war menschenleer. Maureen sah zum Innern der Kuppel auf, die sich über ihren Köpfen wölbte. Dann blickte sie hinab und staunte, wie hoch sie sich befanden und wie klein die Menschen dort in den Kirchenbänken und vor dem Hochaltar waren. Es herrschte beinahe völlige Stille, und Maureen bemerkte, dass ihr Unbekannter sie schwei­gend betrachtete.
„Wie heißt du?“ fragte sie. Ihre Stimme klang rau, als habe sie sie lange Zeit nicht mehr benutzt.
„Mein Name ist Michael.“ antwortete er, und einen verrückten Augenblick lang war Maureen wieder im Kensington Park und hörte eine Stimme beim Peter Pan Denkmal rufen: „Lächle, Liebling, lächle für Daddy“. Das Bild verschwand so rasch, wie es aufgetaucht war.
„Ein schöner, wenn auch kein seltener Name!“ antwortete Maureen mit einem Mal kühl, denn langsam vermochte sie wieder klarer zu denken. Sie war verärgert über sich selbst. Wie sehr dieser viel zu offensichtlich unbedarft wirkende junge Mann sie aus der Fassung zu bringen vermochte!
„Du bist böse auf mich!“ stellte Michael fest. Sein Lächeln war so süß, dass Maureens aufbrandender Unmut verebbte. Er trat zu ihr und nahm ihr Gesicht in seine schönen, schlanken Hände. Seine Finger wirkten ungewöhnlich lang… wie die Spitzen von Schwanen­flügeln, dachte Maureen.
„Ich habe so lange auf dich gewartet.“ sagte er wieder, „Und nun bist du da! Komm mit mir hinauf, bis zum Dach dieser Stadt!“
Und wieder nickte Maureen und legte ihre Hand in seine. Weiter stiegen sie gemeinsam ihre Himmelsleiter hinauf.
Rasch näherten sie sich dem Ende der Wendeltreppe und traten ins Freie, wo der Wind verspielt in ihre Haare griff und ihre Gesichter küsste. Maureen trat an die Brüstung, Michael zu ihrer Rechten. Ihr Blick strich über die Dächer der Häuser, glitt hinunter in die Tiefe und dann wieder hinauf zu den fernen Wolken. Das sanfte Gurren von Tauben erfüllte die Stille. London lag ihnen zu Füßen, und die Gerüche der Metropole glichen hier oben nur noch dem Nachklang eines verblassenden Parfums. Wieder spürte Maureen, dass Michaels Augen auf ihr ruhten. Sie wandte sich ihm zu.
„Führst du alle Frauen, die du kennenlernen möchtest, auf die Kuppel der St. Pauls Cathedral, Michael?“ fragte sie.
Sein Lächeln erlosch und er wurde ernst; sein Blick war eine Liebkosung.
„Ich kenne dich schon seit langer Zeit, Maureen.“ antwortete er.
„Wir haben uns noch nie zuvor gesehen, und trotzdem behauptest du, mich zu kennen und mich erwartet zu haben? Wer bist du, Michael? Und was willst du von mir?“
Seine Finger berührten erneut ihre Wange und er sagte: „Schau noch einmal hinunter, Maureen, dort findest du die Antwort auf deine Fragen.“
Sie runzelte die Stirn. Eine schreckliche Ahnung bemächtigte sich ihrer. Zögernd wandte sie sich wieder der steinernen Brüstung zu und blickte hinab.
Miniaturautos und rote Spielzeugbusse rollten durch die Straßen der kleinen Welt dort unten. Menschen, emsig wie Ameisen, strebten ihren unbekannten Zie­len entgegen. Maureens Augen trafen auf einen Mann, der dort in ihrer Mitte seiner Wege eilte, und plötzlich war es, als habe etwas ihrem Blick Flügel verliehen. Im Sturzflug jagte er wie ein Falke hinab zu dem Mann dort, groß, verhärmt und viel zu dünn, mit traurigen, einsamen Augen. Maureens Herz wollte zerreißen bei seinem Anblick, denn sie liebte diesen Mann.
„Paul!“, schluchzte sie. Ihre Stimme klang heiser. „Mein liebster Paul.“
Die Oberfläche des dunklen Sees, in dem ihre Vergangenheit versunken war, zersprang, und die Erinnerung drängte in Maureens Bewusstsein zurück.

Die Schmerzen, mein Gott… diese Schmerzen!
Die Operation ist ein reiner Routineeingriff, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.
Keine Angst, ich werde da sein, wenn du wieder aufwachst.
Alles wird gut.
Zählen sie langsam rückwärts von zehn… neun…. acht…. siiiiiiibeeeeeen…
Ich liebe dich Paul!
sechs…
Es tut nicht mehr weh.
Dunkelheit, die mich umfängt.
Nein… du darfst nicht gehen!
Bleib bei mir!
So nimm dich unserer geliebten Tochter, Schwester und Ehefrau an und führe sie heim in dein Reich!
Verschlingt mich…
Asche zu Asche
So weine doch nicht, Paul. Ich gehe doch nicht fort.
Staub zu Staub
Ich bin…

Maureen sackte kraftlos in sich zusammen. Michaels Arme fingen sie behände auf. „Nein!“, sagte sie bestimmt und schüttelte den Kopf. „Nein“.
„Doch, Maureen“, antwortete Michael und zog sie fester an sich. Maureen begann zu schreien: „Nein, nein, oh mein Gott nein!“ Dann weinte sie. Sie konnte sich nun wieder mit aller Klarheit an das erinnern, was ge­schehen war.

An den Schmerz.
An das Krankenhaus.
Und an das Ende.

Sie hatte Paul im Stich gelassen. Immer hatte sie Angst davor gehabt, von ihm verlassen zu werden. Nun war sie es, die gegangen war.
Lange lag Maureen in Michaels Armen, dort oben, hoch über den Dächern der Stadt. Lange umfing er die verlorene Seele tröstend, die sich an ihn klammerte. Erst, nachdem die Nacht hereingebrochen war und die Sterne am Firmament erschienen, rüttelte er sie sanft. Sie öffnete widerstrebend ihre fest zusammengepressten Augen und blickte wie ein ver­ängstigtes Kind zu ihm auf.
„Es wird Zeit zu gehen, Maureen.“ sagte er mit leiser Stimme. Er strich ihr das Haar aus der Stirn. „Bist du bereit?“. Sie nickte, denn das war sie.
Michael erhob sich, hüllte Maureen in einen Mantel aus Wärme und Licht. Seine blen­dend weißen Schwingen entfalteten sich mit Macht. Er hob sie auf seine Arme, stieg auf die Brüstung der Kuppel und erhob sich mit einem einzigen kraftvollen Schlag seiner Flügel in die Lüfte. Denn er war gekommen, um Maureen nach Hause zu bringen.
Unter ihnen ver­blassten die Lichter der Stadt in der samtenen, dunkelblauen Stille der Nacht.

Beate Meiswinkel   1996, überarbeitete Version Juni 2013

tiefe

How can you eat dead animals?

1.10.2013
Im November 1980 hat Kate Bush für das Woman’s World Magazin einen Beitrag unter dem Titel „Wie kann man tote Tiere essen?“ (How can you eat dead animals?) verfasst. Ein Text, der auch heute noch passt – erst recht am heutigen Weltvegetariertag. Hier die Übersetzung des Textes von Beate Meiswinkel für „Irgendwo in der Tiefe“.

Ich bin sicher, dass viel mehr Menschen sich vegetarisch ernähren würden, wenn ihnen bewusst wäre, was es eigentlich tatsächlich mit der Fleischproduktion auf sich hat. Es wird uns heute so leicht gemacht; wir gehen einfach in den Supermarkt, greifen uns ein Stück Fleisch in seiner Kunststoffschale und seiner Plastikfolie und denken überhaupt nicht darüber nach, dass dies einmal ein Tier gewesen ist. Das wäre sicherlich ganz anders, wenn wir dazu gezwungen wären, dieses Lebewesen zu jagen und zu töten, so wie unsere Vorfahren das früher taten. Wir sind so weit von der Quelle unserer Nahrungsmittel entfernt, dass es sehr einfach ist, zu vergessen, woher unser Fleisch eigentlich stammt. Wenn man sich nun die furchtbare Realität eines Schlachthofes vor Augen führt, ist es plötzlich schwierig, noch dasselbe für das Stück Fleisch auf unserem Teller zu empfinden.

Es war für mich keine plötzliche Entscheidung, Vegetarierin zu werden, sondern etwas, über das ich lange Zeit nachgedacht habe. Ich habe seit ungefähr vier Jahren kein Fleisch mehr gegessen und ich bin froh darüber, es bisher durchgehalten zu haben, denn ich glaube, dass man als Vegetarier eine größere Hochachtung vor dem Leben in all seinen Formen hat. Am Anfang war es nicht ganz einfach, denn ich habe vorher sehr viel Fleisch gegessen – ich war ein regelrechter Fleischfresser. Ich war als Kind ein furchtbar verwöhnter Esser und es gab kaum Gemüse, dass ich gerne mochte. Schon als ich klein war, war ich nicht glücklich darüber, Tiere zu essen. Wir hatten zu Hause immer Haustiere, und ich kann mich daran erinnern, dass ich dachte, dass es eigentlich nicht richtig sein kann, Fleisch zu essen, während ich unsere Haustiere liebte und mit ihnen spielte oder auf einem Bauernhof den Lämmchen zusah, wie sie über die Felder sprangen.

Der wichtigste Grund, warum ich Vegetarierin geworden bin, war mein Gefühl für die Tiere. Ich fand es einfach nicht in Ordnung, so überheblich zu sein, ein anderes lebendes Wesen aufzuessen. Der eigentliche Entschluss fiel, als ich ein Stück Fleisch aß, das ganz unbeschreiblich nach totem Tier schmeckte. Von diesem Augenblick an konnte ich einfach keine Fleischgerichte mehr ertragen. Die ersten paar Wochen waren wirklich schlimm. Ich ernährte mich von Schokolade und zwischendurch von ein paar Stückchen Käse. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von der vegetarischen Ernährung.

Glücklicherweise lernte ich kurz darauf jemanden kennen, der mir schon bald sehr nahe stand und der ebenfalls Vegetarier war. Ihn konnte ich fragen, wie er sich ernährt. Er lieh mir eine Menge Kochbücher aus, und seitdem habe ich mir das Kochen beigebracht und experimentiere mit vegetarischen Rezepten. Es ist sehr schade, dass [pullquote align=“left|center|right“ textalign=“left|center|right“ width=“30%“]“Ich glaube daran, dass Tiere dasselbe Recht auf Leben haben, wie ich selbst.“

Kate Bush[/pullquote]ich nicht mehr Zeit dafür habe, denn ich liebe es zu kochen. Es stimmt ganz einfach nicht, dass die vegetarische Küche langweilig oder einseitig ist! Man kann so viel machen. Gemüse ist sehr vielseitig und es gibt so viele verschiedene Sorten, mit denen man experimentieren kann. Ich mache z.B. alle möglichen schmackhaften Kuchen und Pizzen. Für Curries habe ich ebenfalls eine große Vorliebe, weil sie ganz einfach zu kochen sind. Wenn man Gemüse verwendet, weiß man ganz genau, was man kocht; es ist nicht wie bei einem anonymen Stück Fleisch. Bei den zahlreichen Gemüsesorten genieße ich besonders die Kontraste in Geschmack und Beschaffenheit und ich bin mir sicher, mich viel gesünder zu ernähren als vorher, als ich immer nur hauptsächlich Fleisch gegessen habe. Ich fühle mich körperlich wohler und bin einfach glücklicher, keine toten Tiere mehr zu essen. Ich weiß, es gibt Leute, die sagen, dass es falsch ist Karotten zu essen, weil das auch Lebewesen sind, aber ich denke, man muss irgendwo eine Grenze ziehen.

Sicherlich gibt es heute wesentlich mehr Vegetarier als früher. Es gilt nicht mehr als verschroben. In der Hippie-Ära der 60er Jahre gab es sehr viele Leute, die kein Fleisch mehr aßen, aber man muss jetzt kein Hippie mehr sein, um eine gute, gesunde Ernährung zu bevorzugen. Ganz normale Leute beginnen, Vollkornmehl, Vollkornbrot und Naturreis zu essen. Weißbrot schmeckt sowieso grauenhaft. Ich backe gerne mein eigenes Brot, wenn ich Zeit habe. Es gibt mir das Gefühl, etwas zu tun, was Menschen tun sollten. Es ist einfach schön, solche ursprünglichen, grundlegenden Dinge in unserem technologisierten Zeitalter zu tun, obwohl ich denke, dass es für uns alle praktisch undurchführbar wäre, zu einer natürlichen Lebensweise zurückzukehren. Es würde ein völliges Chaos verursachen, wenn wir das versuchten. Manchmal aber wünsche ich mir, in einem Haus am Meer zu leben und genug Zeit dafür zu haben, mein eigenes Gemüse zu ziehen. Man bekommt dann einfach eine ganz andere, tiefere Beziehung zu dem, was man isst. Wenn wir dazu bereit wären, auf die Jagd zu gehen um selbst unser Wild zu erlegen, wären wir, so glaube ich, dazu berechtigt, sie zu essen, aber nur auf diese Weise.

Mir ist sehr wohl bewusst, dass man als Vegetarier mehr tun muss als einfach nur auf Fleisch zu verzichten. Man muss sehr aufmerksam sein, denn es gibt sehr viele tierische Produkte in allen möglichen Lebensmitteln, z.B. in Gelatine. Ich gebe zu, dass ich Lederschuhe trage, was ich wirklich nicht tun sollte. Ich versuche aber, ein Paar fünf oder sechs Jahre lang zu tragen. Ich besitze keinen Pelzmantel. Als ich in der Schweiz war, wurde ich in einem fotografiert. Das hat mir jede Menge böser Briefe von verärgerten Fans eingebracht, die mir die Meinung gesagt haben. Ich musste richtig stellen, dass es nur ein Mantel war, den mir jemand für die Fotos geliehen hatte. Es freut mich aber, dass die Leute, die meine Platten kaufen, sich meiner Ansichten bewusst sind und dass sie auch dazu bereit sind, mir zu sagen, was sie denken. Ich bereue es sicher nicht, das Fleischessen aufgegeben zu haben, weil ich daran glaube, dass Tiere dasselbe Recht auf Leben haben, wie ich selbst.   KATE BUSH

 

tiefe

Der Geheime Garten

17.2.2013

Genau heute vor 35 Jahren ist „The Kick Inside“, das erste Album von Kate Bush, veröffentlicht worden. Gedanken zum Album von Beate Meiswinkel.

Mit ihrer Debut-Single „Wuthering Heights“ gelang Kate Bush ein Überraschungserfolg, der von einem ersten Platz in den englischen Single-Charts gekrönt wurde. Die Öffentlichkeit hob interessiert den Kopf: Wer war die attraktive junge Dame, die mit der Vertonung des Emily Brontë Klassikers für Aufsehen sorgte, die mit ihrer unerhörten Stimme, ihren grazilen Bewegungen und einer Mimik, die ihresgleichen suchte, vollkommen aus dem Rahmen fiel? Nein, jemanden wie Kate Bush hatte man noch nicht gesehen oder gehört, und die Erwartungen an ein erstes Album waren hoch. Als „The Kick Inside“ am 17. Februar 1978 erschien, kann man sich rückwirkend nur ungefähr vorstel­len, was das Publikum damals erwartet hatte – sicherlich jedoch nicht die Einladung in jenen geheimen Garten einer Künstlerin, die damals noch weit mehr das Mädchen Cathy als der international anerkannte Popstar Kate Bush war. Wer die anrührenden Fotografien ihres Bruders John Carder Bush kennt, bekommt eine Vorstellung von der familiären Geborgenheit, in der dieser Garten angelegt wurde. Schüchtern bittet die inzwischen erblühte Kate ihre Zuhörer herein, um bei einer Tasse Tee gemeinsam über Gott und die Welt zu philosophieren. Und mit dem unverbrämten Idealismus der Jugend, den die Glücklichsten von uns sich zeitlebens bewahren, sind in Cathys Musik und Poesie vertrauliche, ja intime Dialoge möglich, wie sie nur zwischen sehr engen Freunden in einem geschützten Raum entstehen können. Hier kann alles benannt und thematisiert werden, was wirklich zählt. Dinge, die man im späteren Leben durch Desillusionierung, Werteverschiebung, Kompromisse-Eingehen, Mutlosigkeit, der Jagd nach immer mehr, Erfolgsdruck, Zeitmangel und andere moderne Untugenden so leicht aus den Augen verliert, während einen die innere Sehnsucht danach zerreißt. Vielleicht tut es deshalb ab und zu ganz gut, einmal zurückzublicken – 35 Jahre in die Vergangenheit. Zurück in die eigene Kindheit und Jugend, und zurück zu den Anfängen einer inzwischen ebenfalls viel abgeklärteren Künstlerin, die ihr Leben wahrscheinlich auch nicht frei von persönlichen Abstrichen führen kann. In unseren Anfängen war einfach vieles anders. Wir haben uns weiterentwickelt, und darauf dürfen wir stolz sein. Doch ein Blick zurück in die Tage der Unschuld, vielleicht über die ebenso kompromisslos idealistischen Köpfe unserer eigenen Kinder hinweg, kann das innere Schatzkästlein unserer Seele öffnen.

tiefe

Unter Eis

Die Welt ist weiß und still
(weil alles schlafen will)
Erstarrt in Eis ruht auch der Fluss
Gebannt von Winters tiefem Kuss

Und auch im Wald herrscht tiefe Ruh
Eisläuferin, mit deinem Schlittschuh
Zerschneidest du allein das Schweigen
Werden im Eis sich Risse zeigen?

Ach wo, es wird das Eis schon halten
Wo Winters harsche Kräfte walten
Da kann ich tanzen, Pirouetten dreh’n
Und meine Kufen Eis spucken seh’n

Nur horch, was ist das für ein Laut?
Ein Knacken, Krachen, als wenn es taut?
Ach nein, das Eis, es wird nicht brechen
Väterchen Frost hält sein Versprechen

Doch nun hör ich ein leises Klagen
Das weckt in mir das Unbehagen
Aus eis‘ger Tiefe dies Weinen dringt
Die Stimme, die mich zum Schaudern bringt

Zu gut kenne ich ihren Klang
Weil oft sie in den Schlaf mich sang
Mit einer Melodie aus Schmerz
Ergriff sie heimtückisch mein Herz

Ein Schatten naht nun unter Eis
Eingeschlossen, wo ich ihn sicher weiß
Seinen Ausbruch lass ich nimmer zu
„Hilf mir!“, ruft er, “Denn ich bin du!“

Die Eisschicht aber ist fest und hält
Den Schatten raus aus meiner heilen Welt
Eingeschlossen, wo ich dich sicher weiß
Bleibst Schattenselbst, du unter Eis

Beate Meiswinkel im Dezember 2012
(inspiriert von Under Ice von Kate Bush)