Wanderung durch die Zeiten und die Stimmen von Heathcliff und Emily

Michael Stewart

Ein Interview mit Michael Stewart von Beate Meiswinkel

Der Schriftsteller Michael Stewart ist in mehr als nur einer Hinsicht ein interessanter Gesprächspartner: mit seinem neuen Roman „Ill Will“ hat er nicht nur der Wuthering Heights-Romanfigur Heathcliff eine eigene Stimme verliehen und ein Buch geschrieben, das neue Schlaglichter auf das literarische Meisterwerk von Emily Brontë wirft. Er initiierte auch ein groß angelegtes, spannendes Kunstprojekt zu Ehren der Brontë-Geschwister, über das bereits hier in diesem Blog zu lesen war. Darüber hinaus ist Michael auch Kate Bush-Fan, und es war ein besonderes Vergnügen, das nachstehende Interview mit ihm zu führen. Zusätzlich dürfen wir ein Gedicht von Michael Stewart veröffentlichen.

Beate: Ich war sehr beeindruckt, als ich von deiner Wanderung von Haworth in West Yorkshire nach Liverpool gelesen habe: 65 Meilen! Dies war Teil deiner Recherchen für deinen Roman „Ill Will“. Kannst Du unseren Lesern etwas über diese Erfahrung erzählen? Wie war es, auf Mr. Earnshaws Spuren zu wandeln?

Michael Stewart: Na ja, ich habe drei Tage dafür gebraucht, um ans Ziel zu gelangen. Mr. Earnshaw lief diesen Weg hin und zurück in drei Tagen, das war wirklich eine Leistung. Und nicht nur das, er hat außerdem noch eine Peitsche, eine Fiedel und einen Waisenjungen getragen. Die Leute waren damals einfach gut zu Fuß. Ich schlief unterwegs und machte Pausen, um zu essen – ein Luxus, den Mr. Earnshaw sich nicht gönnte. Es war eine sehr interessante Wanderung. Dort im Moor kann man sich selbst vorgaukeln, man sei in der Zeit zurückgereist. Es gibt dort Plätze weit oben, die vollkommen unverändert geblieben sind, und man kann sich gut vorstellen, wieder in der damaligen Zeit zu sein. Etwas weiter dann muss man sich häufig durch post-industrielles Brachland schleppen. Es war gut, am Kanal entlang zu gehen, der nun Teil der Freizeitindustrie geworden ist; damals war er eine brandneue technologische Errungenschaft! Ich hatte meinen Hund und ein Einmannzelt dabei. Dass es keinen Schlafplatz für den Hund gab, wurde mir erst bewusst, als ich in der ersten Nacht in meinen Schlafsack kroch, also schlief er auf mir. Er hat sehr gut geschlafen – im Gegensatz zu mir…

Beate: Es war ja Kate Bush mit ihrem Lied „Wuthering Heights“, das dich in sehr jungem Alter dazu inspiriert hat, mehr über die Hintergrundgeschichte dieses Liedes erfahren zu wollen. Magst du Kates Musik heute immer noch? Welches ihrer Alben hörst du am liebsten, und welches ist dein Lieblings-Song?

Michael Stewart: Ich liebe ihre Musik. Ich liebe alles davon. The Ninth Wave – dieses ganze Album innerhalb eines Albums – ist absolut brillant. Besonders mag ich, dass es eine durchgängige Geschichte erzählt. Es ist ein Film, umgesetzt in Musik. Ich bin auch sehr von der LP The Dreaming begeistert. Ich mag das Experimentieren sehr. Das ist eine verrückte Platte. Ich liebe auch viele der B-Seiten. Besonders Under the Ivy und The Handsome Cabin Boy.

Beate: Heathcliff ist ja nun ein recht „kontroverser“ Charakter: sehr anziehend, dennoch sehr finster. Er ist düster, und doch gilt er als überaus romantisch. Ich kann mir vorstellen, dass eine sehr persönliche Verbindung zu ihm entsteht, wenn man mit solchem Detailreichtum über ihn schreibt. Wie hast du dich dabei gefühlt?

Michael Stewart: Nun, bis zu einem gewissen Grad leben wir alle mit einem anderen Charakter mit. Er kann Dinge tun und sagen, die ich nicht tun oder sagen könnte. Es ist sehr eigenartig, was Emily Brontë in diesem Buch macht. Sie verbringt die ersten neun Kapitel damit, das sympathische Opfer männlicher Gewalt aufzubauen, und dann, als er nach drei Jahren zurückkehrt, scheint sie unseren Glauben an ihn auf die Probe stellen zu wollen. Bei seiner Rückkehr hat er einen Großteil seiner Menschlichkeit eingebüßt und könnte in modernem Jargon als Psychopath bezeichnet werden. Er ist bestimmt kein romantischer Held; und dennoch geben wir ihn nicht auf, trotz allem, was er tut. Das ist eine außergewöhnliche Leistung, besonders für eine Schriftstellerin im Alter von Ende 20.

Beate: Der Name deiner Romanfigur Emily ist eine Hommage an die Wuthering Heights-Autorin. „Deine“ Emily ist ein ähnlich schräger, anziehender Typ wie Heathcliff: ein verletzliches, einsames kleines Mädchen voller List, Tücke und seltsamer Weisheit. Sie gibt ja vor, sie könne mit den Toten sprechen… hat Emily’s „Gabe“ einen Einfluss auf die Situation, in der Heathcliff später mit Cathys Geist konfrontiert wird? Und beeinflusst dies die Art, wie er mit Cathys Tod umgeht?

Michael Stewart: Es gibt einige Dinge in meinem Buch, die für diejenigen, die Wuthering Heights kennen, bestimmte Ereignisse und Vorkommnisse vorbereiten, die sehr viel später in Emilys Roman vorkommen. Meine Emily begann vielleicht als Hommage, entwickelte jedoch rasch ihre eigene Stimme und startete richtig durch. Sie ist eine Trickbetrügerin. Anfangs ist Heathcliff leichtgläubig. Und diese Leichtgläubigkeit wollte ich aufzeigen, genau aus den Gründen, die du ansprichst. Er ist empfänglich für das Übernatürliche.

Beate: Dein Schreibstil ist sehr außergewöhnlich. Er ist voll (teilweise) schmutziger Umgangssprache. Davon abgesehen besitzt du eine sehr lebendige, bildhafte, wortgewandte Sprache, die starke Spannungsbögen erzeugt. Mir gefällt auch die ungewöhnliche Weise, in der Heathcliff – oder vielmehr Will – seine Geschichte erzählt: in Ich-Form und immer direkt an Cathy gerichtet, als ob er beständig im Gespräch mit ihr sei. Das zeigt seine Obsession und Leidenschaft. Hast du für ihn eine besondere Erzählsprache entwickelt, bzw. einen bestimmten Schreibstil für dieses Buch?

Michael Stewart: Das ist sehr liebenswürdig von dir, es so auszudrücken. Heathcliffs Stimme entstand recht einfach. Ich neige dazu, über verdrehte, düstere, verstörte Charaktere zu schreiben – warum weiß ich auch nicht so genau. Ich selbst bin weder besonders verdreht, düster oder verstört. Ich weiß nicht so genau, woher das kommt. Ich denke, es macht einfach viel Spaß, mit Typen wie ihnen Zeit zu verbringen.

Beate: Ist denn geplant, eine deutsche Übersetzung von „Ill Will“ zu veröffentlichen? Ich denke, viele Deutsche wären sehr gespannt darauf, es zu lesen, und dank des sehr anspruchsvollen Englischs würden einige eine Übersetzung bevorzugen.

Michael Stewart: Das hoffe ich sehr. Es wird im November in den USA veröffentlicht, und ich hoffe, bald mehr bezüglich europäischer Übersetzungen zu erfahren. Ich habe eine Weile in Deutschland gelebt. Ich mag die Deutschen und die deutsche Kultur sehr, deshalb würde ich mich über eine deutsche Übersetzung sehr freuen.

Beate: Zur Vorbereitung auf dieses Interview habe ich etwas über die Brontë-Geschwister gelesen, und dabei habe ich mich gefragt, wie anders Schriftstellerei zu ihrer Zeit wohl gewesen sein muss. Keine Computer, mit denen man ständig die Möglichkeit hat, Dinge zu korrigieren. Es gab keine Diktiergeräte, und Tinte und Papier waren wahrscheinlich auch nicht unbegrenzt zur Hand. Außerdem haben die drei Schwestern unter männlichem Pseudonym veröffentlicht, da man Schriftstellerei für Frauen als unschicklich ansah. Was denkst du: wie muss das damals gewesen sein, zu schreiben? Wie haben sie veröffentlicht? Gab es damals auch Verträge mit Verlagen, verdienten sie mit dem Schreiben Geld?

Michael Stewart: Es war tatsächlich Charlotte, die sie (die Brontës) veröffentlicht hat. Sie war sehr ehrgeizig. Ich glaube nicht, dass Emily nach einer Veröffentlichung gestrebt hätte, wäre Charlotte nicht gewesen. Ihr erstes veröffentlichtes Buch war ein Gemeinschaftsprojekt. Ich glaube, davon haben sie zwei Exemplare verkauft. Sie nahmen die Kunst und das Handwerk der Schriftstellerei sehr ernst. Die Art, wie sie lebten, war sehr förderlich dafür. So etwas wie ein ständiger Schriftsteller-Retreat.

Beate: Du hast beschlossen, die Brontë-Geschwister in ganz besonderer Art und Weise zu ehren: mit den sogenannten Brontë-Steinen. Möchtest du uns etwas über diese großartige Initiative erzählen?

Michael Stewart: Es ist ein Projekt, bei dem vier Gedenksteine in der Landschaft zwischen ihrem Geburtsort in Thornton und dem Pfarrhaus in Haworth gesetzt werden, dort, wo sie aufwuchsen, um große Schriftstellerinnen zu werden. Ich habe vier sehr renommierte Autorinnen angeworben, die die Worte für diese Steine schreiben sollen – über eine davon werdet Ihr Euch ganz bestimmt besonders freuen, wobei ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mehr verraten darf [inzwischen ist dieses Geheimnis ja bereits gelüftet: Kate verfasst die Zeilen für Emilys Gedenkstein]. Ein Steinmetz wird diese Worte dann in die Steine meißeln. Es wird einen Landkarten-Satz geben, vier Wanderwege, einschließlich einem, der direkt von Thornton nach Haworth führt, und drei Rundwege, einen für jede der Schwestern – Charlotte, Emily und Anne. Eine Reihe von Events ist ebenfalls geplant, einschließlich der Einführung der Steine beim diesjährigen Bradford Literature Festival im Juli.

Beate: Diese Frage stelle ich in Interviews jedes Mal, wenn es um Kate Bush geht: Was ist es deiner Meinung nach, dass sie zu einer so inspirierenden Künstlerin macht? Sie bringt so viele Menschen mit ihrer Musik dazu, selbst kreativ zu werden…

Michael Stewart: Das ist eine schwierige Frage. Es ist immer eine Kombination drei verschiedener Dinge, denke ich: dein persönlicher Hintergrund, deine DNA und schließlich jener Funke, den man nicht genauer definieren kann. Wie du weißt, besitzt sie einen sehr musikalischen Hintergrund, aber das zählt nicht als Argument, warum sie so eine originelle Künstlerin ist. Ich denke, dass sie die Dinge anders sieht. Als Künstlerin ist sie furchtlos. Eine Menge Rockstars sind übermäßig besorgt, möglichst „cool“ zu wirken. Kate hat das nie auch nur die Bohne gekümmert.

Beate: Wie ich lese, schreibst du auch Gedichte – welches davon könnte denn möglicherweise ein Kate Bush-Song sein, oder vielmehr: welches würdest du sie gerne singen hören?

Michael Stewart: Was für eine interessante Frage. Vielleicht ein Gedicht mit dem Titel „Clean“, oder „The Spring Fires“. Ich denke, die Doppeldeutigkeit darin würde ihr gefallen.


The Spring Fires

Von Michael Stewart

They found him burning furniture in the back yard.
First the dining table, faux-antique oak
and the chairs, with legs like varicose veins.
He piled up the kitchen units,
the work bench and the foot stool.
Next to go the sofa and the armchair,
a matching set from DFS.
The glazed dresser and the sideboard, both solid teak,
a pine chest, a shelving unit from Ikea, a wicker fruit bowl,
a stirring spoon and an ash wine rack,
the white wood tall boy with its drawers of MDF,
a walnut bureaux, a wedding gift,
his grandma’s rocking chair, an heirloom.

Last to go, the double bed,
their bed, its base first then its headrest,
then the mattress and the duvet.
What a gagging stink that made,
the bed they’d shared all these years
a thick fog of black smoke. 

It’s over, they said, there’s nothing left.
I know, he said, and lit a cigarette.

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Michael Stewart.)

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