Märchen, Scherenschnitte und rote Schuhe

Zwei der Schrenschnitte von Hans Christian Andersen, die in der Kunsthalle Bremen präsentiert werden. Links „Der Botaniker“ von 1848 (© Königliche Bibliothek Kopenhagen), rechts „Ballerinen in einer verkorkten Flasche“ (© Odense City Museums).

Drei Jahre hat Kurator Detlef Stein zusammen mit seiner Kollegin Anne Buschhoff an der Ausstellung „Hans Christian Andersen – Poet mit Feder und Schere“ gearbeitet. Sie zeigt nicht nur eine in Deutschland bisher weitestgehend unbekannte Seite des Geschichtenerzählers, sondern hat zudem auch erstaunlich viel mit Musik zu tun – und auch mit der Musik von Kate Bush.
Gedanklich bewegt Stein die Ausstellung, die noch bis zum 24. Februar 2019 in der Kunsthalle Bremen präsentiert wird, eigentlich schon seit Jahrzehnten. Irgendwann in den 1990er Jahren war es, als er regelmäßig nach Kopenhagen gefahren ist. Der Musik wegen. „Da gab es die besten Second Hand-Läden, in denen ich meine Schallplatten gekauft habe“, erzählt er. Bei einer dieser Touren ist er in Odense hängen geblieben, der Zug fuhr erst sehr viel später und Stein wanderte zum Zeitvertreib in das Hans Christian Andersen-Museum und erwartete, was man in solchen Museen in der Regel zu sehen bekommt: ein nachgebautes Schreibzimmer mit Tintenfass, Figuren aus den berühmten Märchen – von der Prinzessin auf der Erbse, der kleinen Meerjungfrau, den roten Schuhen, dem hässlichen Entlein, der Schneekönigin oder des Kaisers neue Kleider und die unvermeidlichen Erstausgaben. Was Stein stattdessen zu Gesicht bekam, verblüffte ihn nachhaltig: „Ich war völlig perplex, als ich die Scherenschnitte, Zeichnungen und Collagen von Hans Christian Andersen gesehen haben. Die waren schön, liebevoll und verblüffend modern.“
Andersen ist im kollektiven Gedächtnis eher der Märchenonkel, dessen Geschichten man in seiner Kindheit gelauscht hat, und dessen Erzählungen in mehr als 150 Sprachen übersetzt worden sind. Damit gehört er zu den meist gelesenen Autoren der Welt. „Wir wollten diese ganz andere Seite von Hans Christian Andersen mit unserer Ausstellung in der Bremer Kunsthalle zum ersten Mal in Deutschland zeigen und konnten mit dieser Idee auch die dänische Botschaft und die dänische Prinzessin Benedikte begeistern, die die Schirmherrschaft über die Ausstellung übernommen hat“, erzählt Stein. Der neue Blick auf Andersen allein macht schon den Reiz der Ausstellung aus, die zudem dadurch gewinnt, dass die beiden Kuratoren den Blick weiten. Sie vergleichen Andersens bildliche Darstellungen mit Werken nicht nur zeitgenössischer Künstler und man stellt verblüfft fest, dass Collagen von Kurt Schwitters sich kaum von denen von Andersen unterscheiden, aber erst 70 Jahre später entstanden sind. Oder sich Maler wie Henri Matisse oder Max Ernst und Künstler wie Andy Warhol von Andersen inspirieren ließen. Und da ist der Anklang, den Andersens Werke über viele Epochen hinweg bis heute in der Musik gefunden haben – von Strawinsky bis zu den Pet Shop Boys, Erasure, Donovan, Elvis Costello oder Kate Bush.
Die Liste, die Detlef Stein zusammengetragen hat, ist lang. So ist es auch kein Wunder, dass es das LP-Cover von ‚The Red Shoes‘ in eine Vitrine der Bremer Ausstellung geschafft hat. Das Vinyl stammt – wie sollte es anders sein – aus der Sammlung von Stein selbst. Er ist nicht nur großer Musikliebhaber, sondern auch Kate-Fan. „Wir wollten auch gerne das Video von ‚The Red Shoes‘ in der Ausstellung zeigen. Das hat aber leider nicht geklappt, weil die Rechte so undurchsichtig waren“, erzählt er. Einfacher war es hingegen mit einem Video von Erasure und einer Ballettaufführung nach der Musik von den Pet Shop Boys von 2011. Es ist schön zu sehen, dass Andersen bis heute die englische Pop-Szene inspiriert“, sagt Stein.
Warum das so, ist, kann er nur mutmaßen: „Andersen war oft bei Charles Dickens zu Gast, wurden im viktorianischen England sehr viel gelesen. Die Bücher hatten mitsamt ihren Illustrationen in England immer einen hohen Bekanntheitsgrad.“ Und das wohl auch nicht nur als Kinderbücher. Immerhin ist die Geschichte von den roten Schuhen alles andere als spaßig. „Zum Schluss gibt es die Szene, in der das Mädchen geradezu fleht, dass man ihr die Füße abhackt“, erinnert sich Stein an die roten Schuhe, die ein unerwünschtes Eigenleben entwickeln. Und so ist auch der Beitrag der beiden Kuratoren zum Thema „Hans Christian Andersens Märchen und Scherenschnitte im Spiegel von Moderne und Gegenwart“ mit einem für Kate-Fans bekannten Zitat überschrieben: „On the minute I put them on I knew I had done something wrong.“ Auch wenn Kate sich nicht vom Original, sondern der englischen Filmversion von 1948 inspirieren ließ und neben dem Album „The Red Shoes“ auch ihr Film „The Line, The Cross and the Curve“ mit MIranda Richardson und Lindsay Kemp auf dem Film basiert, durfte der Verweis auf Kate in der Bremer Ausstellung nicht fehlen. Eine Entdeckung steht für Detlef Steins noch aus. In seiner Plattensammlung findet sich auch „50 Words for Snow“. Den Song „Lake Tahoe“ kennt er natürlich. Das Video aber nicht. Wer in dem Katalog der Scherenschnitte von Andersen blättert, könnte auf die Idee kommen, im Lake Tahoe-Video einen animierten Scherenschnitt zu sehen. Detlef Stein freut sich auf diese Entdeckung.

Hans Christian Andersen – Poet mit Feder und Schere, 20.10.2018 – 24.02.2019.
Infos: Kunsthalle Bremen

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