Kaffeeklatsch: The Red Shoes

Einige der besten Songs von Kate sind auf dem Album The Red Shoes versammelt – und dennoch tun sich viele Fans mit dem Album schwer. Ein Widerspruch? Im „Kaffeeklatsch“ mit Achim, der für morningfog.de die Rezensionen der Alben schreibt und im Song-ABC die einzelnen Lieder von Kate analysiert, geht es um Widersprüche, den musikalischen Mainstream der 90er Jahre und den Grundton des Schmerzes, der auf diesem Album unüberhörbar ist.

Kate war mit dem Ergebnis von The Red Shoes im Nachhinein nicht wirklich zufrieden und man kann vermuten, dass die Produktion von Director’s Cut für sie ein sehr befreiender Prozess war – einzelne Songs so einzuspielen, wie sie hätten klingen können oder sollen. Listen wir mal die negativen Seiten von TRS auf: Dem Album wird oft vorgeworfen, dass es stellenweise überproduziert klingt, dass eine Verbindung zwischen den Songs fehlt, dass es zu traurig sei. Habe ich was vergessen?

Achim: Kate Bush war immer mit ihren abgeschlossenen Arbeiten unzufrieden, das würde ich nicht überbewerten. An „The Red Shoes“ fand sie die zu kalte digitale Produktion unbefriedigend, zudem hielt sie das Album für zu lang. Ja, es ist zu voll mit Musikspuren, das kann man überproduziert nennen – aber „The Dreaming“ ist das auch. Verbindungen zwischen den Songs sehe ich durchaus, obwohl es kein Konzeptalbum ist. Traurigkeit ist das verbindende Element, die sich hinter aufgesetzter Fröhlichkeit versteckt. Als geäußerten Kritikpunkt hast Du vergessen, dass die Songs hier mehr nach „Mainstream“ klingen als sonst.

Was man auch noch mit TRS verbindet ist natürlich ihr Film The Line, The Cross & The Curve, der stellenweise schon kitschig gerät und natürlich die zum damaligen Zeitpunkt in Aussicht gestellte und dann wieder abgeblasene Tour. Spielt beides bei der Bewertung der Musik mit eine Rolle?

Achim: Den Film fand Kate später ganz furchtbar. Ein professioneller Regisseur zur Unterstützung wäre hilfreich gewesen. So erscheint er unzusammenhängend und etwas wirr. „Kitschig“ ist vielleicht die Sicht von heute. Es waren die Neunziger, untypisch ist das nicht. Aber das alles hat wohl zu der negativen Einschätzung beigetragen. Ich sage es so: das Album ist hörbar ein Kind der Neunziger und so viel „Aktualität“ wollte man von Kate Bush nicht hören. Für mich ist „The Red Shoes“ ein sehr interessantes Album.

Das war mir schon klar, dass ich Dich beim Kaffeeklatsch nicht mit einem Latte Macchiato bestechen muss, damit wir zu dem Ergebnis „interessantes Album“ kommen. Aber bleiben wir mal bei der Kritik. Welcher Vorwurf ist denn aus Deiner Sicht gerechtfertigt? Nur, dass es den Mainstream der 90er wiedergibt und nicht musikalisch wegweisend war?

Achim: Es klingt zu sehr nach Mainstream und es klingt nicht „warm“. Die digitalen Möglichkeiten waren noch zu neu. Mehr ist aus meiner Sicht nicht zu kritisieren.

Bevor wir die Jubelarien anstimmen: Wenn mehr nicht zu kritisieren ist, woran liegt es dann, dass bei vielen Fans TRS durchgängig eher im unteren Bereich der Lieblingsalben angesiedelt ist?

Achim: Vielleicht fällt es als „nur“ gutes Album in einer Reihe von außerordentlichen Alben etwas ab. Aber ich glaube, es liegt an einem anderen Punkt. Auf dem Album sind kaum Songs, bei denen man den Kopf schüttelt und sagt „so etwas kann nur Kate Bush einfallen“. Diese Exotik – ein besseres Wort fällt mir nicht ein – fehlt hier. Man muss also schon genauer hinschauen.

Könnte als zweiter Punkt hinzukommen, dass es trotz der vordergründig fröhlichen Musik ein tottrauriges Album ist? In Deiner Analyse zu TRS hast Du geschrieben: „Überall in diesem Album ist Schmerz. Überall in diesem Album sind im Hintergrund bedrohliche Stimmen, Geräusche, Chaos. Ein Album der Verlassenheit, Verzweiflung, der vorgetäuschten Fröhlichkeit, ein (Hilfe)Schrei. Ein Album über den Zusammenfall der Welt; eine Momentaufnahme kurz vor dem Crash.“ Überfordert der Grundton des Schmerzes in jedem Song den Hörer?

Achim: Ja, das ist ein guter Punkt. Emotionen der Trauer und des Verlusts kommen ganz nah an den Zuhörer heran. Das muss man aushalten können.

Was mich umgekehrt ja immer fasziniert hat ist, dass TRS bei Fans gerne durchfällt, die Songs für sich aber nicht. Bei And So is Love, Eat The Music, Moments of Pleasure, The Song of Solomon, Top of The City oder Lily gibt es kaum jemanden, der sie nicht liebt. Lily war immerhin der umjubelte Opener für ihre Konzerte. Ist es also so, dass es nur als Album vielleicht nicht funktioniert, aber die Songs für sich sehr wohl?

Achim: Ein dunkler Diamant ist für sich faszinierend. Ein Diadem nur aus dunklen Diamanten ist beängstigend.

Ich sehe, es wird jetzt poetisch. Erzähl‘ mir etwas über das Hohelied der Liebe, obwohl wir ja eben noch bei Schmerz, Trauer, Verlust waren.

Achim: Das lässt sich auf TRS nicht trennen. Wenn die Songs von Liebe handeln, dann von einer Liebe in unsicheren Verhältnissen. Es ist kein Liebe-Freude-Tralala. Es geht ganz realistisch und ehrlich darum, dass die Liebe immer bedroht ist und erkämpft und verteidigt werden muss. Auf diesem Album ist die Sicht darauf nicht sehr optimistisch. Aber wie es so nüchtern in „Constellation of the heart“ heißt: „You can’t run away from it / Maybe you’d better face it“.

Das passt zu dem, was Du 2013 zum 20-Jährigen von TRS über „The Song of Solomon“ als dem Hohelied der Liebe geschrieben hast: „Hier singt jemand „who walks the path of the solitary heart“ herzzerreißend davon, einfach eine Berührung zu finden, eine alles entflammende Ekstase. Keine Beziehungsprobleme, kein „Bullshit“: nur Emotion, Sex, das steht im Vordergrund. „The soul cries out“, das ist ein Blick in die Tiefen einer Seele. Kates Gesang hier ganz intim, hochemotional, berührend, eingebettet in einen melancholischen Teppich aus Musik. Es ist so zart und so von innen. Es geht zu Herzen. Jeder kann diese Gefühle teilen, wenn er ehrlich zu sich ist.“ Realistisch, ehrlich, nüchtern, kein Bullshit und trotzdem berührend.

Achim: Vielleicht ist es diese gnadenlose Ehrlichkeit, die vor dem Album zurückschrecken lässt. Es ist keine Heile-Welt-Esoterik.

Und es ist nicht verschroben. So wie Du es vorhin formuliert hast: Dieser „So etwas kann nur Kate Bush einfallen“-Moment fehlt. Aber kann man nicht auch in der Musik einfach mal gnadenlos ehrlich sein? Warum erwarten wir von Kate immer etwas anderes?

Achim: Musik muss auch mal so offen und ohne Visier sein. TRS ist ein Blick in die Seele, daher mag ich es. Ich finde es schade, dass es nicht so geschätzt wird. Aber wenn du in einen Abgrund schaust, dann schaut der Abgrund in Dich zurück. Vielleicht überfordert das, wenn man „nur“ Musik hören will.

Für mich sind es Abgründe, die Kate musikalisch meistert. Auch wenn die traurigen Noten überwiegen (life is sad, and so is love), liebe ich das Album gerade deswegen. Es greift Empfindungen auf, die jeder von uns schon erlebt und durchlitten hat. Und seit den Konzerten 2014 gibt es für mich noch einen anderen Grund, das Album zu lieben. Es ist vielleicht etwas kitschig, aber vor dem Konzert war ich in der St. Pauls Kirche essen. Beim Verlassen der Kirche musste ich am lila angestrahlten Altar samt Jesus-Figur am Kreuz vorbei. Die Textzeile „Have you ever seen a picture of Jesus laughing?“ hat mich ins Konzert begleitet. Und die lächelnde Jesus-Figur.

Achim: Ich mag es, weil so kompromisslos ehrlich ist. Kate Bush lässt uns nah an sich ran wie selten. „Just being alive, it can really hurt“ – so heißt es in „Moments of pleasure“. Und in „Constellation of the Heart“ wird ergänzt „Who said anything about it hurting? / It’s gonna be beautiful / It’s gonna be wonderful / It’s gonna be paradise“. Das Helle und das Dunkle, es geht nur zusammen.

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