Das Song-ABC: How to be invisible

abcLeicht und fast eingängig kommt dieser Song daher. Durchsichtig und klar ist er gestaltet. Er ist so beschwingt, dass er sich auch als Single gut geeignet hätte. Es ist eine „weitere Gruselgeschichte, die auf einem wunderbar elastischen, düsteren Rhythmus dahingleitet. Kate Bush ist die Hexe mit ihrem ‚Blindenschrift-Auge‘ und ihrem ‚Anoraksaum‘, jeder Windhauch und jedes fallende Blatt zeugt möglicherweise von einer unsichtbaren Macht, die die Welt durchströmt. Und kann es ein besseres Bild für ihre Musik geben, als eine Million Türen, von denen jede zu einer weiteren Million führt?“ [1].
Das Lied beginnt mit dem Wort „Ich“, die Sängerin spricht in der ersten Person. Sie singt davon, wie man aus den Augen anderer Leute verschwinden kann, wie man sich unsichtbar machen kann. Das Lied erzählt aber auch vom Wunsch danach, neue Wege und neue Möglichkeiten erkunden zu können. Es ist ein Eintauchen in die Welt des Übernatürlichen, der Geheimnisse, der verborgenen Möglichkeiten. Inhaltlich sind wir damit bei Themen, die sich wie ein roter Faden durch das Schaffen von Kate Bush ziehen.
Wie so oft bei Kate Bush gibt es eine literarische Beeinflussung. In einer Besprechung zu „Aerial“ [2] findet sich ein Verweis auf die Fantasy-Trilogie „His dark materials“ von Philip Pullman (Zitat: „How To Be Invisible is a great song with a possible hint of His Dark Materials, describing a secret recipe for not being seen.“). Aus einem Interview mit Del Palmer [3] erfährt man, dass der Schriftsteller offenbar mit Kate Bush Kontakt hatte. Del Palmer streitet nicht ab, dass es Beziehungen zwischen diesem Song und den Fantasyromanen geben könnte („Yes, it does I Suppose“). In der Trilogie wird die Geschichte eines jungen Mädchens (Lyra Belacqua) erzählt, das in einer magischen, feindlichen Welt zu sich selbst finden muss. In dieser Welt haben Personen die Eigenschaft, sich unsichtbar zu machen, indem sie sich quasi vor den Blicken anderer ausblenden. In dieser Welt können Menschen Türen zu anderen Welten öffnen. Da Kate Bush später den Song „Lyra“ zur Verfilmung des ersten Romans beisteuerte, erscheint es wahrscheinlich, dass sie sich auch vorher schon mit den Romanen beschäftigt hat. Die Themen des sich Findens, des Wanderns zwischen den Welten, die Stimmung des Übernatürlichen – das spiegelt sich wider.
Der eingängige Ton des Songs wird durch eine mysteriöse Beschwörung unterbrochen. Es ist Musik wie aus einer fremden Zeit. Mit ganz merkwürdigen Tönen (die an quietschende Türen erinnern) wird ein Zauberspruch gesungen. Ich musste sofort an die Beschwörungen der Hexen in Shakespeares „Macbeth“ (4. Akt, Szene 1) denken. Während dort mit Ingredienzen von Fabeltieren usw. gearbeitet wird, geschieht hier der Zauber mit Bestandteilen der Gegenwart. Das Auge der Blindenschrift wird verwendet, der Saum des Anoraks, der Blütenstil des Mauerblümchens, ein Haar der Türmatte. Dies sind alles Dinge, die mit dem Verbergen, dem nicht gesehen Werden, dem unsichtbar Werden zu tun haben: die Schrift der nicht Sehenden, der Anorak in dem man sich verstecken kann, das von niemanden beachtete Mauerblümchen, die Türmatte vor der alles verschließenden Tür. „Wallflower“, „Doormat“ und „Anorak“ – das sind umgangssprachlich Personen, die nicht beachtet werden. „Doormat“ ist eine Person, auf der alle nur herumtrampeln, ein „Anorak“ ist der typische Nerd, das Mauerblümchen wird links liegengelassen. Durch den Zauberspruch wird man unsichtbar, weil man sich in eine Person verwandelt, die übersehen wird.
In der zweiten Strophe singt Kate von den Millionen Korridoren, Türen und Möglichkeiten, die sich in der Welt des Unsichtbaren ergeben. Oder in der Welt insgesamt, wenn man unsichtbar ist? Geheimnisse deuten sich an, auch im musikalischen Ton. Aber auch die Gefahren werden geschildert (in der dritten Strophe), wenn man sich in das Unsichtbare begibt. Sind Geräusche draußen natürliche Geräusche, oder bewegt sich dort jemand im Verborgenen („Is that an autumn leaf falling? Or ist that you, walking home?“)? Die Stimmung des Liedes ist nun fast von Düsternis geprägt. Diese Passage wird durch einen geheimnisvollen und unwirklichen Frauenchor begleitet, der so klingt als ob die Hexen aus Macbeth jetzt in der realen Welt singen. Manchmal hört es sich an, als heule der Wind durch leere Gänge. Ganz zum Schluss des Songs gibt es wieder dieses Pfeifen, ein bisschen wie das Pfeifen in einem dunklen Wald. Das Labyrinth des Unsichtbaren ist betreten worden.
Die Strophe über die Millionen Korridore spielt mit Themen wie der Abkapselung von der Umwelt und dem Versenken in die eigene Vorstellungs- und Gedankenwelt. Es geht um eine „Loslösung von der Wirklichkeit zusammen mit dem relativen oder absoluten Überwiegen des Innenlebens“ (so 1911 vom Schweizer Psychiater Bleuler zum Themas Autismus, [4]). War Kate als Teenager nicht auch sehr introvertiert? Und scheute sie nicht jahrelang die Öffentlichkeit? Hochbegabungen und ein in sich selbst Zurückziehen sind nicht selten gekoppelt. Meiner Ansicht nach spricht viel dafür, dass sie hier auch ein Lied über sich selbst geschrieben hat, über ihre Situation in den zwölf Jahren vor „Aerial“, über ihr langjähriges Verschwinden, über ein dadurch mögliches befreites und selbstbestimmtes Leben. „How to be invisible“ ist Kate Bushs dargelegter Zauber, vor der Welt unsichtbar zu werden. Es ist aber auch ein Lied darüber, welche unbekannten Welten sich öffnen, wenn man so wie sie als Teenager den Schritt in die Musik wagt.
Das Schöne an „How to be invisible“ ist, dass es trotz dieser vielen verschiedenen Bezüge eine Einheit ist. Es zeichnet Kate Bush aus, dass sie fast spielerisch ganz gegensätzliche Elemente zu etwas Perfektem verschmelzen kann. Sie wirft merkwürdige Ingredienzen in ihren Kessel und heraus kommt ein Zauber. Genau das ist ihre Hexenkunst.
Achim/aHAJ)

[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 379
[2] Jim Irvin: Aerial. Mojo 12/2005
[3] „The Del Palmer Interview“. Homeground 78. S.16
[4] http://www.autismus-nordbaden-pfalz.de/autismus.htm (gelesen 30.12.2014)

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