Die Gewinner des Weihnachtsrätsels 2017

Das Weihnachtsrätsel ist verlässlich gelöst und es gibt Gewinner zu vermelden! Aber erst natürlich die Lösung. Alle gesuchten Bilder stammten aus offiziellen Videos von Kate. Das war der gemeinsame Nenner. Wer also ein Bild erraten konnte, konnte ahnen, wo er suchen musste. Das offene Fenster kommt in Moments of Pleasure vor, die Derwische in Love and Anger, das Kutschenrad in der Kulisse von Suspended in Gaffa, der Superman hat einen Gastauftritt in The Big Sky, „kat8“ stammt – wie man oben sieht – aus Army Dreamers, der Stuhl war leicht erkennbar Requisit in Hammer Horror, Alfred Hitchcock spaziert bei Hounds of Love durchs Filmset und der Hut passt zum Outfit in Them Heavy People. Am kniffligsten war wohl der Kaffeevollautomat, kurz in Deeper Understanding zu sehen. Ratekönigin Beate hat diesmal außer Konkurrenz mitgespielt und mit je neun richtigen Lösungen liegen Lily/Anja und Michael G. vorne. Herzlichen Glückwunsch. Zu gewinnen gab es ein Polaroid aus der Serie von Michael und die CD „Record full of last Songs“ von Timo alia Bleedingblackwood.  Die Preise werden in den nächsten Tagen verschickt.

Weihnachtsgrüße von Kate

Auf den letzten Drücker gibt es auch in diesem Jahr wieder einen Weihnachtsgruß von Kate – veröffentlicht an Heiligabend auf ihrer Webseite. Die Hoffnung, dass Kate ein neues Projekt für 2018 ankündigen könnte, hat sich leider nicht erfüllt. Zuletzt hatte ihr Bruder Paddy in einem Interview für morningfog zumindest bestätigt, dass Kate an einem neuen Projekt arbeitet.

Frohe Weihnachten!

Das Weihnachtsrätsel 2017

Das Kate-Weihnachtsrätsel hat schon Tradition und dürfte auch in diesem Jahr wieder eine harte Nuss sein. Bei neun Abbildungen gilt es zu erraten, wofür sie stehen. Einige Bilder sind leichter zu erraten, andere deutlich schwerer. Aber: wie im letzten Jahr gibt es bei allen Bildern ein verbindendes Element. Wer also eins der neun Rätsel geknackt hat, könnte eine Ahnung davon haben, wo er suchen muss, um auch die weiteren Bilder zu erraten. Einsendeschluss für die Lösungen ist der 2. Januar, 24 Uhr. Lösungen bitte ausschließlich an admin(at)morningfog.de; bitte keine Lösungen auf der Facebook-Seite posten. Zu gewinnen gibt es in diesem Jahr zwei ganz wundervolle Preise: Timo hat eine weitere CD „Record full of last Songs“ gestiftet. Und was passt besser, als das Präsent von Michael: ein Polaroid (auf der Rückseite signiert) aus seiner Reihe „Kate in Polaroids„?! Die üblichen Spielregeln: Gibt es mehrere richtige Einsendungen, wird gelost. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen. Und trotz der tollen Preise sei daran erinnert, dass es eigentlich nicht so sehr ums Gewinnen geht, sondern um den Spaß daran, das knifflige Rätsel überhaupt zu lösen. Tipps gibt es bei Bedarf wie gewohnt auf der Facebook-Seite. Viel Erfolg!

Kate in Polaroids: Dezember

Aerial

„Sicherlich meinte Kate Bush etwas völlig anderes, aber ich frage mich seit einigen Monaten, welche Sprache nun mittlerweile (wieder) salonfähig wird. Menschenverachtend. Intolerant. Gefährlich“, schreibt Michael zu seinem Dezember-Polaroid. What kind of language is this? Mit der Holzpuppe ist der Bezug zu den Before the dawn-Konzerten offensichtlich, eine Distel als stilisiertes Mikrofon ergänzt das. Wer bei den Konzerten war oder in Before the dawn reinhört, kennt die Antwort auf die Frage: es ist die Sprache des Herzens.

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Toys that go Pop – handgemachte PopArt Deko

Ein Interview mit Designer Sean Bright von Beate Meiswinkel

Na, wisst Ihr schon, was Ihr dieses Jahr zu Weihnachten verschenkt? Wie wäre es denn mit einem bunten David Bowie-Hampelmann oder trendigen Twin Peaks-Filzfiguren, die man auf einem Klettbrett (das rote Zimmer) selbst in Szene setzen kann? Einem Bob Dylan-Memoboard für den Kühlschrank, einem Roxy Music- oder Stevie Wonder-Diorama? Einer Adam Ant-Tanzpuppe? Vielleicht verliebt Ihr Euch aber ebenso wie ich in die drei bezaubernden Wuthering-Heights-Cathy-Anhänger aus Filz, mit der man nicht nur den Weihnachtsbaum schmücken kann. All dies und noch viel mehr findet man im Etsy-Shop HeyKidsRocknRoll. Designer Sean erzählte uns in einem kurzen Interview etwas über sich und seine liebevoll hergestellten „Toys that go Pop!“

Was hat dich denn zu den wundervollen Wuthering Heights Kate Bush Aufhängern aus Filz inspiriert? Sind sie speziell für Weihnachten gedacht?

Ich wollte etwas, das man als Weihnachtsdekoration verwenden kann, doch ich wollte mich nicht zu sehr an diese Zeit des Jahres binden (die Leute werden sie also hoffentlich auch im Juni kaufen!) Ich finde, Kate hat so etwas besonders Weihnachtlich-Winterliches, aber natürlich ist sie das ganze Jahr über großartig!

Was ist es deiner Meinung nach, das Kate Bush zu einer so inspirierenden Künstlerin macht? Welches ihrer Alben oder welche Songs findest du besonders bemerkenswert?

Ich liebe Künstler, die verschrobene oder avantgardistische Dinge tun, aber auf populäre Art und Weise. Dafür ist sie ein großartiges Beispiel. Ich erinnere mich noch daran, dass sie ein RIESENGROSSER Star war, als ich noch sehr jung war. Und dabei war sie immer noch wirklich bizarr, nicht wie andere Pop-Sachen. Und sie ist auch sehr lustig – etwas, das in der Popmusik nicht ausreichend gewürdigt wird. Ich denke, „The Dreaming“ ist mein Lieblingsalbum von ihr, da es ganz und gar diese Eigentümlichkeit und diesen Humor besitzt.

Wie würdest du dich und deine Handwerkskunst in einigen wenigen Sätzen beschreiben? Welche Techniken verwendest du?

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Volkskunst – Dinge, die Leute zum Spaß machen, um damit ihr Zuhause zu schmücken. Und natürlich PopArt. Ich nehme an, dass ich irgendwo zwischen diesen beiden Dingen stehe. Ich hoffe, dass meine Sachen die Leute aufmuntern und ich bin stolz darauf, sie herzustellen. Meist verwende ich Karton oder Filz – einfach, weil diese Materialien leicht erhältlich und nicht zu teuer sind. Ich mag Filz, er ist so fröhlich und freundlich, ganz egal, was man daraus macht.

Welche anderen Künstler neben Kate findest du inspirierend?

Prince ist bzw. war ein großer Held für mich, Bob Dylan auch. Viele verschiedene eigentlich. Zurzeit bin ich von einer Menge alter elektronischer Musik fasziniert, besonders von Dingen, für die Künstlerinnen den Weg bereitet haben: Suzanne Ciani, Delia Derbyshire, Laurie Spiegel, Daphne Oam. Ich habe einige Stücke gemacht, die von ihnen inspiriert wurden, und außerdem gibt es noch ein größeres Projekt, das ich momentan in Arbeit habe…

Falls Kate Bush als Sternsingerin an Weihnachten vor deiner Haustür auftauchen sollte, welches Lied sollte sie denn für dich singen?

Ich denke, „December…“ wäre das Obligatorische. Ich mag „Snowflake“ wirklich, aber das ist ziemlich lang und ich würde mir Sorgen machen, dass ihr nach einer Weile kalt würde, während sie singend an meiner Türschwelle steht!

Hier geht’s zum Etsy-Shop von Sean Bright.

 

This Woman’s Work-Druck signiert von Tim McInnerny

Ich habe diesen schönen signierten Druck vor längerer Zeit schon einmal gesehen, allerdings ohne Unterschrift von Tim McInnerny. Habe ihn kürzlich wieder entdeckt und sofort zugeschlagen. Wer sich fragt wer denn der Herr is,t den man zusammen mit Kate sieht – es ist der männliche Co -aus dem Video zu „This Woman’s Work“. Unterschrieben wurde der Druck von ihm wahrscheinlich auf der Comic Con, oder auf einem der vielen Filmvestivals, auf denen Tim McInnerny regelmäßig zu Gast ist. Ein tolles Sammlerstück, über das ich mich sehr freue. Happy hunting! Michael Guth

Show a little devotion: Martin

Kate-Fans sind treu, hingebungsvoll, geduldig und vor allem in die Musik von Kate verliebt. Im Kate-Fragebogen “Show a little devotion” gibt es für Kate-Fans immer die selben zwölf Fragen… mit den unterschiedlichsten Antworten…Heute von Martin:

Mit welchem Kate-Song wachst Du am liebsten morgens auf?
Am liebsten glaube ich mit „Aerial“. Der passt ja auch thematisch so schön. Und ich liebe einfach den Dialog mit der Amsel!

Welche von Kate besungene Figur wärst du gerne?
Wahrscheinlich „Kashka from Baghdad“ – aber nur wenn das von ihr besungene Haus woanders stehen würde. Schön wäre auch der Maler in „An architect’s dream“, dann könnte ich meinem Liebsten immer schöne Bilder malen, und der (seines Zeichens Baumeister) würde sich dann freuen.

Wie lautet Deine liebste Textzeile von Kate?
„Some say that knowledge is something sat in your lap“ Das hatte ich als einführendes Zitat in meiner Doktorarbeit und einmal auch auf dem Cover einer Bewerbungsmappe für eine Stelle als Medical Writer. Ich bin dann tatsächlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden, und eine der ersten Fragen war, wie ich denn auf dieses Kate-Zitat gekommen wäre, das hätte Eindruck hinterlassen. Ich kann also nur den Tipp weitergeben: Bewerbt Euch mit Kate-Zitaten!

Welchen Kate-Song singst Du unter der Dusche?
Wieso unter der Dusche? Wenn schon, dann singe ich Kate-Songs auf Karaokeabenden – da bevorzugt „Babooshka“ und „This woman’s work“!

Mit welchem Song von Kate verbindest Du ein besonderes Erlebnis?
Mit ganz vielen. Besonders mit denen, die ich mir auf Kopfhörer mit in die Natur an besondere Orte genommen habe. Also zum Beispiel „Nocturn“ am nächtlichen Strand von Teneriffa oder „The Dreaming“ im Vulkankrater von Solfatara bei Neapel – das hatte tatsächlich etwas von der Stimmung im Video. Am schönsten war aber, als „The Sensual World“ rauskam und ich mit dem Title Track im Herbstwald war  – damals noch auf Walkman! Die Choreo kann man ja nun wirklich ganz einfach nachtanzen. Es war strahlender Sonnenschein, und ein ordentlicher Wind hat einen goldenen Herbstblätterregen entfacht – wunderschön!

Welchen Song von Kate hörst Du, wenn Du verliebt bist?
Mh … also wenn ich nur so teenagermäßig verknallt wäre, vielleicht „Symphony in blue“ oder „Feel it“ oder ähnliche Songs von solch subtiler Erotik. Ansonsten hatte ich leider viel zu oft die „Never be mine“-Nummer.

Welcher Song-Titel von Kate beschreibt Dich am besten?
Spontan fällt mir „Houdini“ ein – Entfesselung, im Sinne von Befreiung von Fesseln, scheint mir ein Lebensthema zu sein.

Welches Album von Kate magst Du am liebsten?
Lange Zeit war das natürlich „Hounds of Love“ – aber dann kamen ja doch noch die „Aerial“ und die „50 words for snow“ – unmöglich hier eine Nummer eins zu benennen. Der Ornithologe in mir tendiert natürlich zur „Sky of Honey“ … ach so, und die geniale „The Dreaming“ hab ich natürlich vergessen …

Welcher Song hat Deine Begeisterung für Kate geweckt?
Der erste, den ich wirklich im Radio wahrgenommen hatte, war „Babooshka“, den fand ich als zehnjähriger Bub total toll und schräg! Aber so richtig gepackt hat mich dann erst „Cloudbusting“ – und dann war’s um mich geschehen.

Was macht für Dich Kate so besonders?
Keine Ahnung – ihre Kateness! Ich glaube, sie ist die einzig wahre Geschichtenerzählerin in der Pop-Musik. Das kann niemand so wie sie. Und sie kann mit ihrer Musik meine gesamte Gefühlsklaviatur in Schwingung bringen, auch das macht sie für mich einzigartig. Damit hat sie mich eigentlich fast mein ganzes Leben lang durch sämtliche Höhen und Tiefen begleitet.

Was würdest Du Dir für das nächste Album von Kate wünschen?
Dass endlich „It has rained“ drauf ist! Wir kennen das ja alle aus den langen Zeiten des Wartens, dass wir das neue Kate-Album oder die neue Kate-Single vorausträumen. Und mir erschien einst im Jahr 1998 auf einer Reise auf Madeira im Traum das neue Kate-Video, das von Null auf Platz drei in die englischen MTV-Charts eingestiegen war: „It has rained“ hieß es und spielte an einem regenverhangenen Strand mit so einer verzerrten „Waking the witch“-Stimme aus dem Off. Und in Ermangelung einer realen Aufnahme hab ich’s dann selber produziert.

Welcher Song von Kate sollte einmal auf Deiner Beerdigung gespielt werden?
„A coral room“ – obwohl … dann kommen ja alle aus dem Heulen nicht mehr heraus. Vielleicht doch besser „Aerial“ im Sinne einer Hommage an das Leben. Aber dann hätte ich gerne einen Remix mit einem Rotkehlchen, weil ich zu dem eine ganz persönliche Beziehung habe.

Das Song-ABC: An Architect’s Dream

Ungewöhnlich beginnt dieser Song. Ein Mann spricht – ohne Begleitung durch Musik – zu sich: „Yes, I need to get that tone a little bit lighter there. Maybe with some dark accents coming in from the side. Hmm… that’s good“  [1]. Der Mann ist ein Maler, und folgerichtig wird dieser Text auch von einem Maler gesprochen, von  Rolf Harris. Dann beginnt der eigentliche Song. Aber ist das nicht eher eine Meditation, eine dahingeworfene, genialische Improvisation? Ist es nicht eher ein impressionistisches, dahingetupftes Bild? Die Protagonistin beobachtet den Straßenmaler, darum geht es vordergründig im Text. Aber für mich singt Kate Bush auch über sich selbst und über ihre Art des Komponierens:  „[…] and also there one gets the impression, that she is singing about herself. About how the light changes while you are trying to catch it, and in the end the most satisfying part is the spot that wound up in the canvas by mistake.“ [2]
Nach der gesprochenen Einleitung setzt instrumental eine sich durch das ganze Lied ziehende Begleitung aus Rhythmusinstrumenten (Drums, Shaker) in Achteln ein. Es klingt wie das Ticken der Zeit – oder versinnbildlicht, wie der Pinsel des Malers Farbklecks um Farbklecks auf die Straße setzt. Ich höre Konzentration in diesem Rhythmus (vielleicht, weil ich selbst bei konzentriertem Arbeiten ähnliche Folgen vor mich hin summe).
Das Lied ist in cis-Moll geschrieben, streng im 4/4-Takt. Die dominierende Akkordfolge ist cis-Moll/Fis-Dur. Diese Akkorde wechseln über weite Strecken einander ab und verschleiern die Tonart (cis-Moll? Fis-Dur?) [1]. Cis-Moll ist die Sehnsuchtstonart, sie eröffnet in uns allen verborgene Quellen der Sehnsucht [3]. Fis-Dur ist die Tonart des Sonnenuntergangs, hier leuchten in der Musik die Sterne auf. Sie steht für den Übergang von der Sinnenwelt in die geistige Welt, sie hat etwas tief Ruhevolles, nach dem Gleichgewicht suchendes [3].
Die Begleitung durch die Grundakkorde ist ein ganz langsames Hin-und-Her-Wiegen. Meist bestimmt ein Akkord den ganzen Takt. Eine fast hypnotische Ruhe und Versunkenheit wird so erzeugt. „Watching the painter painting“ – voller Faszination beobachtet die Protagonistin den Maler. Die Musik nähert sich malerischen Stilmitteln an – die Akkorde erwecken das Bild von breiten Farbflächen, auf die der Rhythmus seine impressionistischen Lichtpunkte setzt.
An einigen Stellen gibt es eine fast aufgeregte Verdichtung – z.B. auf „And it’s the best mistake he could make“ – bestehend aus um cis-Moll und Fis-Dur kreisende, erweiterte Akkorde in Achtelnotenketten. Weitere dieser Akkordfolgen folgen ab „on a pavement“ in „Whenever he works on a pavement“ und ab „the light is changing“ in „And all the time the light is changing“. Das Herzklopfen ist zu spüren, wenn etwas Unvorhergesehenes während des Malens geschieht. All dies ist zärtlich gesungen, innig. Bei „Curving and sweeping / rising and reaching / I could feel what he was feeling“ wird es fast tänzerisch, die Protagonistin wird spürbar mitgerissen. Kate Bush ist fasziniert von Malerei, es ist eine Kunstart, die sie nicht beherrscht und gerade deswegen so bewundert. Für Kate Bush ist das Komponieren mehr wie Film, hier entfalten sich Bilder in der Zeit – genau diese Schnittstelle zwischen Malerei und Film wird in diesem Song thematisiert. Der Akt des Entstehens eines Gemäldes – das ist ähnlich wie das Komponieren, von Zufall und Glück (und Vorsehung) bestimmt.
„I love paintings… I love paintings. I really get a buzz out of seeing a beautiful painting, and it’s something I can’t do. But I suppose in a way, I think of it being more of a kind of moving image…what I do, because it’s connected with the unfolding of time. It’s much more like a movie where, in a lot of ways it is visual for me.“ [4]
Weitere subtile Verknüpfungen sind zu finden. Die verdichtete Herzklopfen-Akkordfolge gibt es auch bei der instrumentalen Stelle, die nach „So the lovers beginn with a kiss“  beginnt. Glückliche Zufälle gibt es nicht nur in Malerei und Musik, sie gibt es auch in der Liebe. Das Herzklopfen ist gleich, wenn etwas unerwartet Gutes passiert.  Interessant ist die Stelle, in der es um den Songtitel geht. Zur Textzeile „an architect’s dream“  gibt es vor „dream“ eine kurze Pause und dann eine fast dramatische Betonung auf „dream“. Was durch Kunst und Natur entsteht hat die Qualität eines wahr gewordenen Traumes. Dies fügt eine fast metaphysische Ebene dazu. Der Maler und sein Werk sind Sinnbild für das Leben an sich, die Schöpfung, die unablässige Evolution. Für die Freimaurer ist Gott der große Architekt des Universums, was  vielleicht den etwas geheimnisvollen Titel des Songs erklären könnte [5]. Der „Deal with god“ ist gelungen – Protagonistin und Maler sind eins, verstehen einander.
Zum Ausklang läuft der tickende Rhythmus aus, Donner ist schwach zu hören und ganz leise Vogelstimmen. Das Lied ist in den Gesamtkontext der Sky-Seite von „Aerial“ integriert. „The Painter’s Link“ wandelt sich dann wieder nach H-Dur, die sonnenwarme Realität wendet sich wieder ins Mystische [1].  „An Architect’s dream“ ist offenbar das erste Lied dieser Seite gewesen, die Keimzelle des Konzeptalbums. Es entstand 1998, während sie mit ihrem Sohn Albert schwanger war [6]. Die Freude über dieses vielleicht unerwartete Ereignis spiegelt sich im ganzen Song wieder. Faszination. Zärtlichkeit, Glück, Bewunderung, Freude, Wärme, die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Natur – all das sind die Inhalte. Diese Gefühle waren vielleicht so intensiv, dass sie zur Entfaltung eines ganzen Albums geführt haben. Und auch das ist für mich ein glückliches, faszinierendes Ereignis.     (© Achim/aHAJ)

[1] Kate Bush: Aerial (Songbook), London 2006. Faber Music Ltd. S.77f
[2] Nils Hansson: „Surrealistic Washing“. Dagens Nyheter. 09.11.2005.
[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.268 (cis-Moll) und S.102ff (Fis-Dur).
[4] Hugo Cassavetti: „C’est Lenoir“, Interview Radio France, 11.11.2005.
[5] diverse Quellen. z.B. http://freimaurer-wiki.de/index.php/Bible_moralisee (gelesen 28.08.2017)
[6] N.N.: „I’m not some weirdo recluse“. The Guardian. 28.10.2005

Kate in Polaroids: November

An Architect’s Dream

Fotografen sind komische Menschen. Nach drei Jahrzehnten des Wartens hocken sie im Hammersmith Apollo, lauschen Kate Bush, und denken dabei über ihre Arbeit nach. So ist es zumindest MIchael beim Set von „A Sky Of Honey“ ergangen, als der Song „An Architect’s Dream“ erklang: „Beim Konzert in 2014 wurde mir an dieser Stelle bewusst, dass ich ebenfalls auf Zufall in der Fotografie baue.“ Das November-Polaroid ist dementsprechend passend ein schönes Beispiel dafür.  Michael hat einen abgelaufenen original Polaroidfilm verwendet, und sich überraschen lassen, welchen Effekt er damit erzielt. Man sieht den Sonnenuntergang, den Himmel, ein nicht definierbares Leuchten, ganz so, als ob sich die restliche Kraft der Sonne in etwas anderem widerspiegelt. Noch verblüffender ist, dass man ähnlich wie Michael beim Konzert den Eindruck hat, eine Bühne zu betrachten, sich vielleicht gerade erst der Vorhang hebt und das Motiv freigibt. Im Songtext von Kate heißt es direkt zu Beginn: „Watching the painter painting / And all the time, the light is changing / And he keeps painting“. Da trifft sich der Fotograf mit dem Maler, der Lichteffekte ganz wesentlich für sein Handwerk nutzt. Dennoch: So ganz kann die Aussage von MIchael, dass er auf den Zufall baut, nicht stimmen. Wer die bisherigen Polaroids betrachtet hat, mekrt sehr schnell, dass er nur wenig dem Zufall überlässt und die Motive wie von einem Maler eher komponiert oder von einem Architekten geplant wirken.

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Kate im Comic: 50 stilprägende Frauen

„Femme Magnifique“ heißt ein neues Comic-Buch, in dem 50 stilprägende Frauen vorgestellt werden, die Musik, Politik, Kunst und WIssenschaft beeinflusst und verändert haben. Präsentiert werden unter anderem Jane Fonda, Hillary Clinton, Nina Simone, Michelle Obama, Joan of Arc (!), Björk, Peggy Guggenheim, Laurie Anderson – und Kate Bush. Das Projekt wurde über eine kickstarter-Kampagne finanziert, beteiligt haben sich Comic-Zeichner aus der ganzen Welt, von den USA über Kanada, England und Singapur bis hin zu Indien oder Griechenland. Die Kampagne kam so gut an, dass die Macher deutlicher mehr Geld einsammelten und das Angebot ausdehnen konnten – ursprünglich sollten 30 Frauen geehrt werden. Für den dreiseitigen Comic zu Kate waren Gail Simone (für den Text) und Marguerite Sauvage für die Zeichnungen verantwortlich. Sauvage hat für Zeitschriften wie Elle oder Cosmopolitan gearbeitet, Marvel-Comics gezeichnet und für Marken wie Louis Vuitton, Apple oder Citroen gearbeitet. Gail Simone hat gemeinssam mit Sauvage für die „Wonder Woman“-Reihe gezeichnet und ist bekennender Kate-Fan. 2013 ließ Simone die „Red Sonja“-Reihe wieder auferstehen – nach dem Vorbild von Kate im Babooshka-Dress. Im Comic wird die Geschichte von Kate in Kurzform erzählt, dass sie ihre ersten Songs mit 13 geschrieben hat, mit Dave Gilmour einen prominenten Unterstützer hatte, dass sie die erste Frau in England war, die mit einem selbstgeschriebenen Song auf Platz 1 der Charts landete … und und und. Wie man anhand der Zeichnungen sehen kann, gibt es zu den wichtigsten Songs bekannte Motive und selbst Before the dawn ist verewigt. Besonders schön ist das Bekenntnis zum Schluss: „I love Kate Bush for the example she sets. That you can choose the art in your life, and the life of your art. That you can come from anywhere, and still bust clouds.“ Das Buch kostet 45 US-Dollar plus Versand.

2 CDs von Bleedingblackwood zu gewinnen

Wem die im letzten Beitrag vorgestellte CD „Record full of last Songs“ von Timo C. Engel und seinem Projekt Bleedingblackwood gefällt, der kann sie zwar auf bandcamp hören, aber noch viel schöner ist es natürlich, sie auch zu besitzen. Zwei Exemplare hat Timo zur Verlosung hier auf morningfog.de zur Verfügung gestellt, handsigniert natürlich. Wer im Lostopf landen möchte, schickt bitte bis zum 26. Oktober, 24 Uhr, eine Mail an: admin[at]morningfog.de. Unter allen Einsendern werden dann zwei Gewinner ausgelost und benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!

Update: Die Gewinner stehen fest und sind bereits benachrichtigt.

Musik ohne Regeln und ein Hauch von „The Dreaming“

Foto: Orange Ear

Es ist schräg, eigenproduziert, der Titel klingt nach einem Abschied und zu allem Überfluss liegt der Sänger auch noch nackt auf dem Plattencover: „Record full of last Songs“ heißt das Album, das Timo C. Engel unter dem Projektnamen „Bleedingblackwood“ schon 2016 veröffentlicht hat. Zu seligen Forumszeiten noch vor Kates „Aerial“ war Timo als DJ und Sänger unterwegs, arbeitete fürs Radio. „Kate war immer eine riesige Inspiration für mich“, erzählt Timo. „Mit 15 war natürlich in erster Linie die Musik ausschlaggebend und das Coverartwork der Platten. Das sie, ab ‚The Dreaming‘ alles zu Hause im eigenen Studio erarbeitet hat, ist natürlich etwas, was ich erst später zu schätzen wusste. Die Möglichkeit, im eigenen Studio zu arbeiten, herum zu experimentieren, das ist ein Traum, den ja mittlerweile jeder umsetzten kann.“ Genau letzteres hat Timo bei Record full of last Songs“ gemacht und es ist kein Zufall, dass er „The Dreaming“ als Inspirationsquelle nennt. 2006 gab es dann einen Bruch in seinem Leben. „Ich musste raus, brauchte einen Neuanfang. Eigentlich wollte ich auch gar keine Musik mehr machen, aber das ist wie atmen. Man kann mal die Luft anhalten, aber ganz aufhören zu atmen geht ja auch nicht.“ Also hat er wieder angefangen Musik zu machen, als Sänger in Bands, vor allem aber hat er mit Instrumenten herumexperimentiert. 2010 kam dann der endgültige Wechsel: Von Kiel ging‘s nach Berlin. Aber wie macht man Musik und schreibt Songs, wenn „das eigentliche Musikmachen“ gar nicht beherrscht? „Die Songs entstehen unterschiedlich. Ab und zu fange ich einfach an etwas zu summen, nehme das auf, loope das und erarbeite damit einen Song, indem ich da noch mehr Gesangspuren und Variationen darüber singe“, erklärt Timo. Hören kann man das zum Beispiel bei dem Song „Apple Tree Garden“, der noch relativ nah am Demo ist. Wer Timos Stimme hört, wird sich nicht darüber wundern, dass das funktioniert  er setzt sie wie ein Instrument ein und klingt dann bei „Apple Tree Garden“ unerwartet sanft und fast schon nach Bowie. Hinzu kommt aber noch seine ausgesprochene Leidenschaft für Musikinstrumente. Von Freunden hat er sich alte Instrumente schenken lassen und kauft immer wieder neue dazu. Ausgefallen sollten sie sein, also finden sich bei ihm ein altes Spielzeug-Piano, ein Glockenspiel, eine Zither oder ein altes Kuhhorn. Jüngste Neuerwerbung ist eine Ocarina aus Italien. „Das ist eine Tonpfeife, die einen wunderbar warmen, tiefen Klang hat“, erzählt er. Für die Aufnahmen experimentiert er mit den Instrumenten, nimmt Passagen auf, fertigt Loops, überspielt die so lange, bis alles passt. Der Song „I grow a tree“ ist ein schönes Beispiel für diese Vielfalt – da findet sich das Kuhhorn wieder, Glasflaschen, Rasseln mit muschelähnlichen Holzperlen oder aus länglichen, trockenen Bohnen, die Timo aus Afrika mitgebracht hat, ein Bamboophon und vieles mehr. „Ich habe den Großteil des Albums zu Hause in meinem Schlafzimmer unter recht primitiven Bedingungen aufgenommen – oft mit offenem Fenster. Und an manchen Stellen hört man Geräusche von draußen. Ich wohne zwar mitten in Neukölln, aber meine Fenster sind alle zum zweiten Hinterhof raus und wenn man genau hinhört, hört man ab und zu Geräusche vom Hinterhof. Zum Beispiel hat sich ein Krähenschrei in einen Loop bei dem Song ‚You should have known‘ eingeschlichen“, sagt Timo zum Entstehungsprozess seiner Songs. Die sind stellenweise so herrlich schräg, dass die Anklänge an „The Dreaming“ unüberhörbar sind. So kommt beispielsweise beim zweieinhalbminütigen „Last Night Lover“ gefühlt eine Brassband aus New Orleans um die Ecke und spielt den Hochzeitsmarsch für den, von dem nur noch der Geruch in der Bettdecke hängt und längst verschwunden ist. Oder ist es der Trauermarsch des Zurückgebliebenen? Einen Song später ertönt purer Techno-Beat. Bis die Songs soweit waren, war es ein hartes Stück Arbeit. „Irgendwann hatte ich so 25/30 Songideen und ein Freund sagte: Die sind gut. Wie ein vertontes Tagebuch. Mach was damit.‘ Eine andere Freundin sagte mir, du brauchst eine Deadline, sonst werkelst du in zehn Jahren noch daran herum“, erinnert sich Timo. Kurzentschlossen hat er sich die Deadline selbst gesetzt: er tat so, als ob die Songs fertig seien und vereinbarte einen Performance-Abend – einen Monat später. Timo: „Ich wollte alles live machen, also habe ich Freunde gefragt, ob sie das, was ich da eingesungen hatte, nachsingen würden und Lust hätten, in einem Monat aufzutreten.“ Das ist so gut angekommen, dass die gemischte Truppe drei Jahre lang gemeinsam aufgetreten ist. Erst danach ist dann die CD entstanden. Timo: „Der eigentliche Plan war, dass ich alles alleine einspiele und singe. Bei Kate liebe ich, wie sie oft ihre eigenen Backings und Chöre einsingt. Gerade bei solchen Songs wie ‚Mother stands for Comfort‘. Dadurch werden ihre Songs noch mehr ihre eigenen Songs. Aber es war dann einfach zu verlockend Leute zu fragen, die vielleicht noch ein paar Highlights beisteuern.“ Das reicht vom Chor bis zum Theremin, der „singenden Säge“ oder dem besagtem Bambus-Xylophon. „Ich mag es, Dinge zusammen zu bringen, die eigentlich nicht zusammengehören. Da ist dann halt mal ein gesummtes Lied, welches dann plötzlich in einen Trauermarsch, mit Trompeten und Posaunen umschlägt. Ich möchte mich selbst überraschen. Das ist das Schöne am Musikmachen: Es gibt keine Regeln. Du kannst machen, was du willst.“ Und genau das macht er, lässt sich musikalisch auch kaum verorten. Pop? Vielleicht. Experimentell? Bestimmt. „Ich sage ja immer, ich mache Pop. Langsamen, melancholischen Pop. Ich saß letztens mit ein paar Freunden zusammen und irgendwann haben wir unsere Musikrichtung ‚Spooky-Cosy‘ genannt. The Godfathers of Spooky-Cosy.“ Weder gespenstisch noch gemütlich sondern eher energiegeladen und intensiv wird es, wenn Timo in neuer Kombination mit der Cellistin Martina Bertoni auftritt. „Die hatte vorher mit so illustren Leuten wie Blixa Bargeld, Teho Teardo und Alexander Balanescu gearbeitet und war gerade frisch nach Berlin gezogen und hatte praktisch nur ihr Cello dabei. Ich gab ihr meine CD, wir probten einmal und eine Woche später hatten wir unseren ersten Gig. Und seit dem spielen wir zu zweit.“ Auftritte und neue Produktionen füllen ihn im Moment komplett aus. Ein Remix-Album von „Record full of last Songs“ ist in Planung, er schreibt Songs für ein neues Album, plant Videos. Bleiben noch zwei Fragen. Für jemanden, der einen Neuanfang wagt, klingt „Record full of last Songs“ doch eher nach einem Abschied. „Der Name der Platte kam daher, dass ich bei jedem neuen Demo  immer dachte: Das wird der letzte Song, auf der Platte. Das kann nur der letzte Song, auf dem Album werden!“, erzählt Timo.  Und sich nackt auf dem Cover räkeln? Auch das hat eine eigene Geschichte. Ein Freund in Oslo wollte ihn unbedingt malen. Nach mehreren Anläufen war Timo schließlich einverstanden. Als es später dann um die Frage ging, wie denn das Cover aussehen könnte, sagte der Freund nur: Du hast doch schon eins. Timo: „Und natürlich passt gerade die Nacktheit. Für mich ist es das persönlichste, was ich bis dahin musikalisch gemacht hatte. Ich hatte mich praktisch auch da ‚nackt gemacht‘.

Wer mehr über Timo und sein Projekt Bleedingblackwood erfahren möchte, wird hier fündig. Die CD kann man bei bandcamp hören (und bestellen).

Das Song-ABC: Running Up That Hill

Dieser Song ist einer der größten Single-Hits von Kate Bush und bis heute hat er nichts von seiner Faszination und seiner Wucht verloren. „Zu monumental für jede denkbare Kategorisierung“ – diesen Satz schrieb Ulf Kubanke [1] in einer Review zum Album „Hounds of Love“ und dies trifft ganz besonders auf diesen „Überhit“ [1] „Running up that Hill“ zu (unter Insidern unter dem Kürzel RUTH bekannt).
Er entstand im Sommer 1983 als erster Song des Albums [2] – ein hymnisch vorantreibender Titel voller Energie mit einem Grundteppich aus leisen Trommeln und einem orgelpunktartig eingesetzten Synthesizerakkord. Der Song handelt von der Unmöglichkeit, dass sich zwei Liebende wirklich verstehen können und wie verlockend es wäre, für eine kurze Zeit die Körper tauschen zu können und in die Seele des Gegenüber einzutauchen. Er ist energisch und perfekt gesungen – offenbar handelt es sich um eine sehr energiegeladene Beziehung, in der die Funken fliegen. Es ist bei jedem Wiederhören zu spüren: „Running up that hill“ ist besonders, ungewöhnlich. Hinter dem Kleid einer Hitsingle versteckt sich etwas Tiefergehendes. Ulf Urbanke fasst das sehr gut zusammen [1]: „Der Überhit „Running Up That Hill“ wartet mit einer der prägnantesten Synthie-Hooks aller Zeiten auf. Für diesen Deal mit Gott packt sie etwas Forderndes, nahezu Eiferndes in den Gesang. Das verleiht dem Song eine Intensität, die fast allen Pophits ganz und gar fehlt.“
Der Song behandelt einige der Grundthemen von Kate Bush – die Komplexität von Zweierbeziehungen, die Unterschiede zwischen Mann und Frau, die Angst vor dem Verlust, das gegenseitige Nichtverstehen.
„I am very excited about how it’s been received by people! It’s so rewarding after working for a long time to see that your work is being received with open arms. This song is very much about two people who are in love, and how the power of love is almost too big for them. It leaves them very insecure and in fear of losing each other. It’s also perhaps talking about some fundamental differences between men and women.“ [3]
Im Song sinniert die Protagonistin über diese schwierige Situation und erträumt sich eine radikale und ungewöhnliche Lösung – ein Handel mit Gott, um die Plätze zu tauschen und die Perspektive des Partners zu verstehen.
„I was trying to say that, really, a man and a woman, can’t understand each other because we are a man and a woman. And if we could actually swap each others roles, if we could actually be in each others place for a while, I think we’d both be very surprised! [Laughs] And I think it would be lead to a greater understanding. And really the only way I could think it could be done was either… you know, I thought a deal with the devil, you know. And I thought, „well, no, why not a deal with God!“ You know, because in a way it’s so much more powerful the whole idea of asking God to make a deal with you.“ [4]
„Deal with God“ sollte der Titel auch heißen – aber hier sah sich Kate Bush mit einem ganz anderen Problem konfrontiert. „Gott“ im Titel einer Single – religiös geprägte Länder würden das angeblich nicht im Radio spielen.
„You see, for me it is still called „Deal With God“, that was it’s title. But we were told that if we kept this title that it wouldn’t be played in any of the religious countries, Italy wouldn’t play it, France wouldn’t play it, and Australia wouldn’t play it! Ireland wouldn’t play it, and that generally we might get it blacked purely because it had „God“ in the title. Now, I couldn’t believe this, this seemed completely ridiculous to me and the title was such a part of the song’s entity. I just couldn’t understand it. But none the less, although I was very unhappy about it, I felt unless I compromised that I was going to be cutting my own throat, you know, I’d just spent two, three years making an album and we weren’t gonna get this record played on the radio, if I was stubborn. So I felt I had to be grown up about this, so we changed it to „Running Up That Hill“. But it’s always something I’ve regretted doing, I must say. And normally I always regret any compromises that I make.“ [4]
Bei diesem Problem musste also selbst eine Frau mit einem so eisernen Willen wie Kate Bush einem Kompromiss zustimmen. Man kann in jedem ihrer Worte spüren, wie wenig ihr das gefällt. So kam der Song also zu seinem Titel „Running up that hill“ und „A deal with god“ taucht nur noch als Untertitel auf.  Für mich passt der neue Titel aber auch sehr gut, weil er die Grundstimmung des Songs wiedergibt: „It’s meant to be the positivism of going somewhere. Climbing up a mountain, going up. It might be hard but you are getting there.“ [5]
Bei Textzeilen wie „You never understood me, you never really tried“ kam natürlich in den Interviews die Frage nach einem autobiographischen Hintergrund auf. Wie immer bei solchen Fragen verneint das Kate Bush.
„I think everyone at some times feels misunderstood. But I can’t think of any song that I would say was truly autobiographical. There’s something of me in every song, in that I’m expressing something I’m hoping is interesting. But I don’t think they’re truly autobiographical comments in any way.“ [6]
Der Beginn beschwört die Stimmung einer heidnischen Zeremonie hervor. Ein sirenenhafter Synthesizer-Klangteppich blendet auf, bildet dann einen permanenten Hintergrund, der beständig in der Art eines Orgelpunkts durchgehalten wird und nur ab und zu akzentuiert wird. Dieses Aufblenden zu Beginn ist, als ob der Zuhörer zugeschaltet oder einbezogen wird. Dazu ertönen permanente, drängelnde Trommeln und schließlich das so charakteristische Eingangssignal. Dies ist ein magischer Ritus. Diese Eingangstakte bildeten auch die musikalische Keimzelle des Songs.
„I had an idea of what I wanted to say in the song and I actually asked Del to write me a drum pattern, and he wrote this great pattern in the drum machine. So I just put the Fairlight on top of it and that was the basis of the song, with the drum, which played quite an important part. “ [4]
Die Singstimme ist meist sehr energisch und durchsetzungsfähig, ist aber auch zu fast zärtlichen Tönungen fähig („It’s you and me“). Ein stimmloser Chor singt dazu und bildet einen weiteren Teil des Klangteppichs im Hintergrund. Das ganze Lied sprüht vor Energie, es reißt einen mit, ist ein energiegeladenes, entschlossenes Vorwärtsdrängen. Bei „Let’s exchange the experience, oh…“. brechen plötzlich Trommelschläge herein wie eine Eruption. Dieser Effekt wird dann mehrmals wiederholt, dies steigert das energische Vorandrängen noch. Zum Schluss übernehmen E-Gitarren-ähnliche Töne die Aufgabe der drängenden Trommeln. Die Chorus-Stimmen werden wilder und ekstatischer, sie werden auch präsenter und individualisiert. Es ist nicht mehr nur ein Klangteppich, Einzelstimmen heben sich ab. Der Klangteppich klingt zum Schluss solo einfach aus und der Schluss bildet so ein Spiegelbild des Beginns. Die Zeremonie ist zu Ende.
Auch die tonale Gestaltung ist wieder sehr interessant (die folgenden Details aus [7]). Das ganze Lied über wird ein strikter 4/4-Takt durchgehalten, es gibt kein Ausweichen vor dem energischen Vorwärtsdrängen. Die Tonart ist ein  c-Moll; As-Dur-Akkorde, B-Dur-Akkorde und g-Moll-Akkorde kommen zum c-Moll-Akkord dazu. Diese vier Akkorde prägen das ganze Lied, angeordnet in den Akkordfolgen As-Dur/B-Dur/c-Moll und As-Dur/B-Dur/c-Moll/g-Moll. Auf „You. It’s you and me wont’t be unhappy“ kommt es zu einer Ausweitung, es kommen der Es-Dur-Akkord und der f-Moll-Akkord hinzu und ergeben eine neue Färbung. Hier ist die Akkordfolge As-Dur/Es-Dur/f-Moll. Diese drei Akkordfolgen aus verschränkten Dur/Moll-Parallelen (B-Dur/g-Moll, Es-Dur/c-Moll, und As-Dur/f-Moll sind jeweils Dur/Moll-Parallelen) bilden das Gerüst des Songs. Sie enden immer auf einem eher pessimistischen Moll-Akkord. Die strikte Verwendung dieser drei Akkordfolgen verstärkt das Beschwörende, intensiviert die rituelle Komponente des Songs.

Hält man sich an die Tonartencharakteristiken von Hermann Beckh [8], so sieht man, dass hier ganz weit auseinanderliegende Gefühlwelten miteinander verbunden werden. Die Protagonistin ist in ihren Gefühlen hin und her gezogen. Es-Dur und c-Moll haben einen starken, positiven, kämpferischen Charakter. C-Moll steht von allen Tonarten am festesten auf der Erde, es steht für eigene Kraft und Stärke, für Verwurzelung auf dem Boden, aber auch für die Tragik des Irdischen. Es ist die Haupttonart des Songs und drückt klar dessen kämpferischen Charakter und die Stärke der Protagonistin aus. Wie später in „The Fog“ und „Lily“ wird diese Tonart auch hier im Zusammenhang mit einer Anrufung der positiven Mächte benutzt. Es-Dur ist die Tonart der Feier, die geistige Sonne scheint hier am hellsten. „Das Schauen der Sonne um Mitternacht“ nennt das Beckh.

F-Moll ist tonartlich das Düsterste, was es in der Musik überhaupt gibt. Es steht für die Todesahnung, den Todesschatten. Es symbolisiert die Nacht, in der es keine Erlösung mehr gibt, das Unerlöste, nicht mehr zu Erlösende. Die Dur-Parallele As-Dur ist dagegen das Licht in der Finsternis, es ist eine mystische Tonart. Ein Licht beginnt aufzuleuchten, wo wir bisher nur Dunkel vermuteten.
B-Bur ist halbdunkel, helldunkel, es ist eine Liebestonart, steht aber auch für feste Glaubenszuversicht. Bezeichnenderweise erklingt der B-Dur-Akkord immer zum Wort „God“ [7]. G-Moll ist im Gegensatz dazu klagend, mehr tragisch; es fehlt die Ahnung und Hoffnung auf Licht, die B-Dur erahnen lässt.

In den Akkordfolgen wird die Zerrissenheit der Situation deutlich. Die Folge As-Dur/B-Dur/c-Moll lässt zu Beginn ein Licht in der Finsternis aufleuchten (die Beziehung ist komplex und verworren) und drückt dann die feste Zuversicht in die Liebe aus (es ist verworren, aber sie lieben sich dennoch). Es folgt das Bauen auf die eigene Stärke und das Vertrauen auf die eigene Stärke (die Protagonistin will und wird die Probleme lösen). Kommt dann noch der g-Moll-Akkord als Abschluss dazu, dann verliert sich die Protagonistin dennoch in Zweifeln.
Die Akkordfolge As-Dur/Es-Dur/f-Moll zu „You. It’s you and me wont’t be unhappy“ ist zerrissener. Das aufleuchtende Licht in der Finsternis führt zur Siegeszuversicht, zum Erahnen der Sonne in der dunklen Nacht. Aber es folgt der tiefe Absturz, es ist trotzdem Nacht, die Nacht, in der es keine Erlösung gibt. Die Tonarten dieser Akkordfolge deuten an, dass die Beschwörung der Protagonistin vielleicht doch keinen Erfolg haben wird. Gott antwortet nicht in dieser Musik. Zum Glück endet der Song auf einem lang angehaltenen c-Moll-Akkord. Das Vertrauen in die eigene Stärke siegt (aber vielleicht ist die Beziehung nicht zu retten).

Ich kann nicht über den Song reden, ohne zum Schluss auf das Video einzugehen. Es gehört für mich zu den schönsten Musikvideos überhaupt. Passagen aus klassischem Tanz werden mit surrealen Sequenzen gemischt, in denen Kate Bush und ihr Tanzpartner Michael Hervieu den Weg zueinander suchen durch eine Menge von maskierten Fremden. Zum Höhepunkt befinden sich sie weit von einander entfernt in einer Menge von Menschen, die jeweils das Gesicht der beiden Partner als Maske tragen.
MTV hatte 1985 offenbar Schwierigkeiten mit einem so ambitionierten Video. „MTV chose not to show this video (at the time of its original release) and instead used a live performance of the song recorded at a promotional appearance on the BBC TV show Wogan. According to Paddy Bush, ‚MTV weren’t particularly interested in broadcasting videos that didn’t have synchronized lip movements in them. They liked the idea of people singing songs.'“ [9]
Dieses Ersatzvideo zählt für Kate Bush nicht. Es ist eine „TV performance that we did in England to promote the single. And I don’t do very many TV performances. It concerns me that to try and to do everything you can and put as much effort into it, and sometimes its very difficult to make things look good in TV situations. But that was a live TV and we presented it that way for the British audience. It wasn’t my intention that that clip would be shown anywhere else at all, apart from that one live performance in England. And it was something that the record company wanted to use here, and that’s why you’re seeing that. From my point of view, the expression visually that goes with that song is the film that we made that is the dance video. And the other one is really for me just a one-off TV.“ [6]
Das ursprüngliche Musikvideo ist als klarer Gegenentwurf zu den damals üblichen Videos gedacht, die nach Kate Bushs Einschätzung die Möglichkeiten des Tanzes nicht ausschöpfen. „During the gap between the last and this album, I’d seen quite a few videos on television, that other people had been doing. And I felt that dance, something that we’d be working in, particulary in the earlier videos in quite a foreway, was being used quite trivially, it was being exploited: haphazard images, busy, lots of dances, without really the serious expression, and wonderful expression, that dance can give. So we felt how interesting it would be to make a very simple routine between two people, almost classic, and very simply filmed. So that’s what we tried, really, to do a serious piece of dance. [10]
Der Dreh des Videos erforderte intensives Training und eine sorgfältige Vorbereitung. „The video took eight weeks: six weeks‘ training and choreography working with Dyane Gray, and three days shoot, plus editing and various meetings.“ [11] Die surrealen Details kamen dann im Laufe der Vorbereitung hinzu. Die Frage nach dem Ursprung der Masken erläuterte Kate Bush in einem Interview: „Well that was very much a coincidence, where the director was talking about these masks and I had a film on video that we’d taped that had a section where people were wearing these photographic masks. And we just felt that it was a really interesting idea, this crowd that would suddenly sorta rush in through the dance sequence. And the idea of the crowd being the force of either the man or the woman and so the faces change from the man to the woman. And then the idea of drowning in yourself. Just sorta those kinda plays on things. [6]
Herausgekommen ist ein Video, das auch heute noch beeindruckt. Ich bewundere die Tanzszenen, da ist für mich pure Schönheit, traumverlorene Emotion, zwei Personen als Einheit. Hier ist die Zerrissenheit aufgehoben.
„Running up that hill“ ist ein zeitloser Klassiker, ewig jung, nicht alternd, ein Juwel. Das sehen nicht nur die eingeschworenen Fans von Kate Bush so – er dürfte auch heute noch der am meisten im Radio gespielte und am meisten gecoverte Klassiker von Kate Bush sein. Ich muss los .. muss ihn wieder hören … brauche Musik, deren Energie mich zerreißt … tschüss!     (© Achim/aHAJ)
[1] Ulf Kubanke: Zu monumental für jede Kategorisierung. http://www.laut.de/Kate-Bush/Alben/Hounds-Of-Love-17081  (gelesen 08.09.2017)
[2] Graeme Thomson: Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S.258
[3] Kate Bush: Hounds Of Love songs. KBC article Issue 18.
[4] Richard Skinner: Classic Albums interview: Hounds Of Love. Radio 1. Interview gesendet 26.01.1992.
[5] Phil McNeil: Kate Bush Isn’t Your Everyday Songwrite. Star Parts(?). Datum unbekannt.
[6] J.J. Jackson: Uneditet. MTV. November 1985
[7]  “Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.142ff
[8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.124-126 (Es-Dur/c-Moll). S.196-198 (As-Dur/f-Moll), S.245-248 (B-Dur/g-Moll)
[9] https://en.wikipedia.org/wiki/Running_Up_That_Hill  (gelesen 08.09.2017)
[10] Good Rockin Tonight. Nan Devitt(?). November. 1985
[11] Kate Bush: An Interview With Auntie Hetty. KBC article Issue 20.

Paddy im Interview: Kate arbeitet an einem neuen Projekt

Foto: Stefan Franzen

Im zweiten Teil des Interviews mit Paddy geht es nochmal um die Musik Madagaskars, um Paddys musikalischen Projekte, um seinen Beitrag zu den Before the dawn-Konzerten und die wichtigste Frage überhaupt – wie sieht es mit einem neuen Kate-Projekt aus?

Kehren wir nochmal zur madagassischen Musik zurück. Du bist einer der wenigen Europäer, wenn nicht der einzige, der die madagassischen Instrumente spielt. Was macht es für Europäer so schwierig, sie zu spielen? Sind das wirklich bloß die Rhythmen?

Paddy: Die Rhythmen sind unglaublich schwierig. In traditioneller europäischer Musik gibt es immer eine Wechselbeziehung zwischen den Beats und den betonten Noten der Melodie. Du schlägst also automatisch mit dem Fuß den Takt. So aber funktioniert madagassische Musik nicht. Die Betonung des Beats kann sich verschieben. Die Madagassen verstehen das, Leute von auswärts nicht. Die Madagassen schlagen den Takt an einer ganz anderen Stelle als da, wo die Europäer den Rhythmus hören. Es dauert unglaublich lange, bis man lernt, wie man die Betonung verschiebt. Nur wenn du madagassische Perkussion studierst, kannst du das schaffen. Die Musik der Tromba wird immer von einer Rassel namens Kaiamba begleitet, ein verschobener Rhythmus. Du denkst, du hörst die starke Zählzeit, aber der Rhythmus liegt auf dem nächsten Beat. Vielleicht zählen sie für einen 12/8-Takt also vier Gruppen von drei. Die erste Note des Songs ist oft gar nicht hörbar, die letzte Note einer Melodie kann die erste sein. Eine magische Symmetrie. Ich habe zwei Alben mit einem sehr talentierten madagassischen Musiker namens Paskaal Japhet produziert. Ein sehr cleverer Perkussionist und Komponist. Als Bezahlung für die Produktion bat ich ihn, mir die Rhythmen in all meinen Lieblingsstücken seit den 1980ern zu markieren. Das war die Hölle!  Keines der Stücke, die ich gelernt hatte, hatten die Rhythmusbetonung dort, wo ich sie vermutet hatte. Den Paddy, den du heute vor dir siehst, ist ein bisschen wie ein Phönix, der aus der Asche aufgestiegen ist. Denn ich hab die madagasssiche Musik drei mal aufgegeben. Das letzte Mal, das ich sie aufgegeben hatte, war ich so desillusioniert, dass ich stattdessen anfing, Glasbearbeitung zu lernen. Eine Sache, die die Ahnenverehrung begleitet, ist die: Für deine Probleme verschreibt man dir bestimmte Perlen. Die Ahnen kennen deine Probleme, und wenn du an einer Zeremonie teilnimmst, dann werden sie dir verschiedene Perlen verschreiben, und die haben fantastische Namen. Es ist wie Schmuckmedizin. Die Namen, die sie tragen, sind etwa: „Lass dich nicht herumschubsen“ oder „König der Welt“ oder „Zusammenhalt“, es gibt Hunderte von ihnen und die Madagassen kennen sie alle auswendig. Doch seltsamerweise sind sie alle aus Plastik. Diese Perlen beschützen dich, geben auf dein Vieh acht, bringen Liebe in dein Leben, bewahren dich vor dem Bösen. Doch auf meiner gesamten Reise habe ich nie eine einzige Perle aus Glas gesehen. Plastik ist halt billiger. Wenn du also deine Liste von verschriebenen Perlen mit auf den Markt nimmst, dann gehst du in den Teil wo sie Kräutermedizin verkaufen. Viele Leute tragen diese Perlen, aber niemals aus Glas. Als die madagassische Musik mir also zum dritten Mal eine Niederlage zufügte, habe ich sie komplett aufgegeben, zwei Jahre lang, und ich habe mich total auf die Herstellung von Perlen aus Glas konzentriert. Die wurden sehr erfolgreich in Madagaskar. Ich hatte eine hochbegabte Lehrerin namens Diana East. Ihr brachte ich die madagassischen Plastikperlen und fragte sie, wie man die aus Glas machen könnte.

Was hat dich dann doch wieder zur Musik zurückgebracht?

Paddy: Eines Tages ist etwas passiert. Ich spielte bei einer Aufnahme mit einer Rassel mit. An der Rassel zeigt sich, ob du madagassische Rhythmen verstehst oder nicht. Wegen dieser verschobenen Zählzeiten wurde ich jedes Mal, wenn ich die Musik hörte, ängstlich, denn ich verstand sie nicht. Ich fühlte mich wie ein Heuchler, als würde ich diese Musik nur imitieren, wie ein Chinese, der einen Elvis Presley-Song singt, nur dass das hier auch noch in einem spirituellen Kontext geschah. Sie sagten zu mir: „Paddy, wir sehen ja, dass du die Rhythmen nicht verstehst. Aber was du mitbringst, ist Liebe! Und die hören wir, wenn du spielst. Und eines Tages wirst du die Rhythmen verstehen.“ Eines Tages also spielte ich mit der Rassel und mir fiel etwas auf, was ich zuvor nicht bemerkt hatte: Der Rhythmus der Rassel schien sich zu verschieben. Und irgendetwas in mir, was nicht intellektuell war, fand seinen Weg. Ich fühlte mich, als würde ich zuhören und nicht, als würde ich es beeinflussen. Ich wurde mir bewusst, dass ich eine unglaubliche Ignoranz gegenüber der Formbarkeit von Rhythmus hatte. Die ganze Zeit kamen meine Wurzeln aus der Folkmusik zurück und zwangen meinen Fuß, den Takt falsch zu schlagen. Und ich fragte meine madagassischen Freunde: „Wie könnt ihr da den Takt klopfen und hier spielen? Und sie lachten einfach. Aber als es das erste Mal klappte, da war es mehr als magisch. Der ganze intellektuelle Scheiß wurde ausgeblendet und plötzlich hatte ich eine ganz andere Beziehung zum Rhythmus. Es hat alles verändert. Ich habe erneut die Stücke von Pascal angehört und bekam keine Angst mehr. Denn ich konnte den Beat hören und er war schon vor dem Einsatz der Rassel da. Er ist an einem unsichtbaren Platz. Endlich hat der Rhythmus zu mir gesprochen. 25 Jahre habe ich gebraucht, um die madagassische Musik zu verstehen. Die Musik in Madagaskar unterscheidet sich von Region zu Region so stark, dass die Menschen die Traditionen ihrer Nachbarregionen nicht verstehen. Sie verwenden die gleichen Rhythmen und Skalen, aber sie können sie nicht verstehen. Als Justin zum ersten Mal die Musik der Vezo-Fischer aus dem Südwesten hörte, dachte er, dass es nicht ein Solist auf der Marovany sei sondern zwei. Der Gitarrist hat ihn darauf aufmerksam gemacht: „Justin, das ist ein einziger Typ, der das spielt!“ Justin pfiff durch die Zähne und schaute ziemlich verzweifelt. Die Leute vom Hochplateau verstehen nicht unbedingt die Rhythmen aus dem Süden und umgekehrt. Aber es gibt eine Art magische Brücke zwischen der Musik der Küstenregion und der des Hochplateaus, und das ist Rakotozafy. Jeder liebte Rakotozafys Melodien. Die Merina-Leute sagten: „Ok, er ist nicht von hier, aber er hat wirklich sehr schöne Melodien.“ Das gleiche gilt für die Leute an der Küste: Sie denken, er lebt noch, obwohl er 1970 gestorben ist.

Wie siehst du deine Rolle als Produzent von madagassischer Musik? Wolltest du mit den Alben, die du für Justin und Paskaal Japhet gemacht hast, die madagassische Musik in die Zukunft bringen, sie zugänglicher für Europäer und vielleicht sogar für die madagassische Jugend machen?

Paddy: Ich denke, das stimmt. Ich sehe meine Rolle als Produzent wie ein unsichtbares Bindeglied zwischen dem Musiker und seiner Musik. Justin oder Pascal sind vertraut mit der Arbeit in einem Vielspurstudio. Ich wollte nicht, dass sie sich zu sehr mit der technischen Seite befassen. Alle frühen Alben von Kate sind ja entstanden wie die Malerei in der Decke der Sixtinischen Kapelle. Da passiert so viel auf den verschiedensten Ebenen! Die 1970er waren voll mit Alben, die im Studio zusammengesetzt wurden, das war das Handwerk, das wir gelernt haben. Madagassische Musiker mit ins Studio zu nehmen und mit ihnen das Gleiche zu tun, hat ihre Musik in einer Art und Weise befreit, zu der sie vorher nicht fähig gewesen wären. Aber ich muss sagen, auch wenn es fantastisch ist, die Sixtinische Kapelle im Studio zu malen, ist es kein Ersatz für eine wirklich herausragende Liveperformance, wie zum Beispiel einige Sachen, die ich im Vortrag  gespielt habe, zum Beispiel Justin Renés Akkordeon. Kein Multi-Tracking, kein Hall, nichts. Für mich ist es eine atemberaubende, fantastische Sache, dass es Musiker gibt, die zu so etwas fähig sind, mit nichts anderem als ihrem Instrument. Sie nehmen dich an einen Ort mit, und egal, wie viele Sixtinische Kapellen du gestaltet hast, das kannst du nicht vergleichen mit so mancher Musik in Madagaskar. Für mich hat das die Musik von allen anderen Orten der Welt verdorben, nichts klingt so gut, wie die madagassische Musik. O.k., nicht alles aus Madagaskar klingt fantastisch. Es gibt furchtbares Zeug. Ein Genre, das Justin liebt und ich nicht ausstehen kann. Eine Art milde klassische Musik, in der mehrstimmiger Gesang vorkommt, der sehr schmalzig ist, für mich eine Folter. Aber Justin liebt es und ich schaue ihm gern zu, wie er darauf reagiert! Und es gibt auch schlimme Popmusik. Ich habe davon gesprochen, wie bedroht madagassische Tradition ist, da die Musik von woanders so beliebt ist. Aber die Madagassen spielen immer noch ihre madagassische Musik. Sie spielen sie auf Gitarren und Keyboards, und statt der Rassel haben sie nun einen ganzen Schlagzeugaufbau. Doch die Musik, die sie damit mache,n ist immer noch ein Teil der lebendigen Tradition, sie spielen sie halt auf westlichen Instrumenten.

An dieser Stelle macht Paddy einen langen Exkurs über die madagassische Spiritualität, der in einer unglaublichen Anekdote gipfelt: Als eine große Anzahl von Riesenschildkröten aus einer Aufzuchtstation gestohlen wurde, hat er diese mithilfe eines Mediums wiedergefunden, das ihm den exakten Aufenthaltsort des Diebesgutes auf der Insel La Réunion verriet. Die Polizei wollte den Angaben zunächst gar nicht nachgehen, doch die mit einer Nummer gekennzeichneten Tiere waren tatsächlich dort. Ich schwanke mittlerweile zwischen Faszination über seine Geschichten und einem ständigen Unbehagen über die fortgeschrittene Zeit. Schließlich wartet seine Freundin Eva Keller schon lange auf die Abfahrt…Und so wage ich die Schlusskurve mit einigen wenigen Fragen zur Gegenwart und Zukunft.

Paddy, du hast heute Abend im Vortrag „Love And Anger“, „Eat The Music“ und „The Red Shoes“ gespielt, sehr hörbare Einflüsse auf die Musik von Kate. Wie sieht es heute aus? Bist du immer noch als musikalischer Ratgeber für sie tätig?

Paddy: Vor drei Jahren haben wir zusammengearbeitet. Für „Before The Dawn“ lud sie mich ein, einigen beteiligten Musikern bei bestimmten verwendeten Instrumenten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Jetzt gerade arbeiten wir an völlig verschiedenen Sachen. Was Kates Projekt betrifft, darüber kann ich dir nichts sagen, das ist geheim. Das tut mir sehr leid! Ich selbst arbeite an zwei CDs, die 2018 veröffentlicht werden, eine neue CD mit Justin Vali und ein neues Bushtucker-Album mit meinem Freund Colin Lloyd-Tucker. Da freue ich mich sehr drauf, denn beim ersten Album hatten wir eine Plattenfirma, die nicht gerade aufrichtig war. Wir wissen, dass wir einen Haufen Platten verkauft hatten, und sie haben uns die exakten Zahlen verheimlicht. „Skypscraping“ war ein absolutes finanzielles Desaster. Dieses werden wir ganz unter unserer Kontrolle halten. Das Justin Vali-Album wird sich aus dem Material heraus entwickeln, das wir für die BBC gemacht haben. Wir haben ein paar Stücke für sie aufgenommen, die auf dem „10 Years of World Routes“ drauf sind. Mein Albtraum war es, dass die BBC mich fragen würde, live zu spielen. Lange im Voraus hatte ich ihnen gesagt, dass ich das niemals tun würde. Und dann kamen wir zum Festival und der Produzent sagte: „Würde es euch was ausmachen, eine Livenummer zu spielen? Und ich konnte mich selbst sagen hören: „Kein Problem!“ Da waren wir also und spielten dieses wunderbare Stück. Und in dem Moment fühlte ich, wie es im ganzen UK aus den Radios kam, im schottischen Hochland, im Süden, und wie es über den World Service der BBC in die ganze Welt ausgestrahlt wurde. Es war ein wunderschönes Gefühl, es fühlte sich richtig an. Im Unterschied zu allem, was ich in der Folk-Welt oder im Popmusikgeschäft getan hatte, ist das Musik, die etwas ganz Besonderes in sich trägt. Wenn du einmal eine Vorliebe für madagassische Musik entwickelt hast, dann klingt alles Andere nicht mehr so gut. Also: Diese beiden Sachen werden nächstes Jahr rauskommen.

Ich glaube jeder, der bei einer der „Before The Dawn“-Shows dabei war, wird sein Leben lang davon erzählen. Was hat dir an den Konzerten am besten gefallen?

Paddy: Kate hat die „Before The Dawn“-Shows vor allem gemacht, um das unglaubliche Talent ihres Sohnes Bertie zum Leuchten zu bringen. Ich bin wahnsinnig stolz auf ihn, er ist ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Er studiert im Moment Physik in Oxford auf einem sehr hohen Level. Für mich ist er der perfekte Renaissance-Mann, es gibt nichts, was er nicht tun kann: Bertie kann schauspielern, er kann Instrumente spielen, er kann singen, tanzen und er kennt sich mit Astrophysik aus. Zum Geburtstag habe ich ihm die Feynman Lectures geschenkt, das sind sehr komplexe physikalische Theorien, Bücher so dick wie Telefonverzeichnisse voll mit Formeln. Ich habe sie ihm gekauft, um zu testen, wie ernsthaft sein Interesse an Physik tatsächlich ist. Er hat das in ein paar Tagen durchgeackert und alles verstanden. In diesen Konzerten gab Kate ihm also die Gelegenheit, seine Talente vorzustellen. Er hat eine große Zukunft.
Aber natürlich ging es in den Konzerten nicht nur darum, es gab auch andere wunderbare Momente, aber Kates Liebe für ihren Sohn war nur eines der Dinge. Die Zeitlupenfilme, die sie verwendete, als die den Flug der Vögel zeigte, Vögel, die spirituelle Wesen wurden. Diese wunderbaren slow motions, die perfekt mit ihrer Musik verschmolzen sind. Fantastisch. Und der Minimalismus und die Strangeness, die die Kulisse ausstrahlte, die Bühne hatte eine einfach umwerfende Atmosphäre. Die größte Magie in diesen Shows für mich war aber Kate, wie sie da am Klavier saß und sang. Das ist die wahre Kate Bush, die ich kenne. Die Muse, die bei ihr ankam, als sie zehn Jahre alt war. Die Beziehung, die sie zum Piano hat, ist etwas, das so grundlegend und tief ist. Sie ist eine wunderbare Tänzerin und Schauspielerin, aber die Krönung für mich war, wie Kate am Piano sitzt. Diese Momente aus den Konzerten gehen mir immer noch im Kopf herum. Das war so wunderschön. © Stefan Franzen