Das Song-ABC: Wow

„Wow“ ist eines der Highlights auf „Lionheart“, dem zweiten Studioalbum von Kate Bush. Ganz leise und sehr stimmungsvoll beginnt es, wie die Musik zu einem Bühnenauftritt. Der Vorhang öffnet sich und die Spannung steigt auf das, was nun kommt. „We’re all alone on the stage tonight“ – Träume werden wahr, die Kindheit ist vorbei und plötzlich steht man allein und zitternd auf der Bühne. Die Strophen sind ruhig und balladenhaft gehalten. Sie enden mit Zeilen, die mit „Oh yeah you’re amazing!“ beginnen, diese Strophenteile sind mit Zuspruch gesungen, fast sogar mit etwas Bewunderung in der Stimme. Der Chorus besteht fast nur aus einem wiederholt gesungenen „Wow“ – das letzte Wow geht beim ersten Durchgang ganz in die Höhe, beim zweiten Durchgang ganz nach unten. Das ist fast ein bisschen karikierend.
Das ganze Lied ist eine Einheit, es gibt keine Brüche in der Stimmung. Es ist aufgebaut wie ein Theaterstück mit Einleitung, Geschichte und Schluss. Es endet mit einem „We‘re all alone on the stage tonight“, danach ertönen Töne bzw. Vokalisen, die an das „Wow“ erinnern. Ganz zum Schluss schließen Vokalisen als Abschluss und Ausklang den Vorhang. Der Song ist voller dramatischer Wucht [1] und ein Kaleidoskop aus Verweisen auf die Bühne und auf das Showbusiness. Die erste Zeile handelt davon, allein auf der Bühne zu stehen, es geht weiter mit einem Verweis auf einen homosexuellen Schauspieler, der es nicht in die britische Krimiserie „The Sweeney“ (Fernsehserie aus den Siebzigern [6]) schafft. Ein Hinweis auf das  Showbusiness jagt den nächsten. Kate Bush hat das so erläutert: „Wow is a song about the music business – not just rock music but show business in general, including acting and theatre. People say that the music business is about rip-offs, the rat race, competition, strain, people trying to cut you down and so on, and though that’s all there, there’s also the magic.“ [5]
Die Biographen beschäftigen sich recht intensiv mit diesem Song, z.B Graeme Thomson: „Der Text nimmt die Eitelkeiten des Theaterbetriebs mit spitzer Zunge aufs Korn, und sie erlaubt sich einen herrlich anzüglichen Scherz, den sie im Video noch betont, wenn sie zu der Zeile „He‘s too busy hitting the vaseline“ ihr Hinterteil herausstreckt und ihm einen satten Klaps gibt“ [2]. Hinzuzufügen ist noch, dass sie bei der Erwähnung der Krimiserie „The Sweeney“ eine abfeuernde Pistole markiert. Später schien sie sich mit „derart ungeschminkten Zweideutigkeiten“ [2] nicht mehr wohlzufühlen. Als sie 1986 die Videosammlung „The whole story“ veröffentlichte, unterlegte sie den Song anstelle des Promo-Videos mit einer Collage aus Szenen ihrer Liveauftritte [2].
Der Text ist auch in anderer Hinsicht etwas frech. Ausgiebig und ironisch werden im Text Lieblingsworte von Kate wie „amazing“, “ooh yeah“, „incredible”, „fantastic“, „wow“, „unbelievable“ benutzt. Journalisten hatten sich wiederholt über den ausgiebigen Gebrauch solche Worte in Interviews lustig gemacht. Eingespielt wurde der Song von der KT Bush Band mit Charlie Morgan, Del Palmer und Brian Bath [1]. Er war bereits vor den Arbeiten zum Album „Lionheart“ geschrieben und schon in die engere Auswahl für „The kick inside“ gekommen. Er kam nicht auf das Debutalbum, weil er offenbar nicht richtig dazu gepasst hatte [2].
Kate Bush hatte mit diesem Song auch musikalische Ideen, die von der Öffentlichkeit aber kaum bemerkt wurden: „It was sparked off when I sat down to try and write a ‪Pink Floyd song, something spacey; though I’m not surprised no-one has picked that up, it’s not really recognisable as that“ [5] Auch zur Aufnahme des Songs gibt es Aussagen von Kate Bush. Sie deuten darauf hin, dass hier schon der Perfektionismus der Künstlerin durchgeschlagen hat. „I’ve really enjoyed recording ‚Wow‘. I’m very, very pleased with my vocal performance on that, because we did it a few times, and although it was all in tune and it was okay, there was just something missing. And we went back and did it again and it just happened, and I’ve really pleased with that, it was very satisfying.“ [7] Das „a few times“ ist wahrscheinlich ein Euphemismus für „immer wieder“.
Der Song ist im 4/4-Takt gehalten, mit sehr kurzen Einschüben von 2/4 vor dem Chorus. Die Tonart ist ein a-Moll, der Chorus wird von C-Dur-Akkorden begleitet („Wow …. unbelievable“). C-Dur ist die Dur-Parallele zu a-Moll [3]. Wie so oft bei Kate Bush sagen die Tonarten viel über den Song aus und oft geben sie den Textzeilen eine zusätzliche, hintergründige Bedeutung. Nach Beckh [4] ist a-Moll schwermütig, poetisch, elegisch, es ist eine Sehnsuchtstonart. Das passt gut zur (vergeblichen) Sehnsucht nach Anerkennung, die thematisiert wird. C-Dur ist das klare Licht, die nüchterne Klarheit [4]. Es kann aber auch feurig und temperamentvoll sein. Die Wow-Ausrufe des Chorus sind also ehrlich gemeint, es sind temperamentvolle Feststellungen mit nüchterner Bedeutung.
Zu den Strophenteilen „Oh yeah you‘re amazing ….. But still we don‘t head the bill“ und „Oh yeah you‘re amazing …. But you‘d have to play the fool“ gibt es einen Tonartwechsel. Es treten hier die Akkorde B-Dur, g-Moll, As-Dur und F-Moll auf, diese Akkordkette wird jeweils zweimal wiederholt. Das kann Es-Dur oder c-Moll sein [3]. Beide Tonarten stehen für das Kämpferische und Heroische [4]. C-Moll ist die Tonart, die am festesten auf dem Boden, am stärksten auf der Erde steht, sie ist das Fundament für die eigene Kraft und Stärke [4]. Die Verwendung von c-Moll / Es-Dur ist für mich – in Kenntnis weiterer, späterer Songs – sehr bemerkenswert. Eine Akkordgestaltung aus diesen Tonarten findet sich auch in „The Fog“ und „Lily“. Dort steht c-Moll für die Sicherheit, die der Vater bzw. die Heilerin gibt und Es-Dur ebenfalls für das Herauskämpfen aus einer schwierigen Situation. In „Running up that hill“ wird c-Moll im Zusammenhang mit einer Anrufung der positiven Mächte benutzt. Auch in „Never be mine“ wird c-Moll benutzt. Bei Kate Bush ist c-Moll die Klangwelt der Ratgeber, der Wissenden, der „guten Mächte“. Es ist die Sicherheit und der Schutz, der feste Grund unter den Füßen. Interpretiert man es so, dann sind diese Strophenteile ein Zuspruch, eine Unterstützung, eine Aufmunterung.
Auf den ersten Blick scheint der Text sich über die Personen und ihre Situation lustig zu machen. Die Tonarten sagen etwas anderes – glaube an Dich, tue es, gib nicht auf, wir stehen zu Dir. Die Biographen sind sich in der Bewertung diesmal einig. Jovanovic bewundert die schlichte, aber effektive Struktur, die herausragende Komposition und hält „Wow“ für einen ihrer ausgereiftesten Songs überhaupt [1]. Für Thomson ist „Wow“ ein geradezu klassischer Popsong mit zurückgenommenen Strophen, einem Refrain, der abhebt, und ausdrucksstarkem Gesang [2]. Diesmal habe ich keinen Grund, den beiden Biographen zu widersprechen, es stimmt einfach. Wegen seiner eingängigen Qualitäten erschien der Song im März 1979 als Single und erreichte zurecht in Großbritannien Platz 14 der Single-Charts [2]. © Achim/aHAJ

[1] Rob Jovanovic: Kate Bush. Die Biographie. Höfen. Koch International GmbH/Hannibal. 2006. S.92f
[2] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.113f und 152ff
[3] „Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987.  S.172f
[4] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999.  S.78f (a-Moll), S.71f (C-Dur), S.124f (Es-Dur bzw. c-Moll)
[5] Kate Bush: „Hello Everybody“ & Interview . KBC Issue 2 (Sommer 1979).
[6] https://en.m.wikipedia.org/wiki/The_Sweeney (gelesen 24.10.2018) [7] https://www.katebushencyclopedia.com/wow (gelesen 16.10.2018)

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