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Mrz 10

Das Song-ABC: And Dream Of Sheep

abcados„And dream of sheep“ ist für mich einer der schönsten Songs von Kate Bush. Hier wird mit ganz sparsamen Mitteln eine erstaunliche Tiefe erzielt. Unter einer warm-leuchtenden Oberfläche verbirgt sich in Text und Musik ein Abgrund.  Der Song leitet die zweite Seite „The ninth wave“ des Albums „Hounds of love“ ein. Kate Bush erläutert das zugrundeliegende Konzept selbst: „Wir reden über einen Sturm. Da ist ein Mensch bei Sturm über Bord gegangen und kämpft eine ganze Nacht gegen die Wellen, die Müdigkeit und die Gefahr, aufzugeben. Zu dieser Handlung habe ich alle Stücke der zweiten LP-Seite geschrieben.“ [1]. In „And dream of sheep“ wird der Rahmen dieser Geschichte aufgestellt: eine Schiffbrüchige treibt im nächtlichen Meer, mit Schwimmweste und Notlicht, kaum noch bei Bewusstsein.
Der Song steht in der Tonart cis-Moll, dazu kommen immer wieder prägend fis-Moll-Akkorde sowie H-Dur- und E-Dur-Akkorde [2]. Es gibt aus der melancholischen Mollstimmung immer wieder eine Art hoffnungsvolles Ausweichen in Dur, aber alles wird dann immer wieder in das Moll zurückgezogen. Der Takt ist ein ruhiger 4/4-Takt, der nur kurz unterbrochen wird durch 2/4-Einschübe (zwei Takte) und einen 5/4-Einschub (ein Takt zum Schluss). Die Melodie ist ein Wiegenlied, ganz einfach gehalten, die Töne bewegen sich in kleinen Wellen, so als ob die Protagonistin vom Meer geschaukelt wird. Auf und ab wird sie getragen, gewiegt, ganz sanft.
Um „And dream of sheep“ genauer zu interpretieren, ist es notwendig, fast Zeile für Zeile durchzugehen.
„Little light shining“ – das Klavier ertönt zu diesem Beginn, mit vollem, runden Klang, gut auf die Stimme abgestimmt. Im ganzen Song gibt es fast nur Klavier und Stimme, mit einigen weiteren Akzenten. Die Romantik wird durch ein cis-Moll noch betont. Diese cis-Moll-Akkorde gibt es nur zu Beginn der beiden Strophen (quasi als Einleitung) und dann zum Schluss in der Coda. Diese Tonart bildet den Rahmen des Songs. Cis-Moll ist die Sehnsuchtstonart der klassischen Musik. Es ist eine warme Tonart voller Schwermut, die in uns die verborgenen Quellen der Sehnsucht öffnet. Cis-Moll ist in höchstem Maße romantisch. Nocturnes von Chopin stehen in dieser Tonart, ebenso die Mondscheinsonate von Beethoven [3]. Lebt in E-Dur etwas von leuchtenden Sonnenschein, so in der Sehnsuchtstonart cis-Moll etwas von Mondschein [3]. Es ist ein überaus romantischer Beginn, der etwas ganz anderes erwarten lässt als das, was kommt. Bei den ersten Zeilen hatte ich beim ersten Hören (und auch später noch) ein Liebeslied im Kopf: die Protagonistin stellt eine Kerze ins Fenster, um dem Geliebten den Weg zu weisen.
„Little light will guide them to me“ – ein H-Dur-Akkord auf „them“ leuchtet herein, cis-Moll liegt dann wieder auf „me“. H-Dur symbolisiert das Irdische und schon gleichsam Zurückgelassene – in dieser hoch und verklärt über dem Irdischen liegenden Tonart entschwebt man schon wie ins Überirdische [3]. Eine „Vorahnung des Hinübergehens“ [3] mischt sich in die Harmonik.
„My face is all lit up / My face is all lit up“ – unter das cis-Moll mischt sich immer beherrschender der fis-Moll-Akkord, auf dem zweiten „up“ liegt aber wieder der überirdische H-Dur-Akkord. Bei „lit up“ und später bei „white horses“ und „buoy“ liegt ein leichtes Beben in der Stimme. Das zerbricht die ruhige Stimmung, mischt Angst und Kälte hinein. Die Tonart fis-Moll ist „tiefster Abgrund, tiefste Absturzgefahr [3]“ und deutet auf ein „Aufgewühltwerden bis in die tiefsten Seelengründe hinein“ [3] hin. Die Romantik des Beginns ist der Todesgefahr gewichen.
Der Text baut nun allmählich das Horrorszenario auf, aber versteckt hinter Beruhigung, Ruhe, Traum, Schlaf. Der Schrecken liegt in der Einbildungskraft, im Inneren.
„If they find me racing white horses / They’ll not take me for a buoy“ – die Strophe wird immer leiser im Ton. Zum H-Dur kommt der E-Dur-Akkord dazu. E-Dur ist die Tonart der Märchenpoesie, des Märchens. [3]. Es hat die „Helligkeit einer anderen Welt, einer Welt der Träume, des Dichterischen, der höheren Bilderschau, in der wir der gewöhnlichen Tageswelt gänzlich entrückt sind.“ [3] Die „white horses“ stehen für die Schaumkronen auf den Wellenkämmen, enthalten aber eine tiefere Symbolik. Pferde sind die heiligen Tiere des Meergottes Poseidon [10]. Ihre Erwähnung ist also auch eine versteckte Anrufung göttlicher, märchenhafter Hilfe.
Fast alle Zeilenenden gehen in einem Tonschritt nach unten. Die Musik zieht die Protagonistin zum Schluss der Zeilen hinab in den Schlaf und in das tiefe Wasser. Die Musik gibt den Sog des Untergehens wieder, schwingt hin und her, zieht dann aber hinab. Aufwärts geht es nur selten, bei „shining“, „guide them“, „open“ und (im Chorus) „sheep“ – aufwärts der Hoffnung, der Rettung und dem Leben  entgegen.
„Let me be weak, let me sleep and dream of sheep“ – dies ist der erste Chorus, meist H-Dur, ein fis-Moll-Akkord auf „week“, wieder H-Dur auf „sleep“, dann H-Dur/E-Dur/fis-Moll gemischt in einer harmonisch verschleierten Akkordfolge. Von Schafen träumen – im Deutschen gibt es das „Schäfchen zählen“, das mit dem Einschlafen verbunden ist. Es versteckt sich hier aber eine tiefere Symbolik. Das Schaf ist der Inbegriff eines Wesens, das alles erduldet, alles mit sich machen lässt. Es ist das Opfertier schlechthin, ein Sinnbild der Reinheit, Unschuld, Geduld und Sanftmut. [11] Die Protagonistin will sich der Situation hingeben – um diesen Kampf gegen das sich Ergeben handelt „the ninth wave“.
Im Hintergrund sind ferne Stimmen wie aus einem Funkgerät zu hören. Eine Frauenstimme sagt zärtlich „Come here with me now.“  Das war eine der Lieblingswendungen von Kate Bushs Mutter [4]. Ganz weit weg ist ganz leise das Tuten eines Besetztzeichens zu hören. Die Außenwelt ist noch da, Kommunikation ist noch denkbar – Stimmenfetzen wahrscheinlich aus dem Funkgerät des Schiffes im Sturm, Erinnerungen an die Person, die immer geholfen hat – aber es gibt keinen Anschluss, der Kommunikationskanal ist besetzt.
Die zweite Strophe beginnt mit „Oh I’ll wake up to any sound of engines“. Auf „engines“ bricht ein heftiger tiefer Streicherakkord hinein, ein Cluster, eine wilde Ballung von Tönen, wie ein Traum von einem Motor. Diese zweite Strophe wird vom fis-Moll des Abgrunds dominiert, nur zum Schluss auf „imagination“ gibt es ein Lichtzeichen durch den H-Dur-Akkord. Hier ist die Romantik des Anfangs verschwunden, alles klingt aufgeregter, dramatischer, verzweifelter.
Ab dem zweiten Chorus wird es dann immer stiller und leiser, ruhiger. Die Protagonistin nimmt allmählich die Opferrolle an – sie gibt sich den Schafen hin, lässt sich von ihnen davontragen. Mit „Ooh, their breath is warm“ beginnt die Coda in traumverlorenen, optimistisch-aufgehellten H-Dur- und E-Dur-Akkorden (auf „warm“ wird das Lied aber wieder hinabgezogen in das fis-Moll). Zu „warm“ und dann zu „deeper and deeper“ ertönen begleitende Töne, die wie irische Flöten klingen. Das ist heimatliche Musik aus der Kindheit, das sind träumerische Erinnerungen.  Die Flöte ist in der Symbolik zudem eng mit der jenseitigen, spirituellen Welt und ihren Göttern verbunden. Oft wird das Instrument von Göttern gespielt oder symbolisiert die Stimme eines Gottes. Im alten Ägypten hörten die Menschen in den langen Flötentönen die Stimme der Göttermutter Isis. [9]
anddream400„And they smell like sleep“ beginnt in E-Dur, endet aber wieder in fis-Moll. „And they say they take me home / Like poppies, heavy with seed“ – der E-Dur-Akkord ertönt dann auch wieder auf „like poppies“, danach kommt wieder diese verträumte Akkordkette, die aber diesmal mit cis-Moll auf „seed“ endet. Der Kreis des Liedes hat sich geschlossen. Das ist ganz zart gesungen, fast schon wie im Schlaf. Richard Wagner benutzt E-Dur für das „Schlummermotiv“ der schlafenden Walküre, die Tonart dient ihm in in der Oper „Die Walküre“ geradezu als Tonart des Einschlummerns [3] – über die Genres und die Jahrhunderte hinweg überlappen sich musikalische Zeichen und Ausdrucksweisen. „Poppies“ – Mohnblumen: Schlafmohn, Betäubung. Die antike Symbolik der Mohnblume ist düster. Bei den Griechen war der Mohn der Unterweltsgöttin Persephone geweiht. Hypnos, der Gott des Schlafes wurde oft mit Mohnblüten in der Hand dargestellt [12]. Lyrik, Tonart und Symbolik kreisen um das Einschlafen.
„They take me deeper and deeper“ – mit Meeeresgeräuschen und ohne begleitende Akkorde geht es immer weiter hinunter. Die Protagonistin sinkt wie von Narkotika („poppies“) betäubt tiefer und tiefer in den Schlaf und mit ihr versinkt auch die Melodie in der Tiefe und verdämmert. Ohne Pause beginnt „Under Ice“ und wir sind in einer düsteren Zwischenwelt. Das eher romantische cis-Moll wechselt abrupt in ein dunkles, bedrohliches a-Moll [2]. Dieser Übergang ist so, als ob das Licht in der Musik abgeschaltet wird. Für Kate Bush waren diese ersten beiden Stücke der Suite immer eine Einheit:“It [Under Ice] was totally connected to the track that had come before, and they were written together – And Dream Of Sheep goes straight into Under Ice and they were almost conceived as one […]” [5].
Zu den Songs von „The ninth wave“ hatte Kate Bush seit jeher Bilder im Auge. „And really, for me, from the beginning, The Ninth Wave was a film, that’s how I thought of it.“ [6]. Das muss offenbar auch schon 1985 so konkret gewesen sein, dass es Pläne zu einer filmischen Umsetzung gegeben hat. „I think in a way they’re, umm, probably the most visual songs I’ve written in that, when I was writing them, I had in mind what potentially might be done with them, visually, which isn’t normally the sort of way you go about writing a song. So it’ll be interesting if we can ever actually turn it into a film, which is what I’d like to do, and to see if it takes to it well.“ [7].  Dies hat sich damals nicht realisieren lassen – aus den Gedanken ist es aber wohl nie verschwunden. Für die Konzertreihe „Before the dawn“ wurde es dann endlich umgesetzt. Zu „And dream of sheep“ wurde dazu der Gesang neu aufgenommen. Ein Video entstand, das dann während der Show gezeigt wurde. Dafür ließ sich Kate Bush in einem Wassertank in den Pinewood Studios im englischen Buckinghamshire aufnehmen. Kate Bush zog sich bei den Dreharbeiten eine Unterkühlung zu und war gezwungen, am folgenden Tag mit den Dreharbeiten zu pausieren. „Am Folgetag hatte sie sich erholt und konnte weiterfilmen. Alle waren sich einig, dass es der Authentizität der Performance zuträglich war“. [8]  Das Video ist fast beklemmend – man kann die Unterkühlung der Protagonistin sehen und fast fühlen. Die Stimme zittert und klingt wie aus eisiger Kälte, beängstigend. Das gibt dem Song noch mehr Tiefe, als er ohnehin schon hat. Die träumerische Stimme der Version von 1985 ist einem bedrohlichem Realismus gewichen. Ein Meisterwerk in beiden Fassungen!                    © Achim

[1] Andreas Hub: “Kate Bush. Aufgetaucht”. Interview mit Kate Bush. Fachblatt Musikmagazin. 11/1985
[2] “Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.80
[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.268 (cis-Moll), S.264f und 274 (E-Dur), S.171ff (H-Dur) und S.138 (fis-Moll)
[4] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH, S.273
[5] The 1985 Convention Interview. Tony Myatt asks Kate about Hounds of Love. Homeground – The Kate Bush Magazine. Anthology One. Crescent Moon Publishing. Maidstone. 2014. S.383-392
[6] Richard Skinner: Classic Albums Interview, BBC Radio 1, 25.01.1992.
[7] Peter Swales, Musician (unedited), Herbst 1985
[8] http://www.warnermusic.de/news/2016-11-22/im-video-and-dream-of-sheep-live-watet-kate-bush-durch-einen-grossen-wassertank (gelesen 13.01.2017)
[9] https://www.vsl.co.at/de/Concert_flute/Symbolism (gelesen 03.02.2017)
[10] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Poseidon (gelesen 03.02.2017)
[11] Martin Warnke: Ausgerechnet das Schaf. Ein Tier in Geschichte und Gegenwart. DIE ZEIT 14.03.1997
[12] http://blumensprache.blogspot.de/2008/10/mohnblume.html (gelesen 03.02.2017)

1 Kommentar

  1. Thomas

    Wieder eine tolle Analyse, Achim. Im Übergang von And Dream of Sheep zu Under Ice wechselt sie das erste mal im Zyklus den perspektivischen Ort von über auf unter der Oberfläche des Wassers/Bewußtseins was sich ja dann (in meiner Interpretation) bei jedem Songwechsel wiederholt wie der Gang der Wellen.

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