Das Song-ABC: Moving

„Moving ist schon aus einem einfachen Grund ein ganz besonderer Song. Er eröffnet das Debutalbum „The kick inside“ von Kate Bush. Er wurde als erster Song in der Aufnahmesession im Juli/August 1977 aufgenommen, nach Erinnerung des Produzenten Andrew Powell dauerte das nur zwei Stunden [2]. In Japan erschien er als Single am 6. Februar 1978 und erreichte den Platz 1 der Charts [1]. Der Song wird allgemein als Tribut an ihren Tanz/Schauspiellehrer Lindsay Kemp angesehen [1]. Eröffnet (und beschlossen) wird er mit gesampelten Walgesängen, die vom Album „Songs of the Humpback Whales“ von Roger S. Payne stammen [1]. Roger S. Payne ist ein amerikanischer Biologe, der sich intensiv mit den Gesängen der Wale beschäftigt hat [11].

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„Moving“ ist der erste Song auf „The kick inside“, er ist sozusagen das Eingangsstatement. Wird seine Bedeutung angemessen gewürdigt? Die Biographen gehen nur auf eher offen sichtbare Dinge ein. Ron Moy [3] bleibt aus meiner Sicht recht allgemein. Für ihn adressiert der Song die Hauptthemen von Kate Bushs Songs – Liebe, Beziehungen, Sinnlichkeit und Begehren. Für ihn ist er direkt („touch me, hold me, how my open arms ache“) und gleichzeitig poetisch und metaphorisch („you crush the lily in my soul“). Ron Moy sieht diese zwei Pole (Aktivität / passive Reflexion) als typisch für viele Lyrics von Kate Bush an – damit belässt er es in seiner Analyse. Für Graeme Thomson [2] spiegelt „Moving“ die physische Befreiung und die psychische Wandlung wieder, die Kate Bush beim Tanzen erfahren hat. Der „moving stranger“ ist demnach Lindsay Kemp und das Bild der Lilie, die er zerdrückt („crush the lily in my soul“) steht gemäß Thomson für eine positive Erfahrung, nämlich, dass die Bewegung ihr Kraft verleiht und sie nicht etwa schwächt. Hier frage ich mich allerdings, wie das Zerdrücken einer zarten Blume in der Seele so uneingeschränkt positiv gesehen werden kann.
Phil Sutcliffe [4] beschreibt den Song so: „It’s a complete evocation of the movement of the dancer, speaking with his limbs, sense through sensuality, as sexy as his ‚beauty’s potency‘, the dancer and the watcher in harmony like lovers.“ Alle diese Analysen sprechen Aspekte des Songs an, gehen für mich aber nicht genug in die Tiefe. Ich werde versuchen, einige Gesichtspunkte zu ergänzen. Ein Blick auf die Gestaltung des Songs ist dabei hilfreich. „Moving“ beginnt mystisch. Es braucht einige Sekunden, um zu identifizieren, was hier gerade für fast zwanzig Sekunden erklingt. Es sind Walgesänge, sirenenhafte Klänge, fremdartig und fast unheimlich in ihrer Wirkung. Es sind die „Walgesänge, die sie so liebte“, so sagt es Graeme Thomson [2]. Nach diesen zwanzig Sekunden setzen dann zart die Instrumente und der Sologesang ein. Der Gesang ist teilweise reich verziert, für den Produzenten Andrew Powell klang das wie die „Königin der Nacht“ aus der Zauberflöte [2]. Diese Koloraturen sind besonders ausgeprägt bei „how you move me“, „potency“ und auf „soul“, insbesondere zum Schluss des Songs. Eine Königin der Nacht der Romantik singt hier. Im zweiten Chorus kommen einige Echos hinzu durch einen Chor aus von Kate Bush gesungenen Stimmen. Zum Ausklang ertönen wieder Walgesänge, ein bruchloser Übergang in den nächsten Song findet statt. Offenbar geht es hier um mehr als nur diesen einen Song. Insgesamt ist „Moving“ in eine äußerst romantische Stimmung getaucht.

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Kate und LIndsay Kemp bei den Dreharbeiten zu The Line, The Cross And The Curve / Foto: Guido Harari

Aus dieser Beschreibung heraus die Verbindung zu Lindsay Kemp zu finden, ist nicht offensichtlich. Zum Glück gibt es Äußerungen von Kate Bush selbst, die das erläutern. Es war ihr wichtig, Lindsay Kemp ein Lied zu widmen. „He needed a song written to him. He opened up my eyes to the meanings of movement. He makes you feel so good. If you’ve got two left feet it’s ‚you dance like an angel darling.‘ He fills people up, you’re an empty glass and glug, glug, glug, he’s filled you with champagne.“ [4] Kate Bush sagt ausdrücklich, dass der Song dem Schauspiellehrer gewidmet ist, das heisst aber nicht automatisch, dass es ein Song über ihn ist. Ihr Mentor hat aber Kate Bush die Augen dafür geöffnet, wie man ganz verschiedene Stimmungen ausdrücken kann. Paul Kerton geht darauf in seinem Buch sehr ausführlich ein. Er zitiert z.B. Kate Bush so: „Er sagte zum Beispiel, ihr werdet jetzt alle zu ertrinkenden Seeleuten, Wellen schwappen schon über euch, und jeder fing an zu schreien. Er lehrte mich zu schreien und mir meines Körpers bewusst zu werden“ [5]. In diesem frühen Zitat klingt schon die Faszination für das Wasser und das Meer an, die sich im ganzen Werk von Kate Bush wiederfindet. Der Wal ist ein Geschöpf des tiefen Wassers, geheimnisvoll, immer in Bewegung. Der Wal ist ein „moving stranger“. „Whales say everything about ‚moving‘. It’s huge and beautiful, intelligent, soft inside a tough body. It weighs a ton and yet it’s so light it floats. It’s the whole thing about human communication — ‚moving liquid, yet you are just as water‘ — what the Chinese say about being the cup the water moves in to. The whales are pure movement and pure sound, calling for something, so lonely and sad…“ [4].

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Folgerichtig schwebt Kate Bush bei der „Tour of Life“ zu diesem Song dahin in einem meerblauen (Thomson spricht von meergrün) Trikot, wie im Traum, als schwimme sie in der Tiefe, gefangen in einem Walzer unter Wasser [2]. Auch die Verbindung zwischen Wal und Tanz ist für Kate Bush offensichtlich. „On the ground they’re ppff (splodging sound), but in the water they’re ‚wahooo!‘ Which is the way with a lot of dancers“ [4]. Eine Identifizierung des „moving stranger“ mit einem anonymen Liebhaber (durchaus denkbar) scheint also nicht gemeint zu sein. Kate sieht den Wal als Verkörperung des Meeres, als durch den Tanz befreites Wesen. Der Wal hat aber weitere Bedeutungen. Im Christentum verbirgt sich hinter ihm der Teufel als Ungeheuer der Tiefe des Wassers. Seine Kieferbacken markierten die Tore zur Hölle [9]. „Der Bauch des Wals als Ungeheuer des Wassers gleicht dem Ort des Todes, dem verschlingenden Grab der Dunkelheit des Unbewussten, dem Bereich der Nacht“ [9]. „Bei solchen mythischen „Nachtmeerfahrten“ besteht aber Gefahr, dass unser in unbekannten seelischen Raum vorstoßendes Bewusstsein von den archaischen Mächten des Unterbewussten überrannt wird“ [9]. Der Wal ist Symbol für den Ort des Ursprungs, der Rückholung und Wiedergeburt, er steht für die „dunkle Nacht der Seele“ [9]. Der Wal ist also etwas Unheimliches, er steht für das Ungewisse, die andere Seite, das lockende Geheimnis, die Verführung. Vielleicht muss man das für Kate Bush so typische Motiv des Wassers ähnlich sehen – es geht um Nachtmeerfahrten auf die andere Seite. Ich weise auf „The Fog“, „Nocturn“ und „A Coral Room“ als Beispiele hin.
Es erscheint folgerichtig, wenn als Gegensatz auch ein Symbol für die verführte, angelockte, unschuldige Seele im Song auftaucht: „You crush the lily in my soul“. Die Lilie hat in der Symbolik als Grundbedeutungen die Reinheit des Herzens, die Unbeflecktheit, die Jungfräulichkeit [10]. Sie verweist auf die keusche Unberührtheit der Gottesmutter [10]. Im Song wird diese Unschuld gebrochen, der Tanz (die Verlockung des Wals) hat neue Welten eröffnet, Welten, die dunkler, geheimnisvoller sind. Dieser Prozess ist auch schmerzhaft, das deutet klar das Wort „crush“ an. Die musikalische Gestaltung spiegelt diese ganzen Aspekte wieder. Der Song ist in einem reinen 4/4-Takt gehalten, keine Abweichung stört den traumverlorenen Tanz [6]. Notiert ist „Moving“ in d-Moll, ab und zu gibt es Aufhellungen nach Dur – z.B. zu „As long you‘re not afraid to feel“, „Try to fall for me“ und zum letzten „Soul“ in „You crush the lily in my soul“ [6]. Es scheint A-Dur zu sein. Nach Beckh [7] steht d-Moll für das Starre, Erstorbene der Natur. Etwas mit Grab und Tod, mit dem Starren und Steinernen der Gruft hat diese Tonart zu tun. Sie scheint von einer Welt finsteren Werdens und Gestaltens zu sprechen, die vom Sonnenhaften des Lebendigen noch nicht durchleuchtbar ist [7]. Interessanterweise steht die berühmte Rachearie der Königin der Nacht ebenfalls in d-Moll (verwandte Koloraturen finden sich ja im Song). Kurt Pahlen weist bei dieser Arie darauf hin, das d-Moll eine Tonart ist, in der auffallend oft seelische Bewegung ausgedrückt wird [8]. Seelische Bewegung ist genau das Kernthema von „Moving“. A-Dur steht gemäß Beckh für Lichteshöhen, es steht für die durch irgendein Erlebnis, irgendeine Begegnung ausgelöste höchste verklärte Seelenstimmung [7].
Die Kombination dieser beiden Tonarten gibt die Grundstimmung von „Moving“ sehr gut wieder, auch die Tonarten stehen für den Ausbruch aus einer starren Welt in eine Welt des Lebendigen, sie stehen für eine Befreiung. Ganz folgerichtig musste für mich dieser Song das Album eröffnen. Er setzt das Thema für das Album, ist das Eingangstor in die Welt von Kate Bush. Er thematisiert die Verführung durch das Unheimliche und Unbekannte, den Verlust der „Unschuld“ durch das Veröffentlichen des Albums und durch das Tanzen bei Lindsay Kemp. Schon der Titel „Moving“ drückt es aus – Bewegung, von einem Punkt zum anderen. Eine in ihrer alten Welt gefangene Kate Bush bricht aus und tanzt in die Zukunft. So sehe ich diesen Song, ein helles Licht der Verheißung leuchtet auf aus der Dunkelheit. Kate Bush lockt uns in ihre Welt und nimmt uns mit auf ihre Nachtmeerfahrt. © Achim/aHAJ

[1] https://en.m.wikipedia.org/wiki/Moving_(Kate_Bush_song) (gelesen 16.07.2019)
[2] Graeme Thomson: Kate Bush – Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.107, 111, 116 und 169
[3] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.13f
[4] Phil Sutcliffe: „Labushka“. Sounds 30.08.1980
[5] Paul Kerton: Kate Bush. Bergisch-Gladbach. Gustav Lübbe Verlag GmbH. 1981. S.42
[6] „Kate Bush Complete”. EMI Music Publishing / International Music Publications. London. 1987. S.122f
[7] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.155ff (d-Moll) und S.136f (A-Dur)
[8] Kurt Pahlen: Wolfgang Amadeus Mozart – Die Zauberflöte. Mainz 2011. Schott Music GmbH & Co KG. S.108
[9] Clemens Zerling, Wolfgang Bauer: Lexikon der Tiersymbolik. München 2003. Kösel-Verlag. S.314f
[10] Clemens Zerling: Lexikon der Pflanzensymbolik. Baden und München 2007. AT-Verlag. S.155f
[11] https://en.m.wikipedia.org/wiki/Roger_Payne (gelesen 20.08.2019)

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