Feb 06 2018

Das Song-ABC: Them Heavy People

40 Jahre ist es nun her, dass das Debut-Album von Kate Bush veröffentlicht wurde – Zeit, auf einen der Schlüsselsongs aus „The kick inside“ zurückzublicken. „Them heavy people“ ist ein frühes Lied, da es schon bei den Auftritten der „KT Bush Band“ 1976/77 auf dem Programm stand [1], zu einer Zeit also, an der das Album noch in einer ungewissen Zukunft lag. Der Song ist ein für Liveauftritte konzipiertes Stück und das ist ihm anzumerken. Er ist eingängig, rhythmisch und geht ins Ohr. Er war daher auch von der Plattenfirma EMI als zweite Single vorgesehen [1], musste dann aber gegenüber „The man with the child in his eyes“ zurücktreten.  Musikalisch geht es hier ein bisschen in Richtung Reggae. Ron Moy [2] hält ihn für eine gelungene Umsetzung des ‚reggae verse, pop chorus‘-Stils, der damals gerade durch die Gruppe Police populär gemacht wurde. Moy meint weiter, dieser Song „[…] is the most positive and sunny track on the album, and one of a fair number of songs (four, five?) that would surely have been sucsessfull as singles.“. Dieser Aussage kann ich nur zustimmen.
„Them heavy people“ unterscheidet sich im Stil etwas von den anderen Songs des Albums. Es ist ein vorwärtstreibender Titel mit einem merkwürdigen Rhythmus, eine Art stolpernder Tanz (jemand ist noch nicht im Gleichgewicht). Im Chorus dominiert dann ein geradlinigerer Rhythmus, die Richtung ist gefunden – vorwärts. Der Song erzählt von den Inspirationen, Anstößen, Schubsern, die andere Menschen der Sängerin gegeben haben. Er erzählt von den Menschen, die sie in die richtige Richtung gestoßen haben. Gurdjieff und Jesus werden zitiert, das waren offenbar Einflüsse aus Diskussionen im Familienkreis. Der Song richtet sich auch an ihre Gesangs-, Tanz- und Pantomimenlehrer, ebenso an ihren Förderer David Gilmour (dem sie im Covertext dafür dankte, den Ball ins Rollen gebracht zu haben – „rolling the ball“).
Ausgelöst wurde die Komposition von einer kleinen Textphrase und danach ergab sich alles ganz schnell von selbst. Dieser Song entstand ohne lange Entwurfs- und Überarbeitungszeit, wie Kate Bush sagte. „The idea for Heavy People came when I was just sitting one day in my parents‘ house. I heard the phrase „Rolling the ball“ in my head, and I thought that it would be a good way to start a song, so I ran in to the piano and played it and got the chords down. I then worked on it from there. It has lots of different people and ideas and things like that in it, and they came to me amazingly easily–it was a bit like Oh England, because in a way so much of it was what was happening at home at the time. My brother and my father were very much involved in talking about Gurdjieff and whirling Dervishes, and I was really getting into it, too. It was just like plucking out a bit of that and putting it into something that rhymed.“ [3]. Der Verweis auf Gurdjieff wurde dann im Text durch Verweise auf weitere Personen ergänzt, um nicht zu esoterisch zu erscheinen. „I thought it was important not to be narrow-minded just because we talked about Gurdjieff. I knew that I didn’t mean his system was the only way, and that was why it was important to include whirling Dervishes and Jesus, because they are strong, too.“ [3].
Der Song ist im 4/4-Takt gehalten. Nur an einigen Stellen ist ein Bruch eingebaut (ein Takt 2/4, ein Takt 4/4) und zwar auf „has a heaven inside“, bzw. „we perform the miracles“ bzw. „but what a lovely feeling“ jeweils zum Schluss der Strophen [4]. Dies trägt zum Eindruck eines Stolperns oder Innehaltens an diesen Stellen bei. Notiert ist der Song mit 5b [4]. Weil die Strophen mit dem Des-Dur-Akkord beginnen, ist dies wohl ein Des-Dur. Ab und zu gibt es Ausweichungen nach B-Dur (b-Moll wäre die Paralleltonart zu Des-Dur). Diese B-Dur-Akkorde stehen immer am Schluss der Strophen und wenden diese Abschlüsse aus dem Des-Dur hinaus [4].  Die erste Strophe („They arrived at an inconvenient time / I was hiding in a room in my mind / They made me look at myself / I saw it well I‘d shut the people out of my life“) redet offenbar auch von verstörenden Anstößen, die aber dazu geführt haben, tiefer in sich hineinzublicken und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.  Es geht weiter mit „So now I take the opportunities“. Kate Bush kommt zu dem Fazit, das alles Wichtige in einem drin zu finden ist: „For now I realise that everyone of us / has a heaven inside“ und „We humans get it all we perform the miracles“. Diese beiden Statements beschließen die Strophen.
Das Lied ist eine Art Verbeugung vor den Menschen in ihrer Umgebung. Mit diesem Lied bedankt sie sich für das Öffnen der Türen: „They open doorways that I thought were shut for good“. Sich selbst bewusst werden, sich selbst mit allen Höhen, Tiefen und Abgründen annehmen – darauf kommt es an. Wie so oft bei Kate Bush scheinen die Tonarten bewusst gewählt zu sein. Fünf Vorzeichen sind eher ungewöhnlich, das ist weit weg vom nüchternen Alltag. Des-Dur ist nach Beckh [5] eine zweischneidige Tonart. „Auf der einen Seite kann ihr ein sinnliches Element, eine gewisse sinnliche Süße eigen sein, auf der anderen Seite konnte sie auch in der Musik zum Ausdruck von etwas Allerhöchstem, Weihevollstem verwendet werden. Ein eigenartiger Abgrund zwischen Höhe und Tiefe scheint sich innerhalb dieser Tonart aufzutun.“ Sie ist das „Schauen der Sonne um Mitternacht“, sie ist eine „in der Tiefe des Irdischen erlebte höchste geistige Höhe“ [5]. Die Paralleltonart b-Moll ist die Tonart des Sterbens, der wird konsequent ausgewichen zu B-Dur.  B-Dur ist nach Beckh [5] noch nicht das Licht selbst, aber es ist die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichts, der Glaube an das Licht. Der Stern des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe lebt irgendwo in dieser Tonart, die daher oft als Liebestonart benutzt wird.
In den verwendeten Tonarten können wir die Faszination spüren, die der Eintritt in die mystische Welt der Musik und ihre Selbstfindung für Kate Bush bedeutet haben: Liebe, das Allerhöchste und Weihevollste, der Abgrund, der sich in der Seele auftut. Am Ende des Weges (der Strophen) steht der Glaube an das Licht (B-Dur). „Them heavy people“ war auch Bestandteil der „Tour of life“. Im Nachhinein zweifelte Kate Bush an der Umsetzung des Songs (insbesondere der Albumversion), stand aber zu seinen Inhalten und zu seiner musikalischen Qualität. „I always felt that Heavy People should be a single, but I just had a feeling that it shouldn’t be a second single, although a lot of people wanted that. Maybe that’s why I had the feeling–because it was to happen a little later, and in fact I never really liked the album version much because it should be quite loose, you know: it’s a very human song. And I think, in fact, every time I do it, it gets even looser. I’ve danced and sung that song so many times now, but it’s still like a hymn to me when I sing it. I do sometimes get bored with the actual words I’m singing, but the meaning I put into them is still a comfort. It’s like a prayer, and it reminds me of direction.“ [3].
Für mich ist der Song ein Wohlfühllied, schwungvoll und zum Mittanzen einladend, optimistisch und fröhlich, ohne einen zu exaltierten Einsatz der Stimme. Der Text ist im Vergleich zu späteren Songs ein bisschen plakativ – aber immer nur Rätsel lösen muss ja auch nicht sein. Er zeigt den Weg in die Zukunft auf, dieser Text ist Kate Bushs goldene Straße zum Zauberer von Oz.
Ich höre „Them heavy people“ immer wieder gern. Er hätte auch als Single Erfolg haben können, da er wirklich ins Ohr geht. Ein Song für eine Rampensau. So sehr ich die komplexeren Songs aus der späteren Zeit schätze – ich bedauere es doch ein bisschen, dass sie solche livetauglichen Songs später nur noch selten geschrieben hat. (© Achim/aHAJ)

[1] Graeme Thomson: Under the ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.96 und S.120
[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S17
[3] Kate Bush: KBC article Issue 4 (Weihnachten 1979). „Them Heavy People“ & Interview
[4] Kate Bush: Kate Bush Complete. London. EMI Music Publishing Ltd. 1987. S.156f
[5] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Stuttgart. Verlag Urachhaus. 1999. S.232ff (Des-Dur) und S.245ff (B-Dur)

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