Trommel, Bass, Stimme und Herz

Foto: Valentin Zaschke

Für ihren Auftritt im Stadtgarten von Emmendingen in der Nähe von Freiburg zum Auftakt der neuen Konzertreihe Pavillonklänge an diesem Sonntag um 11 Uhr haben sich Dieter Schroeder am Schlagzeug und Jan Fitschen an der Gitarre mit Sängerin Bella Nugent einiges vorgenommen: das komplette Hounds of Love-Album in Trio-Besetzung wollen sie spielen – und das nicht zum ersten Mal. Für das Litfaß-Festival in Freiburg hatte  Schroeder schon 2017 die Idee, komplette Alben zu präsentieren. Wie er Sängerin Bella Nugent für dieses Projekt ködern konnte, wusste er auch: „Bella, wusste ich, konnte man mit Kate Bush locken, wiewohl sie nur die früheren 70er Jahre Platten kannte. Die schienen mir aber nicht für dieses Festival geeignet: Ein bisschen Konzeptalbum soll es da schon sein“, erzählt er. Die Wahl fiel auf „Hounds of Love“, dass Schroeder zuletzt 1986 gehört hatte. Er ist bekennender Zappa-Fan, Kate war für ihn 1986 „Mädchen-Musik“, auch wenn er sich „einer gewissen Sogwirkung, insbesondere der zweiten Seite, nicht erwehren“ konnte. Die Scheibe hatte er damals schon von Jan Fitschen geliehen bekommen, den er jetzt wieder mit ins Boot holte – vor allem als sich nach einer ersten Probe herausstellte, dass HOL nur mit Gesang und Schlagzeug zu spielen vielleicht doch etwas ambitioniert sein könnte. Schroeder: „Jan war schon dringend notwendig, allerdings im ersten Moment gar nicht begeistert, eher skeptisch. Schließlich willigte er ein, es zumindest mal zu probieren.“ Überschattet wurden für das erste geplante Konzert im September beim Freiburger Litfaß-Festival dann von einer Hiobsbotschaft: Sängerin Bella  erkrankte an Krebs und musste sich einer Chemotherapie unterziehen. „Eigentlich sollte sie sich aussuchen, was auch immer sie schon mal singen wollte, mit welcher Besetzung auch immer. Im folgenden halben Jahr aber, während Bellas Arbeit an Hounds of Love und Chemotherapie sich immer mehr, schließlich kaum trennbar verbanden, war dann auch klar, dass dieses Welcome Back-Konzert eben auch nur ‚Hounds of Love‘ sein dürfte“, erinnert sich Schroeder. Die Premiere war dann die reinste Zitterpartie. Erst ein Tag vor dem Auftritt war klar, ob Bella auftreten konnte. „Es war bemerkenswert erfolgreich, und das sicher nicht nur aus Mitleid mit der mittlerweile kahlköpfigen Sängerin. Ich glaube, wenn es nur das gewesen wäre, hätten wir es von uns aus auch bei diesem Termin und dem Abschluss am Freiburger Waldsee belassen. Aber das Projekte hatte etwas Seriöses, musikalisch Echtes, etwas Tiefes. Vielleicht ist es das donquichotteske Gefühl, als mickriges Trio einer so pompösen, orchestralen musikalischen Windmühle die Stirn zu bieten…“, glaubt Schroeder. Also haben sie weitergemacht, home concerts gegeben, ein Video produziert, sind weiter vor Publikum aufgetreten. „Wir treffen uns weiterhin zu ‚Hundeproben‘, es bleibt ‚work in progress‘. Jan Fitschen nörgelt nach wie vor hier und da. Bella kann inzwischen auch die gesprochenen Gedichtpassagen auswendig, und wenn ich endlich ‚Under Ice‘ lernen würde, könnten wir das Ganze auch komplett papierfrei darbieten“, sagt Schroeder, der inzwischen auch bei frei improvisierten Jazzkonzerten Stücke oder Passagen von HOL einfließen lässt. „Diese Scheibe hat uns nun fast schon ein ganzes Jahr lang begleitet. Und weil es eben so ein spezielles Jahr war, wird wohl auch die Beziehung zu ‚Hounds‘ speziell bleiben. Und wohl auch noch eine ganze Weile, denke ich“, sagt er. Zum work in progress gehört auch, dass die Grenzen zwischen Rock, Pop und Jazz fließend sind. Schroeder: „Wir versuchen gar nicht, Hounds of Love zu verjazzen. Wir probieren einfach verzweifelt, dieses Produktionsmonstrum zu dritt auf die Reihe zu kriegen und da sowas wie eine Essenz zu finden.“ Und die finden sie, auch wenn Schroeder da eher mit Understatement arbeitet: „Ob da jetzt jemand unsere Version von Mother stands for comfort für jazzig hält? Mag sein, das liegt aber auch an der Besetzung. Für uns war das aber nie ein Thema. Für uns klang es einfach zwingend nach Trommel, Bass und Stimme.“  Es ist aber eben wesentlich mehr als Trommel, Bass und Stimme. Es hat Seele und lebt. Davon kann man sich am Sonntag beim Konzert überzeugen, kostenfrei, oder auch bei youtube, wo man das Konzert am Waldsee vom März findet. Spätestens danach will man nach Emmendingen…

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