Das Song-ABC: You’re The One

„You‘re the one“ ist der letzte Song auf dem Album „The red shoes“. Danach mussten wir zwölf Jahre auf das nächste Album von Kate Bush warten. Ich fand  in dieser Zeit die Vorstellung immer ganz entsetzlich, dass dieses traurige und irgendwie hoffnungslose Lied vielleicht das letzte musikalische Lebenszeichen von Kate Bush sein könnte.
Der Song klingt wie ein besinnliches, etwas melancholisches Liebeslied. Über einem ruhigen Untergrund erhebt sich die hohe, traurige Stimme von Kate Bush, ganz zärtlich. Die Protagonistin hat sich von ihrem Freund getrennt, offenbar im Guten. Sie will ihre Sachen aus der Wohnung holen, wenn der Ex nicht da ist. Aber alles erinnert an ihn, der neue Freund kann irgendwie nicht konkurrieren. Der Text fängt diese Stimmung ein, man macht ein tapferes Gesicht, redet taff und erwachsen – aber das kann den tiefen Schmerz nicht verdecken. Die Textzeilen „I’ve got everything I need / I’ve got petrol in the car / I’ve got some money with me / There’s just one problem / You’re the only one I want“ fassen dies ganz unsentimental, fast nüchtern zusammen.
Es ist ein eher konventioneller Text, der den Zuhörer direkt anspricht, ohne eine zweite Ebene. Es fehlt die mysteriöse Komponente. Ironischerweise wurde das Kate Bush dann auch zum Vorwurf gemacht, die sonst oft zu hören bekam, ihre Texte seien zu esoterisch. Graeme Thomson [1] meint, das „einzig Ungewöhnliche an diesem Stück ist, dass es für einen Kate-Bush-Song so sehr gewöhnlich ist: eine rumpelnde, nachdenkliche Rockballade mit einem künstlerisch anspruchslosen, eindimensionalen Text, der […] ungeschönt autobiografisch ist.“ Kate Bush hatte sich während der Entstehungszeit des Albums von ihrem Freund Del Palmer getrennt. Kate Bush spricht mit dem Text den Zuhörer wirklich direkt an, unverstellt – etwas, was irgendwie ein Kennzeichen des Albums „The red shoes“ zu sein scheint. Überall auf diesem Album geht es um Verlust, Schmerz, Unsicherheit.
Musikalisch ist der Song interessant gestaltet. Zuerst fällt die Zahl der prominenten Gastmusiker auf. Das Trio Bulgarka gibt eine exotische Färbung. Gary Brooker (Procul Harum) spielt die Hammondorgel – dieses Instrument trägt zur melancholischen Färbung bei. Jeff Beck spielt die Gitarre. Es ist so, als ob eine Musik einen sicheren Halt an Konstanten der Umgebung sucht, die dauernd durch tiefe Bassakkorde ins Dunkle gezogen wird.
Der Song ist im 4/4-Takt geschrieben, nur zwei Takte stehen im 2/4-Takt [2]. Notiert ist er in A-Dur. Es kommen nur die zu A-Dur passenden Akkorde cis-Moll, D-Dur, E-Dur und A-Dur vor (Tonikagegenklang III, Subdominante IV, Dominante V, Tonika I), die Harmonik verlässt nie diesen Rahmen. Auch hier ist der Song konventioneller als normalerweise bei Kate Bush üblich. Das alles müsste eigentlich wegen der vielen Dur-Dreiklänge fröhlich klingen, tut es aber nicht. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Akkord cis-Moll, die Harmonik wird eingetrübt und in Richtung cis-Moll verschoben. A-Dur ist nur schwer als Tonart zu erkennen.
Dieses Schwanken zwischen A-Dur und cis-Moll gibt dem Song nun eine tiefere Ebene, wenn man sich an die Tonartencharakteristik von Beckh [3] hält. A-Dur gilt als leicht, licht, schwebend. Cis-Moll steht für Schwermut und Sehnsucht, es ist die Sehnsuchtstonart schlechthin. Die Protagonistin zeigt nach außen die selbstsichere, gefasste, zukunftsorientierte Fassade – aber dahinter ist alles voller Sehnsucht. „You‘re the one“ beginnt mit dem cis-Moll-Akkord, der A-Dur-Akkord erscheint zum ersten Mal bei „I’ve got everything I need“ – als ob die Protagonistin hier sagen will „ja, alles okay, alles super, alles licht“. Gleich danach wandelt es sich wieder ins Moll. Auf dem „want“ in „You’re the only one I want“ erklingt jedesmal der A-Dur-Akkord – das ist es eigentlich, was für die Protagonistin das Leichte, Lichte, Erstrebenswerte ist. Zum Schluss des Songs treten dann diese beiden widerstreitenden Akkorde in Kombination auf – es endet ohne (musikalisch harmonische) Lösung zwischen ihnen.
Ist „You‘re the one“ eine Art Antwort auf „Nothing Compares 2 U“ von Prince, mit dem sie ja auf dem Album kurz zusammengearbeitet hat? „Nothing Compares 2 U“ wurde 1985 auf dem Album „The Family“ der gleichnamigen Band veröffentlicht, 1990 gab es eine sehr erfolgreiche Coverversion von Sinead O‘Connor, 1993 wurde der Song auch von Prince selbst veröffentlicht [4]. Beide Lieder haben eine ähnliche Grundthematik, wobei „You‘re the one“ der realistischere, nüchternere Song ist. Ihm fehlt die latente Weinerlichkeit, die den Prince-Song in meinen Augen kennzeichnet.
„You’re the one“ würde sich wegen seiner Direktheit sehr gut für Coverversionen eignen und ich wundere mich ein bißchen, dass das bisher nicht sehr genutzt worden ist. Es gibt allerdings eine wunderbare Fassung für Bigband der Göteborgs Symfoniker [5], die die Emotionalität hymnisch herausstellt und sich damit in der Stimmung „Nothing Compares 2 U“ annähert (was der Song verträgt).
„Ein leicht souliger Song mit dem Flair einer Klassenfetenkuschelnummer, den nur das Trio Bulgarka und Gary Brookers Hammondorgelkünste retteten.“ – das meint Rob Jovanovic [6] über den Song. Das kann man natürlich so sehen, aber meiner Meinung nach verkennt man damit den Song. Ich hoffe, meine Analyse konnte dazu beitragen, diesen auch in Fan-Kreisen sehr vernachlässigten Song neu zu bewerten.
© Achim/aHAJ

[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S.324
[2] „The red shoes“ (Songbook). International Music Publications Limited. Woodford Green. 1994. S.97ff
[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999.  S.136 (A-Dur) und S.268 (cis-Moll)
[4] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Nothing_Compares_2_U (gelesen 01.10.2018)
[5] https://vimeo.com/269167293 – ab Minute 1:25.30 (gelesen 01.10.2028]
[6] Rob Jovanovic, Kate Bush. Die Biographie. 2006. Koch International GmbH/Hannibal. Höfen. S.185

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