„Fünf Minuten, die dem Buch näher kommen als jeder Film“

Der große Gatsby

Filmszene aus „Der große Gatsby“. © Warner Bros. Pictures

Zugegeben: Um von Leonardo DiCaprio auf Kate Bush zu kommen, ist es mehr als nur ein einzelner Gedankensprung. Anlässlich seines neuen Films „Der große Gatsby“ hat Steve Erickson für das Los Angeles Magazine die Historie aufgezeigt, wie Hollywood versucht, Literatur für eigene Erfolge zu nutzen. Und das immer wieder aufs Neue und mit ganz unterschiedlichem Erfolg. Seine Kernthese: Während wir beim Lesen eines Buches Vorstellungen entwickeln, die wir Wort für Wort anhand des Textes überprüfen können, kann uns das Kino nur einzelne Bilder anbieten. Ergo kann es beim Betrachter zum Konflikt zwischen Film und Buch kommen. Zumal bei jeder Neuverfilmung eines klassischen Stoffes ein neuer Aspekt gefunden werden muss, eine andere Darstellungsform oder noch überzeugendere Schauspieler. Das, so Erickson, gelte für Gatsby (fünf Mal verfilmt) von F. Scott Fitzgerald ebenso wie für Filme wie The Wizard of Oz oder Anna Karenina. Und bei letzterem suchen Regisseure so verzweifelt nach neuen Aspekten, während sie eigentlich eine bessere Schauspielerin als Greta Garbo finden müssten (was natürlich unmöglich ist). Spannend wird es, wenn Erickson sich Emily Brontë‘s Wuthering Heights – immerhin sechs Mal verfilmt – widmet. „Jeder Regisseur schien sich voll im Klaren über die Fehler seiner Vorgänger zu sein und alle waren sich einig, dass der größte Murks der 1939er Filmhit von Laurence Olivier war, der eine Geschichte von monströser Besessenheit in eine romantische Liebesgeschichte verwandelt hat und da endete, wo Brontë erst anfing“, schreibt Erickson. „Brontë stürzte ihre Geschichte in eine Innerlichkeit, schwärzer als das, was ein Film überhaupt darstellen kann, mit einem Heathcliff, der entschlossen war, die Welt für den Verlust seiner Liebe zu bestrafen.“ Dann kommt Steve Erickson zu folgender Erkenntnis: „Dann kam in den 70er Jahren eine 18-jähige Kind-Frau namens Kate Bush. Man spürte sofort, dass sie von Cathy, die dem Untergang geweiht war, besessen war und zudem noch eher wie sie aussah als Merle Oberon oder Juliette Binoche es im Film jemals taten, und die den wilden und gnadenlosen Strudel der Brontë-Erzählung in einem fünf Minuten langen Song destillierte, der dem Buch näher kam als jeder Film.“ Vielleicht, weil manchmal Musik Gefühle besser ausdrücken kann als gestellte Bilder und zudem bei Romanvorlagen den Bildern im Kopf näher kommt.

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