Apr 23

Show a little devotion: Johannes

saldKate-Fans sind treu, hingebungsvoll, geduldig und vor allem in die Musik von Kate verliebt. Im Kate-Fragebogen “Show a little devotion” gibt es für Kate-Fans immer die selben zwölf Fragen… mit den unterschiedlichsten Antworten…Heute von Johannes:

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Mit welchem Kate-Song wachst Du am liebsten morgens auf?
An Endless Sky of Honey … Ich brauch sehr lange, bis ich vollkommen wach bin.

Welche von Kate besungene Figur wärst du gerne?
Hm, ich würde gern die Rolle von Peter Gabriel übernehmen und „Don’t give up“ als Duett mit ihr singen. Zur Not wäre ich aber auch ein Vogel in „Aerial Tal“.

Wie lautet Deine liebste Textzeile von Kate ?
„Have you ever seen a picture of Jesus laughing? Do you think he had a beautiful smile, a smile that healed, a smile that could take you home“.
Von allen prägnanten Textstellen ist diese vielleicht die packendste für mich. Unglaublich, wieviel sie in nur wenigen Zeilen auszudrücken vermag! Diese Textzeile spielt auch eine kleine Rolle in meinem Roman „Und in uns der
Himmel“.

Welchen Kate-Song singst Du unter der Dusche?
Eigentlich sind Kate-Songs für mich keine Unter-der-Dusche-Schmetterer. Einmal habe ich allerdings „My Lagan Love“ gesungen.

Mit welchem Song von Kate verbindest Du ein besonderes Erlebnis?
Mit „Hello Earth“. Da war ich noch einigermaßen jung und auf Interrail-Tour. Ich hatte das ganze HOL-Album auf Kassette in meinem Walkman, kannte es aber noch nicht so besonders gut. Irgendeines Abends waren wir mit dem Zug in der Bodenseeregion unterwegs … und ich schlummerte ein (bei The Ninth Wave – heutzutage nicht wirklich vorstellbar). Irgendwann wachte ich auf: Der Zug fuhr durch einen Wald und die untergehende Sonne strahlte mit unglaublicher Intensität durch die Bäume und blendete mich, so dass ich nicht wusste, wo ich war. Es war ein Gefühl wie in einem Traum, auf positive Weise sehr zwielichtig. In dem Moment kamen aus meinen Kopfhörern die Worte (mit einem Mal auf deutsch!): „Tiefer, tiefer, irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht“. Ich war natürlich etwas verwirrt … gelinde gesagt.

Welchen Song von Kate hörst Du, wenn Du verliebt bist?
Hounds of Love, denke ich. Die Bilder mit dem kleinen Herzen des Fuchses oder den in den See geworfenen Schuhen beschreiben die Zustände, die man dann durchlebt, sehr eindringlich.

Welcher Song-Titel von Kate beschreibt Dich am besten?
Somewhere in between.

Welches Album von Kate magst Du am liebsten?
Das ist eine schwierige und eigentlich nicht zu beantwortende Frage. Früher war es ohne Zweifel „Hounds of Love“, aber auch „The sensual World“, vor allem, weil ich ihre Stimme in dieser Periode am wunderschönsten fand. Deswegen ziehe ich z.B. auch die New Vocal-Version von Wuthering Heights dem Original vor. Heute begeistere ich mich immer mehr auch für „The Dreaming“. Momentan aber ist „Aerial“ meine Lieblingsplatte. Auf der A-Seite finden sich Kate-Kunstwerke wie „A Coral Room“ und „Joanni“ (letzteres entfacht seinen Zauber erst nach und nach) – aber unübertroffen an Schönheit und Tiefe ist „An Endless Sky of Honey“.

Welcher Song hat Deine Begeisterung für Kate geweckt?
Das waren „Running up that Hill“ und insbesondere „Cloudbusting“. Ich erinnere mich noch an den Moment, wo ich das Video von „Cloudbusting“ zum ersten Mal sah. Als das „Yehiyehiyehi“ am Ende des Songs erklang, war es endgültig um mich geschehen. Ich war unglaublich fasziniert, hatte so etwas noch nie gehört. Das hob sich von allem ab, was damals in der Popmusik angesagt war. Und das blieb mit jedem neu erschienenen Album so. Ich kann mich noch erinnern, dass der Plattenkritiker der Bravo für „Hounds of Love“ nur zwei Sterne von dreien vergab. So ein Troll!

Was macht für Dich Kate so besonders?
– Sie schafft es sofort, mich in eine ganz andere Welt zu beamen … mit ihrer Stimme, ihrer Musik, ihren Texten, den Arrangements … niemand kann das so wie sie.
– Ihre emotionale Wucht ist einzigartig, nie kommt sie platt daher.
– Die Art, wie sie Themen aufgreift, diese dann mit einer anderen Ebene zu kombinieren pflegt.
– Ihre künstlerische Kontrolle, die sich immer wieder auszahlt.
– Ihre Einzigartigkeit im Showgeschäft. Sie drückt sich durch ihre Kunst aus und verfügt dazu über ein unglaublich breites Spektrum: Gesang, Klavier, Tanz, Schauspiel, Regie, Komposition, Lyrics, Produktion … Einige andere Stars, die mir früher ebenfalls sehr wichtig waren, kann ich heute nur noch eingeschränkt mögen, bzw. nur noch ihre Songs. Zuviele eigenartige Interviews haben sie gegeben, zu verbitterte Biographien geschrieben. Bei Kate Bush ist das anders. Da ist hauptsächlich ihre Kunst. Und durch diese gibt sie wiederum sehr viel Privates preis – Dinge, die einen meiner Meinung nach als echten Fan interessieren könnten … also nicht die Farbe ihrer Bettwäsche oder was
sie alles im Kühlschrank stehen hat.

Was würdest Du Dir für das nächste Album von Kate wünschen?
Ich wünsche mir, dass es überhaupt ein nächstes Album gibt. Das ist alles. Ich weiß, ich werde es mögen.

Welcher Song von Kate sollte einmal auf Deiner Beerdigung gespielt werden?
Wenn einer von ihren, dann „Among Angels“.

Apr 18

Pearl Jam, Lorde und Coachella

pearl jam620Lorde und Pearl Jam haben sich in den letzten Tagen als Fans von Kate Bush geoutet. Beim feierlichen Konzert zur Aufnahme weiterer Musiker in die Rock’n’Roll Hall of Fame wurden in diesem Jahr unter anderem auch Pearl Jam geehrt. Und deren Bassist Jeff Ament erschien in einem besonderen T-Shirt: Es trug die Namen all der Musiker, die Pearl Jam musikalisch beeinflusst haben oder von denen sie glauben, dass sie in die Hall of Fame gehören. Unter den zahlreichen Namen ist auch Kate Bush zu finden. Nach der Ehrung veröffentlichte die Gruppe ein Foto des T-Shirts auf ihrem Instagram-Account. Lorde hat Kate Bush auf ganz besondere Art und Weise geehrt. In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass der Kurator des Coachella-Open-Air-Festivals, Paul Tollett, entschieden dagegen war, Kate Bush für einen Liveauftritt zu gewinnen. Der Chef einer Musikagentur hatte Kate nach ihren Konzerten in London für das Festival in 2015 vorgeschlagen und darauf verwiesen, dass es der erste Liveauftritt von Kate in den USA überhaupt wäre. Tolletts zitierte Antwort: ‚Nein! Niemand wird es verstehen.‘ Lorde hätte es offenbar verstanden. Bei ihrem Festival-Auftritt am Sonntag begann sie ihr Coachella-Set mit „Running up that hill“.

Apr 11

It’s in the trees … it’s colorful!

allweeverlookforhol-farbig620Was kann man über Kates „Hounds of Love“ noch sagen, was nicht schon gesagt wurde? Deshalb halte ich mich gar nicht lange auf und gehe direkt auf die wunderschönen farbigen Vinylausgaben ihres Meisterwerks ein. Ich fand es immer schade, dass es keine Picture Disc von „Hounds Of Love“ in die Presswerke geschafft hat (das Cover schreit ja förmlich danach). Das farbige Vinyl aus Kanada und Amerika hat mich dann wieder etwas versöhnt. Oben links: Audio Fidelity – Purple Splattered Vinyl im Gatefold Cover – Remastered aus Amerika. Mitte Links: Grey Vinyl – Amerika. Oben rechts:- Audio Fidelity –  Marbelized Grey Vinyl im Gatefold Cover, limitiert und numeriert, Remastered aus Amerika. Unten links: Pink Swirl Vinyl aus Kanada. Unten rechts: 10″ Pink Vinyl aus Amerika – gab es nur zum Record Store Day 2011, limitiert auf 1000 Stück. Kate hat diese Ausgabe abgesegnet und die vier Tracks (The Big Sky/Cloudbusting/Watching You Without Me/Jig Of Life) selber ausgesucht. Ursprünglicher Preis 14.98 Euro – mittlerweile sündhaft teuer! Ich gebe die Hoffnung nach einer Picture Disc aber noch nicht auf! Kleine Info am Rande: Es gibt eine Pinke Ausgabe von „The Dreaming“! Limitiert auf 5 Stück, und NEIN ich hab sie nicht. Happy hunting! Michael Guth

Apr 06

Das Song-ABC: Under The Ivy

abcFaszination geht von diesem kleinen Song aus. Dies zeigt sich schon daran, dass Graeme Thomson seine Biographie nach ihm benannt hat. Veröffentlicht wurde er 1985 als B-Seite der Single „Running up that hill“ [1]. Aufgenommen wurde er an einem Nachmittag, wie Kate Bush selbst gesagt hat: „Under the Ivy we did in our studio in just an afternoon.“ [2] In Fan-Kreisen gilt er als einer ihrer größten Songs.
underivy400Was macht diese Faszination aus? Für mich ist ein ganz starker Grund die Offenheit, die er erlaubt. Im Text [3] wird ein Geheimnis erwähnt („And it’s not easy for me / To give away a secret“), die Handlung hat etwas fast Verschwörerisches – dies wird aber nicht aufgelöst. „Under the ivy“ ist ein Rätsel, das nicht erklärt wird und das daher auf ganz verschiedene Arten interpretiert werden kann. Wie man am Ende dieses Beitrags feststellen muss – alle davon sind auf ihre Art stimmig. Ein großer Song kann gewagte Interpretationen vertragen – der Leser sei vorgewarnt!
Um zu Deutungen zu kommen ist es nötig, zuerst einmal die Fakten darzustellen (sowie die sich von Interpretionen trennen lassen, was schwierig ist). Das Klavier begleitet Kates Gesang, zart und zurückhaltend. Die Stimmung ist traurig, es klingt wie eine Erinnerung, es wird im Verlauf immer emotionaler und trauriger. Die erste Strophe und der erste Refrain sind ganz ruhig. Das „for me“ zum Schluss des Refrains wird von einem von Kate gesungenen Chor herausgerufen. Es klingt wie ein fernes Echo, fast geisterhaft, unwirklich. Die zweite Strophe ist dann bewegter und emotional. Der Tonfall ist manchmal fast verzweifelt, weinend („And it’s not easy for me / To give away a secret“). Der zweite Refrain ist dann wieder ruhiger. In der folgenden Wiederholung des Refrains (mit neuer Schlusszeile „I’ll be waiting for you“) wird es dann hochemotional im Ausdruck. Die Gesangsstimme erscheint verdoppelt, ein dunkler Schatten singt mit. Der Song klingt dann in einer kurzen Coda wieder ganz ruhig aus („It wouldn’t take me long / To tell you how to find it“).
G-Moll ist die Grundtonart, in der der Song notiert ist. Sie leitet die Strophen ein, Dur-Akkorde setzen sie jeweils fort. Es gibt F-Dur-Akkorde (z.B. auf „long“, inside me“, „under the ivy“, „away from the party“, „right to the white rose“), daneben auch B-Dur-Akkorde und Es-Dur-Akkorde [3].
Kate Bush hat ein fantastisches Gespür für die Verwendung von Tonarten. Nähern wir uns daher nun den Interpretationen auf dieser Ebene (im Folgenden beziehe ich mich auf Beckh [4]). G-Moll steht für Schmerz, Hoffnungslosigkeit, eine der liebenden Seele entquellende tiefe Todestrauer. B-Dur ist die Dur-Parallele zu g-Moll – wie so oft bei Kate Bush pendeln Songs so hin und her – und holt die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichts, den Glauben an das Licht hervor. Es ist die Waldestonart, es ist naturhaft, ein abgedunkeltes F-Dur. B-Dur ist „Der Stern des Glaubens, des Hoffens, der Liebe“. F-Dur ist die Natur-Tonart, die Stimme der Natur schlechthin. Mit Es-Dur haben wir die Tonart vor uns, die aus der Tiefe des Abgrunds wieder emporführt. Sie ist der Hoffnungsstrahl, das sich Emporkämpfen, das Heroische.
Die Tonarten sprechen also von Liebestrauer, von Todestrauer, vom Vergehen in der Natur, aber auch von einer gewissen Hoffnung. Dies ist zur Traurigkeit und Emotionalität des Textes kohärent.
Beim ersten Hören dieses Liedes erschien mir klar, dass es hier um den Tod geht. Viele teilen diese Interpretation und sie liegt auch nahe. Das Lied ist unfassbar traurig und bewegend. Die Sehnsucht nach der verlorenen Jugend klingt durch („This little girl inside me / Is retreating to her favourite place“). Die Protagonistin singt von einem Platz unter dem Efeu – einer Pflanze, die sich als Symbol des ewigen Lebens häufig auf Friedhöfen findet [5]. Unter dem Efeu scheint ein Grabstein zu liegen: „The green on the grey“. Liegt hier eine Person begraben, die sich nach dem Leben zurücksehnt („Away from the party“)? Diese Party war vielleicht das Zusammensein nach dem Begräbnis. Singt hier ein ruheloser Geist, der sich in dem von fern rufenden Chor „for me“ ausdrückt? Wurde die Protagonistin ermordet oder hat sie gar Selbstmord begangen? Auf diese zweite Möglichkeit könnte der Schluss des Liedes hindeuten: „It wouldn’t take me long / To tell you how to find it“ (so meinen jedenfalls einige Interpreten wie in [6] und [7]). Die Protagonistin sehnt sich nach einer geliebten Person – so ein Griff aus dem Totenreich in das Reich der Lebenden weist zurück auf „Wuthering Heights“ mit einer ähnlichen Thematik. Selbstmord – das kennen wir auch aus „The kick inside“. Der verzweifelte Tonfall und der nicht explizit angesprochene Tod – das deutet auf „Mrs. Bartolozzi“. Der Efeu weist auch zurück auf das Cover des Albums „The Dreaming“ und illustriert dort eine Szene aus dem Song „Houdini“. Auch in diesem Song ging es um Tod, Erinnerung und Wiederkehr.
kate_ivy400Die Tonartencharakteristiken stützen diese Deutung und man könnte es dabei belassen und sich ein bisschen wundern, warum Kate das alles so verklausuliert nur andeutet. Aber dies kennt man ja von dieser Sängerin. Als Kate Bush in einem Interview [6] auf diese Selbstmordhypothese angesprochen wurde, reagierte sie etwas verdutzt. „Well, I think…uh, it… perhaps you are reading much more into it than was originally intended when I wrote it. It’s very much a song about someone who is sneaking away from a party to meet someone elusively, secretly, and to possibly make love with them, or just to communicate, but it’s secret, and it’s something they used to do and that they won’t be able to do again. It’s about a nostalgic, revisited moment.“ Die Interpretation als Lied aus der Welt der Toten war also jedenfalls „originally“ nicht angedacht. Sie mag aber unterbewusst mitgespielt haben. Sie ergänzte dann auf die Frage, warum das Lied so traurig sei noch Folgendes: “ I think it’s sad because it’s about someone who is recalling a moment when perhaps they used to do it when they were innocent and when they were children, and it’s something that they’re having to sneak away to do privately now as adults.“
Diese zweite Interpretation – von Kate Bush selbst ins Spiel gebracht – geht also davon aus, dass es sich hier um ein geheimes Treffen zweier Personen handelt. Dieses Treffen findet an dem Rückzugsort der Protagonistin aus der Kindheit statt („This little girl inside me / Is retreating to her favourite place“). Das ist ein geheimer Ort, der nicht jeder Person mitgeteilt wird („And it’s not easy for me / To give away a secret“). Das oben angeführte Interview enthält die einzigen Aussagen von Kate Bush zu diesem Song, die ich finden konnte. Sie spricht davon, dass diese Treffen etwas waren, was die beiden Personen früher als Kinder in aller Unschuld machten durften, jetzt als Erwachsene aber nicht mehr. Die weiße Rose („Go right to the white rose“) ist ein Symbol für Unschuld, Reinheit, Treue oder Entsagung [8]. Es gibt also ein von Kate Bush zugestandenes Geheimnis in diesem Song, aber es wird nicht aufgeklärt. Das öffnet Tür und Tor, genau daran weitere Interpretationen aufzuhängen. Es kann natürlich sein, dass die Personen ganz einfach anderweitig verpartnert sind und da wäre die Situation schon traurig genug. Aber vielleicht dürfen sie sich jetzt nur ganz heimlich treffen, weil es sich um so etwas wie Inzest handelt? Unschuldig als Kinder, nicht mehr unschuldig als Erwachsene. In „The kick inside“ führte das zum Selbstmord, daher sind diese beiden ersten Interpretationsmodelle vielleicht nicht so weit auseinander.
Der Efeu unterstützt dies durch seine Symbolik. „Da der Efeu nicht bestehen kann, ohne sich anzuschmiegen, ist er seit alters her auch Sinnbild für Freundschaft und Treue. Schon im Altertum war diese immergrüne Pflanze Sinnbild der Treue und des ewigen Lebens, im alten Griechenland erhielt ein Brautpaar einen Efeuzweig als Symbol immerwährender Treue.“ [5]
Die dritte Interpretation nimmt diese Sinnbilder von Freundschaft und Treue auf. Die Frage, wer da aus dem Efeu am geheimen Platz der Kindheit hineinruft in das Erwachsenenleben, kann auch noch anders beantwortet werden. Dieser Platz liegt da, wo die weiße Rose blüht: „Go right to the white rose“. Kann es eine unsichtbare Freundin sein, die hier ruft? Kinder sprechen oft mit unsichtbaren Freunden, die dann irgendwann verschwinden, wenn die Kinder erwachsen werden. Aber warum ist dann diese unsichtbare Freundin so unfassbar traurig?
Im englischen Forum [7] fand sich dazu ein Hinweis. Es gibt ein Märchen von Astrid Lindgren – „Allerliebste Schwester“ [Allrakäraste Syster], erschienen im Jahr 1967, auch ins Englische übersetzt. Die folgende Inhaltszusammenfassung ist aus [9] übernommen.
Das kleine Mädchen Barbro wohnt mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder in einem Haus mit Garten, in dem sie mit ihrem Plüschhund spielt. Sie hat bald Geburtstag und wünscht sich sehnlich einen richtigen Hund. Davon wollen die Eltern aber nichts wissen. Barbro hat ein Geheimnis: Sie hat eine Zwillingsschwester, die im Goldenen Saal regiert, zu dem Barbro durch ein Loch hinter dem Rosenbusch „Salikon“ im Garten gelangen kann. Ihre Schwester heißt Ylva-Li und nennt Barbro „allerliebste Schwester“. Sie umsorgt sie, wenn Barbro zu Besuch ist und sieht ihr sofort den Kummer an, wenn Barbro traurig ist. Mit Ylva-Li verbringt Barbro eine märchenhaft schöne Zeit: im Goldenen Saal essen sie Pfannkuchen in Gesellschaft der vielen Tiere, unter anderem zweier schwarzer Pudel, die Ruff und Duff heißen. Schließlich vertraut Ylva-Li ihrer Schwester an, dass sie tot sein wird, wenn Salikons Rosen verwelkt sind. Verzweifelt läuft Barbro wieder nach Hause. Am nächsten Tag, ihrem Geburtstag, wird sie von einem kleinen schwarzen Pudel geweckt – dem Geburtstagsgeschenk der Eltern. Als sie mit ihrem Hund Ruff in den Garten geht, sieht sie, dass die Rosen verwelkt sind.
Auch diese dritte Interpretation erscheint schlüssig. Es geht um Kindheit, geheime Plätze, Dinge, die man als Erwachsene nicht mehr tut. Der Zugang zu diesem Geheimnis liegt hinter dem Rosenbusch. Das Lied ist deswegen so traurig, weil die Kindheitsfreundin tot ist, sie liegt unter den Steinen unter dem Efeu begraben. Das „for me“ wäre auch hier ein Ruf aus der Welt der Toten. Dieses Märchen war in England zugänglich – vielleicht kennt Kate Bush es aus ihrer Jugend.
ivy3Hier wäre noch zu erwähnen, dass sich die weiße Rose auf dem Cover des nächsten Albums „The Sensual World“ wiederfindet. Ein Thema des Titelsongs ist da das Heraustreten aus der literarischen Welt in das wirkliche Leben.
Als ich den Namen des Rosenstrauchs erforschte (das Wort Saliko gibt es in Esperanto, es bedeutet „Silberweide“ [10], hergeleitet vom lateinischen Salix), fügten sich in meinem Kopf plötzlich noch weitere Puzzlesteine zusammen zu einer vierten Interpretation. Noch überhaupt nicht berücksichtigt in einer Deutung wurde die schattenhafte Stimme, die den Gesang der Protagonistin zum Schluss begleitet. Dieses Stilmittel der von einem Schatten begleiteten Gesangsstimme wurde in „The infant kiss“ für Besessenheit benutzt (siehe hier im Song-ABC der dazugehörende Beitrag). Im zugrunde liegenden Film [11] sieht die Heldin – sie betreut zwei Kinder, Miles und Flora – scheinbar als einzige wiederholt geisterhafte Erscheinungen eines Mannes und einer Frau, Miss Jessel. Miss Jessel ertränkte sich (schwanger?). In der Heldin keimt der Verdacht, die Geister der Verstorbenen hätten Macht über die Kinder erlangt. Sie beharrt gegenüber Flora darauf, diese sei von Miss Jessels Geist besessen, bis das Mädchen einen hysterischen Anfall erleidet.
Zu Beginn des Films erklingt [12] – offenbar von Miss Jessel gesungen – das Lied „O Willow Waly” (“We lay my love and I, beneath the weeping willow. But now alone I lie and weep beside the tree. Singing “Oh willow waly” by the tree that weeps with me. Singing “Oh willow waly” till my lover return to me. We lay my love and I beneath the weeping willow. A broken heart have I. Oh willow I die, oh willow I die…”) . Willow – das ist die Weide.
Singt in „Under the ivy“ also die erwachsene Flora und sehnt sich nach Miss Jessel? Ist Miss Jessel die rätselhafte Begleitstimme – so wie es ähnlich in „The infant kiss“ als Stilmittel benutzt wurde, dort für die Besessenheit des Jungen? Liegt Miss Jessel begraben unter dem Efeu hinter dem Rosenbusch „Salikon“? Wird hier ein zweiter Teil der Geschichte aus „The infant kiss“ erzählt?
Vier Interpretationen – keine Wahrheit. Vier Interpretationen, die ineinander greifen und sich überlagern wie die Blütenblätter einer Rose. Vier Interpretationen – nur Geheimnisse. Je tiefer man in „Under the ivy“ eindringt, desto geheimnisvoller wird dieser Song. So viele Seelen können sich in seiner Dunkelheit spiegeln. Vielleicht ist er deswegen voller nicht bewusst heineinkomponierter Assoziationen, weil er so schnell aufgenommen und nicht lange „geplant“ wurde. Mit seinen Anklängen an die Themen und Symbole anderer Songs bildet er ein Assoziationszentrum im Bush-Universum. Besonders bemerkenswert finde ich es dabei, dass er mit seinen Hauptsymbolen Efeu und weiße Rose Bezug nimmt auf die Cover der Alben vorher und nachher.
Es ist schade, dass dieses Juwel nicht auf ein reguläres Album gekommen ist, er hätte es von der Qualität her voll verdient. Zum damals aktuellen Album „Hounds of Love“ passte er wohl nicht in der Stimmung, er wäre ein dunkler Fremdkörper gewesen. Aber er hat auch zum Glück so den Weg in die Herzen gefunden.   (© Achim/aHAJ)
[1] http://www.katebushencyclopedia.com/under-the-ivy (Gelesen 10.02.2017)
[2] Peter Swales. Musician (ohne Titel), Herbst 1985
[3] Kate Bush Complete. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.161
[4] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.245ff (B-Dur), S.259f (g-Moll), S.124 und 128 (Es-Dur), S.149ff (F-Dur)
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Efeu (gelesen 08.02.2017)
[6] Doug Allen: Love-Hounds Interview. November 1985
[7] http://thehomegroundandkatebushnewsandinfoforum.yuku.com/topic/9091/Under-the-Ivy-whats-it-about#.WJmfaXr-OQg (gelesen 07.02.2017)
[8] www.blumen-versender.com/weisse-rosen.php (gelesen 08.02.2017)
[9] http://www.kinderundjugendmedien.de/index.php/filmkritiken/144-allerliebste-schwester-ein-schwermuetiges-und-bewegendes-maerchen (gelesen 07.02.2017)
[10] http://www.majstro.com/woerterbuecher/Esperanto-Deutsch/saliko (gelesen 10.02.2017)
[11] http://de.m.wikipedia.org/wiki/Schloß_des_Schreckens (gelesen 24.03.2015)
[12] http://www.imdb.com/title/tt0055018/quotes (gelesen 01.04.2015)

Apr 01

Kate in Polaroids: April

KP_04AUnder the ivy

„Es gab in meinem Leben ein großes Geheimnis, welches ich für mich behalten wollte (mittlerweile weiß ich, dass es viel besser war, es doch zu lüften)“, beschreibt Michael, warum die Textzeile „It’s not easy for me to give away a secret“ eine der wichtigsten Liedzeilen aus einem Song von Kate für ihn ist. Wie schwer so eine Entscheidung fallen kann, mag schon deutlich machen, wie man in diesem Zusammenhang „give away“ übersetzt. Wird das Geheimnis gelüftet? Wird es verraten? Offenbart man es? Gibt man es damit weg? Kate lüftet das Geheimnis in dem Lied nicht. Der Efeu als immergrünes Symbol des Lebens, die weiße Rose als Verkörperung der Unschuld – von Michael inszeniert in Verbindung mit einem unschuldig wirkenden jungen Mann. Ist er so unschuldig, wie er wirkt? Verkörpert er das Geheminis? Auch MIchael gibt darauf keine Antwort und lässt die Fragen zur Interpretation offen.

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Mrz 26

Surrealistische Zeichnungen von Daria

dariaA_is_for_Amos_-_Cover_-_Online„Daria ermöglicht uns eine neue Perspektive und öffnet eine Tür zu einer anderen Dimension der künstlerischen Traumwelt. Jedes Mal, wenn ich eines ihrer Bilder sehe, stoppe ich auf meinen Weg, weil ich weiß, dass es diesen magischen Ort gibt, zu dem ich gerne reisen möchte, wo meine Augen dieses Welt einfangen können“, steht als Beschreibung der Bilder von Daria Hlazatova auf der Seite von Rhythm & Artist. Daria lebt in der Ukraine, bezeichnet sich selbst als „full-time artist and a part-time elf“, gestaltet Plattencover, arbeitet für Magazine, illustriert und zeichnet. Dabei lässt sie sich insbesondere von Märchen, Sagen und Mythen inspirieren – aber auch von Musik und Songtexten, wie man nicht nur an den Bildern von Kate sehr schön erkennen kann. Vor allem findet man surrealistische Elemente oder den Stil des Art déco in ihren Bildern. Daria hat schon mehrfach in den USA, England und natürlich in ihrer Heimat Ausstellung bestritten und passend zum Record Store Day 2015 ein kleines Buch mit dem Titel „A is for Amos“ herausgegeben, in dem sie ein Künstler-ABC erstellt hat. Verewigt sind die Künstler, die sie musikalisch geprägt haben, von Bowie bis Brian Eno, Genesis bis Zappa, Nick Cave bis Morrissey. „K“ steht in dem ABC natürlich für Kate. Das 60-seitige Buch kann man für 12 Euro auch bei amazon bestellen. Wer mehr über die Bilder von Daria erfahren möchte, wird hier fündig.

Mrz 21

Das Reich des Unsichtbaren sichtbar machen

JuanJVicedo620Er ist Professor für Wirtschaft und Finanzen an der Universität von Alicante und arbeitet zudem als Rechtsanwalt. Sein Hobby: Die Musik. Wobei man von Hobby in dem Fall nicht unbedingt sprechen kann, denn Juan José Vicedo hat mit seinem neuen Buch „Kate Bush – Los dominios de lo invisible“ bereits das dritte Werk über einen Musiker verfasst. Nach Bob Dylan und Patti Smith jetzt Kate Bush. „Das erste Buch über Bob Dylan ist ein Leitfaden für seine komplette Diskografie. Die beiden anderen sind Biografien, in denen das Leben der Künstler durch die Lieder erzählt wird“, beschreibt Juan José Vicedo sein neues Buch. Sich für Kate zu begeistern, fiel ihm nicht schwer: „Kate Bush ist jemand, die seit Jahrzehnten bei mir war. Ich gehöre zu denen, die von Wuthering Heights absolut begeistert waren und seitdem nach einem Platz zum Träumen suchen und dabei in ihrer Musik verloren gehen, in ihren Texten und in den vielen Charakteren, über die sie singt. Aus diesem Grund wollte ich über ihre Lieder und über die Emotionen sprechen, die sie in uns weckt – um diese Frau allen vorzustellen, denen sie noch fremd ist.“ Also hat Juan José Vicedo statt einer reinen Biografie auf Spanisch einen etwas anderen Weg gewählt. Er will seine Leser anhand der Songtexte mit auf eine Reise nehmen, wie er sagt eine „sehr persönliche Reise zu ihrer Figur und dem, was von ihrer Seele in ihrem musikalischen Lebenswerk bleiben wird“. Eine Reise, die sich für jeden lohnen werde, verspricht der Autor, schließlich könne man in Kates Musik „die Leidenschaft, das Zögern, die Liebe, die Traurigkeit, die Freude der Schöpfung und die Tapferkeit, die Dinge auf ihre Art und Weise umzusetzen“, entdecken. Sein Ziel: Kates „Reich des Unsichtbaren sichtbar zu machen“. Das klingt das fast schon poetisch und könnte aus einem ihrer Songtexte entsprungen sein…(und ist im Übrigen die Übersetzung des spanischen Titels.) Das Buch, so ist es jedenfalls gepalnt, soll später auch auf Englisch erscheinen. Das wäre schön.

Kate Bush – Los dominios de lo invisible„, Autor: Juan José Vicedo, 178 Seiten, Verlag: 66rpm, ISBN: 978-8494533075, ca. 14 Euro, Erscheinungsdatum: 23.1.2017. Das Buch ist bei amazon Deutschland für etwa 16,50 Euro bestellbar.

Mrz 16

Zeit zum Träumen mit Frédéric Delage

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Foto: Patrick Lavaud

Le temps du rêve“ ist der Titel der ersten Biografie über Kate Bush auf französisch – verfasst von Frédéric Delage. Er arbeitet als Journalist in Poitiers, lebt in der Dordogne, und ist bekennender Progressive Rock-Fan mit einer eigenen Webseite. Er hat bisher zwei Bücher über Genesis veröffentlicht und ein Nachschlagewerk über Progressive Rock.

In einem Interview mit einer französischen Tageszeitung hast Du gesagt, dass Kate in England genauso berühmt ist, wie Edith Piaf in Frankreich. Denkst Du, es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen beiden Sängerinnen?

Frédéric Delage: Ich habe Piaf nur als Beispiel gewählt um zu verdeutlichen, welche Berühmtheit Kate in England ist – eben ein bisschen so wie Piaf in Frankreich. Um ehrlich zu sein, kann ich – abgesehen von der Verehrung, die ihnen in ihren jeweiligen Heimatländern entgegengebracht wird – sonst keine Ähnlichkeiten zwischen ihnen erkennen.

Kate hat zwei ihrer Songs in französischer Sprache veröffentlicht, ihr Album Lionheart wurde in Frankreich produziert und es wird ihr nachgesagt, dass sie ihre Urlaube gerne in Frankreich verbringt. Wie würdest Du ihre Beziehung zu Frankreich beschreiben?

Frédéric Delage: Auch wenn sie zwei Lieder auf Französisch gesungen hat (da ist Joanni, wo sie einen kleinen Part auf Französisch singt, noch nicht berücksichtigt), bin ich mir nicht sicher, das Kate Bush die französische Sprache wirklich beherrscht. Bei der Tour of Life hat sie nur ein Konzert in Paris gegeben. Ich glaube also schon, dass sie sie in Deutschland populärer ist, als in Frankreich. Glücklicherweise gibt es trotzdem sehr viele französische Fans. Die breite Öffentlichkeit in Frankreich kennt sie aber nur aufgrund von drei oder vier ihrer Hits, namentlich Wuthering Heights, Babooshka, Running up that Hill und Don’t give up. Wenn sie übrigens wirklich ihren Urlaub in Frankreich verbringt, würde ich ihr vorschlagen mich zu Hause zu besuchen – ich lebe in einer der schönsten Regionen von Frankreich.

Du bist Journalist, hast zwei Bücher über Genesis geschrieben, zwei über Progressive Rock und Du betreibst eine Progrock-Webseite. Erklär mir, warum ein Progrock-Fan über Kate schreibt und dazu noch auf französisch?

Frédéric Delage: Ich habe dieses Buch geschrieben, weil es bisher noch kein einziges in französischer Sprache gab, aber vor allem auch, weil ich on Kate Bush als Künstlerin fasziniert bin. Man muss natürlich kein Fan von progressiver Musik sein, um ein Kate Bush-Fan zu sein. Aber sie ist sehr oft die beliebteste weibliche Sängerin von Progrock-Fans. Wie Guy Garvey, Sänger der Gruppe Elbow, in einer BBC-Dokumentation gesagt hat: Die Musik von Kate Bush steht in der progressiven Tradition, aber ohne die offensichtliche instrumentelle Virtuosität, die man oft in diesem Genre findet. Kate Bushs progressive Seite liegt in den abenteuerlichen und traumähnlichen Aspekten ihrer Musik; in der theatralischen Dimension ihrer Shows; in dem Ustand, dass sie Konzept-Suiten komponiert hat und in den Wurzeln ihrer Inspiration, die oft sehr englisch sind. Kate Bush ist zudem vollkommen einzigartig und unvergleichbar. Und zu meinem Buch: Es ist eine klassische, chronologische Biografie. Ich habe in zahlreichen Archiven der französischen Presse recherchiert, mich aber größtenteils auf Berichte in den britischen Medien gestützt. Dabei reicht das Buch von ihren Anfängen bis zum Live-Album Before the dawn. Und es berücksichtigt dabei die Beschreibung ihres kreativen Prozesses Album für Album.

Der Buchtitel  „Le temps du rêve“ kann sowohl mit „Zeit für Träume“ wie auch mit dem von den Aborigines geprägten Begriff der „Traumzeit“ übersetzt werden. Was war Deine Intention?

Frédéric Delage: Es ist eine klare Referenz an die „Traumzeit“ und damit auch an das Album The DreamingIch dachte auch, dass es ein schöner Titel ist, weil er sowohl auf die Zeit verweist –  außer bei Lionheart, wo sie unter dem Zeitdruck von EMI stand, hat sie sich immer die nötige Zeit genommen, um ein Album zu schreiben – wie auch den traumähnlichen Aspekt ihrer Arbeit verweist.

Progrock-Fans, Punk-Liebhaber und Metal-Fans haben interessanterweise sehr oft eines gemeinsam: Sie lieben die Musik von Kate. Kannst Du erklären woran das liegt?

Frédéric Delage: Zweifellos weil ihre Musik anspruchsvoll, kühn, melodisch und gleichsam energisch ist, sie Genregrenzen überschreitet und es schafft, unterschiedliche Stile von Empfindungen miteinander zu versöhnen.

In einer Album-Kritik zu 50 Words for snow hast Du geschrieben, dass die Ära der exquisiten Popsongs der Kate aus ihrer Anfangszeit lange vorbei ist, und dass ihre Musik heute Zeit zum „schmelzen“ benötigt. Wenn Du die Songs aus ihrer Anfangszeit mit ihrer Music von heute vergleichst, was können wir dann in der Zukunft erwarten? Wie wird sich ihr musikalischer Stil in den nächsten Jahren weiterentwickeln? Mehr in Richtung Jazz, oder gar klassische Lieder?

Frédéric Delage: Ich finde schon, dass es mehr Jazz- und Klassik-Einflüsse auf Aerial und 50 Words for snow gibt, als auf ihren früheren Alben. Kate Bush nimmt sich Zeit, um sicherzustellen, dass sie sich niemals wiederholt. Bis heute hat sie es immer wieder geschafft, sich neu zu erfinden. Und ich glaube, dass man darauf vertrauen kann, dass sie so weitermachen wird – natürlich in ihrem eigenen Tempo. Aber es ist nicht vorhersagbar, was sie in der Zukunft tun wird. Und auch das macht sie unvergleichlich reizvoll.

Wenn man über Kate schreibt, hat man bestimmt 1000 Fragen an sie. Welche Frage würdest Du ihr zuerst stellen?

Frédéric Delage:  Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich 1000 Fragen an sie hätte. Es umgibt sie ja etwas Geheimnisvolles, was sich auch in ihrer Arbeit zeigt und das sie ganz zu recht bewahren will. Wenn ich es jemals schaffen sollte, ein Interview mit ihr zu bekommen, zum Beispiel für die 2. Auflage meines Buches, würden mir aber leicht ein paar Fragen einfallen – ich hoffe nur, dass ich die dann ohne Zittern in der Stimme stellen kann.

„Kate Bush – Le temps du rêve“. Autor: Frédéric Delâge, 240 pages (14,8 x 21 cm) , ISBN : 9782360542383, ca. 20 Euro, Erscheinungsdatum: 19.1.2017. Bei amazon Deutschland ist das Buch als Kindle-Edition für 12 Euro verfügbar.

Mrz 10

Das Song-ABC: And Dream Of Sheep

abcados„And dream of sheep“ ist für mich einer der schönsten Songs von Kate Bush. Hier wird mit ganz sparsamen Mitteln eine erstaunliche Tiefe erzielt. Unter einer warm-leuchtenden Oberfläche verbirgt sich in Text und Musik ein Abgrund.  Der Song leitet die zweite Seite „The ninth wave“ des Albums „Hounds of love“ ein. Kate Bush erläutert das zugrundeliegende Konzept selbst: „Wir reden über einen Sturm. Da ist ein Mensch bei Sturm über Bord gegangen und kämpft eine ganze Nacht gegen die Wellen, die Müdigkeit und die Gefahr, aufzugeben. Zu dieser Handlung habe ich alle Stücke der zweiten LP-Seite geschrieben.“ [1]. In „And dream of sheep“ wird der Rahmen dieser Geschichte aufgestellt: eine Schiffbrüchige treibt im nächtlichen Meer, mit Schwimmweste und Notlicht, kaum noch bei Bewusstsein.
Der Song steht in der Tonart cis-Moll, dazu kommen immer wieder prägend fis-Moll-Akkorde sowie H-Dur- und E-Dur-Akkorde [2]. Es gibt aus der melancholischen Mollstimmung immer wieder eine Art hoffnungsvolles Ausweichen in Dur, aber alles wird dann immer wieder in das Moll zurückgezogen. Der Takt ist ein ruhiger 4/4-Takt, der nur kurz unterbrochen wird durch 2/4-Einschübe (zwei Takte) und einen 5/4-Einschub (ein Takt zum Schluss). Die Melodie ist ein Wiegenlied, ganz einfach gehalten, die Töne bewegen sich in kleinen Wellen, so als ob die Protagonistin vom Meer geschaukelt wird. Auf und ab wird sie getragen, gewiegt, ganz sanft.
Um „And dream of sheep“ genauer zu interpretieren, ist es notwendig, fast Zeile für Zeile durchzugehen.
„Little light shining“ – das Klavier ertönt zu diesem Beginn, mit vollem, runden Klang, gut auf die Stimme abgestimmt. Im ganzen Song gibt es fast nur Klavier und Stimme, mit einigen weiteren Akzenten. Die Romantik wird durch ein cis-Moll noch betont. Diese cis-Moll-Akkorde gibt es nur zu Beginn der beiden Strophen (quasi als Einleitung) und dann zum Schluss in der Coda. Diese Tonart bildet den Rahmen des Songs. Cis-Moll ist die Sehnsuchtstonart der klassischen Musik. Es ist eine warme Tonart voller Schwermut, die in uns die verborgenen Quellen der Sehnsucht öffnet. Cis-Moll ist in höchstem Maße romantisch. Nocturnes von Chopin stehen in dieser Tonart, ebenso die Mondscheinsonate von Beethoven [3]. Lebt in E-Dur etwas von leuchtenden Sonnenschein, so in der Sehnsuchtstonart cis-Moll etwas von Mondschein [3]. Es ist ein überaus romantischer Beginn, der etwas ganz anderes erwarten lässt als das, was kommt. Bei den ersten Zeilen hatte ich beim ersten Hören (und auch später noch) ein Liebeslied im Kopf: die Protagonistin stellt eine Kerze ins Fenster, um dem Geliebten den Weg zu weisen.
„Little light will guide them to me“ – ein H-Dur-Akkord auf „them“ leuchtet herein, cis-Moll liegt dann wieder auf „me“. H-Dur symbolisiert das Irdische und schon gleichsam Zurückgelassene – in dieser hoch und verklärt über dem Irdischen liegenden Tonart entschwebt man schon wie ins Überirdische [3]. Eine „Vorahnung des Hinübergehens“ [3] mischt sich in die Harmonik.
„My face is all lit up / My face is all lit up“ – unter das cis-Moll mischt sich immer beherrschender der fis-Moll-Akkord, auf dem zweiten „up“ liegt aber wieder der überirdische H-Dur-Akkord. Bei „lit up“ und später bei „white horses“ und „buoy“ liegt ein leichtes Beben in der Stimme. Das zerbricht die ruhige Stimmung, mischt Angst und Kälte hinein. Die Tonart fis-Moll ist „tiefster Abgrund, tiefste Absturzgefahr [3]“ und deutet auf ein „Aufgewühltwerden bis in die tiefsten Seelengründe hinein“ [3] hin. Die Romantik des Beginns ist der Todesgefahr gewichen.
Der Text baut nun allmählich das Horrorszenario auf, aber versteckt hinter Beruhigung, Ruhe, Traum, Schlaf. Der Schrecken liegt in der Einbildungskraft, im Inneren.
„If they find me racing white horses / They’ll not take me for a buoy“ – die Strophe wird immer leiser im Ton. Zum H-Dur kommt der E-Dur-Akkord dazu. E-Dur ist die Tonart der Märchenpoesie, des Märchens. [3]. Es hat die „Helligkeit einer anderen Welt, einer Welt der Träume, des Dichterischen, der höheren Bilderschau, in der wir der gewöhnlichen Tageswelt gänzlich entrückt sind.“ [3] Die „white horses“ stehen für die Schaumkronen auf den Wellenkämmen, enthalten aber eine tiefere Symbolik. Pferde sind die heiligen Tiere des Meergottes Poseidon [10]. Ihre Erwähnung ist also auch eine versteckte Anrufung göttlicher, märchenhafter Hilfe.
Fast alle Zeilenenden gehen in einem Tonschritt nach unten. Die Musik zieht die Protagonistin zum Schluss der Zeilen hinab in den Schlaf und in das tiefe Wasser. Die Musik gibt den Sog des Untergehens wieder, schwingt hin und her, zieht dann aber hinab. Aufwärts geht es nur selten, bei „shining“, „guide them“, „open“ und (im Chorus) „sheep“ – aufwärts der Hoffnung, der Rettung und dem Leben  entgegen.
„Let me be weak, let me sleep and dream of sheep“ – dies ist der erste Chorus, meist H-Dur, ein fis-Moll-Akkord auf „week“, wieder H-Dur auf „sleep“, dann H-Dur/E-Dur/fis-Moll gemischt in einer harmonisch verschleierten Akkordfolge. Von Schafen träumen – im Deutschen gibt es das „Schäfchen zählen“, das mit dem Einschlafen verbunden ist. Es versteckt sich hier aber eine tiefere Symbolik. Das Schaf ist der Inbegriff eines Wesens, das alles erduldet, alles mit sich machen lässt. Es ist das Opfertier schlechthin, ein Sinnbild der Reinheit, Unschuld, Geduld und Sanftmut. [11] Die Protagonistin will sich der Situation hingeben – um diesen Kampf gegen das sich Ergeben handelt „the ninth wave“.
Im Hintergrund sind ferne Stimmen wie aus einem Funkgerät zu hören. Eine Frauenstimme sagt zärtlich „Come here with me now.“  Das war eine der Lieblingswendungen von Kate Bushs Mutter [4]. Ganz weit weg ist ganz leise das Tuten eines Besetztzeichens zu hören. Die Außenwelt ist noch da, Kommunikation ist noch denkbar – Stimmenfetzen wahrscheinlich aus dem Funkgerät des Schiffes im Sturm, Erinnerungen an die Person, die immer geholfen hat – aber es gibt keinen Anschluss, der Kommunikationskanal ist besetzt.
Die zweite Strophe beginnt mit „Oh I’ll wake up to any sound of engines“. Auf „engines“ bricht ein heftiger tiefer Streicherakkord hinein, ein Cluster, eine wilde Ballung von Tönen, wie ein Traum von einem Motor. Diese zweite Strophe wird vom fis-Moll des Abgrunds dominiert, nur zum Schluss auf „imagination“ gibt es ein Lichtzeichen durch den H-Dur-Akkord. Hier ist die Romantik des Anfangs verschwunden, alles klingt aufgeregter, dramatischer, verzweifelter.
Ab dem zweiten Chorus wird es dann immer stiller und leiser, ruhiger. Die Protagonistin nimmt allmählich die Opferrolle an – sie gibt sich den Schafen hin, lässt sich von ihnen davontragen. Mit „Ooh, their breath is warm“ beginnt die Coda in traumverlorenen, optimistisch-aufgehellten H-Dur- und E-Dur-Akkorden (auf „warm“ wird das Lied aber wieder hinabgezogen in das fis-Moll). Zu „warm“ und dann zu „deeper and deeper“ ertönen begleitende Töne, die wie irische Flöten klingen. Das ist heimatliche Musik aus der Kindheit, das sind träumerische Erinnerungen.  Die Flöte ist in der Symbolik zudem eng mit der jenseitigen, spirituellen Welt und ihren Göttern verbunden. Oft wird das Instrument von Göttern gespielt oder symbolisiert die Stimme eines Gottes. Im alten Ägypten hörten die Menschen in den langen Flötentönen die Stimme der Göttermutter Isis. [9]
anddream400„And they smell like sleep“ beginnt in E-Dur, endet aber wieder in fis-Moll. „And they say they take me home / Like poppies, heavy with seed“ – der E-Dur-Akkord ertönt dann auch wieder auf „like poppies“, danach kommt wieder diese verträumte Akkordkette, die aber diesmal mit cis-Moll auf „seed“ endet. Der Kreis des Liedes hat sich geschlossen. Das ist ganz zart gesungen, fast schon wie im Schlaf. Richard Wagner benutzt E-Dur für das „Schlummermotiv“ der schlafenden Walküre, die Tonart dient ihm in in der Oper „Die Walküre“ geradezu als Tonart des Einschlummerns [3] – über die Genres und die Jahrhunderte hinweg überlappen sich musikalische Zeichen und Ausdrucksweisen. „Poppies“ – Mohnblumen: Schlafmohn, Betäubung. Die antike Symbolik der Mohnblume ist düster. Bei den Griechen war der Mohn der Unterweltsgöttin Persephone geweiht. Hypnos, der Gott des Schlafes wurde oft mit Mohnblüten in der Hand dargestellt [12]. Lyrik, Tonart und Symbolik kreisen um das Einschlafen.
„They take me deeper and deeper“ – mit Meeeresgeräuschen und ohne begleitende Akkorde geht es immer weiter hinunter. Die Protagonistin sinkt wie von Narkotika („poppies“) betäubt tiefer und tiefer in den Schlaf und mit ihr versinkt auch die Melodie in der Tiefe und verdämmert. Ohne Pause beginnt „Under Ice“ und wir sind in einer düsteren Zwischenwelt. Das eher romantische cis-Moll wechselt abrupt in ein dunkles, bedrohliches a-Moll [2]. Dieser Übergang ist so, als ob das Licht in der Musik abgeschaltet wird. Für Kate Bush waren diese ersten beiden Stücke der Suite immer eine Einheit:“It [Under Ice] was totally connected to the track that had come before, and they were written together – And Dream Of Sheep goes straight into Under Ice and they were almost conceived as one […]” [5].
Zu den Songs von „The ninth wave“ hatte Kate Bush seit jeher Bilder im Auge. „And really, for me, from the beginning, The Ninth Wave was a film, that’s how I thought of it.“ [6]. Das muss offenbar auch schon 1985 so konkret gewesen sein, dass es Pläne zu einer filmischen Umsetzung gegeben hat. „I think in a way they’re, umm, probably the most visual songs I’ve written in that, when I was writing them, I had in mind what potentially might be done with them, visually, which isn’t normally the sort of way you go about writing a song. So it’ll be interesting if we can ever actually turn it into a film, which is what I’d like to do, and to see if it takes to it well.“ [7].  Dies hat sich damals nicht realisieren lassen – aus den Gedanken ist es aber wohl nie verschwunden. Für die Konzertreihe „Before the dawn“ wurde es dann endlich umgesetzt. Zu „And dream of sheep“ wurde dazu der Gesang neu aufgenommen. Ein Video entstand, das dann während der Show gezeigt wurde. Dafür ließ sich Kate Bush in einem Wassertank in den Pinewood Studios im englischen Buckinghamshire aufnehmen. Kate Bush zog sich bei den Dreharbeiten eine Unterkühlung zu und war gezwungen, am folgenden Tag mit den Dreharbeiten zu pausieren. „Am Folgetag hatte sie sich erholt und konnte weiterfilmen. Alle waren sich einig, dass es der Authentizität der Performance zuträglich war“. [8]  Das Video ist fast beklemmend – man kann die Unterkühlung der Protagonistin sehen und fast fühlen. Die Stimme zittert und klingt wie aus eisiger Kälte, beängstigend. Das gibt dem Song noch mehr Tiefe, als er ohnehin schon hat. Die träumerische Stimme der Version von 1985 ist einem bedrohlichem Realismus gewichen. Ein Meisterwerk in beiden Fassungen!                    © Achim

[1] Andreas Hub: “Kate Bush. Aufgetaucht”. Interview mit Kate Bush. Fachblatt Musikmagazin. 11/1985
[2] “Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.80
[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.268 (cis-Moll), S.264f und 274 (E-Dur), S.171ff (H-Dur) und S.138 (fis-Moll)
[4] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH, S.273
[5] The 1985 Convention Interview. Tony Myatt asks Kate about Hounds of Love. Homeground – The Kate Bush Magazine. Anthology One. Crescent Moon Publishing. Maidstone. 2014. S.383-392
[6] Richard Skinner: Classic Albums Interview, BBC Radio 1, 25.01.1992.
[7] Peter Swales, Musician (unedited), Herbst 1985
[8] http://www.warnermusic.de/news/2016-11-22/im-video-and-dream-of-sheep-live-watet-kate-bush-durch-einen-grossen-wassertank (gelesen 13.01.2017)
[9] https://www.vsl.co.at/de/Concert_flute/Symbolism (gelesen 03.02.2017)
[10] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Poseidon (gelesen 03.02.2017)
[11] Martin Warnke: Ausgerechnet das Schaf. Ein Tier in Geschichte und Gegenwart. DIE ZEIT 14.03.1997
[12] http://blumensprache.blogspot.de/2008/10/mohnblume.html (gelesen 03.02.2017)

Mrz 05

Kate in Polaroids: März

KP_03aAnd Dream Of Sheep

I can’t keep my eyes open – Wish I had my radio. I tune in to some friendly voices, Talking ‚bout stupid things. I can’t be left to my imagination. „Stimmen, die zu einem sprechen. Egal, woher sie kommen und was auch immer sie sagen. Einsamkeit hat viele Formen. Einsamkeit kann auch mitten in der Gesellschaft von Freunden eintreten (hierin liegt für mich vielleicht auch eine Parallele zu „All the love“). Dann ist es vielleicht besser, die Stimmen schweigen“, schreibt Michael zu seinem Polaroid. Ergo ist das Radio in diesem Fall aus, es gibt keine freundlichen Stimmen, die sich über allen möglichen Sinn oder Unsinn unterhalten. Inspirationsquelle für das Polaroid war das Bild „The Hogsmill Ophelia“, in dem Ophelia wie bei John Everett Millais im Fluss Hogsmill treibt, allerdings in diesem Fall in einem ziemlich verseuchten Gewässer. Ophelia könnte die Inspiration für Kate zu dem The Ninth Wave-Cover gewesen sein, wo sie selbst einsam im Wasser treibt und gerne die freundlichen Stimmen aus dem Radio hören würde.

Ein Interview mit dem Fotografen gibt es hier; seine Webseite hier.

Feb 28

Kates Faible für groteske Schönheit

fishermanOphelia320Der englische Schriftsteller Philip Pullman („His Dark Materials“) hat kürzlich zur Veröffentlichung einer Kurzgeschichte eine nette Anekdote erzählt. Kate Bush habe ihm von zwei Gemälden, die sie besitzt, erzählt, „die die seltsame Eigenschaft haben, einander wieder zu finden, wenn eines von ihnen verkauft oder verschenkt wird“. Diese Anekdote hat Pullman dann weiter entwickelt und zu seiner Kurzgeschichte verarbeitet. Unklar blieb leider, welche Gemälde Kate gemeint haben könnte. Dass sie ein Faible für die Malerei hat, ist spätestens seit Mitte der 1980er Jahre bekannt, wo sie sich in Interviews mehrfach zu Künstlern wie Dali, Breughel the-hogsmill-ophelia(„I would want to be Breugal, definitely. His work is so real, and yet depicted in a fantastic way. It’s so beautiful and elemental. And his faces are so haunting.“) geäußert hat. Natürlich gibt es auch mehrere Bezüge zu Bildern im Kates Arbeiten. Offensichtlich wird das bei The Ninth Wave, mit dem klaren Bezug zu dem gleichnamigen Werk von Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski. Das gilt auch für das Backcoverfoto, wo Kate im Wasser treibt. Eines ihrer Lieblingsbilder ist „Ophelia“ von John Everett Millais von 1852, der die Figur aus Shakespeares Hamlet in einem Fluß treibend darstellt, kurz bevor sie ertrinkt. Wie bei Ophelia von Millais treibt auch Kate in The Ninth Wave im Wasser, ist kurz vor dem Ertrinken, ist ebenfalls blumenumflort abgelichtet. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang noch ein Detail, wie das Werk entstanden ist: Elizabeth Eleanor Siddal stand Millais für die Ophelia Modell. Besser gesagt: Sie lag in einer Badewanne,  in einem gestickten Kleid. Das Bild entstand im Winter 1851/52. Um das Wasser in der Wanne warm zu halten, hatte Millais Öllampen unter der Wanne angezündet, die aber nach einiger Zeit ausgegangen sind, so dass das Wasser eiskalt wurde. Millais, der in seine Arbeit vertieft war, hatte das nicht mitbekommen und Siddal nahm ihre Rolle als Modell so ernst, dass sie nichts sagte und ernstlich an einer Lungenentzündung erkrankte. Eine erstaunliche Parallele zu den Video-Aufnahmen von Kate für „And Dream Of Sheep“ in dem Wassertank der Pinewood-Studios, wo sie sich ob der Kälte des Wassers eine Unterkühlung zuzog und anschließend pausieren musste. Der Fluß in gregory400boromirdem Millais Ophelia-Bild befindet sich unweit von London und heißt Hogsmill. Viele Jahre zuvor hatte Kate bereits ein Bild erstanden, das „The Hogsmill Ophelia“ heißt und die Ophelia von Millais in die Neuzeit verfrachtet und dementsprechend in einem verdreckten und verseuchten Fluss zeigt, wie sie gerade an einem Abflussrohr vorbeitreibt. „Bilder mit grotesker Schönheit und traurigem Humor üben auf mich eine besondere Faszination aus“, hat Kate – bezogen auf dieses Werk – 1990 in einem Interview erzählt. Gar nicht grotesk sind hingegen die Bezüge 20 Jahre später auf dem Album Aerial, wo der Maler musikalisch in A Sky Of Honey eine Hauptrolle zugewiesen bekommt und wir im Booklet eine gregory-kate400spiegelverkehrte und um den Schriftzug „Aerial“ ergänzte Version des Bildes „Fisherman and Boat“ von Joseph Edward Southall von 1920 sehen und uns noch auf der Rückseite das Werk „Lesson Time“ von Frederick Cayley Robinson von 1921 präsentiert wird. Interessanterweise gibt es im Booklet von Aerial auf das zweite Werk keinen Verweis, auch keinen Copyright-Verweis, was den Schluss nahe legen könnte, dass sie eventuell in Besitz dieses Bildes ist. Die Vorliebe für groteske Schönheit kommt dann eher wieder bei zwei Bildern von Paul Raymond Gregory durch, die Kate erworben hat. Gregory selbst hat erzählt, dass Kate das von Tolkien inspirierte Werk „The Fall of Boromir“ von ihm erworben hat. Das war bereits 1982. Zu ihrem 30. Geburtstag erhielt er dann eine Einladung und sie erwarb kurze Zeit später Ende der 1980er Jahre das Bild „The Anduin“ von Gregory. „The Fall Of Boromir“ blieb allerdings nicht im Besitz von Kate. Sie verkaufte es im Jahr 2006 an Peter Nahum, der in den 80ern für Sotheby’s gearbeitet hatte und seitdem als Förderer von Gregory gilt und später in Leicester eine eigene Galerie eröffnete. Gregory schreibt dazu: “Kate also owned the The Fall of Boromir from my Tolkien series, this was later purchased by the Leicester Galleries to rejoin the collection.” Bei “rejoin the collection” könnte der Bogen zu Philip Pullman wieder geschlagen sein. Denkbar ist es jedenfalls, dass sie damit genau diese Tolkien-Bilder von Gregory meinte, „die die seltsame Eigenschaft haben, einander wieder zu finden, wenn eines von ihnen verkauft oder verschenkt wird“. Gregory hat übrigens nach „The Anduin“ ein Stilleben kreiert, bei dem er ein Originalautogramm von Kate mit Kartenmaterial aus dem Tolkien-Universum kombiniert hat. Das Original hat er verkauft, aber es gibt einen auf 300 Exemplare limitierten und von ihm handsignierten Nachdruck, der für 160 englische Pfund über seinen Shop hier zu haben ist. (Mit bestem Dank an Beate für die Unterstützung.)

gregory5Die Bilder von oben: „Fisherman and Boat“ von Joseph Edward Southall von 1920; „Ophelia“ von John Everett Millais; „The Hogsmill Ophelia“; „The Fall Of Boromir“, Kate Bush Print, „The Anduin“ – alle von Paul Raymond Gregory.

Feb 23

Die And so is Love-Promo aus Kanada

allweeverlookforand-so-is-love-kanada-promo-maxi-cd-aKanada ist ja bekannt dafür, alles anders zu machen – denkt man an die „Hounds Of Love“-LP in Pink oder die 12″ Maxi mit anderer Titel-Zusammenstellung. Auch hier hat man alles richtig gemacht. Das offizielle Cover zu „And so is Love“ hat mir nie richtig gefallen, das Bild war mir zu düster und ich hatte keinen Bezug dazu. Was hat es mit dem Text zu tun? Was soll es uns sagen? Das Bild der Kanadischen Promo gefällt mir viel besser und man hätte es als Standard-Cover benutzen sollen. Eines der schönsten Kate Bush-Bilder, was auch als Promo-Poster für „The Red Shoes“ benutzt wurde. Die Promo ist extrem limitiert und sehr selten zu finden. Schlagt zu, wenn ihr eine findet und rechnet mit mindestens 100 Euro! Happy hunting! Michael Guth

Feb 18

Das Song-ABC: Deeper Understanding

abc„Deeper Understanding“ ist eines meiner Lieblingslieder. Ich bin bei jedem Wiederhören vom Inhalt und der musikalischen Gestaltung fasziniert. Es ist ein sehr eindringliches und melancholisches Lied über die Wechselbeziehung von Mensch und Computer. Dies war für die Entstehungszeit – 1989 – sehr prophetisch, wenn man bedenkt, dass sich das Internet erst ab dieser Zeit verbreitete. In meiner Analyse beziehe ich mich hauptsächlich auf diese Fassung (Unterschiede zur Fassung von „Director’s Cut“ aus dem Jahr 2011 betrachte ich zum Schluss).
deeper_400Die bekanntesten Interpretationen des Liedes in der Fassung von 1989 lassen wichtige Aspekte aus. Sie gehen nach meinem Empfinden von der Jetztzeit aus, in der Computersucht ein überall diskutiertes Thema ist und beschränken sich zu sehr auf diese Thematik. Graeme Thomson [1] z.B. meint, es geht in diesem Song um die Besessenheit vom Computer und das Lied zeige, wie dies „Gemeinschaften und Familien unterminieren kann, so dass die Protagonistin völlig isoliert ist und schließlich bei der Maschine Trost und Interaktion sucht.“ Die ersten Zeilen des Songs [2] legen das auch nahe („As the people here grow colder / I turn to my computer / And spend my evenings with it / Like a friend“) und wenn man hier mit dem tieferen Nachdenken aufhört, dann ist diese Schlussfolgerung naheliegend.
Es ist aber eher umgekehrt: Nicht der Computer führt in die Einsamkeit, Einsamkeit treibt zum Computer – und dort findet sich etwas ganz Unerwartetes. Es gibt von Kate Bush klare Aussagen, wie sie das Lied gemeint hat.
„This is about people… well, about the modern situation, where more and more people are having less contact with human beings. We spend all day with machines; all night with machines.  You know, all day, you’re on the phone, all night you’re watching telly. […] It’s like this long chain of machines that actually stop you going out into the world. It’s like more and more humans are becoming isolated and contained in their homes. And this is the idea of someone who spends all their time with their computer and, like a lot of people, they spend an obsessive amount of time with their computer. People really build up heavy relationships with their computers!“ [3]
Das Hauptthema ist also nicht das „Unterminieren von Gemeinschaften und Familien“ [1]. Es geht darum, dass wir so eng und intensiv mit Computern interagieren, dass wir eine intime Beziehung zu ihnen aufbauen. Es geht um Vereinsamung, Kommunikation und Errettung. Die Protagonistin hat nur die BlackBox ihres Computers zum Freund [4]. Graeme Thomson meint zutreffend, es sei „gleichzeitig seltsam berührend, wie sie sich in ihrem trüben und einsamen Leben nach emotionaler Zuwendung sehnt“ [1]. Der Song ist wohl nicht direkt autobiographisch, „aber einige der hier dargestellten Empfindungen kannte sie vielleicht aus eigener Erfahrung, spätestens aus der Zeit, in der sie, begleitet allein vom Fairlight CMI, an den schwierigen Passagen dieser Platte gearbeitet hatte“ [4].
„And this person sees an ad in a magazine for a new program: a special program that’s for lonely people, lost people. So this buff sends off for it, gets it, puts it in their computer and then like <pyoong!>, it turns into this big voice that’s saying to them, „Look, I know that you’re not very happy, and I can offer you love: I’m her to love you. I love you!“ And it’s the idea of a divine energy coming through the least expected thing“ [3].
Zur steinernen, trostlosen, leeren Welt kommt das Leben dazu, das Weben der Natur. Das Angesicht Gottes wird gesehen durch das unerwartetste Medium. Eine sich hinter dem Computer verbergende Wesenheit bekommt eine Stimme – es sind in der Fassung von 1989 die unirdischen Stimmen des Trio Bulgarka [1]. Der Song war fast schon komplett, als die Arbeit mit dem Trio Bulgarka begann [4]. Absicht war, dass die Musik hier fast nach Engelsstimmen klingt, sehr ätherisch und tiefreligiös und gar nicht mechanisch. Die Musik des Trios hat etwas Uraltes und Tiefgründiges [4]. Das verleiht „diesem Song über Entfremdung eine spirituelle, übersinnliche Dimension“ du_still_1[1]. „When I was working on Deeper Understanding, the idea was that the verses were the person and the choruses were the computer talking to the person. I wanted this sound that would almost be like the voice of angels: something very ethereal, something deeply religious, rather than a mechanical thing. And we went through so many different processes, trying vocoders, lots of ways of affecting the voice, and eventually it led to the Trio Bulgarka“ [5]. Die Zusammenarbeit mit dem Trio muss sehr spannend gewesen sein. Kate und das Trio hatten keine gemeinsame sprachliche Basis und Kate Bush hatte keinen Anhaltspunkt, was sie eigentlich sangen. Das Trio wurde laut Graeme Thomson gebeten, das Gefühl der Verzweiflung zu vermitteln, denn das „fügt sich perfekt in einen Song, in dem Mensch und Maschine sich zwar nicht verstehen, aber dennoch auf anderer Ebene zueinanderfinden, was, bei aller Unwahrscheinlichkeit, auf eine gewisse Art trostreich sein mag“ [1]. Dies ist für mich ein weiteres Indiz, dass Thomson diesen Song missversteht. Zu diesem „Gefühl der Verzweiflung“ findet sich nirgendwo etwas in den Interviews – es passt auch nicht zu Kates Aussagen. Ich persönlich höre hier auch beim besten Willen nichts von Verzweiflung (ich tue mich aber schwer, das vermittelte Gefühl zu beschreiben – Spiritualität?). Ich meine eher, dass hier zwei Wesen mit unterschiedlicher Sprache aufeinandertreffen. Ein Außenstehender kann nicht verstehen, was hier passiert und auf welche Weise das passiert. Da ist eine Art von göttlicher Magie im Spiel und dazu passen diese Stimmen ganz genau.
„For me, when I think of computers, it’s such a cold contact and yet, at the same time, I really believe that computers could be a tremendous way for us to look at ourselves in a very spiritual way because I think computers could teach us more about ourselves than we’ve been able to look at, so far. I think there’s a large part of us that is like a computer. I think in some ways, there’s a lot of natural processes that are like programs… do you know what I mean? And I think that, more and more, the more we get into computers and science like that, the more we’re going to open up our spirituality“ [3].
Für Kate Bush geht es in „Deeper Understanding“ um ein tieferes und besseres Verstehen. Die Verbindung mit dem Computer öffnet unseren Geist, unser Verständnis. „And it was the idea of this that this… the last place you would expect to find love, you know, real love, is from a computer and, you know, this is almost like the voice of angels speaking to this person, saying they’ve come to save them: „Look, we’re here, we love you, we’re here to love you!“ And it’s just too much, really, because this is just a mere human being and they’re being sucked into the machine and they have to be rescued from it. And all they want is that, because this is ‚real‘ contact“ [3].
Wie so oft in den Songs von Kate Bush fallen helle und dunkle Themen zusammen und lassen sich nicht trennen. du_still_2Dieser Kontakt mit etwas Überirdischem überlastet den normalen menschlichen Verstand. „But it’s so intense it’s too much for them to take, and they actually have to be rescued from just being killed with love, I suppose“ [6].
Die Inspiration kam wie so oft bei Kate Bush aus Fernsehen oder Film: „I suppose one inspiration was a program I saw last year about a scientist called Stephen Hawking who for years had been studying the universe, and his concepts are like the closest we’ve ever come to understanding the answer. But unfortunately he has a wasting-away disease, and the only way he can talk is through voice process. It was one of the most moving things I’ve ever heard. He was so close to the answers to everything, and yet his body was going on him — in some ways it was the closest I’d ever come to hearing God speak! The things he was saying were so spiritual, it was like he’d gone straight through science and come out the other end. It was like he’d gone beyond words, and I do think that there is this possibility with computers that we really could learn about ourselves on levels that could take us into much deeper areas“ [7].
Der Astrophysiker Stephen Hawking kann sich nur durch eine Sprachkonsole verständigen. Weisheit spricht durch einen Computer. Alle Aussagen von Kate Bush sprechen dafür, dass es nicht um die Vereinsamung von Menschen durch den Kontakt mit Computern geht. Es geht darum, dass Personen auf eine ganz unerwartete Weise und durch nicht erwartete Kanäle Kontakt mit dem Göttlichen bekommen können. Dabei bewegt sich das Lied auf einem schmalen Grad. Vereinsamung und Computersucht auf der einen Seite und göttliche Inspiration auf der anderen Seite – beides spielt hinein, in beide Richtungen kann der Song interpretiert werden. Für mich überwiegt in der Fassung 1989 die spirituelle Seite, weil sich die Komponistin ganz klar in diese Richtung geäußert hat.
Die musikalische Gestaltung unterstützt dies alles perfekt und einfühlsam. Die erste Strophe beschreibt die Situation der Protagonistin. Der Computer wird als Freund in einer einsamen Welt gesehen. „As the people here grow colder / I turn to my computer / And spend my evenings with it / Like a friend“. In diese Vereinsamung und Abkapselung bricht die Verheißung des Computermagazins hinein: „Are you lonely are you lost / This voice console is a must.“. Dazu ist leise so etwas wie ein düsterer Chor zu hören, es klingt wie ein bedrohliches Rauschen. Soll dies andeuten, dass es im Hintergrund der Welt etwas Anderes geben könnte, etwas Geheimnisvolles?
Nach dem „Execute“ kommen die „bleeps“ eines typischen Einwahltons. Danach wechselt die Perspektive von der Protagonistin (in der Strophe, gesungen von Kate Kate Bush) zur Sprachkonsole (im Chorus, ebenfalls gesungen von Kate Bush) [2]. Der Grundrhythmus aus der Strophe zieht sich weiter, er wird aber ruhiger und tänzerischer. Ein Hauch von Leben kehrt in die starre Welt ein. Zur Stimme im Chorus kommt im Hintergrund der Gesang des Trio Bulgarka dazu, wie ein fernes Echo. Die Sprachkonsole klingt menschlich, aber unwirklich, wie ein Chor von Stimmen. „Hello, I know that you’ve been feeling tired. / I bring you love and deeper understanding. / Hello, I know that you’re unhappy. / I bring you love and deeper understanding.“  Zu dieser Botschaft der Sprachkonsole bilden die Stimmen des Trios mit ihrem unverständlichen Text einen geheimnisvollen Hintergrund; das sind die Stimmen aus der göttlichen Welt, das ist die Verheißung, dass Liebe und Wissen möglich ist. Die Melodik des Trios ist mikrotonal, melismatisch, fremdartig für an Popmusik gewöhnte Ohren. Es ist definitiv eine andersartige, musikalische Welt [4]. Der kalten Computerwelt („bleeps“) wird die Wärme der Trio-Stimmen gegenübergestellt. Technologie in ihren verschiedenen Facetten und Formen wird so ohne ein Wort charakterisiert [4].
In der zweiten Strophe (das ist die Situation nach diesem ersten Kontakt) wird die Melodie bewegter, fast etwas aufgeregt wird die Stimme der Protagonistin durch die Instrumente umspielt. In dieser Strophe tritt aber auch die Überlastung des Menschen durch diesen Kontakt zutage. „Well I’ve never felt such pleasure. / Nothing else seemed to matter.“  Im zweiten Chorus sind die Stimmen des Trio Bulgarka näher zu hören. Der Kontakt ist tiefer, intensiver und vertrauter geworden.
du_still_4In der instrumentalen Überleitung zur Coda nimmt die Stimme der Sprachkonsole die Melismatik der göttlichen Stimmen auf. Die Sprachkonsole ist eindeutig so die Botschafterin, die Vermittlerin.
In der Coda nach dem „I turned to my computer like a friend“ sind wieder die Einwahltöne zu hören, dann kommt die Solistin des Trio Bulgarka dazu. Sie ist nun im Vordergrund zu hören. Die Kommunikation ist jetzt ganz nah. Sie ist nun persönlich, jetzt ist es eine deutlich vernehmbare, einzelne Stimme. Die Melodie ist noch verzierter und fremdartiger als vorher. Unbekannte, faszinierende Welten tun sich auf durch diesen Kontakt. Zum Schluss gibt es nach dem „Give me deeper understanding“ noch eine Steigerung der Emotionalität. Leise klingt der Trommelrhythmus aus. Nun singt das Trio Bulgarka im Hintergrund eine etwas andere Melodie, die sich mit dem Rhythmus vereinigt – die Synthese ist geschafft. Das Trio Bulgarka tritt immer deutlicher hervor und ist zum Schluss ganz nah. Die Welten werden eins, der Ausgang der Geschichte ist ungewiss.

Die Strophen des Songs sind in d-Moll geschrieben. Im Chorus wechselt die Harmonik langsam in die Paralleltonart F-Dur, wobei insbesondere F-Dur-Akkorde zu „Hello“ und „Love“ erklingen. In der Coda vermischen sich dann d-Moll (die Welt der Protagonistin) und F-Dur (die Gegenwelt des Computers) untrennbar miteinander [2].
Wie so oft bei Kate Bush passen die Tonarten erschreckend genau zu den vermittelten Inhalten und Botschaften.
„Etwas mit Grab und Tod, mit dem Starren, Steinernen der Gruft oder dem Mineralischen der Erde hat die d-Moll-Tonart da, wo sie uns voll-ausdrucksvoll entgegentritt, zu tun“ [8]. Es ist eine Welt, „die vom Sonnenhaften des Lebendigen noch nicht durchleuchtet ist“. F-Dur dagegen ist die Naturtonart, sie hat eine Beziehung zu dem alles Natürliche durchwebenden und durchlebendem „Ätherischen“ und „Elementarischen“ . Das „Urtönen und Naturtönen der Welt selbst fängt sich in ihr“. Der intime Grundton aller Naturgeräusche, das Rieseln des Baches, das Säuseln des Windes, liegen diesem F oder F-Dur zugrunde. Es ist ebenfalls eine „fromme, religiöse Tonart“. Nach Beckh liegen d-Moll und F-Dur nah beieinander, „wenn wir von dem Naturhaften dieses Lebendig-Webende in Abzug bringen“ [8].
Auch in den Tonarten bricht der Kontakt mit einer göttlichen, spirituellen Welt wie ein Sonnenstrahl hinein in eine tote, kalte, technische Welt. Kate Bush drückt es selbst so aus – und dem ist fast nichts hinzuzufügen: „With my music, I like to combine both the old and the new, the high tech and the compassion from the human element, the combination of synths and acoustic instruments“ [7]

Zur Fassung von „Deeper Understanding“ aus dem Album „Director’s Cut“ von 2011 will ich weniger Worte verlieren, da mir diese Fassung nicht so gefällt. Kate Bush hat das Lied einer Revision mit zwanzig Jahren Abstand unterzogen. Computer werden nun ganz anders gesehen, sie sind ein Teil des Lebens. Die Sucht des „Always on“ und die Vereinsamung sind nun reale Themen. Möglicherweise hat Kate Bush daher nun das Pendel zur anderen Seite ausschlagen lassen. Auch das Video dazu tendiert in diese Richtung – die Verbindung mit dieser „Wesenheit“ hinter dem Tor in die Computerwelt wird als bedrohlich dargestellt (u.a. wird das „sucked into the machine“ [3] visualisiert). Die Sprachkonsole ist nun eine verzerrte Conputerstimme, die nichts mehr von Verlockung in sich hat. Wohl weil mir die Originalfassung so gut gefällt, fühlt sich das für mich falsch an. Es zerstört für mich die Stimmung des Liedes. Nur in der Coda ist kurz ganz weit weg die Solo-Stimme des Trio Bulgarka zu hören. Die Mystik tritt dadurch sehr in den Hintergrund, das Lied ist auf den kalten, technischen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Fassung endet jazzartig, wie live gesungen – das weist hingegen in die Zukunft. Vielleicht ist mein Urteil über diese Fassung so hart, weil ich die Ursprungsfassung in mein Herz geschlossen habe. Es wäre interessant, wie Personen das im Vergleich empfinden, die beide Fassungen zum ersten Mal hören.  (© Achim/aHAJ)

[1] Graeme Thomson: „Kate Bush. Under the ivy“. 2013. Bosworth Music GmbH. S.213 S.309
[2] Kate Bush: The sensual world (Songbook). London 1990. EMI Music Publishing Ltd. S.32ff
[3] Roger Scott: Radio One Interview. 14.10.1989
[4] Rob Jovanovic: „Kate Bush. Die Biographie“. 2006. Koch International GmbH/Hannibal. Höfen. S. 173-174
[5] Steve Sutherland: „The Language of Love“.  Melody Maker. 21.10.1989
[6] N.N.: Interview WFNX Boston. Herbst 1989
[7] Will Johnson: „A Slowly Blooming English Rose“.  Pulse. Dezember 1989
[8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.149-152 (F-Dur) und S.155-157 (d-Moll)

Feb 13

Kate lässt Vinyl an der Müritz produzieren

Foto: Ole Steindorf

Foto: Ole Steindorf

Foto: Ole Steindorf

Foto: Ole Steindorf

Vinyl ist das schwarze Gold des Musikliebhabers. Wobei die Zeiten längst vorbei sind, in denen Platten ausschließlich schwarz sein müssen. Kate ist dem Vinyl stets treu geblieben. Als die CD zu Beginn der 1980er Jahre auf den Markt kam, verdrängte sie das Vinyl mehr und mehr – auch wenn es immerhin noch bis 1989 dauerte, bis erstmals mehr CDs als LPs und Singles verkauft wurden. Kate veröffentlichte unbeirrt weiter Vinyl. Wer dem Trend damals nicht folgte und 1993 die „The Red Shoes“ auf Vinyl kaufte, könnte sie heute locker für 150 bis 200 Euro verkaufen. Das 2005er Doppel-Album „Aerial“ geht sogar zu noch höheren Preisen über den Tisch. Dass Kate den analogen Klang bevorzugt, ist bekannt. Also sind auch alle Alben von ihr aus diesem Jahrzehnt („Director’s Cut“, „50 Words for Snow“ und „Before the Dawn“) jeweils auf Vinyl erschienen. Alle drei Produktionen haben etwas verblüffendes gemeinsam: sie wurden in Deutschland gepresst, und zwar bei der optimal media GmbH in Röbel an der Müritz, knapp 150 Kilometer von Berlin. Optimal Media ist ein Tochterunternehmen der Edel AG, die als größtes Indepent-Label in Europa gilt. Das Presswerk in Röbel nahm Ende 1991 den Betrieb auf und produzierte zunächst nur CDs. „Im Herbst 1995 haben wir mit der Vinylproduktion begonnen. In den ersten Monaten wurden ca. 60.000 Schallplatten je Monat produziert, dass schaffen wir heute mindestens in 24 Stunden.

Foto: Michael Lange

Foto: Michael Lange

„Über die Jahre wurde bei optimal media konstant Vinyl gefertigt. Ende 2012 begann die Nachfrage zur Vinylfertigung weltweit rasant anzusteigen. Aus dem Grund haben wir im Jahr 2013 einen zweiten, komplett neuen Bereich für die Vinyl-Replikation aufgebaut und die Kapazitäten in Mastering, Galvanik und im Schneidstudio erweitert“, erzählt Petra Funk, beim Unternehmen für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. 24 Millionen VInyl-Schallplatten werden aktuell im Jahr produziert. Vor zwei Jahren waren es noch 16 Millionen. Ein Plus von 50 Prozent in nur zwei Jahren: Von solch einem rasanten Umsatzplus können andere Branchen nur träumen. Eines der Probleme in der Vinyl-Produktion: Es gibt keine neuen Maschinen. „Nach wie vor arbeiten die Presswerke und auch wir mit Maschinen der alten Generation. In erster Linie sind das Pressautomaten der schwedischen Marke Toolex Alpha. Jedoch gibt es seit einiger Zeit Bestrebungen weltweit, Pressautomaten neu oder nachzubauen. So wurden zum Beispiel von der Firma newbuilt neue Pressen vorgestellt, die jedoch nur im Handbetrieb funktionieren.
Voll automatisch arbeitende Pressen sollen von einem Hersteller in Kanada (vor allem für den amerikanischen Markt) in nächster Zeit angeboten werden. Und es gibt eine kleine Firma in Schweden, die die Automaten auf Basis der Toolex Alpha Technologie nachbaut. Zwei solcher Automaten gibt es bereits, einer davon ist seit Ende 2016 bei uns im Einsatz“, erklärt Petra Funk. Ganz abgesehen davon, dass es natürlich auch der entsprechenden technischen Infrastruktur und einer funktionierenden Galvanik bedarf.
Produziert wird für die großen Major-Label genauso, wie für kleinere oder Indy-Labels aus der ganzen Welt. Petra Funk: „In der Regel erhalten wir eine Anfrage zur Produktion und erstellen dazu ein Angebot. Entscheidet sich der Kunde bei uns zu fertigen, werden dann entweder die Musikdaten angeliefert und wir nehmen in unserem Schneidstudio den DMM- oder Lackschnitt vor. Oder der Kunde lässt in einem anderen Schneidstudio den Schnitt erstellen und schickt diesen dann zu uns. Dann geht es weiter mit dem Fertigungsprozess über Galvanik, Pressung und Qualitätskontrolle. Parallel dazu stellen wir auch die Etiketten sowie einen großen Teil der Innentaschen und Cover selbst her, bis hin zur Konfektionierung und schließlich dem Versand.“ Die Musikdaten werden ganz unromantisch meist via Datenübertragen angeliefert. Details, wie das speziell bei den Alben von Kate Bush funktioniert, rückt das Unternehmen natürlich nicht heraus („Wir behandeln diese Informationen vertraulich.“), aber klar ist, dass bei aufwändigeren Produktionen auch der Austausch intensiver ist.
btdvinylbox400Petra Funk: „Wir sind insbesondere auch Spezialist für die Herstellung von Boxproduktionen, besonderen Editionen usw. Hier gibt es vor und im Laufe der Produktion natürlich regelmäßig Abstimmungen mit dem Kunden, sei es für die Pressung (zum Beispiel Erstellen von Testpressungen) oder zur Freigabe der Druckdaten. Mitunter ist ein Grafiker vor Ort und begleitet den Andruck oder es kommt ein Beauftragter zum Abhören und Freigeben einer Testpressung. In der Regel werden Testpressungen, so der Kunde sie wünscht, und Andrucke an den Kunden zur Freigabe geschickt.“ Das klingt zumindest ganz nach Kate und es klingt vor allem nach dem aktuellen 4LP-Set von Before the dawn. Eine bittere Wahrheit muss man als Kate-Fan allerdings noch verdauen: Mit den Pressmatritzen kann man in der Regel um die 5000 LPs produzieren, bevor sie verschleißen. Gut erhaltene Matrizen, die sogenannten Stamper, werden archiviert, abgenutzte leider entsorgt. „Wir archivieren jedoch die ‚Mütter‘ und können dann davon bei Bedarf neue Matrizen erstellen“, erzählt Petra Funk. Damit wäre der Nachschub an Vinyl von Kate in den kommenden Jahren zumindest für die letzten drei Alben gesichert.

Feb 08

Show a little devotion: Michael

saldKate-Fans sind treu, hingebungsvoll, geduldig und vor allem in die Musik von Kate verliebt. Im Kate-Fragebogen “Show a little devotion” gibt es für Kate-Fans immer die selben zwölf Fragen… mit den unterschiedlichsten Antworten…Heute von Michael, der ausrücklich drauf hinweist, dass die Beantwortung der Fragen schwanken kann – abhängig von Jahreszeit, Stimmung und Lebensumstand:
michael-devotionMit welchem Kate-Song wachst Du am liebsten morgens auf?
Mit „The Morning Fog“. Bietet sich doch an, oder?

Welche von Kate besungene Figur wärst Du gerne?
Ich denke, ich identifiziere mich nicht mit einer Figur, die von Kate besungen wird. Eher identifiziere ich mich mit einem ganzen Lied. Das schwankte früher zwischen “Never be mine” und “Kashka from Bagdad”. Heute ist es eher “Sunset”.

Wie lautet Deine liebste Textzeile von Kate?
„And it’s not easy for me to give away a secret. It’s not safe.” Obwohl ich von mir behaupte, ein recht extrovertierter Typ zu sein, gibt und gab es immer wieder Dinge in meinem Leben, die ich für mich behalte, für mich behalten will, seien es Gefühle, Erlebnisse, was auch immer.

Welchen Kate-Song singst Du unter der Dusche?
DAS will keiner hören 😉
Ich glaube ich singe niemals Kate-Songs. Außer beim Warten in der Schlange vor dem Kate-Konzert im September 2014, da musste ich einfach “Moving” intonieren, als es endlich weiterging.

Mit welchem Song von Kate verbindest Du ein besonderes Erlebnis?
Mit dem Lied „The man with the child in his eyes“. Dieses Lied sorgte dafür, dass ich meinen geliebten Mann kennengelernt habe, mit dem ich nun schon 17 Jahre zusammen bin. Ist eine längere Geschichte, aber ich glaube, das gehört nicht hierher.

Welchen Song von Kate hörst Du, wenn Du verliebt bist?
Siehe oben. Wobei da auch „Running up that hill“ dazugehört: Mein Mann und ich waren frisch zusammen und waren auf einer schwulen Party, da lief dieser Song. Wir tanzten zusammen auf der Tanzfläche, selbstvergessen. Es war wunderbar.

Welcher Song-Titel von Kate beschreibt Dich am besten?
Auch hier fällt es mir schwer, einen Titel zu benennen. Ich würde mich in “An Architect’s Dream” sehen, was mit meinem großen Hobby, der Fotografie, zu tun hat.

Welches Album von Kate magst Du am liebsten?
„Natürlich“ das Album „Hounds of Love“.  Aber eigentlich mag ich sie alle, es ist schwierig, mich für DAS Album zu entscheiden. Wobei die “Director’s Cut” nicht als eigenständiges Album ansehen würde.

Welcher Song hat Deine Begeisterung für Kate geweckt?
Das war “Cloudbusting”. Frühere Stücke (Wuthering Heights, Babooshka etc.) hatte ich zwar immer wieder mal wahrgenommen, aber ich weiß noch genau wie heute, wie ich, damals frischer Student, das Video zu Cloudbusting sah. Da war’s um, sie hatte mich ganz und gar.

Was macht für Dich Kate so besonders?
DAS ist eine gute Frage. Warum ausgerechnet Kate Bush? Und warum mache ich so einen “Kult” um die Frau? Es gibt noch andere Tonkünstler, die ich sehr schätze, aber die Verehrung zu diesen ist fern von der zu Kate. Vielleicht, weil sie seit 1986 in vielen Lagen und Stimmungen (durch ihre Lieder) mein Leben begleitet?

Was würdest Du Dir für das nächste Album von Kate wünschen?
Ich wünsche mir zunächst einmal, dass es ein weiteres Album gibt. Falls es dieses geben wird, wünsche ich mir, dass sie die Qualität weiterhin hält, dass sie wieder einen solchen Zauber wie auf der “Aerial” erzeugt. Mehr verlange ich eigentlich gar nicht.

Welcher Song von Kate soll einmal auf Deiner Beerdigung gespielt werden?
Eigentlich wollte ich immer den zweiten Satz aus Beethovens 7. Sinfonie zu meiner Beerdigung. Aber eigentlich brauche ich da gar kein “Gedöns”. Beerdigungen sind was furchtbares für alle Beteiligten. Aber wenn, dann “Sunset”. Das sprüht so von Lebensfreude, damit die Trauergemeinde beschwingt nach Hause gehen kann …

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