Kaffeeklatsch: Kates Musik in Krisenzeiten

Ein Kaffeeklatsch in Corona-Krisenzeiten? Warum nicht?! Irgendwie muss man die #wirbleibenzuhause-Phase überstehen – und mit Musik von Kate könnte das vielleicht ein bisschen besser gelingen. Eine gute Gelegenheit, sich die Remaster der Reihe nach anzuhören, jeden Tag eine neue Top-Ten-Liste der besten Kate Songs zu erstellen oder einfach mal wieder zu einem Kate-Album zu greifen, welches man schon länger nicht mehr gehört hat. Im Kaffeeklatsch mit Beate Meiswinkel geht es um Mutmacher-Lieder, Wertschätzung und die Relevanz von Kates Songs in diesen Zeiten.

Du hast schon drei Wochen des Zuhause-Seins hinter und weitere Wochen mit Homeoffice vor Dir. Bist Du schon so verzweifelt, dass Du fleißig das buddhistische Mantra Om mani padme hum aus Strange Phenomena mitsingst und Dich Schritt für Schritt zum Juwel in der Lotusblüte entwickelst?

Beate: Om mani padme hum chante ich tatsächlich gelegentlich… Im vorigen Jahr habe ich Kirtan-Singen und das Chanten von Mantras für mich entdeckt. Das und andere Meditationsübungen können wirklich helfen, dass man sich besser fühlt. In der aktuellen Situation gehe ich jeden Tag durch unterschiedliche Stimmungszustände: da sind Ratlosigkeit, Angst, manchmal Verzweiflung. Dann sind da auch wieder Hoffnung, Entspannung, Entschleunigung… Verwunderung. Wie schnell die Welt sich verändert hat… Strange Phenomena, in der Tat… Ich habe vor einigen Tagen zu Aerial gegriffen und mich in An Endless Sky of Honey fallen lassen. Dieses Gefühl von Zeitlosigkeit habe ich zurzeit öfter… somewhere in between, das sind wir gerade, zwischen dem Ticken der Uhrzeiger. Viel beruflicher Stress ist abgefallen… wird allerdings anderweitig erzeugt. Homeoffice ist gar nicht sooo einfach. Wie geht es dir denn in diesen Zeiten? Und findest du deine Stimmungen auch in Kates Musik wieder?

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Mich hat es nach einem Nepal-Urlaub erwischt, ich fand mich plötzlich auf einem OP-Tisch wieder. Dementsprechend wechselt die Stimmung aktuell sehr stark. Passend zu Nepal habe ich zuletzt oft Wild Man gehört, weil ich am Annapurna gewandert bin und abends ein Everest-Bier geschlürft habe, auf dem ein Yeti abgebildet war. Weil Achim mir vor ein paar Tagen die Analyse zum Song The Red Shoes zugeschickt hat, stand das Lied dann auch ganz oben auf der Liste. TRS ist wie Eat the music sehr beschwingt und kann in diesen besonderen Zeiten einfach gute Laune verbreiten. Wenn’s dann die getragene Variante sein soll, bietet sich natürlich das beste Kate Bush-Cover an, das Peter Gabriel jemals geschrieben hat: Don’t give up. Das ist so ein Mutmacher-Lied, wie es besser nicht passen kann. Was ist Dein persönliches Mutmacher-Lied von Kate?     

Beate: Was für heftige Erfahrungen: Nepal bereisen, und anschließend dann eine Operation… ich hoffe, es geht dir wieder gut! Mutmacher-Lied… Da sollte ich wohl an erster Stelle Walk straight down the middle stehen. Obwohl es auf der Sensual World-LP als Bonus Track erschienen ist, ist es für mich sowohl integraler Bestandteil des Albums als auch sehr wesentlich für mich persönlich. Es zeigt einerseits auf, wie man durch schwierige Zeiten trotz aller Ängste und Befürchtungen hindurch gehen kann und wird. Andererseits spricht es den Weg der Mitte an, einen Weg des Ausgleichs von Extremen. Ein weiteres sehr ermutigendes Lied ist Constellation of the Heart… durch unbekannte Weiten des Alls mit einer neuen Konstellation konfrontiert zu werden… da ist unsere Astronautin aufgefordert, sich der Situation zu stellen… der Herausforderung, neues Glück zu finden. Doch das verlangt Mut. Mir gefällt, wie leichtfüßig und fröhlich Kate das musikalisch angeht, ohne oberflächlich zu bleiben. Viele Familien und Paare sind ja nun „aufeinander zurückgeworfen“ durch die Isolation der Quarantäne oder des Shutdown. Da kann man sich zuweilen nicht ausweichen. Und Wege finden, miteinander zu sein und einander zu verstehen… Ich musste unwillkürlich an Running up that Hill denken… oder an Babooshka oder Love and Anger. Welche Kate Songs gehen dir durch den Kopf?

Ich muss erst noch mal kurz zu Wild Man zurück. Hast Du das Promo-Bild dazu noch im Kopf? Da gab es ja auch eine Variante wo es beim flüchtigen Blick so aussieht, als ob sie einen Mundschutz trägt… Neben den Liedern die Du schon erwähnt hast fällt mir auf jeden Fall noch Show a little devotion ein. Devotion nicht so sehr im Sinne von Hingabe und Ergebenheit, sondern eher im Sinne der Dankbarkeit. In Krisensituationen, egal ob es eine persönliche Krise ist oder jetzt die Pandemie, lernt man wieder dankbar zu sein. Vieles nehmen wir im Alltag als Selbstverständlichkeit wahr. Man lernt den Wert von Freundschaften noch mal neu zu schätzen, wird sich der Verantwortung in einer Gemeinschaft wieder bewusst und schraubt das Ego zurück. Und dann kommt vielleicht auch die Hingabe und Ergebenheit, weil man sich dessen neu bewusst wird, dass man auch Verantwortung für andere trägt. Lake Tahoe würde ich noch nennen. Vordergründig wird da natürlich die Geschichte von der alten Dame und ihrem Hund erzählt. Vielleicht geht es in diesem zutiefst traurigen Song aber auch einfach nur um diese große Sehnsucht nach einer verlorenen Vergangenheit, als alles noch liebevoller und sicherer war. Ein Gefühl, dass sich ja an mehreren Stellen durch 50wfs zieht. In Snowflake etwa, wo man – the world is so loud – der Hektik entflieht, sich der einzelnen Schneeflocke zuwendet, wieder auf das Wesentliche konzentriert. Wir müssen aber auch über Breathing reden.

Beate: Ja, ich erinnere mich an das Foto mit dem Mundschutz… gegen die Kälte. Wobei ich grade gesehen habe, dass er die Lippen frei lässt, sie ist also noch frei, sich mitzuteilen! Oh ja, Show a little devotion … Dankbarkeit, Demut, sind nicht nur im spirituellen Sinne wichtige Themen. Es tut einem auch selbst gut, sich daran zu erinnern, für was wir dankbar sind. Und die Welt krankt an einem Mangel von Wertschätzung und Anerkennung. Daher ist es so wichtig, sie zu geben und auch annehmen zu können. Ja, diese Melancholie und Sehnsucht von Lake Tahoe durchzieht 50 Words for Snow, da hast du vollkommen Recht. Es ist menschlich, sich nach einer vermeintlich geborgeneren Vergangenheit zu sehnen. In meiner Mädchenzeit war ich dankbar für Kates Musik, die öffentlich präsenter war. Und in dem Zusammenhang fiel mir vor einigen Tagen Kates Song Breathing ein. In die Perspektive des Ungeborenen hineinversetzt, das über die Mutter alles aufnimmt. In der Corona Zeit bekommt der Song neue Relevanz. Das Virus, das über die Atemwege übertragen wird… und wir müssen weiter atmen, brauchen die Luft. Wir schützen uns durch Isolation vor einander, schützen uns vielleicht mit Atemschutzmasken, denn wir müssen atmen. Leave me something to breathe, ist Kates Aufschrei, lass mir etwas zu atmen… das ist so tief bewegend. Wie sehr tiefer Atem uns auch beruhigen kann. Wie notwendig und essenziell. Ich finde es spannend, welche Relevanz gerade ältere Songs von Kate bekommen gerade… was denkst du?

Ich bin da in allen Punkten bei Dir, aber gleichzeitig beim Thema Relevanz auch etwas zurückhaltend. Breathing ist ein schönes Beispiel. Zum einen ist es ein grandioser Song, er ist klaustrophobisch – was gut zur aktuellen Situation passt, er beschreibt ein Weltuntergangsszenario und neben der von Dir zitierten Textzeile Leave me something to breathe gibt es ja auch noch die beiden Textzeilen I’ve been out before / But this time it’s much safer in. Passender geht’s also gar nicht. Aber er hat natürlich eben keine Corona-Relevanz. Breathing war schon immer relevant, wir deuten ihn heute nur ein bisschen anders. So wie Don’t give up immer wieder neu gedeutet wird. Wir machen ja in vielen Situationen unseres Lebens die Erfahrung, dass Songs von Kate uns stärken können, Kraft geben. Das Zitat von Elton John, dass Kates Part bei Don’t give up mit dazu beigetragen habe, sein Leben zu retten, ist ein sehr prominentes Beispiel. Aber letztlich hat jeder von uns genau solche Lieder, die einem helfen, durch schwierige Zeiten zu kommen. Something good is going to happen! Hat es Dich eigentlich gewundert, dass Kate sich genau jetzt mit einer Botschaft zu Wort gemeldet hat?

Beate: In der Tat ist Don’t give up einer der Songs, der auch mich immer wieder ermutigt, tröstet, hält. Ja, jeder von uns hat zum Glück Musik, die uns über Wasser hält – auch in anderen Lebenslagen habe ich das schon oft zu schätzen gewusst, und besonders gehört Kates Musik natürlich immer dazu. Eine Botschaft von Kate ist immer eine Rarität, und ich war tatsächlich etwas überrascht, dass sie sich gemeldet hat zur aktuellen Situation. Wie viele hatte sie das Bedürfnis, ihre Wertschätzung gegenüber all den „helfenden Händen“ zu äußern, die sich gerade engagiert für andere einsetzen. Eine schöne Geste, schnörkellos und auf den Punkt gebracht. Und vielleicht ein kleines Signal an uns alle – ich bin noch da – little light shining!

Erstes Album von Baby Bushka

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Die amerikanische Kate-Coverband Baby Bushka hat ihr erstes Album veröffentlicht. Das Album kann digital erworben werden, zudem gibt es eine auf 500 Exemplare limitierte Vinyl-Version. Bestellbar ist die Vinyl-Version inklusive Download-Code für 30 Dollar (inklusive Versand nach Deutschland gibt es die Platte für 41,60 Euro) ab sofort via Bandcamp, ausgeliefert wird ab dem 1. April. Die digitale Version steht ab dem 12. Juni für 15 Dollar online bereit. Parallel zum Album-Release wollte die achtköpfige Frauentruppe aus San Diego eigentlich auf US- und UK-Tour gehen – die Auftritte sind aufgrund der Corona-Krise erst mal verschoben. Immerhin gibt es das Album und mit dem Song This Woman’s Work auch einen wundervollen Album-Teaser. Welche Songs genau auf dem Album vertreten sind, daraus machen Baby Bushka noch ein Geheimnis, zu hören sein sollen unter anderem aber Running up that hill, Under the Ivy, Suspended in Gaffa, Cloudbusting, Something like a Song, Song of Solomon und vermutlich auch Sat in your lap, weil Baby Bushka dazu noch ein Video aufnehmen wollen, wie kpbs.org berichtet.

12 Kate-Momente: März

© bugi

März 2019. Der Inle-See in Myanmar. Ich fahre zu den schwimmenden Dörfern, vorbei an Fischern mit ihren Booten. In a sea of honey. A sky of honey. Ich denke an Aerial, an den Song Sunset, erinnere mich, wie ich 2005 vor der Veröffentlichung von Aerial bei einem Pre-Listening von EMI in Köln Sea & Sky zum ersten Mal hören durfte, in Kates neue musikalische Welt eintauchte und bei Sunset sich Sea & Sky zusammenfügten. Could be honeycomb. In a sea of honey. A sky of honey. Schon damals ging für mich mit diesem Song musikalisch die Sonne im Herzen eher auf als unter. Am Inle-See mitten in Myanmar treffen Sea & Sky erneut für mich zusammen. Every sleepy light / Must say goodbye / To the day before it dies / In a sea of honey / A sky of honey …

Kiss a Crow als Seelenerkundung

Foto: Bettina Stöß

Dieser ungewöhnliche und faszinierende Ballettabend zeigt drei Arbeiten, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Die Uraufführungen „Rise“ des 30 Jahre alten Emrecan Tanis und „Kiss a Crow“ des 47 Jahre alten Marco Goecke wurden dabei ergänzt durch „Concertante“, eine Arbeit des 87 Jahre alten Meisters Hans van Manen aus dem Jahr 1994. Der Abend demonstriert drei ganz unterschiedliche Arten, mit Musik und mit Tanz umzugehen. Musik dient in „Rise“ zur Unterstreichung dessen, was man ausdrücken will. In „Concertante“ ist der Tanz das Spiegelbild der Musik. „Kiss a Crow“ setzt Musik als Mittel ein, um Emotionen aller Art aus den Tänzern herauszubringen. „Rise“ ist ein Tanztheater über die Bildung von Machtstrukturen in Gruppen. Emrecan Tanis wurde – so in der Einführung erläutert – durch eine Gruppe spielender Kinder in einem Einkaufszentrum inspiriert und die Art, wie sie ihre Hierarchien im Spiel klären.

Zu Beginn hebt sich zu einem türkischen Lied der grinsende Anführer aus dem Orchestergraben, von oben senken sich Beine herab. So beginnt das Spiel um die Macht. Tanis setzt das mit Videoprojektionen und Licht wie aus Computerspielen um, er spielt mit dem gleißenden Weiß des Neonlichts. Zu wummernder Musik formt sich die Gruppe zu einem fast militärisch anmutenden Tanz, bis sich der Anführer herausschält. Eine weiße Wand gleitet herein, bildet einen abgegrenzten Raum. Hier tanzt der Anführer mit drei weiteren Personen um die Macht, in komplexen Bewegungsabläufen. Sechs weitere Tänzer sind unter Scheinwerfern links abgestellt, sie geraten immer mehr in fast unkontrolliert wirkende Zuckungen. Aus der Wand fahren Treppenstufen heraus, der Anführer gleitet sie hinauf, verschwindet durch eine Tür. Die wummernden Elektronikklänge werden durch fast religiös anmutende Musik aus „Koyaanisqatsi“ von Philip Glass abgelöst. Der Anführer befreit die zuckenden und wimmernden Gestalten und leitet sie nach vorn, versucht sie zu beruhigen, es gelingt nicht. Machtmissbrauch hat seinen Preis. Rauch quillt aus seinem Mantel hervor, mit den meisten Tänzerinnen und Tänzern versinkt er im Orchestergraben. Nur ein Paar tanzt in sich versunken zu einer Violinmelodie auf der Bühne, bis die Musik und das Licht verdämmert. Mich erinnerte dies manchmal an expressionistischen Tanz der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, voll mit großen Gesten und Theatralik. Die Musik unterstreicht das, was ausgedrückt werden soll. Man muss den gedachten Hintergrund über Machtstrukturen nicht wissen, es wirkt auch so. Der Beifall für diese perfekt getanzte Fallstudie über Macht war groß. 

Hans van Manens „Concertante“ nahm die Mitte des Ballettabends ein, es bildete quasi das Adagio zwischen den zwei schnellen Sätzen. Zur klaren neoklassischen „Petite Symphonie Concertante“ Frank Martins gab es eine ebenso klare, strenge und fast kühle Choreographie zu sehen. Musik und Tanz spiegelten sich ineinander, es waren zwei Seiten einer Einheit. Hans van Manen stellt Paarbeziehungen in den Mittelpunkt. Von links und rechts kommen zwischen Vorhängen die Tänzerinnen in blau gestreiften Trikots und die Tänzer in grün gestreiften Trikots hervor auf die von einem blassblauen Licht erhellte Bühne, formen sich zu Gruppen und Paaren. Immer neue Konstellationen finden sich zu komplexen Bewegungsmustern zusammen. Paare umtanzen einander, die Interaktion ist voll von Anziehung und gleichzeitig auch latenter Aggression. Die typischen Mann-Frau-Muster des Tanzes sind aufgehoben, es sind Beziehungen auf Augenhöhe. Zeit und Raum scheinen aufgehoben durch die kühlen, klaren Bilder. Es ist ein ästhetischer Genuss, den acht Personen auf der Bühne bei ihrem Spiel zuzuschauen. Das war meisterlich, Tanz in Perfektion und in voller Harmonie. Es gab auch für diesen Teil des Abends verdient viel Beifall. 

Im Gegensatz zu den ersten beiden Choreographien fällt es mir sehr schwer, das faszinierende „Kiss a Crow“ zu beschreiben. Vielleicht so: Es ist kein Tanztheater mit Handlung, es ist auch kein reiner, klarer Tanz – es ist eine Seelenerkundung, eine Seelenerfahrung. Die Musik von Kate, Tanz und Innenleben lassen sich hier nicht mehr trennen. Die Musik zerrt Chimären, Monster und Gestalten hervor aus dem Inneren. Die Figuren auf der Bühne sind Krähen, die Musik zwingt sie, Mensch zu werden. Marco Goecke wurde inspiriert von seinen Spaziergängen im hannoverschen Stadtwald Eilenriede, von den Krähen in den Bäumen, die ihn und seinen Dackel Gustav beobachteten. Dieses Naturerlebnis zusammen mit dem, was in seiner Seele vorging, was ihn beschäftigte und berührte, all das hat diese Choreographie hervorgebracht.

Die Bewegungssprache in den Choreographien von Marco Goecke hat einen hohen Wiedererkennungswert. Hier aber erscheint sie noch außergewöhnlicher als sonst und der Grund ist die Musik. Marco Goecke ist mit Kate Bush seit seiner Jugend verbunden und vielleicht passt wirklich keine andere Musik besser zu der Art von Tanz, die ihm vorschwebt. Es beginnt mit „Jig of Life“, einem Song über das am Leben bleiben wollen. Die Figuren in schwarzen Anzügen mit weiten Hosen werden durch diesen wilden Tanz gleichsam auf die Bühne gezwungen. Sie zittern und beben in abgehackten Bewegungen, mit ruckartigen Zuckungen, mit Armen, die sich wie zustoßende Schnäbel bewegen oder wie verkrampfte Flügel. Es sind Krähen unter einem Zauber, der sie zwingt, ihre Seele zu offenbaren. Die Körper scheinen unter einer unermesslichen Anspannung zu stehen, die Gesichter sind verzerrt, die Münder stoßen Schreie aus. Der irische Tanz der Musik wird zu einer unheimlichen, beängstigenden Beschwörung. Die Bühne trägt zur unheimlichen Stimmung bei. Rauchtöpfe verbreiten Nebel, ein Lichtkreis erhellt das Geschehen, wird mal größer und mal kleiner, so als ob eine unirdische Wesenheit (die Ursache der Beschwörung?) ihren Fokus ändert. Die Bühne kann eine Lichtung im Wald sein, voll Nebel, aber auch im Glanz von Schnee.

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Foto: Bettina Stöß

Im Verlauf des Stückes verlieren die Figuren langsam immer mehr das Tierhafte, die Bewegungen werden menschlicher, bleiben aber genauso unheimlich, rätselhaft und intensiv. Die verwendeten Stücke von Kate Bush („Sat in your Lap“, „And dream of Sheep“, „Snowflake“, „Among Angels“ und „Get out of my House“) bringen immer neue Emotionen hervor. Die Bilder machen Gänsehaut, ich habe selten eine so emotionale Ausdeutung von Musik (und Wechselwirkung mit der Musik) gesehen. Das Außergewöhnliche und Extravagante von Kate Bushs Musik gewinnt Gestalt in der Tanzsprache von Marco Goecke, Textzeilen spiegeln sich in Bewegungen und Konstellationen wieder, Tanz und Musik kommentieren einander. Es geht ans Herz, wenn zur Textzeile „The world is so loud. Keep falling. I’ll find you“ aus „Snowflake“ sich Paare begegnen und sich fast steif und unbeholfen umarmen. Sie versuchen sich zu finden, aber es gelingt nicht. Sehnsucht und Härte der Musik, Romantik und Aggressivität – alles findet auch Ausdruck im Tanz. „And dream of Sheep“ zum Beispiel ist der Gesang einer Frau, die nach einem Schiffsunglück im Meer treibt und darum kämpft, nicht einzuschlafen. Die Eiseskälte und Verlorenheit hinter dem Lied fand sich in jeder Bewegung auf der Bühne wieder. Marco Goecke kennt Kate Bushs Songs ganz genau, es ist in jeder Minute spürbar. Diese Choreographie ist eine Herzensangelegenheit. Sie lässt einen nicht los, wenn man sie anschaut. Sie ist unheimlich, sie ist bewegend, sie schmerzt. Nicht jeder wird das aushalten können.

Der Beifall des überraschend jungen Publikums fiel enthusiastisch aus. Die Tänzer wurden bejubelt und das Klatschen wollte fast nicht enden. Die Oper Hannover hat eine Compagnie, die die verschiedenen Herausforderungen dieses Abends mit Perfektion, Eleganz und ungeheurer Ausstrahlung fast mühelos meistert. Ein bewegender Abend! © Achim/aHAJ

Über die Unmöglichkeit, eine Krähe zu küssen

Foto: Bettina Stöß

Ein Gespräch mit Marco Goecke zu seiner neuen Choreographie „Kiss a Crow“

Von Achim Riehn

Neben meiner Mitarbeit in der „Gesellschaft der Freunde des Opernhauses Hannover“ (GFO) interessiere ich mich auch noch für andere Themen. Für den Blog „morningfog“ über die Komponistin und Sängerin Kate Bush schreibe ich ab und zu Beiträge. Marco Goeckes neue Choreographie „Kiss a Crow“ benutzt Musik von Kate Bush, es ist seine erste neue Arbeit für das Ballett der Oper Hannover, seit er hier Ballettdirektor ist. Eingebettet wird sie in den Ballettabend „3 Generationen“, zusammen mit zwei Arbeiten anderer Choreographen. Kate Bush – da musste ich einfach für morningfog.de ein Interview mit ihm führen. Als ich am Opernhaus ankam, machte Marco Goecke mit einigen Mitarbeitern Pause vor dem Bühneneingang. Eine Probe des Ballettabends war gerade zu Ende gegangen. Ich wurde sehr freundlich begrüßt. Für das Interview zogen wir uns in ein dunkles Foyer zurück, stellten uns zwei Stühle zusammen und fingen an. Marco Goecke hatte wie immer in einem Tragekorb seinen betagten Dackel Gustav dabei, der dem Geschehen ganz gelassen beiwohnte. Auf dem Weg ins Foyer erzählte ich ein bisschen über den Blog und Marco Goecke fing spontan an, Zeilen aus Kate Bushs Lied „The morning Fog“ zu singen. „I’ll tell my mother – I’ll tell my father – How much I love them“. Marco Goecke redet mit Bedacht, leise, sehr konzentriert. Ich spürte, wie er er seiner Arbeit verbunden ist, wie sehr sie ihn bestimmt. Allgemeinplätze sind nicht zu erwarten. Wir beschlossen, uns zu duzen. Im Gespräch konnte ich das nicht durchhalten, als Hannoveraner muss das Duzen bei mir erst einmal in der Seele ankommen, das braucht Zeit.

Achim: 2013 haben Sie bereits Musik von Kate Bush in einer Choreographie umgesetzt, es war der Song „Suspended in Gaffa“, soweit ich mich erinnere. Was verbindet Sie mit der Musik von Kate Bush und wann haben Sie sie für sich entdeckt?

Marco: Ich habe sie ganz früh entdeckt. Ich habe eine Schwester, die ist fünf Jahre älter als ich. Ganz früh habe ich das bei ihr im Zimmer entdeckt, als ich Kind war. „Never for ever“ ist vom Ende der Siebziger, kann das sein?

Achim: 1980.

Marco: Echt 80? Gut, da war ich acht, neun – und da habe ich diese Platten bei meiner Schwester entdeckt. Ich fand das immer geheimnisvoll, weil ich da auch Töne und Mischungen drin gehört habe, Effekte und Geräusche, Dinge, die ich so von Musik nicht kannte. Dann hatte ich nochmal so 88, 89 – da war ich gerade Ballettstudent – so eine richtige Kate Bush-Phase, meist mit dem Album, auf dem „Cloudbusting“ ist.

Achim: Hounds of Love.

Marco: Hounds of Love, richtig. Es ist interessant, dass man oft immer noch Lieder im Kopf hat. Da steht man morgens auf und macht sich einen Kaffee und hat plötzlich so ein Lied im Kopf. Und weiß eigentlich auch nicht, warum man das gerade im Kopf hat, oder?

Achim: Das Phänomen kenne ich auch!

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Foto: Regina Brocke

Marco: Ja. Da gibt es Stellen in den Kate Bush-Liedern, die ich seit Jahren vor mich hin singe. Und dann habe ich 2013 gedacht, ich mach was damit und das hat auch ganz gut geklappt. Es ist trotzdem immer eine Gratwanderung zwischen Popmusik und meiner Arbeit. Ich brauche auch Popmusik dafür, ich kann das nicht nur mit klassischer Musik oder moderner Musik machen. Aber bei Kate Bush ist es sehr schwierig einzuschätzen. Es gibt Lieder, die mir sehr gut gefallen und plötzlich kippen die Lieder in eine andere Richtung, was sicherlich auch zu ihrer Kunst gehört, was ich dann aber nicht mehr gebrauchen kann. Es ist schwierig.

Achim: Es geht in der Musik von Kate Bush ja oft um die existenziellen Fragen des Lebens – wer bin ich, wie finde ich meinen Platz in der Welt, wie gehe ich mit Vergänglichkeit um. Das sind ja Themen, die bei ihr immer wieder auftauchen. Hat Sie das gereizt?

Marco: Das sind ja Themen, die wir alle haben, natürlich. Im Moment ist eine Phase, die nicht so einfach ist in meinem Leben, weil mein Vater sehr schwer krank ist. Und ich habe etwas Tiefes gesucht und trotzdem auch das Traurige. So empfinde ich das in meiner Arbeit und so ist es auch in der Musik von Kate Bush. Jede Kunst, die so tief geht, die sich dem stellt, hat immer auch eine Erlösung in sich und auch etwas Versöhnliches.

Achim: „Kiss a Crow“ heißt Ihre Choreographie, ich schätze sie ist als Drittel des Abends ungefähr 25 Minuten lang. Welche Songs kommen da drin vor?

Marco: Ich habe witzigerweise weniger von den alten Sachen benutzt. Es gibt natürlich auch Hits, die nicht zu benutzen sind, weil sie uns einfach mit etwas anderem verbinden. Ich habe „Jig of Live“ eingebaut, weil das mit dem irischen Touch ein bisschen in die Irre führt.

Achim: Da geht es ja darum, dass man der eigenen Zukunft eine Chance gibt.

Marco: Okay. Ich habe den Song immer geliebt. Weil es Assoziationen mit irischem Tanz gibt. Dann habe ich „Sat in your Lap“ in das Programm eingebaut.

Achim: Ein sehr wilder Titel, in dem es wieder um existenzielle Fragen geht, darum, wie man im Leben weiterkommt.

Marco: [nickt] Dann kommt „Snowflake“ von einem der späteren Alben vor.

Achim: Ah, sehr schön! Etwas ganz Ruhiges, Meditatives – Musik, in der man in der Nacht steht, der Schnee fällt. Musik, in der eigentlich der Tod um jede Ecke schaut.

Foto: Bettina Stöß

Marco: Dann habe ich noch einen Teil von „Among Angels“, auch von dem Album. Aber da bin ich noch nicht ganz sicher, das probiere ich gerade im Tanzstudio. „Snowflake“ ist sehr lang, da habe ich das Gefühl, ich verzettele mich vielleicht, da wird das so ein bisschen „dämpfig“. Und am Schluss kommt „Get out of my House“.

Achim: Die Shining-Paraphrase!

Marco: [lacht] Und es funktioniert!

Achim: Da frage ich mich sofort, ob es zwischen den Liedern in Ihrer Choreographie einen roten Faden gibt, den sie drumgewunden haben?

Marco: Nein, nicht von der Aussage und von den Texten her. Es ist reine Gefühlssache, was musikalisch da passen könnte.

Achim: Was reizt Sie denn ganz speziell als Choreograph an der Musik von Kate Bush? Ist es für Sie einfach Musik, die interessant ist, die sich abhebt vom Pop, die anders ist?

Marco: Als Erstes reizt mich natürlich das, was mich damit verbindet. Ich habe früher als junger Choreograph oft Musik benutzt, die grausig war, nur weil ich dachte, ich mache mich damit interessanter oder künstlerischer. Bis ich irgendwann in den letzten Jahren bemerkte, wenn ich die Musik benutze, die mir persönlich etwas bedeutet, dann ist es immer richtig. Dann ist es auch egal, was es ist. Hauptsache, es hat etwas mit mir zu tun.

Achim: Dann passt es zu einem selbst. Ich glaube auch, es passt auf eine andere Art. In der Musik von Kate Bush habe ich immer das Gefühl, sie kehrt ihr Innenleben nach außen. Das empfinde ich auch bei Ihren Choreographien. Es sieht so aus, als ob die ganzen Tänzer alles von sich preisgeben.

Marco: Das Risiko muss man eingehen, auch wenn man natürlich dadurch verletzlich wird. Ich habe das bei mir auch, das Menschen das nicht mögen, das ist auch okay. Wenn ich in Youtube bei Kate Bush geschaut habe, wieviele hunderte Daumen nach oben so ein Clip hat, aber eben auch nach unten!

Achim: Ja, sehr kontrovers manchmal! Es gibt Songs von ihr, die ich nicht so mag und welche, die ich jeden Tag hören könnte. Wie ist es, wenn Sie eine Choreographie entwickeln? Haben Sie zuerst die Musik im Ohr oder haben Sie zuerst eine Vorstellung, was Sie auf die Bühne bringen wollen?

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Foto: Achim Riehn

Marco: Ich habe nur mein tägliches Ins-Studio-Gehen. Dann ist da erstmal ein Tänzer, den ich auf den Probenplan gesetzt habe, der kommt an dem Tag und dann fangen wir an mit Schritten. Dann habe ich vielleicht ein, zwei Lieder im Kopf oder auf CD mit oder im Computer. Wir probieren das langsam aus und so wächst es weiter.

Achim: Iterativ geht es voran?

Marco: Eine ganz mühevolle, zehrende, schreckliche Arbeit oft. Je mehr Erfolg man hat und je mehr man gemacht hat, desto kritischer und brutaler wird man mit sich selbst und das ist schon eine harte Angelegenheit.

Achim: Was bedeutet der Titel „Kiss a Crow“? Das klingt nach Naturerlebnis. Haben Sie vielleicht die vielen Krähen inspiriert, die hier in der Eilenriede [der Stadtwald von Hannover] überwintern?

Marco: Ja, das ganze Stück hat damit zu tun. Ich wohne ja noch nicht so lange hier, aber Gustav und ich wohnen direkt an der Eilenriede. Diese langen Spaziergänge da mit ihm, das ist das Beste. Im Stück ist alles, was mir da in den Sinn kam oder was ich für Gefühle oder Ängste hatte oder da gesehen habe. Auch die Krähen natürlich, die da „rumwachen“. Eine Krähe zu küssen ist sicherlich unmöglich, vielleicht genauso unmöglich, wie jemand anders zu küssen.

Achim: Aber es sind ja sehr intelligente Tiere. Wenn man ihnen Geschenke bringt, Nüsse zum Beispiel an einen festen Platz, dann findet man da irgendwann auch einmal Geschenke von ihnen, eine Maus vielleicht.

Marco: Ja, es sind tolle Tiere. Ich habe so das Gefühl, die hüpfen und sitzen da oben in den Bäumen und gucken Gustav an. Sie haben natürlich auch irgendwas ….

Achim: Dunkles.

Marco: Ja.

Achim: Könnte eine Inspiration vielleicht auch Edgar Allan Poes „Der Rabe“ gewesen sein?

Marco: Nein. Aber gestern hatte ich auch so eine Idee. Da hat jemand gesagt, „wie Edgar Allan Poe, mit dem Mantel des Teufels“. Das kannte ich aber überhaupt nicht. Mit Poe habe ich mich nicht so viel beschäftigt.

Achim: Er ist in der Literatur ja ein bisschen so, wie es Kate Bush in der Musik ist – ein bisschen merkwürdig, unheimlich.

Marco: Ja, genau! Anselm Kiefer hat mal gesagt, ein Kunstwerk, das nicht auch etwas Bedrohliches ausstrahlt, das ist keines.

Achim: Eine Freundin von mir war zu einem Probenbesuch hier und sie hat mir danach über Ihre Choreographie gesagt „Faszinierend, aber irgendwie verstörend unheimlich“.

Marco: Ja, hoffentlich! [lacht]

Achim: Sie können das also nachvollziehen?

Marco: Ja, ich beantworte das mit Anselm Kiefer. Es ist so, es hat immer etwas Bedrohliches. Aber es hat auch immer etwas mit Versöhnlichem zu tun. Es gibt in der Musik von Kate Bush Momente, jetzt in dem Stück, die auch versöhnlich, die tröstend sind.

Achim: Auf ihrem letzten Album sind ja so ganz unheimliche, lange Stücke drauf. „Snowflake“ hatten Sie ja schon erwähnt. „Lake Tahoe“, ganz dunkel, dann „Misty“, über die Liebe zu einem Schneemann, die vergebliche Liebe natürlich. In dem Album geht es ja eigentlich nur um Vergänglichkeit.

Marco: Dieses Album [„50 words for snow“] hat sie wohl nur für sich gemacht, glaube ich. Das war ganz privat. Das ist bei mir schwierig, weil ich natürlich das direkte Publikum habe. Ich hoffe, ich komme mal irgendwann so weit. Noch möchte ich auch geliebt werden dafür, das ist immer das Fatale bei so einer Arbeit, weil es nicht möglich ist, von allen geliebt zu werden. Aber das ist so ein naiver Hintergedanke, dass man damit Liebe bekommt.

Achim: Ich glaube, Hannoveraner sind ein bisschen zurückhaltend zuerst, sie schauen sich alles erst einmal an.

Marco: Bist Du Hannoveraner?

Achim: Ich wohne schon sehr lange hier, bin gebürtiger Niedersachse, das ist von der Art her ungefähr gleich.

Marco: Das ist nicht so einfach hier, das muss ich sagen.

Achim: Aber wenn die Leute einen erst einmal ins Herz geschlossen haben, dann werden sie für immer Ihnen gehören.

Marco: [lächelt] Ich gehe jetzt ein halbes Jahr in ein Café hier in der Nähe. Es hat echt gedauert, bis die einen anlächeln, obwohl die mich jeden Tag sehen.

Achim: Ja die Menschen hier können manchmal besonders stur sein!

Marco: Ja? [lautes Lachen]

Achim: Drei Choreographien gibt es an dem Abend, die sind alle musikalisch und darstellerisch ganz unterschiedlich. War das von Anfang an beabsichtigt oder hat sich das im Laufe der Arbeit ergeben?

Marco: Also ich habe dem ersten Choreographen, dem jungen Choreographen Emrecan Tanis, einfach eine Carte blanche gegeben, er konnte machen was er will. Dann hatte ich den Jahrhundertchoreographen Hans van Manen dabei mit einem Stück aus seinem riesigen Repertoire. Hans van Manen ist unser aller Meister in seinem Minimalismus. Von ihm habe ich viel gelernt. Mir war wichtig, dass es keinen Rahmen gab, sondern jeder seine dreißig Minuten, seinen Moment haben konnte. Und das Publikum kann sich aussuchen, was für den Einzelnen am meisten stimmt.

Achim: Ich finde das sehr reizvoll, weil es drei ganz unterschiedliche Sachen sind.

Marco: Ja, da haben die Leute was zu quasseln. Da können sie sagen „das war aber schlimm“ und „das war toll“ – oder umgekehrt.

Achim: Ich liebe das. Aber ich gehe nie zu Premieren, weil ich da immer mitfiebere. Ich habe für eine spätere Vorstellung Karten, dann schaue ich mir das an.

Marco: Okay, gut!

Beim Hinausgehen in den sonnigen Tag plauderten wir noch angeregt weiter. Kommt Kate Bush zur Premiere? Wir glauben nicht, aber die Vorstellung an sich ist schön. Beim Verabschieden klappte es mit dem Duzen bei mir endlich und draußen dachte ich mir, dass ich als Hannoveraner an spontaner Offenheit noch ein bisschen arbeiten muss. Aber bei einem nächsten Interview kennen wir uns ja. Ich durfte einen Menschen kennenlernen, der seine Choreographien ganz tief aus seiner Seele schöpft, der sich in seiner Arbeit nach außen kehrt. Wer sich so für sein Publikum öffnet, der ist ein besonderer Mensch. Wenn er die Krähe Hannover küsst, dann wird sie es lieben.

Nach der umjubelten Premiere am 22. Februar geht es am 4. März mit den Vorstellungen weiter. Termine gibt es bis zum 30. Juni. Weitere Infos hier.

Musik von einem anderen Stern

Wenn Kate Bush der Fixstern im musikalischen Universum ihrer Fans ist, dann verstehen das einige ihrer Fans wortwörtlich. So gibt es im Netz zahlreiche Seiten, auf denen aus einem Bezug zu New Age-Themen sehr schnell die verworrensten Theorien werden. Die absurdeste davon: Kate ist eigentlich gar nicht Kate sondern die Reinkarnation eines Außerirdischen vom Stern Sirius, auch Hundsstern genannt (womit man schon den Bezug zu Hounds of Love hätte) und passenderweise auch der hellste Stern am Himmel. „Die sirianischen Seelen kommen in vielen Aussehensformen vor, die meisten als Delphine und Wale“, heißt es ganz ernsthaft auf einer Seite, die nicht unbedingt dem Song Moving gewidmet ist. Und kommt man nicht als Wal oder Delphin auf die Erde (die Entfernung beträgt übrigens schlappe 8,6 Lichtjahre), dann eben als Reinkarnation: „Eine weitere Art, in welcher die Sirianer als physische Form auf der Erde erscheinen, ist als Mensch. Das sind Wesenheiten, die ihre überwiegende Lebenszeit in einem sirianischen Körper verbrachten, aber gewählt haben, als Erdenmenschen, entweder von Geburt an, oder als so genannte Walk-In Seele.“ Praktisch. Dass Kate ihre überwiegende Lebenszeit in einem sirianischen Körper verbringt, diese Erkenntnis verdanken wir dieser Seite. Glücklicherweise sind die Macher der Seite nämlich in der Lage, mit den Sirianern zu kommunizieren. Sie stellen Fragen, die Sirianer antworten – allerdings nicht unbedingt auf die konkreten Fragen. Immerhin erfahren wir von „37Zku95c Velnloch”, einem hochrangigen Vertreter der Sirianer: „By living people we can say that the English pop singer Kate Bush and the Norwegian UFO researcher Knut Åsheim are incarnated from the Sirius system.“ Natürlich hat Kate all das selbst ausgelöst, wie Ufologe Robert Moore ernsthaft in seinem 17-seitigen Essay „The Kate Bush Mysteries“ nachweist. Schließlich war sie es, die Anfang der 1980er Jahre über eine Ufo-Sichtung in Schottland gesprochen hat. Und: Natürlich sind ihre Songs voll von Andeutungen über Ufo-Sichtungen und außerirdisches Leben. So geht es beispielsweise in Strange Phenomena natürlich um Astrologie, Reinkarnation und Ufos.

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Und weil sie in Them Heavy People den Esoteriker George Ivanovich Gurdjieff erwähnt, sich später in Cloubusting auf den Psychoanalytiker Wilhelm Reich bezieht, in King Of The Mountain Elvis wieder zum Leben erweckt oder in Hello Earth ihre Ufo-Sichtung verarbeitet („I get out of my car/Step into the night/And look up at the sky/And there’s something bright/Traveling fast/Look at it go/Look at it go“), wird sie im Buch „Abduction“ von Jenny Randles 1988 kurzerhand zur Präsidentin einer Ufo-Gruppe eines westlichen Landes erhoben. Geheime Botschaften vernehmen wir nach Robert Moore noch in vielen anderen Songs von Kate. In den Lyrics zu Violin taucht das Wort „Banshee“ (Frau aus dem Feenreich, Geisterfrau) auf, auf der Cover-Rückseite von Never for Ever wird Kate als „bat-woman“ abgebildet. Das sie vorher schon zu Kite auf The Kick Inside auf dem Back-Cover durch die Lüfte schwebt, ist dem Autor wohl durchgegangen. Dazu passt vermutlich auch, dass Nick Price, der unter anderem das Cover für NFE entworfen hat, Kate für das Tourprogramm als Sky-Lady gezeichnet hat. Oder: Weil Wuthering Heights in einer Vollmondnacht geschrieben worden sei, tauche in Strange Phenomena auch die Textzeile „Soon it will be the phase of the moon/When people tune in“ auf und deswegen würde bis hin zu December will be magic again auch der Mond immer wieder auf den Covern auftauchen. Noch verrückter wird es, wenn besagte Nacht, zu der Wuthering Heights geschrieben wurde, der Vollmond natürlich im Sternzeichen des Löwen stand und sich somit erklären ließe, warum eine LP Lionheart heißt und bei December will be magic again der Weihnachtsmann als Löwe dargestellt wird. „Zu den Formen paranormaler Phänomene in Bushs Texten gehören Auren, Geister und Out-Of-Body-Erfahrungen, Spiritualismus, vergangene Leben, Reinkarnation und Karma“, schreibt Ufologe Robert Moore weiter. Immerhin kommt er nach eifrigen Recherchen zu dem Ergebnis, dass die Geschichte aus dem Buch „Abduction“ sich nicht belegen lässt und auch die Geschichte, Kate sei eine Gesandte der Sirianer, hält selbst er für bekloppt.

Jon Kelly versteigert Kate-Raritäten

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Um ein Schulprojekt in Südafrika zu unterstützen, hat Kates früherer Produzent Jon Kelly tief in sein Plattenarchiv gegriffen und ein paar Schätze ans Tageslicht befördert, die jetzt auf Ebay meistbietend versteigert werden. Dabei handelt es sich durchgängig um Testpressungen, die Kelly zum Probehören erhalten hat. Im Angebot sind eine White Label-Pressung von The Kick Inside, Never For Ever als White Label Doppel-LP mit jeweils einer abspielbaren Seite, die Single Breathing, ebenfalls als Pressung mit je einer Vinylscheibe für A- und B-Seite,  die Single Hammer Horror (nur als A-Seite) sowie Breathing als Demo. Als besonderer Leckerbissen wird eine „second cut“-Version von Sat In Your Lap (auf dem Label als Sat In My Lap benannt) als Acetat angeboten. Der second cut soll nach dem endgültigen Mix und vor dem Mastering entstanden sein. Wer auf Ebay mitbieten will muss sich beeilen – die Angebote laufen diesen Sonntag aus. Die Preise liegen aktuell zwischen 17 Pfund (Breathing-Demo)  und 375 Pfund (SIYL-Acetat). Die Angebote findet man in der Übersicht hier.

12 Kate-Momente: Februar

© bugi

Der letzte Abend in Peru. Wir ziehen durch Cusco, gehen erst Essen und landen danach in einer kleinen Bar. Es ist spät, am nächsten Tag müssen wir früh raus. In der Kneipe ist es schummrig, es gibt eine sehr nette Bedienung und es bleibt nicht nur bei einem frisch gemixten Pisco Sour. Im Hintergrund spielt ’ne Band und es wird getanzt. Leider nicht zu Kate. Das Foto entsteht mitten auf der Tanzfläche, ich liege auf dem Boden, Kamera nach oben. Als ich das Ergebnis sah, war ich erst enttäuscht. Die Unschärfe, die Reflexion, der Rotschimmer machen das zunichte, was ich dachte einfangen zu können. Beim zweiten Blick bin ich überrascht – die eingefangenen Bewegungen, das Licht lassen mich auf einer Tanzfläche in Cusco an Kate denken. Die roten Schuhe hatte ich leider nicht dabei, sonst hätte ich vielleicht doch mitgetanzt. And this curve, is your smile. And this cross, is your heart. And this line, is your path. Really happening to ya. They can’t stop dancing …

Klingende Postkaten mit Kate

Die polnischen Klangpostkarten: oben Blow Away, unten All We Ever Look For, Delius und Wuthering Heights
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Inzwischen sind sie ziemlich rar geworden: die Klangpostkarten aus Polen. In den früheren Ostblockländern waren sie ziemlich weit verbreitet, produziert wurden sie insbesondere in Polen und Ungarn. Die Postkarten waren oft mit einer Plastikschicht mit Rille überzogen und konnten so auf dem Plattenspieler abgespielt werden. Ein Song passte so auf eine Postkarte, die auf der Rückseite mit einem (oft lieblosen) Motiv als Ansichtskarte verziert war und natürlich ausreichend frankiert auch verschickt werden konnte. Beliebt waren die Klangpostkarten auch deshalb, weil sich die Macher illegal an westlicher Popmusik vergriffen. Das schon in den 60ern, als die Beatles aufkamen. Aber auch in der 80ern bediente man sich noch bei den Größen des Musikgeschäftes und so gab es beispielsweise vom polnischen Verlag Krajowa Agencja Wydawnicza (KAW) mindestens sechs Karten mit Musik von Kate, die in einem einheitlichen Layout erschienen sind. Zu den Songs Wuthering Heights, Babooshka, Blow Away, Delius (Song of Summer), All We Ever Look For und Egypt wurde als Ansichtsseite jeweils ein Bild des polnischen Künstlers Kazimierz Mikulski verwendet. Der 1998 in Krakau verstorbene Mikulski war Maler, Bühnenbildner, Schauspieler und Illustrator und stand dem Surrealismus nahe. Natürlich handelte es sich bei den Flexidisk-ähnlichen Pressungen nicht um legale Musik-Veröffentlichungen, auch wenn der Verlag in Polen nicht ganz unbekannt war und sich zudem noch bei Werken eines polnischen Künstlers bediente. Die musikalische Qualität der abzuspielenden Postkarten dürfte eher bescheiden gewesen sein, ähnlich wie bei den russischen Flexi-Disks (Schallfolien), die aus einfachem Material gefertigt waren und die eher als Wegwerfobjekt betrachtet wurden, dafür aber, wie Michael auf seiner Seite hier beschreibt, oft sehr schön produziert wurden, wie zum Beispiel bei der transparent-blauen Flexi Babooshka. Die Songauswahl war auch bei den Flexis oft erstaunlich, so listet Micha etwa Exemplare wie Ken, The Fog oder One Last Look Around The House Before We Go. Die Babboshka-Flexi taucht bei Ebay immer wieder auf, ist aktuell für 20 bis 25 US-Dollar zu erwerben. Andere Flexis sind deutlich seltener, die Postkarten hingegen sind kaum noch zu bekommen. Schallfolien gab es übrigens auch in Deutschland, meist zu Werbezwecken, durchaus aber auch als Beigabe in Musikzeitschriften. Von den Exemplaren dürften auch nur wenige überlebt haben.

Das Song-ABC: Moments Of Pleasure

„Moments of Pleasure“ gehört für mich zu den bewegendsten Liedern von Kate Bush. Es ist das, was ich ein „Erinnerungslied“ nenne, eine Kategorie von Songs, die bei Kate Bush häufiger vorkommt. Titel wie „Blow Away“, „A Coral Room“ und „Among Angels“ gehören dazu. Es sind ruhige, melancholische Balladen, in denen an Vergangenes, unwiederbringbar Verlorenes, an Verstorbene erinnert wird. Meist sind diese Songs sparsam instrumentiert, nur mit Klavier und Streichern. Auch „Moments of Pleasure“ ist so ein trauriger Blick zurück. Kate Bush selbst sagt es so: „It’s to show just how precious life is and all those little moments that people give you. And that’s how people stay alive, through your memories of them.“ [5] Es ist ein Song, „der allzu flüchtige Momente der Freude heraufbeschwört und am Ende in einer traurigen Aufzählung […] verstorbener Weggefährten gedenkt“ [1]. Graeme Thomson hat dieses Liste durchleuchtet [1], es finden sich da Kate Bushs Tante Maureen, Alan Murphy (‚S Murph’), Gary Hurst (‚Bubba’), Bill Duffield (der Lichttechniker war während der ‚Tour of Life’ verunglückt) und John Barrat (dessen Spitzname ‚Teddy‘ aus der Kinderserie ‚Andy Pandy‘ stammt), Tonassistent bei den Aufnahmen zu ‚Never for ever‘ und ‚The Dreaming‘.
Ein weiterer wichtiger Name ist der von Michael Powell, dem Regisseur des Tanzfilms ‚The red Shoes‘. Diese Film ist einer von Kate Bushs Lieblingsfilmen [1]. Kate Bush hatte Powell kurz vor dessem Tod gefragt, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit habe [1]. Beim Besuch in New York im späten Frühjahr 1989 gab es ein Treffen, draußen fegte dazu ein später Schneesturm über die Stadt hinweg [1]. Diese Szene findet sich in den Lyrics des Songs wieder. Der Regisseur war da 84 Jahre alt, vom Alter gezeichnet, sehr gebrechlich. En Jahr später ist er gestorben. Die Bedeutung dieser Begegnung schildert Kate Bush in bewegten Worten: „I was very lucky to get to meet Michael in New York before he died, and he and his wife were extremely kind. I’d had few conversations with him and I’d been dying to meet him. As we came out of the lift, he was standing outside with his walking stick and he was pretending to be someone like Douglas Fairbanks. He was completely adorable and just the most beautiful spirit, and it was a very profound experience for me. It had quite an inspirational effect on a couple of the songs.“ [6] Dieses Treffen muss Kate Bush sehr beeindruckt haben, was sich allein schon am Titelsong „The red Shoes“ des darauf folgenden Albums ablesen lässt.

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Die Erwähnung von Kate Bushs Mutter Hannah Bush wird oft so aufgefasst, als ob sie auch zu den Personen gehört, an die erinnert wird. Der Song ist aber nach Thomson Mitte 1991 aufgenommen worden, vor Hannah Bushs Tod [1]. Sie wird im Text mit einer ihrer Spruchweisheiten erwähnt: ‚Every old Sock meets an old Shoe‘ [1]. Hannah Bush starb dann während der Entstehungszeit des Albums, was dieser Erwähnung tragische Tiefe verlieh. Der Song existiert in zwei Fassungen, die Originalfassung findet sich auf „The red Shoes“. Hier beginnt es mit zarten Klavierklängen, die Gesangsstimme ist präsent im Vordergrund, dann kommt ein Streicherteppich hinzu. Möventöne sind im Hintergrund bei „into another moment“ zu hören. Der Chorus „Just being alive / It can really hurt“ wird fast herausgeschrieen, die Stimme ist hier voller Emotion, die Worte „treffen den Hörer wie ein Hammer“ [1]. Ron Moy [2] konstatiert, das dies den Trauerprozess genauer und ökonomischer zusammenfasst, als es jemals eine blumige poetische Lobrede schaffen könnte. Zum Schluss hinter den Erinnerungen klingt die Musik aus, sie verebbt quasi. Eine fast verzweifelte Stimmung herrscht von Anfang bis Ende.
In der musikalischen Gestaltung lenkt nichts von der inhaltlichen Aussage ab. Der Takt ist ein reiner 4/4-Takt, die Tonart ist ein reines Des-Dur [3]. Tonverbindungen über Taktschwerpunkte hinweg sorgen für einen schwebenden, schwerelosen Eindruck [3]. Die Tonart Des-Dur steht gemäß Beckh [4] für den Ausdruck des Allerhöchsten. Ein eigenartiger Abgrund zwischen Höhe und Tiefe scheint sich innerhalb dieser Tonart aufzutun. Diese Tonart ist wie ein Gebet aus der Tiefe, das fast hoffnungslos nach den verlorenen Lichteshöhen emporblickt (z.B. Beethovens ‚Appassionata‘), sie kann aber auch ein ernstes, feierliches Weihegebet sein (z.B. in Bruckners 8. Sinfonie) [4]. Alle diese Gefühle und Stimmungen finden sich in Kate Bushs Song wieder. 

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Die Fassung auf „Director‘s Cut“ intensiviert diese Gefühle noch einmal. Das Klavier klingt nun tiefer, ruhiger. Auch die präsente Stimme ist tiefer, ruhiger, langsamer. Es gibt keine Streicherteppiche mehr. Der ganze Song ist viel mehr in Moll, in Dunkelheit getaucht. Töne verhallen, als ob sie in die Unendlichkeit hinein verdämmern. Der Chorus hat nun seinen Text verloren, die Melodie wird durch einen Chor gesummt. Dieser Summchor erinnert mich an den Summchor aus „Madame Butterfly“ von Puccini, dort wird er in einer Szene eingesetzt, in der die Titelfigur gewahr wird, dass ihr Geliebter sie verlassen hat und nicht mehr kommen wird. So wie dort ist die Stimmung auch in „Moments of Pleasure“ tieftraurig. Kate Bush ist nun zwanzig Jahre älter, sie muss die Fassungslosigkeit über den Verlust nicht mehr in Worte fassen. Es gibt zu viel davon, wenn man älter wird. Zur Textzeile „it‘s just started to snow“ erklingen auf einmal höhere Klaviertöne, so als ob Schneekristalle herabfallen. Bei „And I can hear my mother saying“ bricht die Stimme fast, dies ist nun eine wieder gegenwärtige Erinnerung, ein Satz der verstorbenen Mutter aus der Vergangenheit. Die Liste der Toten musste Kate Bush am Ende leicht kürzen, denn „offenbar erwies sich der bereits aufgenommene  Piano-Track als ein klein wenig zu kurz und sie musste auf jemanden verzichten“ [1]. Maureen und Bill Duffield fehlen nun.
Der Song hat die verzweifelte Grundstimmung der ersten Version verloren. Er ist nun in ein Dämmerlicht getaucht, er ist zu einer zeitlosen Elegie geworden. Graeme Thomson [1] schreibt es sehr treffend: „Als das üppige Streicherarrangement des Originals wegfiel, bekam der winterliche Text mehr Gewicht und es wurde so ein persönliches Stück über den Verlust liebgewonnener Menschen, dass man den Schnee im Hintergrund fallen hören konnte.“ Es singt nun jemand, der den Schock der Verluste öfter erlebt hat und der ihn nun für einen unausweichlichen Bestandteil des Lebens hält. Das Nichtakzeptieren in der ersten Fassung ist gewichen. Nun ist das Lied auf eine stille Art und Weise verstörend und bewegend. Die Weiterentwicklung von Kate Bush in diesen zwanzig Jahren zwischen den beiden Fassungen bringt Siobhan Kane [8] für mich auf den Punkt: „This version is even more poignant, for the fact that there is more loss, yet the choir that hums along elevates us sky-high, gently–and takes Bush into another realm, sharing space with someone like Puccini and his Hummingbird Chorus. She shares a common ground with opera in terms of its expansiveness, turning people’s everyday lives and stories into great art, for we are all epic, in a way, aren’t we?“
Wie soll man diese Details über diesen bewegenden Song zusammenfassen? Ich kann dem Fazit von Ron Moy [2] fast nichts hinzufügen: „The humanism, affectism and grounded spirituality of this song quite overwhelmed me upon first listen. Indeed, it is one of the few songs that carry such an emotive charge that I have to be careful when I choose to listen to it. […] Relatively few songs have moved me to tears – but ‚Moments of Pleasure‘ did, and does.“ Ein letztes Wort zu diesem Song von Kate Bush selbst – die Essenz in einem Satz [7]: „I’m not talking about only pain or only ecstasy, but this notion that life is so precious. The moments of pleasure couldn’t exist without the sadness.“ © Achim/aHAJ

[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S321f und S.395f
[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.117
[3] Kate Bush: The red shoes (Songbook). Woodford Green. International Music publications Limited. 1994. S.31ff
[4]  Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.231ff
[5] Chrissie Iley: „Beating About The Bush“. The Sunday London Times. 12. September 1993
[6] Marianne Jenssen: „Rubber Souls“. Vox. November 1993
[7] Tom Moon: „A Return to Innocence“. Philadelphia Inquirer. Januar 1994.
[8] Siobhan Kane: „Album Review: ‪Kate Bush – Director’s Cut“, Consequence of Sound (Webseite), 24.05.2011. https://consequenceofsound.net/2011/05/album-review-kate-bush-directors-cut/ (gelesen 20.01.2020)

Kate auf dem neuen Uncut-Titel

Das englische Musikmagazin Uncut veröffentlicht in seiner Märzausgabe eine Titelgeschichte über Kate. Das Heft kann hier für 13 Euro inklusive Versand nach Deutschland bestellt werden. Die Märzausgabe kommt am 16. Januar auf den Markt. Für dieseTitelgeschichte hat Autor Peter Watts sich laut Uncut ausführlich der frühen Phase von Kates Karriere gewidmet und „hat nach dem Ursprung ihrer einzigartigen, sehr englischen Magie gesucht. Peters ausgezeichnetes Stück zeigt, wie Bushs eigenwillige Vision von Anfang an da war.“ Im Artikel soll es zudem Beiträge von Pat Martin, Glenys Groves, Duncan McKay, Peter Henderson, Roy Harper, David Paton, Brian Bath, Vic King and Joe Boyd geben. Passend dazu will Uncut das unveröffentlichte Transkript von Andy Gills Interview mit Kate aus dem Jahr 2011 veröffentlichen, in dem sie über ihre Kindheit und ihren frühen Erfolg sprach. Umgekehrt bedeutet das allerdings auch, dass es für die Titelgeschichte kein neues Interview mit Kate gab und keine Infos über mögliche neue Projekte zu erwarten sind.

12 Kate-Momente: Januar

© bugi

In der Bretagne, eine kleine Landzunge, von der aus man den Blick auf Port Louis hat, kurz vor Lorient. Etwas abseits des Ortes liegen die Boote, die verfallen. Ich sitze auf einer kleinen Mauer, schaue aufs Wasser, betrachte die Boote. Mir fällt das Bild „Fisherman and Boat“ von Joseph Edward Southall aus dem Aerial-Booklet ein. Dieses Boot wird nicht mehr ins Wasser geschoben. Und da ist plötzlich die Textzeile aus A Coral Room in meinem Kopf: Put your hand over the side of the boat – What do you feel? Es fühlte sich nach vielen Geschichten an, die das Boot erzählen könnte.

Kate als La Dame du Lac

Der französische Sänger und Harfenist Alan Stivell hat neben dem Song Kimiad ein weiteres Lied mit Kate aufgenommen. Stivell, der sich insbesondere der keltisch-bretonischen Musiktradition verpflichtet fühlt, hatte auf Einladung von Kate an The Fog (Harfe) und Between a Man and a Woman (Harfe und Backing Vocals) auf Kates Album The Sensual World (1989) mitgewirkt. Im Anschluss produzierte Kate für Stivell das Traditional Kimiad für sein 1993 erschienenes Album Again in klassischer Kate-Besetzung mit John Giblin am Bass, Charlie Morgan an den Drums und Alan Murphy an der Gitarre. Kate selbst sorgte für die Background Vocals und steuerte die Keyboards bei.  
In einem Interview mit „innerviews“ hat Stivell jetzt erzählt, dass er für sein bereits 1991 erschienenes Album The Mist of Avalon einen weiteren Song mit Kate aufgenommen hatte: The Lady of the Lake (La Dame Du Lac). Tatsächlich befindet sich auf dem Album allerdings eine Aufnahme mit Sängerin Polly Bolton. Dass die Originalversion nicht veröffentlicht wurde hatte laut Stivell damit zu tun, dass die Plattenfirma nicht rechtzeitig die Genehmigung zur Veröffentlichung erteilt hatte und Stivell, der bereits seit 1986 an dem Album arbeitete, den Veröffentlichungstermin nicht weiter verschieben wollte. Im englischen Kate-Forum gab es dazu noch eine andere bemerkenswerte Randnotiz, die rblazon herausgefunden hat: die englischen Lyrics von La Dame du Lac stammten von Kates Bruder John Carder Bush, der auch den Text zu dem Song Guinevere geschrieben hat, an dem ebenfalls John Giblin und Charlie Morgan mitgewirkt haben. Teile der Platte wurden in Kates Tonstudio eingespielt, dabei dürfte es sich um diese beiden Songs handeln. Die Originalversion von La Dame du Lac ist bis heute nicht veröffentlicht worden.

Frohe Weihnachten

Seit genau sieben Jahren besteht dieser Blog und passend dazu gab es in den letzten Tagen den anderthalbmillionsten Besucher auf dieser Seite, das macht etwas mehr als 200.000 Besucher im Jahr. Eine verblüffende Zahl, erst recht in Zeiten, in denen man sich eher in den sozialen Medien tummelt und nicht so sehr auf statischen Webseiten. Danke für die jahrelange Treue. Danke an alle, die mit ihren Beiträgen zu dieser Webseite beitragen, danke an alle, die Anregungen geben, auch, wenn sie vielleicht nicht immer umsetzbar sind. Ich wünsche Euch frohe Feiertage. Kommt gut ins neue Jahrzehnt. Und da Kate bekanntlich eher in Dekaden denkt und veröffentlicht, wünsche ich uns allen, dass wir im kommenden Jahr endlich wieder neue Musik von ihr bekommen.
Burkhard

Das Bild des Monats: Dezember

© Sjaak Vullings

„Manchmal“, sagt Sjaak, „wollen wir alles sofort, müssen aber warten, bis wir auch tatsächlich bereit dafür sind.“ Bei Suspended in Gaffa geht es für Sjaak um das Gefühl, man sei unbeweglich, ist in einer Art Klebeband gefangen und kann sich nicht mehr bewegen. „Es ist wie in einem schlechten und anstrengenden Traum, in dem man sich in Zeitlupe abmüht, an einen anderen Ort zu gelangen, und man das Ziel einfach nicht erreichen kann “
Suddenly my feet are feet of mud.
It all goes slo-mo.
I don’t know why I’m crying.
Am I suspended in Gaffa?
Not until I’m ready for you,
Not until I’m ready for you
Can I have it all.

Die Füße, die Sjaak fotografiert hat, sind Teil einer Kunstskulptur im Museum „The Pont“ in Tilburg. Sjaak hat das BIld so beschntten, dass die ganze Aufmerksamkeit auf die Füße ausgerichtet wird, sie scheinen zu schweben, aber obwohl sie vom Boden abheben, sind sie bewegungslos. Und er hat erkennbar mit der Farbe gespeilt, um den „matschigen“ Ton zu treffen. Feet of mud.
Würde man das Bild auf den Kopf stellen, könnte es sich für Sjaak auf die Tarot-Karte „Der Erhängte“ beziehen. Übrigens eine Trumpfkarte, weil man so eine bessere Position hat, „um die Dinge vielleicht anders zu betrachten, aus einer anderen Perspektive, um sie dann klarer zu sehen.“

Wer den Beitrag über Sjaak verpasst hat, kann hier mehr über ihn erfahren.