35 Jahre „The Dreaming“: Pressestimmen und Impression 1982-84

Von Beate Meiswinkel

Man mag es kaum glauben: 35 Jahre sind seit dem Erscheinen von „The Dreaming“ vergangen. Die inzwischen nur unwesentlich gealterte Schreiberin dieser Zeilen war damals zarte 15 Jahre jung und bereits enthusiastischer Kate Bush-Fan. Ach, ich war so voller Gedanken und Ideen damals, und sooo verträumt… meine Mama nannte mich liebevoll „Träumerle“, wenn ich mal wieder etwas verdaddelt hatte. Mein Jugendfreund hingegen bezeichnete mich in Anleihen an einen von mir zutiefst verabscheuten Supertramp-Song gerne als „Stupid Little Dreamer“ – eine Neckerei, die mich ein ums andere Mal auf die sprichwörtliche Palme trieb! Jedenfalls kam mir Kate Bush mit ihren wilden und ungezähmten Einfällen gerade recht – noch eine, der es offensichtlich in der Welt der Fantasie und der bunten Ideen viel besser gefiel als in der schnöden Wirklichkeit. Wie passend war da ein Album über den Traum, über das Träumen, über die Traumzeit der australischen Ureinwohner, die ihren Ausdruck in Gesang, Tanz, Malerei und der Geschichtenerzählung findet? Und was für ein Album das war: kontrovers, kompromisslos, ausdrucksvoll, fordernd, bizarr, enervierend zuweilen, so stark und gleichzeitig so zart – und so befreiend! „The Dreaming“ war großartig. Es spaltete sowohl Fans als auch Presse – denn es war und ist überaus meinungsbildend: „Nicht nur für Träumer“, tönte die EMI Electrola GmbH in ihrer Werbeanzeige im Musik Express 10/82 vollmundig. „Das Warten hat sich gelohnt. Das neue Album von Kate Bush ist wirklich traumhaft.“ In ihrem Promo-Sheet zur aktuellen LP gab die Plattenfirma in ähnlich sprachlicher Opulenz Einblicke in das aktuelle Kate Bush-Album: „THE DREAMING vereint zehn elaborierte Pop-Partituren, in denen sich KATEs Interesse an ethnischer Musik niederschlägt und leichte Jazzeinflüsse bzw. Rockelemente hörbar werden. Sie bewegt sich auf dem Pop-Parkett mit einer Grazie und Eigenständigkeit, die für ein Frollein (sic!) Anfang Zwanzig erstaunlich sind. (…)
Die Umsetzung ihrer teilweise recht schwierigen und undurchschaubaren Lyrik geriet der Song-Aktrice selbst zu einem mühevollen Puzzlespiel. Wenn auch zu einem lohnenden, wie das Resultat den Hörer belehrt, der gewillt ist, sich auf diesem musikalischen Abenteuerurlaub einzulassen. Griffig im Sinne oberflächlicher Kommerzialität ist THE DREAMING nicht. Dafür aber ein Album, in dem zarte Klanggewebe neben ungewöhnlich aggressiven Titeln stehen, in dem filigrane Geräuschziselierungen neben rhythmischer Schwere vorkommen. KATE – verantwortlich für Produktion, Arrangement, Komposition und ein von ihr bedientes Keyboard-Sortiment – lud ausgezeichnete Musiker zu den Session ein. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier EBERHARD WEBER (Bass auf „HOUDINI“), DAVID GILMOUR (Backing Vocals), STUART ELLIOT (Drums), ALAN MURPHY und IAN BAIRNSON (Guitar) erwähnt. Die Nutzung moderner Elektronikinstrumente, die KATE auf ihrer letzten LP einzusetzen begann, geht auf THE DREAMING weiter. Fairlight, CS 80 und Synclavier wurden verschiedentlich eingesetzt und ermöglichten KATE die Herrichtung diffizieler Klangfarben. Die Kombination hochmoderner und alter akustischer Instrumente (…) sowie die Einarbeitung imitierter Tiergeräusche (…) bringen zusätzliche Abwechslung ins musikalische Geschehen. (…)“  (EMI Electrola GmbH, Presse International, Köln)

Nicht überall stieß das Ergebnis von Kates künstlerischem Ausdruck auf haltlose Gegenliebe. So schrieb Rezensent/in D. D. in der deutschen SOUND durchaus hintergründig und verstiegen: „In diesen Redaktionsstuben und nicht nur hier herrscht eine tiefe Ablehnung gegenüber Kate Bush, so daß ich, der ich von ihr außer der Single „Babooshka“, die mir ganz gut gefiel, noch nie einen Ton gehört habe, beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. Und siehe! Ausnahmsweise schien ein Vorwurf zuzutreffen, der so oft grundlos erhoben wird: männlicher Chauvinismus. Nicht im Sinne jener paranoiden Struktur, die ihn in allem sieht, sondern im Sinne der Unfähigkeit von kleinen Jungs zu verstehen, warum die Schwester oder die Freundin das Zimmer voller Pferdebilder hat und die Sommerferien am liebsten im Ponyhof verbringt.
Kate Bushs Beziehung zur Musik, ihre manieristischen Soundvorstellungen sind eine Mischung aus einer unergründlichen, aber reizvollen Mädchenhaftigkeit mit schnödem (männlichen) Art-Rock (also dem zutiefst ablehnungswürdigen Ehrgeiz, wichtig zu sein, Kunst im alten europäischen Sinne zu hinterlassen). Pferdebilder-Kate und Art-Rock-Kate (= Genesis-Kate) nehmen jede circa eine Hälfte von THE DREAMING ein. Wirklich gut im Sinne von Auflegen, nicht im Sinne von Gutachten, sind eigentlich nur die beiden Singles „Suspended In Gaffa“ und „Sat In Your Lap“, der Rest ist fast immer zu nahe am Absturz in 70er-Jahre-Manierismus.“ (D.D., SOUNDS 12/1982, S. 66).

Alles klar??

Ehrlich begeistert hingegen äußerte sich Ingeborg Schober im Musik Express 10/1982: „Lange haben wir gewartet, lange hat Kate Bush an ihrem neuen Album THE DREAMING gearbeitet, die Perfektionistin, die Besessene. Verständlicherweise entstand ein schwer zugängliches, mystisches Album voller Rätsel. Bei anderen Künstlern hätte so ein „Egotrip“ ins Auge gehen können – nicht so bei Kate Bush, die die rare Kombination von Distanz und Leidenschaft besitzt, die erlebt und zugleich beobachtet. Eher unauffällig zieht sie uns in einen faszinierenden Sog der Gefühle, der Ängste, der Ahnungen. Und wenn auch ihre Geschichten ein Spiegelbild ihrer Kaleidoskop-Phantasien sind, bleiben die einzelnen Worte ohne Bedeutung, lösen sich in Klang und Stimmen. Stimmen, so viele verschiedene Stimmen! Flüstern, Schreien, Kreischen, Hauchen, Seufzen – sie sind ineinander verwoben und schicksalhaft verbunden wie in einer hochdramatischen Traumsequenz. Auffallend auch die „anderen Stimmen“ – spirituelle Dialoge übers Telefon und aus dem Jenseits. Eine Methode, die auch Nina Hagen auf NUNSEXMONKROCK angewendet hat, wird von Kate Bush wesentlich ästhetischer und differenzierter gebraucht. Ihre Arrangements sind verschlungene Muster – zu farbenfrohen und dennoch gedämpften Gobelins zusammengesetzt. (…) Ein Traum, ein Alptraum, ein musikalisches Traumspiel fernab der Rock-Klischees. Eine Dimension Sensibilität und Phantasie zuviel? Die Würfel sind gefallen.“
****** (Ingeborg Schober, ME 10/1982, S. 48)

Ebenfalls für den Musik Express traf Gabriele Meierding an einem heißen Sommermorgen in einem Londoner Hotel auf unsere „Song-Aktrice“: „Kurz vor 10 Uhr morgens war Kate hereinspaziert, ich bin auch pünktlich. Doch in der dritten Etage herrscht noch helle Aufregung. Da die Londoner Hotels dieser Luxuskategorie meistens ebenso schlecht organisiert sind wie teuer, war die gebuchte Suite natürlich noch nicht fertig. Das bedeutete allgemeine Panik, denn Kate hatte sich in den Kopf gesetzt, an zwei Tagen ein Pensum von 20 Interviews zu absolvieren. So ist der Terminplan schon im Eimer, ehe die erste Frage gestellt ist. Kate ist jedoch dabei liebenswürdig wie immer. Mir wird erst später bewußt, daß sie trotz der Bruthitze Schnürstiefeletten trägt, überhaupt sieht sie aus wie ein weiblicher Spielmann. Ein Interview mit Kate ist für mich wie ein Teekränzchen schwärmerisch veranlagter Backfische. Sie ist so romantisch, ihre Fantasie ist absolut positiv, wobei sie eine feine Antenne für alles Obskure hat. (…)
Für die neue LP, THE DREAMING, verbrachte Kate mit ihren Musikern ein geschlagenes Jahr im Studio (…). Ihr Perfektionsdrang hatte sich diesmal eindeutig lähmend ausgewirkt. „Ich wußte zwar genau, was ich hören wollte, aber nicht, wie ich dahinkomme.“ (…) Völlig deprimiert saß Kate Bush irgendwann mittendrin, total erschöpft, aber unter dem Druck, „daß alles noch ungeheuer verbessert werden muß.“
So entstanden, ist THE DREAMING natürlich weit entfernt vom frischen Zauber ihres faszinierenden Debüts und ebenso vom kommerziellen „Babooshka“ vom Vorgänger NEVER FOR EVER. Die vierte Kate-Bush-LP geriet geradezu zum Dschungelwerk. Zwischen ungewohnter Aggressivität auf der einen und ethnischen Akzenten auf der anderen Seite macht sich nicht selten ein jenseitiger Vollrausch breit. Bis auf das ekstatische „Sat In Your Lap“ ist es schwer, auf Anhieb einzelne Songs in den Griff zu bekommen, denn es sind oft nur eingeschobene Sequenzen, die sich als eingängige Oasen bemerkbar machen. „Ich wollte schon seit dem ersten Album in diese Richtung gehen,“ erklärte Kate. „Aber ich bin jetzt erst langsam so weit, daß ich das auch kontrollieren kann. (…)“
Das Reizvollste an Kate Bush sind für mich eigentlich immer die Geschichten hinter den Songs. (…) „Pull Out The Pin“ zum Beispiel basiert auf einer TV-Dokumentation über den täglichen Überlebenskampf der Vietnamesen, ihren Einzelaktionen gegen die Amerikaner (…) „Die Vietnamesen taten das alles für Buddha, deshalb tragen sie auch immer diese kleine silberne Buddha-Figur um den Hals. Im Kampf stecken sie sie in den Mund, so dass sie Buddha auf den Lippen haben, wenn sie sterben.“ Das Ganze, meint Kate, habe sie „fast zerrissen“, aber irgendwie sei das auch schon wieder „so beautiful“ gewesen …Ein typisches Kate-Bush-Thema dann „Houdini“. (…) Dieser berühmte Entfesselungskünstler starb bekanntlich in einem Wassertank nach einem unglücklichen Unfall. (…)
Kate: „Houdini war zu Lebzeiten geradezu besessen vom Spiritismus. Und nach dem Tode seiner Mutter hatte er vergeblich versucht, über ein Medium zu ihr zu gelangen und kam schließlich dahinter, daß viele Leute einfach nur mit unglaublichem Schwindel versuchten, aus dem Leid anderer Kapital zu schlagen. Und um seiner Frau diese schmerzhafte Erfahrung zu ersparen, vereinbarte er mit ihr ein geheimes Codewort, so daß sie merken würde, wenn das Medium sie betrügt.
Ich habe mir Zeitungsberichte aus den 20er Jahren besorgt mit den Berichten darüber. Sie hatte dort die offizielle Erklärung abgegeben, daß sie tatsächlich bei einer Séance mit ihm in Kontakt getreten sei. Ich glaube eigentlich nicht, dass sie es nur des Geldes wegen getan hat. Natürlich weiß ich es nicht. Aber in dem Bewußtsein, daß sie immer nur so entsetzlich enttäuscht wurde, weil er nie mit dem Codewort zu ihr kam, wäre ich auch gar nicht im Stande gewesen, dieses Lied zu schreiben.“ (…)
Eigenartig nur der Text zu dieser aufmüpfigen Musik zu „Sat In Your Lap“. Da man ihn (…) kaum versteht und den Gesang nur als zusätzliche Soundfarbe im Ohr hat, ist man innerlich auf eine eher körperliche Aussage gefaßt. Aber: hier geht es um Übergeordnetes… um die rastlose Suche nach Lebensinhalten, die meistens in der Erkenntnis der totalen Unwissenheit endet, nämlich! (…) Und „Suspended in Gaffa“ geht sogar noch einen Schritt darüber hinaus; für Fortgeschrittene sozusagen, denen einmal vergönnt war, einen kurzen Einblick in die große Wahrheit zu gewinnen und die jetzt rastlos in der ernüchternden Realität umherwandern. Schwer zu sagen, ob Kate Bush vielleicht selbst dazu zählt.
Eine Woche vor diesem Interview hatte Kate Bush übrigens wieder mit dem Tanztraining begonnen. Aber das bedeutet nicht, daß sie übermorgen auf Tournee geht. (…) Irgendwann, nächstes Jahr … (wenn überhaupt) … soll es soweit sein. Und all ihre Fans werden mit leuchtenden Augen auf die Bühne starren und darauf warten, daß sie endlich „Wuthering Heights“ singt oder wenigstens „Babooshka“…  (Gabriele Meierding, Musik Express 09/1982, S. 20 ff).

Denkste, Puppe… die Wartezeit betrug nur noch etwa 32 Jahre.

Die BRAVO widmete Kate einen etwas merkwürdigen Artikel mit dem Untertitel „Als Astronautin landet sie im australischen Busch“ – immerhin hübsch bebildert und prangend vor journalistischer Stilblüten: „Wuschelige, dunkle Haarmähne, betörend schöne Augen, ein schmales, porzellanfarbenes Gesicht mit sinnlich geschnittenen Lippen, Kate Bush (24) meldet sich nach 15monatiger Abwesenheit wieder auf der Szene zurück. Solange arbeitete Kate an ihrer neuen LP „The Dreaming“, aber das Ergebnis kann sich hören – und sehen – lassen. Ihr Auftritt in Thomas Gottschalks „Na sowas“ Ende September verblüffte allerdings die Fans. Kate hatte sich von der zerbrechlichen, romantischen Elfe in eine engagierte Astronautin verwandelt. Im Text ihrer Single „The Dreaming“ geht’s mitten rein in den australischen Busch. Es wimmelt dort von Schlangen, Krokodilen und Känguruhs, während Kate lauthals gegen die Ungerechtigkeit angeht, der die australischen Ureinwohner heute noch ausgesetzt sind. (…) Der weiße Astronautenanzug stammt aus Londons In-Shop Lawrence Corner und hilft Kate, sich in ein „Höheres Wesen“ zu verwandeln, während die Schlangenmenschen Tänzerinnen (!!!) aus dem Stall von Tanzmeister Lindsay Kemp sind, bei dem auch Kate regelmäßig Tanzunterricht nimmt. (…) Kate Bush erzählte BRAVO, sie sei sich sicher, daß Houdini persönlich aus dem Jenseits mit ihr gesprochen hat. Das habe sie darüber hinaus zu dem Song „Wuthering Heights“ inspiriert, in dem sie als totenblasse Cathy aus einer anderen Welt mit ihrem Liebhaber spricht.“ (BRAVO, Ausgabe?, Autor?, 1982)

1984 schließlich „erforschte ein bekehrter MICK WALL die (Traum) Welt der KATE BUSH“ in der Februar-Ausgabe der britischen Rock- und Metal-Zeitschrift KERRANG! in seinem Beitrag „A Girl For All Seasons“ (KERRANG! No. 62): „Ihr letztes Album, „The Dreaming“, ist ihr Bestes, um ein Klischee zu bemühen. Selbst produziert, selbst geschrieben, auch die Ideen für die Grafiken der (LP)Hülle wählt sie selbst aus, und das geschieht, bevor sie sich hinsetzt, um darüber nachzudenken, was sie mit dem neuen Video machen wird… (…) also begleitet mich in Kate Bush’s Tanzstudio, wo sie im Schneidersitz auf dem Boden sitzt, dick in Wolle eingepackt gegen die kalte Januar-Luft, mit einer Kanne Tee und Keksen in neo-chinesischer Manier zwischen uns, euer und mein Hintern sind auf dem einzigen verfügbaren Kissen geparkt, und wir glühen gemeinsam diesen kühlen Nachmittag miteinander durch.“
Im folgenden Interview sprachen Mick und Kate über Tanzen, Songwriting, Videoproduktion und anderes. Es muss ein durchaus angenehmes Gespräch gewesen sein: „Kate Bush und ich machen weiter, bis die Sonne in meinem Rücken untergeht. Wir unterhalten uns und sie erzählt mir, dass sie momentan Songs für ein Album schreibt, das für den Herbst geplant ist. (…) Sie erzählt mir, dass sie ihr Haar mit Henna färbt, dass sie es gelegentlich mit einem Kreppeisen bearbeitet und dass ihr sowohl Make-up- und Haarstylisten als auch Kostümdesigner zur Verfügung stehen (…) Sie erzählt, dass sie es schwierig findet, ein Buch zu lesen, ohne daraus einen Song zu machen, und sie setzt mich davon in Kenntnis, dass Oscar Wilde wahrscheinlich ihr Lieblingsautor ist. Besonders liebt sie seine Kindergeschichten, die sie immer noch zu Tränen rühren können. Alles, was ich sagen kann ist … ja. Mich auch.“ (Mick Wall, KERRANG Nr. 62, S. 42 – 44, 1984)

(Die Emi-Pressemappe, den Bravo-Artikel, das Kerrang-Interview und die Artikel aus dem Musikexpress gibt es in den nächsten Tagen auf der Facebook-Seite.)

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