Apr 22 2018

The Dreaming: Zehn Blicke auf fremde Welten (3)

Die Analyse des Albums ist natürlich nicht vollständig, wenn nicht auf die Songs eingegangen wird. „The Dreaming“ beginnt mit „Sat in your lap“, das vor der eigentlichen Arbeit am Album entstanden war und als recht erfolgreiche Single die Zeit zwischen den Alben überbrückte. Die Anklänge an Stammesrhythmen sind hier besonders deutlich (hier zeigt sich der erste Einfluss der Zusammenarbeit mit Peter Gabriel und des dort entwickelten Schlagzeugsounds). Die Arbeit an dieser Single und die Integration der neuen Sounds war für Kate Bush wie eine Initialzündung [8]: „I felt as if my writing needed some kind of shock, and I think I’ve found one for myself. The single is the start, and I’m trying to be brave about the rest of it. It’s almost as if I’m going for commercial-type ‚hits‘ for the whole album.“ Der letzte Satz klingt bei Kenntnis des ganzen Albums etwas merkwürdig – aber wer weiß, was Kate Bush in ihrem Herzen für kommerziell hält … In diesem Song geht es [2] um die Erkenntnis, es geht um das Streben nach spirituellem Fortschritt. „Ist Erkenntnis etwas Angeborenes, Instinktives, Sexuelles […], oder kann man sie nur durch lebenslanges Suchen und Streben […] erlangen und selbst dabei möglicherweise versagen?“ [2]. Hier wird das Kernthema des ganzen Albums angesprochen, darum geht es, das hat Kate Bush mit diesem Album versucht zu beantworten. Erzählt wird auch von schöpferischer Frustration, was wohl dazugehört. „Sat in your lap“ ist von einem vorantreibenden Sog erfüllt, wilde Trommeln, hektisches Klavier und später hektische Bläser, so etwas wie Peitschentöne, Töne wie aus einem Stammesritual – Rastlosigkeit. Es ist ein Song ohne Pause. Die Gesangsstimme ist tiefer als früher, zurückgenommen, ebenfalls von Ruhelosigkeit getrieben. Manchmal gibt es fast opernhafte Töne. In einer ganz anderen Tönung Einwürfe, hoch gesungen, wie Kommentare („Some say that knowledge is something that you never have“).
There goes a tenner“ ist nach Meinung von Thomson [2] das leichteste Stück des Albums. Es ist eine tänzelnde Krimiparodie, aber mit einem düsteren Subtext. Offenbar werden Ganoven von Paranoia geplagt und geben auf, als der Tag der Umsetzung des geplanten Einbruchs gekommen ist [2]. Thomson stellt die Frage, ob dies auch ein Kommentar zu den eigenen Ängsten und Unsicherheiten bei der Produktion des Albums sein könnte. Die Ausgestaltung hat einige Besonderheiten. Der Gesang der Protagonistin ist zurückgenommen, sie singt mit einem deutlichen Akzent. Es gibt comicartige Einlagen („all my words fade“) und dunkle, tiefe, düstere Töne im Chorus („We‘re waiting“), die wie eine Ermahnung aus dem Grab klingen. Karikatur und Düsternis treffen in diesem Song zusammen – es ist ein gereiftes Echo auf das ähnliche „Coffee Homeground“ vom Album „Lionheart“.
Pull out the pin“ greift den Vietnamkrieg auf, aus der Sicht eines Vietcong. Diese fast filmische Erzählung mit ihren Urwaldgeräuschen holt den Schrecken des Krieges ganz nah heran, macht ihn mit lyrischen und musikalischen Mitteln fühlbar. Er ist ein ganz typisches Beispiel für die Arbeitsweise von Kate Bush. Eine außermusikalische Inspiration (hier eine Sendung im Fernsehen) löste einen Assoziationssturm aus. Hier geht es um etwas Existenzielles, den Kampf einer gegen einen („Just one thing in it, me or him. And I love life!“). Das „And I love life!“ wird geradezu verzweifelt herausgeschrieen, es ist der pure Überlebenswille. Dies ist eine fremdartige und dunkle Atmosphäre, die sich zum Ende hin hinter den Hubschraubergeräuschen – die an den Vietnam-Film „Apocalypse now“ erinnern – in Agonie und Tod verliert.
Suspended in gaffa“ kreist um die Suche nach Erfüllung, ist aber von Selbstzweifeln und Entfremdung durchzogen [2]. Ein schneller Walzerrhythmus (selten in der Popmusik) hetzt die tiefe Gesangsstimme durch den Song, begleitet von hohen chorischen Stimmen als Begleitung.
Leave it open“ kann wirklich als hochgradig experimenteller Song bezeichnet werden. Thomson hält ihn für einen verstörenden Song [2]. Für ihn fasst er die düstere Botschaft des Albums zusammen: „Harm is in us“. Die Stimmen in diesem Song sind verzerrt, überall umtosen einen merkwürdige Soundexperimente. Zum schon typischen Schema „tiefe Solostimme / hohe Begleitung“ kommen nun auch Männerstimmen als Begleitung hinzu („Harm is in us but power to arm“). Der etwas lang geratene letzte Chorus geht in eine Schlusssteigerung über, hier hebt der Song richtig ab und nimmt Drive auf. Merkwürdige Stimmen ergänzen nun die eigentlich positive Botschaft „leave it open“ mit einem „Say what we‘re gonna let in / We let the weirdness in“. Auch dies kann als Kommentar zum Album verstanden werden, das ja ausdrücklich das Unheimliche und die Verrücktheit hereinlässt.
Der Titelsong „The Dreaming“ wurde als Single ausgekoppelt. Es ist eine eher ungewöhnliche Single, sie hat nun so überhaupt nichts mit dem Mainstream zu tun. Inspiriert wurde Kate Bush zu diesem Song durch eine Australienreise im Jahr 1978 [2]. Der Song hat das Schicksal der Aborigines zum Thema [2], deren Land ausgebeutet wird und die selbst der zerstörerischen Kraft des Alkohols ausgesetzt sind („devils in a bottle“). Ein „knochenharter Rhythmus bildet das Gerüst des Songs“ [2]. Hier gab es eine Zusammenarbeit mit Rolf Harris, für dessen Song „Sun arise“ Kate Bush geschwärmt hatte, für sie immer noch ein Meilenstein der Weltmusik [2]. Diese Zusammenarbeit sollte sich dann über zwanzig Jahre später mit „Aerial“ fortsetzen. Der ganze Sound des Songs ist australisch inspiriert, ein Didgeridoo ertönt, es ertönen Tierlaute (Schafe?), alles ist wie Musik aus einer fremden Welt. Es erinnert mich an archaische Riten. Auch die Gesangsstimme ist merkwürdig akzentuiert, als ob Kate Bush mit einem Akzent (der Aborigines?) singen würde. Fast überirdische Passagen kommen dazu („Coming in with the golden light“), ferne Einwürfe wie Erinnerungen erklingen („See the light ram through the gaps in the land“). Es ist eine zerrissene Welt, die hier gezeigt wird.
Night of the swallow“ ist für Thomson ein wegweisendes Stück [2]: „Barocke Balladenkunst geht mit traditionellen keltischen Instrumenten eine bestechend schöne Verbindung ein.“ Diese neue und überraschende Einbeziehung von traditionellen Instrumenten und Stilformen wurde von Kate Bush auch auf späteren Alben aufgegriffen. Sie war damit eine Wegbereiterin für andere Künstler. Überraschend für mich ist der bruchlose Übergang von „The Dreaming“ zu diesen Song – hier vermischen sich Didgeridooklänge mit irischen Klängen, Australien weicht Irland, beide Songs besinnen sich auf die Tradition. „Night of the swallow“ kann am ehesten als Ballade bezeichnet werden. In der Stimmung erinnert es mich immer an „Oh england my lionheart“ vom Album „Lionheart“. Auch dort schimmert die Tradition durch die Pop-Folie.
In „All the love“ trifft ausgefeilte Technologie auf eine sehr reine, fast klassische Singstimme [2]. Der Song beklagt, wie schwer es ist, der Liebe Ausdruck zu verleihen und auf andere zuzugehen [2]. Er endet in einer Toncollage aus verschiedenen Stimmen, die auf einem Anrufbeantworter ihre Stimmen hinterlassen – aber die Protagonistin antwortet nicht. Der Song ist ruhig, melancholisch, traurig. Die Diskrepanz zwischen eigenem Anspruch und den Erwartungen der Welt ringsum werden thematisiert („They think I‘m up to something weird / And up rears the head of fear in me“).  Eine ganz zarte, hohe Knabenstimme gibt Hoffnung und Aufmunterung, wie eine himmlische Verheißung: „We needed you to love us too, we wait for your move“. Ein himmlischer Appell? Eine Aufforderung? In der Stimmung nimmt dies schon etwas von „Hello Earth“ vorweg und ich höre auch eine Vorausahnung der reinen, kristallinen Schönheit von „Snowflake“. Linien in die Zukunft werden sichtbar.
Eine faszinierende Studie über das Übernatürliche [2] ist „Houdini“. Ist Liebe stärker als der Tod? Dieser Song ist wieder eines dieser geheimnisvollen Lieder von Kate Bush, der eine ganz konkrete Begebenheit der Geschichte in einem musikalischen Moment zusammenzieht. Harry Houdini war ein amerikanischer Entfesselungs- und Zauberkünstler. Seine Ehefrau Wilhelmine Beatrice „Bess“ Rahner fungierte viele Jahre als seine Bühnenassistentin. Geschildert wird die Geschichte dieser Frau, die von der Liebe zu ihrem toten Mann besessen ist. Wieder und wieder versucht sie, ihn auch im Tode zu erreichen. So groß ist ihre Liebe, dass sie nicht aufgibt. Kann die Liebe schließlich doch den Tod besiegen? Hat die Rettung nicht in der Vergangenheit jedesmal geklappt? Liebe über den Tod hinaus – dieses Thema wurde schon in Kate Bushs erstem Hit „Wuthering Heights“ besungen. Dort kehrte Cathy zurück zu Heathcliff, hier Harry zu Bess.
Get out of my house“ ist schließlich der dämonische Abschluss des Albums. Er ist der einzige Song, der konsequent auf einen Rhythmus setzt [2]. Im Chorus wird wieder eine fast opernhafte Stimme benutzt, das ist ein sehr theatralischer Effekt („No strangers feet will enter me / I wash the panes I clean the stains away“).  Der Song ist inspiriert von Stephen Kings Roman „The Shining“ [2] bzw. wahrscheinlicher von der Verfilmung durch Stanley Kubrick. Es handelt sich vordergründig um ein vom Bösen besessenes Haus, tote Materie wird zum Leben erweckt. „Es ist die Stimme einer Frau, die in ihrem privaten Rückzugsort bedrängt wird“ – das ist die Meinung von Thomson [2]. Ist es eine Parabel auf den Starruhm? Gibt Kate Bush hier ihrem Unterbewusstsein eine Stimme? Beängstigend sind für mich die verzweifelten Schreie im Hintergrund, die immer wieder auftauchen („Get out of my house“). Die Bedrängung findet durch einen Mann statt (ein Echo auf Jack Nicholson im Film?), für mich hat das aber auch etwas von sexueller Nötigung. Eine erschreckende Vorstellung und ein verstörendes Ende des Albums.
Wie kann ich das Album zusammenfassen, wie kann ich ein Fazit ziehen? Ich will es auf eine neue Art versuchen. In Twitter ist die Zeichenlänge für einen Tweet begrenzt und das erfordert viel Kreativität in der Beschränkung. Hier kommt nun als Fazit mein Versuch, die Essenz des Albums in einem Tweet zu erfassen:

„Zehn Blicke auf fremde Welten. Gold und Düsternis, Licht und Hysterie, Traurigkeit und Liebe. Zerrissene Seelen, Himmel und Hölle treffen sich. Schönheit in der Dunkelheit, die gefährlich ist. With a kiss you‘d pass the key.“ © Achim/aHAJ

[1] Beate Meiswinkel: „35 Jahre „The Dreaming“: Pressestimmen und Impression 1982-84“.  http://morningfog.de/?p=4857. (gelesen 01.01.2018)
[2] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 230ff
[3] N.N.: The New Music. 3./4. August 1985.
[4] Robin Smith: Getting Down Under With ‪Kate Bush. Unbekannte Quelle. 1982.
[5] Kate Bush: Letter from Kate. KBC article Issue 9. Frühling 1981.
[6] Paul Simper: Dreamtime is over. Melody Maker, 16. Oktober 1982.
[7] Kate Bush: About The Dreaming. KBC article Issue 12. Oktober 1982.
[8] John Shearlaw: The Shock of the New. Record Mirror. September 1981.
[9] Kate Bush: About Hounds Of Love & Interview. KBC article Issue 17.

https://twitter.com/achimriehn/status/982841570138324992?s=21

Apr 18 2018

The Dreaming: Eine Grenzerfahrung (2)

„We let the weirdness in.“

Die Suche nach den Juwelen, nach dem perfekten Klang – es muss für alle eine Grenzerfahrung gewesen sein. Kate Bush entschuldigt sich fast etwas dafür bei ihren Mitstreitern: „Del Palmer engineered all the demos and every night he would sit up in the cramped little control room, getting different sounds for each track. He sat through hours of harmonies and takes of lead vocals, replying ‚I’m not bored‘
as many times as there were cups of tea, and nodding ‚Yeah, Kate, I think it sounds great!‘, a phrase to be echoed by Hugh, Haydn, Paul–Bless you all.“
Es ging in diesem langen Prozess nicht um die eigentliche Komposition, diese Phase war längst abgeschlossen. Die Arbeit bereitete die richtige Ausgestaltung [7]: „Now it’s all finished, I think of the beginning. Twenty demos, ten of which became the album. In these demos all the moods and sounds were captured, and all the way through the album these demos were referred to. Often the session would stop, we’d dig out the 1/4 inch tape of the track we were working on, and with the original flavour and sounds strong in our heads, the session would begin again. In many ways it would have been interesting to have used the demos as masters, they were so spontaneous.“
Nervenaufreibend, belastend, im Kampf mit den neuen Techniken, unter Zeitdruck, wechselnde Wegbegleiter, abhängig von äußeren Einflüssen, die Studiozeiten kosteten wahrscheinlich Unsummen – Kate Bush muss es gehasst haben. Sie äußert sich nicht dazu. Aber in logischer Konsequenz baute sie danach ihr eigenes Home-Studio auf, verwirklichte die Freiheit in der Arbeit.
„The Dreaming“ ist ein Album, in dem die Komponistin und Sängerin ALLES will. Es ist voller Experimente, die Beherrschung des Instrumentariums und der Visionen bedeutete eine praktisch ununterbrochene Arbeitszeit, die an die Substanz ging. Die angestrebte Vision beschrieb Kate Bush so [8]: „I want it to be experimental and quite cinematic, if that doesn’t sound too arrogant. Never For Ever was slightly cinematic, so I’ll just have to go all the way.“ Rhythmen treten stärker in den Vordergrund [9]: „Since drum machines entered my life on the third album, it’s never been the same.“ Der Gesang geht weg von der vorher vorhandenen Süße und Leichtigkeit hin zu mehr Ernst, er ist tiefer und  kräftiger, erdiger. Es gibt noch mehr Stimmfärbungen als früher, den Inhalten angepasst, die Stimme ist dabei immer unter völliger Kontrolle. „Es ist fast, als würde man Zeuge, wie ein Mädchen zur Frau wird.“ [2]
Themen des Albums sind Konflikte und Klaustrophobie, Flucht und Zerstörung, der Kampf gegen Hemmnisse und Grenzen [2]. Selbstzweifel werden in verschiedenen Songs angesprochen. Kate Bush fasst das so zusammen [3]: „I think the last album is very dark and about pain and negativity, and the way that people treat each other badly. It was a sort of cry really and I think that perhaps the biggest influence on the last album was the fact that I was producing it so I could actually do what I wanted for the first time. And then there are a lot of things we wanted to experiment with and I particulary wanted to play around with my voices, because there are a lot of different backing vocals and things like that. The different textures were important to me. I wanted to try and create pictures with the sounds by using effects.“
Auch das Einhalten einer stilistischen Grundhaltung war Kate Bush wichtig – hin zu mehr archaischen Formen, zurück zu den Wurzeln der Musik [4]: „I wanted it to be a very human, emotional album. I think we’ve come so far in making music sophisticated that we’re almost in danger of losing the roots. That’s why I think there’s been a return to tribal influences. After all, that’s where rock’n’roll came from in the first place. It’s a very ethnic album, as well, in many respects.“
Graeme Thomson fasst das alles kurz und prägnant so zusammen [2]: „Der Eindruck kaum gezügelter Hysterie in dieser Musik ist nicht allein den düsteren Inhalten der Songs zuzuschreiben, er entsteht auch aus der schieren Menge an musikalischer Information, aus einer Art klanglicher Überlastung.“
Ich teile das nur bedingt. Hysterie kommt nur in wenigen Titeln vor, klangliche Überlastung ist die Ausnahme. Die Songs sind zum großen Teil zwar reich an Informationen, an überraschenden Klangfarben, sie überfordern aber nicht (das ist vielleicht aber nur Gewöhnung). Der Kampf mit der Technik ist zu bemerken, es wird experimentiert und ausprobiert. Das klingt manchmal roh und es ist manchmal auch ein bisschen übertrieben. Kate Bush zeigt was sie kann und eine Reduktion auf das Wesentliche (die Essenz) gelingt ihr erst auf dem nächsten Album. „The Dreaming“ ist wild und ungezügelt, das ist das Schöne an ihm. Die Möglichkeiten werden ausgebreitet ohne Beschränkungen. © Achim/aHAJ

[2] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 230ff
[3] N.N.: The New Music. 3./4. August 1985.
[4] Robin Smith: Getting Down Under With ‪Kate Bush. Unbekannte Quelle. 1982.
[7] Kate Bush: About The Dreaming. KBC article Issue 12. Oktober 1982.
[8] John Shearlaw: The Shock of the New. Record Mirror. September 1981.
[9] Kate Bush: About Hounds Of Love & Interview. KBC article Issue 17.

Apr 14 2018

The Dreaming: Alles musste sich ändern (1)

Eine Analyse zum Album „The Dreaming“ zu schreiben ist eine Herausforderung. Was kann noch geschrieben werden, was über die bereits existierenden Reviews hinausgeht? Beate Meiswinkel zum Beispiel hat in ihrem wunderbaren Rückblick für diese Webseite [1] alle wesentlichen Punkte zusammengefasst. Was also noch? Ich möchte mich darauf beschränken,  Informationen zur Entstehung zu geben, gefolgt von einem Versuch der Einschätzung und Einordnung. Nun gut – das wird trotzdem nicht kurz werden.
Zur Entstehungsgeschichte findet sich eine gute Zusammenfassung in der Biographie von Graeme Thomson [2]. Kate Bush fühlte sich offenbar zunehmend eingeengt durch die Art, in der die ersten drei Alben entstanden waren. Unzufriedenheit ist auch zu spüren über die Art, wie sie früher gesungen hat, Selbstzweifel waren da. Es fehlte zudem bisher aus ihrer Sicht die Fähigkeit, durch die Stimme die „Wahrheit“ auszudrücken [3]: „I think my writing and my voice have continually tried to get better, to be able to do something I actually like. And it’s very frustrating when you are writing songs and singing them, and you’re not enjoying what’s coming back. So hopefully, y’know, it will be become more pleasurable for me, the actual process, because it is painful to listen to things that sound awful, when you really wanted them to sound good.“
Ein grundsätzlicher Wechsel musste her, eine Weiterentwicklung, ein Abbiegen vor einer möglichen Sackgasse: „I couldn’t go on forever as the little girl with the ‚hee-hee‘ squeaky voice“ [4]. Eingeengt fühlte sie sich offenbar auch immer mehr dadurch, dass sie nicht die volle Kontrolle über ihre Musik hatte, auch dies änderte sich mit diesem Album [3]: „[…] and I think that perhaps the biggest influence on the last album was the fact that I was producing it so I could actually do what I wanted for the first time.“
Kate Bush befand sich also an einem aus ihrer Sicht kritischen Punkt ihrer Karriere. Alles musste sich ändern.
Einen wichtigen Anstoß gab die Zusammenarbeit mit Peter Gabriel. Kate Bush war während der Aufnahmesessions für Gabriels drittes Soloalbum dabei (sie arbeitete als Backgroundsängerin mit), in denen auch der charakteristische Drum-Sound für „In the air tonight“ von Phil Collins entwickelt wurde. Kate Bush gab selbst dazu ein paar Andeutungen [5]: „It’s great to hear some really good music coming back. Wasn’t ‪Phil Collins’s In the Air a masterpiece? Well, while I’m trying to organise some tracks to record, I hope you will be having a positive March forward.“. Die Teilnahme an diesem Prozess und der Einblick in die neuen technischen Möglichkeiten war für Kate Bush eine erregende Erfahrung [6]: „Seeing Peter working in the Town House Studio, especially with the engineers he had, it was the nearest thing I’d heard to real guts for a long long time. I mean, I’m not into rhythm boxes – they’re very useful to write with but I don’t think they’re good sounds for a finished record – and that was what was so exciting because the drums had so much power.“
Diese elektrisierenden Erfahrungen führten schnell zur Zusammenarbeit mit dem Toningenieur Hugh Padgham, der diesen Sound mit entwickelt hatte. Das erste Ergebnis war die Single „Sat in your lap“, die dann später auch auf dem Album erschien.
Die weitere Entwicklung des Albums scheint ein quälender Prozess gewesen zu sein. Kate Bush selbst gibt in [7] Einblicke, welche die Probleme zart andeuten (die folgenden Zitate sind aus diesem Bericht). Mit Hugh Padgham wurden die Titel „Get Out of My House“ und „Leave It Open“ aufgenommen. Padgham war noch in weitere Produktionen eingebunden („[…] however, Hugh was too busy to continue […]“), weiter ging es im Sommer 1981 mit Nick Launay („Houdini“, „All the Love“, „There Goes a Tenner“, „The Dreaming“ und „Suspended in Gaffa“). Die Aufnahmen fanden im Studio „The Townhouse“ statt und müssen wieder intensiv gewesen sein („We were working through the warm summer last year, and much dedication was required from all to stay in the studio all day without succumbing to the sun.“). Auch hier lief die Zeit davon („[…] we were all sad that Nick was too busy to continue and that the time at The Townhouse had run out.“). Weiter ging es in den Abbey Road Studios mit Haydn Bendall für „Night of the Swallow“ und „Pull Out the Pin“. Wieder reichte die gebuchte Zeit nicht („The two tracks are finished and Haydn’s time runs out too […]“). Nun stieß Paul Hardiman zum Team, bis Weihnachten 1981 wurde in den Odyssey Studios gearbeitet. Auch hier gab es Zeitprobleme, das Studio stand nicht mehr zur Verfügung. Im Advision Studio wurde schließlich in mühevoller Kleinarbeit das Album abgeschlossen („[…] and the three weeks we booked were to turn into more like three months.“). Offenbar gab es in diesen drei Monaten wenig Freizeit: „Dave [Taylor] was […] the maintenance engineer, and on quite a few nights, when we went home to bed, he would be up all night twiddling inside machines or trying to figure out why the digital machines weren’t working. Every night we ate take-away food, watched the evening news and returned to the dingy little treasure trove to dig for jewels.“ © Achim/aHAJ

[1] Beate Meiswinkel: „35 Jahre „The Dreaming“: Pressestimmen und Impression 1982-84“.  http://morningfog.de/?p=4857. (gelesen 01.01.2018)
[2] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 230ff
[3] N.N.: The New Music. 3./4. August 1985.
[4] Robin Smith: Getting Down Under With ‪Kate Bush. Unbekannte Quelle. 1982.
[5] Kate Bush: Letter from Kate. KBC article Issue 9. Frühling 1981.
[6] Paul Simper: Dreamtime is over. Melody Maker, 16. Oktober 1982.
[7] Kate Bush: About The Dreaming. KBC article Issue 12. Oktober 1982.

Apr 10 2018

O Heathcliff, Where Art Thou?

Fotos: HarperCollins

Von Beate Meiswinkel

Der englische Schriftsteller Michael Stewart erzählt in seinem Roman „Ill Will“ die unbekannte Geschichte des mysteriös-suspekten Antihelden aus Emily Brontës „Wuthering Heights“

„Jetzt wäre es unter meiner Würde, Heathcliff zu heiraten.“ Diese aus dem Zusammenhang gerissenen und nur für das Ohr ihrer Vertrauten Nelly bestimmten Worten sind es, die ihren Liebsten von Wuthering Heights vertreiben. Von dem, was sie über ihre unerschütterliche Liebe zu ihm, ihre Seelenverwandtschaft und den wahren Grund ihrer Verlobung mit dem vermögenden Edgar Linton sagt, hört der zutiefst gekränkte Heathcliff nichts mehr. Drei Jahre lang bleibt er verschwunden, bis er als gemachter Mann zurückkehrt: wohlhabend und gut gekleidet, doch noch immer von unbezähmbar wildem Wesen, das ebenso anziehend wie sinister ist. Was hat Heathcliff in diesen drei Jahren erlebt? Wohin hat es ihn verschlagen, und wie ist er zu seinem Vermögen gekommen?
Der preisgekrönte Buchautor Dr. Michael Stewart hat sich mit seinem dritten Roman „Ill Will – The Untold Story of Heathcliff“ diesen Fragen gewidmet. Seine Leidenschaft für die Brontë-Geschwister und ihr literarisches Werk, insbesondere für Emily und ihre „Sturmhöhe“, begann bereits in seiner Kindheit, und zwar mit dem Kate Bush-Song: „1978 war ich sieben Jahre alt, und da war diese irre Frau, die ihre Arme durch die Luft schwenkte“, erzählte Michael lachend in seinem Interview mit dem Historia Magazine. „Wuthering Heights war an der Spitze der Charts, es lief überall im Fernsehen. Ich ging immer wieder im Kopf den Text durch. Ich verstand ihn nicht so ganz, besonders die Zeile über Cathy am Fenster… wo war sie? Warum nahm sie nicht die Tür?“ (Independent). Seine Mutter, die in der Abendschule ihren Englischabschluss nachholte, las Wuthering Heights und erzählte ihrem kleinen Sohn die Geschichte, die ihn vollkommen gefangen nahm.
Stewart, der an der Universität von Huddersfield kreatives Schreiben unterrichtet, lebt seit vielen Jahren in Thornton. In unmittelbarer Nachbarschaft befindet sich das Geburtshaus der Brontë-Geschwister, was seine Faszination noch verstärkt haben dürfte. Besonders der markante Romancharakter Heathcliff beschäftigte ihn so sehr, dass er begann, dessen unerzählte Geschichte zu schreiben. Dafür nahm er durchaus aufwändige Recherchen auf sich; so wanderte er die Strecke von 65 Meilen (ca. 105 km) von Top Withens nahe Haworth in West Yorkshire nach Liverpool an der englischen Westküste, um die Reise von Cathys Vater Mr. Earnshaw von Wuthering Heights in die Stadt nachzuverfolgen. Drei Tage war er unterwegs, um sich in den Landbesitzer einzufühlen, der seinen beiden Kindern statt der erhofften Geschenke das verwahrloste Waisenkind Heathcliff mit nach Hause brachte: „Ich hatte ein Diktiergerät dabei und schrieb diesen Abschnitt, während ich ging (…) Wenn man durch eine Landschaft wie Yorkshire wandert, wandert man durch die Geschichte.“ (Historia Magazine)
Auch Stewarts Recherchen der Lebensweise des 18. Jahrhunderts waren eine neue Herausforderung – seine bisherigen Werke sind eher zeitgenössisch. Für seinen ersten Roman „King Crow“ (2011) erhielt er den Not The Booker Prize der britischen Tagszeitung The Guardian. Einige seiner Drehbücher wurden ebenfalls ausgezeichnet, unter anderem mit einem BBC-Award.
Im Zusammenhang mit der Frage nach Heathcliffs Herkunft stieß Michael auf ein finsteres Kapitel der Geschichte: die Sklaverei. Liverpool war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Handelshäfen für Sklaven. War Heathcliff etwa ein Sklavenkind und sollte als billige Arbeitskraft auf der Farm eingesetzt werden?
Heathcliff ist zwischen 16 und 17 Jahren alt, als er Wuthering Heights hinter sich lässt, um nach Liverpool zurückzukehren. Er ist auf der Suche nach seinen Wurzeln und begegnet Emily, der Tochter eines Wegelagerers, die behauptet, sie könne mit den Toten sprechen. Die beiden tun sich zusammen, um den Norden von England zu durchstreifen und sich mit Lug und Trug zu bereichern. Der Romantitel „Ill Will“, der sich mit Feindseligkeit, Missgunst oder Groll übersetzen lässt, lässt sowohl die Motivation als auch die Wesenszüge der beiden Protagonisten erahnen. Auch die Erzählsprache unseres Autors scheint nicht gerade zimperlich zu sein: „Ich wollte keinen Pastiche schreiben“, erklärte Stewart dem Historia Magazine. „(…) Außerdem wollte ich die Grobheit von Wuthering Heights wiederherstellen. Das Buch löste in der viktorianischen Gesellschaft einen Skandal aus. Man bezeichnete es als barbarisch, gewalttägig, es galt als unmoralisch. Von Joseph und Nelly erfahren wir, dass Heathcliff eine schmutzige Sprachweise besaß. (…) Emily konnte diese Worte nicht schreiben, da sie gegen die damaligen Sitten verstießen, sie wäre nicht veröffentlicht worden. Aber ich kann das tun. Es ist interessant, dass Shakespeare solche Begriffe verwenden konnte, so wie ich heute. Emily aber durfte das nicht.“
Dass er seine weibliche Hauptfigur nach der Romanautorin benannte, ist nicht Michaels einzige Hommage an die Brontës. So hat er die sogenannte Brontë-Gedenkstein-Initiative ins Leben gerufen, um einen Themenweg durch die Moore nahe der Heimatstadt der Geschwister anzulegen, mit Gedenksteinen für Emily, Anne, Charlotte und ihren Bruder Branwell. Während die Schwestern zu ihren Lebzeiten übrigens ausschließlich unter männlichen Pseudonymen publizierten, veröffentlichte der Bruder unter seinem eigenen Namen. Frauen hatten sich im 18. Jahrhundert mit Heim und Herd zu befassen und nicht mit Schriftstellerei.

„Ill Will“ wurde im März dieses Jahrs bei HarperCollins Publishers veröffentlicht und ist sowohl als gebundene als auch als Taschenbuchausgabe sowie als E-Book erhältlich. Ein Interview mit Michael Stewart ist in Vorbereitung. Auch eine Buchrezension folgt.

Apr 07 2018

Vor 40 Jahren: Die Ost-Jugend mit Kate

Der Amiga-Sampler ist 1984 in zwei Formaten erschienen: auf Vinyl und als Kassette.

Sich in eine Stimme zu verlieben –  genau das ist mir vor 40 Jahren passiert, als ich ,Wuthering Hights‘ zum ersten Mal hörte. Geboren und aufgewachsen in der DDR, war es nahezu völlig unmöglich, die neuesten Songs zeitgleich zu empfangen, wenn man den ostdeutschen Rundfunk verfolgte. Und so hörten wir heimlich Radiostationen aus dem ,nichtsozialistischen Ausland‘ ab. Ich war gerade bei der Armee und hatte heimlich einen  kleinen Radioempfänger dabei, als ,Wuthering Hights‘ auf NDR gespielt wurde! Es war ein absolutes Wow-Erlebnis für mich.  Dank des ,Inselstatus‘ West-Berlins und der Tatsache, dass ich in Ost-Berlin groß wurde, strahlten natürlich westliche Radiostationen kräftig in den Osten ab. Schon früher saß ich oft samstags nachmittags am Tonbandgerät und schnitt beim RIAS-Treffpunkt eifrig mit. Dieser Sender hatte sich zur Aufgabe gemacht, uns im Osten mit voll ausgespielten Titeln der gängigsten Bands zu versorgen. Im Osten gab’s ledigich den Sender DT 64, der hin und wieder ,internationale Musik‘ brachte. Das alles ist sicher heute kaum noch vorstellbar. Das erste Mal im Fernsehen gesehen habe ich sie erst Monate, wenn nicht gar Jahre später. Das dürfte Anfang der 1980er Jahre gewesen sein. Unter die Haut ging mir damals besonders der Video-Clip zu Breathing. Die bedrückende Dichte grade dieses Songs und die visuelle Darbietung berührte mich damals zutiefst.  Aber selbst damals war sie  schon nicht allzu oft präsent im deutschen Rundfunk und Fernsehen. Die Crux in Deutschland war wohl schon immer die kommerzielle Verwertbarkeit von populärer Musik und da macht Kate Bush ja nun wahrlich keine Musik von der Stange. Spezielle Sachen kursierten daher bei uns nur im Freundeskreis, wie zum Beispiel auch Songs von Yes oder Peter Gabriel. Deshahalb waren Wuthering Hights und Babooshka lange Zeit die einzigen Titel, die ich von Kate Bush auf Tonband hatte. Später kam noch Breathing dazu – alles sozusagen bei Musiksendungen mitgeschnitten. Als dann 1984 die ostdeutsche Amiga-LP von Kate Bush herauskam, hatte ich das große Glück, den Sampler zu Weihnachten geschenkt zu bekommen. Seitdem habe ich sie gehütet wie eine Perle – es ist bisher nicht ein Kratzer darauf. Das war für mich zu DDR-Zeiten immmer etwas besonderes,  eine Platte von Kate Bush in den Händen zu halten, zumal es tatsächlich unerwartet kam. Eine komplette Kate-Bush-Sammlung habe ich mir erst in den letzten Jahren zugelegt und muss sagen: Die ersten drei Alben waren von der musikalischen Vielfalt her noch die Interessantesten für mich – mit welch traumwandlerischer Sicherheit sich diese junge Frau dort durch verschiedene Stilrichtungen bewegt – Wahnsinn. Nur live  auf der Bühne habe ich Kate nie gesehen. Dafür besitze ich wenigstens die DVD vom Hammersmith Odeon-Konzert  1979, einer Zeit, wo ich regelrecht ,verliebt‘ in Kate Bush war – verliebt in dem Sinne, dass der Song Wuthering Heights und ihre Stimme wirklich ein absolutes Aha-Erlebnis für mich war . Muss am Osten gelegen haben, der nicht gerade viel Raum für Träume ließ. Heute muss ich übrigens grinsen, wenn ich das Publikum in Bio´s Bahnhof beim ersten Konzert in Germany sehe….allo so steif und förmlich… Rainer Sanne

Apr 01 2018

Überraschungsei in der Osterwoche

Manchmal kann man gar nicht so genau begründen, warum man etwas unbedingt haben will. Obwohl ich gar nicht so der Sammlertyp bin, hat mich von Anfang an die Hounds of Love-Vinyl in pink fasziniert. Seit Jahren wünsche ich mir die für den Plattenschrank und irgendwie war sie immer unerreichbar, weil zu teuer. Was stets zu meiner Verwirrung beigetragen hat war, dass es unterschiedliche Versionen gibt. So erschien im April 2011 zum Record Store Day die 10 Inch Single Hounds of Love mit vier Titeln (The Big Sky/Cloudbusting/Watching You Without Me/Jig Of Life) auf pinkem Vinyl, während zuvor auf dem gleichen Label (Audio Fidelity) bereits im August 2010 das komplette Album Hounds of Love auf marmoriertem Vinyl erschienen war. Ich habe meine Augen immer auf die Record Store Day-Version geworfen und die – siehe oben – war stets schlicht zu teuer, was das Verlangen nach pinkem Vinyl aber eher steigerte. Letzte Woche bin ich dann zufällig auf die HOL-LP-Version in pink gestoßen und fand mich plötzlich auf der Ebay-UK-Seite wieder. Das Angebot war zu verlockend: 50 englische Pfund wollte der Verkäufer haben. Und weil Ostern vor der Tür stand dachte ich mir, dass man sich das durchaus mal gönnen könnte. Der Mauszeiger bewegte sich fast von selbst auf den Button „jetzt kaufen“ – und stoppte plötzlich. HOL? Audio Fidelity? Irgendwas klingelte im Hinterkopf. War da nicht? Da war doch vor Jahren was… Genau. Record Store Day 2013. Der Plattenhändler meines Vertrauens um die Ecke organisiert mir die RSD-Version von Running up that Hill. Wochen später ruft er nochmal an: Ich hab da noch was. HOL auf 180 Gramm schwerem Vinyl. Aus den USA. Willst Du? Ich wollte. Hab sie gekauft und weggestellt. Das Ebay-Angebot konnte warten. Also schnell ins Wohnzimmer gerannt. Da steht sie. Hounds of Love. In Folie verschweißt. Audio Fidelity prangt tatsächlich auf der Folie. Aufgeregt in die Küche, Schere gegriffen und vorsichtig den oberen Rand der Folie abgeschnitten, damit ja nicht der Aufkleber in Mitleidenschaft gezogen wird. Tief durchatmen. Das Cover rausgezogen, nach dem Vinyl gegriffen – noch vorsichtiger. Und dann: deep purple. Dunkles lila, marmoriert. Wundervoll. Und steht seit fünf Jahren in meinem Plattenschrank, ohne, dass ich die leiseste Ahnung davon hatte. Dabei hätte gerade ich es wissen können, denn immerhin hatte Michael in einem Beitrag hier in der Reihe All we ever look for genau das beschrieben, was ich immer gesucht hatte. Damals hatte ich noch gestaunt, in welch unterschiedlichen Variationen von grau über pink bis lila die Scheibe auf den Markt gekommen war…

Mrz 28 2018

Neue Tributeshow in England

In England startet am 25. April eine neue Kate Bush-Tributeshow mit 24 Live-Terminen. Unter dem Titel „Wuthering Heights – The Music of Kate Bush“ gehen Sängerin Rachel Sinnetta und ihre Rubber Band auf Tour und wollen Songs aus allen Alben von The Kick Inside bis Aerial spielen. Rachel ist ausgebildete Sängerin und Gesangslehrerin, hat unter anderem mit Pete Townshend und Gerry & The Pacemakers zusammengearbeitet. Im Interview mit einer englischen Tageszeitung hat sie vor dem Tourneestart in vier Wochen erzählt, dass sie schon länger vorhatte, Kates Musik einem jüngeren Publikum zu präsentieren. „Wir wollen, dass die Musik voller Energie und Emotionen ist „, erklärt Rachel in dem Interview weiter. Dabei gehe es ihr nicht so sehr darum, die Stimme von Kate perfekt nachzuahmen („Ich glaube nicht, dass irgendjemand Kate Bush nachahmen kann. Das ist schwierig.“), sondern eher darum, „diese jugendliche Energie ihrer Stimme“ aufzunehmen und den „emotionalen Ausdruck, wie sie ihre Lieder singt“ zu transportieren. Die Rubber Band besteht aus fünf Musikern, die schon mit Paul Weller, Style Council, Katrina & The Waves, Samantha Fox, Marc Almond, Right Said Fred und Pete Townshend gespielt haben. Weitere Informationen gibt es auf der Seite katebushtributeshow, dort kann man Rachel Sinnetta auch hören.

Mrz 22 2018

Wenn Kate unerwartet auf der Bühne steht

35 Jahre hat es gedauert, bis Kate im Jahr 2014 nach der Tour of life von 1979 erstmals wieder Konzerte gegeben hat. Von einer jahrzehntelangen Bühnenabstinenz zu sprechen, wäre aber falsch. 1982 etwa trat sie beim Prince‘s Trust auf und sang The Wedding List – begleitet von Pete Townsend, Phil Collins, Midge Ure, Peter Hope-Evans und Mick Karn. Fünf Jahre später präsentierte sie mit David Gilmour eine Live-Version von Running up that hill beim Secret Policeman’s Third Ball zugunsten von Amnesty International. Zwei Live-Auftritte ragen aber besonders heraus, weil sie unerwartet waren: ihr Auftritt bei Konzerten von Peter Gabriel und David Gilmour.
Gabriel hatte zum Abschluss seiner So-Tour 1987 mehrere Konzerte in London gegeben und jeweils einen Special Guest angekündigt – am 28. Juni, dem letzten Konzert im Earls Court, betrat dann vollkommen unerwartet Kate Bush beim Song Don’t give up die Bühne. „Ich werde diese tolle Nacht nie vergessen. Ich erinnere mich, dass ich damals gehofft hatte, dass Kate sich bei der letzten Vorstellung zeigen würde. Ich bin fast aus meiner Haut gesprungen, als sie die erste Note gesungen hat. Es war, als ob der ganz Raum abgehoben wäre“, beschreibt eine Userin auf Youtube das Ereignis. Wer die Bootleg-Aufnahme von dem Auftritt kennt, dürfte das nachvollziehen können: die ersten Töne von Kate gehen in dem tosenden Applaus vollkommen unter und man bekommt allein beim Hören eine Gänsehaut. Ein anderer Konzertbesucher erinnert sich ebenfalls auf Youtube an diesen Abend, der für ihn besonders denkwürdig war: „Ich ging während dieses Songs auf Toilette, als ich plötzlich dieses unglaubliche Dröhnen und Brüllen von der Bühne hörte … und ich dachte, ist das Kate Bush ??? … Auf keinen Fall!!! Ich rannte trotzdem zurück und sie war es!“ Dramatischer war es für einen anderen Kate-Fan, der Tickets für dieses Konzert an die Schwester seiner Freundin verkauft hatte, weil er den Gig an einem anderen Abend besuchen wollte. Als er sie dann fragte, wie ihr das Konzert gefallen habe, erfuhr er von Kates Auftritt und war vollkommen entsetzt.
15 Jahre später, am 18. Januar 2002, war es dann ein Konzert von David Gilmour, bei dem Kate zu Gast war. Gilmour hatte sich für den Song Comfortably Numb bei Auftritten in London schon früher Gast-Sänger an die Seite geholt, Bob Geldof zum Beispiel, später auch Sting und David Bowie. Mit einem Auftritt von Kate konnte man im Jahr 2002 trotzdem nicht wirklich rechnen, immerhin hatte sie seit 1993 kein Album mehr veröffentlicht und sich aus der Öffentlichkeit nahezu komplett zurückgezogen. Während es vom Auftritt beim Gabriel-Konzert nur eine Audioaufnahme gibt, existiert vom Comfortably Numb-Duett ein Video, wenn auch in schlechter Qualität. Gilmour wollte den Gastauftritt von Kate damals angeblich auch für seine DVD „David Gilmour in Concert“ nutzen, Kate soll dagegen gewesen sein, so dass die Version mit Bob Geldof letztlich auf der DVD landete. Vielleicht wird der Mitschnitt aber irgendwann doch noch ans Tageslicht kommen…

Das Video zu Comfortably Numb gibt es hier; Don’t give up kann man hier hören.

Mrz 15 2018

These shoes do, a kind of vodoo…

Ein fast vergessenes Kleinod ist die „Red Shoes Promo Box“ aus England in Schuhkarton-Größe. Streng limitiert (Stückzahl nicht bekannt) taucht sie mittlerweile nur noch sehr selten zum Verkauf auf. Nachdem man den Deckel geöffnet hat, taucht folgender Inhalt auf: Die Red Shoes-CD im Jewel Case (keine Promo), ein Promo-Video mit „Rubberband Girl“, ein Dia, ein Füllfederhalter mit roter Tinte und Aufkleber sowie ein zweiseitiges Pergament mit Diskographie und Fakten über „The Red Shoes“ – zusammengehalten mit einem roten Band. Das Foto neben der Box ist ein Abzug des Dias, das in der Box enthalten ist. Eine komplette Version der Box zu finden (meistens fehlt der Füller oder das Dia) ist mittlerweile sehr schwer geworden. Bei Discogs steht im Moment eine zum Verkauf….für schlappe 300 Euro… Happy Hunting! Michael Guth

Mrz 10 2018

Schriftzüge für die Heldin der Jugend

Die Entwicklung eines Albumdesigns ist ein langer Prozess, der viele Revisionen durchläuft. Nicht alle Vorschläge werden verwendet. Für mich ist ein Traum wahr geworden als ich hörte, dass meine Schriftzüge für das  CD- und Vinyl-Boxset-Booklet angenommen wurden“, schreibt Ruth Rowland auf ihrer Internetseite. Ruth ist Illustratorin, hat sich aber besonders auf Handschriften spezialisiert und für die Before the dawn-CD die entsprechenden Schriftzüge kreiert. Booklet und Cover hatten zuvor die Designer von Stuart Crouch Creative entwickelt, die seit der Aerial-Zeit mit Kate zusammenarbeiten und sowohl für alle folgenden CDs als auch die Before-the-dawn-Konzerte die entsprechenden Cover, Booklets und Plakate gestaltet haben. Für Ruth war es ein besonderer Auftrag: Kate ist die musikalische Heldin ihrer Jugend, dementsprechend begeistert war sie von dem Auftrag und hat sich an die Arbeit gemacht. „Ich entschloss mich, einige lockere Pinselarbeiten zu entwickeln, die nicht zu formell, aber dennoch lesbar sein sollten, von der Struktur her wie Ebbe und Flut, so dass sie die farbenfrohen Fotografien aus den Konzerten ergänzen könnten. Nichts auf dem Album wurde neu aufgenommen oder überspielt und ich wollte, dass sich diese Rohheit in der Unmittelbarkeit der Pinselstriche widerspiegelt“, erklärt sie. Ebbe und Flut als Inspiration passten natürlich insbesondere zu dem Schriftzug „The Ninth Wave“. So wie Stuart Crouch Creative ein ziemlich breites Portfolio von James Blunt über die Simple Minds bis zu Iron Maiden abdecken, schafft das auch Ruth, die ebenso für die Simple Minds, James Blunt, Iron Maiden, aber auch für Chrissie Hynde, Bill Wyman, Van Morrison, Enya, Clannad oder Elton John Plattencover mit ihren Schriftzügen versehen hat. Zudem arbeitet sie für Magazine wie Cosmopolitan, entwirft Karten für Reiseanbieter, gestaltet Logos und Anzeigen, Buchcover, Verpackungen und endwickelt Trailer für die BBC.  Wer mehr über die Arbeit von Ruth Rowland erfahren will, wird hier fündig. Das Portfolio von Stuart Crouch Creative kann man hier sehen.

Feb 25 2018

Der Soundtrack des Lebens

Von Johannes Albendorf

„The Kick Inside“, eines der beeindruckendsten Debüt-Alben der Musikgeschichte, ist in diesem Jahr 40 geworden. Normalerweise pflegt man an runden Geburtstagen oder Jubiläen ein Fest zu begehen. Freunde und Weggefährten werden eingeladen – und dann blickt man in diesem Kreise auf die Jahre zurück; im idealen Fall ist man glücklich und auch ein wenig stolz auf das, was man erreicht und gemeistert hat. Normalerweise würde man zu so einem Jubiläum doch zumindest für die Fans ein gebührendes Fest in Form etwa von Reissues erwarten: das Material remastered, ausgegrabene Bonus-Tracks, ein schönes Box-Set dieses musikalischen Meilensteins plus DVD mit den frühen Videos … Normalerweise, ja.
Aber „Kick Inside“ ist eben nicht nur ein ungewöhnliches Album, nein, diejenige, die es erschaffen hat, lässt sich erwartungsgemäß in gar keine Kategorie einordnen: Einmal mehr tut sie nicht das, was man von ihr hätte erwarten können … Nein, sie schweigt. Komplett.
Da bleibt es dann sozusagen an anderen hängen, das Jubiläum dieses wunderbaren Albums gebührend zu feiern. Einige Artikel sind erschienen, vornehmlich in der englischen Presse, einige auch in der deutschen – aber das scheint es dann vorerst auch gewesen zu sein. Del Palmer, langjähriger Lebens- und musikalischer Partner von Kate Bush, hat auf Facebook kritisiert, dass keiner der sogenannten Tribute-Acts anläßlich dieses Jubiläums etwas veranstalten würde. Keiner? Doch, es gibt eine Ausnahme – die Band „Cloudbusting“. Sie laden in die Islington Assembly Hall nach London ein, um den 40. Jahrestag dieses Albums zu feiern. Um es frank und frei zu sagen: Lange Zeit war der Gedanke für mich befremdlich, Menschen zuzujubeln, die Stars imitieren. Als ich vor drei Jahren eine „Before the Dawn“-Show besuchte, sah ich so eine Kate-Imitation, die sich in großem Outfit vor dem Hammersmith Odeon (ich nenne es immer noch so) filmen und interviewen ließ und dekorativ auf den Absperrgittern posierte. Es wirkte zwar grotesk, aber für Showbusiness-Gebaren vermutlich nicht ungewöhnlich. Folglich fuhr ich mit durchaus gemischten Gefühlen nach London. Viel erwartete ich nicht und wurde vielleicht deswegen positiv überrascht, das vorneweg. Eine Menge Kate-Fans hatten sich zu dem Konzert via Facebook angesagt. Schön und auch ein wenig surreal, diese Menschen nun mit einem Male nicht nur digital, sondern in Fleisch und Blut zu sehen, ihre Stimmen zu hören und mit ihnen zu lachen. Und die Islington Assembly Hall ist eine wunderbare Location, ein Bau aus den 1930er Jahren mit Art Deco-Elementen, von außen an ein weißes Theater erinnernd, innen nicht zu groß, aber dennoch weitläufig genug (an die 1000 Leute sollen an diesem Abend gekommen sein) – also ein durchaus passender Ort für das Fest. Gleich am Eingang erwartet die Besucher ein überlebensgroßes Plakat vom „Kick Inside“-Cover als Gästebuch. Jeder kann sich mit einigen Worten verewigen und das Plakat, so der Plan, soll dann hoffentlich irgendwann seinen Weg zur eigentlichen Jubilarin finden. „You are the soundtrack of my life“, kann man da lesen, „thank you for the joy“ oder „thanks for inspiration“, natürlich immer wieder „I love you Kate“, aber eben auch „Waiting for the new album“.
Auch ich schreibe etwas auf und einmal mehr beschleicht mich das Gefühl, dass sich Kate Bush unmöglich darüber im Klaren sein kann, wieviel sie vielen Menschen bedeutet – und was können schon ein paar kurze Worte auf so einem Poster sagen, wenn man eigentlich einen mindestens dreiteiligen Roman zu schreiben in der Lage wäre?! Sei es drum, mit nur wenig Verspätung stürmt die Band schließlich die Bühne und eröffnet den Abend mit „Running up that Hill“. Die vier Buchstaben R.U.T.H. vom Cover der Neuveröffentlichung von 2012 werden auf der Leinwand hinter der Bühne eingeblendet und sofort ist das Publikum (jüngere Leute finden sich zugegebenermaßen relativ wenige unter ihnen) bei der Sache. Ich muss gestehen, ich denke noch ein wenig an „Before the Dawn“, ziehe vielleicht unangemessene Vergleiche – aber dann, als sie den zweiten Song spielen, „Love and Anger“, da komme auch ich in der Islington Hall an und kann den Abend einfach als das genießen, was er ist. Es ist aber auch zu unwiderstehlich, einen wunderbaren Song wie diesen einmal live auf so einem beachtlichen Niveau dargeboten zu bekommen (angemessener Weise schwingen auf der Leinwand riesige Kirchenglocken hin und her) …
Und schon jetzt beweist sich die außerordentliche Virtuosität der Band, die Sauberkeit etwa im Gesang der Backgroundsängerinnen (deren Outfit ein wenig an Maite Kelly erinnert, aber das nur nebenbei) und natürlich auch die hervorragende Stimme der Sängerin. Ihr gelingt das Kunststück, gleichzeitig sowohl ein Tribute-Act als aber dennoch auch eigenständig zu sein, Bilder zu kreieren, die sich nah an der ursprünglichen Musik und damit auch an Kate orientieren, aber nie platt kopiert wirken. Sie findet genau diesen Mittelweg, man glaubt Mandy Watson und ihrer Band, dass es ihnen um die Musik geht, um die Kunstwerke von Kate Bush, um die Verehrung derselbigen – und auch darum, diese am Leben zu erhalten.
Ja, Mandy Watson singt sehr gut, den ganzen Abend hindurch. Die Lieder sind durchaus nicht einfach – das beweisen einige Fans, die im Publikum lauthals mitgröhlen und denen es zwar manches Mal biergeschwängert gelingt, die Stimmen der Sängerinnen auf der Bühne zu übertönen, aber längst nicht alle Töne der komplizierten Melodienfolgen zu treffen. Doch man spürt die Begeisterung und die Liebe für die Musik, und das ist wiederum rührend.
Auch „Breathing“ zieht mich in seinen Bann. Zu dem großartig dargebrachten Song werden anrührende Bilder von ungeborenen Kindern gezeigt. „Night of the Swallow“ gehört ebenfalls in die viel zu große Kategorie der Lieder, von denen man nie dachte, sie einmal live auf offener Bühne hören zu können. Und dann, wie bei „Before the Dawn“, ist „King of the Mountain“ auch zu diesem Anlass der Übergang in einen besonderen Block des Abends, führt der Song dahin, worum es bei diesem Abend – wie angekündigt – gehen soll: Das Jubiläum, den Geburtstag von „The Kick inside“ zu feiern!
Vorher aber noch werden Bilder der jungen, wunderschönen Kate eingeblendet und eine gewisse Sehnsucht breitet sich über dem Publikum aus wie die Schleier im „Wuthering Heights“-Video oder die Wolken in „Cloudbusting“ … Del Palmer wird in einer kurzen Filmsequenz interviewt und er erinnert daran, wie die junge Kate einen Song nach dem anderen am Klavier „herausgehämmert“ hätte. „It all comes down with a good song“, sagt Del, man braucht einfach einen guten Song. Da hat er natürlich recht. Und zumindest an diesem Abend folgen weitere: Zunächst der Opener des Albums, „Moving“. Auf der Leinwand sind Bilder von Lindsay Kemp zu sehen, dem Tanzlehrer von Kate Bush. Um ihn geht es schließlich in diesem 40 Jahre alten Song und die Bilder des alten Mannes, der wie ein Schmetterling weiß gewandet tanzt, sind von atemberaubender Schönheit – wie auch einmal mehr der Gesang von Mandy Watson.
Für „Saxophone Song“ holt sie sich Verstärkung in Form der Saxophonistin (was hätte näher gelegen?!) Vicky Cowles. Außerdem kommt unter lautem Publikumsjubel der Schlagzeuger Preston Heyman auf die Bühne – er, der sowohl auf „Never for ever“, „The Dreaming“ und der „Tour of Life“ getrommelt hat, wird die Band zu einigen Stücken begleiten. Die Gästeliste will kein Ende nehmen: Vor „The Man with the Child in his Eyes“ kündigt Mandy Watson das Brilliant Strings Quintett an (es wird auch viele andere Songs atmosphärisch unter-, äh, streichen) und dann beginnt auch noch eine blonde Tänzerin zu tanzen. Von links kommt ein Tänzer auf die Bühne, ein leidenschaftlicher Pas-de-deux beginnt – und eventuelle Ahnungen werden zur Gewissheit: Es ist Stewart Avon Arnold, der schon mit Kate u.a. auf der Tour of Life getanzt hat! Seine technischen Fähigkeiten sind noch so vollkommen, dass kein Gedanke an sein Alter aufkommen will – und falls dies doch der Fall sein sollte, reibt man sich ungläubig die Augen. Das letzte Stück vor der Pause ist „Wuthering Heights“: Ein Meer von hin und her schwenkenden Armen im Publikum – angelehnt an die Choreographie von Kate im Video – lässt an den Wuthering Heights-Day denken, wunderschön. Bereits jetzt, nach der ersten Hälfte der Show merkt man, wieviele Gedanken sich die Band um die Präsentation gemacht hat. Alles wirkt geschmackvoll, nichts billig, nichts platt. Die Gästeliste ist voll und erlesen, das Publikum durchweg begeistert.
Nach der Pause eröffnet „James and the cold Gun“ den zweiten Teil der Show. Bei „L‘amour looks something like you“ kommt ein maskierter Bass-Spieler auf die Bühne. Gerüchte hat es vorher schon einige gegeben und der kleine Film mit den Interview-Sequenzen hätte Miss Marple und sämtliche anderen britischen Detektive vermutlich sofort auf die richtige Spur geführt und in der Tat, ja, es ist Del Palmer! Del Palmer auf der Bühne! Live! Mandy Watson nimmt ihm die weiße Maske ab und er überreicht ihr eine rote Rose. Die beiden umarmen sich und das ist der Moment, wo alles etwas surreal zu werden beginnt: Ein Musiker umarmt den Tribute Act seiner Exfreundin, die ihrerseits Songs darbringt, an deren Entstehung wiederum er selbst vor Jahren beteiligt gewesen ist. Möglicherweise sind solche Gedankenspiele unangebracht, ich weiß es nicht, und so schiebe ich sie auch schnell beiseite. Man will ja schließlich auch den Abend und die Musik und die Erinnerungen genießen! Del Palmer wirkt auf sympathische Weise überrascht und gerührt über die frenetische Reaktion des Publikums. Er heisst Stuart Elliot willkommen, dem einzigen Menschen in der Islington Assembly Hall, der leibhaftig auf dem Originalalbum gespielt hat und nun oben auf dem Rang dem Konzert lauscht. Dann spielt Del Bass bei „Kite“, an deren Schluss Mandy sehr ausdrucksvoll und pantomimisch einen Tanz mit dem Drachen auf der Leinwand aufs Parkett legt. Und selbst als der letzte Song aus „The Kick inside“ verklungen ist, ist der Abend längst noch nicht zu Ende: Als Zugaben folgen Wow, Hounds of Love, Sat in your Lap (wieder mit Preston am Schlagzeug), schließlich auch noch Babooshka, Aerial (wobei inzwischen dann doch die ersten Alkoholopfer an der Bar zu beklagen sind) und eine unglaublich schöne und berührende Darbietung von „Moments of Pleasure“. Auch hier hält sich die Band an das intime Original-Arrangement. Als allerletzte Zugabe macht die Band ihrem Namen alle Ehre: Wie schon bei „Before the Dawn“ wird auch dieses Konzert mit „Cloudbusting“ beendet.
Unterm Strich ein schöner Abend. Es ist schon sehr besonders, Del Palmer, Stewart Arnold und all die anderen aus dem Kreis von Kate auf der Bühne erleben zu dürfen. Das Niveau der Band war beachtlich, die Gäste hochkarätig, das Konzert ein Erfolg … ich verabschiede mich und verlasse die Halle. Das große Poster vom „Kick inside“-Cover ist über und über mit Nachrichten von den Fans beschrieben, ich finde meine Zeilen nicht einmal mehr… Ja, Kate Bush macht sich rar. Sie schuldet niemandem etwas. Und man ist ja einiges gewohnt! Die Hoffnung auf ein neues Album bleibt natürlich! Und feiern können wir sie allemal! Und vielleicht freut sie sich auch ein kleines bisschen darüber!


Johannes Albendorf  ist Schriftsteller und seit 1985 Kate Bush-Fan. Gerade ist sein aktueller Roman „Die Grausamkeit der Katzen“ über Carla Mann, die jüngste Schwester von Thomas Mann, erschienen. Tachenbuch: ISBN 978-3-8459-2538-7, 231 Seiten, 11,95 Euro, AAVAA-Verlag.

Feb 06 2018

Das Song-ABC: Them Heavy People

40 Jahre ist es nun her, dass das Debut-Album von Kate Bush veröffentlicht wurde – Zeit, auf einen der Schlüsselsongs aus „The kick inside“ zurückzublicken. „Them heavy people“ ist ein frühes Lied, da es schon bei den Auftritten der „KT Bush Band“ 1976/77 auf dem Programm stand [1], zu einer Zeit also, an der das Album noch in einer ungewissen Zukunft lag. Der Song ist ein für Liveauftritte konzipiertes Stück und das ist ihm anzumerken. Er ist eingängig, rhythmisch und geht ins Ohr. Er war daher auch von der Plattenfirma EMI als zweite Single vorgesehen [1], musste dann aber gegenüber „The man with the child in his eyes“ zurücktreten.  Musikalisch geht es hier ein bisschen in Richtung Reggae. Ron Moy [2] hält ihn für eine gelungene Umsetzung des ‚reggae verse, pop chorus‘-Stils, der damals gerade durch die Gruppe Police populär gemacht wurde. Moy meint weiter, dieser Song „[…] is the most positive and sunny track on the album, and one of a fair number of songs (four, five?) that would surely have been sucsessfull as singles.“. Dieser Aussage kann ich nur zustimmen.
„Them heavy people“ unterscheidet sich im Stil etwas von den anderen Songs des Albums. Es ist ein vorwärtstreibender Titel mit einem merkwürdigen Rhythmus, eine Art stolpernder Tanz (jemand ist noch nicht im Gleichgewicht). Im Chorus dominiert dann ein geradlinigerer Rhythmus, die Richtung ist gefunden – vorwärts. Der Song erzählt von den Inspirationen, Anstößen, Schubsern, die andere Menschen der Sängerin gegeben haben. Er erzählt von den Menschen, die sie in die richtige Richtung gestoßen haben. Gurdjieff und Jesus werden zitiert, das waren offenbar Einflüsse aus Diskussionen im Familienkreis. Der Song richtet sich auch an ihre Gesangs-, Tanz- und Pantomimenlehrer, ebenso an ihren Förderer David Gilmour (dem sie im Covertext dafür dankte, den Ball ins Rollen gebracht zu haben – „rolling the ball“).
Ausgelöst wurde die Komposition von einer kleinen Textphrase und danach ergab sich alles ganz schnell von selbst. Dieser Song entstand ohne lange Entwurfs- und Überarbeitungszeit, wie Kate Bush sagte. „The idea for Heavy People came when I was just sitting one day in my parents‘ house. I heard the phrase „Rolling the ball“ in my head, and I thought that it would be a good way to start a song, so I ran in to the piano and played it and got the chords down. I then worked on it from there. It has lots of different people and ideas and things like that in it, and they came to me amazingly easily–it was a bit like Oh England, because in a way so much of it was what was happening at home at the time. My brother and my father were very much involved in talking about Gurdjieff and whirling Dervishes, and I was really getting into it, too. It was just like plucking out a bit of that and putting it into something that rhymed.“ [3]. Der Verweis auf Gurdjieff wurde dann im Text durch Verweise auf weitere Personen ergänzt, um nicht zu esoterisch zu erscheinen. „I thought it was important not to be narrow-minded just because we talked about Gurdjieff. I knew that I didn’t mean his system was the only way, and that was why it was important to include whirling Dervishes and Jesus, because they are strong, too.“ [3].
Der Song ist im 4/4-Takt gehalten. Nur an einigen Stellen ist ein Bruch eingebaut (ein Takt 2/4, ein Takt 4/4) und zwar auf „has a heaven inside“, bzw. „we perform the miracles“ bzw. „but what a lovely feeling“ jeweils zum Schluss der Strophen [4]. Dies trägt zum Eindruck eines Stolperns oder Innehaltens an diesen Stellen bei. Notiert ist der Song mit 5b [4]. Weil die Strophen mit dem Des-Dur-Akkord beginnen, ist dies wohl ein Des-Dur. Ab und zu gibt es Ausweichungen nach B-Dur (b-Moll wäre die Paralleltonart zu Des-Dur). Diese B-Dur-Akkorde stehen immer am Schluss der Strophen und wenden diese Abschlüsse aus dem Des-Dur hinaus [4].  Die erste Strophe („They arrived at an inconvenient time / I was hiding in a room in my mind / They made me look at myself / I saw it well I‘d shut the people out of my life“) redet offenbar auch von verstörenden Anstößen, die aber dazu geführt haben, tiefer in sich hineinzublicken und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.  Es geht weiter mit „So now I take the opportunities“. Kate Bush kommt zu dem Fazit, das alles Wichtige in einem drin zu finden ist: „For now I realise that everyone of us / has a heaven inside“ und „We humans get it all we perform the miracles“. Diese beiden Statements beschließen die Strophen.
Das Lied ist eine Art Verbeugung vor den Menschen in ihrer Umgebung. Mit diesem Lied bedankt sie sich für das Öffnen der Türen: „They open doorways that I thought were shut for good“. Sich selbst bewusst werden, sich selbst mit allen Höhen, Tiefen und Abgründen annehmen – darauf kommt es an. Wie so oft bei Kate Bush scheinen die Tonarten bewusst gewählt zu sein. Fünf Vorzeichen sind eher ungewöhnlich, das ist weit weg vom nüchternen Alltag. Des-Dur ist nach Beckh [5] eine zweischneidige Tonart. „Auf der einen Seite kann ihr ein sinnliches Element, eine gewisse sinnliche Süße eigen sein, auf der anderen Seite konnte sie auch in der Musik zum Ausdruck von etwas Allerhöchstem, Weihevollstem verwendet werden. Ein eigenartiger Abgrund zwischen Höhe und Tiefe scheint sich innerhalb dieser Tonart aufzutun.“ Sie ist das „Schauen der Sonne um Mitternacht“, sie ist eine „in der Tiefe des Irdischen erlebte höchste geistige Höhe“ [5]. Die Paralleltonart b-Moll ist die Tonart des Sterbens, der wird konsequent ausgewichen zu B-Dur.  B-Dur ist nach Beckh [5] noch nicht das Licht selbst, aber es ist die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichts, der Glaube an das Licht. Der Stern des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe lebt irgendwo in dieser Tonart, die daher oft als Liebestonart benutzt wird.
In den verwendeten Tonarten können wir die Faszination spüren, die der Eintritt in die mystische Welt der Musik und ihre Selbstfindung für Kate Bush bedeutet haben: Liebe, das Allerhöchste und Weihevollste, der Abgrund, der sich in der Seele auftut. Am Ende des Weges (der Strophen) steht der Glaube an das Licht (B-Dur). „Them heavy people“ war auch Bestandteil der „Tour of life“. Im Nachhinein zweifelte Kate Bush an der Umsetzung des Songs (insbesondere der Albumversion), stand aber zu seinen Inhalten und zu seiner musikalischen Qualität. „I always felt that Heavy People should be a single, but I just had a feeling that it shouldn’t be a second single, although a lot of people wanted that. Maybe that’s why I had the feeling–because it was to happen a little later, and in fact I never really liked the album version much because it should be quite loose, you know: it’s a very human song. And I think, in fact, every time I do it, it gets even looser. I’ve danced and sung that song so many times now, but it’s still like a hymn to me when I sing it. I do sometimes get bored with the actual words I’m singing, but the meaning I put into them is still a comfort. It’s like a prayer, and it reminds me of direction.“ [3].
Für mich ist der Song ein Wohlfühllied, schwungvoll und zum Mittanzen einladend, optimistisch und fröhlich, ohne einen zu exaltierten Einsatz der Stimme. Der Text ist im Vergleich zu späteren Songs ein bisschen plakativ – aber immer nur Rätsel lösen muss ja auch nicht sein. Er zeigt den Weg in die Zukunft auf, dieser Text ist Kate Bushs goldene Straße zum Zauberer von Oz.
Ich höre „Them heavy people“ immer wieder gern. Er hätte auch als Single Erfolg haben können, da er wirklich ins Ohr geht. Ein Song für eine Rampensau. So sehr ich die komplexeren Songs aus der späteren Zeit schätze – ich bedauere es doch ein bisschen, dass sie solche livetauglichen Songs später nur noch selten geschrieben hat. (© Achim/aHAJ)

[1] Graeme Thomson: Under the ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.96 und S.120
[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S17
[3] Kate Bush: KBC article Issue 4 (Weihnachten 1979). „Them Heavy People“ & Interview
[4] Kate Bush: Kate Bush Complete. London. EMI Music Publishing Ltd. 1987. S.156f
[5] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Stuttgart. Verlag Urachhaus. 1999. S.232ff (Des-Dur) und S.245ff (B-Dur)

Feb 02 2018

Das Song-ABC: Eat The Music

Dieser Song ist ein Rätsel und hat Zuhörer und Kritiker in Verwirrung gestürzt. Ist das eine leichte, aus allen Fugen geratene Fröhlichkeit oder ist das Maskerade? Ist das ein vordergründig erotischer Text, in der Liebe mit dem Essen von Früchten verglichen wird, oder handelt das Lied von ganz anderen Dingen? Und was ist das eigentlich für ein Musikstil? Was will uns Kate Bush damit sagen? Will sie uns überhaupt etwas sagen?
Rob Jovanovic sieht hier „lockeres Karibikflair, das jedoch mit einem banalen Text über Bananen, Papayas und Rosinen verdorben wurde“ ([1]). Er vermutet einen sexuellen Subtext, hält den Song aber eher für peinlich. Ron Moy ([2]) wirft ein, dass die Musik haarscharf an typischen Latino-Klischees vorbeischrammt. Selbst der tief in die Welt von Kate Bush hineinblickende Graeme Thomson hält die „verspielte, griffige Erotik“ für „konstruiert und allzu offensichtlich; genau wie die dazu passende Innengestaltung des Albums mit ihrem aufgeschnitten dargebotenen Obst […]“ ([3]). Sogar in Fankreisen irritierte der Song. Er wurde als nicht geglückter Versuch einer Latin-Tanznummer gedeutet, die aber dafür zu hektisch und aufgedreht daherkomme ([4]).
Offenbar lässt „Eat the music“ viele etwas ratlos zurück. Soll man diesen Wertungen vertrauen und den Song einfach als misslungen abhaken? So einfach kann man es sich aber meiner Meinung nach nicht machen. Abzuhaken wäre er erst dann, wenn man ihn verstanden hätte und ihn dann immer noch für misslungen hielte. Ich meine, dass die oben zitierten Meinungen zwar Aspekte erkennen und benennen, dass sie aber die Gesamtheit von „Eat the music“ nicht erfassen. Wenn weißes Licht durch einen Kristall fällt, dann nutzt es nicht viel, nur zum Beispiel einen der gebrochenen Lichtstrahlen zu betrachten. Das sagt nicht viel über den Kristall an sich aus. Ähnlich verhält es sich mit „Eat the music“. Beim Schauen aus verschiedenen Richtungen werden einzelne Aspekte gesehen, die merkwürdig erscheinen, so wie der gebrochene Lichtstrahl. Um zum Wesen vorzudringen, müssen wir aus allen Richtungen schauen – ins Innere.

Die erste Frage – warum findet sich auf dem düsteren, zerrissenen Album „The red shoes“ so ein fast hemmungslos dahinstürmendes, rasendes Lied voller Dur-Fröhlichkeit? Fröhlichkeit ist sonst für das Album ein Fremdwort. Beliebigkeit bei der Gestaltung eines Albums ist aber für Kate Bush ein Fremdwort – es muss also einen Hintergrund geben.
Das Lied ist 1992 entstanden, nach dem Krebstod von Kate Bushs Mutter. Ihr Bruder Paddy Bush sagte in einem Interview ([5]), dass er und seine Schwester in tiefer Verzweiflung waren. Paddy Bush lernte während dieser Zeit den madagassischen Musiker Justin Vali kennen, dessen Musik er seiner Schwester vorspielte. Im Interview ([5]) schildert er, was passierte und wie das zum auslösenden Funken für „Eat the music“ wurde. „Wir waren beide immer noch im Zustand tiefer Verzweiflung und hörten diese Musik, in der uns die Sphäre der Fröhlichkeit wieder berührte. Die tiefe, ehrliche Fröhlichkeit, die die Madagassen haben, nichts Aufgesetztes. Kate hat sich sofort in das Stück  ‚Soratra Masina‘ verliebt. Am Ende singt Justin einen Vers, der bedeutet: ‚Lass Fröhlichkeit aus uns zu euch hinüberfließen.‘ Kate war völlig fixiert auf diese Phrase, sie liebte sie so sehr. Und sie sagte zu mir: ‚Paddy, bring Justin hier her, ich will unbedingt mit ihm arbeiten.“ So entstand der Song, eigens für Justin geschrieben, der nicht nur das madagassische Instrument Valiha spielte, sondern schließlich auch den Chorus sang ([5]).
Im Netz kann man Justin Valis „ny soratra masina“ finden ([6]). Beim Hören fällt die strukturelle und stimmungsmäßige Ähnlichkeit zu „Eat the music“ auf. Kate Bush hat mit ihrem Song ein Stück madagassischer Musik geschrieben! (Und dass dies nicht lateinamerikanisch ist, ist offensichtlich.) Afrikanische Musik (und damit auch die madagassische) wird von Grundprinzipien beherrscht, die sich in europäischer/lateinamerikanischer Musik so nicht finden. Eine verständliche  Zusammenfassung findet sich in [7]. „In afrikanischer Musik ist die Elementarpulsation (time-line) die kleinste wahrgenommene regelmäßige Pulseinheit, mit enormer Geschwindigkeit, ohne Anfang und Ende und ohne eine Akzentuierung.“ [7].
In „Eat the music“ findet sich dieser Elementarpuls als die unablässige, pulsierende Folge von schnellen Achtelnoten wieder. „Diese Pulseinheiten sind zwei oder dreimal schneller als der beat oder große Pulse, die nächste wichtige Orientierungsebene, die sich zum Beispiel aus 6, 8, 9, 12, 16, 18 Einheiten (oder ihr Vielfaches) zusammensetzt.“ [7]. In „Eat the music“ werden immer zwölf Pulseinheiten zu einem Takt zusammengefasst – der Song steht im 12/8-Takt (die musikalischen Details des Songs sind aus [8]).
„Die Wiederkehr von solchen 8-, 12- oder 16-pulsigen Beat-Einheiten bezeichnet man als Zyklus, der sich aus melodischen Motiven, Formeln oder Phrasen strukturiert, bis dass der Zyklus sich von vorn wiederholt. Elementare Pulsation und Timeline-Pattern, Beat und Off-Beat, Polyrhythmik und Kreuzrhythmik  sind die grundlegendsten Merkmale schwarzafrikanischer Musik.“ [7]. Die dies abbildende Struktur von „Eat the music“ ist sehr komplex. Unablässig erklingen über jeweils zwei Takte die Grundakkorde von D-Dur: Tonika D-Dur-Akkord für die Zeit von sechs Achteln, Subdominante G-Dur-Akkord für sechs Achtel, Dominante A-Dur-Akkord für zwölf Achtel. Dazu gibt es eine sich über ebenfalls zwei Takte erstreckende, sich unablässig wiederholende Grundfigur im Bass mit leicht gegenüber den Taktschwerpunkten versetzten Akzenten. Von Beginn an rast dazu eine Figur aus Achtelketten jeweils über zwei Takte dahin, sechsmal Akkordbrechungen über jeweils drei Achtel, dann sechs fallende Achtel. Später im Verlauf des Songs wird dieses Achtelkettenmotiv vermischt und kombiniert mit einem schwebenden Motiv aus Achteln, verlängerten Vierteln und über den Taktstrich verbundenen Noten. Die rasende Begleitung auf den Saiteninstrumenten bekommt so etwas Losgelöstes, Freies. Die Singstimme ist gegen die Taktschwerpunkte verschoben, sehr häufig wird eine Achtelnote am Ende eines Takts mit einer langen Note im neuen Takt verbunden. Die Singstimme übernimmt damit das Schwingende, Tänzerische. Immer abwechselnd mit der Singstimme singt ein Chor hymnische Vokalisen als Gegenbewegung. Im Chorus mit seinen männlichen Stimmen wird dies durch Bläser aufgenommen und betont. All diese Motive überlagern sich, fügen sich zu großen Blöcken zusammen. Zum Schluss jagen diese Motive den Song in einen wilden, hymnischen Tanz hinein, alles dreht sich wie besessen in einem ewigen Kreislauf, ohne Anfang und Ende. Alles versinkt im Rhythmus und den Chor-Vokalisen. Es könnte wieder von vorn beginnen, der Song ist als ein geschlossener Kreis denkbar (es wird aber ausgeblendet).
Afrikanische beziehungsweise madagassische Musik ist es also, die hier dargeboten wird, keine lateinamerikanische Musik. Es gibt nur gewisse Ähnlichkeiten. Um diese Ähnlichkeiten nicht zu sehr hervorzuheben, wurden sogar während der Aufnahmen Instrumente ausgetauscht [9]. Madagassische Musik ist dem Hörer nicht so vertraut wie das Lateinamerikanische, es ist kein Mainstream. Der Hörer versucht eine Einordnung – bemerkt aber, dass die nicht passt. Dies erklärt vielleicht einige Irritationen der Rezensenten. Im ganzen Lied findet sich nur Dur und nichts als Dur [8], reinstes D-Dur, es gibt keine melancholische Abtönung ins Moll hinein. Nach Beckh [10] ist D-Dur die stärkste Tonart überhaupt, es ist die Tonart des strahlenden Helden, des Erreichen des höchsten Ziels, der siegreichen Überwindung. Es ist die Tonart, die die Grabesfesseln sprengt. Sie steht daneben aber auch für die sprießende, belebende Kraft des Frühlings, die Wachstumskraft, die Werdekraft [10]. Positiver und ferner von Trauer kann keine Tonart sein. So ausschließlich wie sie in „Eat the music“ eingesetzt wird, ist sie fast schon gnadenlos fröhlich, es ist eine Mauer aus Musik gegen die Trauer. Die Fröhlichkeit ist gegenüber „ny soratra masina“ fast ins Dämonische, Manische übersteigert. Sollen wir Zuhörer zum Fröhlichsein gezwungen werden? Will sich Kate Bush so zur Fröhlichkeit zwingen? So betrachtet hat dieses Lied musikalisch etwas von einem Exorzismus.
Die nächste Frage – passt der Text zu dieser einem die Fröhlichkeit einhämmernden Musik? Wird hier „verspielte, griffige Erotik“ [3] durch das Reden über Früchte dargestellt? Diese Früchte dominieren auch das Booklet, das Album selbst steht so unter dem Leitspruch „ Eat the music“. Offenbar verbirgt sich in diesem Lied eine Kernaussage (schönes Wortspiel beim Reden über Früchte). Zur Frage nach der Bedeutung der Booklet-Gestaltung gab es in einem MTV-Interview von Kate Bush eine deutliche „Das-behalte-ich-für-mich-Aussage“: „Well, it’s really just a time with a song called Eat The Music which has a lot of references to fruits and opening fruits.“ [11]. Auch sonst finden sich von Kate Bush kaum Aussagen zu diesem Song, fast als ob sie ihn im Verborgenen halten möchte.
Die erste Strophe sagt aber eigentlich schon aus, worum es geht. Kate Bush lebt für und durch die Musik, sie bietet sie dem Publikum dar, sie gibt ihr Herz dem Publikum: „Split me open / With devotion / You put your hands in / And ripe my heart out / Eat the music“. Im weiteren Verlauf wird der Blickwinkel erweitert. Um Menschen zu verstehen, muss man sie öffnen und ins Innere schauen. Um verstanden zu werden, müssen sich Menschen öffnen. Die Schlussstrophe fasst das noch einmal zusammen: „You put your hands in / What ya thinking? / What am I singing? / A song of seeds / The food of love / Eat the music“.
Im Chorus werden verschiedene Früchte aufgezählt, die ebenso zerrissen werden („Rip them to pieces / With sticky fingers“). Das Öffnen und Zerreißen der Früchte wird zum Vergleich mit der eigenen Situation herangezogen („Split ˋem open / With devotion / You put your hands in / And rips their hearts out“). Fans goutieren ein Album wie eine Früchtepalette. Sie nehmen ein Stück, freuen sich daran, zerstören die Früchte (das Lied?) aber dabei (sie sehen die Gedanken dahinter nicht). Die Früchte (der Arbeit?) werden gegessen, aber in ihnen zeigt sich der Keim für einen Neuanfang (der Same). Vielleicht kann ja daraus etwas Neues entstehen (die Wirkung der Musik). Vielleicht kann Musik so die Fesseln des Todes sprengen.
Das ist kein Hurra-Szenario. Die Früchte im Booklet sehen für mich aus wie eine blutige Masse, sie erinnern mich an Bilder eines Gemetzels. Kate Bush legt ihr Inneres offen, schonungslos direkt, blutig. Sie zeigt das herausgerissene Herz. Hinter all der fruchtsüßen Fröhlichkeit verbirgt sich ein blutendes Herz. Im Kate-Bush-Forum findet sich zum Song eine Aussage, der nichts hinzuzufügen ist ([12]): „[…] doch ich bin immer fassungslos, wenn Eat The Music als tanzbarer feel good track bezeichnet und verstanden wird. Der Song ist eines der seltsamsten, düstersten Lieder, das je in die Popannalen eingeganen ist. Dass es von Kate als fröhliches, südamerikanisch/afrikanisches Tanzlied arrangiert wurde, ist nicht nur Zeugnis eines herrlich grimmigen Humors, sondern Notwendigkeit: würden die Worte zum backing track eines z.B. Song of Solomon gesungen werden, wäre das Lied kaum zu ertragen (nicht falsch verstehen!).“
Für mich haben wir es bei „Eat the music“ mit einem der tiefgründigen Songs von Kate Bush zu tun. Unter einem fröhlichen Tanzlied verbirgt sich das Dunkle. Hinter dem Dunklen verbirgt sich eine Kernaussage über ihr Schaffen. Es war geplant, den Song als erste Single auszukoppeln – dies wurde dann zugunsten von „Rubberband Girl“ fallengelassen [9]. Die spätere Auskopplung war dann aber doch ein Erfolg. Paddy schätzt, dass sie sich vier Millionen Mal verkauft hat [5]. Vermutlich hat nur ein kleiner Teil der Hörer hinter die fröhliche Maske geblickt.   (© Achim/aHAJ)

[1] Rob Jovanovic: Kate Bush. Die Biographie. Höfen. Koch International GmbH/Hannibal. 2006. S.182
[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.116
[3] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.325 [4] „Joanni“ auf http://www.carookee.com/forum/Kate-Bush/128/Sunset.7559727.0.01105.html (gelesen 30.03.2009)
[5] Stefan Franzen: „Paddy Bush und die Musik Madagaskars (Teil 2)“. http://morningfog.de/?p=4907 (gelesen 10.11.2017)
[6] Justin Vali: ny soratra masina. http://youtu.be/4SSbBDceLKE (gelesen 12.12.2017) [7] https://www.lernhelfer.de/schuelerlexikon/musik/artikel/rhythmen-der-welt (gelesen 06.12.2017)
[8] Kate Bush: The red shoes (Songbook). Woodford Green. International Music publications Limited. 1994. S.21ff
[9] „Well red“ Interview in Future Music mit Del Palmer. 11/1993
[10] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999.  S.180f
[11] „MTV Most Wanted“ mit Ray Cokes. 22.10.1993
[12] „Stgpepper“ auf: „http://www.carookee.com/forum/Kate-Bush/115/Why_Should_I_Love_You.13942934.0.01105.html“ (gelesen 16.03.2009)

Jan 26 2018

40 Jahre TKI: Konzerte und ein neues Heft

Zwei spannende Veranstaltungen stehen in den nächsten Wochen rund um den 40. Jahrestag der Veröffentlichung des Kate Bush-Debütalbums „The Kick Inside“ an: So wird punktgenau am 17. Februar die englische Coverband „Cloudbusting“ eine  „The Kick Inside 40th Anniversary Show“ veranstalten und in der Londoner Islington Assembly Hall gemeinsam mit Gastmusikern das komplette Album spielen. Natürlich gibt es als Nachschlag auch noch viele andere Hits von Kate. Die Show ist leider längst komplett ausverkauft. Schon zum 30. Jahrestag von „Hounds Of Love“ hatten „Cloudbusting“  mit Originalmusikern der Albumaufnahmen alle Songs der LP auf die Bühne gebracht. Am 23. und 24. März gibt es dann ein besonderes Konzert im Konzerthaus im schwedischen Göteborg. Das Symphonieorchester nimmt den TKI-Jahrestag zum Anlass, Songs von Kate zu spielen – für das Orchester neu arrangiert von Martin Schaub, der unter anderem schon mit Benny Andersson (Abba) zusammengearbeitet hat. Abseits der musikalischen Würdigung kann man sich noch auf die neue Sonderausgabe des Classic Pop Magazins freuen, das am 1. Februar erscheint und sich als „Kate Bush 40th Anniversary Edition“ ausschließlich Kate widmet. Man sollte sich allerdings beeilen und das Heft vorbestellen: die Auflage ist begrenzt und allein die Ankündigung des Magazins hatte die Webseite der Herausgeber bereits lahm gelegt.

Jan 20 2018

40 Jahre Wuthering Heights

Heute auf den Tag genau vor 40 Jahren am 20. Januar 1978 veröffentlichte EMI in England die Single „Wuthering Heights“. Eingespielt wurde der Song mit Musikern der Gruppe „Pilot“ von „Alans Parsons Project“, unter der Regie von Produzent Andrew Powell. Das Debut-Album „The Kick Inside“ folgte im Februar. Kate hatte sich bei der Single-Auswahl gegen EMI durchgesetzt, die eigentlich „James and the cold gun“ als erste Single veröffentlichen wollten – und bewies den richtigen Riecher: „Wuthering Heights“ kletterte am 11. März auf Platz 1 der englischen Single-Charts und konnte Abba mit „Take a chance on me“ verdrängen. Und: Kate war die erste Frau, die mit einer Eigenkomposition Platz 1 der Charts erobert hatte – und das, obwohl sie zu dem Zeitpunkt vollkommen unbekannt war, sie in dem Song eher schwere literarische Kost verarbeitete und musikalisch eher Punk angesagt war. Dass Kate damit den Pop wieder oder neubelebt hat, konnte man erst rückblickend erkennen. Dass der Song auch nach 40 Jahren nichts an Strahlkraft verloren hat, belegt nicht zuletzt, dass er kürzlich erst bei einer Abstimmung des schottischen Buchhandels mit großer Mehrheit zum besten von einem Buch inspirierten Popsong gekürt wurde.