{"id":7111,"date":"2024-08-18T10:50:12","date_gmt":"2024-08-18T08:50:12","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=7111"},"modified":"2024-08-18T10:50:15","modified_gmt":"2024-08-18T08:50:15","slug":"das-song-abc-watching-you-without-me","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=7111","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Watching You Without Me"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"95\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2606\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"508\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7112\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm1.jpg 640w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm1-300x238.jpg 300w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm1-605x480.jpg 605w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit <em>Watching You Without<\/em> Me haben wir einen der experimentellsten und interessantesten Songs von Kate Bush vor uns. Der Song ist ein abgrundtief trauriges, eher langsames St\u00fcck, das sich mit Einsamkeit, Verzweiflung und dem Versagen der Kommunikation besch\u00e4ftigt.<br>Der Song beginnt mit einem fast wortlosen St\u00f6hnen von k\u00f6rperlosen Stimmen, die um Worte ringen. Wie aus geschlossenen M\u00fcndern gesungen murmeln sie \u201eYou can&#8217;t hear me \/ You can&#8217;t hear me \/ You can&#8217;t hear what I am saying \/ You can&#8217;t hear what I am saying to you\u201c [17]. In der Bridge h\u00f6ren wir dieselbe Stimme, jetzt stakkatoartig, zerrissen und verzerrt, wie durch gebrochenes Glas betrachtet: \u201eListen to me, listen to me \/ Talk to me, talk to me, please \/ Listen to me, listen to me \/ Help me, help me, baby\u201c [17]. Diese zerrissene Stimme haben wir auch schon in <em>Waking The Witch<\/em>, dem Titel davor, geh\u00f6rt. In einem Lied \u00fcber das Versagen bei Kommunikation kann nicht einmal der Refrain vollst\u00e4ndig geh\u00f6rt und verstanden werden. Dar\u00fcber singt die Protagonistin, leise und traurig, wie verloren, unsichtbar und unerreichbar: \u201eThere&#8217;s a ghost in our home just watching you without me.\u201c<br>Dazu h\u00f6ren wir eine ganz reduzierte Musik, ein fast kalt wirkendes Rhythmus-Pattern. Jeder Takt ist so eine skeletthafte Musik, wir sind gefangen in einer fremdartigen musikalischen Welt. Danny Thompson spielt Kontrabass, Stuart Elliott ist am Schlagzeug. Ab und zu h\u00f6ren wir Streicher, Kl\u00e4nge aus einer fernen, sinnlich-romantischen Welt. Der Song driftet immer mehr ins Unwirkliche ab. Hier ist nichts von der Wildheit der beiden Songs vor und nach <em>Watching You Without Me<\/em> zu sp\u00fcren. Die Welten von <em>Waking The Witch<\/em> und <em>Jig Of Live<\/em> sind weit weg. \u201eIt is like this calm refrain between the songs\u201c [14].<br>Wir k\u00f6nnen <em>Watching You Without<\/em> Me nicht analysieren, ohne das Umfeld des Songs zu betrachten. Der Song ist das mittlere St\u00fcck der aus sieben Songs bestehenden Suite <em>The Ninth Wave<\/em> dieser alptraumhaften, fast filmischen Geschichte einer Frau, die ins Meer gesp\u00fclt worden ist, die durch Angst, Visionen und den Tod geht, um am Schluss gerettet (oder wiedergeboren) zu werden. <em>And Dream Of Sheep<\/em> ist dabei nach [13] der Beginn der Reise, das Bewusstwerden der Situation. In <em>Under Ice<\/em> beginnt die Identit\u00e4t zu verschwinden, in <em>Waking The Witch<\/em> tritt die mentale Krise ein. Dann kommt unser <em>Watching You Without Me<\/em>, der Verlust der Identit\u00e4t, der mentale Tod. In <em>Jig Of Live<\/em> kommt dann wieder Hoffnung auf, durch das Fegefeuer von <em>Hello Earth<\/em> geht es dann hinein in das Leben mit <em>The Morning Fog<\/em> [13]. <em>Watching You Without Me<\/em> steht also in der Mitte der Suite und wird jeweils flankiert von drei Songs. Diese anderen Songs gehen ineinander \u00fcber, <em>Watching You Without Me<\/em> aber ist abgegrenzt, steht so f\u00fcr sich allein. \u201eSound Chaser\u201c stellt im Bush-Forum [15] die spannende Frage: \u201eWarum ist er in der Tracklist flankiert von jeweils 3 anderen Songs, aber als einziger ohne Crossfade?\u201c \u201eDreamin\u2018 Architect\u201c gibt in [15] hier eine gute Erkl\u00e4rung. Der Song ist eine Unterbrechung des Lebensflusses der Protagonistin, daher steht er f\u00fcr sich allein. Die Protagonistin ist aus dem Leben gerissen, zumindest tempor\u00e4r, steht ausserhalb der verbliebenen Lebenden, kann nicht mehr mit ihnen kommunizieren. Die drei Songs davor und dahinter stellen ein Gleichgewicht her. <em>Jig Of Live<\/em> holt sie dann genauso nach unten ins Leben zur\u00fcck wie sie in <em>Waking The Witch<\/em> nach unten in den Tod\/Nahtod abgedriftet\/ertrunken ist. Besser als \u201eDreamin\u2018 Architect\u201c kann ich das auch nicht sagen.<br>Sam Liddicott geht in [14] ebenfalls n\u00e4her auf diese beiden begleitenden Songs ein und beleuchtet so die Rolle und Funktion von <em>Watching You Without Me<\/em> genauer. Die beiden Begleiter sind f\u00fcr ihn zwei der energetischsten und intensivsten Lieder auf <em>The Ninth Wave<\/em>. Davor kommt <em>Waking The Witch<\/em>: \u201eThis is a terrifying song where one can sense the protagonist slipping away or letting her nightmares take over.\u201c <em>Jig Of Live<\/em> ist ganz anders: \u201eThat song is like an awakening; almost a call from the skies for the heroine \u2013 who, in the suite, is stranded at sea and trying to keep afloat\/san.\u201c Und zwischen diesem Hinab in das Grauen und dem Ruf des Lichts haben wir diese ruhige Br\u00fccke, die <em>Watching You Without Me<\/em> bildet, wir sind in einer eigenen Welt, halten inne.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm3-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"396\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm3-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7113\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm3-400.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm3-400-300x297.jpg 300w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm3-400-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der alptraumhaften Intensit\u00e4t von <em>Waking the Witch<\/em> scheint auch eine gewisse Schockstarre zu herrschen. Die Protagonistin hat wohl aufgegeben und bleibt verloren in einer Art geisterhafter Traumwelt zur\u00fcck. Ihre Gedanken wenden sich den Menschen zu, die sie liebt. Sie denkt daran, wie sie sich um sie sorgen m\u00fcssen. \u201e\u201eYou can\u2018t hear me\u201c fl\u00fcstern die Hintergrundstimmen im vielleicht traurigsten Moment des Albums\u201c, so sagt es Graeme Thomson [1]. Die Protagonistin sieht sich als Geist im eigenen Haus stehen. Das ist eine Nahtoderfahrung, mit der die Protagonistin hier konfrontiert wird. \u201eIm Rahmen von Nahtoderfahrungen haben die Betroffenen oft das Gef\u00fchl, \u00fcber ihrem K\u00f6rper zu schweben und zu beobachten, was geschieht\u201c [18]. Der Tod und das M\u00e4dchen, so k\u00f6nnte dieser Song auch hei\u00dfen. Durchn\u00e4sst von Wasser kann sie nur zusehen. Sie sieht zum ersten Mal, wie ein Leben f\u00fcr die Menschen um sie herum ohne sie aussieht. Das ist ein Tiefpunkt, aber \u201eultimately it leads into the strong, life-giving connection with life and time and ancestry that is <em>Jig of Life<\/em>\u201c [13].<br>Kate Bush hat sich recht ausf\u00fchrlich \u00fcber den Song ge\u00e4u\u00dfert. \u201eThe most upsetting one to do on this album was <em>Watching You Without Me<\/em>. That&#8217;s such a sad thought&#8230;&#8220; [7]. Was wollte sie mit dem Lied ausdr\u00fccken? In einem Beitrag f\u00fcr den Kate Bush Club hat sie das klar formuliert ([4] &#8211; meine \u00dcbersetzung): \u201eDas Lied handelt davon, wie sehr sie nach Hause m\u00f6chte. Das ist wirklich das, was sie am meisten will, einfach nur in der gem\u00fctlichen Atmosph\u00e4re ihres Zuhauses zu sein, in der Sicherheit dieser vier W\u00e4nde und des festen Bodens, und mit dem Menschen zusammen zu sein, den sie liebt. Sie merkt, dass sie im Geiste dort ist, und ihr Liebster sitzt in einem Stuhl am Feuer, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie in Wirklichkeit nicht dort sein w\u00fcrde. Sie ist nicht real. Und obwohl sie ihren Mann sehen kann, kann er sie nicht sehen \u2013 sie kann in keiner Weise mit ihm kommunizieren. Es ist mehr ein Albtraum als alles andere bisher, denn so nahe kam sie noch nie einer Art von Trost, und doch ist es am weitesten davon entfernt.\u201c Im Hintergrund geht es Kate Bush auch um das Thema Entfremdung ([6] &#8211; meine \u00dcbersetzung): \u201eDas Lied sagt viel dar\u00fcber aus. Eine \u00e4hnliche Situation k\u00f6nnte existieren, wenn es um Scheidung ginge. Sie wissen schon, der Ehemann kommt zur\u00fcck, um seine Kinder zu sehen, aber er ist nicht l\u00e4nger Teil des Hauses. Stattdessen ist er nur ein Beobachter, der von den Leuten dort nicht mehr gesehen wird, weil seine Rolle so anders geworden ist. Ich sch\u00e4tze, es muss ein Gef\u00fchl der Unsicherheit in mir geben, das mich in diese Richtung denken l\u00e4sst.\u201c<br>Kate Bush hat immer wenig Informationen \u00fcber ihr Privatleben oder das ihrer Familie gegeben. Es bleibt also offen, ob es einen famili\u00e4ren Ausl\u00f6ser daf\u00fcr gab, so etwas in einen Song einzubauen. Mit ein paar Jahren Abstand fasste sie das alles 1992 so zusammen: \u201eAnd I find this really horrific, [laughs] these are all like my own personal worst nightmares, I guess, put into song\u201c [5]. Es geht Kate Bush hier um ganz pers\u00f6nliche Dinge, es geht um die Familie. Das wird auch durch die B\u00fchnenshow \u201eBefore The Dawn\u201c 2014 best\u00e4tigt. F\u00fcr die Inszenierung des Teils von \u201eThe Ninth Wave\u201c verwendet Kate ihre echte Familie. Ihr Sohn Bertie liegt zu Watching You Without Me auf der Couch im heimeligen Zimmer. Die zweite Person scheint ein Schauspieler zu sein, obwohl auch vermutet wurde, es k\u00f6nnte sich um ihren Ehemann (oder ihren Vater) handeln [12]. Eine \u00c4hnlichkeit mit diesen realen Personen war sicherlich beabsichtigt.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"421\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7115\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm2.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm2-285x300.jpg 285w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie hat Kate Bush nun diese ganzen Dinge musikalisch umgesetzt? In den Hintergrundstimmen gibt es Texte, die f\u00fcr sie aber versteckt sein sollten. Die Protagonistin ist in einer Zwischenwelt, sie versucht zu kommunizieren, aber ihre Botschaften kommen bei den sich um sie sorgenden Familienmitgliedern nicht an. \u201eAnd when we started putting the track together, I had the idea for these backing vocals, you know, [sings] &#8222;you can&#8217;t hear me&#8220;. And I thought that maybe to disguise them so that, you know, you couldn&#8217;t actually hear what the backing vocals were saying\u201c [5]. Offenbar hat sie dabei an verschiedenen Stellen einen Trick eingesetzt. Sie hat den Text r\u00fcckw\u00e4rts eingesungen und dann wieder r\u00fcckw\u00e4rts abgespielt. So klingt es wie ein normaler Text, aber verzerrt und verfremdet. Kate Bush hat zuvor denselben Trick f\u00fcr das Outro von <em>Leave It Open<\/em> verwendet [9]. Welche Textteile das sind, dar\u00fcber gehen die Meinungen auseinander. In [17] zum Beispiel werden die Zeilen \u201eYou don\u2019t hear me\u201d und \u201eWe see you here\u201d genannt. In [9] findet sich auch ein Teil der Bridge: \u201eDon&#8217;t ignore, don&#8217;t ignore me \/ Let me in and don&#8217;t be long\u201c. Aber \u00fcber den genauen Text sind sich alle Transkriptionen nicht einig, Kate Bushs Verschleierung hat also funktioniert. Kate Bush best\u00e4tigt aber, dass sie dieses Verfahren benutzt hat. \u201eWell, that&#8217;s something I&#8217;ve been experimenting with for a while [\u2026]. It&#8217;s just a way of using backwards ideas, but actually saying something cohesively\u201c [8]. \u201eSound Chaser\u201c sagt es im Kate Bush Forum [15] sehr treffend: \u201eGrandioses Beispiel, wie jedes von Kate genutzte Produktionsmittel einzig und allein die Message des Songs unterstreicht.\u201c<br>Schaut man sich die musikalische Ausgestaltung mittels der Partitur [2] genauer an, so wird dieses Urteil best\u00e4tigt. Auff\u00e4llig ist schon das Taktma\u00df. Der ganze Song steht im 4\/4-Takt, es gibt keine Abweichung. Dies ist ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Kate Bush, die sonst sehr h\u00e4ufig Taktwechsel und kleinere Taktschwankungen liebt. Hier geht alles starr voran, die Musik erinnert so an ein tickendes, unabwendbar ablaufendes Uhrwerk. Die Protagonistin ist gefangen in etwas, aus dem es kein Entkommen gibt. Auch die Tonart ist f\u00fcr die Suite <em>The Ninth Wave<\/em> ungew\u00f6hnlich. Zwischen Liedern in cis-Moll und a-Moll findet sich hier etwas, was schwer zu identifizieren ist. Der Song ist mit 1b notiert, das k\u00f6nnte also ein F-Dur sein. Aber der F-Dur-Akkord kommt \u00fcberhaupt nicht vor. Wenn es F-Dur ist, dann fehlt der musikalische Boden unter den F\u00fc\u00dfen. K\u00f6nnte es d-Moll sein, die Paralleltonart, auch sie mit 1b notiert? Aber auch der d-Moll-Akkord kommt nicht vor. Der Song l\u00e4sst eine klare tonale Zuordnung auf den ersten Blick aus.<br>Viele Textzeilen beginnen allerdings auf einem F, dieser Ton ist der Startpunkt der Melodik, das bekr\u00e4ftigt dann doch F-Dur. Es gibt nur Dur-Akkorde in diesem Song, C-Dur-Akkord und B-Dur-Akkord wechseln sich die ganze Zeit \u00fcber ab. Das ist ein tonales Pendel, von Takt zu Takt wechselt der Grundakkord. Wieder werde ich an das tickende Uhrwerk erinnert, wir sind gefangen in einem ewigen Kreislauf. Diese beiden Akkorde best\u00e4tigen aber ein bisschen das F-Dur, denn der C-Dur-Akkord ist die Dominante von F-Dur, der B-Dur-Akkord die Subdominante. Allerdings fehlt die \u201eErl\u00f6sung\u201c durch die Tonika, den F-Dur-Akkord &#8211; <em>Watching You Without<\/em> Me beginnt mit C-Dur-Akkord und endet auch mit diesem. Durch ihre Dominanz lassen die beiden verwendeten Akkorde auch die Tonarten anklingen, f\u00fcr die sie selbst stehen. Es gibt nur positive, helle Dur-Akkorde im Song, sie bilden einen Gegensatz zum traurigen Text. Symbolisiert das die Hoffnung, das Klammern an die Hoffnung auf Rettung? Steht das f\u00fcr das Zuhause, die positive, helle, unber\u00fchrte Gegenwelt? Ich glaube, das genau das damit ausgedr\u00fcckt werden soll.<br>Die Deutung der Tonarten gem\u00e4\u00df Beckh [3] gibt uns noch weitere Einblicke und best\u00e4tigt meine erste Analyse. F-Dur ist nach Beckh die \u201eNaturtonart\u201c, sie ist \u201eder intime Grundton aller Naturger\u00e4usche\u201c. F-Dur ist \u201e\u00fcber das Irdische sich erhebend, zu h\u00f6heren Regionen empordr\u00e4ngend\u201c. Ich interpretiere dies als das Meer, als die Natur, die die Protagonistin umfangen h\u00e4lt. C-Dur ist das \u201eSichtbarwerden der Sonne, die sich schon in F-Dur, als der \u201eStunde vor Sonnenaufgang\u201c ank\u00fcndigt\u201c, B-Dur ist noch \u201enicht das Licht selbst, aber die Ahnung des Lichts, die Hoffnung des Lichtes, der Glaube an das Licht [\u2026]\u201c. Es ist also viel Hoffnung in den Tonarten, im Gegensatz zum Text. Die Musik sagt \u201eDu bist nicht verloren\u201c, sie sagt \u201eEs gibt ein Licht\u201c. Weist das tonartlich schon voraus auf das \u201eTiefer, tiefer, irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht\u201c aus <em>Hello Earth<\/em>? Aber die Tonarten sind nicht klar, im Hintergrund lauert das d-Moll. Beckh sagt dazu: \u201eEtwas mit Grab und Tod, mit dem Starren, Steinernen der Gruft [\u2026] hat die d-Moll-Tonart [\u2026] zu tun.\u201c Ja, die Protagonistin hat noch Hoffnung (die Dur-Akkorde), aber es gibt die todestarre Gegenwelt, mit der sie konfrontiert ist (d-Moll, der Text).<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm4-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"399\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm4-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7114\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm4-400.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm4-400-300x300.jpg 300w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/wywm4-400-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Watching You Without Me<\/em> ist ein permanent durch d-Moll bedrohtes F-Dur, dazu gibt es in der klassischen Musik eine interessante Parallele. Schuberts Lied \u201eDer Tod und das M\u00e4dchen\u201c ist nach Beckh \u201e[\u2026] eins jener Musikst\u00fccke, die in Wirklichkeit nicht auf eine, sondern auf zwei alternierende Tonarten abgestimmt sind: d-Moll, der starre, steinerne Tod, F-Dur, dessen m\u00e4dchenhafte Anmut hier bei Schubert besonders lieblich zur Geltung kommt, das M\u00e4dchen, das zuletzt dem Tod in die Arme sinkt.\u201c Das dem Lied zugrundeliegende Gedicht ist von Matthias Claudius. \u201eDas als Dialog gestaltete Gedicht stellt das M\u00e4dchen antithetisch dem Tod gegen\u00fcber, also die junge Frau dem alten (Knochen-)Mann. Ihrer Angst und Abwehr begegnet der Tod mit Beschwichtigung, Ruhe und Sanftheit. Er erf\u00e4hrt damit eine (Um-)Wertung ins Positive, wohingegen das M\u00e4dchen die allgemein verbreitete Angst vor dem Tod formuliert\u201c [16]. Das k\u00f6nnte f\u00fcr mich auch fast eine Beschreibung des Songs von Kate Bush sein. Die Protagonistin ist mit dem Tod konfrontiert. Ihrer Angst und Abwehr (Text, d-Moll) begegnet der Tod mit Beschwichtigung, Ruhe und Sanftheit (Dur-Akkorde). F\u00fcr Kate Bush hat das Lied auch mit Entfremdung zu tun [6], auch das passt. Der Text l\u00e4sst sich so interpretieren, das verschlingende Meer w\u00e4re ein Symbol f\u00fcr den Schock einer Trennung. Aber selbst in so einer Situation g\u00e4be es Hoffnung, das sagt die Musik. Alles an diesem Song ist ein Schweben zwischen mehreren (hypothetischen) Realit\u00e4ten\/Geschichten\/\u201eWelten\u201c, wie Theresa Gionoffrio es ausdr\u00fcckt [11]. Wir haben die \u00e4ngstliche, geliebte Familie, wir haben die verzweifelte Protagonistin, irgendwo im Hintergrund ist vielleicht die Rettungsmission unterwegs (der SOS-Code ist zu h\u00f6ren). \u201eThe song is a state of unknowing, between this world and the next\u201c [11].<br>Viel kann ich dem nicht mehr hinzuf\u00fcgen. Das Lied ist ein Ausdruck eines Zustands totaler Einsamkeit. \u201eJunebugAsiimwe\u201c fasst es auf Reddit [10] so zusammen: \u201eI love how atmospheric and spacious the production is on this song. It feels like its own separate world from the rest of the Ninth Wave. Like we&#8217;re in another realm for a moment. And the lyrics are rather haunting and beautiful. Kate&#8217;s a masterful songwriter and producer.\u201c Und Sam Liddicott meint: \u201eSuch a beautiful and image-heavy track that takes the breath!\u201c [14]. So ist es!  \u00a9\u00a0<strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] Graeme Thomson: Graeme Thomson: \u202aKate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S. 262 <br>[2] \u201c\u202aKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S. 167 <br>[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.149ff (F-Dur), S.155f (d-Moll), S.71 (C-Dur) und S.245 (B-Dur)<br>[4] Kate Bush: \u201eHounds Of Love Songs\u201c. Kate Bush Club. Ausgabe 18.<br>[5] Richard Skinner: \u201eClassic Albums interview: Hounds Of Love\u201c. Radio 1. 26.01.1992.<br>[6] Mike Nicholls: &#8222;The Girl Who Reached Wuthering Heights&#8220;. The London Times. 27.08.1985.<br>[7] Kris Needs: \u201eLassie\u201c. ZigZag 11\/1985.<br>[8] Doug Alan: Love-Hounds Interview. 11\/1985.<br>[9] <a href=\"https:\/\/genius.com\/Kate-bush-watching-you-without-me-lyrics\">https:\/\/genius.com\/Kate-bush-watching-you-without-me-lyrics<\/a> (gelesen 03.05.2024) <br>[10] <a href=\"https:\/\/www.reddit.com\/r\/katebush\/comments\/qer0dx\/watching_you_without_me_is_a_masterpiece\/?rdt=40351\">https:\/\/www.reddit.com\/r\/katebush\/comments\/qer0dx\/watching_you_without_me_is_a_masterpiece\/?rdt=40351<\/a> (gelesen 03.05.2024) <br>[11] <a href=\"https:\/\/songmeanings.com\/songs\/view\/54750\/\">https:\/\/songmeanings.com\/songs\/view\/54750\/<\/a> (gelesen 03.05.2024) <br>[12]\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.tumblr.com\/madolan\/96088668205\/watching-you-without-me\">https:\/\/www.tumblr.com\/madolan\/96088668205\/watching-you-without-me<\/a> (gelesen 03.05.2024) <br>[13] <a href=\"https:\/\/katebush.proboards.com\/thread\/1722\/watching-me\">https:\/\/katebush.proboards.com\/thread\/1722\/watching-me<\/a> (gelesen 03.05.2024) <br>[14] <a href=\"https:\/\/www.musicmusingsandsuch.com\/musicmusingsandsuch\/2021\/9\/1\/feature-the-magnificent-watching-you-without-me-kate-bushs-hounds-of-love-at-thirty-six\">https:\/\/www.musicmusingsandsuch.com\/musicmusingsandsuch\/2021\/9\/1\/feature-the-magnificent-watching-you-without-me-kate-bushs-hounds-of-love-at-thirty-six<\/a> (gelesen 03.05.2024) <br>[15] <a href=\"https:\/\/www.carookee.de\/forum\/Kate-Bush\/91\/Watching_You_Without_Me.13942691.0.01105.html\">https:\/\/www.carookee.de\/forum\/Kate-Bush\/91\/Watching_You_Without_Me.13942691.0.01105.html<\/a> (gelesen 04.05.2024) <br>[16] <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_und_das_M%C3%A4dchen_(Gedicht)\">https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Der_Tod_und_das_M%C3%A4dchen_(Gedicht)<\/a> (gelesen 09.08.2024) <br>[17] <a href=\"https:\/\/www.katebushencyclopedia.com\/watching-you-without-me\/\">https:\/\/www.katebushencyclopedia.com\/watching-you-without-me\/<\/a> (gelesen 09.08.2024) <br>[18] <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Nahtoderfahrung\">https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Nahtoderfahrung<\/a> (gelesen 09.08.2024)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Watching You Without Me haben wir einen der experimentellsten und interessantesten Songs von Kate Bush vor uns. Der Song ist ein abgrundtief trauriges, eher langsames St\u00fcck, das sich mit Einsamkeit, Verzweiflung und dem Versagen der Kommunikation besch\u00e4ftigt.Der Song beginnt mit einem fast wortlosen St\u00f6hnen von k\u00f6rperlosen Stimmen, die um Worte ringen. Wie aus geschlossenen &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/morningfog.de\/?p=7111\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[475,50,6,427],"class_list":["post-7111","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-abc","tag-achim","tag-the-ninth-wave","tag-watching-you-without-me","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7111","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7111"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7111\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7117,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7111\/revisions\/7117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}