Der Soundtrack des Lebens

Von Johannes Albendorf

„The Kick Inside“, eines der beeindruckendsten Debüt-Alben der Musikgeschichte, ist in diesem Jahr 40 geworden. Normalerweise pflegt man an runden Geburtstagen oder Jubiläen ein Fest zu begehen. Freunde und Weggefährten werden eingeladen – und dann blickt man in diesem Kreise auf die Jahre zurück; im idealen Fall ist man glücklich und auch ein wenig stolz auf das, was man erreicht und gemeistert hat. Normalerweise würde man zu so einem Jubiläum doch zumindest für die Fans ein gebührendes Fest in Form etwa von Reissues erwarten: das Material remastered, ausgegrabene Bonus-Tracks, ein schönes Box-Set dieses musikalischen Meilensteins plus DVD mit den frühen Videos … Normalerweise, ja.
Aber „Kick Inside“ ist eben nicht nur ein ungewöhnliches Album, nein, diejenige, die es erschaffen hat, lässt sich erwartungsgemäß in gar keine Kategorie einordnen: Einmal mehr tut sie nicht das, was man von ihr hätte erwarten können … Nein, sie schweigt. Komplett.
Da bleibt es dann sozusagen an anderen hängen, das Jubiläum dieses wunderbaren Albums gebührend zu feiern. Einige Artikel sind erschienen, vornehmlich in der englischen Presse, einige auch in der deutschen – aber das scheint es dann vorerst auch gewesen zu sein. Del Palmer, langjähriger Lebens- und musikalischer Partner von Kate Bush, hat auf Facebook kritisiert, dass keiner der sogenannten Tribute-Acts anläßlich dieses Jubiläums etwas veranstalten würde. Keiner? Doch, es gibt eine Ausnahme – die Band „Cloudbusting“. Sie laden in die Islington Assembly Hall nach London ein, um den 40. Jahrestag dieses Albums zu feiern. Um es frank und frei zu sagen: Lange Zeit war der Gedanke für mich befremdlich, Menschen zuzujubeln, die Stars imitieren. Als ich vor drei Jahren eine „Before the Dawn“-Show besuchte, sah ich so eine Kate-Imitation, die sich in großem Outfit vor dem Hammersmith Odeon (ich nenne es immer noch so) filmen und interviewen ließ und dekorativ auf den Absperrgittern posierte. Es wirkte zwar grotesk, aber für Showbusiness-Gebaren vermutlich nicht ungewöhnlich. Folglich fuhr ich mit durchaus gemischten Gefühlen nach London. Viel erwartete ich nicht und wurde vielleicht deswegen positiv überrascht, das vorneweg. Eine Menge Kate-Fans hatten sich zu dem Konzert via Facebook angesagt. Schön und auch ein wenig surreal, diese Menschen nun mit einem Male nicht nur digital, sondern in Fleisch und Blut zu sehen, ihre Stimmen zu hören und mit ihnen zu lachen. Und die Islington Assembly Hall ist eine wunderbare Location, ein Bau aus den 1930er Jahren mit Art Deco-Elementen, von außen an ein weißes Theater erinnernd, innen nicht zu groß, aber dennoch weitläufig genug (an die 1000 Leute sollen an diesem Abend gekommen sein) – also ein durchaus passender Ort für das Fest. Gleich am Eingang erwartet die Besucher ein überlebensgroßes Plakat vom „Kick Inside“-Cover als Gästebuch. Jeder kann sich mit einigen Worten verewigen und das Plakat, so der Plan, soll dann hoffentlich irgendwann seinen Weg zur eigentlichen Jubilarin finden. „You are the soundtrack of my life“, kann man da lesen, „thank you for the joy“ oder „thanks for inspiration“, natürlich immer wieder „I love you Kate“, aber eben auch „Waiting for the new album“.
Auch ich schreibe etwas auf und einmal mehr beschleicht mich das Gefühl, dass sich Kate Bush unmöglich darüber im Klaren sein kann, wieviel sie vielen Menschen bedeutet – und was können schon ein paar kurze Worte auf so einem Poster sagen, wenn man eigentlich einen mindestens dreiteiligen Roman zu schreiben in der Lage wäre?! Sei es drum, mit nur wenig Verspätung stürmt die Band schließlich die Bühne und eröffnet den Abend mit „Running up that Hill“. Die vier Buchstaben R.U.T.H. vom Cover der Neuveröffentlichung von 2012 werden auf der Leinwand hinter der Bühne eingeblendet und sofort ist das Publikum (jüngere Leute finden sich zugegebenermaßen relativ wenige unter ihnen) bei der Sache. Ich muss gestehen, ich denke noch ein wenig an „Before the Dawn“, ziehe vielleicht unangemessene Vergleiche – aber dann, als sie den zweiten Song spielen, „Love and Anger“, da komme auch ich in der Islington Hall an und kann den Abend einfach als das genießen, was er ist. Es ist aber auch zu unwiderstehlich, einen wunderbaren Song wie diesen einmal live auf so einem beachtlichen Niveau dargeboten zu bekommen (angemessener Weise schwingen auf der Leinwand riesige Kirchenglocken hin und her) …
Und schon jetzt beweist sich die außerordentliche Virtuosität der Band, die Sauberkeit etwa im Gesang der Backgroundsängerinnen (deren Outfit ein wenig an Maite Kelly erinnert, aber das nur nebenbei) und natürlich auch die hervorragende Stimme der Sängerin. Ihr gelingt das Kunststück, gleichzeitig sowohl ein Tribute-Act als aber dennoch auch eigenständig zu sein, Bilder zu kreieren, die sich nah an der ursprünglichen Musik und damit auch an Kate orientieren, aber nie platt kopiert wirken. Sie findet genau diesen Mittelweg, man glaubt Mandy Watson und ihrer Band, dass es ihnen um die Musik geht, um die Kunstwerke von Kate Bush, um die Verehrung derselbigen – und auch darum, diese am Leben zu erhalten.
Ja, Mandy Watson singt sehr gut, den ganzen Abend hindurch. Die Lieder sind durchaus nicht einfach – das beweisen einige Fans, die im Publikum lauthals mitgröhlen und denen es zwar manches Mal biergeschwängert gelingt, die Stimmen der Sängerinnen auf der Bühne zu übertönen, aber längst nicht alle Töne der komplizierten Melodienfolgen zu treffen. Doch man spürt die Begeisterung und die Liebe für die Musik, und das ist wiederum rührend.
Auch „Breathing“ zieht mich in seinen Bann. Zu dem großartig dargebrachten Song werden anrührende Bilder von ungeborenen Kindern gezeigt. „Night of the Swallow“ gehört ebenfalls in die viel zu große Kategorie der Lieder, von denen man nie dachte, sie einmal live auf offener Bühne hören zu können. Und dann, wie bei „Before the Dawn“, ist „King of the Mountain“ auch zu diesem Anlass der Übergang in einen besonderen Block des Abends, führt der Song dahin, worum es bei diesem Abend – wie angekündigt – gehen soll: Das Jubiläum, den Geburtstag von „The Kick inside“ zu feiern!
Vorher aber noch werden Bilder der jungen, wunderschönen Kate eingeblendet und eine gewisse Sehnsucht breitet sich über dem Publikum aus wie die Schleier im „Wuthering Heights“-Video oder die Wolken in „Cloudbusting“ … Del Palmer wird in einer kurzen Filmsequenz interviewt und er erinnert daran, wie die junge Kate einen Song nach dem anderen am Klavier „herausgehämmert“ hätte. „It all comes down with a good song“, sagt Del, man braucht einfach einen guten Song. Da hat er natürlich recht. Und zumindest an diesem Abend folgen weitere: Zunächst der Opener des Albums, „Moving“. Auf der Leinwand sind Bilder von Lindsay Kemp zu sehen, dem Tanzlehrer von Kate Bush. Um ihn geht es schließlich in diesem 40 Jahre alten Song und die Bilder des alten Mannes, der wie ein Schmetterling weiß gewandet tanzt, sind von atemberaubender Schönheit – wie auch einmal mehr der Gesang von Mandy Watson.
Für „Saxophone Song“ holt sie sich Verstärkung in Form der Saxophonistin (was hätte näher gelegen?!) Vicky Cowles. Außerdem kommt unter lautem Publikumsjubel der Schlagzeuger Preston Heyman auf die Bühne – er, der sowohl auf „Never for ever“, „The Dreaming“ und der „Tour of Life“ getrommelt hat, wird die Band zu einigen Stücken begleiten. Die Gästeliste will kein Ende nehmen: Vor „The Man with the Child in his Eyes“ kündigt Mandy Watson das Brilliant Strings Quintett an (es wird auch viele andere Songs atmosphärisch unter-, äh, streichen) und dann beginnt auch noch eine blonde Tänzerin zu tanzen. Von links kommt ein Tänzer auf die Bühne, ein leidenschaftlicher Pas-de-deux beginnt – und eventuelle Ahnungen werden zur Gewissheit: Es ist Stewart Avon Arnold, der schon mit Kate u.a. auf der Tour of Life getanzt hat! Seine technischen Fähigkeiten sind noch so vollkommen, dass kein Gedanke an sein Alter aufkommen will – und falls dies doch der Fall sein sollte, reibt man sich ungläubig die Augen. Das letzte Stück vor der Pause ist „Wuthering Heights“: Ein Meer von hin und her schwenkenden Armen im Publikum – angelehnt an die Choreographie von Kate im Video – lässt an den Wuthering Heights-Day denken, wunderschön. Bereits jetzt, nach der ersten Hälfte der Show merkt man, wieviele Gedanken sich die Band um die Präsentation gemacht hat. Alles wirkt geschmackvoll, nichts billig, nichts platt. Die Gästeliste ist voll und erlesen, das Publikum durchweg begeistert.
Nach der Pause eröffnet „James and the cold Gun“ den zweiten Teil der Show. Bei „L‘amour looks something like you“ kommt ein maskierter Bass-Spieler auf die Bühne. Gerüchte hat es vorher schon einige gegeben und der kleine Film mit den Interview-Sequenzen hätte Miss Marple und sämtliche anderen britischen Detektive vermutlich sofort auf die richtige Spur geführt und in der Tat, ja, es ist Del Palmer! Del Palmer auf der Bühne! Live! Mandy Watson nimmt ihm die weiße Maske ab und er überreicht ihr eine rote Rose. Die beiden umarmen sich und das ist der Moment, wo alles etwas surreal zu werden beginnt: Ein Musiker umarmt den Tribute Act seiner Exfreundin, die ihrerseits Songs darbringt, an deren Entstehung wiederum er selbst vor Jahren beteiligt gewesen ist. Möglicherweise sind solche Gedankenspiele unangebracht, ich weiß es nicht, und so schiebe ich sie auch schnell beiseite. Man will ja schließlich auch den Abend und die Musik und die Erinnerungen genießen! Del Palmer wirkt auf sympathische Weise überrascht und gerührt über die frenetische Reaktion des Publikums. Er heisst Stuart Elliot willkommen, dem einzigen Menschen in der Islington Assembly Hall, der leibhaftig auf dem Originalalbum gespielt hat und nun oben auf dem Rang dem Konzert lauscht. Dann spielt Del Bass bei „Kite“, an deren Schluss Mandy sehr ausdrucksvoll und pantomimisch einen Tanz mit dem Drachen auf der Leinwand aufs Parkett legt. Und selbst als der letzte Song aus „The Kick inside“ verklungen ist, ist der Abend längst noch nicht zu Ende: Als Zugaben folgen Wow, Hounds of Love, Sat in your Lap (wieder mit Preston am Schlagzeug), schließlich auch noch Babooshka, Aerial (wobei inzwischen dann doch die ersten Alkoholopfer an der Bar zu beklagen sind) und eine unglaublich schöne und berührende Darbietung von „Moments of Pleasure“. Auch hier hält sich die Band an das intime Original-Arrangement. Als allerletzte Zugabe macht die Band ihrem Namen alle Ehre: Wie schon bei „Before the Dawn“ wird auch dieses Konzert mit „Cloudbusting“ beendet.
Unterm Strich ein schöner Abend. Es ist schon sehr besonders, Del Palmer, Stewart Arnold und all die anderen aus dem Kreis von Kate auf der Bühne erleben zu dürfen. Das Niveau der Band war beachtlich, die Gäste hochkarätig, das Konzert ein Erfolg … ich verabschiede mich und verlasse die Halle. Das große Poster vom „Kick inside“-Cover ist über und über mit Nachrichten von den Fans beschrieben, ich finde meine Zeilen nicht einmal mehr… Ja, Kate Bush macht sich rar. Sie schuldet niemandem etwas. Und man ist ja einiges gewohnt! Die Hoffnung auf ein neues Album bleibt natürlich! Und feiern können wir sie allemal! Und vielleicht freut sie sich auch ein kleines bisschen darüber!


Johannes Albendorf  ist Schriftsteller und seit 1985 Kate Bush-Fan. Gerade ist sein aktueller Roman „Die Grausamkeit der Katzen“ über Carla Mann, die jüngste Schwester von Thomas Mann, erschienen. Tachenbuch: ISBN 978-3-8459-2538-7, 231 Seiten, 11,95 Euro, AAVAA-Verlag.

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