Jul 25 2017

Kate en miniature – LPs im Puppenstubenformat

Als Kate Bush-Fan und Sammler freut man sich nicht nur über seltene Alben, Promos oder limitierte Editionen. Es sind vor allem eher ungewöhnliche Stücke, die der eigenen Sammlung das gewisse Etwas verleihen. Häufig werden solche Spezialitäten von talentierten Bastlern und Heimwerkern hergestellt. Ob Kate-inspirierte Stickvorlagen, hübscher Schmuck mit integrierten „Before the Dawn“-Konfetti-Schnipseln oder ein besonderes T-Shirt: auf alternativen Internetmärkten kann man wahrhaft Originelles entdecken! Ein echtes Highlight allerdings findet man derzeit auf Ebay, nämlich im Maßstab 1:12 verkleinerte (nicht abspielbare) Miniaturen sämtlicher Kate Bush Vinyl-Alben. Unter dem Shop-Namen „lanky1349“ vertreibt der Engländer Adrian seine zauberhaften Minialben, die jeweils aus einem doppelseitig bedruckten Cover und einer winzigen herausnehmbaren LP bestehen.
Natürlich habe ich mir die Minis sämtlich gekauft, und da sie mir ausgesprochen gut gefallen, bat ich Adrian, uns für morningfog.de etwas über ihre Entstehungsgeschichte und auch ein wenig über sich selbst zu erzählen.
Der 68jährige Brite lebt in der Nähe des Lake District im Norden Englands. Schon immer war er von Puppenhäusern und Miniaturen fasziniert, und so baute er in seiner Freizeit Puppenstuben. Einige Jahre lang verkaufte er seine Handarbeiten in einem örtlichen Geschäft, das inzwischen leider schließen musste. Nach seiner Pensionierung suchte er nach einer Möglichkeit, seine Rente ein wenig aufzubessern und beschloss, einige seiner Stücke bei Ebay zum Verkauf anzubieten. Dabei kam er auf die Idee, es auch einmal mit Miniatur-LPs zu versuchen. Adrian ist selbst Kate-Fan und besitzt die meisten ihrer Alben. Seine ersten Mini-LPs waren „Goodbye Yellow Brick Road“ von Elton John und „The Kick Inside“ von Kate Bush.
Da sich „The Kick Inside“ sehr schnell verkaufte, entschied er sich bald, alle Kate-Alben anzubieten, und Kate Bush-Fans, die sich überhaupt nicht für Puppenhäuser interessierten, bestellten sie begeistert.
Aufgrund des ansehnlichen Erfolges beschloss er, es auch mit Alben anderer Künstler zu versuchen –von da an ging es steil bergauf! Er erhielt Anfragen für immer mehr Bands und Musiker, sein Sortiment erweiterte sich beständig. Und während die Puppenhaus-Accessoires allmählich in den Hintergrund rückten, eröffnete er seinen eigenen E-Bay-Shop.
Um ein optimales Ergebnis für seine Miniatur-LPs zu erreichen, verwendet Adrian stets die bestmöglichen Bilder als Vorlagen: jedes Motiv muss für den Druck verkleinert werden und sollte daher eine möglichst gute Auflösung haben. Der Druck erfolgt auf qualitativ hochwertigem Fotokarton. Preislich liegen die Mini-LPs bei ca. 2,80 Euro pro Stück zzgl. Porto. Versand und Zustellung erfolgen innerhalb weniger Tage.
Neben Kate Bush gibt es in Adrians Sortiment auch Mini-LPs von Depeche Mode, ELO, The Doors, The Beatles, David Bowie, Madonna, Pink Floyd, Def Leppard, Blondie uvm. Meine persönlichen Highlights: Jeff Wayne’s „War of the Worlds“ und „Don’t Break The Oath“ von Mercyful Fate.

Die Kate Bush-Mini LPs von Adrian gibt es hier. Auch eine Version des „Before the Dawn“-Albums (allerdings nicht als Triple-LP) ist inzwischen erhältlic. Beate Meiswinkel

Jul 20 2017

„Voller Leben, Freude und Ausdruck“

Wie bereits im morningfog.de Beitrag „Bonus-Gedichte von Kate“ (28.06.2017) zu lesen steht, konnte Kate Bush als Gast-Editorin für die 25. Ausgabe der jährlich erscheinenden Anthologie „The Mays“ gewonnen werden. In diesem Band werden die herausragenden Arbeiten aus den Bereichen neues Schreiben und Kunst der Studierenden der Universitäten Oxford und Cambridge zusammengefasst.
„Die Studierenden beider Universitäten sehen sich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien der Welt außerhalb unserer allzu altmodischen Städte gegenüber zu engstirnig oder unsensibel“, schreibt Herausgeber Sabhbh Curran im Vorwort. „Ich hoffe, dass Sie in diesen Gedichten, Erzählungen und Kunstwerken große Vielfalt entdecken werden. Sie sind lebhaft, voller Bilder und Sätze, die noch lange nach dem Lesen bei Ihnen verweilen werden. An wen besseren hätten wir also Gast-Editorin herantreten können als an Kate Bush, die so viele dauerhaft inspirierende Lieder geschrieben hat und die eigentlich Gedichte sind. Ihre gütigen Worte und ihre Begeisterung über die eingereichten Beiträge stellten eine der Freuden dieser Arbeit dar.“
Tatsächlich muss Kate großen Spaß daran gehabt haben, bei der Zusammenstellung der Ausgabe mitzuwirken: „Ich habe es wirklich genossen, all diese Gedichte zu lesen. Voller Leben, Freude und Ausdruck“, schreibt sie. „Ich wollte eigentlich alle behalten, aber das war nicht gestattet. Ich habe ein zusätzliches mit hineingeschmuggelt.“
„The Mays“ bietet wunderbare Einblicke in die Gedanken- und Gefühlswelt junger, nachdenklicher Menschen. Ob in Schrift, Malerei oder Fotografie begegnen wir ihrer Neugier, ihren Interessen, ihren Gefühlen, persönlichen Zwiespälten und Eindrücken. Beim Lesen und Blättern fiel mir auf, wie sehr sich unsere eigenen Gedanken bereits an die abgeflachten bunten Memes oder Motto der beliebten Social Media, an die teilweise so profane Informationskultur der Video Channel oder an den exzessiven Konsum von Serien über die Streaming Portale gewöhnt haben. Mit ihnen setzen wir uns permanenter Flüchtigkeit, Unvollkommenheit und einer Art „Aus-dem-Zusammenhang-Gerissenheit“ aus. Nicht, dass ich die neuen Medien völlig missen möchte – aber das Einlassen auf einen kurzen, aussagekräftigen poetischen Text, der eine Momentaufnahme zu einem bleibenden Kunstwerk gerinnen lässt oder das Betrachten eines Gemäldes oder einer Zeichnung, die zum Nachsinnen und Denken anregen, haben eine gänzliche andere Wirkung. Sie laden ein, innezuhalten und den Geist dieser Zeit bewusst wahrzunehmen, ohne ihm zu erliegen. Sie hinterlassen tatsächlich einen bleibenden Eindruck.
„The Mays“ hat mir erneut vor Augen geführt, wie wertvoll, wichtig und unersetzbar Bildung und Kunst für unsere Gesellschaft und für uns als denkende, fühlende Menschen sind. Es kann nicht genug Förderung in diesen Bereichen geben, und Streichungen oder Kürzungen staatlicher Mittel mögen einen nicht wieder gut zu machenden Schaden anrichten. Beate Meiswinkel

The Mays – The annual collection of the best writing and art from the Universities of Oxford and Cambridge, XXV – Guest edited by Kate Bush; Varsity Publications Ltd, Cambridge, 2017, ISBN 978-0-902240-48-3.

Jul 16 2017

Heathcliff, it’s me, Cathy…

Zwei Wochen vor Kates Geburtstag haben wieder tausende Menschen den „Wuthering Heights Day“ gefeiert. Nach dem großen Erfolg im letzten Jahr, haben sich diesmal Gruppen in 20 Städten beteiligt – vorne weg Australien, wo es allein zwölf Tanzevents gab. Natürlich war auch Berlin wieder mit dabei, schließlich hatte die Berliner Aktion 2016 die Welle des weltweiten Events, das legendäre Video zu Wuthering Heights nachzutanzen, erst ausgelöst. Auf der facebook-Seite gibt es jede Menge Bilder und Videos von den einzelnen Veranstaltungen.

Jul 14 2017

Rubbel das Obst!

Emi Australien hat sich 1994 mal etwas ganz Anderes einfallen lassen und veröffentlichte Eat the Music in einem „Scratch & Sniff-Cover“. Wenn man leicht über das Cover rubbelt, riecht es nach Melone – oder besser gesagt es roch mal nach Melone! Nach 23 Jahren ist der Melonenduft sprichwörtlich verduftet! Ich hab auch schon Cover gesehen, von denen vor lauter Rubbeln nicht mehr viel übrig geblieben ist, denn jedes Mal rubbelt man auch etwas von der Oberfläche des Covers weg! Also aufpassen! Falls ihr eine findet, legt die CD in den Player, schwingt die Beine und futtert beim Tanzen eine reife Melone. Mit klebrigen Fingern steckt ihr die CD wieder in die Hülle und ruck zuck riecht euer Cover wieder nach der fruchtigen Versuchung, die Kate so leidenschaftlich auf
dieser CD zum Besten gibt! Happy hunting! Michael Guth

Jul 08 2017

Das Song-ABC: Lily

Die Welt ringsum bricht zusammen, es gibt keinen Halt, nur Chaos. „I feel that life has blown a great big hole through me“ singt Kate Bush fast verzweifelt klingend in „Lily“. Präziser kann dieses Gefühl kaum beschrieben werden.
In der Zeit der Entstehung des Albums „The Red Shoes“ gab es schwerwiegende Ereignisse im persönlichen Umfeld. Die Mutter von Kate Bush starb an Krebs, Freunde starben. Die Erschütterung durch den Tod der Mutter war so stark, dass Kate Bush die Arbeit monatelang unterbrechen musste. Den Albumhintergrund bilden Verluste, Verluste von Personen und Illusionen. Eine Suche nach Halt ist zu spüren, eine Suche nach Beistand, eine Suche nach Richtung, nach einem Ausweg. Das Album kommt aus einer Welt, die in Scherben liegt. Die Störung in der Beziehung zu ihrem langjährigen Lebenspartner Del Palmer deutet sich in den Liedern schon an, das Motiv der Trennung und der verlorenen Liebe kommt in mehreren Songs vor. Auch in „Lily“ geht es um Verlust, Einsamkeit, Suche nach Wärme und Nähe, um Suche nach Hilfe, Schutz und Unterstützung.
„Lily“ beginnt damit, dass die ruhige und gelassene Stimme einer alten Frau ein Gebet sprich. Die alte Frau ist Lily Cornford von der Maitreya School of Healing – eine „Heilerin“, die Kate Bush gelegentlich konsultierte [1]. Ganz eindeutig ist dieser Song dieser Frau gewidmet, das drückt schon die Namensgleichheit aus. Das Gebet selbst ist das sogenannte Gayatri Mantra. Dieses vedische Mantra ist für viele Hindus das tägliche Gebet, das sich jedoch nicht an eine personale Gottheit wendet, sondern an die Sonne als sichtbare Repräsentation des Höchsten. Neben der Lobpreisung enthält es die Bitte um geistige Erleuchtung [2]. Zitiert wird es in einer variierten Fassung, die auf der englischen Übersetzung von William Quan Judge aus dem Jahr 1893 basiert [3].
Hinter diesem Gebet sind im Hintergrund ganz leise Töne zu hören. Es klingt unheimlich, nicht identifizierbar, bedrohlich, verzerrt, wie aus einem Horrorfilm. Monster huschen schattenhaft vorbei – das war meine Assoziation beim Hören mit größerer Lautstärke. Dazu erklingt eine vage Musik, nur einzelne Töne sind zu hören, ebenfalls an einen Horrorfilm erinnernd.  Die Stimmung dieses Hintergrundes hat mich jetzt beim Wiederhören ganz stark an „Blair witch project“ und die durch diesen Film erzeugte Stimmung erinnert. Vor diesem Hintergrund aus Horror bildet das Gebet einen Ruhepol. Es ist so, als ob die ruhige und gelassene Stimme der Heilerin die Monster zurückhält und einen geschützten Raum aus Sicherheit, Wärme und Zuversicht bildet. Diese Einleitung „explodiert“ dann förmlich in dem dann folgenden eigentlichen Song. Ein drängender, vorantreibender Rhythmus übernimmt und bestimmt den ganzen Rest des Liedes. Es ist ein tänzerischer, fast ekstatischer Rhythmus. Jovanovic [4] beschreibt dies als „einen funkigen Beat […], der beinahe in Richtung Hip-Hop tendierte. Der Song wurde allerdings quasi live von der Band eingespielt“. Del Palmer gibt dazu nähere Erläuterungen: „This is another track where the original bass and drums had to lie re-done at a later stage because the feel had changed almost to a hip-hop style“ [5].Ein Schalter wird umgelegt im Lied. Wenn der erste Teil eine Erinnerung war, ein Wunschtraum – jetzt sind wir in der Realität. Die zurückgehaltenen Monster der Gegenwart sind präsent und geben den Takt vor.
Vier Akkorde bestimmen das ganze Lied und werden fast beschwörend wie ein Mantra eingesetzt – g-Moll, F-Dur, c-Moll und Es-Dur. Der Gesang – immer aus der Sicht der Protagonistin – durchläuft dabei mehrere Phasen. „In den Strophen sehnsuchtsvoll, die Überleitung wird dann mit tiefer Stimme gesprochen, der Refrain war aufrüttelnd und gewaltig gestaltet [4]“.
Mit „Well I said […]“ beginnt die erste Strophe. Die Haupttonart ist wohl g-Moll, g-Moll-Akkorde wechseln sich mit F-Dur-Akkorden ab [6]. G-Moll symbolisiert nach Beckh [7] ein frühes Verzagen, ein zu frühes Aufgeben der Hoffnung. In der Zauberflöte von Mozart bestimmt es die Klage der Pamina. Seelenfinsternis spiegelt sich in dieser Tonart wieder. In Wagners „Tristan und Isolde“ steht es für Schmerz und Hoffnungslosigkeit. Wie so oft bei Kate Bush sagt die Tonart schon aus, worum es geht. Der F-Dur-Akkord kommt dazu – die fromme. religiöse, ätherische Tonart, die Naturtonart, die typische Tonart der Choräle [7]. Verzweiflung in der realen Welt und Schutzsuche in einer überirdischen Welt mischen sich.
Dann erinnert sich die Protagonistin an den Rat der Heilerin: „And she said ‚Child, you must protect yourself. I’ll show you how with fire'“. Zu Beginn des Zitats der Heilerin (ab „Child […]) wechselt die harmonische Welt zu c-Moll-Akkorden [6], dies steht laut Beckh [7] für die Verwurzelung auf dem Boden, für Stärke und Vertrauen.
Mit „Gabriel before me […]“ setzt dann das Anrufen von Schutzmächten ein. Während dieser Engel-Beschwörung kommen Es-Dur-Akkorde – die Paralleltonart zu c-Moll – dazu [6]. Die Protagonistin kämpft sich mit Hilfe der Erzengel hervor aus dem Dunkel. Es-Dur hat einen kämpferischen, heroischen Charakter, es steht für die Wiederaufwärtswendung zum Licht, ist stark und positiv [7]. „Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht“ heißt es in dieser Tonart im Schlusschor der Zauberflöte, Es-Dur ist die Tonart der Feier [7].
Mit zwei Tonarten (g-Moll und Es-Dur) wird auf die Zauberflöte verwiesen. Auch in dieser Oper geht es um Magie, um ein sich Herauskämpfen aus der Dunkelheit. Leider finden sich bei Kate Bush keine Aussagen dazu, ob dies ein bewusster Verweis ist oder eine ähnliche harmonische Gestaltung aus ähnlichen Empfindungen heraus. Eine Akkordgestaltung aus c-Moll und Es-Dur findet sich aber auch in „The Fog“. Dort steht c-Moll für die Sicherheit, die der Vater gibt und Es-Dur ebenfalls für das Herauskämpfen aus einer schwierigen Situation.
Während der Anrufung der Erzengel sind im Hintergrund Töne wie aus einer Beschwörung zu hören. Ein merkwürdig mystisch klingendes Instrument erklingt, unweltlich und fast unirdisch. Paddy Bush spielt hier eine Fujara, ein aus dem slawischen Raum stammendes Instrument [4].
Der zweite Abschnitt „I said […]“ ist dann etwas ruhiger, die Unsicherheit hat sich etwas gelegt, die erste Beschwörung wirkt offenbar. Die Anrufung wird dann wiederholt, insgesamt erklingt sie dreimal. Zwischen den beiden Wiederholungen zum Schluss gibt es fast fröhliche kurze Gesangsausbrüche der Befreiung. Die Protagonistin schnurrt wie eine große Katze. Sie kämpft sich empor ans Licht.
Die tänzerische Stimmung wird durchgängig beibehalten und das Ende von „Lily“ kommt dann fast abrupt, ohne eine richtige Auflösung. Es ist eindeutig ein Schlusspunkt, ein „so – das war es!“.
Es wurde gemutmaßt, dieser Song sei das kaum verhohlene Eingeständnis, dass Bush eine weiße Hexe sei [4]. Auch im Internet wurde darüber intensiv diskutiert und auch darüber, dass die Erzengel in einer falschen Reihenfolge angerufen wurden und warum das so sein könnte. Kate Bush gibt aber den klaren Hinweis, dass solche Passagen nicht Wort für Wort auf Geheimnisse zu untersuchen sind. „People seem to read a more ethereal dreaminess into my lyrics. I like messages in songs that are much more based in reality.“ [8]
Aber das Lied zitiert eindeutig magische Elemente – nicht im exakten Sinne, sondern im Sinn des Hervorrufens eines bestimmten atmosphärischen Kontextes. Die dreimalige Anrufung der Erzengel ist in der Magie gebräuchlich. Das dreimalige Wiederholen kommt auch in vielen Märchen vor (drei Wünsche usw.). Die dreimalige Wiederholung eines Zaubers ist häufig (es dient der Bestätigung). Auch in der Bibel wird die Zahl drei im Sinne von  „ganz bestimmt, sicherlich“ benutzt. Jesus wird nach drei Tagen auferstehen, zur Unterstreichung werden Aussagen oft dreimal wiederholt [9].
Die vier Erzengel selbst stehen für spezielle Schutzbedürfnisse [10]. Gabriel ist der Beschützer der Familie und die Stärke Gottes – er geht voraus. Michael mit dem Lichtschwert steht rechts, er ist der Führer in eine neue Zeitepoche und führt in die erhoffte Selbstbefreiung. Uriel zur Linken als Licht Gottes soll die Finsternis erhellen und den Weg weisen. Am Schluss Raphael als Arzt Gottes, der die erlittenen Verletzungen heilt. Im Film „The Line, The Cross and the Curve“ laufen sie genauso angeordnet. Das finstere Monster wird dort überschritten und zurückgelassen. Am Ende geht Kate Bush ihren Weg ohne die ständige physische Präsens der Engel weiter [10].
Die Fassung von „Lily“ auf „Director’s Cut“ mit Mica Paris fügt dieser Deutung nicht viel Neues hinzu: Jovanovic meint, dass diese Version „sehr an die ungehemmten Zeiten von ‚Violin‘ erinnert“ [4]. Offenbar sind die ausgedrückten Gefühle immer gegenwärtig geblieben. „Lily“ war dann auch das Auftaktlied zu den „Before the dawn“-Konzerten. Das mag an der ungehemmten Energie dieses Songs liegen – aber vielleicht auch an der Bedeutung. Mit diesen Konzerten werden die Dämonen ausgetrieben, das Konzert ist eine rituelle Handlung, „Lily“ ist das Mantra für den Kampf mit den Dämonen der Unsicherheit und des Zweifels. Der Song hat etwas wirklich Tröstendes und Befreiendes. Vielleicht könnte man dieses Lied therapeutisch nutzen – die Gefühle dürften keinem Menschen fremd sein. (© Achim/aHAJ)
[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S.321 und S.349
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Mantra  (gelesen 26.05.2017)
[3]  https://en.wikipedia.org/wiki/Gayatri_Mantra (gelesen 26.05.2017)
[4] Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH/Hannibal. Höfen. S.183
[6] Kate Bush: Songbook „The Red Shoes“. International Music Publications Limited. Woodford Green 1994.  S.48ff
[7] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.248ff (g-Moll), S.148ff (F-Dur), S.123ff (c-Moll, Es-Dur)
[8] Tom Moon: A Return to Innocence. Philadelphia Inquirer. Januar 1994
[5] Del Palmer on Kate Bush: Well red. Future Music. November 1993
[9]  https://anthrowiki.at/Numerologie  (gelesen 19.05.2017)
[10] „Dreamin` Architect“ auf „http://www.carookee.com/forum/Kate-Bush/110/9315118.0.30115.html?p=3#tm (gelesen 16.03.2009)“

Jul 03 2017

Kate in Polaroids: Juli

Lily

„Der Hexenkreis, den Kate beschreibt, wird repräsentiert durch die vier Erzengel, die wiederum die vier Elemente darstellen. Die vier Elemente werden auch durch vier platonische Körper repräsentiert“, ist schon alles, was Michael zu seinem Polaroid für den Monat Juli preisgeben will. Vier unterschiedlich geformte Körper. Jeder steht also für einen der in Lily besungenen Erzengel, die wir benennen können: Gabriel before me, Raphael behind me, Michael to my right, Uriel on my left side. Welche Rolle der Erzengel Michael in diesem Fall spielt, bleibt offen. Das Rot mag auf den Rat von Lily hinweisen: protect yourself with fire. Warum der Schutz notwendig wird, was das Gefühl „like life has blown a great big hole through me“ ausgelöst hat, erfahren wird nicht, können es allenfalls erahnen, wenn wir die zwölfmonatige Motivsuche als einzelne Lebensabschnitte deuten – das heraustreten aus seinem Schatten, die Einsamkeit, das Geheimnis, das man mit sich herumträgt, den Versuch, die Vergangenheit festhalten zu wollen, ganz so, als ob man den Schritt in die neue Zukunft scheut, die Flucht in die Traumwelt und jetzt die Leere, das zusammenbrechende Kartenhaus, das eine Fassade nur noch aufrecht erhalten kann, weil man Schutz sucht, sich von außen Hilfe erhofft…

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Jun 28 2017

Bonus-Gedichte von Kate

Kate hat sich als Gast-Herausgeberin der jährlichen Sammlung von Lyrik, Prosa und Grafik/Artwork von Studenten der Universitäten von Oxford und Cambridge betätigt. Einmal in Jahr werden die besten Arbeiten der Studenten in dem Buch „The Mays“ versammelt. Die diesjährige Ausgabe ist bereits die 25. dieser Art. Gast-Editoren waren bereits unter anderem der bekannte Schriftsteller Philip Pullman (zu dessen Buchverfilmung „Der goldene Kompass“ Kate den Song „Lyra“ beigesteuert hatte), der Schriftsteller und Schauspieler Stephen Fry (der auf dem Titelsong von „50 Words for snow“ die 50 Synonyme deklamiert) und Musiker Nick Cave. Katebushnews zitiert Kate mit den Worten: “I really enjoyed reading all of these poems. Full of life, fun and expression. I wanted to keep them all but it wasn’t allowed. I sneaked an extra one in.” Letzteres dürfte eher ein kleiner Scherz sein. Man kann sich aber auch selbst auf die Suche nach dem Bonus-Gedicht begeben: Der Jahresband ist für zehn Pfund (ohne Versand) hier zu erwerben. Auf facebook findet man The Mays hier.

Jun 24 2017

Das Song-ABC: Never Be Mine

abcMelancholisch kommt dieser Song daher, die Stimmung ist gebrochen romantisch. Ich mag diese zu Herzen gehende Stimmung. „Never be mine“ erinnert mich an die Mornas der kapverdischen Musik, die ich sehr liebe. Die Stimmung einer Morna ist melancholisch und nachdenklich, der Text voller Sehnsucht, Heimweh und Verlangen [1] – und genau so ist auch dieser Song von Kate Bush.
Es geht um ein Begehren, das aber besser ein Traum bleiben sollte – das ist die offensichtliche Deutungsvariante. Kate Bush gibt diese Interpretation selbst in verschiedenen Interviews.
„It’s that whole thing of how, in some situations, it’s the dream you want, not the real thing. It was pursuing a conscious realisation that a person is really enjoying the fantasy and aware it won’t become reality. So often you think it’s the end you want, but this is actually looking at the process that will never get you there. Bit of a heart-game you play with yourself.“ [2]
Noch deutlicher und präziser sagte sie es in einem anderen Interview so:
„It’s a desire to have something you can’t have, but in a lot of cases if the dream came true it would be horrible. The dream holds the fascination and power.“  [3]
Never-Be-Mine400Für Graeme Thomson [4] ist dies der „ewige Kampf zwischen Traum und Vorstellung, das Ringen zwischen Verstand und Instinkt, zwischen dem, was wir wissen und dem was wir fühlen.“
Wie so oft bei Kate Bush ist die erste Interpretation wie eine Folie, die über möglichen Untiefen liegt. Mehrere Rezensenten haben eine zweite Variante herausgelesen und herausgehört, die der verlorenen Liebe. Karen Clements  [5] meint „Bush expresses the terrible pain of rejection with haunting vocals and the bittersweet sounds of Uillean pipes“. Und auch Martin Townsend  [6] geht in diese Richtung – offenbar nach doch etwas tieferer Beschäftigung mit dem Song: „It’s first verse – an account of walking home through the burning stubble and seeing her lover’s face ‚ghostly in the smoke‘ – could only be plucked from real life, and brilliantly underlines the sense of a love lost in the very moment that it’s won. The vocal work of the Trio Bulgarka and the mournful tones of Spillane’s Uilleann pipes combine quite beautifully here.“
Ich selbst hatte lange eine dritte Variante im Sinn. Die Stimmung hat mich sehr stark an „The Fog“ erinnert, Es gibt ja auch Gemeinsamkeiten – siehe dazu weiter unten. Ich habe „Never be mine“ jahrelang so „gefühlt“, als ob hier die Protagonistin von einer anderen (ländlich-irischen) Lebensweise fasziniert ist. Sie ist sich aber auch bewusst, dass dies nur als Traum funktioniert. Ich gebe zu – eine etwas abwegige Analyse. Ich stehe nicht mehr dazu ;-).
Rob Jovanovic bleibt in seiner Biographie [7] wie so oft bei der Interpretation von Songs sehr an der Oberfläche. „Behäbig, bleibt trotz der vielen dort zusammenkommenden Einflüsse aus Irland, Deutschland und Bulgarien wenig überzeugend.“  Meine Meinung ist, dass er den Song nicht versteht. Er sieht noch nicht einmal die Folie, er sieht nur eine musikalische Reflexion und kann sie nicht mit dem Inhalt in Verbindung bringen. Und welchen deutschen Einfluss kann er meinen? Dass der Deutsche Eberhard Weber den Bass zupft?
Eine genauere Analyse lässt sich gut mit einem Durchgang durch das Lied Zeile für Zeile verbinden. Danach wird klarer sein, wie „Never be mine“ zu verstehen ist. „I look at you and see […]“ – der Beginn ist ruhig. Klavier, nbm2-400Percussion, ein Streicherakkord, all das verbindet sich zu einer zarten und romantischen Stimmung. Bei „smoke“, „smell“, „Will now mean you and here“ kommen irische Flöten dazu. Wie in „The Fog“ erinnern sie an Heimat, es ist ein geerdeter Klang, tief im Volksmusikalischen verwurzelt. Vielleicht hatte ich genau aus diesem Empfinden heraus jahrelang die dritte Interpretation im Kopf. Der Text ist voller sprachmächtiger Bilder und fast schon Lyrik.
Zum mit „This is where I want to be […]“ beginnenden Abschnitt erklingt im Hintergrund das Trio Bulgarka. Sie singen einen fremdartigen, langen Akkord, der sich zuerst überhaupt nicht nach Stimmen anhört. Es ist eine Tonfarbe, ein Einsatz von Stimmen als Instrument. In der Schlusszeile des Abschnitts „But I know that this will never be mine“ setzt das Trio auf „mine“ dann abrupt aus. „Mine“ – die Welt der Protagonistin – hat nichts zu tun mit der Welt, die durch das Trio illustriert wird.
Mit „Ooh, the thrill and the hurting […]“ beginnt eine wieder anders gestaltete Musik. Basstöne bestimmen den Rhythmus. Für mich symbolisieren sie das Herzklopfen des „thrill and the hurting“. Die Beziehung zwischen den beiden Personen bietet also Herzklopf-Potenzial – aber es ist nur eine Vorstellung, ein Wunschtraum, eine Imagination, keine Realität („I know that this will never be mine“).
Die nächste Strophe sagt ganz klar, dass die im Song angesprochene Person die Protagonistin nicht wirklich braucht. Dieser Wunschtraum ist einseitig. „That clumsy goodbye-kiss could fool me, / But I’m looking back over my shoulder / At you, happy without me.“  Begehren ist da, aber ohne Erwiderung. Verlorene Liebe? Durchaus möglich, nicht naheliegend. Aber die Protagonistin ist Realistin („At you, happy without me.“).
Im Schluss ab „Ooh, the thrill and the hurting“ kommen alle diese Einflüsse zusammen in einer Coda, die zum Ausklang fast ein bisschen verspielt wird. Der Tagtraum ist kein Albtraum. Ab „It will never be mine“ drängt sich das Trio Bulgarka immer mehr in den Vordergrund, jetzt mit fast verständlichen Passagen. Der Herzklopfen-Bass schließt sich an. Die Stimmung wird hypnotisch und versetzt den Zuhörer beinahe in Trance. Der Schluss endet einfach so auf einer Note – ein Schlusspunkt ist gesetzt, der Realismus hat sich durchgesetzt. Das ist keine Überraschung – der Titel sagt es ganz unmissverständlich: „Never be mine“.
Interessant sind die eindeutigen Rollen, die musikalischen Elementen zugeordnet werden. Die irischen Flöten sind verbunden mit der Erwähnung der anderen Person, mit Verwurzelung in der Heimat. Das Trio Bulgarka ist  verbunden mit dem, was man sich ersehnt, dem Traum. Der Bass steht für das Herzklopfen, die emotionale Bewegung. Dabei spiegeln sich diese Elemente durchaus ineinander, wie Kate Bush erläutert. „On Never Be Mine all the Irish stuff was done, and then the girls came in. Two separate entities put together, but similar energies. And sometimes you can hear little Irish riffs and flavours in the Bulgarian music and vice-versa“ [2].
All das illustriert aufs Schönste die Macht des Traums. Das Lied ist „hopelessly romantic in its self-realization that the dream of love is often more powerful than the reality.“ [8]
nbm400Die Tonart ist ein c-Moll [9]. C-Moll hat einen starken, positiven, kämpferischen Charakter. Es ist diejenige Tonart, die am festesten auf dem Boden, am stärksten auf der Erde steht, ein Zeichen eigener Kraft und Stärke – aber auch manchmal ein Symbol für die Tragik des Irdischen [10]. Es ist die passende Tonart für den Realismus, der schließlich auch in diesem Traum siegt. Bezeichnend ist, wie c-Moll in anderen Songs von Kate Bush eingesetzt wird. In „The Fog“ steht c-Moll für das Grundvertrauen (in den Vater), in „Lily“ für den Rat der Heilerin, in „Running up that hill“ wird in dieser Tonart ein Wunsch an Gott gerichtet. Bei Kate Bush ist c-Moll die Klangwelt der Ratgeber, der Wissenden, der „guten Mächte“. Es ist die Sicherheit und der Schutz, der feste Grund unter den Füßen.
In der Musik und im Gesang fehlt jeder Hauch von Verzweiflung, der ja bei der Verlorene-Liebe-Interpretation mindestens ansatzweise vorhanden sein müsste. Dies alles zusammen ist für mich Beleg genug dafür, dass die erste Interpretationsvariante die schlüssigste Variante ist und dass Kate Bush in ihren Aussagen zum Song wenig verschwiegen hat.
Ein weiteres Interview [11] zeigt auf, dass der Weg zum erzielten Ergebnis aber etwas komplizierter war. Offenbar war es nicht leicht, die ganzen Aspekte auf Anhieb zu integrieren, der Song entfaltete sich Stück für Stück auf dem Weg. An den Details wurde wieder und wieder gefeilt. „I wanted a sort of eastern sounding rhythm. I wrote it first on the piano, though the words were completely different, except for the choruses. I did it on the piano to a Fairlight rhythm that Del programmed [,,,]. We got Eberhard (Weber) over to play bass and he played on the whole song. When we were trying to piece it together later we kept saying it just doesn’t feel right, so we just took the bass out and had it in these two sections. You hardly notice it going out at all. I think the song has a very light feel about it, which helps the whole imagery. The Uilean pipes have a very light feel, and the piano is light .. I think it’s a nice contrast when the bass suddenly come in. […] The piano on this is an upright Bernstein that has a really nice sound – I think it has to do with proportions for us. We did have a big piano and it’s a small room, and it didn’t record well. The small piano sounds much bigger.“
Auch bei diesem Song zieht Graeme Thomson [4] ein treffendes Fazit. „Kate Bush ist hier etwas Fantastisches gelungen. Sie zeigt, wie uns das, was wir fühlen, gleichzeitig gefangen hält und befreit, so sehr wir uns vielleicht dagegen wehren mögen. Und wie anschaulich macht sie deutlich, dass unsere Sinne Assoziationen beflügeln und so darüber entscheiden, wie wir uns erinnern: ‚the smell of burning fields will now mean you and here!‘.“  Um die Assoziation vom Beginn wieder aufzugreifen: auch das spiegelt die Stimmung einer kapverdischen Morna wieder. „Never be mine“ ist textlich und musikalisch ein Wehmutsgesang.  (© Achim/aHAJ)
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Musik_der_Kapverdischen_Inseln (gelesen 21.04.2017)
[2] Len Brown: In the Realm of the Senses. New Musical Express, 7. Oktober 1989
[3] N.N.: Love, Trust and Hitler. Tracks, November 1989
[4] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. , S.303
[5] Karen E. Clements : Tales of Love. Cornell Daily Sun, 27. Oktober 1989
[6] Martin Townsend: Kate Bush: The Sensual World EMI EMD 1010.  New Hi-Fi Sound, November 1989.
[7] Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH/Hannibal. Höfen. S.174
[8] Brad Bradberry : Kate Bush – The Sensual World. Option, Jan/Feb 1990.
[9] Kate Bush: Songbook „The Sensual World“. EMI Music Publishing Ltd.. London 1990. S.45-47
[10] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.123-126
[11] Tony Horkins: What Katie Did Next.  International Musician, Dezember 1989

Jun 01 2017

Kate in Polaroids: Juni

pola_06-620Never be mine

Die Textzeile von Kate bei Never be mine ist doppeldeutig: I want you as the dream, not the reality. Sich in den Traum zu flüchten, in eine heile Welt, weil die Realität nicht das ist, was man sich wünscht, ist die offensichtliche Deutungsmöglichkeit. Man kann es aber auch anders sehen: nicht die Realität ist das Problem, sondern man selbst. Man ist nicht stark genug, sich der Realität zu stellen, sein Leben so zu leben, wie man es möchte, flüchtet sich stattdessen in (s)eine Traumwelt. Und wenn es noch konkreter um den Menschen in den Träumen oder der Traumwelt geht, bleiben genau die Fragen, denen Michael in seinem Polaroid nachgeht: „Was wäre wenn? Wenn es doch wahr geworden wär? Oder besser doch nicht? Die Gegenwart zeigt es. Der Blick zurück (über die Schulter), das ‚Vielleicht doch‘.“ (But I’m looking back over my shoulder/At you, happy without me) Unklar bleibt, wer mit dem Blick zurück über die Schulter das „Vielleicht doch“ ermöglicht. Schlüpft der Fotograf in die Rolle des Protagonisten? Tauscht er die Rollen? „Am Zweifel wird man stark, heißt es. Aber süße Erinnerungen und der Traum von einem anderen Leben, einem anderen Lebensweg, können schön sein. Oder schmerzen“, schreibt Michael. Auch das lässt eine weitere Deutung von Bild und Lied zu: der verflossenen Liebe, die man möglichst positiv in Erinnerung behalten will, die man vielleicht auch nicht gehen lassen möchte und sich deswegen lieber in den Traum flüchtet, als sich der Realität zu stellen.

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Mai 25 2017

Mit google maps auf den Spuren von Kate

kbtour620kbtour-berlin1Da dürfte viel Arbeit drinstecken: Im englischen Forum hat der User „whitehorsehill“ auf Google maps eine KB Tour quer durch Europa angelegt. Zu jedem angezeigten Ort gibt es die entsprechenden Infos, bei welcher Gelegenheit Kate dort war. So sind natürlich sämtliche Auftrittsorte der Tour of Life verzeichnet und man erhält beispielsweise beim Kölner Gürzenich die zutreffende Information, dass das Konzert in die Duisburger Mercatorhalle verlegt worden war. Spannender als die Tour of Life-Termine sind Orte von Fotoshootings, Filmaufnahmen oder Studios, in denen Kate Songs eingespielt hat. Zum Beispiel in der Nähe von Nizza, wo im Superbearstudio Lionheart aufgenommen wurde. Und kbtour-cologne1ganz nebenbei erfährt man dann auch, dass das Tonstudio heute als Bed & Breakfast gebucht werden kann. Whitehorsehill hat unglaublich viele Informationen zusammengetragen, die so selbst für absolute Kate-Fans noch neu sind. Oder weiß jemand auf Anhieb, in welchem Shop und in welcher Stadt Kate eine Lambeg Drum für die Aufnahmen zum Album Hounds of Love gekauft hat? Oder was die Garway Church in Herefordshire mit Kate zu tun hat? 165 Einträge gibt es bisher und in den nächsten Wochen und Monaten dürfte die KB Tour auf Google maps noch deutlich erweitert werden. Wer auf Reisen gehen möchte und die 165 Einträge durchstöbern will: hier entlang.

Mai 19 2017

Arthur Rackham als Inspiration?

arthur-rackham620arthur-rackham400Dienten die Illustrationen von Arthur Rackham (1867 – 1939) als Vorlage für das Album-Cover von Kates LP „Never for Ever“? Die Ähnlichkeiten der Zeichnungen von Rackham mit dem von Nick Price gestalteten Cover sind zumindest verblüffend.

Der Brite Rackham hat sich einen Namen als Buchillustrator gemacht und hat insbesondere die Zeichnungen für Märchen geliefert. So unter anderem für die englische Fassung der Märchen der Gebrüder Grimm, für Alice im Wunderland, Cinderella und für Peter Pan. Rackham hat zwischen 1896 und 1936 aber auch Werke von Shakespeare, Jonathan Swift, Richard Wagner, Charles Dickens, Henrik Ibsen und Edgar Allan Poe bebildert. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass sowohl Kate als auch Nick Prize die Illustrationen von Rackham durchaus bekannt waren.

Besonders auffallend ist die Ähnlichkeit zwischen Kates Pose auf dem Cover, für die sie Nick Prize damals selbst das entsprechende Foto lieferte, und Rackhams Zeichnung mit dem Titel „Undine in the wind“. Rackham hatte 1909 die Erzählung „Undine“ von Friedrich de la Motte Fouqué illustriert. Sinnigerweise ist Undine ein Wassergeist. Ein mehr als passendes Motiv also. Zumindest Kate könnte also das entsprechende Bild von Rackham im Kopf gehabt haben, als sie für das NFE-Cover fotografiert wurde. Immerhin passt sogar das Kleid mitsamt dem Muster sehr gut. Nick Price selbst hat von Rackham als Inspirationsquelle allerdings nicht gesprochen. In einem Interview mit morningfog.de betonte er unter anderem: „Kate wollte freundliche und dunkle Figuren auf dem Cover. Den Charakter der Figuren zu entwickeln, hat sie mir überlassen, was natürlich toll für mich war. Vielleicht sind die Figuren der dunklen Seite auf dem Cover etwas stärker vertreten, aber es ist einfach interessanter Dämonen zu zeichnen, als Tauben und Schwäne.“ Er selbst hat als Quelle eher den niederländischen Renaissance-Maler Hieronymus Bosch angegeben.

Mai 14 2017

„Diese Frau ist der Hammer!“

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© Eberhard Gill

Mrs. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love Kate Bush

Von Eberhard Gill

Ich bin ein Spätzünder. Jedenfalls, was Kate Bush angeht. Kate Bush? War das nicht die mit Babooshka? Diesem peinlichen Song, in dem eine zornige Frau mit schriller Stimme irgendein Glas zerdeppert? Nein, dazu darf man sich keinesfalls bekennen, das hört man allerhöchstens mal alleine im stillen Kämmerlein und ansonsten schmückt man sich nach außen mit dem Bekenntnis zu anspruchsvoller Musik. Unter dem Niveau von Keith Jarrett oder Olivier Messiaen geht gar nichts.
So ähnlich ging es mir zunächst, als ich, angeregt durch die Lektüre des unglaublich guten Romans Wuthering Heights von Emily Brontë auf Kate Bush gestoßen bin. Nach über 50 Jahren Musikhörens von Klassischer Musik, Jazz und Rock. Vielleicht braucht man auch ein gewisses Alter, um sich von den anspruchsvollen, ambitionierten Gefilden traditioneller E-Musik freizuschwimmen, um die Chuzpe zu haben, sich in die Niederungen der Unterhaltungsmusik zu wagen. So jedenfalls fing bei mir alles an. Und ich sagte mir, jetzt beschäftige ich mich mal mit dieser zweit- oder drittrangigen Sängerin, die Kate Bush heißt, von der ich weder etwas weiß, noch  – außer Wuthering Heights und Babooshka – Songs kenne. Vielleicht sollte ich hier sagen, dass, wenn ich von „…beschäftigen mit…“ rede, ich so ziemlich alles, was mir unter die Augen und Ohren kommt, zu Rate ziehe. Nach etwa einem Jahr mit intensivstem Lesen, Sehen und vor allem Hören kann ich sagen, dass ich mich niemals in der Bewertung eines Künstlers oder Künstlerin so grandios geirrt habe wie bei Kate Bush. Diese Frau ist der Hammer!
Aber der Weg zu dieser Erkenntnis dauerte doch einige Monate. Lange hielt ich mich im Umfeld von Wuthering Heights auf, sah die YouTube-Videos, die heutzutage irgendwie lächerlich wirken können, und freute mich an den albernen Reflektionen, die dieser Song-Klassiker in einer Kate Bush-Fangemeinde auslösen kann, zum Beispiel der Versammlung von dreihundert rotgewandeten Kate Bush-Fans auf einer Wiese in England um, von der Theatergruppe Shambush! organisiert, gemeinsam die Choreografie von Kate Bushs Wuthering Heights aufzuführen.
Wann genau der Übergang vom mehr und mehr interessierten Zuhörer zum im Tiefsten ergriffenen und erschütterten Hörer der Musik Kate Bushs stattfand, kann ich nicht sagen. Vielleicht war es am ersten Advent, an dem ich mehrere Stunden lang das neu herausgekommene Video And Dream of Sheep immer und immer wieder angesehen habe und die Tränen nur so flossen. Es war jedenfalls ein Schock, wie ich ihn als Hörer von Musik noch nie erlebt hatte.
Vielleicht sollte ich hier sagen, wie ich Musik höre. Viele Menschen hören Musik als Hintergrund-Untermalung. Oft tue ich das auch. Meistens jedoch höre ich der Musik genau zu, mache nichts nebenher und konzentriere mich. Und ich kann dies vielleicht vergleichen mit jemand, der an der Küste eines Meeres steht und auf das Wasser hinausschaut. Die meisten Menschen sehen dann wohl Schiffe mit ihren schönen Segeln oder bewundern die Majestät der Kreuzfahrtschiffe. Ich komme mir dagegen viel eher wie ein Taucher vor, der nicht nur die Erscheinung oberhalb der Wasseroberfläche wahrnimmt, sondern die dazugehörige Unterwasserwelt. In der Musik sehe ich dann tiefer und erkenne verborgene Schönheiten, die glitzernden Fischschwärme, die bunten Farben eines Korallenriffs, aber auch die steil abfallenden Flanken von schroffen Felswänden, die grau ins Bodenlose versinken und bei mancher Musik, die dann schnell ihren Reiz verliert, sehe ich einen öden Meeresboden aus Sand, aus dem nur vereinzelt etwas Seegras sprießt. Und ich hatte schon Erlebnisse, bei denen ich so tief in Musik eindrang und versank, dass ich den Eindruck hatte, dass die Musik nicht mehr nur in mir war, sondern dass ich in der Musik war, ganz und gar verschwunden in ihr, mit einem Körper, der nur noch Hülle ist für die Hirnfunktionen, die beim Hören aktiv sind. Wenn es mir gelang, so Musik zu hören, war es wie nach dem Erwachen aus einem Traum, wenn die Musik aufhörte und ich wieder zu mir kam und langsam die Glieder reckte, um beruhigt zu sehen, dass ich tatsächlich auch einen Körper habe.
Zurück zu Kate Bush. Um in dem Bild des Tauchers zu bleiben, ist mir beim Hören von Kate Bush etwas passiert, was ich vorher noch nie erlebt hatte. Beim Schnorcheln in ihrer Unterwasser-Musikwelt reckte sich plötzlich eine Hand aus den Tiefen des Ozeans nach mir aus und versuchte mich zu packen. Ob die Hand mich nach unten ziehen wollte, weiß ich nicht so recht, jedenfalls war es nicht meine Hand, sondern eine andere Hand, eine Hand, die mir die Musik entgegen streckte und die mich packte und zu ihrem Spielball machte. Das war beängstigend und ich hatte das Gefühl, ich verlöre die Kontrolle. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, um mich von dieser Erlkönig-Erfahrung zu befreien, war mir selbst einen Monat absoluter Abstinenz von jeglichem ihrer Lieder zu verordnen, was glücklicherweise ganz gut funktioniert hat. Mit dieser beängstigenden und aufwühlenden Erfahrung kann ich sagen, dass Kate Bushs Musik die einzige ist, die ich kenne, die ich als (zumindest für mich) gefährlich bezeichnen würde.
Meine Erfahrung mit ihrer Musik ist, dass ihre Lieder entweder beim ersten Hören direkt ins Herz treffen (bei mir zum Beispiel dem unglaublichen Something Like a Song, den sie mit ca. 15 Jahren geschrieben hat) oder beim wiederholten Hören. Ich kann einen Beatles-Song 10 oder 20-mal hören und es passiert: NICHTS. Anders bei Kate Bush. Selbst bei Songs, die ich beim ersten Hören als „missglückt“ empfand (zum Beispiel Sensual World), läuft es immer nach demselben Schema ab. Hör es einmal und du sagst: „Das ging daneben“. Hör es fünfmal und du sagst: „Naja“. Hör es zehnmal und du sagst: „Das hat schon was“. Hör es zwanzigmal und du sagst: „Wow!“. Hör es fünfzigmal und du sagst: „I’d die for it!“.
Warum das gerade bei Kate Bush so ist, versuche ich an anderer Stelle zu verstehen und zu erklären. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass meine Erfahrungen beim Hören von Kate Bush nicht einzigartig sind, sondern auch von anderen geteilt werden. Auf der Internet-Seite von  www.songmeaning.com findet sich zum Lied In the Warm Room ein Kommentar des Pseudonyms Theresa Gionoffrio, das Kate Bush mit einer Sirene aus der griechischen Mythologie vergleicht, in diesem Fall also einer englischen Sirene. Odysseus hat auf seiner Irrfahrt seine Kameraden gebeten, ihn an den Segelmast zu binden und sie aufgefordert ihre Ohren mit Wachs zu verstopfen, um nicht durch den Gesang der Sirenen, wie viele Schiffe vor ihnen, Schiffbruch zu erleiden. Genauso ergeht es mir, wenn ich Kate Bush höre – bindet mich fest und lasst mich Qualen erleiden. Wenig, was schöner sein kann als das.

Eberhard Gill ist Professor für Raumfahrtsysteme und lehrt an der Technischen Universität Delft, Niederlande. Zuvor war er unter anderem am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) tätig. Neben zahlreichen Fachpublikationen setzt er sich immer wieder mit theologischen, künstlerischen, geschichtlichen und literarischen Themen auseinander. In diesem Beitrag, den morningfog.de mit freundlicher Genehmigung von Herrn Gill veröffentlichen darf, beschreibt er, wie er seine Liebe zur Musik von Kate Bush entdeckt hat. Auf seiner Internetseite gibt es einen weiteren, ausführlicheren Text (This Woman’s Work – Nachdenken über Kate Bush), in dem er unter anderem der Frage nachgeht, „ob jemand, der von sich sagt, dass er persönlich nichts Interessantes zu sagen hat, ein interessantes Werk erschaffen“ kann und warum die Musik von Kate in der Lage ist, so ungeheure Emotionen zu wecken. Der Text ist nur zu empfehlen!

Mai 09 2017

Kate in Polaroids: Mai

pola05-620The Fog

„Die Fotografie war für mich anfangs eigentlich nie wichtig. Und doch war sie es“, sagt Michael zu seinem Polaroid für den Monat Mai. Die Wahl ist auf den Song „The Fog“ gefallen. Die Fotografie ist für ihn eine Erinnerung, das Einfrieren eines Momentes: „Vergangenheit festhalten, unvergänglich machen. Man hält eine Fotografie in den Händen, erinnert sich an den Moment, kann ihn sehen, fühlen, und fast riechen“, beschreibt er seine Leidenschaft für die Fotografie. In Kates Song heißt es: Just like a photograph, I pick you up. / Just like a station on the radio, I pick you up. / Just like a face in the crowd, I pick you up. /Just like a feeling that you’re sending out, I pick it up. / But I can’t let you go. If I let you go, You slip into the fog….  Welche Erinnerung Michael mit diesem Bild bewahren will, verät er nicht. Nur schemenhaft ist eine Person im Sucher zu erkennen und schon muss man rätseln, ob sie aus der Vergangenheit stammt oder ob der Fotograf mit dem Moment, der da eingefroren wird, auch die Person an seiner Seite festhalten möchte, bevor sie im Nebel des Alltags verschwindet…

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Mai 03 2017

Von Klassik über Jazz zu Kate Bush

Vor vier Jahren war Thomas im Berliner b-flat und hat dem New European Jazz Collective gelauscht. Sängerin war damals Lea W. Frey, die im 2. Teil des Konzerts gleich mehrere Kate Bush-Stücke präsentiert hat. „Kate Bush und Jazz funktioniert! Die Stimme von Lea Frey auch“, hat Thomas damals für den Blog geschrieben. Ein großes Lob, schließlich gibt es nicht viele Sängerinnen, die Kate-Songs singen können, und vor allem gibt es die nur selten in Deutschland. “Ausnahmestimme und singende Grenzgängerin” beschreibt denn auch „Deutschlandradio Kultur“ die Jazz-Sängerin Lea W. Frey, und die „Süddeutsche“ bescheinigt ihr „ein hohes Suchtpotenzial”. Thomas hat Lea – die mitten in der Produktion eines neuen Albums steckt – jetzt wieder getroffen: in einem Berliner Café, extra für den Blog.

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Foto: Dovile Sermokas

Lea, Du warst im Sommer 2013 mit dem New European Jazz Collective mit Kate-Bush-Songs unterwegs. Wie entstand die Idee, Kate-Songs im Jazz-Gewand mit Big Band zu covern?

Lea W. Frey: Auf meinen ersten beiden Alben mit Coverversionen hatte ich schon zwei Stücke von Kate dabei und war daher schon sehr vertraut mit ihrer Musik. Mit Malte Schiller, der die Stücke arrangiert hat, habe ich bei einer anderen Gelegenheit in einer kleinen Formation zusammen gespielt. Für diesen Auftritt hatte ich ihm unter anderem Kate-Bush-Stücke vorgeschlagen. Als Malte Schiller später mit vielen jungen Jazz-Musikern ein Programm unter anderem mit Kate-Bush-Songs als Big Band auf die Beine stellen wollte, hat er sich daran erinnert und mich angerufen. Er wollte mich als Solistin dabei haben, und für mich war es stimmiger, einen kompletten Kate-Bush-Abend zu machen und mehr in die Tiefe zu gehen, als einzelne Songs in ein Gesamtprogamm einzustreuen.

Ihr habt die Songs King of the Mountain, And dream of sheep, Wedding List, Army Dreamers und Song of Solomon in wunderbaren, epischen Arrangements gespielt. Wie bist Du zu genau diesen Stücken in Deiner Songauswahl gelangt?

Lea W. Frey: Zunächst habe ich alle Alben ganz intensiv durchgehört und dabei auch die Band-Besetzung und die Art wie Malte Schiller arrangiert im Hinterkopf gehabt. Alle diese Songs hatten eine ganz besondere Stimmung und haben mich berührt. Das kann entweder die Atmosphäre des Stückes sein, aber auch eine Textzeile, bei der ich dachte, dass es sich lohnen kann, den Kern herauszuarbeiten und in eine andere musikalische Welt zu integrieren. Es ist allerdings auch eine große Herausforderung, mit dem Material von musikalischen Königinnen wie Kate Bush zu arbeiten.

Wie lange hat es gedauert, diesen Abend vorzubereiten?

Lea W. Frey: Den ganzen Sommer. Natürlich gab es eine Kernzeit, in der man übt. Davor war der Prozess ein bisschen wie Ping-Pong. Ich hab mir Kate angehört in all ihrer Intensität und versucht, sie als Künstlerin einzuatmen. Dann habe ich Malte Schiller Vorschläge geschickt, er hat die Songs passend zu seinen Arrangements ausgewählt, und wir haben geschaut, was am besten funktioniert.

Was bedeutet Dir Kate Bush und ihre Musik?

Lea W. Frey: Sie ist eine der wenigen Künstlerinnen, die über Jahrzehnte ihre eigene Welt, ich möchte fast sagen: ihr eigenes Universum, erschaffen hat. Mich beeindruckt ihre kreative Vielfalt. Neben der Musik eben auch der Tanz, die Regie bei einigen ihrer Videos. Oder die Visualisierung der Songs auf der Bühne und in den Clips, ihre Texte, ihre Eigenständigkeit und dass manche Dinge einfach crazy sind – aber immer mit großer Aufrichtigkeit. Deshalb ist es egal, wie viele Stile sie mischt oder was auch immer passiert: es ist immer sie selbst. Sie lässt bei mir ganz starke Bilder entstehen. Man spürt, dass sie ihre Musik auch auf anderen Ebenen wirken lassen möchte. Davor habe ich Hochachtung. Kate Bush ist übrigens die einzige Sängerin, die ich gecovert habe. Alle anderen Songs wurden von Männern gesungen.

Bei all den Möglichkeiten im Gesangsfach: Du singst neben Jazz ja auch Klassik. Wie kam es zur Entscheidung, Jazz-Gesang zu studieren, und wo liegen heute Deine Schwerpunkte?

Lea W. Frey: Begonnen habe ich tatsächlich mit Klassik. Nebenbei hatte ich heimlich meine Rockband, weil meine Klassik-Lehrerin mir das verboten hatte.

Hatte sie Angst, dass Du Dir die Stimme ruinierst?

Lea W. Frey: Das hat sie befürchtet. Was aber überhaupt nicht stimmte. Ich kam von der Band-Probe und sie meinte dann ‚Du klingst aber heute besonders gut‘. Es hat funktioniert, meine Stimme ist recht robust. Ich habe mich also schon immer an verschiedenen Richtungen abgearbeitet. Am Ende wurde es das Jazz-Studium. Wohl auch, weil ich weiter in Richtung eigener Stücke gehen wollte. In den letzten Jahren überwiegt der Jazz, aber ich denke, ich bekomme beides gut unter einen Hut.

Auf Deinen ersten beiden Alben hast Du neben Kate-Bush-Stücken unter anderem Coverversionen von Tom Waits, The Smiths, The Verve und The Smashing Pumpkins gesungen. Im Herbst erscheint Dein neues Album. Was wird uns erwarten?

Lea W. Frey: Dieses Album wird ausschließlich eigene, englisch gesungene Stücke enthalten. Am Ende haben es zehn Songs auf die Scheibe geschafft. Geschrieben und eingespielt haben wir deutlich mehr. Wir haben kleine Konzerte gegeben, um zu testen, welche Titel  auf der Bühne gut funktionieren und wie sie beim Publikum ankommen. Zunächst haben wir die Songs live als Band in Berlin im Studio in Prenzlauer Berg eingespielt und anschließend mit Overdubs (mal subtil – mal ausgeprägter) vielschichtiger und komplexer gemacht. Die Band, das sind Liz Kossack, Peter Meyer, Bernhard Meyer und  Andi Haberl. Gemischt hat die Lieder Olaf Opal, und es fühlt sich richtig, richtig gut an – vielleicht auch, weil wir keine Kompromisse eingegangen sind. Dabei hat die Produktion zwei bis drei Jahre benötigt. Aber mit diesen Liedern fühle ich mich jetzt wirklich angekommen. Am 10.Juni werden wir übrigens eine Listening-Session auf dem „Teufelsberg“ unter dem Himmel über Berlin veranstalten. Ein Ort, der mir sehr viel bedeutet.

Zurück zu Kate Bush: Wenn Du 50 Words for Snow, ein streckenweise jazziges Werk, mit ihren anderen Alben vergleichst…?

Lea W. Frey: Interessante Frage. Ich würde sagen: dezenter, vorsichtiger, weniger Kontraste, vielleicht auch weniger brennend, dafür aber reifer und ätherischer.

Zugegeben, jetzt kommt eine sehr hypothetische Frage, da Kate ja immer für Überraschungen gut ist. Denkst Du, dass Kate auch in Zukunft weiter in Richtung Jazz geht? Wie stellst Du Dir ihr nächstes Album vor?

Lea W. Frey: Grundsätzlich gibt es ja die zwei Fragen: Willst du dich verkleinern oder willst du dich vergrößern. Ich könnte mir eigentlich vorstellen, dass nach diesem Album nochmal etwas bombastisches, ausladendes kommt. Das fänd ich toll.

Haben wir die Chance, in Deinen Konzerten auch künftig hin und wieder Kate-Cover zu hören?

Lea W. Frey: Das kann ich mir gut vorstellen. Möglicherweise gibt es sogar ein Revival des Kate-Bush-Abends. Ich habe vor kurzem mit Malte gesprochen und wir würden das beide gerne machen. In diesem Jahr definitiv nicht mehr, 2018 könnte es aber passieren.

Wer mehr über Lea W. Frey erfahren will, wird auf ihrer Internetseite und bei Facebook fündig. Ein weiteres Interview mit Lea gibt es rechtzeitig vor dem Erscheinen ihres neuen Albums.

Apr 30 2017

Neuauflage für den Wuthering Heights-Day

tmwhde2017Der „The Most Wuthering Heights-Day“ wird in diesem Jahr am 15. Juli eine Neuauflage erleben. Bisher haben sich elf Städte angemeldet, Berlin ist auch wieder mit dabei. 2016 hatte die in Berlin lebenden Australierin Samantha Wareing den Event ursprünglich nur für Berlin geplant. Ihr Facebook-Aufruf, das bekannte Video von Kate nachzutanzen, entwickelte dann eine ungeahnte Dynamik: In 24 Städten weltweit tanzten Tausende Frauen und Männer – natürlich alle rot gewandet – zu dem Song. In Australien hatten sich gleich acht Städte zum TMWH-Day angemeldet, und mehr als 3000 Fans machten die Veranstaltung in Melbourne zum größten Event. In Berlin zählte man mehr als 1000 Teilnehmer. In diesem Jahr findet der Wuthering Heights-Day am Samstag, 15. Juli, statt. Bisher haben sich neben Berlin (wieder am Tempelhofer Feld, 15 Uhr) Melbourne, Brisbane, Adelaide, Dublin, Rotterdam, Oslo, Hobart, Gold Coast, Atlanta und Newcastle angemeldet.

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