Tourbuch: Der blinde Mann und das Meer

tourbook1-620Kate Bush (KB): Also ich hätte grundsätzlich gerne eine neue Szene, in der der Schiffskapitän einen Notruf sendet, um darzustellen, warum die Frau im Meer treibt. Etwas Kontext für The Ninth Wave. Es darf nur nicht zu Titanic-mäßig sein.

David Mitchell (DM): In Ordnung. Wie wäre es, wenn sie bei einem Sturm über Bord geht?

KB: Ah, ein Sturm ist nicht gut. Wir haben bereits eine Szene aufgenommen, in der es eine stille Nacht ist und der Mond am Himmel steht…

DM: Dann ist die Frau einfach ausgerutscht und ins Meer gefallen. Plop.

KB: Dann würde sie rufen ‚Hey, Hilfe, ich bin reingefallen, fischt mich wieder raus!’

DM: Aha – aber nicht, wenn sie sich an der Reling bewusstlos geschlagen hätte.

KB: Wenn sie sich bewusstlos geschlagen hätte, wäre die zweite Hälfte von The Hounds of Love nur etwa drei Minuten lang.

DM: Ok, damit hast du Recht. Aber wenn es eine so ruhige Nacht ist, warum sendet der Kapitän dann einen Notruf wegen seines sinkenden Schiffes?

KB: Mmm… was ist mit einem schweren Maschinenversagen? Das wäre sicher eine geeignete Entschuldigung dafür, SOS zu senden.

DM: Ja, das wäre es, doch was für eine Art von schwerem Maschinenversagen würde außerdem dazu führen, dass eine Frau über Bord geht? Außer… außer wenn das Schiff auf einem Riff auf Grund läuft… es rammt Rockall [ein Felsen im Nordatlantik], und der Rumpf bricht? Ich würde nach Hubschraubern schreien, wenn ich dieser Kapitän wäre.

KB: Ein Fels mitten im Atlantik ist mir etwas zu Titanic-mäßig. Übrigens, liegt Rockall nicht sowieso außerhalb der Reichweite für Seenotrettungs-Hubschrauber?

DM: Könnte sein, nehme ich an… von was für einer Art Schiff reden wir? Ein kilometerlanges Container-Schiff aus Shanghai? Eines dieser kleinen Kapselboote, die man für Weltumsegelungen benutzt? Oder so etwas wie die Jacht eines russischen Oligarchen?

KB: Containerschiffe hätten eine Flotte von Rettungsbooten dabei, könnte ich mir vorstellen. Ich sehe die Frau auch nicht als den sportlichen Jachtbesitzerinnen-Typ. Und wie mitfühlend wäre das Publikum, wenn die Jacht eines russischen Oligarchen auf hoher See in Schwierigkeiten geriete?

DM: Das ist ein Gedanke. Was, wenn das ganze Hammersmith zu Jubeln beginnen würde, wenn sie unterginge? Das könnte einen diplomatischen Zwischenfall auslösen! Wie wäre es mit einem Fischtrawler?

KB: Ja-ah.

DM: Du klingst nicht überzeugt.

KB: Was macht eine Frau – die mit einem Schiffsarchitekten verheiratet ist, wie du dich erinnerst – auf einem Fischtrawler, meilenweit entfernt von der Küste?

DM: Vielleicht interessiert sie sich einfach sehr für Fisch?

KB: [Schweigen.]

DM: Okay – also, sie ist eine Meeresbiologin, die… die Planktondichte oder die Tintenfischpopulation untersucht. Der Trawler ist eigentlich ein Forschungsschiff. Und es befindet sich nicht so weit draußen wie Rockall, vielleicht eher bei den Scillies… oder auf halbem Weg zwischen England und Irland.

KB: Meeresbiologin ist nicht schlecht: aber lass uns den Schauplatz unspezifisch halten.

DM: Würde der Kapitän die Koordinaten seines Schiffes nicht durchgeben, nachdem er „Mayday, Mayday, Mayday“ gerufen hat?

KB: Vielleicht versucht er das, aber die Funkverbindung ist gestört, und er sagt: „Hier spricht Kapitän Zischundkrakel von der Rausch-Rausch, Mayday, Mayday, wir sinken sehr schnell bei Längengrad Fauch-Vier-Zisch-Sieben, Breitengrad Eins-Zwei-Schnapp-Knister-und-Knall? Over.“

DM: Das könnte ein wenig oberflächlich wirken, ein bisschen gekünstelt.

KB: Okay… Was wäre dann – was wenn er nicht sehen könnte?

DM: Ein blinder Kapitän, der für ein Forschungsschiff auf hoher See zuständig ist?

KB: [gedämpftes Murmeln] Der Kapitän konnte noch sehen, als das Schiff den Hafen verließ, doch ein unglücklicher Vorfall hat ihn inzwischen seines Augenlichts beraubt – und war der Anlasse für den Notruf.

DM: Guuuut. Etwas wie ein schleimtriefender Tentakel, der aus Sigourney Weavers Brustkorb hervorbricht, vielleicht… nein, nein, nein – wie wäre es damit: im Maschinenraum ist ein Feuer ausgebrochen, und eine Explosion hat dabei die Kabine in die Luft gejagt und ihn dabei geblendet! Wie bei dem Filmvorführer aus Cinema Paradiso. Das ist auch schon fast Homerisch. Hemingway-esque. Der blinde Mann und das Meer.

KB: „alt“!

DM: Oh, ich dachte es sei ziemlich frisch und originell.

KB: Nein, es heißt der „alte“ Mann und das Meer. Aber wenn der Kapitän blind ist, wie kann er dann sein Funkgerät bedienen und den Notruf-Kanal wählen?

DM: Das ist knifflig. Warte – wie wäre es, wenn der Kapitän sehen kann, aber seine Karten alle Feuer gefangen haben? Darum kann er seine Koordinaten nicht durchgeben. Darf ich fragen, was daran so komisch ist?

KB: Nichts. Ich musste nur Niesen. Okay: wir haben also ein Feuer im Maschinenraum, ein anderes im Funkraum, und alle Karten stehen außerdem in Flammen. Nicht unmöglich. Aber wir brauchen noch immer einen Grund, warum die Frau ins Wasser gefallen ist.

DM: Ganz einfach: die Sendeanlage des Schiffs hat geblinkt, und die Frau ist kurz vor der Explosion auf den Antennenmasten hinaufgeklettert. Die Schockwelle hat sie vom Sendemasten geschleudert, sie flog durch die Luft, und Platsch! So. Wir haben ein sinkendes Schiff, eine Frau im Meer, einen verzweifelten Seenotruf, und in all dem Chaos bemerkt niemand überhaupt, dass die Frau vermisst wird. Problem gelöst, oder wie? Hallo? Geht es dir gut?

KB: Ich musste nur nochmal Niesen. Nun gut. Ja. Ich bin froh, dass die Crew eine Frau auf die Antenne hinaufgeschickt hat.

DM: Meeresbiologen sind ein post-feministischer Haufen. Oder sie ist einfach die Geschickteste und hat einen Schraubenzieher.

KB: Wenn ich es mir nochmal überlege, sollte der Kapitän vielleicht ein Amateur-Himmelsforscher sein, der an seinem Funkgerät hängt. Und der den Notruf nur mithört

(übersetzt von Beate Meiswinkel)

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