Das Warten auf Kate Bush

Der schwedische Schriftsteller und Philosoph Lars Gustafsson hat 1982 das Gedicht „Die Stille der Welt vor Bach“ in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht. „Darin setzt Gustafsson Bach ein, wie ich finde, unerhört beeindruckendes Denkmal; völlig irrational, aber doch und vielleicht gerade deshalb so stark“, findet Eberhard Gill, dem das Gedicht kürzlich quasi in die Hand gefallen ist. Und es hat ihn so beeindruckt, dass er es als Vorlage genutzt hat, eine Hymne auf Kate zu schreiben. Man muss ja nur „ac“ durch „us“ ersetzen, meint er scherzhaft. Es ist natürlich weit mehr.

Zunächst einmal: Wie kamst Du auf die Idee, ein Gedicht zu schreiben, das sich eine Welt vorstellt, in der es noch keine Kate Bush-Lieder gab? Das ist doch eine merkwürdige Vorstellung, denn ihre Lieder gibt es doch!

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Lars Gustafsson / Foto: Bengt Oberger

Eberhard: Ja, da ist tatsächlich eine ungewöhnliche Vorstellung. Die Idee hatte ich, als ich den Titel des Gedichts „Die Stille der Welt vor Bach“ von Lars Gustafsson hörte. Ich kannte den Inhalt des Gedichts noch gar nicht, aber allein der Titel hat mich schon umgehauen. Eine unerhörte Vorstellung, sich zu denken, dass die Welt vor Bach still gewesen sein soll. Das war sie sicher nicht! Deshalb ist Gustafssons These rational gesehen völlig absurd. Aber um Ratio geht es hier nicht. Es geht ihm vielmehr um Emotionen und um den Versuch, seiner tiefen Verehrung für Bach einen adäquaten Ausdruck zu geben. So irrational seine These ist, so setzt er doch Bach mit diesem Gedicht, vielleicht gerade wegen seiner Irrationalität, ein lyrisches Denkmal, das seine ganz persönliche Verehrung für Bach so gigantisch und absolut macht.    

Aber wie bist Du dann auf die Idee gekommen, dies auf Kate Bush anzuwenden? Zwischen beiden liegen doch Welten.

Eberhard: Das war eigentlich ganz einfach und naheliegend. Denn ich bin seit drei Jahren ein glühender Verehrer des Werkes von Kate Bush. Was liegt da näher als mich an einer Adaption des Gustafssonschen Gedichts zu versuchen? Ich muss doch bloß „ac“ durch „us“ vertauschen, oder?

War es dann tatsächlich so einfach?

Eberhard: Nein, das war es überhaupt nicht. Die größte Schwierigkeit war, dass ich den Eindruck hatte, es ist mir selbst nicht glaubhaft, dass es vor Kate Bush noch eine Stille gegeben haben könnte. Vielleicht kann man das noch zu Bachs Zeiten sagen, aber nach allem, was uns die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gebracht hat mit seinen zwei Weltkriegen und dem fürchterlichen Unrecht, das geschehen ist, kann ich nicht mehr glaubhaft von Stille reden. Deshalb habe ich die Stille durch das Warten ersetzt. Und beide Begriffe haben viel miteinander zu tun. Und Warten ist ja etwas, was die Kate Bush Fans über die letzten vierzig Jahre lernen mussten: 12 Jahre zwischen „The red shoes“ und „Aerial“ und 35 Jahre zwischen ihren beiden Konzerten. Darin sind wir als Fans geübt und sehr geduldig, wenn es uns auch nicht leicht fällt. Und ich fand es reizvoll, dieses Warten vorzuverlegen: auf Kates Geburt und schließlich ihr erstes Album. Ich gebe zu, das hat fast etwas Messianisches, aber irgendeinen Ausdruck muss die Verehrung doch finden. Außerdem sind wir ja jetzt in der Adventszeit und Advent heißt ja nichts anderes als Warten auf die Ankunft, das Erscheinen. Deshalb passt das Gedicht für mich auch in diese Jahreszeit.

Das hat wirklich etwas Messianisches. Beim Thema Stille fällt mir natürlich sofort die Textzeile „the world is so loud“ von ihrem jüngsten Album ein, also das Beklagen des Stimmengewirrs, der Nachrichtenflut und des Umstandes, dass man sich kaum noch auf Wesentliches besinnen kann – wie etwa auf eine simple Schneeflocke, die vom Himmel fällt. Wir warten sehnsüchtig auf die Zeit nach der Stille, Kate beschwört sie. Wie passt das für Dich zusammen?

Eberhard: Für mich ist das kein Gegensatz. Stille erfahren, heißt nicht, dass man sich wünscht taub zu sein. Du hast in Deiner Frage schon das entscheidende Stichwort gegeben, wenn Du vom Wesentlichen sprichst. Ich möchte das Unwichtige vom Wichtigen trennen können und leider werde ich, und sicher viele andere auch, viel zu sehr von Unwichtigem überflutet. Das geht weiter als allein die akustische Reizflut. Genauso wie die Stille auch mehr meint als nur die Lautlosigkeit. Stille hängt für mich mit Konzentration und Ruhe zusammen. Das Wesentliche mag für Kate sein, eine Schneeflocke zu beobachten und ihr Schmelzen in ihrer Hand zu spüren. Für mich hat es etwas Wesentliches, Kates Musik zu hören. Und damit meine ich nicht nur ihre vergangenen Alben, sondern ich möchte hören, wo sie gerade als Künstlerin steht: intellektuell, emotional, musikalisch. Deshalb hat die Stille, ihr Schweigen, wenn Du so willst, etwas, von dem ich hoffe, dass es bald mit der Ankunft von etwas Neuem zu Ende geht.

Apropos Neu: Ist es das erste Mal, dass Du mit dem schwedischen Schriftsteller und Lyriker in Berührung gekommen bist?

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Eberhard: Nein. Ich kenne seinen Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ seit seinem Erscheinen in 1978. Da ging ich noch zur Schule. In dem Roman gibt es eine wunderbare kleine Science-Fiktion Geschichte „Als Gott erwachte“, die ebenso absurd ist wie „Die Stille der Welt vor Bach“. Die hat mich sehr beeindruckt und ich fand es mutig, so etwas Unvernünftiges zu schreiben, das man eigentlich gar nicht bei Tageslicht vorzeigen darf. Umso mehr gespannt war ich als 1984, da studierte ich bereits in Tübingen, Lars Gustafsson zu einer Podiumsdiskussion im Audimax eingeladen war und jeder Teilnehmer etwas vorlas. Mir hat es dann beinahe die Sprache verschlagen, als ich hörte, dass er begann, unter breitem Schmunzeln der Zuhörer, mein Lieblingsstück, die kleine Science-Fiktion Geschichte, vorzulesen. Ich erinnere mich noch an seinen schwedischen Akzent. Ein Glücksmoment. Ich will keine künstlichen Brücken schlagen zwischen Lars Gustafsson und Kate Bush, aber von Gustafsson stammt der Spruch „Ich bin, kurz gesagt, eine fast uninteressante Person“. Kommt Dir das nicht bekannt vor?

Das erinnert tastsächlich daran wie Kate ihr Werk von ihrer Person trennt, zum Beispiel wenn sie sagt: „I don’t feel that what I have to say personally is that interesting.“ Noch eine Schlussfrage: Wie muss ich das „…wo der Ruf der Sirene Jahrtausende lang verstummt war“ in Deinem Gedicht verstehen?

Eberhard: Sirenen sind Teil der griechischen Mythologie. Es sind weibliche Fabelwesen, die durch ihren betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlocken, um sie zu töten. Odysseus hat auf seiner Irrfahrt seine Kameraden gebeten, ihn an den Segelmast zu binden und sie aufgefordert ihre Ohren mit Wachs zu verstopfen, um nicht durch den Gesang der Sirenen, wie viele Schiffe vor ihnen, Schiffbruch zu erleiden. Kate hat für mich etwas von einer Sirene: einen unbeschreiblich betörenden Gesang, der für mich persönlich als Zuhörer immer auch mit Gefahr verbunden ist. Und ich habe den Eindruck, dass sie die erste Sirene ist seit einer langen, langen Zeit. Keine hat seit der Zeit der alten Griechen so betörend gesungen. Da hast Du wieder das Unvernünftige von Gustafsson. Aber für mich ist es wahr. Und was die Sirene und Kate betrifft, habe ich eine spannende Entdeckung gemacht. Ich hatte am Schluss meines Beitrags für Deinen Blog im Mai 2017 geschrieben „…Mir ergeht es genauso wie Odysseus, wenn ich Kate Bush höre – bindet mich fest und lasst mich Qualen erleiden. Wenig, was schöner sein kann als das.“ Als ich dann dieses Jahr den Lyrics-Band von Kate „How to be invisible“ in Händen hielt, habe ich kurz den Atem angehalten: denn da gibt es im Text zu „Hounds of Love“ eine einzige Zeile, die sie im Lied nicht singt, die sie aber jetzt dem Liedtext hinzugefügt hat, und zwar „tie me to the mast“. Also, wer weiß, vielleicht liest Kate ab und zu Deinen Blog. Ist doch eine schöne Vorstellung, oder?


Gerne hätte ich zum Vergleich auch das Gedicht von Lars Gustafsson hier veröffentlicht; leider habe ich dafür keine Erlaubnis vom Verlag erhalten. Es ist im Netz aber mühelos zu finden.

Kaffeeklatsch: Kate Bush und die Relativität der Zeit

Kate Bush und die Relativität der Zeit: Das lange Warten auf ein neues Kate Bush-Album kann manchmal richtig nerven. Zwölf Jahre dauerte, es bis Aerial das Tageslicht erblickte und seit 50 Words for Snow sind auch schon wieder acht Jahre vergangen, ohne dass es irgendeinen noch so kleinen Hinweis darauf gäbe, dass Kate an neuen Songs bastelt. Sind lange Alben-Pausen gerechtfertigt? Wäre mehr und häufigerer Output besser? Oder ist es genau so richtig, wie es ist? Das ist das Thema im „Kaffeeklatsch“ mit Beate Meiswinkel.

Wenn wir uns über das Thema „Kate Bush und die Relativität der Zeit“ unterhalten, muss ich vielleicht als erstes gestehen, dass ich leicht gefrustet bin. Es ist Anfang November 2019 und es gibt acht Jahre nach 50 Words for Snow kein einziges Anzeichen für ein neues Kate Bush-Album. Dabei hatte ich fest damit gerechnet, dass wir Ende September mit der Ankündigung für ein neues Album im November überrascht werden. Geht Dir dieses ewige Warten manchmal auch auf den Geist?

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Beate: Acht Jahre ist das schon her seit dem letzten Album? Die Before the Dawn-Konzerte waren auch schon 2014… time flies, möchte man da einerseits sagen. Andererseits ist es tatsächlich immer wieder unglaublich, wie lange die Schaffenspausen dauern. Ich kann mich noch erinnern, wie lange mir die vier Jahre zwischen Hounds of Love und The Sensual World vorgekommen sind. Nie hätte ich geglaubt, dass das mal noch ganz anders kommen sollte! Wenn man bedenkt, was andere Künstler in diesen Jahren für einen Output haben und dazu noch touren – ich denke hier etwa an Tori Amos – könnte man manchmal fürwahr verzweifeln. So ein irdisches Menschenleben ist ja nun bekanntlich endlich. Kunst wohnt andererseits eine gewisse Zeitlosigkeit inne, sofern sie nicht zeitgeist- oder trendorientiert ist. Was Kate betrifft, so scheint sie in ihrem Schaffensprozess irgendwie durch die „Lagen der Zeit“ zu schlüpfen oder ihr zu entfliehen… jedenfalls setzt sie sich keinem Druck aus. Das finde ich einerseits bewundernswert, andererseits bin ich manchmal auch verärgert, frustriert, wenn ich an „verlorene Möglichkeiten“ denke. Ich will mehr. Mehr Kate. Wie geht es Dir damit? Bei dem Gedanken „Was könnte sie nicht alles machen – veröffentlichen – mit uns teilen“?

Mir geht es bestimmt nicht anders als Dir: Ich muss mich da als Fan immer selbst einbremsen und mir klar machen, dass ich für jeden Song dankbar sein darf, aber keine Forderungen ableiten kann. Natürlich hätte ich mich gefreut, wenn es eine DVD zu den Konzerten gegeben hätte. Natürlich bin ich nicht glücklich darüber, dass jetzt schon wieder acht Jahre ohne neue Musik von Kate verstrichen sind, obwohl sie 2011 in einem Interview zur Vorstellung von 50 Words for Snow gesagt hat, dass sie schon Ideen für ein neues Album im Kopf hat. Aber will ich umgekehrt alle zwei Jahre ein neues Album, bei dem mir vielleicht die Hälfte der Songs gar nicht gefallen, weil man ihnen anhört, dass sie nicht dem Anspruch gerecht werden, den ich von Kate gewohnt bin?

Beate: Stimmt, da geht es mir ganz genau so: wenn ich darüber grummle, wie gerne ich mehr Musik von Kate möchte und wie sehr ich mir die Before the Dawn-DVD wünsche, versuche ich, mich daran zu erinnern, dass ein Teil der schöpferischen Kraft ihrer Musik eben daraus resultiert, dass sie sich nicht verbiegen lässt. Und eben nicht alle zwei Jahre ein Album raushaut. Was ich andererseits seltsam finde: Für mich ist 50 Words for Snow noch immer „das neue Kate Bush Album“. Es ist vermutlich das Album, das ich bisher am wenigsten gehört habe, und ich finde auch, es entfaltet sich am langsamsten. Mir geht es jedenfalls damit so.

Hinzu kommt noch die Erkenntnis, dass sich das Warten lohnt. Aerial ist für mich ein Meisterwerk und besonders der Sky-Teil setzt bei mir bei jedem Hören unglaublich viele Emotionen frei. Bei 50 Words for Snow ist das nicht anders. Ich glaube sogar, dass es ihr perfektestes Album ist, weil sie sich auch musikalisch von allen Zwängen befreit. Bei Aerial hast du überwiegend noch die klassischen Song-Strukturen, die erst zum Schluss aufgelöst werden. Du findest noch die radiotauglichen Stücke im Fünf-Minuten-Format. Bei 50WfS schmeißt sie auch das über Bord und eröffnet der Musik Raum und Zeit. Wie überhaupt ein Großteil der Musik von Kate vollkommen zeitlos wirkt. Bei anderen Musikern höre ich, wann ein Stück entstanden ist, ob es beispielsweise in der 80ern oder 90ern war. Zeitlose Produktionen schaffen nur wenige Künstler. Das mag vielleicht mit ein Grund sein, warum 50WfS für Dich noch wie ein neues Album klingt.

Beate: Teile von 50WfS sind für mich schwer zugänglich, und das mag daran liegen, dass Kate hier tatsächlich Raum und Zeit überflügelt. Ich bin an sich ein sehr ruhiger Mensch, aber die bewusste Langsamkeit mancher Momente dieses Albums hat mich stets gefordert. Dieses unerwartet späte Einsetzen hier, das bewusste Innehalten da… wenn ich es recht bedenke, hat es etwas Meditatives. Auch in der Meditation bleibt man bewusst im Hier, im Jetzt. Das fordert dem menschlichen Geist eine gewisse Konzentration ab. Bevor es mühelos werden kann. Auch die Intimität von 50WfS ist sehr groß und tief. Dafür offen zu sein ist nicht immer leicht. Zeit ist schon eine merkwürdige Sache. Obwohl jede Minute gleich lang ist, vergeht sie uns unterschiedlich schnell. Living in the gap between past and future, beschrieb Kate das mal in Love and Anger. Ich habe öfter schon an Kates Zeitempfinden gedacht. Das Thema beschäftigt sie zweifellos auch, etwa in Moments of Pleasure (the hills of time), Snowed in at Wheeler Street, oder in A Sea of Honey. Ein Liebespaar, das sich von Leben zu Leben immer wieder trifft und irgendwie verpasst. Ein Zeitbogen intensiven Erlebens im Sommer, wo die Lebenszeit fließt wie flüssiges Glück. Oder auch die Sache mit dem schmelzenden Schneemann in Misty, diese zarte gnadenlose Vergänglichkeit …Was fällt Dir zum Thema Zeit ein, wenn Du an Kates Arbeit denkst?

Dass sie natürlich bitte schneller arbeiten sollte. Oder: Too-re-ay, too-re-o aus Not this time. Aber im Ernst: Ich denke eher daran, wie zeitlos ihre Musik ist und dass sie eben auch keinem Zeitgeist hinterherrennt, sondern ihren eigenen Maßstäben folgt. Kates Musik ist immer Kate pur und unverfälscht und oft auch irgendwie sehr intim. Wenn ich mich an die erste Zugabe im Konzert erinnere, wo Kate sich zuvor bei Aerial vollkommen verausgabt hat, dann kommt sie alleine auf die Bühne zurück, setzt sich ans Klavier und spielt diese herzergreifende Version von Among Angels. Und in der Halle, in der vorher der Applaus gar nicht enden wollte, könntest du eine Stecknadel fallen hören. Das ist einer der intimsten musikalischen Momente, die ich je erlebt habe und den sie mit uns geteilt hat, fast so, als ob es auch bei ihr zuhause hätte stattfinden können.

Beate: Das frage ich mich sowieso häufig: im Laufe der Zeit wird es Musik gegeben haben, die niemals jemand außerhalb von Kates Familie oder Freunden gehört haben wird. Als Musikerin wird sie in ihrem Alltag immer wieder diesen Ausdruck suchen. All diese uns verlorene Musik fließt in einer Art Lebensstrom dahin, und wir „bekommen“ sie nicht. Die Kinder- oder Schlaflieder, die zarten Lovesongs, die witzigen, sarkastischen oder albernen Spielereien. Gesungene Gebete… Geburtstagsständchen, Lieder, die sie am Grab eines geliebten Menschen dem Wind anvertraut, oder wütende, frustrierte, verärgerte Musik, um sich abzureagieren… In all den Jahren wird es viel davon gegeben haben. Und nicht für uns… Oder doch, denn bildet das Ungehörte nicht den Boden, auf dem solche unvergleichlichen Alben gewachsen sind?

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Das setzt voraus, dass der Musiker immer Musiker ist. Der Komiker ist aber nicht immer der Komiker. Das Stichwort gesungene Gebete könnte mich aber in der Tat noch mal zu Among Angels führen und auch der Song Bertie legt nahe, dass Du mit Deiner Vermutung nicht ganz unrecht hast. Und natürlich wird es zuhause am Klavier Melodiefolgen geben, die irgendwann, auch sehr viel später, in ein Lied münden, das wir kennen. Wenn wir die gefilterte Essenz eines Liedes kennen, wäre es in der Tat spannend, viel öfter die ungefilterten Gehversuche eines eigenständigen Liedes zu hören. Da fällt mir als erstes Why Should I love you ein, bevor Prince Hand angelegt hat. Letztlich landen wir aber auch da wieder bei unserem Thema der Relativität der Zeit mit Blick auf Kate. Wenn sie 2011 im Interview sagt, sie habe Ideen für ein neues Album im Kopf, sie dann stattdessen Konzerte gibt, ein Live-Album herausgibt, den kompletten Back-Katalog überarbeitet und einen PopUp-Store eröffnet, dann ist sie zwar alles andere als unproduktiv, aber in unseren Augen immer noch nicht produktiv genug. Und wenn wir ehrlich sind, ist das ausschließlich unser Problem, weil wir immer von der Angst getrieben sind, dass der Schlusssong des jüngsten Albums auch ihr letzter gewesen sein könnte.

Beate: Es stimmt, es ist unser Wollen nach mehr, unser Sehnen und auch unsere Befürchtung, dass es keine neue Musik mehr geben könnte. Im Gegensatz zu vielen Bands oder Musikern, die wiederholt das letzte Album, die letzte Tour angekündigt haben und dann doch ebenso wiederholt weitermachen, gibt es von Kate keine solchen Ankündigungen. Die Türe ist offen.

Bleibt zum Schluss die immer wieder gestellte Preisfrage: Neues Album 2020?

Beate: Das bringt mich zurück zu Deiner Aussage, ein Musiker sei nicht immer Musiker. Das ist wahr. Allerdings denke ich, dass ein Künstler immer weitermachen will, ja muss. Hier handelt es sich um Berufung, nicht um einen Beruf. In der Dokumentation „Tea with the Dames“ werden die Schauspielerinnen Maggie Smith, Judi Dench, Joan Plowright und Eileen Atkins gefragt, ob sie denn je ans Aufhören denken würden. Alle vier verneinen dies, ungeachtet ihres stattlichen Alters. Ich denke, letztendlich wird auch Kate nicht davon lassen können, weiterzumachen. Neues Album 2020… das wäre wunderbar. Ich wünsche es mir so sehr!

Gut, ich hab’s auf meiner Weihnachtswunschliste mit Auslieferung in 2020 notiert. Mal sehen, ob Kate uns erhört.

Das Bild des Monats: November

© Sjaak Vullings

„Was für ein trauriges Lied mit seiner klaren und starken Angklage gegen die Menschheit und ihre ewigen Kriege“, sagt Sjaak über den Song Army Dreamers. „eine originelle und feste Anklage gegen die Menschheit und ihre ewigen Kriege. „So viele (junge) Menschen starben in der Vergangenheit auf dem Schlachtfeld, und sie sterben immer noch. Junge Leute, die von Ruhm träumen und von ihrer Regierung missbraucht werden. Sie sterben in der Überzeugung, dass Krieg ein Abenteuer ist, ohne zu wissen, wie schrecklich er sich in der Realität herausstellt.“ Vielleicht das bemerkenswerteste ist, dass Army Dreamers „einer der großen englischen Antikriegssongs ist, getarnt als Top20-Hit“ im Walzer-Format, wie Achim im Song-ABC treffend formuliert. Kein Wunder also, dass er in England während des ersten Golfkrieges auf dem Index der BBC landete und im Radio nicht gespielt werden durfte.
Sjaaks BIld ist auf dem Friedhof in niederländischen Tilburg entstanden. Die lange haltbaren Rosen aus Plastik sind für Sjaak das Symbol, dass man sich auch dann noch an den „Army Dreamer“ erinnert, wenn die um ihn Trauernden schon lange verstorben sind. Und fast schon poetisch ist es, wenn Sjaak sagt, dass der Schnee auf dem Bild den Schmerz der HInterbliebenen kühlen soll.
„What could he do?
Should have been a father.“
But he never even made it to his twenties.
What a waste
Army dreamers“


Wer den Beitrag über Sjaak verpasst hat, kann hier mehr über ihn erfahren.

Beeindruckende Hommage an Kate in elf Songs

Wer in Frankreich in den 1990er Jahren groß geworden ist, für den sind die Rapper von Fonky Family ein Begriff, vielleicht so, wie in Deutschland zur selben Zeit Fanta Vier die Musikszene mitgeprägt haben. Als Komponist der Fonky Family hat sich in Frankreich damals DJ Pone einen Namen gemacht. Knapp drei Jahrzehnte später legt Pone sein erstes selbst produziertes Album vor – und das ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Es ist in elf Songs eine wahre Hommage an Kate Bush, die Musik ist frei abrufbar und Pone hat aufgrund einer schweren Krankheit die Musik ausschließlich mit der Bewegung seiner Augen komponiert und produziert.
Seit vier Jahren leidet Pone an einer neurologischen Erkrankung, die nach und nach alle seine Muskeln gelähmt hat. Auf seiner Internetseite beschreibt er das deutlich untertrieben: „Nach ein paar gesundheitlichen Problemen, die für mich eine ziemlich schwierige Zeit dargestellt haben, habe ich im Januar 2019 wieder damit angefangen, Musik zu machen.“ Dabei hat er es sich anfangs eher leicht gemacht und Musik von Künstlern gehört, die er mochte, um sie zu samplen. „Ich produziere seit fast 30 Jahren Musik, aber da mir die Hände und der Rest meines Körpers entzogen waren, musste ich alles neu lernen, diesmal nur mit meinen Augen. Also habe ich mit Kate Bush angefangen, die ich sehr bewundere.“ Aus der Wiederentdeckung ihrer kompletten Diskografie ist dann etwas ganz anderes entstanden: eine Hommage in elf Songs für seine Album „Kate and me“.

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„Für mich ist Kate Bush die größte Künstlerin der letzten 40 Jahre“, schreibt Pone, der schon zuvor Kate Bush-Samples für seine Musik genutzt hatte. „Das Projekt wurde für mich noch offensichtlicher, als ich erfuhr, dass sie die erste Künstlerin war, die Sampling-Methoden einsetzte.“ Erstmals überhaupt hat Pone für seine eigenes Projekt auch das Mixen der Songs übernommen. „Die Freude am kreativen Prozess hat bei mir schon immer einen großen Anteil der Zufriedenheit mit einem Projekt, an dem ich teilgenommen habe, ausgemacht. Es ist mir auch egal, was die Leute denken oder auch, ob es sich verkauft oder nicht.“ Inzwischen ist bei Pone aber noch eine ganz andere Motivation hinzugekommen: Menschen mit großen körperlichen Einschränkungen zu beweisen, dass alles möglich ist. „Es ist ein großes Privileg, dort, wo es sie nicht gibt, ein wenig Hoffnung spenden zu können“, schreibt Pone auf seiner Internetseite. Und: ‚Kate and me‘ ist wahrscheinlich das erste Album, das ausschließlich mit den Augen komponiert, produziert und gemixed wurde – und es ist kostenfrei abrufbar. „Und was Kate betrifft“, schreibt Pone zum Schluss, „hoffe ich, dass sie mir nicht zu böse sein wird, dass ich ihre Stimme zu sehr verändert habe und mir bei ihrem musikalischen Werk einige Freiheiten herausgenommen habe. Ich hoffe eher, dass es sie amüsiert.“
Tatsächlich ist das Album eher beeindruckend schön. Bewegt sich Pone beim Opener „It’s me Cathy“ eher noch am Original, das mit ein paar Rap-Einlagen angereichert wird, entwickelt er bei Songs wie „Can’t slow down“ oder „You and me“ eine ganz eigene musikalische Sprache. Natürlich spielt er mit den Songs, bei „Breathing“ wird das Atmen hörbar, „Leave it open“ wird auf die Textzeile „I can’t have it all“ reduziert, „Houdini“ ist kaum noch erkennbar, „And dream of sheep“ kommt plötzlich als verkappte Popnummer mit Saxophon-Klängen daher, “ Don’t push your foot on the Heartbrake“ wird als „Not tonight“ in einer vermeintlichen Live-Version präsentiert und mit einem „Wow“-Zitat angereichert. Höhepunkt des Albums ist der Song „Loin de tout ça“ – eine knapp 30-minütige (!) Version von „Under the ivy“ – die mag wirklich weit weg von allem sein, aber liebevoll nah an Kate.
Die Musik und weitere Infos gibt es hier.

Der Yeti aus Istanbul

Foto rechts: wildman t
Foto: wikipedia/David Bjorgen

User „wildman t“ aus dem englischen Forum hat eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Bei dem Single-Cover von Kates Song „Wild Man“ von 2011 könnte es sich um eine Stadtansicht von Istanbul handeln. Bei dem verschwommenen Bild in schwarz-weiß glaubt man automatisch den Schatten eines Yetis zu erkennen, um den es in dem Song schließlich geht. Eine Geschichte, die erkennbar im Himalaya-Gebirge angesiedelt ist, mit erkennbaren Verweisen auf Klöster (Tengboche in Nepal), Berge (der Lhakpa-La-Pass und der Berg Annapurna in Nepal, Mount Kailash in Tibet) und Regionen (dem indischen Bundesstaat Himachal Pradesh und der chinesischen Provinz Qinghai). Tatsächlich dürfte es aber wohl eher eine Ansicht des Galataturms aus dem Istanbuler Stadtteil Beyoğlu sein. Zumindest legt das die Fotomontage nahe, die „wildman t“ im englischen Forum gepostet hat. Je nach der gewählten Perspektive sind die Übereinstimmungen verblüffend. Selbst ein simpler schwarzer Fleck neben dem vermeintlichen Schatten wird plötzlich als Straßenbeleuchtung oder Strahler, der abends den Turm illuminiert, erkennbar und stimmt mit dem Coverfoto überein.

Kate hinter der Mauer

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Kate Bush-Fans in der ehemaligen DDR hatten es schwer. Um an die begehrten West-LP’s zu kommen waren entweder Verwandschaft aus dem Westen, ausländische Devisen oder sogenannte Forumschecks nötig, die DDR-Bürger in Intershops eintauschen konnten. Intershop war eine Einzelhandelskette in der DDR, deren Waren nur mit konvertierbaren Währungen, später auch mit Forumschecks, jedoch nicht mit Mark der DDR bezahlt werden konnten. Ein unvermeidbarer Nebeneffekt war, dass der normale DDR-Bürger dadurch nur einen begrenzten Einblick in das Warenangebot des Westens bekam.
Im Intershop gab es zwei Arten von Schallplatten zu kaufen, die sogenannten richtigen Westplatten das waren Intershop-Schallplatten, die in dem Ostdeutschen Amiga-Presswerk Babelsberg hergestellt wurden. Das Cover und das Label kamen aus dem Westen, ohne AWA-Lizenz, und waren sogenannte Lohnpressungen.(Eine Lohnpressung (engl. custom pressing) ist eine Schallplatte, die in einem nicht dem Konzern des Plattenlabels zugehörigen Presswerk hergestellt wurde, so bei The Whole Story. Einziges Erkennungszeichen, dass es sich um DDR-Pressungen handelte, waren die Angaben in der Auslaufrille und die F-Bestellnummer auf Label und Cover (Sondernummernkreis der EMI Electrola).
Und es gab Schallplatten mit AWA-Lizenzen. Diese Schallplatten und deren Label wurden in der DDR hergestellt, das Cover kam jedoch aus dem Westen. Erkennungszeichen ist der AWA-Aufdruck auf dem Label, anstatt des GEMA-Zeichens, die Angaben in der Auslaufrille und die F- Bestellnummer auf Label und Cover (Sondernummernkreis der EMI Electrola). MIt Lizenz veröffentlicht wurden Never For Ever und Hounds Of Love. Ursprünglich sollten diese Platten in einer späteren Auflage unter dem AMIGA-Label erscheinen, aber die wenigsten schafften es. Unter dem AMIGA-Label wurde in der DDR auch eine offizielle Best of LP und Kassette veröffentlicht.

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Amiga war ein Musiklabel des von Ernst Busch gegründeten Musikverlags Lied der Zeit Schallplatten-Gesellschaft mbH, Berlin. 1954 ging es auf den staatlichen Tonträgerproduzenten VEB Deutsche Schallplatten Berlin über und war im VEB nun dem Ministerium für Kultur nachgeordnet. Amiga sollte die Bandbreite der populären Musik abdecken. Darunter fielen Beat-, Rock- und Popmusik ebenso wie Jazz, Schlager, volkstümliche Musik und populäre Instrumentalmusik. Amiga wurde am 3. Februar 1947 gegründet und bestand bis 1994. Seitdem wird das Repertoire von mehr als 30.000 Titeln (von 2200 Schallplattenproduktionen und 5000 Singles) von der BMG Berlin Musik GmbH, jetzt Sony Musi Entertainment, vermarktet. Als Markenname für Veröffentlichungen von Tonträgern aus der DDR-Zeit wird Amiga weiterhin verwendet.
Vor über 20 Jahren war mir das Glück hold und mir wurden die DDR-Testpressungen von Never For Ever und The Whole Story verkauft. Auf dem öffentlichen Markt wurden sie seit Veröffentlichung noch nie angeboten oder gesehen. Anzunehmen ist deshalb, dass nach dem Mauerfall alle übrigen Testpressungen vernichtet wurden. Happy hunting! Michael Guth

Das Bild des Monats: Oktober

© Sjaak Vullings

Für Sjaak ist Love and Anger einer dieser speziellen Songs, in dem sie über ein Thema sing, das wir alle kennen: der schmale Grat zwischen Liebe und Hass, zwischen Liebe und Zorn. „Es scheint, dass das Lied von einer Beziehung handelt, die sich auflöst. Der am wenigsten schmerzvolle Weg wäre es, sich von den Gefühlen wie Liebe und Ärger zu trennen und auf das kleine bisschen Hoffnung zu verzichten. Natürlich ist das nur ein Wunsch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, aber das macht den Song für mich so besonders.“
Take away the love and the anger,
And a little piece of hope holding us together.
Looking for a moment that’ll never happen,
Living in the gap between past and future.
Take away the stone and the timber,
And a little piece of rope won’t hold it together.

Das Fotomotiv zu Love and Anger ist schon 2011 in Tilburg entstanden, im Graten eines großen Bürokomplexes. Die beiden Teile des Bildes symbolisieren die Liebe und den Ärger und die kleine Linie stellt den schmalen Grat da, auf dem man zwischen beiden Gefühlen balanciert. Auf der linken Seite sieht man das fließende Wasser, das im übertragenen Sinne für den Energiefluss der Liebe steht. Die rechte Zeite symbolisiert den Ärger, die Wut. Das Wasser spiegelt zudem einen Baum wider, der für Sjaak eine erschreckende und zugleich wütende Energie ausstrahlt.

Wer den Beitrag über Sjaak verpasst hat, kann hier mehr über ihn erfahren.

Androgyner Zeitgeist der Popkultur

Fotograf Brian Griffin signiert zur Eröffnung der Ausstellung in Saarbrücken ein Foto von Kate Bush, das den Ausstellungskatalog ziert. Foto: Thomas Quinten

Von Beate Meiswinkel
In Saarbrücken war ich noch nie! Die Fotoausstellung POP von Brian Griffin im Landtag des Saarlandes bot einen spannenden Anreiz, dies endlich einmal nachzuholen. Eine seiner Aufnahmen von Kate hat mich immer sehr fasziniert: ich entdeckte sie im Booklet des This Womans Work Box Sets, wo sie mir deshalb so besonders auffiel, da ich sie keinem Album zuordnen konnte. Sie zeigt Kate in mittelalterlich-bäuerlich anmutender Gewandung vor einem wolkenverhangenen Himmel in einem abgeernteten Feld. Es scheint eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Wie ich feststellen sollte, gilt das für viele von Brian Griffins Werken.
Im April 1948 kam Brian in Birmingham zur Welt; seit 1972 lebt und arbeitet er als freiberuflicher Fotograf in London. Sein Buch Work wurde 1991 bei der Barcelona Primavera Fotográfica als „bestes Fotobuch der Welt“ ausgezeichnet. Es zeigt regelrecht hypnotische Aufnahmen von Arbeitern und Handwerkern. The Guardian beschrieb Griffin 1989 als Fotografen des Jahrzehnts. George Lucas engagierte ihn 1982 für Staraufnahmen am Filmset von „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“, von denen besonders diejenigen von Carrie Fisher herausragend sind. 2014 erhielt Griffin einen Ehrendoktortitel der Birmingham City University, 2016 wurde er in die Album Cover Hall of Fame aufgenommen, u.a.unter anderem für Cover-Motive für Billy Idol, Depeche Mode, Ultravox und Iggy Pop. Ein besonderes Sahnestückchen ist sein Motiv für Look Sharp von Joe Jackson, dessen minimalistische Eleganz nahezu magisch wirkt.

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Fotos: Brian Griffin

33 seiner Bilder kann man noch bis zum 21. Oktober im Rahmen der Ausstellungsreihe Pictures of Pop – Fotografie in der Popkultur im Landtag des Saarlands bewundern. In den lichtdurchfluteten Räumlichkeiten kommen die schlicht gerahmten Fotowerke einfach wundervoll zur Geltung. Sämtlich besitzen sie eine besondere elegante Ästhetik und spiegeln den unterkühlten androgynen Zeitgeist der Popkultur der 1980er Jahre wider. Und obgleich ich natürlich besonders wegen Kates Foto zu Besuch gekommen bin und auch dazu neige, ihr Bild besonders herauszustellen, begeistern mich Brian Mays frisselig-furioses Lockenhaupt, Iggy Pops strapaziös wirkende Pose und die Fotoserie des lausbubenhaft Grimassen schneidenden Peter Gabriel ebenso wie die atemberaubenden Aufnahmen für das Depeche Mode-Album Construction Time Again oder das anrührende Motiv für das Placebo-Album England’s Trance. Sehr entzückt hat mich auch ein nahezu lindsaykempeskes Selbstportrait des Maestros in Schwarz-Weiß.
Bedingt durch die starke männliche Dominanz der Musikszene jener Zeit, fallen die Aufnahmen von Künstlerinnen wie Siouxie Sioux, Lene Lovic, Mari Wilson oder Kate Bush der versunkenen Betrachterin besonders ins Auge. Kates Fotografie wurde gar als Titelmotiv für den Katalog der gesamten Ausstellungsreihe gewählt. Mit ihrer flehentlich gebeugten, sehnsüchtig tastenden Pose und dem offen verletzlich wirkenden Ausdruck hebt sie sich in ihrem Nonnen-Habit doch sehr von den übrigen Portraits ab. Es bildet dank seiner Wärme, Süße und Zartheit einen markanten Gegenpol zu all den coolen, symmetrischen, Statements setzenden Darstellungen, die es umgeben. Das Foto entstand 1983, in der Schaffenspause zwischen The Dreaming und Hounds of Love, und ob der Wahl des Nonnen-Outfits frage ich mich, ob Kate damals bereits Ideen für Waking the Witch gesammelt haben mag: Deus et dei domino inferno… Spiritus Sanctus in nomine… I question your innocence… She’s a witch… Help this blackbird… there’s a stone around my leg.
Besagte Aufnahme in Ordenstracht ist Griffins Lieblingsfoto von Kate. „Ich erinnere mich daran, wie Kate Bush um 6.30 Uhr morgens auf dem Bürgersteig vor meinem Londoner Studio saß, um auf mich zu warten“, schreibt er auf seiner Webseite. „Nachdem sie mein Album-Cover für ‚A Broken Frame‘ von Depeche Mode gesehen hatte, wünschte sie sich etwas Ähnliches. (…) Ich fand sie nicht nur extrem attraktiv, sondern auch erstaunlich talentiert.“ Neben den Fotos und einer Reihe von Plattencovern mit Griffins Motiven sind in der Ausstellung auch noch zwei Schaukästen aufgestellt, in denen man verschiedene Auszeichnungen, Magazine und auch Bücher betrachten kann. Darunter auch sein Fotobuch mit dem Titel POP aus dem Jahre 2017, in dem ebenfalls eine seiner Aufnahme von Kate enthalten ist. Leider ist POP längst vergriffen. Attraktive Special-Editions mit exklusiven Fotoprints sind noch erhältlich, falls man 500 GBP erübrigen kann.
Mehr zu Brian Griffin hier und hier.

Das Song-ABC: Love And Anger

Es gibt Songs, bei denen die Geschichte um ihre Entstehung herum spannender ist als der Inhalt. „Love and anger“ gehört für mich dazu. Für diesem Text war ich versucht, ihm die Überschrift „Ein Lied sucht seinen Sinn“ zu geben, denn das trifft es sehr genau. Ich werde den Inhalt und eine etwaige Bedeutung daher nur streifen.
„This song! This bloody song!“ [1] Dieser Ausruf von Kate Bush zeigt, dass er für sie ein unter Schmerzen geborener Titel gewesen ist. Vielleicht hat daher Kate Bush in Interviews so umfassend Auskunft über die Entstehung gegeben. Die Basis für den Song entstand ganz zu Beginn der Arbeit am Album. „It was one of the most difficult to put together, yet the first to be written.“ [1]. Zuerst war da eine musikalische Idee, die zu einem ersten Rohling ausgebaut wurde. Dann ruhte die Arbeit daran. „The song started with a piano, and Del put a straight rhythm down. Then we got the drummer, and it stayed like that for at least a year and a half.“ [6]. Die Musik war da, die Melodie, aber die Worte fehlten. „I get a sound and I throw it in a song and I can’t turn it into a word later because it’s actually stated itself too strongly as a sound.“ [3]. Sogar die Keimzelle des Songs ist Kate Bush noch genau in Erinnerung. „[In] Love and Anger, the bit that goes ‚Mmh, mmh, mmh‘ was there instantly and, in itself, it’s really about not being able to express it differently.“ [3].
Worum geht es? Das wollte sich für Kate Bush einfach nicht erschließen. Der Sinn dieser Musik erschien ihr schwer fassbar. Für die Komponistin war das eine Qual. „It was so elusive, and even today I don’t like to talk about it, because I never really felt it let me know what it’s about.“ [2]. Andere hörten diesen Rohling und fragten nach dem Sinn. Kate Bush hatte aber einfach keine Antwort „[When] people ask me what it’s about, I have to say I don’t know because it’s not really a thought-out thing. It was so difficult for me to write that: in some ways, I think, <it’s> about the process of writing the song: I can’t find the words; I don’t know what to say. This thing of a big, blank page, you know: it’s so big…It’s like it doesn’t have edges around it, you could just start anywhere.“ [3]. Auch im Nachhinein konnte sie diese Frage nicht recht beantworten. Aber sie ist ehrlich: „It doesn’t really have a story. It’s just me trying to write a song, ha-ha.“ [1]. Der Song kam dann voran mit der Hilfe und der Unterstützung anderer Musiker. „It’s just kind of a song that pulled itself together, and with a tremendous amount of encouragement from people around me.“ [2]. Ihr Bruder Paddy Bush, Dave Gilmour und John Giblin trugen dazu bei, dass es voranging. „Paddy and Dave Gilmour, who put overdubs on it, had so much trouble with it. They kept on asking, What’s it about? and all I could say was, I dunno but, uh, doesn’t it feel, uh, cohesive to you? Well, I started bringing musicians in to see if they could bring it to life and John Giblin, the bass player, just said, This is great! and came up with something fresh right away. It was so nice having someone put all this enthusiasm into a song I’d almost given up on.“ [4].

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Die letzte Zeile des Songs kann dann auch als Dank an die Helfenden interpretiert werden: „But just you wait and see, someone will come to help you.“ [8]. Insbesondere der exotische Flair der Valiha brachte den Song stimmungsmäßig voran. Schließlich war Kate Bush dann doch einigermaßen mit dem Ergebnis zufrieden. „I think putting the Valiha on was very important. It’s a beautiful sounding instrument – it looks a bit like a Zither, and it’s from Madagascar. It sounds like sunshine – it has this really happy, bubbly sound. I think that really helped to give the song a different perspective. It’s a very straightforward treatment – drums, bass, guitar, piano – and I think for me it’s one of the more straightforward songs on the album. A chirpy little number.“ [6].
Paddy Bush war auch Jahrzehnte danach noch stolz darauf, am ersten Stück der Popmusik mitgearbeitet zu haben, in dem ein traditionelles madagassisches Instrument verwendet wurde [7]. Nach vielen Schmerzen hatte es das Stück dann doch auf das Album geschafft und Kate Bush war einigermaßen zufrieden „There were so many times I thought it would never get on the album. But I’m really pleased it did now.“ [2]. Einen Sinn hatte sie schließlich doch noch zusammengezimmert, aber in der Nachbetrachtung ist immer noch eine gewisse Unzufriedenheit zu spüren. „Relationships revolve around love and anger. Being in love makes you very angry sometimes and there’s two sides to everything. I must be honest though, I’m not really sure what I’m trying to say here.“ [5].
Der Song endet dann mit einem beinahe triumphierenden „Yeah!“ (hurra, endlich geschafft) und einem Lachen, aus dem vielleicht Erleichterung herauszuhören ist. Ich finde es sympathisch, dass dieser Gefühlsaufbruch nicht herausgeschnitten wurde. Von Anfang an geplant erscheint er mir nicht. Love and anger, Liebe und Wut, das hat Kate Bush wahrscheinlich beim Nachdenken über diesen Song empfunden, Liebe zur musikalischen Idee, Wut über die Schwierigkeiten. Im Video zum Song werden diese zwei Seiten dann durch das Aufeinandertreffen von Balletttänzern und wirbelnden Derwischen symbolisiert [12]. Wahrscheinlich wegen seiner Eingängigkeit und musikalischen Unkompliziertheit wurde der Song wohl als Single veröffentlicht. Eine Single muss eben nicht besonders tiefgründig sein.
Die musikalische Gestaltung ist recht eingängig und einfach. Der Song steht in einem durchgehenden 4/4-Takt und ist in reinem F-Dur komponiert. Es gibt nur Dur-Akkorde, hauptsächlich Tonika, Dominante, Subdominante der Tonart [8]. Nach Beckh ist F-Dur die Naturtonart, die sich über die Schwere des Irdischen erhebt [9]. Es ist erstaunlich, dass sich so etwas Eingängiges dann doch als so sperrig erwiesen hat. 
Bei den Biographen wird der Song nur kurz gestreift. Jovanovic hebt hervor, dass David Gilmours Gitarre dem Titel im Refrain großartige Kraft und Stärke verleiht [10]. Graeme Thomson [11] ist kritischer. Der Song klingt für ihn wie eine weniger gelungene Version von „The big sky“, „einem anderen eher lästigen Song. Es beginnt ebenso reduziert und endet schließlich in einem extremen rhythmischen Getöse.“ Das ist harsch, aber nicht ganz falsch. Vielleicht wusste Kate Bush auch nicht, wie sie den Song beenden sollte. Das Lachen zum Schluss setzt schließlich einen guten emotionalen Schlusspunkt. Beim Hören des gesamten Songs kommt mir aber der Gedanke in den Sinn, dass die Komponistin bei den Arbeiten zu diesem Album vielleicht etwas die Leichtigkeit verloren hat. Komponieren ist nicht immer nur Genie, es ist auch harte Arbeit. Nach Abschluss darf man auch erleichtert sein. © Achim/aHAJ

[1] Len Brown: „In the Realm of the Senses“. New Musical Express, 07.10.1989. [2] WFNX Boston, Herbst 1989
[3] Steve Sutherland: „The Language of Love“. Melody Maker, 21.10.1989.
[4] Phil Sutcliffe: „Iron Maiden“. Q, November 1989.
[5] N.N.: „Love, Trust and Hitler“. Tracks, November 1989 [6] Tony Horkins: „What Katie Did Next“. International Musician, Dezember 1989.
[7] Stefan Franzen: „Paddy Bush und die Musik Madagaskars (Teil 2)“. http://morningfog.de/?p=4907 (gelesen 27.09.2019)
[8] Kate Bush: The Sensual World [Songbook]. EMI Music Publishing Ltd., London 1990. S.9ff
[9] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.149ff
[10] Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH/Hannibal. Höfen. S.172
[11] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.314
[12] Maria Montgomery Sarnoff: „Perfect Vision“. Option, März 1990.

„Gute Balance zwischen Konzert und Theater“

Fotos: kaboo-music

Gestern war die Generalprobe, am kommenden Montag, 30. September, ist es dann soweit: die deutsche Kate Bush-Tributeband Kaboo lädt zur Premiere von „Wuthering Night“ nach Leipzig in den Krystallpalast Varieté ein. Wie es zur Gründung der Band gekommen ist und was Besucher der Show erwartet, verrät Wieland Götze, Schlagzeuger der Band.

Dass es mal eine deutsche Kate Bush-Tributeband geben würde, hätte ich jetzt nicht unbedingt erwartet. Ich würde sie dann aber mit Sicherheit nicht ausgerechnet in Leipzig verorten. Wie kommt man mit ostdeutscher Sozialisation auf die Idee, so ein Projekt zu starten?
Wieland Götze: Die Idee stand schon lange im Raum, seitdem mir Ulrike alte Aufnahmen aus den 1990er Jahren vorgespielt, wo sie „Wuthering Heights“ sang und ich bereits nach den ersten zwei Tönen eine Gänsehaut bekam. Später überredete ich sie zum Duett „Don‘t give up“ mit einem wunderbaren Sänger aus Erfurt. Der Gänsehaut-Effekt erfasste nun auch die anderen Zuhörer. Als ich letztes Jahr bei einem Urlaubsfilm eine gemeinsame eigene Camping-Gitarren-Version von „The man with the child in his eyes“ mit dem Original mischte und im Refrain zu Uli und Camping-Gitarre plötzlich Kate Bush mit Orchester dazu kam, hob es mich nahezu aus den Socken. Kate Bush hat mit ihren Märchenwelten natürlich auch die Menschen in der DDR begeistert und es gab natürlich auch im Osten entsprechende Pressungen bei Amiga. Die waren jedoch nur schwer zu bekommen. Eine Lieblingsszene von mir im einschlägigen Post-DDR-Kultfilm „Sonnenallee“ ist die, wo ein älterer Mann den Plattendealer aus dem Westen mehrfach fragt „haste ooch wat von der Käthe Busch?“

Mit der Amiga-LP bewegen wir uns ja in der Vor-The-Dreaming-Ära. Wann konntest Du das restliche Werk von Kate für Dich entdecken?
Wieland: Ich selbst bin mir erst seit den 90er Jahren Kate Bush gewahr, da ich quasi erst ein Jahr vor „The Dreaming“ erschienen bin. „The Whole Story“ von 1986 wurde für mich zur Eintrittskarte in die Welt von Kate. Im Jahr 2005 bekam ich von einem Mitstudenten das damals brandaktuelle „King of the mountain“ zugesteckt und war geflashed! Dann hielten noch „The Kick inside“ und „Hounds of love“ Eingang in meinen Plattenschrank. Doch das „Gesamtwerk“ wurde erst seit unserer Idee im Oktober letzten Jahres kontinuierlich erforscht. Mittlerweile sind natürlich alle Alben sowie einige DVDs am Start. Uli besitzt schon lange das „The Whole Story“-Songbook, welches nahezu alle veröffentlichten Titel bis 1986 in Notenform (Gesangsstimme und Akkorde) enthält.

Du bist ja von Haus aus eigentlich Jazzmusiker. Was macht für Dich das Besondere an Kates Musik aus?
Wieland: Da ist natürlich diese unglaubliche charakteristische Stimme, die eigentümliche mystische Harmonik und die faszinierende unkonventionelle Melodieführung. Diese Experimentierfreudigkeit zieht sich in mannigfaltigen Ausprägungen durch ihr gesamtes Werk. Da findet sich ein Füllhorn an stilistischen Mixturen von Rock, Pop, Jazz, Punk, Reggea, klassischen Elementen und Weltmusik, insbesondere der irische Einfluss. Sie erfindet sich mit jedem Album neu und bleibt sich und ihrem künstlerischen Anspruch stets treu. Es geht ihr prinzipiell in erster Linie um die künstlerische Verwirklichung und nicht um das Bedienen von vorgegebenen Konventionen und Trends. Dennoch verstand sie es, insbesondere in den 80ern, den Zeitgeist zu prägen. Sie experimentierte mit neuen technischen Möglichkeiten und schuf ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Tanz und Theater und neuen Kompositions- und Produktionswegen, die heute im digitalen Zeitalter gang und gäbe sind. Diese Kompromisslosigkeit und Selbstbestimmung in punkto (Pop-)Musik als seriöse Kunstform mit derartigem Erfolg findet man nicht oft im Musikbusiness. Mir fallen spontan nur Frank Zappa, Peter Gabriel und Mike Oldfield ein.

Findet man diese Kompromisslosigkeit sonst eher im Jazz-Genre?
Wieland: Ja, das würde ich sagen. Prinzipiell würde ich das „findet“ aber durch „fand“ ersetzen. Heutzutage wird hauptsächlich auf „Produkte“ Wert gelegt, die durch Schlagworte gekennzeichnet und mittels Suchmechanismen gefunden werden können. Musik muss jederzeit abrufbar sein und in vorgefertigte Playlists hineinpassen. Das Unerwartete wird Schritt für Schritt ab- und vorhersehbar gemacht. Wirkliche Kompromisslosigkeit ist schwer zu finden, da sie selbst wahrscheinlich schon eine Schublade darstellt. Aber, die Musik und das Leben bahnen sich schon ihre Wege und kommen auch heute noch, vielleicht per Umweg, im Herzen an, da bin ich ganz optimistisch!

Du hast sehr viel Erfahrung in Musicalproduktionen gesammelt. Ist das Dein „Umweg“, um mit der Musik im Herzen zu landen?
Wieland: Nein, nicht unbedingt. Ich bevorzuge den direkten Weg im Konzert oder auf dem Tonträger, oder aber selbst analytisch in die Musik einzusteigen, am Instrument oder beim Raushören von Kate Bush Titeln. Dennoch gebe ich zu, dass man durch eine Handlung auf der Bühne die Aussage der Musik immens unterstreichen und den Zuhörer gleich auf eine Reise mitnehmen kann. Da habe ich beim Zusammenstellen unserer Show, mit der Handlung basierend auf dem Roman „Wuthering Heights“ von Emily Brontë, auch viel gelernt. Uli hat ja viel Theatererfahrung als Sängerin, Schauspielerin und Tänzerin. Sie hat da dementsprechend auch viel mit reingebracht. Außerdem haben wir mit Falko Köpp noch einen erstklassigen Schauspieler am Start, der als Mr. Lockwood die Szenen zwischen den Titeln ausgestaltet…

Womit wir bei „Wuthering Night“ wären. Anders als andere Tributebands spielt Ihr nicht nur die zu erwartenden Stücke runter, sondern bettet sie in eine Geschichte ein. Das klingt ein bisschen nach der Fortsetzung der Tour of Life. Wie habt Ihr es geschafft, dass sich auch die neueren Lieder von Kate in den Brontë-Rahmen harmonisch einfügen?

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Wieland: Das ging erstaunlicherweise recht unkompliziert. Nachdem wir den Roman studiert und uns verschiedene Verfilmungen angeschaut hatten, fügte es sich wie von selbst. Es scheint so, als ob sich Kate Bush auch über den Song hinaus mit Emily Brontë, der Ästhetik und der Charaktere des Romans identifiziert (hat). Das ist auch bei späteren Kompositionen spürbar. Schließlich gibt es die faszinierende Kuriosität, dass Emily und Kate auf den Tag genau 140 Jahre auseinander sind. Wenn man ihre Werke betrachtet, kommt man zu dem Schluss, dass beide sich mit diversen übersinnlichen Erwägungen auseinandergesetzt haben. Es lässt jedenfalls genug Spielraum für Interpretationen. Das haben wir uns zunutze gemacht. Dennoch soll der Hauptfokus natürlich auf der Musik liegen. Da haben wir uns in der einen oder anderen Situation auch etwas in den Haaren gehabt, Doch ich glaube, wir haben eine gute Balance zwischen Konzert und Theater gefunden.

Welche Spannbreite erwartet die Besucher denn? Reicht der Bogen bis zu Aerial und 50 words for snow?
Wieland: „50 words for snow“ ist ein in sich geschlossenes (Wahnsinns!) Konzeptalbum. Auf der Basis der Story kristallisierte sich sehr schnell der jetzige Ablauf, bestehend aus 21 Songs von „Kick inside“ bis „Aerial“ bzw. sogar Live-Arrangement-Ideen von „Before the dawn“ von 2014, heraus. Von einigen Schmankerln musste man sich leider vorerst verabschieden. Auch kalkulieren wir natürlich ein, dass der Kate-Bush-Neuling neben dem Kate-Bush-Nerd sitzen wird und beide auf ihre Kosten kommen sollten. Der Nerd wird „The Dreaming“ und „50 Words for Snow“ vermissen. Für beide gibt es schon Ideen, doch wir konzentrieren uns jetzt vorerst ganz auf die anstehende Show. Wir hätten das Programm auch „50 Words for Show“ nennen können, haben uns dann aber für „Wuthering Night“ entschieden

Wie eng haltet Ihr Euch dabei ans musikalische Original?
Wieland Es wird keine freie Interpretation in diesem Sinne geben. Ich habe die Originale nach bestem Wissen und Gewissen transkribiert, hier und da mal gekürzt oder auch miteinander verbunden, Live- und Studioversionen kombiniert. Die Ansage an die Band war: lasst uns vom Originaltext ausgehen und eine eigene Sprache entwickeln.

Apropos eigene Sprache: Mich haben zuletzt Bands wie Baby Bushka aus den USA oder auch das Konzert der Göteborg Symfoniker begeistert, eben weil sie eine eigene Sprache auch für Kates Musik entwickelt haben. Wie schwierig ist der Spagat zwischen Cover, Tribute und eigenen Ansprüchen an die Musik?
Wieland: Das ist ein stetiger Prozess. Der beruht natürlich auch auf den unterschiedlichen Prägungen innerhalb der Band. Manche sind schon sehr intensiv eingestiegen in die Materie in puncto Charakteristika der Songs, des Stiles und der einzelnen Stimmführungen. Manche sind das erste Mal mit Kates Musik in Berührung gekommen und schöpfen aus einem anderen Background. Da muss man immer einen Mittelweg finden. Der musikalische Anspruch ist auf jeden Fall mehr als gegeben, da jeder Song eine musikalische Kostbarkeit ist und sich fernab von austauschbaren Paradigmen befindet. Man freut sich auf jeden Einzelnen gleichermaßen. Eine Beethoven-Sinfonie wird auch weitestgehend originalgetreu aufgeführt. Warum nicht auch die „Symphony in Blue“. Trotzdem gibt es auch einige eigene Gestaltungselemente und Spots für die Musiker sowie eigens entworfene Tanzchoreographien für die drei Tänzerinnen inklusive Uli, die Original-Elemente zitieren aber doch letztendlich Neuanfertigungen sind. Es gibt sogar eine Artistiknummer von einem finnischem Artistenpaar, dem Duo E-Motion. Trotzdem wird jeder Einzelne sein eigenes Universum einbringen, so dass es immer einen eigenen Sound haben wird.

Könnt Ihr Euch vorstellen über die Show im Krystallpalast hinaus mit einem Kate-Programm auch in anderen Städten aufzutreten?
Wieland: Ja, definitiv! Das möchten wir gerne. Wir müssen natürlich stetig unser Netzwerk erweitern und Kontakt zum Kate Bush-affinen Publikum herstellen. Sie ist ja hierzulande doch mehr Exotin als ABBA, Tina oder Queen.

Promo Snippet KaBoo Kate Bush Tribute Part1

Anbei der erste Ausschnitt unseres wunderbaren Videodrehs mit Robert Soujon. Fortsetzung folgt…

Gepostet von KaBoo Kate Bush Tribute am Donnerstag, 5. September 2019

Alle Infos zur Band gibt es hier, Karten für die Show hier.

Jimmy Page: Thank you, Kate.

Fünf Jahre nach den Konzerten von Kate Bush hat sich Jimmy Page, Gründer und Gitarrist von Led Zeppelin, auf Instagram als großer Kate Bush-Fan geoutet – auf den Tag genau, an dem er selbst eines der Kate-Konzerte besucht hatte. Auslöser für seine Begeisterung für Kate war 1979 der Song „The Man With The Child In His Eyes“. Page schreibt dazu auf seinem Instagram-Account: „Als ich hörte, dass sie diesen Song auf ihrem Debütalbum bereits als Teenager geschrieben hatte, wusste ich, dass sie ein einzigartiges Talent ist und ein tiefes Verständnis für die Musik besitzt.“ Page ist der Musik von Kate seit dem treu geblieben, schreibt gar, dass sie einige der außergewöhnlichsten Songs geschrieben habe, die er je hören durfte. Die Karten für das Konzert in London habe er 2014 nur mit viel Glück bekommen. Sein Eindruck: „Das Gefühl der Liebe und des Respektes für Kate war greifbar. Ihre Show zeigte das Maß ihres Genies und ihrer Vision in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jeder von uns war von ihrem Konzert sowohl visuell als auch musikalisch wirklich berührt.“ Page, der vom Musikmagazin Rolling Stone auf Platz drei der Liste der 100 besten Gitarristen aller Zeiten geführt wird, beendet seinen Post mit den simplen drei Worten: Thank you, Kate.

Ne t’enfuis pas frisch aus der Bretagne

Es war purer Zufall, dass zeitgleich zu meinem Bretagne-Urlaub die Anfang September nur in Frankreich veröffentlichte Maxi-Vinyl Ne T’Enfuis Pas/Un Baiser D’Enfant zu haben war. Also hab ich mir zwei Exemplare vorbestellt und an den Urlaubsort in den Plattenaden liefern lassen. Vor Ort ging das zittern dann los, erst recht, als ich eine freunfdliche Email erhielt, dass die Platten zum Abholen bereit liegen würden, ich mich nur ausweisen müsste und den Zahlungsbnachweis parat halten sollte. Zahlungsnachweis?!? Die Abwicklung über Paypal war Wochen her und eine in deutsch verfasste Bestätigungsemail kann ja jeder Plattenverkäufer in Frankreich super lesen… Gottseidank war es dann recht harmlos. Ich: in den Laden gestürmt, souverän mein auswendig gelerntes Sprüchlein auf französisch gestammelt. Sie: Da müssen Sie hinten links zu den Bestellungen und dann wieder zu mir an die Kasse. (Breites Grinsen). Ich: bei den Bestellungen wieder souverän auf franzöisch gestammelt, Ausweis unter die Nase gehalten, Päckchen problemlos in Empfang genommen und erneut breites Grinsen geerntet. An der Kasse wurde ich dann durchgewunken und mit einem freundlichen Grinsen verabschiedet. Und da mit den Platten auch ja nichts passiert, wurden sie erst zu Hause ausgepackt. Und wie man sieht hab ich mch immer noch nicht getraut, die Folie zu entfernen, um das Innenleben zu brachten. Das kommt noch. Merci FNAC. Ach ja: Bis heute ist vollkommen unklar, wie viele Exemplare dieser Sonderauflage es gibt. Sie war jedenfalls ultraschnell ausverkauft und bei Ebay wird sie aktuell zwischen 30 und 65 Euro gehandelt.

„Jeder Fan ist von Kate Bush tief berührt“

Ab dem 6. September ist die neue Doku von Claire Laborey über den Werdegang von Kate Bush bei arte in der Mediathek online, am 13. September wird sie ausgestrahlt. Im Interview mit morningfog.de verrät Claire vorab schon ein paar Details über die Doku.

Der deutsche Titel zu Deiner Doku über Kate Bush bei arte lautet „stimmgewaltig und exzentrisch“. Was hat für Dich Kate Bush so interessant gemacht, dass Du eine Doku über sie drehen wolltest?
Claire: Ihr steter Einfallsreichtum, wie sie ihre Musik immer wieder erneuert, aber auch die vielfältigen Einflüsse, die sie musikalisch verarbeitet. Und natürlich auch der Umstand, dass sie stets auf neue Generationen eine große Anziehungskraft ausübt.

Bleiben wir mal bei dem Wort exzentrisch, was im deutschen Sprachgebrauch ja der falsche Begriff ist, weil es eine Person meint, die zwar von üblichen Normen abweicht, aber eher auf eine übertriebene Art und Weise. Kate hingegen steht ja eher im Musikgeschäft außerhalb jeglicher Normen, weil sie ihre eigenen Normen geschaffen hat. Ist sie damit für Dich auch eine Art feministisches Vorbild?
Claire: Ja, das sehe ich ähnlich. Ich bin mit dem Begriff aber trotzdem einverstanden, weil es offenbar schwierig war,  meinen französischen Titel „La sorcière du son“, zu übersetzen. Die ‚Hexe des Tons‘ hätte im Deutschen noch viel weniger gepasst. Für mich ist Kate Bush ein Freigeist, eine sehr starke Frau, die sich mit ausgezeichneten Menschen umgibt und die ständig dazulernt – und das über Jahrzehnte hinweg. Sie zeigt uns ihren eigenen Weg, auch beim Thema Emanzipation, wo sie sich und ihre Arbeit ständig infrage stellt. Sie ist ein perfektes Beispiel dafür, dass man sich auch als Frau in der von Männern dominierten und sehr geschlossenen Welt der Schallplattenindustrie behaupten kann.

Bei unserem ersten Kontakt im Mai 2018 hattest Du erzählt, dass Du in Deiner Dokumentation Stationen der Karriere von den Anfängen bis heute nachzeichnen, aber vor allem auch auf die Suche danach gehen wolltest, was genau den Mythos Kate Bush ausmacht. Wie ist Dir das in Deiner Dokumentation gelungen?
Claire: Die Frage musst Du eigentlich beantworten, wenn Du die Dokumentation gesehen hast. Ich hoffe es ist mir gelungen, etwas von der Magie und der Faszination deutlich zu machen, die Kate Bush auf ihre Fans, aber auch auf die wunderbaren Musiker, mit denen sie zusammenarbeitet, ausübt.

Inwieweit war es denn für Dich ein Problem, wenn man den Anspruch hat, Stationen von Kate von 1979 bis heute nachzuzeichnen, und man dabei kaum eine Möglichkeit hat, auf aktuelles Bild- oder Filmmaterial zurückgreifen zu können?
Claire: Ich habe mich auf ihren musikalischen und kreativen Arbeitsprozess konzentriert. Und dabei mit filmischen Mitteln versucht zu zeigen, was Kate Bush als Künstlerin ausmacht, auch das Rätselhafte, was sie umgibt. Für das Filmende bedeutete das, dass man nicht alles sagen und zeigen kann, sondern ihrer musikalischen und narrativen Erneuerung Rechnung trägt, auch mit der Betonung ihres Verlangens nach Rückzug.

Ich weiß, dass Du versucht hast, nicht nur an Kate selbst heranzukommen, sondern auch an Ihr direktes Umfeld, also John Carder und Paddy Bush oder Danny McIntosh. Warum ist das gescheitert?
Claire: Wie Kate selbst wollten auch sie ihre Intimität und Stille rund um diese Arbeit und ihr tägliches Leben mit der Sängerin schützen. Auch da muss man dann auf die Archive zurückgreifen; das Material sagt aber auch viel über sie aus.

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Auf welche Gesprächspartner können wir uns denn in Deinem Film freuen?
Claire: Es gab sehr schöne Begegnungen mit Brian Bath and Vic King, Pat Martin, Andrew Powell, Stewart Arnold, Preston Heyman, Glenys Groves, John L Walter, Nick Launay, Guido Harari, Youth, Jaz Coleman, und Mandy von Cloudbusting. Aber auch die Gespräche mit Biograph Graeme Thomson und den beiden Photographen Gered Mankowitz und Guido Harari waren wunderbar. Nicht zu vergessen die Treffen mit ein paar sehr leidenschaftlichen Fans.

Welcher Fan hat Dich am meisten beeindruckt?
Claire: Gar nicht mal ein einzelner Fan. Es ist eher eine kollektive Bewegung, die eine glückliche Zeit miteinander verbringen. Und jeder ist auf seine ganz eigene Art von Kate Bush tief berührt. Und so ist es ja auch: Jeder Teil ihres Werdegangs und die Faszination, die sie ausübt, sind beeindruckend, egal ob es um die Entdeckung der Weiblichkeit geht, die Freiheit des Geistes oder die mystisch-magischen Aspekte ihrer Musik.

Gib‘ doch mal einen Tipp ab: Wann kommt ein neues Album von Kate heraus?
Claire: Lieber Bugi, da lauern wir beide drauf …

Das Bild des Monats: September

© Sjaak Vullings

Der menschliche Körper besteht zur Hälfte aus Wasser. Wasser steht für Emotion und Gefühle. „Vielleicht ist das der Grund, warum Menschen sich so gerne in der Nähe des Wassers aufhalten“, vermutet Sjaak, immerhin ist das der Stoff, der einen erfrischt, zur Erholung beiträgt. „Kate hat den Song ‚Moving‘ der fließenden Energie des Wassers gewidmet, der Qualität der Bewegung und der Kommunikation auf emotionaler Ebene. Wenn man mit dem Wasser in seinem Inneren in Berührung kommt, fühlt man sich verbunden und voller Gefühle und offener gegenüber den Gefühlen anderer Menschen, was zu einer stärkeren Fähigkeit führt, sich unter die anderen zu mischen“, glaubt Sjaak. Natürlich geht es in ‚Moving‘ aber auch und vor allem um die Bewegung: „Wenn Du Deine Augen schließt und diesen Song hörst, kann man sich leicht vorstellen, wie Kate sich als elegante Balletttänzerin wie eine Flüssigkeit bewegt.“ Denn natürlich gwht es auch um Tanz in diesem Song, in dem sich Kate bei ihrem Lehrer LIndsay Kemp bedankt.
‘Moving liquid, yes, you are just as water
You flow around all that comes in your way
Don’t think it over, it always takes you over
And sets your spirit dancing.’

Das Bild, ein Selfie, hat Sjaak 2017 eingefangen hat. Die Bearbeitung des Bildes hat eine Freundin von ihm übernommen.

Wer den Beitrag über Sjaak verpasst hat, kann hier mehr über ihn erfahren.

Das Song-ABC: Moving

„Moving ist schon aus einem einfachen Grund ein ganz besonderer Song. Er eröffnet das Debutalbum „The kick inside“ von Kate Bush. Er wurde als erster Song in der Aufnahmesession im Juli/August 1977 aufgenommen, nach Erinnerung des Produzenten Andrew Powell dauerte das nur zwei Stunden [2]. In Japan erschien er als Single am 6. Februar 1978 und erreichte den Platz 1 der Charts [1]. Der Song wird allgemein als Tribut an ihren Tanz/Schauspiellehrer Lindsay Kemp angesehen [1]. Eröffnet (und beschlossen) wird er mit gesampelten Walgesängen, die vom Album „Songs of the Humpback Whales“ von Roger S. Payne stammen [1]. Roger S. Payne ist ein amerikanischer Biologe, der sich intensiv mit den Gesängen der Wale beschäftigt hat [11].

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„Moving“ ist der erste Song auf „The kick inside“, er ist sozusagen das Eingangsstatement. Wird seine Bedeutung angemessen gewürdigt? Die Biographen gehen nur auf eher offen sichtbare Dinge ein. Ron Moy [3] bleibt aus meiner Sicht recht allgemein. Für ihn adressiert der Song die Hauptthemen von Kate Bushs Songs – Liebe, Beziehungen, Sinnlichkeit und Begehren. Für ihn ist er direkt („touch me, hold me, how my open arms ache“) und gleichzeitig poetisch und metaphorisch („you crush the lily in my soul“). Ron Moy sieht diese zwei Pole (Aktivität / passive Reflexion) als typisch für viele Lyrics von Kate Bush an – damit belässt er es in seiner Analyse. Für Graeme Thomson [2] spiegelt „Moving“ die physische Befreiung und die psychische Wandlung wieder, die Kate Bush beim Tanzen erfahren hat. Der „moving stranger“ ist demnach Lindsay Kemp und das Bild der Lilie, die er zerdrückt („crush the lily in my soul“) steht gemäß Thomson für eine positive Erfahrung, nämlich, dass die Bewegung ihr Kraft verleiht und sie nicht etwa schwächt. Hier frage ich mich allerdings, wie das Zerdrücken einer zarten Blume in der Seele so uneingeschränkt positiv gesehen werden kann.
Phil Sutcliffe [4] beschreibt den Song so: „It’s a complete evocation of the movement of the dancer, speaking with his limbs, sense through sensuality, as sexy as his ‚beauty’s potency‘, the dancer and the watcher in harmony like lovers.“ Alle diese Analysen sprechen Aspekte des Songs an, gehen für mich aber nicht genug in die Tiefe. Ich werde versuchen, einige Gesichtspunkte zu ergänzen. Ein Blick auf die Gestaltung des Songs ist dabei hilfreich. „Moving“ beginnt mystisch. Es braucht einige Sekunden, um zu identifizieren, was hier gerade für fast zwanzig Sekunden erklingt. Es sind Walgesänge, sirenenhafte Klänge, fremdartig und fast unheimlich in ihrer Wirkung. Es sind die „Walgesänge, die sie so liebte“, so sagt es Graeme Thomson [2]. Nach diesen zwanzig Sekunden setzen dann zart die Instrumente und der Sologesang ein. Der Gesang ist teilweise reich verziert, für den Produzenten Andrew Powell klang das wie die „Königin der Nacht“ aus der Zauberflöte [2]. Diese Koloraturen sind besonders ausgeprägt bei „how you move me“, „potency“ und auf „soul“, insbesondere zum Schluss des Songs. Eine Königin der Nacht der Romantik singt hier. Im zweiten Chorus kommen einige Echos hinzu durch einen Chor aus von Kate Bush gesungenen Stimmen. Zum Ausklang ertönen wieder Walgesänge, ein bruchloser Übergang in den nächsten Song findet statt. Offenbar geht es hier um mehr als nur diesen einen Song. Insgesamt ist „Moving“ in eine äußerst romantische Stimmung getaucht.

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Kate und LIndsay Kemp bei den Dreharbeiten zu The Line, The Cross And The Curve / Foto: Guido Harari

Aus dieser Beschreibung heraus die Verbindung zu Lindsay Kemp zu finden, ist nicht offensichtlich. Zum Glück gibt es Äußerungen von Kate Bush selbst, die das erläutern. Es war ihr wichtig, Lindsay Kemp ein Lied zu widmen. „He needed a song written to him. He opened up my eyes to the meanings of movement. He makes you feel so good. If you’ve got two left feet it’s ‚you dance like an angel darling.‘ He fills people up, you’re an empty glass and glug, glug, glug, he’s filled you with champagne.“ [4] Kate Bush sagt ausdrücklich, dass der Song dem Schauspiellehrer gewidmet ist, das heisst aber nicht automatisch, dass es ein Song über ihn ist. Ihr Mentor hat aber Kate Bush die Augen dafür geöffnet, wie man ganz verschiedene Stimmungen ausdrücken kann. Paul Kerton geht darauf in seinem Buch sehr ausführlich ein. Er zitiert z.B. Kate Bush so: „Er sagte zum Beispiel, ihr werdet jetzt alle zu ertrinkenden Seeleuten, Wellen schwappen schon über euch, und jeder fing an zu schreien. Er lehrte mich zu schreien und mir meines Körpers bewusst zu werden“ [5]. In diesem frühen Zitat klingt schon die Faszination für das Wasser und das Meer an, die sich im ganzen Werk von Kate Bush wiederfindet. Der Wal ist ein Geschöpf des tiefen Wassers, geheimnisvoll, immer in Bewegung. Der Wal ist ein „moving stranger“. „Whales say everything about ‚moving‘. It’s huge and beautiful, intelligent, soft inside a tough body. It weighs a ton and yet it’s so light it floats. It’s the whole thing about human communication — ‚moving liquid, yet you are just as water‘ — what the Chinese say about being the cup the water moves in to. The whales are pure movement and pure sound, calling for something, so lonely and sad…“ [4].

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Folgerichtig schwebt Kate Bush bei der „Tour of Life“ zu diesem Song dahin in einem meerblauen (Thomson spricht von meergrün) Trikot, wie im Traum, als schwimme sie in der Tiefe, gefangen in einem Walzer unter Wasser [2]. Auch die Verbindung zwischen Wal und Tanz ist für Kate Bush offensichtlich. „On the ground they’re ppff (splodging sound), but in the water they’re ‚wahooo!‘ Which is the way with a lot of dancers“ [4]. Eine Identifizierung des „moving stranger“ mit einem anonymen Liebhaber (durchaus denkbar) scheint also nicht gemeint zu sein. Kate sieht den Wal als Verkörperung des Meeres, als durch den Tanz befreites Wesen. Der Wal hat aber weitere Bedeutungen. Im Christentum verbirgt sich hinter ihm der Teufel als Ungeheuer der Tiefe des Wassers. Seine Kieferbacken markierten die Tore zur Hölle [9]. „Der Bauch des Wals als Ungeheuer des Wassers gleicht dem Ort des Todes, dem verschlingenden Grab der Dunkelheit des Unbewussten, dem Bereich der Nacht“ [9]. „Bei solchen mythischen „Nachtmeerfahrten“ besteht aber Gefahr, dass unser in unbekannten seelischen Raum vorstoßendes Bewusstsein von den archaischen Mächten des Unterbewussten überrannt wird“ [9]. Der Wal ist Symbol für den Ort des Ursprungs, der Rückholung und Wiedergeburt, er steht für die „dunkle Nacht der Seele“ [9]. Der Wal ist also etwas Unheimliches, er steht für das Ungewisse, die andere Seite, das lockende Geheimnis, die Verführung. Vielleicht muss man das für Kate Bush so typische Motiv des Wassers ähnlich sehen – es geht um Nachtmeerfahrten auf die andere Seite. Ich weise auf „The Fog“, „Nocturn“ und „A Coral Room“ als Beispiele hin.
Es erscheint folgerichtig, wenn als Gegensatz auch ein Symbol für die verführte, angelockte, unschuldige Seele im Song auftaucht: „You crush the lily in my soul“. Die Lilie hat in der Symbolik als Grundbedeutungen die Reinheit des Herzens, die Unbeflecktheit, die Jungfräulichkeit [10]. Sie verweist auf die keusche Unberührtheit der Gottesmutter [10]. Im Song wird diese Unschuld gebrochen, der Tanz (die Verlockung des Wals) hat neue Welten eröffnet, Welten, die dunkler, geheimnisvoller sind. Dieser Prozess ist auch schmerzhaft, das deutet klar das Wort „crush“ an. Die musikalische Gestaltung spiegelt diese ganzen Aspekte wieder. Der Song ist in einem reinen 4/4-Takt gehalten, keine Abweichung stört den traumverlorenen Tanz [6]. Notiert ist „Moving“ in d-Moll, ab und zu gibt es Aufhellungen nach Dur – z.B. zu „As long you‘re not afraid to feel“, „Try to fall for me“ und zum letzten „Soul“ in „You crush the lily in my soul“ [6]. Es scheint A-Dur zu sein. Nach Beckh [7] steht d-Moll für das Starre, Erstorbene der Natur. Etwas mit Grab und Tod, mit dem Starren und Steinernen der Gruft hat diese Tonart zu tun. Sie scheint von einer Welt finsteren Werdens und Gestaltens zu sprechen, die vom Sonnenhaften des Lebendigen noch nicht durchleuchtbar ist [7]. Interessanterweise steht die berühmte Rachearie der Königin der Nacht ebenfalls in d-Moll (verwandte Koloraturen finden sich ja im Song). Kurt Pahlen weist bei dieser Arie darauf hin, das d-Moll eine Tonart ist, in der auffallend oft seelische Bewegung ausgedrückt wird [8]. Seelische Bewegung ist genau das Kernthema von „Moving“. A-Dur steht gemäß Beckh für Lichteshöhen, es steht für die durch irgendein Erlebnis, irgendeine Begegnung ausgelöste höchste verklärte Seelenstimmung [7].
Die Kombination dieser beiden Tonarten gibt die Grundstimmung von „Moving“ sehr gut wieder, auch die Tonarten stehen für den Ausbruch aus einer starren Welt in eine Welt des Lebendigen, sie stehen für eine Befreiung. Ganz folgerichtig musste für mich dieser Song das Album eröffnen. Er setzt das Thema für das Album, ist das Eingangstor in die Welt von Kate Bush. Er thematisiert die Verführung durch das Unheimliche und Unbekannte, den Verlust der „Unschuld“ durch das Veröffentlichen des Albums und durch das Tanzen bei Lindsay Kemp. Schon der Titel „Moving“ drückt es aus – Bewegung, von einem Punkt zum anderen. Eine in ihrer alten Welt gefangene Kate Bush bricht aus und tanzt in die Zukunft. So sehe ich diesen Song, ein helles Licht der Verheißung leuchtet auf aus der Dunkelheit. Kate Bush lockt uns in ihre Welt und nimmt uns mit auf ihre Nachtmeerfahrt. © Achim/aHAJ

[1] https://en.m.wikipedia.org/wiki/Moving_(Kate_Bush_song) (gelesen 16.07.2019)
[2] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.107, 111, 116 und 169
[3] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.13f
[4] Phil Sutcliffe: „Labushka“. Sounds 30.08.1980
[5] Paul Kerton: Kate Bush. Bergisch-Gladbach. Gustav Lübbe Verlag GmbH. 1981. S.42
[6] „Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.122f
[7] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.155ff (d-Moll) und S.136f (A-Dur)
[8] Kurt Pahlen: Wolfgang Amadeus Mozart – Die Zauberflöte. Mainz 2011. Schott Music GmbH & Co KG. S.108
[9] Clemens Zerling, Wolfgang Bauer: Lexikon der Tiersymbolik. München 2003. Kösel-Verlag. S.314f
[10] Clemens Zerling: Lexikon der Pflanzensymbolik. Baden und München 2007. AT-Verlag. S.155f
[11] https://en.m.wikipedia.org/wiki/Roger_Payne (gelesen 20.08.2019)