Eine Stil-Ikone für die Generation Z

Im Juni hat Amy Francombe in der englischen Zeitung Evening Standard beschrieben, wie die Generation Z sich für Kate Bush begeistert hat – obwohl oder weil sie nicht in sozialen Medien präsent ist, ihr letztes Album von 2011 stammt (und das nicht ansatzweise mit Mainstream-Musik dienen kann) und ihre Debüt-Single im Jahr 1978 veröffentlicht wurde, auf der es dann auch noch um ein Standard-Werk der englischen Literatur ging.
In der Vogue war es ein Monat zuvor Liam Hess, der darüber begeistert war, dass eine neue Generation Kate entdeckt, so wie er selbst als Jugendlicher vom Video zu Wuthering Heights begeistert war und sich seitdem selbst als fast schon „besessen“ von Kate bezeichnet. Dass er die Before the Dawn-Konzerte verpasst hat, schmerzt ihn bis heute. Er wäre also der perfekte Kandidat dafür gewesen, sich darüber zu mokieren, dass Jugendliche erst jetzt die Musik seiner Heldin entdecken und das noch durch ein Teenie-Drama. „Aber wo könnte man besser anfangen als mit einem ihrer größten Songs (und Videos) überhaupt, „Running Up That Hill“? fragt er in der Vogue. „Als Teenager, der sich immer ein bisschen anders gefühlt hat (obwohl, welcher Teenager tut das nicht?), fand ich Zuflucht in Bushs Musik; eine Erinnerung nicht nur daran, dass es in Ordnung war, sich nicht anzupassen, sondern dass Nonkonformität etwas ist, das gefeiert oder auf die höchste Ebene der Kunst erhoben werden könnte.“ Von Kashka From Baghdad über The Sensual World oder This Woman’s Work treibt ihm Kates Musik die Tränen in die Augen – „Warum sollte ich das anderen vorenthalten wollen?“ Erst recht, wenn er auf die Geschichten kommt, die Kate erzählt, egal ob traurig, abstrus oder heiter: „Gott weiß, dass wir gerade jetzt ein bisschen mehr von Bushs seltsamer und wunderbarer kreativer Magie in der Welt gebrauchen könnten“, schreibt Liam Hess.
Der Generation Z und ihrer Liebe zu Kate Bush widmet sich jetzt auch Frauke Rüth in der Hannoverschen Allgemeinen. Und sie lenkt dabei in ihrer Betrachtung den Blick noch auf einen anderen Aspekt als nur die Musik. Kate sei im Sprachduktus der jungen Menschen „wild, stark und selbstbewusst“, „ein echtes Vorbild“. „Die Großartigkeit von Kate Bush ging und geht jedoch über ihre Musik hinaus: Auch ihr einst eklektischer Stil begeistert die jungen Fans“, schreibt sie. Bush setze für ihre Kunst so viele Werkzeuge wie möglich ein, habe Tanzunterricht bei David Bowies Tanzlehrer genommen, Videos unterschiedlicher Genres von Science-Fiction bis Märchen geschaffen und bei ihren Outfits auf einen sehr eigenwilligen Mix gesetzt. Und auch wenn der Sturmhöhen-Gedächtnislook sich kollektiv festgesetzt habe, dürfe man sie darauf nicht reduzieren. Sie habe das romantische Raster auf der Bühne mit hautengen Bodys und Catsuits, reichlich Federn, Flügeln und exzentrischen Glitzerleibchen gesprengt und sei auch im privaten Outfit Trendsetter gewesen. In der Rubrik „Stil & Ikonen“ daran zu erinnern, dass neben der Musik, neben Videos und Film der „Z-Liebling Kate Bush“ tatsächlich auch immer eine Stil-Ikone war, ist schon deshalb wichtig, weil auch heute noch Modemacher sich von ihrer Musik inspirieren lassen.

Fans früher und heute

Ausschnitt aus der Wochenendbeilage der WAZ vom 2. September 2022

Hat sich die Art und Weise, wie Stars und Sternchen angehimmelt werden, verändert? Wie verhalten sich Fans früher und heute? Dieser Frage ist die freie Journalistin Kristina Gerstenmaier für die Wochenendbeilage der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) nachgegangen – und hat dazu auch mich befragt. „Es gibt nicht den einen Fan. Vielmehr sind die Fans so unterschiedlich, wie es unterschiedliche Musiker, Stile und Genres gibt“, schreibt Gerstenmaier. Es gebe aber eben die Fans des alten Schlags. So wie mich, der seit 1978 für seine Lieblingsmusikerin schwärmt, seit zehn Jahren mit morningfog.de einen Blog („eine klassische Fanpage im http-Format“) betreibt und 2014 alles unternommen hat, um zu einem Kate Bush-Konzert zu kommen („Ich wäre überall hingeflogen, um sie nur einmal live erleben zu können“). Und der Gegensatz: Eine 13-Jährige, die für Deutsch-Pop-Sänger Wincent Weiss schwärmt und auf Instagram eine Fanpage pflegt und dort Fan-Fiction veröffentlicht, oder eine 14-Jährige, die für eine koreanische Boyband schwärmt. Ist die Begeisterung eine andere? Ist Fankultur, was immerhin noch den Begriff Kultur beinhaltet, etwas anderes als der Internet-, Instagram-, TikTok-Hype und Fandom-Auswüchse? So richtige viele Untersuchungen dazu gibt es nicht, immerhin aber hat sich die Marburger Medienwissenschaftlerin Vera Cuntz-Leng der Fanforschung widmet, und sagt, dass durch die Entwicklung des Internets Fans und Fan-Communities nicht nur sichtbarer und allgegenwärtiger geworden seien, sondern auch endgültig im Mainstream angekommen sind. Wo sich Kate ja mit Unterstützung von Stranger Things auch wieder befindet. Hat sich das Fan-Sein mit der Zeit also verändert? „Diese Frage lässt sich weniger leicht beantworten, als vielleicht vermutet“, schreibt Gerstenmaier. Eben auch deshalb, weil Internet, Twitter und Co zur Vernetzung führen. Und da spielt es keine Rolle, ob man mit 13 für Wincent Weiss schwärmt oder mit 58 für Kate Bush. Oder umgekehrt.
Wer den Artikel lesen möchte, findet ihn auf waz.de hinter der Bezahlschranke.

Wie Egypt zu Nile Land wird

Wenn Achim neue Beiträge für das Song-ABC schreibt, geht die Suche nach passenden Bildern los. Im Fall von Kates Song Night Scented Stock findet man da nur wenig bis gar nichts, kann aber durchaus auf ganz unerwartete Kuriositäten stoßen: etwa die Never for Ever-Kassetten eines Labels namens Mona Lisa. Veröffentlicht wurden gleich zwei Kassetten in Saudi-Arabien unter diesem Label. Kassette Nummer 1 mixt die Songs von Never for Ever mit Stücken von The Kick Inside und Lionheart. Bemerkenswert ist dabei, dass Songs wie The Infant Kiss, Strange Phenomena und ausgerechnet Kashka from Baghdad bei der nicht-offiziellen Veröffentlichung in Saudi-Arabien (!) auf der Kassette geblieben sind. Weiteres Bonmot: Kates Song Egypt wurde in Saudi-Arabien in Nile Land umbenannt. Kassette Nummer 2 beinhaltet alle Never for Ever-Songs, ergänzt um die B-Seiten The Empty Bullring und Ran Tan Waltz. Komplettiert wird die MC dann erstaunlicherweise mit vier Songs von Sally Oldfield. Egypt wurde da übrigens nicht umbenannt. Insgesamt gibt es nur sechs (nicht lizensierte) Veröffentlichungen des Labels: die zwei Kate Bush-Kassetten für Saudi-Arabien, zwei Kassetten von Emerson, Lake & Palmer und den Oak Ridge Boys sowie je eine Kassette, die in Singapur veröffentlicht wurde – eine von Status Quo und die andere ausgerechnet von Udo Lindenberg samt seinem Panikorchester.

Das Song-ABC: Night Scented Stock

„Night Scented Stock“ vom Album „Never For Ever“ (1980) ist wohl eine der Kompositionen von Kate Bush, die mit am wenigsten beachtet wird. Das liegt an der unglaublichen Kürze von 52 Sekunden und daran, dass die Komposition ohne Text auskommt. Ein kürzeres Stück hat Kate Bush bisher nicht geschrieben, selbst „Aerial Tal“ ist länger. So ein „Interludium“ kann nicht viel Inhalt, nicht viel Bedeutung haben, das ist vielleicht die Einschätzung, die man beim Zuhören gewinnt. Aber das täuscht, wie ich darlegen werde.
Es erfordert als Popmusikerin schon viel Mut, richtig lange Stücke zu schreiben, so wie es Kate Bush auf „50 Words For Snow“ gemacht hat. Aber lange Stücke gestatten es, eine Geschichte und die Musik dazu behutsam zu entfalten. Sie sind wie Blumen, die langsam aufblühen und die ihre Schönheit zeigen. Bei einem kurzen Stück ist die Herausforderung viel größer. Hier muss Bedeutung ganz konzentriert auf kleinsten Raum untergebracht werden. Das ist sehr schwierig, deshalb sind solche Stücke meist wirklich nur Überleitungen. Hier nicht. Je mehr ich „hineinschaute“, desto mehr wurde ich überrascht. Der ungewöhnliche Titel erweckt natürlich zuerst Aufmerksamkeit. „Night-scented stock“, das ist der englische Name für eine Pflanze, der botanische Name ist Matthiola longipetala [1]. Im Deutschen ist der Name Abendlevkoje, es ist eine eher unscheinbare Pflanze, deren Blüten nachts stark duften.
„Ein intensiver Duft entströmt den violetten Blüten. Diese duften vor allem abends, tagsüber auch, wenn der Himmel mit Wolken bedeckt ist. Der betörende Duft ist eine köstliche Mischung aus Vanille, Veilchen und Nelken. In die Nähe von Sitzplätzen pflanzen, die man Abends benutzt, für süß duftende, luxuriöse, laue Sommernächte!“ [7] Auf eine tiefere Bedeutung werde ich noch zurückkommen, aber dieser Titel passt schon mal gut zur Musik des Stücks. „Night Scented Stock“ ist rein instrumental, er besteht ausschließlich aus einem Geflecht von Gesangsstimmen, alle von Kate Bush gesungen. Es sind wunderschön gehauchte „aaahs“ und „oohs“, ein weiterer Text kommt nicht vor. Es ist Musik wie ein betörender Duft. Das Stück ist eindeutig ein Ausprobieren, ein Ausloten und Ausweiten der musikalischen Palette, wie Kate Bush sagt. „This album taught me that I should be a little more brave about that because music without words is just as beautiful and sometimes I feel the need to just keep putting words on music instead of just letting the music be. I hope in the future that perhaps I will move into that area a little more.“ [6]

Die Inspiration kam dabei aus der klassischen Musik, wie Kate Bush auf eine entsprechende Frage erläutert. „That’s probably why I’m fond of it because it’s a new area. And I love music without words when it works because it suddenly becomes so much freer, it’s like landscapes moving around you and I’ve always wanted to work in a musical area sometimes rather than always putting lyrics to my songs.“ [4] „Night Scented Stock“ verbindet auf dem Album zwei der zentralen Songs miteinander, „The Infant Kiss“ und „Army Dreamers“. Das Stück geht übergangslos in diese beiden Songs über. Diese beiden Songs sind in der Stimmung ganz unterschiedlich, mysteriös und geheimnisvoll der eine, ironisch und traurig-böse der andere. „Night Scented Stock“ setzt dem eine Stimmung der Nacht gegenüber, es ist eine Stimmung wie aus einem Traum. Das funktioniert gut, das passt auch ohne mehr Bedeutung. Ohne eine solche Überleitung wäre der Kontrast zwischen den beiden angrenzenden Songs extrem gewesen.
Stimmungsmäßig hätte es auch gut zwischen „The Wedding List“ und „Violin“ gepasst, auch hier hätte es den Kontrast der Stimmungen elegant abgemildert. Das zeigt seine musikalischen Qualitäten als Übergangsstück. Aber es ist mehr als eine Brücke. Es kann meiner Meinung nach nur zwischen „The Infant Kiss“ und „Army Dreamers“ stehen, weil es diese beiden Songs durch eine gemeinsame Geschichte verbindet. Drei Lieder werden zu einer Einheit verbunden, eine Geschichte wird erzählt. Leider hat sich Kate Bush nie zu den Absichten dieses Songs geäußert, ich kann nur selbst eine Deutung versuchen. Zwei Lieder werden miteinander verbunden, in denen es um die Beziehung einer Frau zu einem Kind/Sohn geht. Das Kind wächst zwischen den Songs. „The Infant Kiss“  handelt von einem Jungen, dessen erwachende Sexualität die verklemmte Protagonistin irritiert. In „Army Dreamers“ geht es um den im Krieg gefallenen Sohn und um das, was er hätte werden können, wenn es anders gelaufen wäre. Beide Songs sind aus der Sicht der Frau geschildert. Ein ganzes Leben zieht in diesen 52 Sekunden des Interludiums an uns vorbei. Es ist nur Gesang, nur gehauchtes Entzücken.
„The infant kiss“ endet nicht, es gibt einen direkten Übergang in „Night scented Stock“. Eine Gegenwelt tut sich dort auf. Ist dies die sexualisierte Gegenwelt, die die prüde viktorianische Protagonistin verdrängt hat und der sie sich nun wortlos öffnet? Zeigt das, was aus ihr wird im Laufe des Lebens? Der Tonfall von „Night Scented Stock“ wird zum Schluß hin immer erwartungsvoller, es tritt dieser „jetzt passiert etwas“-Moment in der Musik ein und genau dann beginnt mit den Klängen des Ladens von Gewehren „Army Dreamers“. Die Protagonistin erwacht in der bitteren Realität. Wie immer bei Kate Bush tragen die gewählten Tonarten subtil zur Wirkung bei. „The Infant Kiss“ steht in Fis-Dur mit Einmischung von fis-Moll [3]. Fis-Dur – das ist die „im Tod, im Hinübergehen Erlösende und Errettende, die Hinüberführende, Venus Urania (himmlisch erlösende Liebe).“ [2]. Aber da ist auch noch die andere Seite – das fis-Moll. Das ist die „Tonart des Abgrunds“ [2]. „Army Dreamers“ schwankt ständig zwischen h-Moll und der parallelen Dur-Tonart D-Dur hin und her [3]. D-Dur ist „die Tonart des siegenden Helden, das Erreichen des höchsten Ziels, der siegreichen Überwindung, die eigentliche Siegertonart“ [2]. Das siegreiche, verheißungsvolle D-Dur aber wird in sein düsteres, trauriges Gegenstück h-Moll verwandelt.

Die Verbindung „Night Scented Stock“ steht zu beiden Welten passend in H-Dur. Es beginnt mit H-Dur, in der Mitte weicht es in die Paralleltonart as-Moll aus, um dann wieder in H-Dur zu enden [3]. Der H-Dur-Akkord ist die Subdominante von Fis-Dur, das ist die Tonart von „The Infant Kiss“, beide Tonarten passen gut zueinander. In „Army Dreamers“ wendet sich das H-Dur zu einem düsteren h-Moll, das ist ein subtiles Kippen der Stimmung, eine Art Ernüchterung. H-Dur und as-Moll werden selten verwendet, es sind Tonarten für ganz besondere Momente. H-Dur liegt „nicht mehr ganz im Irdischen, enthält einen verklärten Nachglanz dieses Irdischen und damit zugleich die Vorahnung des Hinübergehens.“ [2]. As-Moll ist die „Tonart vom Scheiden des Tageslichts, vom Lebenslicht“ [2]. Die Tonarten sagen, was der Protagonistin passiert: auf Verklärung und himmlische Liebe folgt das Aufwachen, die düstere Realität.
Die Verbindung der drei Stücke wird auch durch die Symbolik gestützt. Es stellt sich ja die Frage, warum das Verbindungsstück ausgerechnet den Namen dieser Blume trägt. Die Levkoje bedeutet in der Pflanzensymbolik „friedvoll unbeschwertes Dasein“ und in der Planzensprache „Ich glaube an eine gemeinsame Zukunft“ [5]. Das ist ja das, was sich eine Mutter für sich und ihren Sohn wünscht. Aber es gibt auch einen Verweis auf die viktorianisch-verklemmte Welt von „The Infant Kiss“. „Wegen ihres außergewöhnlichen Aromas wusste man [die Abendlevkojen] bereits im Altertum in den Gärten zu schätzen. Im 18. Jahrhundert machten sie Karriere durch alle Gesellschaftsschichten hinweg: Beim Debütantinnenball durften Levkojen in keinem Blumenbukett fehlen und die jungen Verehrer versäumten es nicht, sich vor dem Tanz eine der wohlriechenden Blüten ins Knopfloch zu stecken“ [8]. Ich sehe richtig vor mir, wie die Protagonistin aus „The Infant Kiss“ ihre Verklemmung ablegt, den Duft der Abendlevkojen aufnimmt und in ein glückliches Leben aufbricht.
Wenn ich „Night Scented Stock“ höre, dann fühle ich mich in eine warme Nacht versetzt, voller Duft von Blumen. Ich schließe die Augen und träume. Vielleicht tut das auch die unsichtbare Protagonistin dieses Songs. Ich liebe den textlosen Gesang, dieses betörende, geheimnisvolle Gurren, diesen Chor aus Stimmen. Ich sehe dann immer das Cover des Albums vor mir, mit seinen Nachtgestalten. Aber hier wird sich jede und jeder seine eigenen Bilder machen. Auf jeden Fall ist es ein faszinierendes Stück. Es zeigt, in welche Welten damals das Songwriting von Kate Bush aufbrach. Es lässt schon die Welten von „The Ninth Wave“ und „Aerial“ anklingen. Es ist ein Ausblick auf die Zukunft. Es ist ein Zeichen der Freiheit, die sie sich nach den ersten beiden Alben erarbeitet hatte. © Achim/aHAJ

[1] https://en.m.wikipedia.org/wiki/Matthiola_longipetala (gelesen 23.08.2022)
[2] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.102ff (Fis-Dur), S.138ff (fis-Moll), S.171 (H-Dur), S.179 (as-Moll) und S.180 (D-Dur)
[3] „Kate Bush Complete“. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.61f (Army Dreamers), S.101 (The Infant Kiss), S.130 (Night Scented Stock)
[4] „Never For Ever Debut“, Interview mit Peter Powell, Radio 1, 11.10.1980
[5] Clemens Zerling: Lexikon der Pflanzensymbolik. AT Verlag. Baden und München 2007. S.155
[6] NfE Interview – EMI (London). 1980
[7] https://deaflora.de/Shop/Essbare-Blueten/Abend-Levkoje.html?language=de (gelesen 26.08.2022) [8] https://www.mein-schoener-garten.de/pflanzen/levkoje/levkojen (gelesen 26.08.2022)

Streit um Rechte an Red Dress-Version

Kein Video von Kate ist kultiger als die ursprüngliche Red Dress-Version von Kates erstem Hit Wuthering Heights, die zum ursprünglich geplanten Release Ende 1977 erstellt worden ist. 44 Jahre später gibt es nun offenbar einen Streit um die Rechte an dem Video. Im offiziellen Kate Bush-Channel auf Youtube ist das Video nicht mehr zu finden und selbst auf Kates Internetseite fehlt das Video. Stattdessen hat es nun der damalige Regisseur Nicholas Abson auf Youtube hochgeladen und erboste Reaktionen erfahren. Abson reklamiert das weltweite Copyright an dem Video für sich. Auf seinem neu eingerichteten Channel hat er einen Brief gepostet, aus dem hervorgeht, dass er das Copyright in den USA hat eintragen lassen und Verstöße gegen das Copyright bereits seit zwei Jahren verfolgt – wohl gemerkt: über 40 Jahre nachdem er das Video gedreht hat. Bemerkenswert ist, dass er dabei nicht mal in der Lage ist, den Titel des Songs richtig zu schreiben und in dem Brief von dem Film „Kate Bush Withering Heights Red Dress“ schreibt. Die Reaktionen auf Youtube sind zum Teil harsch. Kate-Fans werfen ihm zum einen vor, dass er das millionenfach geschaute Video einfach hat löschen lassen und in deutlich schlechterer Qualität wieder hochgeladen hat und sie sind natürlich sauer, dass Abson vermutlich auch dafür gesorgt hat, dass Kate das Video nicht mehr nutzen darf. Warum Abson so vorgeht, bleibt noch unklar. Auf Youtube behauptet er, etwaige Einnahmen spenden zu wollen. Unklar bleibt auch, warum Abson in der Beschreibung explizit darauf verweist, dass dieses Video den Most Wuthering Heights Day inspiriert habe. Zimperlich geht Abson mit seinen Kritikern übrigens nicht um – er beschimpft sie einfach öffentlich.

RUTH kommt als CD-Single in den USA

Kates amerikanisches Plattenlabel Rhino Records wird die Single Running Up That Hill am 2. September als CD-Single veröffentlichen – mit den originalen Songs, also Under The Ivy als zweitem Titel und dem originalen Cover der Vinyl-Single von 1985. Seit drei Monaten ist der Song von Kate dank der Netflix-Serie Stranger Things weltweit wieder in den Charts, in den USA steht er immer noch auf Platz 5 der Billboard Hot 100 und erfährt dort aktuell immer noch viel Airplay bei den Radiostationen. Mit der Veröffentlichung auf CD will man dem offenbar Rechnung tragen. Ob eine Wiederveröffentlichung auch in Europa geplant ist, ist unklar. Eine offizielles Statement von Kate gibt es bisher nicht. Die Single kann im Rhino-Shop vorbestellt werden. Sie kostet knapp 5 Dollar plus natürlich Versandkosten, die deutlich darüber liegen dürften.

Coldplay spielen RUTH in Wembley – mit Alan Partridge

Der englische Schauspieler und Comedian Steve Coogan hat am Samstag das Coldplay-Konzert im Londoner Wembley-Stadion für eine besondere Gesangseinlage genutzt. Coogan, bekennender Kate-Fan, hat in den 90er Jahren die fiktive Figur Alan Partridge geschaffen – ein eher unsensibler Moderator, der immer wieder auch mit Gesangseinlagen überrascht. Die sind gleichsam gruselig und gefürchtet wie urkomisch. Sein Kate-Medley, das Coogan für Comic Relief gespielt und später auch in seiner Show genutzt hat, ist legendär. So legendär, dass selbst Kate eine der Shows im Londoner West End besucht hat. Als Kate 2014 dann ihre Before the dawn-Konzerte angekündigt hat, produzierte die BBC den Film „The Kate Bush Story: Running Up That Hill“, in dem auch Coogan zu Wort kam. Und sehr zur Freude der Besucher des Cold Play-Konzertes in Wembley war es dann auch Coogan als Überraschungsgast, der mit der Band Kates Hit Running Up That Hill angestimmt hat. Auch Coldplay selbst haben sich 2005 als Kate-Fans geoutet. Ihren damaligen Hit Speed Of Sound hatten sie in Anlehnung an Running Up That Hill geschrieben. Das Video von dem Wembley-Auftritt gibt es hier.

Zu anders für Pop, zu progressiv für Punk, zu extravagant für Prog.

Wenn die Tape-Reihe des deutsch-französischen Senders Arte je Sinn ergeben hat, dann besonders bei dem neuen Beitrag über Kate Bush nach dem Erfolg von Running Up That Hill. Die Fünf-Minuten-Episode widmet sich vor allem der Frage: Wie schafft es Kate Bush, die ganze Welt anzusprechen und doch mit niemandem zu reden? Der Beitrag startet mit Lobeshymnen auf Kate von Big Boi, zitiert Rapper wie Tupac, Bat for Lashes oder St. Vincent, um dann bei „Stranger Things“ zu landen und passend zur Reihe „Tape“ genau die Sequenz einzublenden, in der die Freunde von Max nach der Hounds Of Love-Kassette suchen, um Max mit dem Song Running Up That Hill zu retten. „Rebellische Kinder, Nostalgie, Fantasy – statt einer Serie könnte es auch ein Album von Kate Bush sein“, sagen die Autoren bei der Suche nach der Antwort auf ihre Eingangsfrage. „Kate Bush ist die Außenseiterin unter den Außenseitern, das seltsame Mädchen aus der Klasse, dass romantische Literatur und Ausdruckstanz liebt, dann bei der Abschlussaufführung auf die Bühne geht uns es allen zeigt.“ Das Rezept für den Erfolg: „Wie ein Charakter aus einer Fantasy-Serie gehört Kate Bush keiner bekannten Welt an. Sie ist zu anders für Pop, zu progressiv für Punk, zu extravagant für Prog.“ Und die abschließende Antwort: „Mit ihrer Abwesenheit erlaubt Kate Bush jedem seine eigene Interpretation auf ihren außergewöhnlichen Charakter zu projizieren und wird so universell wie eine fiktive Figur. In dem Kate Bush mit niemandem spricht, spricht sie zur ganzen Welt.“ Den Arte-Beitrag gibt es in der Mediathek und hier.

Thunder in our hearts

Zwei weitere Musikmagazine widmen sich in ihren neuen Ausgaben der Musik von Kate. So gibt es in der aktuellen September-Ausgabe von Classic Rock nach den Charterfolgen von Running Up That Hill einen sechsseitigen Beitrag über Kates Album Hounds Of Love. „Wundersame Dinge: Die hohen Kräfte von Hounds Of Love“ ist der Beitrag in Anspielung auf die Serie Stranger Things überschrieben. „Nachdem ihr Album The Dreaming wenig euphorisch empfangen worden war, hätte kaum jemand geglaubt“, dass Kate drei Jahre später „einen einzigartigen, unnachahmlichen Meilenstein der Popmusik hervorbringen“ würde. „‘Ich war von elementaren Kräften umgeben‘, sagt Kate Bush über das Meisterwerk, das sie zu einem echten Superstar machte“, heißt es auf der Webseite von Classic Rock. Dass im Heft The Dark Side Of The Moon von Pink Floyd das Titelthema ist und eine weitere Geschichte sich dem internationalen Durchbruch von Prince nach Puple Rain widmet, passt hervorragend.
Im englischen Mojo-Magazin hat es Kate gar auf den Titel geschafft. Auch hier sind Running Up That Hill und das Album Hounds Of Love das Thema – kein Wunder, nachdem Kate immerhin mit dem Song in UK einen Chartrekord nach dem anderen einfuhr. „Alle sprechen über Kate Bush. Aber niemand taucht so tief in Running Up That Hill und das Album Hounds Of Love ein wie Mojo“, heißt es selbstbewusst in der Ankündigung. Versprochen wird: „Mitarbeiter, Bewunderer und Top-Autoren von Mojo erzählen die unglaubliche Geschichte ihrer größten Platte und ihrer Wiederauferstehung.“ Als Bonus gibt es eine bemerkenswerte CD namens Thunder In Our Hearts. Neben den Songs You von Roy Harper und Flowers von Zaine Griff, an denen Kate selbst mitgewirkt hat, sind mehrere Cover-Versionen versammelt: Hounds Of Love, The Handsome Cabin Boy, Under The Ivy, Delius und My Lagan Love. Bemerkenswert ist aber auch die restliche Songauswahl, so sind zum Beispiel mit Youth, Planxty und Eberhard Weber Musiker vertreten, die an den Aufnahmen von HOL beteiligt waren. Und wenn die The King’s Singers das bei Hello Earth verwendete Tsintskaro intonieren, wird es fast schon sentimental. Die CD ist wirklich mit sehr viel Liebe zusammengestellt worden, von der Songauswahl über das passende Coverfoto bis zur Typographie. Das letzte Mal war Kate überigens erst im Mai 2021 auf dem Mojo-Titel. Im Oktobr 2020 gab es gar ein 132-seitiges Sonderheft zu Kate und zum 20-jährigen Bestehen des Magazins hatte Kate gar eigens eine Zeichnung fürs Cover gefertigt. Bei Mojo ist man der Zeit natürlich wieder voraus und verschickt die aktuelle Oktober-Ausgabe mit dem neuen Kate-Cover ab dem 16. August.

„Wie Kate die Achtzigerjahre erfand“

Links der aktuelle Musikexpress-Titel der September-Ausgabe, rechts die aUsgabe von 1978, als Kate erstmal ds Cover schmückte.

Wenn Kate im üblichen Sinne jemals produktiv war, dann in den 80ern. Gleich vier Alben hat sie in nur einem Jahrzehnt veröffentlicht. Und sie hat dieses Jahrzehnt musikalisch mit geprägt. Nach Never For Ever mit dem Klassiker Babooshka direkt zum Beginn des Jahrzehnts folgten 1982 das experimentelle The Dreaming, 1985 mit Hounds Of Love das Album, das viele für ihr Meisterwerk halten und Hits wie Running Up That Hill, Cloudbusting, Hounds Of Love und The Big Sky hervorgebracht hat. 1989 veröffentlichte Kate zum Abschluss des Jahrzehnts mit The Sensual World das Werk, das allgemein als ihr weiblichstes Album gilt. Dass Kate aktuell mit einem 37 Jahre alten Song wieder die Charts gestürmt hat und vor allem eine neue Generation junger Musikfans gewinnt, ist auch für den Musikexpress Grund genug, ihr den Titel der neuen September-Ausgabe zu widmen. „Wir erklären, wie Kate Bush die Achtzigerjahre erfand“, schreiben die Musikexpress-Macher launig zu ihrem Titelthema und bewerben das Comeback des Jahres: „Wie man heute auf die Musik von Kate Bush kommt? Na, ganz einfach: Man sitzt mit nach hinten verdrehten Pupillen auf einem Friedhof, während die eigene Seele gerade von einem Super-Dämon geknechtet wird – woraufhin wiederum die besten Freunde einem einen Kopfhörer mit aufsetzen, um einen aus der Schattenwelt loszueisen. Some things never change!“ Es dürfte aber nicht nur diese Szene aus der vierten Staffel der Erfolgsserie „Stranger Things“ sein, die nachhaltig dafür Sorge trägt, „dass Kate Bush gerade von einer ganz neuen Generation entdeckt wird. Ihr Hit aus dem Jahre 1985 ist aktuell wieder in den Charts zu finden. Im Musikexpress hat Kate Bush dabei schon ganz zu Beginn ihrer Karriere Spuren hinterlassen. Bereits 1978 erschien die erste Ausgabe mit ihr auf dem Cover, viele weitere sollten folgen. Und wir freuen uns natürlich, dass es nun auch im Jahre 2022 erneut einen Anlass für ein solches gibt. Nieder mit den Dämonen, es lebe Kate Bush.“ Und weil es ganz gut passt, küren die Musikexpress-Redakteure auch noch die fünf besten Songs von Kate und kommen zu einer interessanten Auswahl: Neben Wuthering Heights und Running Up That Hill sind Army Dreamers, Suspended in Gaffa und Lake Tahoe mit dabei.

The Most Wuthering Heights Birthday Ever

Wenn Kate heute ihren Geburtstag feiert, würdigen an über 40 Orten auf der ganzen Welt viele viele tanzbegeisterte Menschen zum Most Wuthering Heights Day Ever ihre Musik. Von Berlin bis Brisbane, von Sofia bis San Diego oder Christchurch bis Chattanooga und Dunedin bis Düsseldorf (ja, die Veranstaltung ist neu und findet heute um 18 Uhr im Hofgarten statt) – überall wird gefeiert. Und wer an keinem der Events teilnehmen kann, legt einfach zu Hause im stillen Kämmerlein die Lieblings-LP auf und dreht die Anlage auf. Egal ob The Dreaming, die Live-Version von King Of The Mountain, das eher ruhige Moments Of Pleasure, The Ninth Wave oder A Sky Of Honey oder oder oder. Kate kann man nie genug hören. Und vielleicht werden ja auch die geballten Stoßgebete erhört und es gibt endlich endlich noch in diesem Jahr wieder neue Musik von Kate. Eine Künstlerin, deren Songs nach 37 Jahren so frisch klingen, dass sie in den US-Charts mal eben auf Platz 3 klettern, hat offensichtlich auch heute noch musikalisch etwas zu sagen. Es ist dringlich Zeit für KB10. Happy Birthday, Kate und allen viel Spaß beim Most Wuthering Heights Day Ever!

Ein Geburtstags-Quiz für Kate

15 Fragen – 60 mögliche Antworten – und alles hat einen Bezug zu Kate! Die englische Zeitung The Guardian hat ihr Donnerstags-Quiz in dieser Woche Kate gewidmet. Natürlich, weil sie am Samstg Geburtstag feiert, vielelicht aber auch, weil beim Guardian offensichtlich auch Kate-Fans in der Redaktion sitzen – zwölf Artikel in den vergangenen sechs Wochen istz schon eine erstaunliche Leistung, jetzt noch das Quiz on top. Alle 15 Fragen sind jeweils mit einem Song von Kate verbunden, nicht immer geht es aber tatsächlich um Kate-spezifisches Wissen. Da wird zum Beispiel zu Strange Phenomena nach dem Ereignis gefragt, das jüngst in Australien zu einem rosa glühenden Himmel geführt hat, der Todesursach von Richard I. (Oh England My Lionheart), oder bei There Goes A Tenner nach dem Umtauschkurs zweier Währungen. Einfacher ist die Frage nach den Ziffern von Pi oder der Jahreszahl, wann Wuthering Heights die Charts enterte. Eigentlich geht es mehr um Allgemeinwissen, dementsprechend haben auch Nicht-Kate-Fans eine Chance und letztlich geht es eh um den Spaß – zu gewinnen gibt es bei dem Quiz nämlich genau nur den. Und weil es ein Spaß ist, konnte sich der Macher des Quiz‘ auch ein schönes Wortspiel nicht verkneifen: „Let us know in the comments if you ended up Running Up That Hill like her international smash hit, or found yourself Suspended in Gaffa, one of the incredibly weird tracks from her brilliant The Dreaming album.“ Und wer das Quiz mehr oder weniger erfolgreich beendet hat, dem wird auch die Liebe zu Kate offenbart: „We love Kate Bush! We hope you had fun – let us know how you got on in the comments!“ Wer selbst raten oder mit Wissen glänzen will, kann das hier.

In Verbindung mit der Göttlichen

Der Hype um Kate ist aktuell groß. 37 Jahre nach der Veröffentlichung von Running Up That Hill steht Kate mit ihrem Song auf vorderen Chart-Plätzen und die Musikwelt wundert sich. Je größer ein Hype, desto länger muss man nach Texten fahnden, in denen sich jemand ernsthaft mit Kate Bush beschäftigt und tatsächlich etwas zu sagen hat. Während sich der Boulevard schon nach zwei Wochen nicht mehr mit der Musik von Kate beschäftigt, sondern mit der Frage, wie viel sie denn nun mit dem Song heute verdient und ein Nachrichtenmagazin nahezu unwidersprochen behauptet, der Song werde aktuell verramscht, gibt es immerhin genau einen einzigen Beitrag, in dem es um Inhalte geht, der Autor das Phänomen Kate erklären und einordnen kann: Oliver Koerner von Gustorf hat für dieZeitschrift „Monopol – Magazin für Kunst und Leben“ genau hier eine bemerkenswerte Kolumne geschrieben, in der er zu einem überraschenden Ergebnis kommt: Nicht Netflix hat RUTH neues Leben eingehaucht, sondern Kate umgekehrt Stranger Things gerettet. Und weil dieser Beitrag so klug geschrieben ist, freue ich mich besonders, dass sowohl der Autor als auch der Verlag der Bitte, die Kolumne veröffentlichen zu dürfen, ohne zu zögern zugestimmt haben. Und: Ja, der Text ist lang. Aber er lohnt jede einzelne Zeile.

Von Oliver Koerner von Gustorf

Wenn ich aus dem Fenster gucke, ist meine Welt leer. Ich blicke auf Hügel, Felder und Wald. Kein Haus, kein Mensch. Ein bisschen wie in „Die Truman Show“. Manchmal fürchte ich, dass plötzlich ein Scheinwerfer aus dem gemalten Himmel fallen könnte. Ich mag diese leere Welt. Ich spüre diese Leere, wenn ich morgens auf meinem Smartphone durch die Nachrichten scrolle, brennende Weizenfelder in der Ukraine, Inflation, die Antisemitismus-Debatten um die Documenta, Elon Musk will, dass wir mehr Kinder bekommen. Ich rauche noch eine, hole Luft und schaue in meine kleine leere Welt, die blüht, vergeht, friert, über die Wolken ziehen, die völlig unberührt von diesen Nachrichten scheint. Da ist dieses Gefühl von Isolation, Sinnlosigkeit, aber auch von Ruhe und totaler Offenheit. Da ist dieses Gefühl einer Welt, die unendlich klein ist, in der jedes Detail wichtig wird, jedes Blatt, jeder Baum, jede Beziehung, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, jeder Fleck auf der Haut, jeder ausgefallene Zug, jede Meinung, jedes Zeichen einer Krise oder einer Besserung. Zugleich ist dies eine leere Welt, in der wirklich alles, alles möglich ist, unendlich groß, boden- und grenzenlos. Man möchte sich am Geländer festhalten, irgendwo Halt finden, spürt aber, das nicht mehr lange durchhalten zu können. Und da ist dieser Gedanke: sich einfach fallen zu lassen und zu sehen, was passiert. 
Vielleicht fühle nicht nur ich mich gerade so. „Die leere Welt“, das könnte der Name einer Wave-Band aus dem Berlin der frühen 1980er sein, in dem ich aufgewachsen bin. Es könnte aber auch der Name für eine Kolumne sein, in der es um das Jetzt geht – um diesen riesigen Echoraum, in dem all die Ideen, Looks, Sounds und Bilder nachhallen, die mich mein Leben lang begleitet haben, die ich heute als Pop-Omi in einem Lagerfeuer verheizen kann, um mir in harten Zeiten eine Tasse halluzinogenen Tee zu kochen. „Die leere Welt“ ist ein gutes Motto, um über spirituelle, feministische, schwule, transhumane, okkulte, verschrullte oder modische Sachen zu schreiben, auch wenn sie nicht mehr superheiß sind, sondern abgekühlt. „Die leere Welt“ ist exzentrisch, eklektisch, recycelt, zu viel, zu spät dran. 
Genau deshalb gibt es auch kein besseres Thema für den Auftakt zu dieser Kolumne als Kate Bush, die wegen ihres Hits „Running Up That Hill (A Deal with God)“ in den letzten Wochen in den Medien omnipräsent war. Der Song spielt in der 4. Staffel der populären Mystery-Horror-Serie „Stranger Things“ auf Netflix eine wichtige Rolle. 37 Jahre nach seiner Veröffentlichung landete er im Juni in Großbritannien und Australien auf Platz eins in den Billboard-Charts, in den USA in den „Top 5“. Allein auf Spotify wurde der Song seit dem Start von „Stranger Things“ über 140 Millionen Mal angehört. Bevor ich, wahrscheinlich als Nachzügler, den millionsten Beitrag über dieses Phänomen schreibe, möchte ich erzählen, wie es kam, dass Kate Bush heute meine Higher Power ist. Natürlich nicht die Person, sondern die Idee von Kate Bush, das, was ihre Musik, ihre Performances, ihr Tanz repräsentieren. 

So oft sitze ich mit meinen Hunden zusammen auf dem Hügel hinter meinem Haus vor dem „Riesenstein“, einem gigantischen Findling, umgeben von alten Eichen, einem heiligen Ort, den ich für mich den „Kate-Bush-Rock“ nenne. Wir sitzen dann einfach nur da, wie bei einer Meditation, die wir alle drei zusammen machen. Und ich bete zu Kate Bush. Ich hatte jahrelang Schwierigkeiten mit der Idee einer höheren Macht, die man bei den Anonymen Alkoholikern finden soll, um seine Sucht zu überwinden, um weniger abhängig von Menschen, Orten und Dingen zu sein. Die Leute sagen zwar: Du kannst auch einen Türknauf oder einen Baum nehmen. Aber oft meinen sie doch einen weißen männlichen Gott, besonders die Männer in den Meetings reden von einer Vaterfigur, die ihnen und dem Rest der Welt zeigt, wo die Laterne hängt. 
Mir ging das auf den Wecker. Ich war so bedient, dass ich eines Tages in einem englischen AA-Meeting aus einer spontanen Regung heraus das Wort „Gott“ durch „Kate Bush“ ersetzte: „Made a decision to turn our will and our lives over to the care of Kate Bush as we understood her.“ Was als Witz begann, wurde wahrhaftig. Denn wenn wir wirklich in Verbindung mit dem Göttlichen in uns oder einfach nur mit uns selbst treten wollen, müssen wir genau dahin gehen, wo es peinlich wird, an diesen zarten Ort, in unsere eigene Upside-Down-Welt, in der wir berührt werden, in der die Sachen blühen, die wir draußen nicht sagen, denken, zeigen oder fühlen dürfen – über die Kate Bush aber singt. Mir wurde klar, dass ich ja bereits eine Higher Power besaß, die ich nur vergessen hatte.
Ich hatte sie bereits 1978 gefunden, als ich an einem Wintertag den orangefarbenen Radiowecker im Esszimmer anstellte, damals, als wir nach dem Tod meines Vaters aufs Land gezogen waren. Die Familie war zerbrochen, draußen vor den Fenstern war es dunkel, wie eine schwarze Wand. Ich war 17 und zog den Parka und die Anglerstiefel an, mit denen mein Vater auf die Jagd gegangen war. Dazu trug ich Bastkörbe und endlose, verbeulte Schals, die ich im Unterricht gestrickt hatte. Ich las Virginia Woolf und wollte poetisch sein, mit den Geistern in den Feldern und Wäldern sprechen. Zugleich waren Punk und Wave auch auf dem Land schon angekommen, nicht nur die Sex Pistols oder Clash, sondern auch X-Ray Spex, die Buzzcocks, The Residents oder Throbbing Gristle. Ich fragte ausgerechnet meinen neunjährigen, völlig unbeholfenen Bruder, ob er mir die Apfelshampoo-Haare abrasieren würde. Danach wurde ich auf dem Schulhof angespuckt. 

Und dann kam an diesem Tag die Stimme von Kate Bush aus dem Radio, die „Wuthering Hights“ sang: „Out on the wily, windy moors / we’d roll and fall in green.“ Diese Stimme machte alles richtig, von dem ich geglaubt hatte, dass es falsch an mir war. Das Tolle an Kate Bush war das Theatralische, Performative, Campe, gepaart mit Magie, Spiritualität. Kate Bush, die sich Blumen ins Haar steckte, mit einer hochgepitchten Stimme über Emily-Bronté-Romane, Tod und Wahnsinn sang, die klassischen Ausdruckstanz und Modern Dance einsetzte, in Wäldern voller Kunstnebel tanzte, war 1978 alles andere als cool. Noch 1981 weigerte sich das frisch gegründete MTV, ihr ausdrucksstarkes Tanzvideo zu „Wuthering Hights“ zu senden und griff lieber auf einen weniger extremen Liveauftritt zurück. 
Wie es Christina Dongoswski 2018 in ihrem grandiosen Beitrag zur „FAZ“-Pop-Anthologie beschreibt, war „The Kick Inside“, Kate Bushs erste LP, bei ihrer Erscheinung „Old Wave“: „Angesagt waren der Minimalismus, die Lakonie und die konzeptuelle vokale Wurstigkeit und Aggression von Post-Punk und New Wave. Gegenüber Debbie Harry oder den Frauen des britischen Punk wie Poly Styrene und Viv Albertine wirkte Bushs künstlerische Persona antiquiert, fast schon reaktionär.“ Man rechnete sie am Anfang keiner Avantgarde zu, sondern dem Prog Rock, den man ja gerade überwinden wollte, wie das Zeug wie Pink Floyd, Genesis oder The Alan Parsons Project. Und gerade, weil sie etwas völlig Einzigartiges machte, das überhaupt nicht einzuordnen war, rechnete niemand ernsthaft damit, dass sie über Jahrzehnte hinweg die Geschichte der Musik und Popkultur umschreiben würde. 
Wegen ihrer Schrulligkeit und ihrer Exzentrik und ihrer gleichzeitigen Sexiness war sie damals eine Art „exotische“ Sensation, fast wie eine Outsider-Künstlerin. Wäre sie nicht so extrem schön, nur einen Funken weniger genial gewesen, hätte man sie wohl wie eine Drag-Performerin behandelt. Doch Bush stand mit „The Kick Inside“, wie es Dongowski beschreibt, auch in einer sehr typischen britischen Tradition, in der in der Populär-Kultur und Folklore in die Hochkultur einfließen. Das reicht von der Wieder- und Neuentdeckung druidischer, vor-christlicher Kulte oder lokaler Traditionen durch gelehrte Pfarrer und Landedelleute im 18. und 19. Jahrhundert über die Visionen von William Blake bis zu den Präraphaeliten und der Arts and Craft Bewegung.
Bush verstieß gegen alle Regeln, während der Rest der Welt das Urbane, Industrielle, Moderne besang, brachte sie etwas Pastorales in die Pop-Musik, zog das Künstliche, Entfremdete, Abgründige des Post-Punk raus aus den Metropolen aufs Land, zurück ins viktorianische oder elisabethanische Zeitalter, auf die Wellen der Themse oder in die Kensington Gardens zu Peter Pan. Dieses Verspätet-Sein gegenüber den ästhetischen Trends der kulturellen Zentren, schreibt Dongowski, verbindet Kate Bush mit Emily Brontë, die mit „Wuthering Hights“ 1847 eine Gothic Novel schrieb, als diese längst aus der Mode waren und damit die viktorianische Gesellschaft schockte. Und dieses Verspätete verband sie auch mit verstörten schwulen Teenagern wie mir. Sie gab mir das Gefühl, zu einer großen kulturellen Tradition zu gehören, auch wenn ich weitgehend isoliert war. Man gehörte zu diesem Uralten dazu, wie bei einem Hexenzirkel, und konnte zugleich etwas völlig Neues und Queeres ausdrücken.

Was ich damals nicht wusste, war, dass sie bereits als Teenager, wahrscheinlich mit 16 oder 17, Mitte der 1970er, in Lindsay Kemps Tanz-Theater „Flowers“ gegangen war, eine Pantomimen- und Musik-Show, die Jean Genets 1943 im Knast geschriebenen Roman „Unsere Liebe Frau der Blumen“ adaptierte, in dem es um die Drag-Queen und Prostituierte Divine geht, die sich mit Dieben, Zuhältern, Mördern und anderen Kriminellen zusammenschließt und sexuelle Abenteuer erlebt. Gleich zu Anfang stirbt sie an Tuberkulose und wird heiliggesprochen. Kemp, der in den Sixties eine Affäre mit David Bowie hatte und entscheidend den Look und die Choreografie der Ziggy-Stardust-Tour 1972 prägte, war reiner Glam, und das, was man heute „non-binary“ nennt. Und natürlich spielte und tanzte er die Divine. „He started it all, I had seen nothing like it, he was totally brilliant“, sagte Bush später über Kemp, der ihr erster Lehrer wurde. Er half ihr, eine völlig eigenwillige Symbiose aus Musik, Tanz und Theatralik zu entwickeln, die eine sehr visionäre, dekadente und extrem künstlerische Ästhetik in den Mainstream brachte. Nicht nur wir verbrachten 1984 nächtelang mit nichts anderem als damit, Tee, Wein und Drogen zu konsumieren, „Hounds of Love“ zu hören und Ausdruckstanz zu „Running Up That Hill“ oder „Hello Earth“ zu machen. Kate Bush erreichte und erreicht mit ihrer Kunst alle möglichen Leute. „Hounds of Love“ lief in Berliner Szenebars wie dem „Risiko“ morgens um fünf über den Köpfen von Nick Cave oder Blixa Bargeld genauso wie in den Bügelzimmern in Vororten. Bush war enigmatisch und inklusiv. Wie sehr, zeigt „The Most Wuthering Heights Day Ever“, bei dem sich Menschen in roten Kleidern und schwarzen Perücken von Sidney bis nach Berlin und Oslo treffen, um den Song in Massenchoreografien nachzutanzen: LGBTQI-Leute, Hausfrauen, Hipster, Dicke und Dünne, Omis und Kinder.
Wer die Resonanz von Kate Bushs Kunst spürt, kann alles auf sie projizieren. Dabei überwand sie auch im Hinblick auf feministische Überzeugungen eine tiefe Kluft. Wer in den späten 1970ern mit dem Feminismus und der Öko-Bewegung in Kontakt kam, dem war auch die Idee der Muttergottheit nicht fremd – die Vorstellung der großen Mutter, der weißen Göttin mit vielen Namen.
In den frühen 1980ern erstarkten im Rahmen der Frauenbewegung heidnische Kulte, Schamanen, Hexen, esoterische Praktiken und holistische Medizin. Sehr kate-bushig. Doch im Gegenzug dazu prägen sich andere, von Punk-Poststrukturalismus und linkem Denken geprägte feministische und queere Strömungen heraus, die sich genau gegen diese biologische Festlegung und das Gebot der Fruchtbarkeit, gegen „Gesundheit“, hierarchische göttliche Ordnungen, oder die Idee von Ursprünglichkeit wendeten. Auch dieses libertäre Denken verkörpert Kate Bush, die über Jahrzehnte wie eine Shape-Shifterin hybride und völlig künstliche Identitäten annimmt und glam-mäßig Geschlechterrollen sprengt. 
Der Kampf zwischen Natur und Dekadenz tobt heute als Identitätspolitik im Mainstream weiter. Während Netflix eine Regenbogenpony-Show nach der anderen bringt (auch in „Stranger Things“ bahnen sich queere Love-Storys an), beschneiden die US-Republikaner Abtreibungsrechte, versuchen den weiblichen Körper unter männliche Kontrolle zu bringen. Auf der ganzen Welt setzten sich immer stärker Fundamentalisten und religiöse Hardliner durch. Da wo Fortschritte gemacht wurden, laufen sie Gefahr, zurückgefahren zu werden. Fast der gesamte ehemalige Ostblock, allen voran Russland, ist von homophober Politik bestimmt, wobei die nationale Identität an traditionelle Familienbilder und Geschlechterrollen, sowie einen weißen männlichen Gott geknüpft wird und sich durch Rechte für LGBTQI- Menschen bedroht sieht. Im Rahmen des Ukraine Kriegs werden auf beiden Seiten Werte wie das „Soldatische“, das „Mütterliche“ und die „Familie“ beschworen. Oft wird dabei Pazifismus als ebenso weltfremd und dekadent erklärt wie das Gendern, nicht-binäre Identität oder der „elitäre“ akademische Betrieb. 

Kate Bush, die schon 1980 den wunderbaren, bitterbösen Anti-Kriegssong „Army Dreamers“ herausbrachte, in dessen Video sie mit Kind, Soldatenhelm und Lippenstift in den Tod zieht, vereint diese vermeintlichen Gegensätze. Dabei fällt mir die amerikanische Kunst- und Kulturhistorikerin Camille Paglia ein, die heute zu den vehementen Gegnerinnen von Trans-Rechten gehört. Sie kritisierte in den 1980ern die amerikanischen Eso- und Ökofeministinnen für ihre einseitige Perspektive auf die Natur, die, verkörpert durch Demeter, als nur als lebenspendend, gebärend und voller Weisheit empfunden wurde. Paglia erinnerte an Gottheiten wie die mehrarmige, mit Schwertern bewaffnete Kali, die auf der einen Seite Geschenke gibt, aber auch Leben nimmt und abgeschlagene Köpfe in ihren Händen hält. Natur ist auch Tod, Gewalt, Zerstörung, Exzess. Very Kate Bush. In diesem Zusammenhang sagte Pagllia treffend: „Wir können nicht nach der nackten Klinge der Natur greifen, ohne unser eigenes Blut zu vergießen.“ Heute meint das bei ihr: Biologie determiniert das Geschlecht. 
Trotz dieses Rückschlusses ist mir der Satz ein halbes Leben lang hängen geblieben. Ich glaube, er ist auf eine viel universellere Weise wahr. Er spricht von einer fundamentalen, schmerzhaften, spirituellen Erfahrung der Wirklichkeit. Doch Kate Bush hat mir gezeigt, dass ich diese Erfahrung machen kann, so wie ich bin, künstlich, hysterisch, expressiv, performativ. Ich kann sie als Mann, Frau, trans Mensch, als Cyborg oder Nerd oder Pop-Omi machen, ich muss dafür nicht „natürlich“ sein, Kinder kriegen oder in den Krieg ziehen. Sie ist für uns alle gleich schmerzhaft und fundamental. 
Immer wieder geht es bei Kate Bush, wie auch in „Running Up That Hill“, darum, sich in die Lage des Anderen zu versetzen, die Rollen und Qualitäten zu tauschen, in diesem Fall die Rollen von Mann und Frau, um aus der eigenen beschränkten Wahrnehmung rauszukommen, visionär zu werden. Neulich sagte eine Bekannte tatsächlich bei einem Dinner, man müsse erst einmal Kinder bekommen, um das Leben wirklich zu verstehen. Ich wusste, dass das irgendwann kommt, bei der augenblicklichen Stimmung. Ich erzählte ihr, wie ich meinen Freund und andere Leute während der Aids-Epidemie begleitet habe, Mutter und Sterbe-Doula sein musste, weil die biologischen Mütter nicht fähig waren, mit dem Leben, Sexualität und dem Tod umzugehen. Wie oft habe ich damals Männer nach ihren Müttern rufen gehört, die nicht kamen. Und wie oft habe ich in dieser furchtbaren, diskriminierenden Zeit Kate Bushs „This Woman’s Work“ (1989) gehört, in dem es eigentlich um lebensbedrohliche Kompilationen bei einer Geburt geht, und versucht, meine mütterlichen Qualitäten zu channeln, müde und verzweifelt von den herrschenden Verhältnissen. 
Dass Kate Bush heute wieder in den Billboard-Charts ist, hat sicher viel mit der genialen Produktplatzierung in der 80’s-Retro-Welt von „Stranger Things“ zu tun, das gerade auch andere Hits wie Metallicas „Master of Puppets“ (1986) hochschwemmt und junge Generationen, eine völlig neue Klientel, erreicht. Dennoch ist der enorme Erfolg von „Running Up That Hill“ alleine durch die Marketing-Maschinerie nicht erklärbar. Selbst ein Stratege der Musikindustrie nannte den Song im „Guardian“ „ein bisschen wie ein Einhorn – die meisten meiner Kollegen müssen zugeben, dass dies nur einmal in einem Jahrzehnt vorkommt.“ 
Vielleicht hat die Rückkehr von Kate Bush etwas mit dieser Müdigkeit zu tun, die ich einst empfand. Ich nahm sie persönlich, aber natürlich hatte das wohl auch mit der Marginalisierung und der Diskriminierung zu tun, die wir damals erfuhren – obwohl ich dachte, ich sei aktivistisch befreit und eingebettet in eine liberale Bubble. Doch diese Ermüdung ist eine systemische Erschöpfung, die immer mehr Menschen, auch Männer, befällt, die am Kapitalismus mit seinen rassistischen, frauenfeindlichen, patriarchalischen Ausprägungen leiden. 
In der berühmten Szene, in der „Running Up That Hill“ eingesetzt wird, ringt eine der Hauptfiguren, die Schülerin Max, mit Venca, einer Art Monster oder Dämon, der Teenager psychisch in Besitz nimmt, sie telekinetisch in die Luft hebt und buchstäblich zerbricht wie Barbie-Puppen. Venca, der einmal menschlich war, wurde durch die Upside-Down-Welt, eine Art gespiegelte Höllenversion der realen Welt, zu einer übernatürlichen Kreatur. Er verkörperte aber bereits als Teenager eine nihilistische, misanthrope, egoistische Denkweise. Er tötet seine Opfer, indem er ihnen den Sinn, die Hoffnung nimmt. Er schlüpft in ihren Kopf, während sie in der realen Welt in ein Koma verfallen. Was Max in ihrer inneren Welt mit Venca erlebt, ist traumatisch. „Stranger Things“ lässt da keine Assoziation aus: väterlicher Missbrauch, Vergewaltigung, Krieg, im wahrsten Sinne toxische Männlichkeit. Max, die auf ihrem Walkman immer Kate Bush hörte, wird von ihren Freunden mit „Running Up That Hill“ ins Leben und in die Gemeinschaft zurückgeholt. Sie kann sich befreien und zu den Klängen von Kate Bush losrennen. 
Die eigentlich klischeehafte Szene bekommt erst durch den Song wahre Größe. Sie berührt wirklich, weil wir Kate Bushs absolute Ernsthaftigkeit spüren, die Sehnsucht, einen Deal mit Gott zu machen, ihren Glauben an Verbindung und Vision. „Running Up That Hill“ schlägt wie eine spirituelle Bombe in eine immer nihilistischere Welt ein, in der immer mehr Menschen den Glauben verlieren – an sich selbst, an die Zukunft, die Möglichkeit, den Kreislauf von Ungleichheit, Gewalt und Ausbeutung zu durchbrechen. Nicht Netflix oder „Stranger Things“ haben „Running Up That Hill“ wiederbelebt. Tatsächlich ist es genau andersherum: Kate Bush hat dieser unterhaltsamen, aber inzwischen absehbaren, formelhaften Popcorn-Show Leben eingehaucht.  
Ich bin natürlich froh, dass meine Higher Power auf Platz eins steht. Manchmal gehe ich hoch zum Riesenstein, fasse ihn an und bete für das Ende des Krieges, das Ende der Republikaner, der gelifteten Oligarchen, der FDP, der Superreichen, der verlogenen Kunstszene – auch wenn ich dann arbeitslos bin. Ich bete für eine andere Welt und stellte mir dann vor, dass alle Wesen, alle belebten und unbelebten, in einen Kreislauf von Werden und Vergehen eintreten. Und dass Kate Bush, die große, unberechenbare Performance-Glam-Mutter mir aus den raschelnden Ästen der Bäume zuflüstert, ich solle eintreten und mitgehen, mit den Hunden, Mücken, Blättern, den Flüchtlingen, den Schwänen, den Ameisen, den Alten, den Jungen, ich solle mich auf den Weg machen. Und da, ja, ich will mitgehen, ich gehe mit und summe: „I’m coming home to wuthering, wuthering Wuthering Heights.“ 

Der Text ist zuerst im Magazin Monopol hier erschienen.

Mehr als 40 Tanz-Events zu Ehren von Kate

Der aktuelle Hype um Kate Bush wirkt sich offenbar auch auf die kommenden Veranstaltungen zum Most Wuthering Heights Day aus. Die Veranstaltung findet in diesem Jahr erstmals nicht nur punktgenau zu Kates Geburtstag am 30. Juli statt, sondern dürfte mit über 40 Veranstaltungen weltweit tatsächlich der Most Wuthering Heights Day EVER werden. In Deutschland sind Veranstaltungen in Berlin, in München und im Westerwald vorgesehen. In Europa waren zudem Events in Dublin, Edinburgh, Luxemburg, Sofia, Kopenhagen und Värnamo (Schweden) vorgesehen. Eine Veranstaltung in Estland hat bereits stattgefunden. Hinzu gekommen sind Ghent in Belgien, Uppsala in Schweden und zwei Orte in England: Bexleyheath und Northumberland. Allein in Australien gibt es inzwischen 17 (!) geplante Veranstaltungen. Neben Bunbury, Canberra, Melbourne, Fremantle, Sydney, Newcastle, Gold Coast, Adelaide, Brisbane, Bega Valley und Cairns sind noch Blue Mountains, Gippsland, Hobart, Lanunceston, Mona Vale und Warrnamboo hinzugekommen. In Neuseeland sind Events in Christchurch und Dunedin geplant. In Israel hat der TMWHD 2022 bereits vor drei Wochen stattgefunden. Deutlich zugenommen hat die Zahl der Veranstaltungen auch in den USA. Neben Austin, Reno, San Diego, Philadelphia und Atlanta gibt es Events in Chattanooga, Nashville (!), Greenfield und San Francisco. In Mexiko ist die Stadt Ocotlan mit dabei.

Let’s exchange the experience!

Dass die Australier ein bisschen Kate Bush-verrückt sind, ist nicht neu. Wenn weltweit der Most Wuthering Heights Day Ever gefeiert wird, schreiten die Aussies voran. Nirgendwo gibt es dann mehr Events als Down Under. Mit dem aktuellen Hype um Kate Bush hat sich jetzt auch die Pub Choir-Gruppe um Astrid Jorgensen der Nummer 1 in Australien angenommen und eine ganz eigene Version von Running Up That Hill produziert. Pub Choir existiert seit 2017 in Brisbane und ist über die Grenzen von Australien hinaus bekannt. Die Gruppe besteht aus mehreren Musikern, die an einem Abend ihren Zuschauern beibringen, wie man einen Song dreistimmig als Chor singen kann. Das Ergebnis wird dann gefilmt und veröffentlicht. Einige Videos von Pub Choir sind schon viral gegangen, etwa die Version des Songs Zombie von den Cranberries, weil die Band den Song nach dem Tod der Sängerin geteilt hatte. Beim ersten Event 2017 waren noch 80 Zuschauer dabei, jetzt kamen gleich 1600 Besucher in die Fortitude Music Hall in Brisbnane und haben mit Inbrunst Running Up That Hill geschmettert.