Mai 14 2017

„Diese Frau ist der Hammer!“

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© Eberhard Gill

Mrs. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love Kate Bush

Von Eberhard Gill

Ich bin ein Spätzünder. Jedenfalls, was Kate Bush angeht. Kate Bush? War das nicht die mit Babooshka? Diesem peinlichen Song, in dem eine zornige Frau mit schriller Stimme irgendein Glas zerdeppert? Nein, dazu darf man sich keinesfalls bekennen, das hört man allerhöchstens mal alleine im stillen Kämmerlein und ansonsten schmückt man sich nach außen mit dem Bekenntnis zu anspruchsvoller Musik. Unter dem Niveau von Keith Jarrett oder Olivier Messiaen geht gar nichts.
So ähnlich ging es mir zunächst, als ich, angeregt durch die Lektüre des unglaublich guten Romans Wuthering Heights von Emily Brontë auf Kate Bush gestoßen bin. Nach über 50 Jahren Musikhörens von Klassischer Musik, Jazz und Rock. Vielleicht braucht man auch ein gewisses Alter, um sich von den anspruchsvollen, ambitionierten Gefilden traditioneller E-Musik freizuschwimmen, um die Chuzpe zu haben, sich in die Niederungen der Unterhaltungsmusik zu wagen. So jedenfalls fing bei mir alles an. Und ich sagte mir, jetzt beschäftige ich mich mal mit dieser zweit- oder drittrangigen Sängerin, die Kate Bush heißt, von der ich weder etwas weiß, noch  – außer Wuthering Heights und Babooshka – Songs kenne. Vielleicht sollte ich hier sagen, dass, wenn ich von „…beschäftigen mit…“ rede, ich so ziemlich alles, was mir unter die Augen und Ohren kommt, zu Rate ziehe. Nach etwa einem Jahr mit intensivstem Lesen, Sehen und vor allem Hören kann ich sagen, dass ich mich niemals in der Bewertung eines Künstlers oder Künstlerin so grandios geirrt habe wie bei Kate Bush. Diese Frau ist der Hammer!
Aber der Weg zu dieser Erkenntnis dauerte doch einige Monate. Lange hielt ich mich im Umfeld von Wuthering Heights auf, sah die YouTube-Videos, die heutzutage irgendwie lächerlich wirken können, und freute mich an den albernen Reflektionen, die dieser Song-Klassiker in einer Kate Bush-Fangemeinde auslösen kann, zum Beispiel der Versammlung von dreihundert rotgewandeten Kate Bush-Fans auf einer Wiese in England um, von der Theatergruppe Shambush! organisiert, gemeinsam die Choreografie von Kate Bushs Wuthering Heights aufzuführen.
Wann genau der Übergang vom mehr und mehr interessierten Zuhörer zum im Tiefsten ergriffenen und erschütterten Hörer der Musik Kate Bushs stattfand, kann ich nicht sagen. Vielleicht war es am ersten Advent, an dem ich mehrere Stunden lang das neu herausgekommene Video And Dream of Sheep immer und immer wieder angesehen habe und die Tränen nur so flossen. Es war jedenfalls ein Schock, wie ich ihn als Hörer von Musik noch nie erlebt hatte.
Vielleicht sollte ich hier sagen, wie ich Musik höre. Viele Menschen hören Musik als Hintergrund-Untermalung. Oft tue ich das auch. Meistens jedoch höre ich der Musik genau zu, mache nichts nebenher und konzentriere mich. Und ich kann dies vielleicht vergleichen mit jemand, der an der Küste eines Meeres steht und auf das Wasser hinausschaut. Die meisten Menschen sehen dann wohl Schiffe mit ihren schönen Segeln oder bewundern die Majestät der Kreuzfahrtschiffe. Ich komme mir dagegen viel eher wie ein Taucher vor, der nicht nur die Erscheinung oberhalb der Wasseroberfläche wahrnimmt, sondern die dazugehörige Unterwasserwelt. In der Musik sehe ich dann tiefer und erkenne verborgene Schönheiten, die glitzernden Fischschwärme, die bunten Farben eines Korallenriffs, aber auch die steil abfallenden Flanken von schroffen Felswänden, die grau ins Bodenlose versinken und bei mancher Musik, die dann schnell ihren Reiz verliert, sehe ich einen öden Meeresboden aus Sand, aus dem nur vereinzelt etwas Seegras sprießt. Und ich hatte schon Erlebnisse, bei denen ich so tief in Musik eindrang und versank, dass ich den Eindruck hatte, dass die Musik nicht mehr nur in mir war, sondern dass ich in der Musik war, ganz und gar verschwunden in ihr, mit einem Körper, der nur noch Hülle ist für die Hirnfunktionen, die beim Hören aktiv sind. Wenn es mir gelang, so Musik zu hören, war es wie nach dem Erwachen aus einem Traum, wenn die Musik aufhörte und ich wieder zu mir kam und langsam die Glieder reckte, um beruhigt zu sehen, dass ich tatsächlich auch einen Körper habe.
Zurück zu Kate Bush. Um in dem Bild des Tauchers zu bleiben, ist mir beim Hören von Kate Bush etwas passiert, was ich vorher noch nie erlebt hatte. Beim Schnorcheln in ihrer Unterwasser-Musikwelt reckte sich plötzlich eine Hand aus den Tiefen des Ozeans nach mir aus und versuchte mich zu packen. Ob die Hand mich nach unten ziehen wollte, weiß ich nicht so recht, jedenfalls war es nicht meine Hand, sondern eine andere Hand, eine Hand, die mir die Musik entgegen streckte und die mich packte und zu ihrem Spielball machte. Das war beängstigend und ich hatte das Gefühl, ich verlöre die Kontrolle. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, um mich von dieser Erlkönig-Erfahrung zu befreien, war mir selbst einen Monat absoluter Abstinenz von jeglichem ihrer Lieder zu verordnen, was glücklicherweise ganz gut funktioniert hat. Mit dieser beängstigenden und aufwühlenden Erfahrung kann ich sagen, dass Kate Bushs Musik die einzige ist, die ich kenne, die ich als (zumindest für mich) gefährlich bezeichnen würde.
Meine Erfahrung mit ihrer Musik ist, dass ihre Lieder entweder beim ersten Hören direkt ins Herz treffen (bei mir zum Beispiel dem unglaublichen Something Like a Song, den sie mit ca. 15 Jahren geschrieben hat) oder beim wiederholten Hören. Ich kann einen Beatles-Song 10 oder 20-mal hören und es passiert: NICHTS. Anders bei Kate Bush. Selbst bei Songs, die ich beim ersten Hören als „missglückt“ empfand (zum Beispiel Sensual World), läuft es immer nach demselben Schema ab. Hör es einmal und du sagst: „Das ging daneben“. Hör es fünfmal und du sagst: „Naja“. Hör es zehnmal und du sagst: „Das hat schon was“. Hör es zwanzigmal und du sagst: „Wow!“. Hör es fünfzigmal und du sagst: „I’d die for it!“.
Warum das gerade bei Kate Bush so ist, versuche ich an anderer Stelle zu verstehen und zu erklären. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass meine Erfahrungen beim Hören von Kate Bush nicht einzigartig sind, sondern auch von anderen geteilt werden. Auf der Internet-Seite von  www.songmeaning.com findet sich zum Lied In the Warm Room ein Kommentar des Pseudonyms Theresa Gionoffrio, das Kate Bush mit einer Sirene aus der griechischen Mythologie vergleicht, in diesem Fall also einer englischen Sirene. Odysseus hat auf seiner Irrfahrt seine Kameraden gebeten, ihn an den Segelmast zu binden und sie aufgefordert ihre Ohren mit Wachs zu verstopfen, um nicht durch den Gesang der Sirenen, wie viele Schiffe vor ihnen, Schiffbruch zu erleiden. Genauso ergeht es mir, wenn ich Kate Bush höre – bindet mich fest und lasst mich Qualen erleiden. Wenig, was schöner sein kann als das.

Eberhard Gill ist Professor für Raumfahrtsysteme und lehrt an der Technischen Universität Delft, Niederlande. Zuvor war er unter anderem am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) tätig. Neben zahlreichen Fachpublikationen setzt er sich immer wieder mit theologischen, künstlerischen, geschichtlichen und literarischen Themen auseinander. In diesem Beitrag, den morningfog.de mit freundlicher Genehmigung von Herrn Gill veröffentlichen darf, beschreibt er, wie er seine Liebe zur Musik von Kate Bush entdeckt hat. Auf seiner Internetseite gibt es einen weiteren, ausführlicheren Text (This Woman’s Work – Nachdenken über Kate Bush), in dem er unter anderem der Frage nachgeht, „ob jemand, der von sich sagt, dass er persönlich nichts Interessantes zu sagen hat, ein interessantes Werk erschaffen“ kann und warum die Musik von Kate in der Lage ist, so ungeheure Emotionen zu wecken. Der Text ist nur zu empfehlen!

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