Aug 28

Show a little devotion: Volker

saldKate-Fans sind treu, hingebungsvoll, geduldig und vor allem in die Musik von Kate verliebt. Im Kate-Fragebogen “Show a little devotion” gibt es für Kate-Fans immer die selben zwölf Fragen… mit den unterschiedlichsten Antworten…Heute von Volker:
volker-abcMit welchem Kate-Song wachst Du am liebsten morgens auf?
„Not this time“. Da das Lied eine unglaubliche Dynamik und poetische Intensität hat, und weil niemand ein Wort wie „shit“ so singen könnte wie Kate. Dann ist da noch diese zauberhafte Kampfschrei an den Tag:
„Too-ree-ay, too-ree-o, too-ree-ay, too-ree-o, too-ree-ay’s what I say
To keep me going,
And to keep the shit away.“

Welche von Kate besungene Figur wärst Du gerne?
Wahrscheinlich einer der Jungs in Kashka´s House. Die scheinen sehr viel Spaß zu haben, und dann könnte ich bei offenem Fenster an einem Sommertag Kate Bush im Haus gegenüber Klavier spielen hören.

Wie lautet Deine liebste Textzeile von Kate?

„Where in your palm is my little line, when you´re written in mine, as an old memory.“

Welchen Kate-Song singst Du unter der Dusche?
Zurzeit ist das „Army Dreamers“, seit ich das wunderbare Cover von Moddi rauf und runter höre.

Mit welchem Song von Kate verbindest Du ein besonderes Erlebnis?
Gerade vor ein paar Wochen „Wuthering Heights“. Beim Event auf dem Tempelhofer Feld dabei zu sein und aus allen Richtungen Cathys kommen zu sehen, mit U-Bahn, Bus, Fahrrad, Inlineskates. Es war surreal und ich kann mir nicht vorstellen, dass es so ein weltweites Event für irgend einen Pop-Song je gegeben hat oder geben wird.

Welchen Song von Kate hörst Du, wenn Du verliebt bist?
„Hounds of Love“. Die schönste Liebeserklärung an die Liebe. Ich hab meinen Roman „Ashby House“ um das Lied herum geschrieben. „I found a fox…“

Welcher Song-Titel von Kate beschreibt Dich am besten?
Ich finde viele vertraute Gefühlslagen in ihren Liedern wieder. An einem melancholischen Tag „Under the Ivy“.

Welches Album von Kate magst Du am liebsten?
Ich kann keines ausschließen. Jedes kam für mich zum exakt richtigen Zeitpunkt. Am Heftigsten erwischt hat mich „The Dreaming“, das so neu daher kam und so viele einzelne Geschichten musikalisch perfekt in Szene setzte. Die Vielfalt und Vielschichtigkeit in der Produktion ist überwältigend.

Welcher Song hat Deine Begeisterung für Kate geweckt?
Ich war 10 als ich „Wuthering Heights“ das erste Mal hörte. Im Kinderzimmer einer Schulfreundin. So etwas hatte ich noch nie gehört. Eine musikalische Epiphanie, die mir direkt in die Seele rauschte. (Und das obwohl ich damals kein Englisch verstand. Über die Jahre war es dann ein Fest, Kates Texte zu entdecken.)

Was macht für Dich Kate so besonders?
A Kate Bush is a Kate Bush is a Kate Bush.

Was würdest Du Dir für das nächste Album von Kate wünschen?
Zunächst einmal würde ich mich über die „Before the Dawn“-DVD freuen. Ich war an den Tagen der Aufzeichung im Konzert – ein Lebensereignis, bzw. zwei. Ansonsten habe ich vollstes Vertrauen in Kate, dass sie uns nicht enttäuschen wird. (Ein Duett von Bowie und Bush mit „Wheeler Street“ war ein großer Traum von mir.)

Welcher Song von Kate soll einmal auf Deiner Beerdigung gespielt werden?
„The Big Sky“. Ich will eine Song-and-Dance-Bestattung.

Aug 23

Wiederentdeckt: Fotografie in Musica

guido-italien3-620Guido Harari: Fotografie in Musica

Autor: Guido Harari, veröffentlicht bei Rusconi Libri, Milano, Italia, ISBN 88-18-12099-9, 1991, Paperback (es gab auch eine gebundene Ausgabe), ohne Seitenangaben, vergriffen.

Während wir alle mehr oder weniger ungeduldig auf das Erscheinen von Guido Hararis Buch „The Kate Inside“ warten, habe ich im Bücherschrank ein älteres Fotobuch des Meisters mit dem Titel „Fotografie in Musica“ wiederentdeckt, das 1991 veröffentlicht wurde. Neben beeindruckenden Fotografien von Künstlern wie Bob Marley, Joni Mitchell, David Bowie, Sting, Tina Turner, Peter Gabriel und vielen anderen, enthält das Buch auch drei Aufnahmen von Kate Bush, von denen eine zusätzlich das Cover ziert. Außerdem wurde folgende persönliche Nachricht in Kates Handschrift abgedruckt: „Ich liebe es, mit Guido zu arbeiten. Er gibt einem das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, ohne überhaupt etwas zu sagen. Für mich ist er sowohl Künstler als auch Fotograf. Er ist sehr kreativ und ich freue mich immer darauf, was ihm wohl als nächstes einfallen mag. Ich fühle mich geehrt, dass ich in dieser Sammlung seiner Arbeiten mit dabei sein kann. Kate Bush“.
guidobuch1990Das Buch ist in italienischer Sprache verfasst. Einem ausführlichen und mit handverlesenen Fotos versehenen Vorwort Hararis folgt der eigentliche Hauptteil „Fotografie in Musica“. Beim Betrachten fällt mir folgendes immer wieder auf: obwohl sowohl die Mode als auch die Pop- und Rock-Musik einem gewissen Verfallsdatum unterliegen, gegen das auch ein gewisser Retro-Charme machtlos ist, gelang es dem Künstler stets, seinen Fotos eine Zeitlosigkeit zu verleihen, hinter denen die zuweilen obskuren Eigenheiten der 1970er, 1980er oder 1990er Jahre verschwinden. Erhalten bleibt die Persönlichkeit der abgebildeten Person, ihr einzigartiger Charakter, ihre Ausstrahlung. Die Fotografie, so spontan sie zuweilen wirken mag (und im Falle von Live-Aufnahmen auch ist), wird so zum Kunstwerk.
Zu den Aufnahmen von Kate: Das erste Foto in zart schmelzenden Grautönen zeigt sie strahlend lächelnd und mit weit ausgebreiteten Armen in einer schlichten, weich fließenden Bluse. Bildunterschrift ist eine italienische Übersetzung ihrer persönlichen Notiz von oben, die den Auftakt des Buches darstellt.
Aufnahme zwei aus dem Jahre 1989 kommentierte Peter Gabriel mit den Worten: „Who better for underwater swimming lessons“. guido-italien-620Kate trägt ein figurbetont geschnittenes, dunkles Samtkleid mit floralen Mustern und einem tiefen Ausschnitt. Ihr Blick ist sinnend in die Ferne gerichtet, ihre linke Hand suchend-tastend erhoben, als bewege sie sich langsam und doch schwerelos durch unergründliche Wasser. Tiefe Blau- Grün und Purpurtöne dominieren und bilden einen starken Kontrast zu der weißen Haut, was ihr große Zartheit und Zerbrechlichkeit verleiht. Neben dem Bild befindet sich folgender frei übersetzte Kommentar des Fotografen: „Kate Bush. London, 1989. Meine beste Visitenkarte für sie war die Arbeit, die ich mit Lindsay Kemp realisiert habe, ihr erster Lehrer für Tanz und guido-italien2-400Theaterkunst. Seither rief sie mich mehrmals an, damit ich mich um ihre offiziellen Fotos kümmere, aber es ist schwer, da manchmal bis zu fünf Jahre zwischen zwei Sitzungen liegen! Ich vermisse ihre süße „Vielfalt“, ihre dezente Entschiedenheit, am Rande der perversen Mechanismen des „business“ zu bleiben, ihren Wunsch, eine menschlichere visuelle Dimension zu finden, bin ordentlich frustriert von ihrer unbändigen künstlerischen Persönlichkeit, die komplex und vielschichtig ist. Ganz sicher vermisse ich unsere (galvanisierenden) fotografischen Marathons, die bis zu 18 Stunden dauern, mit ihr als stets lächelnder, neugieriger und amüsierter Komplizin und Anstifterin all meiner neuen Versuche.“
Weiter hinten im Buch befindet sich das dritte Foto, ein Portrait mit einer ernsthaft in die Kamera blickenden Kate, die Stärke und Souveränität vermittelt. Sie trägt einen Kimono. Das Bild ist in warmen Rot- und Goldtönen gehalten, aufgenommen vor einem zart grün-goldenen Hintergrund und trägt die Bildunterschrift „Kate Bush, London, 1989. Aimez-vous Klimt, Cathy?“ Tatsächlich erinnern die Goldtöne, das Muster des Kleidungsstücks sowie die über das Foto gelegten und wie mit Kreide aufgemalt wirkenden, verschnörkelten Elemente an die Gemälde des Künstlers Gustav Klimt. Das Foto wurde mit den folgenden beiden Kommentaren versehen:
„Seit langem war und ist sie meine Lieblings-Produzentin. Seit ’78 bin ich fasziniert von dieser unerschöpflichen Fähigkeit einer der Primadonnen, so tief in die Musik vorzudringen. Sie führt auch Regie bei ihren Videos und ist eine großartige Sängerin, aber ich habe das Gefühl, dass dies auch zweitrangig sein könnte. Ein Fall von gut verstandenem Feminismus: eine große Fähigkeit zu erkennen, und damit anerkannt.“ (Ivano Fossati)
„Ich bin davon überzeugt, dass gute Musik am ehesten eine unbewusste emotionale Kunst und gleichzeitig reinste Rationalität ist. Als eine der großen Musikerinnen öffnet Kate Bush ein Fenster zu einem einzigartigen weiblichen Universum, zur anderen Seite des Mondes, von dem ich mich unwiderstehlich angezogen fühle, aber ich weiß, es wird nie ganz das Meine sein.“ (Eugenio Finardi)
In den letzten Tagen habe ich sehr viel in „Fotografie in Musica“ geblättert. Dabei habe ich mich in den Aufnahmen verloren. In ihnen leben vergangene, wunderbare Jahrzehnte wieder auf. Es ist diese bereits erwähnte, seltsam magische Zeitlosigkeit, die mich verzaubert. Der Ausdruck in Gesichtern von Menschen, das Strahlen oder die Nachdenklichkeit, das Lächeln oder das Stirnrunzeln. Ganz besondere kleine Gemmen sind die junge Nina Hagen im Habit einer Nonne mit der kleinen Cosma Shiva auf dem Arm. Die malende Joni Mitchel. Lindsay Kemp, erschöpft zu Boden blickend in einem Bienen-Kostüm. Oder die breitbeinig auf der Stoßstange eines Autos sitzende Gianna Nannini in Jeans und Lederjacke. Sie alle sind wunderschön. Beate Meiswinkel

Aug 18

Das Rätsel der Root Beer Mini-LP

allweeverlookforDas Kate-Universum ist größer, als manch ein Fan das ahnen mag. Seltene Boxen, Plattencover, die nach Melone duften, wenn man darüber reibt (natürlich bei Eat the music), Promo-Pressungen, Singles, die nur in einem Land in blaues Vinyl gepresst wurden (Symphony in blue) und und und. Wenn einer die vielen Sammlerstücke in- und auswendig kennt, dann ist es Michael Guth – weil er sie nämlich (fast) alle selbst besitzt. Micha ist Kate-Fan von Anfang an, durch und durch. Auf seiner Seite This Woman’s World kann man in diese Welt eintauchen. Für morningfog.de stellt Micha ab sofort in loser Folge die schönsten Sammlerstücke und ihre Geschichte vor. Und damit das nachlesen der Beiträge etwas einfacher wird, gibt es dazu im Blog die neue „All we ever look for“-Seite.

Kate Bush Mini LP Brown 1Gibt es sie jetzt in sechs oder sieben verschiedenen Farben? Eine Frage, die sich die Kate-Community schon ewig stellt. Ursprünglich in den USA und Kanada veröffentlicht, entschied man sich in Kanada, diese Mini-LP in  verschiedenen Farben zu veröffentlichen. Von außen war nie ersichtlich, welche Farbe in dem Cover steckt und alle LPs waren verschweißt. Es war also reine Glückssache, welche Farbe man letztendlich zu Hause auspackte.
Wie viele verschiedene Farben es gab, blieb ebnfalls lange unklar. Offiziell sind es sechs: Blau – Gold – Grün – Weiß – Clear und Braun. Die Legende einer siebten Farbe (Rot – Root Beer) gibt es schon seit Jahrzehnten – sie wurde allerdings noch nie gesehen. Die Versionen in Blau, Gold, Grün und Weiß sind relativ einfach zu bekommen. Braun und Clear gehören zu den seltensten und teuersten Kate Bush-LPs und gehen mittlerweile für Unsummen über den Fan-Tisch! Nach der braunen Version habe ich über 20 Jahre gesucht und sie vor zwei Jahren endlich gefunden. Happy hunting! Michael Guth

Aug 13

Das Song-ABC: Breathing

abcbreathing2Ohne Zweifel ist dies ein Höhepunkt im Schaffen von Kate Bush. Der letzte Titel des Albums „Never for ever“ beginnt mit dramatischen Akkorden. „Outside gets inside“ singt Kate Bush dazu, mit einem fast unmerklichen Beben von Angst in der Stimme. So beginnt „Breathing, das „herausragende Meisterwerk des Albums“ [1]. Graeme Thomson kann seine Begeisterung kaum zügeln. Zum ersten Mal sei Kate Bush „eine wirkliche Verbindung aus Experiment und Emotion“ gelungen, das ist für ihn „eine überwältigende Kombination“ [1]. Der Song war die erste Single-Auskopplung aus „Never for ever“ und erreichte Platz 16 in Großbritannien.
Auch Kate Bush selbst war mit „ihrer kleinen Sinfonie“ zufrieden, wie sie in mehreren Interviews nach Erscheinen des Albums bestätigte: „From my own viewpoint that’s the best thing I’ve ever written. It’s the best thing I’ve ever produced. I call that my little symphony, because I think every writer, whether they admit it or not, loves the idea of writing their own symphony. The song says something real for me, whereas many of the others haven’t quite got to the level that I would like them to reach, though they’re trying to. Often it’s because the song won’t allow it, and that song allowed everything that I wanted to be done to it.“ [2]
Und wirklich – der Song hat etwas symphonisches, er entwickelt seine Geschichte in klassischen Schritten, von der Einleitung hin bis zur Schlussnote. „Breathing“ ist ein emotionaler Kommentar über die ganz realen Gefahren, die von einem möglichen Nuklearschlag in unserer verwundbaren Welt ausgehen. Wie so oft bei Kate Bush kam dabei der Anstoß dazu von etwas, was sie im Fernsehen/Film gesehen hatte: „[..] in the case of Breathing, most of the information came from a documentary about a man who had been following up the negative results of nuclear products.“ [3]
katebush-breathing-p_s-7_record-426181Es ist ein charakteristisches Muster bei Kate Bush, dass dann nur persönliche Betroffenheit und Berührtheit den Kompositionsprozess anregt. „Breathing“ ist daher trotz seiner Thematik kein typischer politischer Song.
„When I wrote the song, it was from such a personal viewpoint. It was just through having heard a thing for years without it ever having got through to me. ‚Til the moment it hit me, I hadn’t really been moved. Then I suddenly realised the whole devastation and disgusting arrogance of it all. Trying to destroy something that we’ve not created–the earth. The only thing we are is a breathing mechanism: everything is breathing. Without it we’re just nothing. All we’ve got is our lives, and I was worried that when people heard it they were going to think, ‚She’s exploiting commercially this terribly real thing.‘ I was very worried that people weren’t going to take me from my emotional standpoint rather than the commercial one. But they did, which is great.“ [2]
Das Nuklearschlag-Thema wird nicht auf die ganze Menschheit bezogen – es wird auf eine Person heruntergebrochen und damit emotional zugänglich. Der Text gibt die Sicht eines Embryos im Mutterleib wieder, der nicht nur das Nikotin einatmen muss, das seine Mutter inhaliert, sondern in einer Welt nach dem Atomschlag auch strahlendes Material. Das ungeborene Kind hat schon einmal in einer früheren Inkarnation gelebt und weiß, wie schön die Erde war. Jetzt in dieser postapokalyptischen Welt möchte es nicht geboren werden: „It has all its senses: sight, smell, touch, taste and hearing; and it knows what is going on outside the mother’s womb. And yet it wants desperately to carry on living, as we all do, of course.“ [4]
Das ist eine bedrückende Geschichte, in der sich Politik und Krieg, die schrecklichen Auswirkungen auf die Menschen und spirituelle Aspekte (Wiedergeburt) vermischen. Beim Schreiben hatte Kate Bush die Befürchtung, dass der Song zu negativ sein würde. Aber es ist Hoffnung darin – er ist eine warnende Botschaft aus der Zukunft.
„I was worried that people wouldn’t want to worry about it because it’s so real. I was also worried that it was too negative, but I do feel that there is hope in the whole thing, just for the fact that it’s a message from the future. It’s not from now, it’s from a spirit that may exist in the future, a non-existant spiritual embryo who sees all and who’s been round time and time again so they know what the world’s all about. This time they don’t want to come out, because they know they’re not going to live. It’s almost like the mother’s stomach is a big window that’s like a cinema screen, and they’re seeing all this terrible chaos.“ [2]
Diese Bilder finden sich auch im Video wieder. Kate Bush schwebt in einer großen Blase, wie ein Baby im Mutterleib, dem vermeintlich sicheren Ort.Der Song schafft es, dies so in eine Form zu gießen, dass alle diese Einzelheiten und Assoziationen mitschwingen und spürbar sind. Die persönliche Betroffenheit und die gefühlten Emotionen nehmen Form an.
katebush-breathing(1)Für mich ist „Breathing“ perfekt durchgestaltet, die Musik unterstützt alle Emotionen in beeindruckender Form. Die Strophen sind eher dramatisch, der Unterton ist bedrohlich. Die Eingangsakkorde erinnern mich an die aufwühlenden Anfänge großer klassischer Sinfonien. Verstörende Taktwechsel – 2/4, 3/4, 4/4 –  verstärken das Drama [5]. Ein d-Moll beherrscht die Harmonik, die Tonart des Grabes und des Todes [6]. Der Chorus dagegen ist eher weich, zärtlich, wiegend – voller Liebe für die Mutter, die Natur, das Leben. Hier ist auch die „Taktwelt“ mit ihrem reinen 4/4 noch in Ordnung [5]. Die Harmonik hier ist lichter –  Fis-Dur-Akkorde („die Schwellentonart [6]) und B-Dur-Akkorde (Glaube, Hoffnung [6]) hellen die Stimmung auf und trösten.
Nach dem zweiten Chorus folgen die ernüchternden Erklärungen über die Bombe. In einer Überleitung erklärt eine männliche Stimme die Auswirkungen – den hellen Blitz, den Feuerball. die Pilzwolken und die verschiedenen Größen solcher Bomben. Diese Stimme ist im Hintergrund und kaum zu verstehen. Sie klingt wie eine amtliche Verlautbarung, die im Radio verkündet wird und die die Mutter nebenbei hört. Im Vordergrund geistern wabernde, tonal nicht zuzuordnende Akkordfetzen herum. Eine Sicherheit ist auch melodisch nicht mehr da. Dann fügt sich langsam wieder die Melodie des Chorus zusammen, ein zärtlicher Bass übernimmt die Kontrolle. Das ist ein tröstendes Wiegenlied in der Finsternis. Ganz allmählich aber verwandelt sich das in den dunklen Schluss. Das Wiegenlied rutscht ins Düstere ab und ändert sein Wesen – ein Totentanz. Ein hoffnungslos klingender Hintergrund-Chor singt sein Abschiedslied: „We are all going to die without!“. Leben ohne Atmen ist nicht möglich. Dieser Chor ist für mich ein Gesang der Sterbenden, der Gestorbenen, der Toten. Kate Bush selbst schreit dazu das Suchen nach Atem, nach Leben heraus, immer verzweifelter, nach Luft ringend. Aber es gibt keinen Ausweg. Die Luft entweicht (so klingt es) und mit einer dunklen, ersterbenden Schlussnote endet der Song. Ein letzter Herzschlag (Nuklearschlag?) – Tod. „Breathing“ ist „ein komplexes und intensives Stück voller Liebe, Schrecken und Vorahnung“ [1]. Ich möchte Graeme Thomson hier noch ergänzen: es ist gewalttätig und leidenschaftlich.
In den Interviews von 1980 wollte Kate Bush den Song nicht als zu negativ darstellen. Aber 1982 mit etwas Abstand (und mit einem sehr viel düsteren Album im Gepäck) revidierte sie ihre Einschätzung. Einen Schimmer von Hoffnung gibt es ihrer Meinung nach nicht: „Yes and I actually think Breathing was a very violent song too, just because it was so negative. I mean, they’re a lot of just awful imagery. I mean it’s really terrible, it’s so negative, without hope at all. And yet hope people seem to treat it on quite a normal level. […] It’s more or less saying that this baby that’s being born, that is a baby that’s perhaps has had several lives before, is about to be destroyed inside it’s mother, because it’s living off it’s mother, and it’s mother will die, and it will die even before it’s sees the day of light. And I think that’s really negative!“ [7]
Für mich schießt sie hier in der Wertung über das Ziel hinaus. Die Dur-Harmonik lässt im Chorus eine Spur von Hoffnung durchscheinen. Aber in der Gesamteinschätzung hat sie natürlich Recht. Das Lied endet ohne ein Happy End, es endet in der Todestonart. Gesanglich gelingt Kate Bush ein Durchbruch auf eine andere Ebene: auf dem Höhepunkt wird der Gesang zu einem Brüllen, voller Schmerz und Leid. Das weist schon in die Zukunft (z.B. auf „Pull out the pin“). Bisher war das Publikum einen eher hohen, feenhaften Gesangsstil gewohnt, jetzt erweiterte sich spürbar die gesangliche Vielfalt.
atomicfa„Breathing“ ist eines der wenigen Lieder, zu denen Kate Bush im Detail erzählt, wie er entstanden ist und was ihn inspiriert hat. Der Song entwickelte sich gleichsam von selbst: „That track was easy to build up. Although it had to be huge, it was just speaking — saying what had to be put on it.“ [2]. Dabei kam dann ein Steinchen zum anderen, eine Assoziation folgte auf die andere und all dies gab dem Lied schließlich seine Richtung. „I wanted to write a song, and I came up with some chords which sounded to me very dramatic. Then up popped the line, „Outside get inside,“ as I was trying to piece the song together, and I thought it would be good to write a song about a baby inside the womb. Then I came to a chorus piece, and decided that the obvious word to go there was „breathing“, and I thought automatically that it had been done before. But asking around, I couldn’t understand why it hadn’t, because it’s such a good word. Then „breathing“ and the baby turned into the concept of life, and the last form of life that would be around — that would be a baby that was about to be born after the blast. It was a very personal song. I thought at the time that it was self-indulgent, and it was something I just did for myself, really. For me it’s a statement that I hope won’t happen.“ [8]
Um diese Emotionalität zu erreichen, musste die Band den Background ein um das andere mal während der Aufnahmesessions wiederholen. Zuerst fehlte das Gefühl, alles klang zu perfekt und zu „rein“ – aber ohne Gefühl funktionierte es für Kate Bush nicht. Erst als die Musiker losließen, da hob der Song auf einmal ab. „I think the most exciting thing was making the backing track. The session men had their lines, they understood what the song was about, but at first there was no emotion, and that track was demanding so much emotion. It wasn’t until they actually played with feeling that the whole thing took off. When we went and listened, I wanted to cry, because of what they had put into it. It was so tender. It meant a lot to me that they had put in as much as they could, because it must get hard for session guys. They get paid by the hour, and so many people don’t want to hear the emotion. They want clear, perfect tuning, a ‚good sound‘; but often the out-of-tuneness, the uncleanliness, doesn’t matter as much as the emotional content that’s in there. I think that’s much more important than the technicalities.“ [2]
Das zeichnet Kate Bush aus. Sie muss dem Klang, den sie in ihrem Kopf hört, so nahe wie möglich kommen, bis schließlich „ein geheimnisvoller, magischer Moment voller Wahrheit entsteht.“ [1] Es wird oft übersehen, dass das Erzeugen von Magie Detailarbeit erfordert und Besessenheit. Es ist ein „wieder und wieder“, bis endlich dieser Moment der Wahrheit da ist. Eine besondere Inspiration war das Album „The Wall“ von Pink Floyd. Zuerst war dieses Album ein Schock (kann danach noch etwas gesagt werden?), dann schließlich ein neuer kreativer Anschub, der sich direkt auf „Breathing“ auswirkte. „It got to the point when I heard it I thought there’s no point in writing songs any more because they’d said it all. You know, when something really gets you, it hits your creative centre and stops you creating…and after a couple of weeks I realized that he hadn’t done everything, there was lots he hadn’t done. And after that it became an inspiration. Breathing was definitely inspired by the whole vibe I got from hearing that whole album, especially the third side. There’s something about Floyd that’s pretty atomic anyway.“ [9]
Kate Bush war zu „Breathing“ so offen und zugänglich wie selten. Ihre Worte erklären, wodurch dieser Song so lebendig ist. Jedes ihrer Worte spricht davon: „Breathing“ ist Herzblut und Leidenschaft. Es ist kaum möglich, sich dem zu entziehen, es geht so direkt ins Herz. (© Achim/aHAJ)
[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH, S.212-213
[2] Kris Needs: Fire in the Bush. Interview in ZigZag. 1980? (zitiert nach http://gaffa.org/reaching/i80_zz.html – gelesen 21.07.2016)
[3] Kate Bush im „Kate Bush Club Newsletter“ Ausgabe 14 (Herbst 1993).
[4] Deanne Pearson: The Me Inside. Smash Hits. Mai 1980
[5] “Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.67-68
[6] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.150, 102, 247.
[7] The Dreaming Interview. Von der CBAK 4011 CD (picture disk)
[8] Kate Bush im „Kate Bush Club Newsletter“ Ausgabe 6 (Juli 1980).
[9] Colin Irwin: Paranoia and Passion of the Kate Inside. Melody Maker. 04.10.1980

Aug 08

Danke!

500Etwas überstürzt und vollkommen ungeplant ist morningfog.de am 21. Dezember 2012 online gegangen. Ein neuer Treffpunkt für deutsprachige Kate-Fans sollte her, nachdem es kate-bush.de nicht mehr gab. Drei Jahre und sieben Monate später hat dieser Blog nun die Zahl von 500.000 Besuchern erreicht. Das verblüfft mich immer noch selbst, zumal die Zahl der monatlichen Besuche eine erstaunlich hohe Konstanz aufweist und auch nicht dadurch geschmälert wurde, dass es parallel die Facebook-Seite von morningfog.de gibt. Danke für die Treue. Ein besonderer Dank gilt vor allem denen, die mich so tatkräftig unterstützen: Achim und Stefan, die mit ihren spannenden Analysen das Song-ABC komplettieren (Achim schreibt zudem auch die Analysen zu Kates Alben). Beate, die sich um Buchrezensionen kümmert, und die vor allem immer zur Stelle ist, wenn es „brennt“ oder mal mehr Arbeit an Texten gefordert ist. Oder „Herr Böttcher“, der zu den Konzerten seine wundervollen Kolumnen geschrieben hat. Oder MIcha, der mit viel Liebe dabei ist, eine neue Serie über besondere Sammlerstücke vorzubereiten, die in den nächsten Tagen startet. Allen, die den Fragebogen ausgefüllt haben und auf die stets gleichen Fragen immer neue, spannende Antworten finden. Und natürlich auch allen, die als Gesprächspartner zur Verfügung standen und so erst viele interessante Beiträge ermöglicht haben – wie jetzt zum Beispiel Guido Harari, der sich trotz der Vorbereitungen für sein Buch die Zeit für ein umfangreiches Interview genommen hat. Und nach wie vor gilt: Beiträge und Ideen sind immer gerne gesehen. Etwas mehr als 470 Beiträge sind in den knapp vier Jahren inzwischen im Blog erschienen. Auch das hätte ich nicht für möglich gehalten. DANKE.

Aug 07

Neues Poster und eine Skulptur in 2017

glass2Auf der Facebook-Seite des Blogs war es vor einigen Wochen schon nachzulesen: In Nottingham hat die Kneipe „The Loom“ wieder geöffnet und ist von den neuen Betreibern komplett umgestaltet worden – ein bisschen American Style was das Essen betrifft, vor allem aber eine Huldigung nicht nur an Musik-Ikonen. Eigens für das Loom hat Künstler James Doherty Glasbilder produziert, die der Blickfang der Kneipe sind. Wobei der Begriff Kneipe eigentlich eher untertrieben ist: Tagsüber funktionieren die Räume als Kreativ-Werkstatt für gleich mehrere Künstler, abends wird der Ort auch zur Bühne. In einem Glasbild, das die Kneipe schmückt, hat James das bekannte Babooshka-Bild als Motiv aufgegriffen, die Fish People-Figur dazu gestellt, sich bei einer Textzeile von The Sensual World bedient, vom TSW-Cover noch die weiße Rose ausgeborgt und selbst das KT-Symbol von der This Woman’s Work-Box in Glas verewigt. Kombiniert mit einem Zitat von Kate wird sie als ‚Creative Genius‘ gewürdigt – in einer Rehe mit Musikern wie Prince oder David Bowie. In einer limitierten Auflage von 200 Stück wird das Glas-Bild nun auch als Posterdruck in einer Größe von 34 mal 59 Zentimetern angeboten – nummeriert und handsigniert vom Künstler. Der Preis: 75 britische Pfund (90 Euro). Es gibt aber noch eine weitere Geschichte: James Doherty und seine Freundin sind Blondie-Fans. Vor Monaten waren sie in London auf einem ihrer Konzerte. Und weil sie kein Geld übrig hatten, sich am Merchandise-Stand mit Andenken einzudecken, hat er für seine Freundin eine Statue von Blondie angefertigt (die inzwischen auch im Loom zu bewundern ist). Irgendwann kam James Freundin ganz aufgeregt zu ihm und meinte, dass einer der Mitbegründer von Blondie auf Facebook sei. Kurzentschlossen hat James ihm ein paar Fotos der Blondie-Statue gezeigt. Das Ergebnis: Er bekam den Auftrag, genau 42 dieser Skulpturen herzustellen, um damit 41 Jahre Punkmusik zu feiern. Eine Skulptur ist natürlich für Frontfrau Debbie Harry reserviert, die das Projekt offiziell abgesegnet hat, so dass ein Teil der Statuen über die Blondie-Fanseite vertrieben wird. James will im kommenden Jahr auch von Kate eine Skulptur anfertigen. Dazu laufen momentan Gespräche mit Guido Harari, weil James gerne ein Fotomotiv von Guido als Vorlage für seine Skulptur nutzen würde. Der Preis für die Skulptur dürfte dann etwa bei 200 Pfund (240 Euro) liegen. Infos zum Poster und bestellen kann man hier.

Aug 03

Guido Harari: Kate ist Musik pur (3/3)

pauseIm September erscheint das neue Buch „The Kate Inside“ von Guido Harari, der mehr als ein Jahrzehnt mit Kate zusammengearbeitet hat. Im Gespräch mit morningfog.de erzählt Guido, was man von seinem Buch erwarten kann, welche Rolle die Musik überhaupt in seinem Leben gespielt hat, wie die Foto-Shootings mit Kate verlaufen sind und er verrät natürlich auch, welches seine Lieblingsfotos von Kate sind. Im letzten Teil des Interviews geht es unter anderem um seine Vorliebe für die Musik und wie er die Arbeit von Kate einordnet.

guido3 Du hast vorab schon einige Bilder aus deinem Buch veröffentlicht, bei denen ich mich gefragt habe, wie du Kate überzeugen konntest, eine neue Seite von ihr zu zeigen. Zum Beispiel diese wundervolle Profilaufnahme in Schwarz-weiß oder das Bild im Sonnenlicht von der Sensual World-Session… Es ist so ein warmes Bild und sie lächelt so wundervoll… Warum ist es nie veröffentlicht worden?

Guido Harari: Ich glaube sie hat das „Sonnenlicht“-Bild im Booklet zum Box-Set von This Woman’s Work genutzt – ich habe das Booklet gerade nicht zur Hand und kann es deshalb nicht klären. [Guido hat Recht. Im Booklet ist das Bild auf Seite 19 zu finden.] Das Foto haben wir sehr früh am Morgen aufgenommen, als sie mit dem Make-up, der Frisur und der Kleidung fertig war. Sie war atemberaubend schön und das Sonnenlicht, das durch das Studiofenster strömte, war perfekt. Wir brauchten wirklich nur ein paar Aufnahmen dafür. Das Schwarz-weiß-Profil habe ich am Filmset gemacht – dafür posierte sie nie. Ich habe es einfach in einer Drehpause geschossen. Während unserer sun400Marathon-Fotoaufnahmen haben wir unendlich viele verschiedene Motive aufgenommen. Wohlgemerkt: Diese Fotos waren als ihre einzigen offiziellen Pressefotos vorgesehen, also benötigten Kate und EMI so viel Material wie möglich, mit denen sie arbeiten konnten. Aber weil Kate sehr wählerisch ist, wurden viele der Bilder für Presse und Promotion nicht für gut befunden. Wenn man ein Buch wie The Kate Inside zusammenstellt, dessen Ziel es ja ist, mit der Auswahl der Bilder „die ganze Geschichte“ zu erzählen, ändern sich die Auswahlkriterien wieder sehr.

Über viele Jahre hinweg hattest Du sehr bekannte Musiker vor der Kamera. Wie wichtig ist Musik für Dich? Und wie wichtig ist die Musik des Künstlers, mit dem Du zusammenarbeitest, für Dich?

Guido Harari: Ich habe mich schon sehr früh in den Rock’n’Roll verliebt, ich war da ungefähr sechs oder sieben Jahe alt. Ich lebte damals in Italien, es gab keine Konzerte, kein Fernsehen, kein YouTube, kein Internet. Alles was man vor Augen oder in den Händen halten konnte, waren die wunderschönen Plattencover. Sie waren meine erste optische Ausbildung als aufstrebender Musikfotograf. Für meine Generation war Musik pure Bildung – klanglich, kulturell, universell. Aber ich war auch ruhelos – ich wollte nicht nur einfach ein Fan sein. Ich wollte die Künstler treffen, die mich inspiriert hatten. Ich wollte die reale Person und nicht die öffentliche Person, die Ikone, erleben. Ich hatte das Glück und den Vorteil in einer Zeit mit meiner Arbeit zu beginnen, in der man noch problemlos einen Zugang zu seinen Helden finden konnte – Lou Reed, Bob Marley, Frank Zappa, Joni Mitchell – und sich sogar mit einigen von ihnen auch noch anfreunden konnte. So war es auch mit Kate. Heute wäre das unmöglich. Es hat sich alles verändert.

Du hast mit Kate mehr als eine Dekade lang zusammengearbeitet – beginnend nach dem Album The Dreaming, bis sie sich 1993 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Wie hast Du ihre musikalische Entwicklung in dieser Zeit erlebt und wie ihre persönliche?

Guido Harari: Kate war schon immer und ist bis heute eine sehr private Person. Ich vermute mal, dass sich ihr soziales Leben rund um das Aufnahmestudio in ihrem Haus drehte und um die Musiker, mit denen sie zusammenarbeitete. Die Kunst war ihr ganzes Leben. Sie war auf einer Mission! Man muss wahrscheinlich auch ein Teil dieses Prozesses gewesen sein, um mit ihrer persönlichen Entwicklung im Einklang zu stehen. Was die Musik betrifft, spürte ich, dass sie mit ihren Alben Hounds of Love und The Sensual World ihre produktivste Periode hatte, auch wenn vielleicht The Dreaming eines ihrer kühnsten Alben war. Als sie mich weiter Jahr für Jahr anrief, damit ich  die Fotos von ihr schieße, war das für mich natürlich immer sehr spannend und anregend. Sie erreichte damals ihre Blütezeit und jedes Album war eine Offenbarung.

Welches ist Dein Lieblingsmotiv von Kate und warum?

Guido Harari: Wahrscheinlich eines der „Underwater“-Bilder, wenn ich nur eines auswählen dürfte. Ich mag das „Klimt“-Bild sehr, was ich als Closeup für den Schuber von The Kate Inside genutzt habe – sie sieht auf dem Foto wirklich majetätisch aus. Ja, das sind wohl meine „definitiven“ Aufnahmen von Kate.

Wie würdest Du Kate heute fotografieren? Und gab es einen bestimmten Grund, warum sie Dich 2005 nicht zu den Aerial-Aufnahmen eingeladen hat?

Guido Harari: Wie ich schon sagte: Das Leben entwickelt sich weiter und man ist immer bereit für etwas Neues. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit. Wenn du aus diesem Tunnel herauskommst, bist du nicht mehr die gleiche Person wie all die Jahre zuvor. Ich glaube dass Tim Walker für sie die perfekte Wahl war. Er ist mit seinen Bildern ein grandioser Geschichtenerzähler und hat eine wilde Vorstellungskraft. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Kate es vielleicht gar nicht mehr mag, für ein neues Album fotografiert zu werden – oder es auch nicht braucht. Kate ist Musik pur. Man muss nur offene Augen und ein offenes Herz haben, um sie zu verstehen. Das ist das Beste, wovon ein Künstler träumen kann, dies zu seinen Lebzeiten zu erreichen.

Jul 30

Happy Birthday, Kate!

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Jul 28

Guido Harari: Kate, wie man sie noch nie gesehen hat (2/3)

harari2Im September erscheint das neue Buch „The Kate Inside“ von Guido Harari, der mehr als ein Jahrzehnt mit Kate zusammengearbeitet hat. Im Gespräch mit morningfog.de erzählt Guido, was man von seinem Buch erwarten kann, welche Rolle die Musik überhaupt in seinem Leben gespielt hat, wie die Foto-Shootings mit Kate verlaufen sind und er verrät natürlich auch, welches seine Lieblingsfotos von Kate sind. Im zweiten Teil des Interviews geht es vorrangig um die Frage, wie viel Freiheiten Guido bei seinen Fotoaufnahmen hatte.

Es wird immer behauptet, dass Kate sehr nett ist, aber zu jeder Sekunde die volle Kontrolle über ihre Arbeit behalten möchte. Ist es einfach mit ihr zusammenzuarbeiten?

Guido Harari: Es war sogar äußerst ungewöhnlich unkompliziert, eher eine Zusammenarbeit auf einer gemeinsamen Ebene. Sie hat mir vertraut und mich stets ermutigt. Sie hat mit mir stets die Test-Polaroids durchgesehen, bevor wir mit dem eigentlichen Foto-Shooting begonnen haben. Sie hatte auch nie irgendwelche Einwände gegen meine Ideen und war mit dem Ergebnis stets sehr zufrieden. Am Film-Set konnte ich mich vollkommen frei bewegen und sie in jeder Situation fotografieren, selbst als sie ohne Make-Up und mit Lockenwicklern im Haar schlief. Kate hatte immer eine sehr pfiffige Art dich in dem Glauben zu lassen, dass sie einem so sehr vertraut, dass sie dir die volle Kontrolle über die Aufnahmen überlässt, während sie gleichzeitig natürlich entschied, ob die Bilder abgelehnt oder genehmigt wurden. Aber ich habe mich nie in irgendeiner Form eingeschränkt gefühlt. Sie war wie ich auf der Suche, und das hat für einen sehr willkommenden frischen Wind gesorgt. Unsere Zusammenarbeit war schon einzigartig und ist vielleicht bis heute für mich die intensivste und produktivste mit einem Künstler von ihrer Statur gewesen.

Es gibt ein Bild von Brian Griffin, wo Kate als Nonne verkleidet in einem Feld posiert. Inspiriert war das von einem Depeche Mode-Cover. Weiß sie immer genau was sie will, wie sie auszusehen hat, in welcher Pose sie fotografiert werden will, oder gibt es wirklich genug Freiraum auch für Experimente in einem Foto-Shooting?

guido2Guido Harari: Dazu müsstest du vielleicht eher John Carder Bush oder Gered befragen. Sie wusste genau wie sie ihr eigenes Image entwerfen konnte, aber zur gleichen Zeit gab es die Freiheit für Experimente. Ich denke da an die Reihenfolge meiner „Underwater“-Bilder, die ich mit mehrfacher Belichtung angefertigt habe – zu der Zeit gab es noch kein Photoshop. Eine Technik, die sie nicht wirklich verstanden hatte und die sie eher in Unruhe versetzte. Als sie aber die Ergebnisse gesehen hat, war sie vollkommen begeistert. Wie gesagt: Während der langen Shootings gab es Zeit für Experimente, obwohl es kein Konzept gab, solche zu entwickeln.

Was ist für Dich interessanter: Mit einem Bild eine Geschichte zu erzählen – so wie das Brian Griffin in dem erwähnten Fall getan hat -, oder die Portraitfotografie?

Guido Harari: Die Fotografien sind so eine Art Aufzeichnung meiner Begegnungen mit dem Motiv, egal ob sie berühmt sind oder nicht. Ja, sie erzählen Geschichten. Und ich mag es, mich selbst dabei zu überraschen, wie auch die Person vor der Kamera. Bilder sollten immer etwas von dem „Sehenden“ und dem „Gesehenen“ enthüllen. Bekannte Persönlichkeiten zu fotografieren ist eigentlich praktisch unmöglich, weil das eher wie ein Spiel ist. Ideen sind im Grunde Gimmicks, es geht darum etwas vorzugeben, zu posieren, weil der Sinn der Bilder die kommerzielle Nutzung ist, egal ob sie dabei helfen sollen eine Schallplatte, ein Buch oder ein anderes Produkt zu verkaufen. Es gibt da mehr oder weniger keinen Bedarf für Authentizität.

Du durftest am Filmset zu The Line, The Cross And The Curve mit dabei sein. Auch das klingt sehr untypisch für jemanden, der die vollkommene Kontrolle über seine Arbeit und wie er in der Öffentlichkeit gesehen werden will, haben möchte. War das eigentlich Kates‘ Idee, oder musstest Du sie davon überzeugen?

Guido Harari: Siehe meine Antwort weiter oben. Ansonsten war sie es, die mich anrief und zum Filmset einlud, weil es schließlich die perfekte Gelegenheit war, statt der üblichen Studio-Fotos Bilder wie in einer Dokumentation zu erstellen. Sie rief an und sagte: „Ich will, dass du das so machst wie bei Lindsay.“ Also die Authentizität einfangen. Ich glaube, dass sie sich mehr als alles andere genau danach sehnte, als ich mit meinen Kameras ständig um sie herum war. Diese Dokumentation vom Filmset macht rund 40 Prozent des Buches aus und es zeigt eine Kate, wie du sie noch nie gesehen hast – und wie man sie vermutlich auch nie wieder sehen wird.

Jul 24

Guido Harari: Kate hat mich immer ermutigt (1/3)

guido620-1982Im September erscheint das neue Buch „The Kate Inside“ von Guido Harari, der mehr als ein Jahrzehnt mit Kate zusammengearbeitet hat. Im Gespräch mit morningfog.de erzählt Guido, was man von seinem Buch erwarten kann, welche Rolle die Musik überhaupt in seinem Leben gespielt hat, wie die Foto-Shootings mit Kate verlaufen sind und er verrät natürlich auch, welches seine Lieblingsfotos von Kate sind. Im ersten Teil des Interviews geht es vorrangig um das Buch und die Anfänge der Zusammenarbeit.

In Deinem neuen Buch wird es viele bisher unveröffentlichte Bilder aus Deinem Archiv geben. Warum hat es 20 und mehr Jahre gedauert, bis Du diese alten Fotos wiederentdeckt hast und sie jetzt veröffentlicht werden?

Guido Harari: Das ist so ähnlich wie Kate zu fragen, warum sie für zwölf Jahre verschwunden ist. Dinge passieren, im Leben geschieht so vieles während du dich schon auf das nächste Projekt stürzt, dich auf die Zukunft fokussierst und nicht zurückblickst. Erst als Kate in 2014 ihre 22 Konzerte in London angekündigt hatte und fast jeder durchdrehte, um sich für diesen Lebenstraum, Kate nach 35 Jahren wieder auf einer Bühne zu sehen, die Tickets sichern wollte, gab es auch plötzlich wieder einen großen Ansturm von Fans, die sich für meine Fotos von ihr interessierten. Menschen aus der ganzen Welt waren dann verwundert, mich auf Facebook zu finden und einige bedrängten mich, ein Buch mit den Bildern zu veröffentlichen. Das Ergebnis war, dass Gered Mankowitz, der mit Kate für die Cover der ersten beiden Alben zusammengearbeitet hatte, und ich eine sehr erfolgreiche Ausstellung in der Londoner Snap-Galerie hatten. Wir hatten das mit den Konzerten im Eventim Apollo verknüpft und beide Bücher mit unseren Bildern in einer limitierten Auflage veröffentlicht. Damit hat alles angefangen.

Erzähl bitte ein bisschen, was wir von Deinem neuen Buch erwarten können.

Guido Harari: Im Mittelpunkt von The Kate Inside stehen etwa 300 Bilder aus den zehn Jahren, die ich mit Kate zusammengearbeitet habe. Wie Du vielleicht weißt, haben Kate und ich uns 1982 kennengelernt, als sie gerade auf Werbetour für ihr Album The Dreaming war. Ich hatte damals gerade ein Buch über Lindsay Kemp fertiggestellt, der HOME PAGEja ein paar Jahre zuvor ihr Mentor war, als sie seine Tanzklasse in Covent Garden in London besucht hatte. Kate war von dem Buch offenbar so beeindruckt, dass sie mich einlud, für die nächsten zehn Jahre ihre offiziellen Pressefotos zu machen – für so wegweisende Alben wie Hounds of Love, The Sensual World und The Red Shoes. Die letzte Sitzung mit ihr war dann eine Reportage am Set ihres Films The Line, The Cross & The Curve, in der auch Linday Kemp prominent vertreten ist. Neben den sehr bekannten Bildern wird das Buch zur Fundgrube für Outtakes, und es gibt die dokumentarische Filmerzählung, die bisher praktisch nicht zu sehen war. Dazu kommen Test-Polaroids, Notizen von Kate, Kontaktabzüge, die unterschiedlichsten Andenken und einige ‚Illusion‘ und ‚Fantasien‘ – Bilder, die ich kürzlich mit Photoshop erstellt habe. Ich habe eine Art Tagebuch zu den Foto-Shootings geschrieben und Lindsay hat ein sehr schönes Vorwort beigesteuert. Und er hat mit mir die Deluxe-Edition des Buches signiert.

Ich bin mir sicher, dass Du keine Bilder von Kate veröffentlichen würdest, wo sie vielleicht unvorteilhaft aussieht. Aber wird es auch ein paar lustige Bilder geben? Vieleicht von einem Warm-up zum Foto-Shooting, wo Kate eine Grimasse schneidet?

Guido Harari: Es ist unmöglich von Kate ein schlechtes Bild zu machen. Aber im Ernst: Es wird auch einige lustige Outtakes geben, die einen Eindruck vermitteln, wie solche Sessions ablaufen. Ich habe zum Beispiel Bilder zu einer Sequenz angeordnet, wo man erkennen kann, wie die Kreativität sich steigert, der Höhepunkt erreicht wird und dann wieder abstirbt. Die Dynamik einer solchen Sitzung ist wirklich interessant, weil du nie weißt, wann du das entscheidende Bild im Kasten hast. Und die Sitzungen mit Kate waren immer unglaublich lang. Das konnte auch schon mal 15 Stunden nonstop dauern, ohne Essenspause und nur einem Minimum an Konversation.

Seit ihrer ersten Single in 1978 gehörte Kate zu den am meisten fotografierten Musikerinnen ihrer Zeit. Fast jeder kennt das berühmte Foto von ihr von Gered Mankowitz. Du hast 1982 angefangen mit ihr zusammenzuarbeiten. Wie schwer ist es jemanden zu fotografieren, der schon so bekannt ist?

Guido Harari: Gered hat einen sehr hohen Standard vorgegeben. Seine Bilder sind vermutlich die besten Fotos von Kate, weil er Elemente ihrer frühen Videos genutzt hat, zum Beispiel Referenzen an Tanzszenen, und dem Ganzen einen Touch Hollywood-Glamour verliehen hat. Er hat Kate in eine Ikone verwandelt, und das ist für einen Fotografen nur schwer zu toppen. Als Kate mich damals für das erste Shooting angerufen hat, hatte ich alle möglichen Erwartungen, aber auch ein besonderes Gefühl der Herausforderung. Bis dahin hatte ihr Bruder John Carder Bush mehr konzeptionelle Bilder für die Plattencover entworfen, was aber auch zu einem gewissen Druck führte, mit neuen Ideen vielleicht auch neue Standards zu setzen. Dann fand ich heraus, dass sie im Grunde möglichst authentisch dargestellt werden wollte, und ich sie nicht in eine Diva verwandeln sollte. Ihr hatten meine sehr persönlichen Fotos von Lindsay stark gefallen, und sie hat mich immer ermutigt, sie mit der selben Einstellung zu fotografieren.

Jul 17

Ausstellung zum neuen Buch von Guido Harari

tkiguidoguidolondonDas lange Warten hat bald ein Ende: Ab dem 20. August soll das neue Fotobuch „The Kate Inside“ von Guido Harari verschickt werden. Die Produktion ist nahezu abgeschlossen. Offiziell vorgestellt werden soll das Buch dann in London. Dort ist unter anderem vom 13. bis zum 30. September in einer Gallerie eine Ausstellung geplant (Art Bermondsey Project Space; der Eintritt ist frei). Mehr als 50 Bilder sollen dort gezeigt werden, sowohl bekannte, als auch bisher nicht veröffentliche Bilder. Drucke der Bilder können während der Ausstellung erworben werden, das Buch natürlich auch. Zusätzlich sind zwei interesannte Veranstaltungen geplant: Am 16. September wird es eine Frage & Antwort-Runde sowohl mit Guido als auch mit Lindsay Kemp geben. Bei Kemp hatte Kate einst Tanzunterricht genommen, er spielte zudem in ihrem Film „The Line, the cross and the curve“ mit, zu dessen Aufnahmen wiederum Guido Harari als Fotograf Zugang hatte und die Dreharbeiten dokumentieren konnte. Ebenfalls zugesagt haben bereits Del Palmer und Stewart Avon Arnold, der viele Projekte von Kate als Tanzpartner begleitet hat. Tagsdrauf, am 20. September, wird es ein „Meet & Greet“ mit Guido und Lindsay in der Gallerie geben – beide Veranstaltungen sind speziell für die Menschen gedacht, die das Buch vorbestellt haben.

Das 240 Seiten starke Buch kostet in der regulären Version 90 Euro, als signierte Deluxe-Edition mit einem zusätzlichen Kunstdruck und einem Set von acht nachgedruckten Polaroids 390 Euro. Beide Versionen können noch bis zum 31. August vorbestellt werden; danach kosten die Bücher 120 bzw. 520 Euro. Die Versandkosten innerhalb der EU betragen 30 Euro. Mehr Infos gibt es hier.

 

Jul 16

Tausende eröffnen den Wuthering Heights-Tag

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© Arsineh Houspian/The Age

Der Auftakt zum „Most Wuthering Heights Day Ever“ ist gemacht: Mehrere Tausend Menschen haben in Australien und Neuseeland bei Veranstaltungen in elf Städten Kates bekannte Video-Choreografie zu ihrem Song Wuthering Heights nachgetanzt – natürlich in roten Kleidern. Allein in Melbourne sollen nach Angaben der Veranstalter mehr als 2000 Menschen teilgenommen haben. Weiter geht es heute mit 13 Veranstaltungen in Europa und zum Abschluss dann drei Veranstaltungen in Nordamerika. Für die Veranstaltung in Berlin auf dem Tempelhofer Feld haben sich 3400 Menschen via Facebook angemeldet. Zusammen mit Melbourne dürfte es die größte Veranstaltung weltweit sein.

Jul 14

Geisterstunde auf der Sturmhöhe

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© Yanni Chi/deviantart

Von Beate Meiswinkel

Von wegen wildromantisches Yorkshire… der Wind heult, der Regen peitscht, es ist stockdunkel, und wie üblich ist es kalt hier auf dem Hochmoor. Saukalt. Nicht, dass man als Geist etwas spüren könnte; unerfreulicherweise kann man sich aber erinnern. Meine sterbliche Hülle hat es in ihrem Sarg wenigstens relativ trocken. Mein Geist allerdings steckt hier draußen fest, und Schuld an allem ist einzig und allein Heathcliff.
Heathcliff… was habe ich mir dabei nur gedacht! Mit meinem Mann, dem wohlhabenden Langweiler Edgar, hätte ich ein beschauliches, ereignisloses und langes Leben führen können. Doch ich konnte mir meine große Liebe einfach nicht aus dem Kopf schlagen. Fragt nicht, es ist eine lange, traurige Geschichte. Jedenfalls bin ich jetzt tot, und bevor Heathcliff und ich im Tode nicht wieder vereinigt sind, ist mir der Zugang zur nächsten Ebene verwehrt, denn einst haben wir uns ewige Treue geschworen. Von eilfertigen Eiden im Liebestaumel kann ich daher nur dringend abraten. Ganz egal, wie verknallt ihr seid – lasst es!
Man hat als körperloses Wesen auf Erden nur wenige Freuden. Eine davon ist die Heimsuchung der Lebenden. Wobei man leider gewissen Einschränkungen unterworfen ist. Für den Spuk steht uns Geistern nur ein relativ kleines Zeitfenster zur Verfügung, die Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens. In dieser sogenannten Geisterstunde ist es nicht nur möglich, den Lebenden zu erscheinen und Angst und Schrecken zu verbreiten, man kann auch unbelebte Gegenstände bewegen. Dies wiederum ist nur unter Anwendung höchster Konzentration möglich, was ungemein anstrengend ist. So ist für das durchschnittliche Schlossgespenst ein klassisches nächtliches Spukprogramm mit Heulen, Zähneklappern und Kettenrasseln in etwa das Äquivalent zu einem Halbmarathon. Sehr motivierend in diesem Bereich wirken starke Antriebskräfte wie Rachedurst, Mordlust und schiere Boshaftigkeit, oder, wie in meinem Fall, eine ordentliche Portion Wut im Bauch.
Warum ich sauer bin? Weil mein ach so gramgebeugter Herzallerliebster mich einfach nicht zur Kenntnis nehmen will! Da rüttelt man an Türen und trommelt auf das Dach, und er beschwert sich über das stürmische Wetter. Man heult und wehklagt, und er macht den alten Hofhund dafür verantwortlich. Man klopft ans Fenster und kratzt an den Scheiben, und er lässt die Bäume vor dem Haus beschneiden.
Kate BushJede Nacht komme ich über das Moor zur Sturmhöhe zu Heathcliff. Aber der feine Herr ist ja viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um mich zu bemerken! In der ersten Zeit hat er heiße Tränen vergossen und sich an die Brust geschlagen – reiner Egoismus und Selbstmitleid! Hätte er sich auch nur einmal wenigstens ein wenig auf meine Anwesenheit konzentriert, hätte er mitbekommen müssen, dass ich den Dialog zu ihm suche. So eine Unterhaltung würde uns doch beiden gut getan haben, aber nein – Schluchz und Heul in einem fort. Mit der Zeit hat er sich dann mit der Situation abgefunden. So schnell ist man vergessen – aber nicht mit mir! Höchste Zeit, dass Heathcliff das Zeitliche segnet. Damit allerdings ist in nächster Zeit nicht zu rechnen, so pumperlgesund wie er aussieht! Und da er keinerlei Bestrebungen hegt, sich selbst zu entleiben, muss ich eben etwas nachhelfen. Beispielsweise, indem ich ihm einen zünftigen Schrecken einjage, wenn ich ihm mit nichts als meinem Leichentuch am Leibe erscheine und ihm mit weit aufgerissenen Augen meine kalten weißen Geisterhände um den Hals lege.
Von dieser Idee bin ich ganz entzückt, und, oh Gunst der Stunde, heute steht das Fenster einen Spaltbreit offen! Mühelos wie ein Windhauch schwebe ich ins Innere des Hauses. Drüben am Kamin, den Rücken mir zugewandt, sitzt Heathcliff im Ohrensessel und blickt ins Feuer. Ja, so schön gemütlich hätte ich es auch gerne mal wieder! Aber warte nur, gleich ist es aus mit der Beschaulichkeit! Ich fege also schwungvoll um den Sessel herum, erhebe die Arme, reiße die Augen auf, öffne den Mund – und muss leider feststellen, dass der impertinente Ignorant tief und fest eingeschlafen ist. Ja ist denn das die Möglichkeit?

„Heeeaaaathcliffff“, röchle ich aus voller Kehle. „Ich bin’s! Cathy!“

Heathcliff antwortet mit einem dröhnenden Schnarchen. Sein Mund steht offen, im rechten Mundwinkel entdecke ich einen winzigen Speichelfaden, der sich feucht glänzend an seinem schlecht rasierten Kinn entlang schlängelt. Meine Güte, ist das ekelhaft! Ich kann den Blick nicht davon abwenden – doch Augenblick mal! Es schimmert so silbrig, so ätherisch… Als Geist erkenne ich: das ist gar keine schnöde Spucke, sondern reinste Lebensenergie, die den Körper verlässt! Behutsam strecke ich meine gespenstigen Finger aus, um danach zu greifen und ziehe ein wenig daran. Siehe da, das Fädchen wird länger und länger. Beharrlich zupfe ich, und da der Schlaf und der Tod eng miteinander verwoben sind, hole ich auf diese Weise Stück für Stück Heathcliffs Seele hervor. Wenn es mir gelingt, seinen Geist vom Körper zu trennen, sind wir wieder vereint – und ich kann dem Nichtsnutz endlich die Meinung sagen!
In meinem Eifer ziehe ich wohl ein wenig zu euphorisch und löse damit einen weiteren heftigen Schnarcher aus. Bei dem barbarischen Ratzen erschrecke ich so sehr, dass ich versehentlich das Ende der Silberschnur loslasse, die prompt in Heathcliffs klaffenden Mund zurück schnalzt. Heathcliff schreckt kurz in seinem Ohrensessel zusammen und macht Anstalten zu erwachen. Noch während ich mich zurück in meine ursprüngliche Positur des Grauens werfe, sackt er mit einem Seufzer in den Tiefschlaf zurück. Aus der Ferne höre ich die Friedhofsglocke ein Uhr schlagen und verblasse. Mist Mist Mist!
Was soll’s. Ich war nahe dran. Und morgen gibt’s eine neue Geisterstunde.

Jul 09

Absurde Preise bei Amazon

amazonEinzelne Händler bei Amazon bieten derzeit Kate-CDs zu absurd hohen Preisen an. So kostet zum Beispiel die 3CD Collectors Edition von Director’s Cut als Japan-Import stolze 642 Euro. Das This Woman’s Work-Boxset schlägt gleich mit 1775 Euro zu Buche – und das für die UK-Version. Für die japanische Never For Ever-Neuauflage von 2010 verlangt ein Anbieter 643 Euro und für die vollkommen uninteressante Doppel-Veröffentlichung von Hounds Of Love/The Sensual World werden verblüffende 703 Euro verlangt. Ob das jemand bezahlt, ist natürlich fraglich. Aber selbst bei Single-CDs steigen die Preise teils deutlich: Für Moments Of Pleasure werden zum Beispiel 37 Euro verlangt, für And So Is Love 21 Euro und für Eat The Music 22 Euro. Es geht aber noch eine Stufe teurer: Man kann sich auch Rocket Man für 72 Euro oder die Single-Version von This Woman’s Work für 255 Euro gönnen. Selbst bei normalen CDs sollte man bei Amazon aufpassen. Da kostet die Red Shoes von EMI plötzlich 30 Euro und die 2005er-Version von Aerial wird für 52 Euro angeboten.

Jul 02

„Neue Türen aufgestoßen“

water400Ein Tattoo sollte es ursprünglich werden. Auf dem Arm von Jen Storer. Jen liebt die Textzeile „Two steps on the water“ aus dem Song Hounds of Love. Sie sei in diese Worte regelrecht vernarrt, schreibt sie: „Wie kann es sein, dass ein paar Worte einen so zum Rotieren bringen können? Es ist die Poesie, nehme ich an.“ Aus dem Tattoo ist trotz der Poesie nichts geworden – aus einem einfachen Grund: Da, wo Jen Storer zu Hause ist, in Melbourne, gibt es eine junge, ziemlich coole Band, die auf der Suche nach einem Namen genau auf diese Textzeile verfallen ist. Also hat Jen sich hingesetzt und gemalt – ein Mädchen, die Schuhe in der Hand, und man weiß nicht so genau, ob sie die zwei Schritte auf dem Wasser noch vor sich hat.
„Ich liebe zeichnen und malen, aber es ist mehr oder weniger nur ein Hobby für mich“, erzählt Jen. Was bei diesem Bild wahrlich eine Untertreibung ist. Das hat aber vielleicht auch damit etwas zu tun, dass Jen Storer statt zum Malen und Zeichnen selbst eher zur Poesie neigt – in Australien ist sie eine ziemlich bekannte und vor allem prämierte Kinderbuchautorin, die schon 15 JenStorer400Bücher veröffentlicht hat. Groß geworden ist Jen in einer eher ländlich geprägten Kleinstadt, 300 Kilometer von Melbourne entfernt. Kulturangebote? Fehlanzeige. „
Aber ich erinnere mich, als Wuthering Heights in die Charts kam, fand ich es atemberaubend. Ich war ungefähr 17 zu der Zeit. Es gab damals nur zwei Fernsehsender. Ich habe mir jeden Sonntag die Musik-Show ‚Countdown‘ angeguckt, um diese außergewöhnliche Frau zu sehen, die so eigenartig und eindringlich in ihrem Video getanzt hat. Das war so herausfordernd und mutig. Kates Darbietung hat damals meine Überzeugung bestätigt, dass es mehr im Leben gibt, als Weizenfelder und Football.“ Wovon Kate da überhaupt sang, wusste Jen damals nicht, auch die Buchvorlage kannte sie nicht. „Ich wusste nur, dass ich dieses Gefühl, das sich hinter dem Text verbarg und dieses Melodramatische über alles liebte.“ Erst Jahre später hat sie das Buch „Wuthering Heights“ gelesen, als Krankenschwester während der Nachtschicht. Stück für Stück setzte sie die Bedeutung von Kates Texten für sich zusammen. „Wichtig war nur, dass Kate mich inspiriert hatte. Ihre Musik hatte mich auf eine so mächtige Art und Weise bewegt. Es spielte eine entscheidende Rolle, um mich zu meiner eigenen kreativen Reise aufzumachen. Es öffnete mir intellektuell, emotional und künstlerisch neue Türen“, erinnert sich Jen. Nach einer gescheiterten Ehe beschloss sie ihrem Herzen zu folgen und widmete sich fortan ihrer Liebe zu Sprache und Literatur.“Ich ging zur Universität und studierte Film und Literatur. Im Anschluss veröffentlichte sie 2009 ihren ersten Fantasy-Roman „Tensy Farlow and the Home for Mislaid Children“ für Kinder ab zehn Jahren. Der Roman wurde ein Erfolg und gleich für zahlreiche Preise nominiert.
Eine Grundfrage bleibt: Inwieweit ist Jen von Kates Musik als Kinderbuchautorin beeinflusst? Immerhin prallen da zwei ähnliche Welten aufeinander. Kate Bush, die in Musik verpackt Geschichten für Erwachsene erzählt, die bestens für Kopfkino geeignet sind, und Jen, die mit ihren fiktiven Geschichten die Fantasie von Kindern anregt. „Bei mir sitzt der Einfluss von Kate so tief, dass ich manchmal gar nicht mehr zwischen ihrer Musik, ihren Texten und meiner eigenen Fantasie unterscheiden kann“, antwortet sie. „Kate’s Werke zeugen aber vor allem von einer gewissen Verletzlichkeit, und ich glaube das ist genau der Teil, wo ihre Kunst meine Geschichten beeinflusst.“
Dann sagt Jen noch etwas, das viel mehr darüber aussagt, was für ein Mensch sie ist: „Danke, dass Du mich an all das erinnert hast. Es war wunderbar zurückblicken und zu sehen, welch zentrale Rolle Kates Arbeit bei meiner eigenen kreativen Entwicklung gespielt hat.“ Und sie könnte noch viel mehr erzählen. Über Cloudbusting zum Beispiel. Vielleicht sollte sie einfach wieder zum Stift greifen und malen…

Wer mehr über Jen Storer und ihre Bücher erfahren will, wird hier und in ihrem Blog fündig.

 

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