Das Song-ABC: Big Stripey Lie

abcDieser Song ist für mich eines der größten Mysterien unter allen Liedern, die Kate Bush veröffentlich hat. Was will sie uns sagen? Über Jahre habe ich kein Wort verstanden – „Big stripey lie“ strahlte für mich die Faszination eines dunklen Geheimnisses aus. Als die Idee für dieses Song-ABC aufkam, musste ich dieses Geheimnis einfach versuchen aufzulösen. Zumindest wollte ich für mich eine Idee dazu finden!
Ein Sound-Urwald, erfüllt von merkwürdigen klappernden Geräuschen, die nach vorne drängen. Die Musik ist total fremdartig, absolut dunkel, fast ohne jede Hoffnung. In diesem Dschungel ist die Protagonistin gefangen („Oh my god it’s a jungle in here“). Die Situation muss hoffnungslos und verzweifelt sein („All young gentle dreams drowning in life’s grief“). In dieser verzweifelten Situation nähert sich die große gestreifte Lüge, „like a wavy line“. Ist dies die Schlange aus dem Paradies, der Teufel [1]? Ist dies die Versuchung? Eine einsame, wunderbare Violinlinie setzt ein – eine süße Verlockung, eine Betäubung. Auch in anderen Songs von Kate Bush ist die Violine mit Gefahr verbunden („Experiment IV“ – Musik die vernichtet; „Violin“ – die teuflische Musik, die in die Ekstase treibt). Die Protagonistin ist aus dem Paradies vertrieben – wieder nähert sich die Schlange. Die Musik wechselt auf einen neuen Akkord als Ruhepunkt – von fern schreit eine Stimme die Worte der Versuchung. Dreimal geschieht das, und jedesmal wird der Text dabei verändert. Die Zweifel verschwinden, es beginnt mit „I could be good for you“, dann heißt es „I know I could be good for you“, zum Schluss ohne Zweifel „Good for you“. Kate selbst schreit diese Zeilen aus der Ferne, kaum zu verstehen, eine innere Stimme spricht. Zu Beginn wird die große gestreifte Lüge benannt, zum Schluss ist fast wie im Halbschlaf nur noch ein halbherziges „Hmmm run away“ möglich.
Die Schlange als Symbol des Bösen (groß, gestreift) wird auch im Dschungelbuch benutzt. In der Verfilmung hypnotisiert die Schlange Kaa ihre Opfer: „Trust in me, just in me. Shut your eyes and trust in me. You can sleep safe and sound. Knowing I am around“. Auch das natürlich eine Lüge.
Die Musik ist von hinkenden, schleichenden Motiven erfüllt. Auch die Musik schleicht sich an, sie setzt sich über den eigentlichen Rhythmus hinweg. Ähnliche Motive finden sich in der Musik zu Richard Wagners Rheingold bei der Schilderung des Zwergenvolks der Nibelungen. Alberich, der Anführer der Nibelungen, wird durch die Götter um den allmächtigen Ring und damit um das Paradies betrogen. Nach den Worten „Wirklich frei? So grüß euch denn meiner Freiheit erster Gruß!“ verflucht er den Ring und damit die ganze Welt der Götter (vierte Szene des „Rheingold“). Bei dieser Szene z.B. werden im Hintergrund ebenfalls schleichende Rhythmen dieser Art benutzt – ähnliche Intentionen rufen ähnliche musikalische Lösungen hervor.
Ob damit das Geheimnis dieses Songs gelöst ist? Nur Kate selbst kann das wissen. Die große, gestreifte Lüge als Identifikation des Teufels in einem selbst – für mich habe ich damit einen Teil des Dunkels aufgehellt.
Achim/aHAJ)

[1] Andrew Male: Big stripey lie; Mojo 10/2014, S. 60

1 Kommentar

  1. wunderbar! Sehr poetisch!
    Besonders den Vergleich mit Wagner finde ich toll.

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