Das Song-ABC: You Want Alchemy

Dieser Song gehört zu den unbekannteren Werken von Kate Bush. Geschrieben und aufgenommen wurde er nach dem Abschluss der Arbeiten zum Album „The red shoes“ und zum Film „The line, the cross and the curve“ [1]. Er wurde nur auf den in Europa und Australien erschienenen CD-Singles von „Eat the music“ veröffentlicht [1]. Jetzt ist er auf der Compilation „The other sides 1“ endlich nicht nur für Sammler verfügbar. Der Song handelt von einem Ausflug, den die Protagonistin mit einer Gruppe von nicht näher definierten Personen macht („What a lovely afternoon / On a cloudbusting-kind-of day / We took our own ‚Mystery Tour‘ / And got completely lost somewhere up in the hills.“). Irgendwo in dieser ländlichen Einsamkeit treffen sie auf einen Imker. Er erzählt von seiner Ehrfurcht und seiner Verehrung für Bienen, die für ihn ein Schlüssel zur Welt sind („They got alchemy! / They turn the roses into gold! / They turn the lilac into honey /They’re making love for the peaches“). Zuerst hält ihn die Protagonistin für einen Spinner, sie versteht seine Faszination für die Bienen nicht. Aber allmählich wagt sie einen vorsichtigen Schritt in die private Welt dieses Mannes. Es gelingt ihr sich zu öffnen und die Freuden dieses einsamen Mannes zu spüren und zu respektieren. Sie nähert sich mit Sympathie und für einen kurzen Moment kann sie seine Vision teilen. Sie kann die Alchemie sehen. Zu diesem Song findet sich nichts in den Biographien von Johanovic und Thomson, wir sind also auf eine ganz eigene Interpretation angewiesen.

Der Song beginnt ruhig. Eine bekannte Melodie fällt auf: eingewoben in den Teppich der Streicher ist der Beginn des „Claire de lune“ von Claude Debussy (u.a. zu „What a lovely afternoon / On a cloudbusting-kind-of day“ gleich zu Beginn). Es ist eine zärtliches, träumerisches Melodiefragment, das immer wieder im Song auftaucht. Im Refrain („You want alchemy! […]“) wechselt die Perspektive zum Imker. Wie so oft bei Kate Bush wechselt mit der Perspektive auch die Musiksprache. Nun ist das eher ein Sprechgesang, ohne richtige Melodie, heftiger im Ton. Es klingt so, als ob hier jemand seine Gefühle ausdrückt, der selten mit anderen Menschen redet und des Singens in Melodien nicht so mächtig ist. Es ist eine Art gestammelte Anbetung der Natur.
In der zweiten Strophe ist das „Claire de lune“ wieder mit der Natur, den Bienen verbunden. Auch im zweiten Refrain taucht diese Melodie nun im Hintergrund auf. In der dritten Strophe vermischen sich die Gesangsstile der Protagonistin und des Imkers. Beide haben zu einer gemeinsamen Harmonie gefunden. Ganz zum Schluss des Songs „gewinnt“ das „Claire de lune“-Thema, wie eine Hymne an die Natur und ihre Geheimnisse erhebt es sich über dem Hintergrund. Es kommen Einwürfe eines Chores dazu („what they gonna do…?“), das erinnert an die den Sonnenaufgang ankündigenden Chöre in „Nocturne“ (auch dies eine Anbetung der Natur).
Der Song ist voller Querbeziehungen, hervorstechend ist natürlich das „Claire de lune“. Dies ist der 3. Satz der „Suite bergamasque“ von Claude Debussy aus dem Jahr 1890, übersetzt bedeutet der Titel Mondglanz oder Mondschein [2]. Es ist ein komplexes und faszinierendes Stück, das Einflüsse aus der Lyrik, der Barockmusik und des Impressionismus miteinander vermischt. Es ist ein Mittler zwischen den Welten. Der Titel des Stückes wurde kurz vor der Veröffentlichung hinzugefügt, er beruht auf dem Titel eines Gedichts des Symbolisten Paul Verlaine. Das Gedicht spricht von “au calme clair de lune triste et beau” – dem stillen Mondlicht, traurig und schön [3]. Der geplante Originaltitel war aber „Promenade sentimentale“ und griff damit ein Gedicht von Verlaine aus dessen 1866 veröffentlichter Sammlung „Paysages tristes“ (traurige Landschaften) auf [3]. Dieses Gedicht war wahrscheinlich die Inspiration, die Debussy brauchte. Die Eröffnungszeilen („Le couchant dardait ses rayons suprêmes / Et le vent berçait les nénuphars blêmes”), in denen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne und die sich wiegenden Seerosenfelder beschrieben werden, sind mit großer Schönheit in den Anfangstakten von „Claire de lune“ umgesetzt [3]. Das Stück von Debussy steht für die Natur, ihre Geheimnisse und ihre Schönheiten – genau dafür wird es auch im Song von Kate Bush als musikalisches Zeichen benutzt. Die Natur ist etwas Ewiges, sie wurde in der Musik aller Zeiten beschworen. Durch die Verwendung des Debussy-Fragments stellt sich Kate Bush ganz bewusst in diese Tradition.

Neben der Verwendung des „Claire de Lune“ gibt es weitere direkte Verweise in den ersten drei Textzeilen. „What a lovely afternoon“ – diese Textzeile wird sich später auf der Sky-Seite des Albums „Aerial“ wiederfinden. „On a cloudbusting-kind-of day“ – das verweist auf den Song „Cloudbusting“. „We took our own ‚Mystery Tour’“ – das zitiert die gleichnamige EP und den gleichnamigen Film der Beatles. „Magical Mystery Tour“ (englisch ‚Magisch geheimnisvolle Fahrt‘) ist der Soundtrack zum gleichnamigen Fernsehfilm der Beatles. Auf der Doppel-EP ist auch das Instrumentalstück „Flying“ enthalten, das zur Zeit der Komposition noch den Arbeitstitel „Aerial Tour Instrumental“ trug [4]. Das hier über die Beatles auf das Album „Aerial“ verwiesen wird so wie es auch die erste Textzeile tut, das ist wahrscheinlich Zufall, vielleicht aber auch nicht. Eine magische, geheimnisvolle Reise – das ist es aber, was die Protagonistin in „You want alchemy“ durchmacht, vordergründig in die Natur, aber auch in die Seele eines anderen Menschen.
Von „You Want Alchemy“ gehen Verbindungen aus in ganz unterschiedliche Richtungen, Altes und Neues scheinen zusammenzuhängen. Echos aus der Vergangenheit treffen auf Visionen der Zukunft, Natur spiegelt sich in der Seele.  „You want alchemy“ ist die Brücke über die Jahre des Verstummens zwischen den Alben „The red shoes“ und „Aerial“. Der Song nimmt zentrale Motive von „Aerial“ vorweg. Mir erscheint er wie eine Keimzelle. Es finden sich ähnliche Bilder, ähnliche Worte. Auf dem Album ist aus dem Samenkorn einer Idee eine volle Blume geworden. © Achim/aHAJ

[1] https://www.katebushencyclopedia.com/you-want-alchemy (gelesen 13.10.2018)
[2] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Suite_bergamasque (gelesen 21.02.2019)
[3] http://theconversation.com/decoding-the-music-masterpieces-debussys-clair-de-lune-79765 (gelesen 21.02.2019)
[4] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Magical_Mystery_Tour_(Album) (gelesen 21.02.2019)

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