„Der tiefe Atem der Imagination“

katerezensionVon Stefan Franzen

Wer dabei war, reibt sich immer noch ungläubig Augen und Ohren. Nach 35 Jahren intensivem Fremdeln mit den Bühnenbrettern ist Kate Bush ins Rampenlicht zurückgekehrt. Mit einem Gesamtkunstwerk, das sämtliche Kolleginnen ihres Alters und wesentlich jüngerer Jahrgänge auf die Plätze verweist. Kate Bushs Before The Dawn war eine Offenbarung, wie auch noch in der digitalen Ära Popmusik aus dem Theater befruchtet werden kann.

An diesem Ort zu stehen, ist fast unwirklich. Vor wenigen Tagen sind hier Björk, Dave Gilmour und Elton John durchgelaufen, um im Publikum Platz zu nehmen. Richtig: im Publikum. Ein Grüppchen lagert schon jetzt, um 16 Uhr mit angespannten, teils aber auch schicksalsergebenen Gesichtszügen am Eingang des klobigen Art Déco-Baus, der sich da fast an die Brücke einer Stadtautobahn schmiegt. Es sind Holländer, Amerikaner, Franzosen, Deutsche, die die Hoffnung noch nicht haben sterben lassen. Sie werden in wenigen Minuten Nummern ziehen und auf ein Wunder warten. An anderen Tagen sollen es gar Koreaner und Australier gewesen sein, die auf Risiko, ohne Ticket um die halbe Welt geflogen sind.

Feinschlägiger Tremor

Auch ich kann es erst glauben, als ich meine Karte am Box Office des Eventim Apollo gegen die E-Mail-Bestätigung in Empfang genommen habe. Ich gebe zu, mit feinschlägigem Tremor. Oh, das Drama, das dem vorausging. Nämlich „auf dem zweiten Bildungsweg“, ohne vor den Schwarzmarktheinis in die Knie zu gehen doch noch am unwahrscheinlichsten Live-Ereignis der letzten Jahre teilzuhaben, das binnen 10 Minuten ausverkauft war. Einzelheiten spare ich an dieser Stelle aus. Denn hier soll’s ja schließlich um Musik gehen. Kurzum: Hätte mir 1985 jemand gesagt, dass ich 29 Jahre später eine Show von Kate Bush (die Ikone meiner Jugend) erleben würde, und das drei Tage nach einem Liveonzert von ELO (den Helden meiner Kindheit), ich hätte ihm den Vogel oder Schlimmeres gezeigt.
Kate Bush-Fans sind „weird“. Diese Meinung gehört spätestens seit ihrem Album The Dreaming zum guten Ton. Wie normal sie tatsächlich sind, kann ich begutachten, als ich drei Stunden später ans Eventim Apollo zurückkehre, jener Ort, in dem Bush im Mai 1979 ihre letzte und einzige Tour beendete, und der damals noch einen Tick glamouröser „Hammersmith Odeon“ hieß. Viele Forty- und Fiftysomethings mit gepflegten Bärten, Damen im besten Alter in Blumenkleidern. Allenfalls ein Hauch von Hippie-Atmo, ein einsamer Sonderling mit Zwergenzipfelmütze und Rock. Dass viele dieser Menschen beim letzten Auftritt Bushs gerade mal Teenies oder Kinder waren, ist unheimlich.
Drinnen auch alles auf geheimnisvoll getrimmt: In tiefem Ultramarin ruht die Bühne mit beachtlichem Bandaufbau. Davor wuseln mit einer Spannung, die zum Greifen nahe ist, 4000 Leute im plüschigen Kronleuchtersaal zu ihren Sitzen. Kameras fahren auf und ab, heute wird gefilmt. Wie sagenhaft mein in letzter Sekunde ergatterter Platz ist, kann ich kaum fassen. Oben auf dem Rang, absolut mittig, Panoramablick. Der Soundtrack des Vorgeplänkels ist zu filigran, um ihn wirklich zu hören: Eberhard Weber, Bushs einstiger Leib- und Magenbassist zupft vergebens aus der Konserve. Dann endlich die Ansage: „The KT Fellowship presents…“ – Kate Bush tritt bescheiden hinter ihren Kollegen zurück, reiht sich in der Ankündigung als prima inter pares ein. Nochmals wird darum gebeten, man möge die Handys auslassen, sonst könne sie nicht mit uns direkt in Kontakt treten. Grandios. Wäre ich König von Deutschland, würde ich in sämtlichen Konzerten sofort ein Smartphoneverbot erlassen.

Der Mythos kehrt als Mutter zurück

Unbeschreiblich ist dieser Jubel, stehend selbstverständlich. Da kommt, tatsächlich im Gänsemarsch mit ihren 12 Mitstreitern, fast schon in einer Art Ringelrein, die Frau auf die Bühne, die wohl die Allerwenigsten hier im Saal schon einmal gesehen haben. Auf die sie 35 Jahre gewartet haben, während sie Mutter und Mythos war. Sie trägt einen langen schwarzen Fransenmantel und ist einfach nur imposant, lächelt geradezu souverän ins Auditorium, fast ein wenig mit dem Ausdruck: „Seht ihr, ich hab’s euch doch gesagt, ihr müsst nur ein bisschen warten.“ Sie ist natürlich längst nicht mehr die ätherische „Cathy“ mit den weit aufgerissenen, präraffaelitischen Belladonna-Augen, auch wenn „Wuthering Heights“-Nostalgiker das nicht wahr haben wollen. Sondern eine stattliche 56-jährige, statt mit grazilen Pirouetten kreist sie mit ihrer endlosen Mähne jetzt im erdigen Barfußtanz.
Eine halbe Stunde lang gibt es Hits und Auszüge aus den Alben Aerial und The Red Shoes. Und in all diesen Stücken, die man ja seit teils Jahrzehnten nur aus der etwas sterilen Studioproduktion kennt, wohnt plötzlich ein ganz und gar organischer Groove.  Aus dem ewigen Käfig befreit, bekommen sie Fleisch und Blut, sogar rockende Muskulatur. Die Entscheidung, mit zwei Schlagwerkern aufzuwarten, war goldrichtig, und dann auch gleich noch mit Omar Hakim und Mino Cinelu. Am Bass nicht etwa der langjährige Lebensgefährte Del Palmer, sondern John Giblin, an der Gitarre nicht der jetzige Freund Danny McIntosh, sondern David Rhodes, der ganz wie in den Peter Gabriel-Shows heulende, sägende Gitarrentöne zu Walls of Sound schichtet. Dass Kate Bush neuerdings Privates und Professionelles trennt, stimmt trotzdem nicht: Im fünfköpfigen, leicht unterbeschäftigten Chor, der von drei schwarzen Sängern angeführt wird, singt kräftig ihr 16-jähriger Sohn Bertie mit, ihre Kunst ist weiterhin von familiären Kräften getrieben. Bertie soll angeblich gar der Mutmacher gewesen sein, soll sie wieder auf die Bühne gebracht haben.

Impulsiv, voluminös, treffsicher, soulig

Seiner Mutter kann er freilich hier das Wasser nicht reichen: Man musste ein wenig Angst haben nach dem schwachen Album 50 Words For Snow von 2011, auf dem Kate Bushs Stimme fast lustlos, unmotiviert klang, unter dicken Schneeschichten verschwand. Wo sie diese Power jetzt her nimmt, ist ein Rätsel: Impulsiv, voluminös, treffsicher sind ihre Stimmeneskapaden, die Sirenenqualitäten sind auch wieder da, und dabei wirkt sie entspannt, kommunikativ und souverän – die gewaltige Pause von dreieinhalb Dekaden scheint sie vergessen zu haben. Die Songs: „Lily“ kommt als knackiger Einstieg, beschwört den Schutz der Engel, und direkt danach „Hounds Of Love“ befreit von den Staccato-Celli, Rhodes übernimmt deren Rolle und macht den Hit kantiger. „Top Of The City“ hat im Refrain fast Gospelcharakter: Kate’s got soul! Und „Running Up That Hill“ verströmt tribale Wucht, doch entgegen dem Original rückt die Bühnenversion vom martialischen Grundcharakter ab und wandelt sich zu einem federnden Galopp. Das Bühnenbild bleibt in diesem ersten Akt unspektakulär, wird gekrönt von Karos, die wie große Goldpaletten glitzern. Doch es bahnt sich was an: In „King Of The Mountain“ regieren heulende Winde und sägende Gitarren, das verschrobene Elvis-Tribut gerät zum Rockmonster mit gewaltiger Sogwirkung. Es endet mit einem Knall: Ein gewaltiger Donner erfüllt das Auditorium, aus Kanonen wird Konfetti mit Poesie des viktorianischen Dichters Lord Alfred Tennyson geschossen. Das Apollo erzittert in seinen Grundfesten. Und dann hat Mino Cinelu seine tollen zwei Minuten: Er schwingt ein Schwirrholz, so bedrohlich ausladend, dass man unweigerlich in Deckung geht. Später wird man darüber diskutieren, ob das vielleicht einen Hurricane symbolisieren soll, gesehen aus dem All. Jener Sturm, der den Schiffbruch von The Ninth Wave auslöst. Die Bühne taucht ins Dunkel und die 4000 erschütterten Besucher ins nächtliche Meer ab.

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Bush hat diese maritime Schauermär zu einem labyrinthischen Spiel aus Traum und Wirklichkeit auf das Doppelte der Zeitdauer gestreckt. Dass die Konzeptsuite aus dem Album Hounds Of Love  zum Klangtheater wird, mit Unterstützung von Adrian Noble, ehemals Leiter der Royal Shakespeare Company, hat man sich dreißig Jahre lang gewünscht.Eine Ertrinkende erlebt eine Nacht im Wasser, mitsamt den Vorspiegelungen ihrer Fantasie zwischen wachendem Entsetzen, Schlaflähmung und Absinken ins Reich der Toten. Das ist der genauso schlichte wie irre Plot, und er wird so hautnah, so beklemmend erzählt mittels Musik, szenischer Darstellung und Videoprojektion, dass man selbst glaubt, mit Bush im Wassertank zu liegen. Denn dorthin hatte sie sich in der Vorproduktion tatsächlich für Stunden begeben, um die Stücke teils neu einzusingen. Sie bestand darauf, nur so klinge es authentisch. Auf der Leinwand (= Realität) erlebt man zunächst, wie ein Hobbyastronom in die Geschichte einführt. Er hat einen Funkspruch eines untergegangenen Trawlers bruchstückhaft empfangen. Dann öffnet sich mit wabernden blauen Tüchern erneut das Bühnenbild (= der Traum, das Jenseits). Fish People mit Skelettmasken treiben im Gerippe eines Wracks ihr Unwesen, die Totengötter der Tiefe. Rauschende, blubbernde 360 Grad-Sounds, Geräusche treffen von überall aufs Ohr. Auf der Leinwand ist nun Bush in Rettungsweste zu sehen, wie sie durch die tiefschwarzen Wellen treibt, aus verzweifelten Augen schaut sie empor, singt somnambul „And Dream Of Sheep“.
Wer die Suite kennt, eilt der Aufführung von Station zu Station mit der Frage voraus, wie denn nun das nächste Alptraumbild visuell umgesetzt wird. Und es geht Schlag auf Schlag: Zu „Under The Ice“ versucht der Chor einen Rettungsversuch mit Kettensäge, Bush sieht sich selbst unterm Eis, wird von der Mannschaft herausgezogen, entgleitet aber wieder in die Tiefe und muss vor das Tribunal des Herrschers Tesoro, den Ben Thompson unerbittlich verkörpert. Die Szene geht an die Nieren, ist physisch ausagiert mit Umklammern, Schreien, Wehren. Ein Beleuchtungskasten schließlich macht an der Decke des Apollo eine Metamorphose zum Helikopter mit Suchscheinwerfer durch, mit großem Getöse schwebt er überm Publikum. Der Pulsschlag hämmert, man bräuchte was zum Durchatmen. Und bekommt es auch.

Grabesgesang der Fish People

Denn es wird jetzt wirklich klassisch theatralisch, und die Szene entbehrt nicht eines gewissen Humors: Ein schwankendes Zimmer kommt auf die Bühne geschippert. Darin sitzen – mit großem Talent, aber etwas zu altklug agierend – Sohn Bertie und der Vater (Bob Harms), ein typisches Männergespräch entspinnt sich, der Hausmann scheitert mit der Zubereitung eines Essens, und beide wundern sich über den Verbleib der Mutter. Die steht plötzlich als Geist hinter der Bühne. „Watching You Without Me“ setzt ein, und die Protagonistin versucht verzweifelt die Aufmerksamkeit zu erregen, macht rhythmisch „whoo“ ins Gesicht des Vaters, packt Bertie und schüttelt ihn zu den zersplitterten Sprechgesangspassagen. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass das ja auch Züge der Schlussszene von „Wuthering Heights“ hat: „Let me in your window.“ Es folgt ein kurzes, komplett neu komponiertes Acappella-Stück, in dem der Chor fast die Funktion aus einer griechischen Tragödie annimmt. „Jig Of Life“, dieser lebensverzweifelte irische Rundtanz kommt in der Liveversion noch erdiger, doch ich frage mich, ob da nicht einige Spuren vom Band eingespielt werden. Der Dudelsack immerhin ist real, er kommt von Kevin McAlea, ansonsten Keyboarder, und einzig Verbliebener aus der „Tour Of Life“ von 1979. Als Bush „Let Me Live“ schreit, live aus dem Wassertank zugeschaltet, frösteln 4000 Mitleidende.
Und dann die Krönung der ganzen Suite, “Hello Earth“. Die Dimensionen vermischen sich zu einem atemberaubenden Verwirrspiel. Über dem nächtlichen Meer spannt sich der Sternenhimmel, von dem aus der Blick zur Erde geht im Originalsong. Universum und Ozean spiegeln sich hier jetzt. Eine Boje taucht aus dem Wasser auf, die Schiffskollegen haben sich darauf gerettet, auch Bush gelingt es, sich dranzuklammern und über den heftig schwankenden Wellen diese Wahnsinnsmelodie zu singen, diese Botschaft aus dem Nirwana. Doch es hilft nichts: Zum Entsetzen der gebannten Zuschauer wird sie von den Fish People zurückerobert und schließlich zu den schaurigen, georgischen Chorgesängen zu Grabe getragen, ins Publikum hinein. Das wird nicht live gesungen: Die Richard Hickox-Singers kommen aus der Konserve.
Wie das Erwachen im „Morning Fog“ geschieht, wie die Erlösung aus dem nächtlichen Drama hinein ins Tageslicht inszeniert wird, das kann einem schier die Tränen in die Augen treiben: Die Band kehrt zurück auf die erleuchtete Bühne, wunderbar leichtfüßig in Dur ist diese Folk-Coda arrangiert, mit Akkordeon und vielen Zupfinstrumenten, ein Liebesshanty mit Tänzchen. Und ein wenig überwältigt, mit der Hand auf dem Herz, bedankt sich die Hauptdarstellerin für die ihr entgegentobende Begeisterung. Vorhang.
Eine gigantische Tür öffnet sich knarrend zu Vogelgesang, weiße Blüten (oder Schnee?) schweben herab, eine Holzpuppe wird von einem Puppenspieler hinein in die Morgendämmerung des Waldes geführt. Die süße Marionette ist Sohn Bertie als Kleinkind, das wird einem schnell klar. Bush sitzt am Piano und schlägt pastorale Akkorde an. Sie hat jetzt ein bordürenbesetztes Kleid an, das ein wenig indisch aussieht. Für einen Moment kommt echtes „The Man With The Child In His Eyes“-Feeling auf. Auf der Leinwand fliegen dazu in slow motion Rotkehlchen, Meisen, Tauben und Schwäne, ein ganzer Chor von Kirchenglocken klingelt einem in den Ohren. Das hier ist die poppige Apotheose zu allem, was in der englischen Musikgeschichte an Landschaftsmalereien aufgeboten wurde, von Orlando Gibbons bis Ralph Vaughan Williams.

Zeitlupiges Schwelgen in Pastell

Alles spielt sich in einem so gemächlichen Puls ab, dass die Darsteller selbst sich in Zeitlupe bewegen. Der Chor tritt als Landvolk auf, Sohn Bertie als Maler, der sich von der Holzpuppe mit einem deftigen „Piss Off“ emanzipieren will: der pubertäre Rebell vertreibt das behütete Kleinkind. Ein riesenhaftes Gemälde zwischen Turner und Constable als Kulisse. Und diese Leinwand, sie besteht fast ausschließlich aus Wolken, in Hunderten von Schattierungen. The Big Sky! Wie will man einen geruhsamen Tag auf dem Lande dramatisch umsetzen? Es ist wohl unumgänglich, dass hier ein paar Längen entstehen, wie das auch schon auf der CD Aerial der Fall war. Ein wenig bleibt alles in zähem Honig stecken. Bewegung kommt erst durch das Gewitter hinein. Auf dem Gemälde verläuft die Farbe und die Band sammelt sich in der gereinigten Atmosphäre zu einem Sonnenuntergang. Soundtrack hierzu ist ein Flamencostück, das im Vergleich zur Studiofassung auch wirklich ein bisschen mediterranes Feuer bekommt. Die Musiker, die im Gegensatz zu The Ninth Wave hier die ganze Zeit auf der linken Seite zu sehen sind, verlassen ihre Podeste und kommen für diesen bukolischen Moment zusammen.

Irrlichtern durch die Nacht – Flug in den Morgen

Und es wird Nacht. Als der Mond aufgeht, lauert zunächst noch eine dicke Überraschung: Bertie singt „Tawny Moon“, ein werwölfisches Ansingen des Himmelskörpers, er kündigt ihm an, er werde ihn so lange versuchen auf seiner Leinwand zu fassen, bis er Blasen an den Fingern hat. Ich bin unentschieden, ob das hier passt. Einerseits ein schöner Einfall, dass hier noch mal ein dramatischer Zug reinkommt. Der junge Mann ist dieser Nummer mehr gewachsen als seiner Rolle in der „Neunten Welle“, ob er die Vorschusslorbeeren verdient, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. Rückkehr der Mutter: Sie gleitet mit ihrer Stimme durch die violette Nacht, und die Keyboards sind deshalb nicht kitschig, weil drunter der Bass von John Giblin so schön unruhig grummelt. Ein fantastischer Einfall ist, dass zum „Blackbird“-Zitat aus The Ninth Wave ein riesenhaftes Federvieh auf die Bühne kommt und die beiden Suiten clever verklammert. Auch hier fällt mir erstmals ein Verweis auf ein früheres Album auf: Wie Bush ihre Stimmen hier schichtet, das hat was von „Night Scented Stock“ aus Never For Ever. Die Nackenhaare sträuben sich bei diesem nokturnen Cluster.
Mit dem Hahnenschrei kündigt sich ein neuer Tag an. Bogen und Feuerpfeil entzünden die Sonnen, Tauben werden entlassen, und übergroße Vogelschwärme schwirren umher. Ein Ohrenschmaus für Ornithologen, umso mehr, als die Heldin dieses Pan-Schauspiels jetzt mit den Amseln um die Wette lacht. David Rhodes bekommt eine Vogelmaske aufgesteckt und tanzt mit der Titelheldin zu einem sich aufbäumenden Rockgewitter, das man mal im Vergleich mit dem Sonnenaufgang bei Ravels Daphnis et Chloë hören müsste. Und plötzlich ist da ein Birkenwald um die Musiker herum. „I wanna be up on the roof“ heißt es im Text – nicht etwa um nur den Tag zu begrüßen, sondern um selbst ins Reich der Gefiederten zu wechseln. Vogelmenschen stecken Bush einen Flügel auf, sie verschwindet hinter der großen Tür und fliegt schließlich zum Schlussakkord dem Publikum entgegen. Dieser finale Knaller lässt das Auditorium komplett ausrasten.

Yeah-ee-yeah-ee-yeah-eeyoo-hoo!

Als Zugabe gibt es – ein wirklich anrührender Moment – „Among Angels“. Sie sitzt wieder allein am Klavier, mit toller, intimer Stimmgebung. Und der „Engelskreis“ schließt sich zum Thema des Eingangsstückes „Lily“. Dass dann noch tatsächlich in einer sagenhaft zackigen Variante „Cloudbusting“ angestimmt wird, macht das Finale perfekt. 4000 vereinen sich zum „Yeah-ee-yo“, und man würde sich nicht wundern, wenn es wirklich gleich anfangen würde zu regnen. Während der Pulk in die Londoner Nacht strömt, möchte man sich eigentlich dauernd kollektiv zwicken. „Incredible“, „absolutely amazing“ tönt es um mich herum. Die meisten sind sprachlos. Einige wenige bedauern, dass nicht mehr “zum Mitsingen” kam.  Eine Greatest Hits-Revue aber wäre geradezu absurd gewesen, Kate Bush hätte sich selbst verleugnet.  Nach der langen Abwesenheit war der einzig gangbare, wenn auch riskante Weg für sie, die stets eine sehr visuelle Künstlerin war, eben diese theatralische Ausgestaltung ihrer visionären Suiten. Und so hat sie mitten im digitalen Zeitalter mit „analoger“ Theatersprache nochmals Maßstäbe gesetzt. Kate Bush appelliert auch im Jahre 2014 an etwas, was uns im hochgetakteten Popzirkus abhanden gekommen ist: an den tiefen Atem der Imagination.

(Stefan Franzen ist freier Journalist und hat auch einen Artikel vom Kate-Konzert für die Badische Zeitung verfasst.Seinen Blog gibt es hier.)

1 Kommentar

  1. Ja, es war fein.
    Man ging und dachte nur „Nochmal“.

    Stefan ist der erste, der erwähnt, dass dort einiges aus der Konserve kam.
    Das fand ich echt schlimm.
    Ich sagte zu meinem Nebenmann: „Lieber etwas weniger Hokuspokus. Dafür aber live.
    Und er wagt es zu erwähnen, dass Bertie einem doch eher auf den Keks ging.
    Aber wenn wir ihm das ganze zu verdanken haben, dann darf er das.

    Dennoch war es einfach nur großartig

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