„Der Tod ist nichts gegen die Liebe“

Renate Obermaier

Wenn die Jazz-Formation „Hounds of Belfort“ um Dieter Schroeder (Schlagzeug), Jan Fitschen (Gitarre) und Sängerin Bella Nugent ab und an das komplette Hound of Love-Album von Kate präsentiert, genehmigen sie sich auch schon mal einen Abstecher in die frühen Jahre von Kate Bush und servieren dem Publikum eine besonders luxuriöse Version von „Wuthering Heights“. In Zusammenarbeit mit der Schauspielerin Renate Obermaier ist eine Musik/Textcollage entstanden, die durch den besonderen Vortrag von Obermaier zum Leben der Brontë-Schwestern informativ und gleichsam beeindruckend ist – und das kombiniert mit dem wundervollen Gesang von Bella Nugent. Nichts könnte besser zum heutigen „Most Wuthering Heights Day Ever“ passen, als diese Collage – mit freundlicher Genehmigung von Renate Obermaier und „Hounds of Belfort“.

Ich möchte wirklich wissen, was du ganze Tage hier draußen treibst. Sie hält das Moor fürs Universum und den Himmel fürs Paradies.

Out on the wiley, windy moors
We’d roll and fall in green

Da lebt man den lieben langen Tag nebeneinander her, man glaubt, kein Geheimnis bliebe einem verborgen und dann so etwas.

You had a temper like my jealousy
Too hot, too greedy

Heathcliff und Cathy, Cathy und Heathcliff, das Findelkind und die Bürgerstochter — Wir woben ein Netz in der Kinderzeit/ Ein Netz aus sonnigem Schein/ Eine Kindheitsquelle gruben wir/ Ein Wasser klar und rein —-. Ein Rauhbein ist dieser Heathcliff, ein Unhold, ein Ausgestoßener, der sich für sein Ausgestoßensein lebenslang rächt, und nicht nur mit Worten, aber er liebt seine Cathy, weit über den Tod hinaus; 18 Jahre nach ihrem Tod lässt er ihr Grab wieder öffnen; er besticht den Totengräber, ihren Sarg an der linken Seite zu öffnen, denn er wolle an ihrer rechten Seite begraben sein, und wenn seine Sarg an der rechten Seite offen bliebe, und ihr Sarg an der linken, könnten sie jederzeit zueinander.
„Der Tod ist nichts, gar nichts gegen die Liebe“, steht in goldenen Lettern über dem Grab von Fritz Walter und seiner geliebten Frau Italia. Emiliy Brontë macht aus diesem Satz einen ganzen Roman: ihre 1847 erschienenen „Wuthering Heights“.

How could you leave me
When I needed to possess you?
I hated you, I loved you, tooBad dreams in the night
They told me I was going to lose the fight
Leave behind my wuthering, wuthering

„Jeden Abend um neun Uhr, wenn „dear papa“ nach oben und zu Bett gegangen war, legten sie die Näharbeiten beiseite und nahmen ihre Wanderung wieder auf: fünf Schritte vom Sofa zum Fenster, um den Tisch und zurück. Emily, den Arm um Anne gelegt, daneben Charlotte, so gingen sie rastlos auf und ab, während der Wind über Moor und Heide an den Fenstern rüttelte und die Johannisbeerbüsche im Vorgarten mit harten Zähnen kämmte; Yorkshire im Winter 1845.“

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Das Pfarrhaus, in dem Emily mit ihren Schwestern und dem Vater lebte, war ein Kreativitätskraftwerk, hier wurde geschrieben, leidenschaftlich, besessen, wild und diszipliniert, leise, verborgen, lange Zeit unbemerkt.
Die Wände dieses Hauses waren kalt, auch im Sommer, und im Tee schwammen zuweilen Schlacken von den Leichen, die auf dem Friedhof, der vor dem Haus lag, begraben waren.„Vielleicht schlürfen wir bei unserem heutigen Nachmittagstee den aufgelösten Wanst vom alten Abby Richardson. Weißt du noch? Abby war der dickste Mensch, den wir je gesehen hatten…“

Ooh, it gets dark, it gets lonely
On the other side from you
I pine a lot, I find the lot
Falls through without you
I’m coming back, love
Cruel Heathcliff, my one dream
My only masterToo long I roam in the night
I’m coming back to his side, to put it right
I’m coming home to wuthering, wuthering
Wuthering Heights

Aber es fehlt doch jemand.
Es  gehört doch noch ein Bruder zu den Brontë-Sisters Charlotte, Emily und Anne.
Wo ist der Bruder?
Branwell! Branwell! Branwell!
Branwell hockt im Black Bull.
Das Black Bull ist eine Kneipe mitten in Haworth. Branwell versäuft das Haushaltsgeld und ist süchtig nach Laudanum. Das ist eine in Alkohol aufgelöste Opiumtinktur. Zusammen mit den Schwestern hat Branwell als kleiner Junge die Phantasiereiche Angria und Gondal entworfen, manisch notiert in winzig kleiner Schrift. Auf ihn hatte der Vater die größten Hoffnungen gesetzt, er konnte schreiben und vor allem malen, er durfte eine gründliche Ausbildung machen, doch irgendwann hat er sich diesen Begabungen und Hoffnungen verweigert und sich ins Black Bull zurückgezogen, von Charlotte geächtet, von Anne bemitleidet, von Emily unterstützt. Doch Bruder Branwell lebt fort im Abgründigen der männlichen Romanfiguren der Bronteëschwestern, – auch im gerade besungenen Heathcliff von Emilys „Wuthering Heights“.

Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

Jeden Tag und bei jedem Wetter stapft Emily mit Dogge Keeper durch die Hochebene überm Pfarrhaus, durch Heide-, Moor- und Weideland. Einzelne knorrige Bäume, gurgelnde Bäche, verlassene Gehöfte, Gräser und Heidekraut, von Wind und Sturm gestreichelt und gepeitscht. Und Schafe. Sylvia Plath in ihrem Gedicht über „Wuthering Heights“:
„Die Schafe wissen, wo sie sind, Weiden in ihren schmutzigen Woll-Wolken. Grau wie das Wetter. Die schwarzen Schlitze ihrer Pupillen erkennen mich. Es ist wie ein Brief ins Weltall geschickt. Eine dürftige, dümmliche Botschaft. Großmütterlich verkleidet stehen sie herum. Nichts als Perückengelock und gelbe Zähne. Und hartes marmornes Mäh.“
Außer den Vögeln bewegen sich in dieser Landschaft nur die Wolken, da ist ein ständigen Fliehen und Fließen; wenn sie zu dritt draußen sind, Emily, Charlotte und Anne, möchte Charlotte mit diesen Wolken ziehen, Anne verweilt alle paar Meter – vor einem Zweiglein, einem Gräslein, einem Vöglein. Emily mag Annes Art der mikroskopischen Zärtlichkeit für jedes sprießende, blühende, seiende Etwas, sie aber plagt eine andere Leidenschaft: verbotene Gefilde zu betreten, über Zäune und Schranken zu klettern, Freiheit ist ihr letztes Wort, denn ihr gehört der ganze Ort.
„Besitz und Schätze acht ich kaum / Und Liebe lach ich tot; / Und Ruhmsucht war ein bloßer Traum, / Schwand mit dem Morgenrot. / Und bete ich, / bewegt nur ein Gebet die Lippen mir: „Laß mir mein Herz, o laß mich sein, / Und gib mir Freiheit hier.“
Emily, die störrischste, einsamste, ungeselligste der drei Brontëschwestern, den Tieren näher als den Menschen, ist wahrscheinlich auch die glücklichste. Bringt sie’s fertig, sich selbst genug zu sein? Und wieviel innere Unabhängigkeit gehört dazu, eine solch pfarrhausferne, bis heute verstörende Liebesgeschichte wie die von Cathy und Heathcliff in „Wuthering Heights“  phantasiert und zu Papier gebracht zu haben…

Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
Ooh, let me have it
Let me grab your soul away
You know it’s me, Cathy
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window
Heathcliff, it’s me, I’m Cathy
I’ve come home, I’m so cold
Let me in through your window

„Am wohlsten ist mir wenn weit hinaus / Die Seele aus ihrem irdenen Haus / In mondheller windiger Nacht ausbricht / Und mein Aug kann wandern durch Welten von Licht.“

Renate Obermaier hat zwischen 2003 und 2009 in einer Inszenierung von Susanne Schneiders Theaterstück „Die Nächte der Schwestern Brontë“ die Charlotte am Freiburger Kinder- und Jugendtheater gespielt. Die Probenzeit war lang und gründlich. So fuhren die Darstellerinnen der Brontëschwestern in eine belgische Moorlandschaft, Renate Obermaier fuhr auch nach Haworth, besuchte das Pfarrhaus, den Wohnort der Schwestern, und die Kneipe Blackbull, wo auch heute noch der thronartige Sessel von Stammgast und Bruder Branwell auf einem von einer Kordel geschützten kleinen Podest ausgestellt ist.

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