Kaffeeklatsch: Kates Musik in Krisenzeiten

Ein Kaffeeklatsch in Corona-Krisenzeiten? Warum nicht?! Irgendwie muss man die #wirbleibenzuhause-Phase überstehen – und mit Musik von Kate könnte das vielleicht ein bisschen besser gelingen. Eine gute Gelegenheit, sich die Remaster der Reihe nach anzuhören, jeden Tag eine neue Top-Ten-Liste der besten Kate Songs zu erstellen oder einfach mal wieder zu einem Kate-Album zu greifen, welches man schon länger nicht mehr gehört hat. Im Kaffeeklatsch mit Beate Meiswinkel geht es um Mutmacher-Lieder, Wertschätzung und die Relevanz von Kates Songs in diesen Zeiten.

Du hast schon drei Wochen des Zuhause-Seins hinter und weitere Wochen mit Homeoffice vor Dir. Bist Du schon so verzweifelt, dass Du fleißig das buddhistische Mantra Om mani padme hum aus Strange Phenomena mitsingst und Dich Schritt für Schritt zum Juwel in der Lotusblüte entwickelst?

Beate: Om mani padme hum chante ich tatsächlich gelegentlich… Im vorigen Jahr habe ich Kirtan-Singen und das Chanten von Mantras für mich entdeckt. Das und andere Meditationsübungen können wirklich helfen, dass man sich besser fühlt. In der aktuellen Situation gehe ich jeden Tag durch unterschiedliche Stimmungszustände: da sind Ratlosigkeit, Angst, manchmal Verzweiflung. Dann sind da auch wieder Hoffnung, Entspannung, Entschleunigung… Verwunderung. Wie schnell die Welt sich verändert hat… Strange Phenomena, in der Tat… Ich habe vor einigen Tagen zu Aerial gegriffen und mich in An Endless Sky of Honey fallen lassen. Dieses Gefühl von Zeitlosigkeit habe ich zurzeit öfter… somewhere in between, das sind wir gerade, zwischen dem Ticken der Uhrzeiger. Viel beruflicher Stress ist abgefallen… wird allerdings anderweitig erzeugt. Homeoffice ist gar nicht sooo einfach. Wie geht es dir denn in diesen Zeiten? Und findest du deine Stimmungen auch in Kates Musik wieder?

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Mich hat es nach einem Nepal-Urlaub erwischt, ich fand mich plötzlich auf einem OP-Tisch wieder. Dementsprechend wechselt die Stimmung aktuell sehr stark. Passend zu Nepal habe ich zuletzt oft Wild Man gehört, weil ich am Annapurna gewandert bin und abends ein Everest-Bier geschlürft habe, auf dem ein Yeti abgebildet war. Weil Achim mir vor ein paar Tagen die Analyse zum Song The Red Shoes zugeschickt hat, stand das Lied dann auch ganz oben auf der Liste. TRS ist wie Eat the music sehr beschwingt und kann in diesen besonderen Zeiten einfach gute Laune verbreiten. Wenn’s dann die getragene Variante sein soll, bietet sich natürlich das beste Kate Bush-Cover an, das Peter Gabriel jemals geschrieben hat: Don’t give up. Das ist so ein Mutmacher-Lied, wie es besser nicht passen kann. Was ist Dein persönliches Mutmacher-Lied von Kate?     

Beate: Was für heftige Erfahrungen: Nepal bereisen, und anschließend dann eine Operation… ich hoffe, es geht dir wieder gut! Mutmacher-Lied… Da sollte ich wohl an erster Stelle Walk straight down the middle stehen. Obwohl es auf der Sensual World-LP als Bonus Track erschienen ist, ist es für mich sowohl integraler Bestandteil des Albums als auch sehr wesentlich für mich persönlich. Es zeigt einerseits auf, wie man durch schwierige Zeiten trotz aller Ängste und Befürchtungen hindurch gehen kann und wird. Andererseits spricht es den Weg der Mitte an, einen Weg des Ausgleichs von Extremen. Ein weiteres sehr ermutigendes Lied ist Constellation of the Heart… durch unbekannte Weiten des Alls mit einer neuen Konstellation konfrontiert zu werden… da ist unsere Astronautin aufgefordert, sich der Situation zu stellen… der Herausforderung, neues Glück zu finden. Doch das verlangt Mut. Mir gefällt, wie leichtfüßig und fröhlich Kate das musikalisch angeht, ohne oberflächlich zu bleiben. Viele Familien und Paare sind ja nun „aufeinander zurückgeworfen“ durch die Isolation der Quarantäne oder des Shutdown. Da kann man sich zuweilen nicht ausweichen. Und Wege finden, miteinander zu sein und einander zu verstehen… Ich musste unwillkürlich an Running up that Hill denken… oder an Babooshka oder Love and Anger. Welche Kate Songs gehen dir durch den Kopf?

Ich muss erst noch mal kurz zu Wild Man zurück. Hast Du das Promo-Bild dazu noch im Kopf? Da gab es ja auch eine Variante wo es beim flüchtigen Blick so aussieht, als ob sie einen Mundschutz trägt… Neben den Liedern die Du schon erwähnt hast fällt mir auf jeden Fall noch Show a little devotion ein. Devotion nicht so sehr im Sinne von Hingabe und Ergebenheit, sondern eher im Sinne der Dankbarkeit. In Krisensituationen, egal ob es eine persönliche Krise ist oder jetzt die Pandemie, lernt man wieder dankbar zu sein. Vieles nehmen wir im Alltag als Selbstverständlichkeit wahr. Man lernt den Wert von Freundschaften noch mal neu zu schätzen, wird sich der Verantwortung in einer Gemeinschaft wieder bewusst und schraubt das Ego zurück. Und dann kommt vielleicht auch die Hingabe und Ergebenheit, weil man sich dessen neu bewusst wird, dass man auch Verantwortung für andere trägt. Lake Tahoe würde ich noch nennen. Vordergründig wird da natürlich die Geschichte von der alten Dame und ihrem Hund erzählt. Vielleicht geht es in diesem zutiefst traurigen Song aber auch einfach nur um diese große Sehnsucht nach einer verlorenen Vergangenheit, als alles noch liebevoller und sicherer war. Ein Gefühl, dass sich ja an mehreren Stellen durch 50wfs zieht. In Snowflake etwa, wo man – the world is so loud – der Hektik entflieht, sich der einzelnen Schneeflocke zuwendet, wieder auf das Wesentliche konzentriert. Wir müssen aber auch über Breathing reden.

Beate: Ja, ich erinnere mich an das Foto mit dem Mundschutz… gegen die Kälte. Wobei ich grade gesehen habe, dass er die Lippen frei lässt, sie ist also noch frei, sich mitzuteilen! Oh ja, Show a little devotion … Dankbarkeit, Demut, sind nicht nur im spirituellen Sinne wichtige Themen. Es tut einem auch selbst gut, sich daran zu erinnern, für was wir dankbar sind. Und die Welt krankt an einem Mangel von Wertschätzung und Anerkennung. Daher ist es so wichtig, sie zu geben und auch annehmen zu können. Ja, diese Melancholie und Sehnsucht von Lake Tahoe durchzieht 50 Words for Snow, da hast du vollkommen Recht. Es ist menschlich, sich nach einer vermeintlich geborgeneren Vergangenheit zu sehnen. In meiner Mädchenzeit war ich dankbar für Kates Musik, die öffentlich präsenter war. Und in dem Zusammenhang fiel mir vor einigen Tagen Kates Song Breathing ein. In die Perspektive des Ungeborenen hineinversetzt, das über die Mutter alles aufnimmt. In der Corona Zeit bekommt der Song neue Relevanz. Das Virus, das über die Atemwege übertragen wird… und wir müssen weiter atmen, brauchen die Luft. Wir schützen uns durch Isolation vor einander, schützen uns vielleicht mit Atemschutzmasken, denn wir müssen atmen. Leave me something to breathe, ist Kates Aufschrei, lass mir etwas zu atmen… das ist so tief bewegend. Wie sehr tiefer Atem uns auch beruhigen kann. Wie notwendig und essenziell. Ich finde es spannend, welche Relevanz gerade ältere Songs von Kate bekommen gerade… was denkst du?

Ich bin da in allen Punkten bei Dir, aber gleichzeitig beim Thema Relevanz auch etwas zurückhaltend. Breathing ist ein schönes Beispiel. Zum einen ist es ein grandioser Song, er ist klaustrophobisch – was gut zur aktuellen Situation passt, er beschreibt ein Weltuntergangsszenario und neben der von Dir zitierten Textzeile Leave me something to breathe gibt es ja auch noch die beiden Textzeilen I’ve been out before / But this time it’s much safer in. Passender geht’s also gar nicht. Aber er hat natürlich eben keine Corona-Relevanz. Breathing war schon immer relevant, wir deuten ihn heute nur ein bisschen anders. So wie Don’t give up immer wieder neu gedeutet wird. Wir machen ja in vielen Situationen unseres Lebens die Erfahrung, dass Songs von Kate uns stärken können, Kraft geben. Das Zitat von Elton John, dass Kates Part bei Don’t give up mit dazu beigetragen habe, sein Leben zu retten, ist ein sehr prominentes Beispiel. Aber letztlich hat jeder von uns genau solche Lieder, die einem helfen, durch schwierige Zeiten zu kommen. Something good is going to happen! Hat es Dich eigentlich gewundert, dass Kate sich genau jetzt mit einer Botschaft zu Wort gemeldet hat?

Beate: In der Tat ist Don’t give up einer der Songs, der auch mich immer wieder ermutigt, tröstet, hält. Ja, jeder von uns hat zum Glück Musik, die uns über Wasser hält – auch in anderen Lebenslagen habe ich das schon oft zu schätzen gewusst, und besonders gehört Kates Musik natürlich immer dazu. Eine Botschaft von Kate ist immer eine Rarität, und ich war tatsächlich etwas überrascht, dass sie sich gemeldet hat zur aktuellen Situation. Wie viele hatte sie das Bedürfnis, ihre Wertschätzung gegenüber all den „helfenden Händen“ zu äußern, die sich gerade engagiert für andere einsetzen. Eine schöne Geste, schnörkellos und auf den Punkt gebracht. Und vielleicht ein kleines Signal an uns alle – ich bin noch da – little light shining!

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