{"id":6796,"date":"2023-02-08T22:26:22","date_gmt":"2023-02-08T21:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6796"},"modified":"2023-02-08T22:26:23","modified_gmt":"2023-02-08T21:26:23","slug":"das-song-abc-the-morning-fog","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=6796","title":{"rendered":"Das Song-ABC: The Morning Fog"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"95\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2606\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf01-640.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"478\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf01-640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6798\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf01-640.jpg 640w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf01-640-300x224.jpg 300w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf01-640-605x452.jpg 605w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eThe Morning Fog\u201c\u00a0 ist ein sehr spannender und vieldeutiger Song, obwohl er auf dem ersten Blick ganz eindeutig erscheint. Aber wir sind bei Kate Bush, so etwas sollte uns nicht \u00fcberraschen. Der Song beschlie\u00dft die zweite Seite des Albums \u201eHounds Of Love\u201c und damit die Suite \u201eThe Ninth Wave\u201c, die diese zweite H\u00e4lfte des Albums einnimmt. Um hinter das Geheimnis dieses Songs zu gehen, muss zuerst einmal gekl\u00e4rt werden, worum es in dieser Suite geht. \u201eThe Morning Fog\u201c ist der siebte und letzte Track dieser Suite, die eigentlich eine Art Mini-Konzeptalbum ist. Es geht um eine Frau, die nach einem Schiffsungl\u00fcck allein im Meer zu ertrinken droht. Kate Bush sagt klar, worum es geht: \u201eThe Ninth Wave was a film, that&#8217;s how I thought of it. It&#8217;s the idea of this person being in the water, how they&#8217;ve got there, we don&#8217;t know. But the idea is that they&#8217;ve been on a ship and they&#8217;ve been washed over the side so they&#8217;re alone in this water.\u201c [6] \u201eThe Morning Fog\u201c beendet diese Suite. Es sieht so aus, dass die Frau ihre Nahtoderfahrung \u00fcberlebt und wieder zu Bewusstsein kommt. Da sie dem Tod so nahe gekommen ist, verspricht sie, das Leben besser zu sch\u00e4tzen, ebenso wie diejenigen, die an ihrem Leben teilhaben. So der Text.<br>Das Lied hat unheimlich viel Atmosph\u00e4re, weil es die Aufl\u00f6sung und der H\u00f6hepunkt dieser unglaublichen Geschichte ist und nach so viel Dunkel einen helleren Ton anschl\u00e4gt. Auch die Biographen sehen das so. Graeme Thomson ist voller Begeisterung: \u201eSchlie\u00dflich k\u00fcndigt &#8218;The Morning Fog&#8216; den kommenden Morgen und eine Art emotionale Rettung an. Die Nebelschwaden sind eine geistige Macht, die \u00fcber die Wellen zieht und das M\u00e4dchen wieder ans Land geleitet, zur\u00fcck ins Leben, denn sie hat es \u00fcberstanden und ist erf\u00fcllt von ihrer wiederentdeckten Liebe\u201c [1, S.263]. F\u00fcr ihn ist es ein Song wie von warmen Sonnenlicht durchdrungen, \u201e[\u2026] der die Freude und Dankbarkeit eines Menschen ausdr\u00fcckt, der von einer weiten Reise zur\u00fcckkehrt &#8211; \u201eI kiss the ground\u201c &#8211; und der nun entschlossen ist, die wirklich wichtigen Dinge zu wertsch\u00e4tzen: das Leben, die Liebe, die Natur und die Musik. Man kann es als Botschaft an ihr eigenes Ich verstehen: Lass dieses Gl\u00fcck nicht vergehen, singe davon, feiere es\u201c [1, S. 273]. Die musikalische Gestaltung tr\u00e4gt f\u00fcr Graeme Thomson viel zu dieser Wirkung bei, insbesondere wird das Gitarrenspiel von John Williams hervorgehoben: \u201eJohn Williams spielte einen wunderbaren Gitarrenpart f\u00fcr \u201eThe Morning Fog\u201c ein &#8211; klare schimmernde T\u00f6ne wie Tautropfen, wie eine Knospe, die sich zur Bl\u00fcte \u00f6ffnet\u201c [1, S. 276]. Dem ist kaum etwas hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf04-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"375\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf04-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6799\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf04-400.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf04-400-300x281.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schauen wir auf den Text, so scheint alles diese helle und positive Botschaft eines Happy Ends zu untermauern. Der Morgen ist gekommen, die Heldin ist gerettet und an Land gebracht: \u201eI&#8217;m falling \/ And I&#8217;d love to hold you know \/ I&#8217;ll kiss the ground \/ I&#8217;ll tell my mother \/ I&#8217;ll tell my father \/ I&#8217;ll tell my loved one \/ I&#8217;ll tell my brothers \/ How much I love them\u201c [2]. Die Biographen lassen es dabei bewenden und wir k\u00f6nnten es uns leicht machen und mit einer weiteren Analyse aufh\u00f6ren. Aber ist der positive Schluss wirklich so eindeutig? Sam Liddicott zum Beispiel \u00e4u\u00dfert in einem sehr lesenswerten Essay [9] Zweifel. F\u00fcr ihn besteht Unklarheit dar\u00fcber, ob es sich um eine Rettung handelt, es sich um eine Vision der Frau handelt oder ob hier ihr Geist aus dem Jenseits spricht. Im Folgenden will ich versuchen, mich einer Kl\u00e4rung dieser Frage zu n\u00e4hern. Sicher ist, dass es keine Eindeutigkeit gibt. Der Text sagt nichts aus \u00fcber die Umst\u00e4nde dieser Rettung. Es k\u00f6nnte also sein, dass dies ein Wahn, eine Wunschvorstellung, eine Nahtoderfahrung ist. Die oben zitierten letzten Zeilen zeigen vielleicht eine Wunschvorstellung an. Die Protagonistin m\u00f6chte, dass diese Dinge geschehen. Sie m\u00f6chte ihren geliebten Personen sagen, wie sie sich f\u00fchlt.\u00a0Kate Bush spricht 1985 davon, dass dieser Song ein Song der Hoffnung und des Lichts ist: \u201eMorning Fog&#8220; is the symbol of light and hope. It&#8217;s the end of the side, and if you ever have any control over endings they should always, I feel, have some kind of light in there\u201c[7]. Das gibt keine Hinweise auf unsere Fragestellung, sie sagt nur, dass es ein positiver Schluss ist. Aber das Hin\u00fcbergehen in den Himmel ist ja auch eine positive Wendung bzw. kann es sein.<br>Im Jahr 1992 ist Kate Bush dann schon eindeutiger beim positiven Schluss und neigt der Rettungstheorie zu: \u201cWell, that&#8217;s really meant to be the rescue of the whole situation, where now suddenly out of all this darkness and weight comes light. You know, the weightiness is gone and here&#8217;s the morning, and it&#8217;s meant to feel very positive and bright and uplifting from the rest of dense, darkness of the previous track. And although it doesn&#8217;t say so, in my mind this was the song where they were rescued, where they get pulled out of the water. [\u2026] And it was also meant to be one of those kind of &#8222;thank you and goodnight&#8220; songs. You know, the little finale where everyone does a little dance and then the bow and then they leave the stage\u201c [6]. Aber ganz deutlich sagt sie, dass dies nicht im Text steht: \u201eAnd although it doesn&#8217;t say so, in my mind this was the song where they were rescued [\u2026]\u201c.<br>In den \u201eBefore the Dawn\u201c-Shows im Jahr 2014 gab es ein noch eindeutigeres Ende: Die hoffnungslose Situation l\u00f6st sich auf. Die Protagonistin wird lebend aus dem Wasser gezogen. Eine gl\u00fcckliche und triumphale Aufl\u00f6sung f\u00fcr das Publikum! Wieder k\u00f6nnten wir nun aufh\u00f6ren. Aber die Fragestellung ist f\u00fcr mich immer noch nicht befriedigend gekl\u00e4rt. Im Laufe der Zeit hat sich offenbar Kate Bush immer klarer daf\u00fcr entschieden, die Geschichte positiv mit einer Rettung enden zu lassen. Aber war dies im Moment der Komposition auch schon so eindeutig? Ist da nicht trotzdem immer noch diese zweite, dunklere Ebene? Und wird Kate Bush nicht VOR diesem Song in den Shows wie in einem Totenzug von der B\u00fchne getragen? Sam Liddicott [9] wirft in den Raum, dass Kate Bush als erste Zugabe in der Konzertreihe ausgerechnet \u201eAmong Angels\u201c brachte und dann \u201eCloudbusting\u201c. Spielt das auf die M\u00f6glichkeit an, dass die Heldin im \u00fcbertragenen Sinne unter Engeln ist und sich ganz am Ende in den Wolken befindet? Hier muss aber hinzugef\u00fcgt werden, dass diese Zugaben nicht direkt auf \u201eThe Morning Fog\u201c folgen.<br>Schaut man sich die Suite \u201eThe Ninth Wave\u201c insgesamt an, so wird die Stimmung im Laufe der Suite immer dunkler. Mir jedenfalls geht es so, dass ab \u201eWatching You Without Me\u201c alles offen f\u00fcr Interpretationen ist. Das Lied handelt von geliebten Menschen, die darauf warten, dass die Protagonistin nach Hause kommt, ohne zu wissen, wo sie ist. Die Protagonistin ist wie eine unsichtbare Pr\u00e4senz da, wie ein Geist. F\u00fcr mich kippt hier die Geschichte. Dies k\u00f6nnte der Punkt sein, an dem sie dem unerbittlichen Schrecken der Wellen zu erliegen beginnt.\u00a0 Es k\u00f6nnte sein, dass alles danach, also insbesondere \u201eHello Earth\u201c und \u201eThe Morning Fog\u201c, ein Todestraum ist, ein Beobachten aus dem Himmel heraus. Ist die Protagonistin am Ende von \u201eHello Earth\u201c in einer Art Himmel angekommen?<br>Das ist eine Frage, die sich anhand des Textes und der musikalischen Gestaltung vielleicht einfacher beantworten l\u00e4sst. Lassen sich hier textliche Indizien f\u00fcr das Hin\u00fcbergehen in eine andere Welt finden? Das Ende von \u201eHello Earth\u201c beginnt mit den Worten \u201eWhy did I go? \/ Why did I go?\u201c [2]. Die Protagonistin stellt sich die Frage, warum sie gehen muss. Das klingt nach einer Erkenntnis im Moment des Todes. Dann kommt diese ganz au\u00dferordentliche Passage mit dem deutschen Text: \u201eTiefer, tiefer \/ Irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht\u201c [2]. Ich nehme das w\u00f6rtlich: Die Protagonistin sinkt hinab in die Tiefe, auf ein geheimnisvolles Licht zu, das k\u00f6nnte das Ertrinken und das Hin\u00fcbergehen in eine andere Welt sein. Die letzten Worte sind \u201eGo to sleep little earth\u201c [2], ein Abschied von der Welt. Ohne Akkorde verd\u00e4mmert, erstirbt \u201eHello Earth\u201c auf einem hohen Cis, dem Kernton dieses Songs.<br>\u201eHello Earth\u201c spricht also von Text und musikalischer Gestaltung her f\u00fcr die These des \u00dcbergangs in ein Totenreich, in einen Himmel. Gibt es auch in \u201eThe Morning Fog\u201c daf\u00fcr Indizien? Unser Song beginnt dann richtig laut nach diesem ganz leisen, verl\u00f6schenden Ende von \u201eHello Earth\u201c. Es beginnt mit \u201eThe light \/ Begin to bleed \/ Begin to breathe \/ Begin to speak\u201c [2]. Fasst man dies mit dem Schlusstext von \u201eHello Earth\u201c zusammen, dann kann dies so gelesen werden, dass das Licht in der Tiefe erreicht wurde und dass dieses Licht wie eine \u00fcberirdische Erscheinung zu sprechen beginnt. Ist das eine Engelserscheinung am Tor zum Himmel? Und dann wird die Protagonistin laut dem Text wiedergeboren: \u201eI am falling \/ [\u2026] Being born again \/ Into the sweet morning fog\u201c [2]. Wer in die Tiefe hinabsinkt und dort ein sich auftuendes Licht sieht, der ertrinkt. Es gibt hier im Text nichts, das etwas anderes aussagt. Und woher f\u00e4llt sie? Auf den rettenden Strand kann sie ja aus dem Meer nicht gefallen sein. Hat sie eine \u00fcberirdische Macht aufgenommen und setzt sie nun in einem himmlischen Gefilde ab?<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf02-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"399\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf02-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6800\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf02-400.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf02-400-300x300.jpg 300w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/tmf02-400-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schauen wir nun zus\u00e4tzlich auf die verwendeten Symbole. Die \u201eMorgenr\u00f6te\u201c ist ein Symbol f\u00fcr Hoffnung, Neubeginn und reichhaltige Chancen zur Erf\u00fcllung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit [4]. Das passt zu Wiedergeburt jeder Art, also sowohl zum \u00dcbergang in den Himmel als auch zu einer Rettung. Das zweite Symbol ist f\u00fcr mich verr\u00e4terischer. Fragt sich eigentlich niemand, warum im Titel dieses Songs ausgerechnet der Nebel vorkommt? Warum kommt im Titel nichts mit \u201eRettung\u201c vor? Der Nebel bildete \u201ein vielen Mythologien einen Schleier \u00fcber den \u00dcbergang zum Jenseits\u201c [5]. Auch dies spricht f\u00fcr mich eher f\u00fcr die Himmels\u00fcbergangs-Theorie. Schauen wir jetzt einmal genauer auf die musikalische Gestaltung, da lassen sich weitere Indizien finden. \u201eThe Morning Fog\u201c ist in einem flotten 4\/4-Takt gehalten, es gibt nur Dur-Akkorde , die Tonart ist ein eindeutiges E-Dur [2]. Nach viel cis-Moll in \u201eHello Earth\u201c ist dies eine Art \u201eErl\u00f6sung\u201c in der Dur-Parallele E-Dur [2]. E-Dur ist aber eigentlich nur ein \u201eaufgehelltes\u201c cis-Moll, das ist kein grunds\u00e4tzlicher Wandel. Es ist nur eine Stimmungsnuance. Bei einer Rettung w\u00fcrde ich eine ganz andere Tonart erwarten, um dies klar und deutlich abzugrenzen. Aber das fehlt, es gibt nur mehr Licht. <br>Die Songstruktur ist einfach, es gibt zwei Takte zu Beginn, dann ein sich best\u00e4ndig wiederholendes Akkordschema [2]. Es ist eine konstante Abfolge der Akkorde E-Dur &#8211; A-Dur &#8211; H-Dur &#8211; A-Dur. Reines E-Dur ist das, Tonika &#8211; Subdominante &#8211; Dominante &#8211; Subdominante [2]. Volkmar Kramarz nennt diese Akkordfolge die \u201eDur-Formel\u201c [8], es ist eine Vereinfachung des Blues-Schemas [8]. \u201eDie Dur-Formel l\u00e4sst sich gut einsetzen bei Songs, die betont kompakt und \u00fcbersichtlich sind, die zum Mitsingen und Mitmachen einladen, die eine eing\u00e4ngige Hookline haben oder die Spa\u00df und Stimmung bringen sollen\u201c [8]. Es ist eine Akkordfolge, die Leben hereinbringt: \u201eSehr gut geeignet sind Songs mit diesem Muster daher \u00fcbrigens als Zugaben oder als Songs, die mal wieder richtig Schwung in den Laden bringen sollen.\u201c [8] Das entspricht genau den Intentionen von Kate Bush: \u201eAnd it was also meant to be one of those kind of &#8222;thank you and goodnight&#8220; songs. You know, the little finale where everyone does a little dance and then the bow and then they leave the stage\u201c [6]. Rettung oder Himmels\u00fcbergang, das passt zu beiden Deutungen.<br>Interessanter ist es mit den beiden Takten zu Beginn, vor dieser wiederkehrenden Akkordfolge. Im ersten Takt haben wir den H-Dur-Akkord, dazu die Melodiet\u00f6ne Fis &#8211; H (abw\u00e4rts) [2]. Im zweiten Takt haben wir den A-Dur-Akkord, dazu die Melodiet\u00f6ne E und H (abw\u00e4rts) [2]. Es ist sehr ungew\u00f6hnlich, dass ein Song nicht mit dem Kernakkord der Haupttonart, also dem E-Dur-Akkord, beginnt, der taucht erst im dritten Takt auf. Der zweite Takt ist in E-Dur (H ist die Dominante, A die Subdominante), aber der erste Takt kann als reines H-Dur (Fis ist die Dominante) interpretiert werden. Der Schlusstakt des Songs ist identisch mit dem Anfangstakt (reines H-Dur) [2], die Akkordfolge bricht auf H-Dur ab. Es fehlt ein Takt mit dem E-Dur-Akkord, um \u201eThe Morning Fog\u201c richtig in der Tonart abzuschlie\u00dfen. Das ist sehr ungew\u00f6hnlich, es ist ein offenes Ende. Anfang und Ende sind also lesbar so, als ob sie in einer anderen Tonart geschrieben worden w\u00e4ren, einer Tonart, die dazu noch st\u00e4ndig in der durchlaufenden Akkordfolge pr\u00e4sent ist. Schauen wir auf die Tonartenbedeutung gem\u00e4\u00df Beckh [3], so passt E-Dur perfekt zum Song. E-Dur ist \u201eHerzensw\u00e4rme, Herzensinnerlichkeit, Liebesw\u00e4rme\u201c. Es hat aber auch \u201e[\u2026] die Helligkeit einer ganz anderen Welt, einer Welt der Tr\u00e4ume, des Dichterischen, der h\u00f6heren Bilderschau, in der wir der gew\u00f6hnlichen Tageswelt g\u00e4nzlich entr\u00fcckt sind\u201c [3]. Das ist f\u00fcr beide Deutungen offen. <br>Bei H-Dur ist es aber spannender. Diese Tonart ist \u201enicht mehr ganz im Irdischen, enth\u00e4lt einen verkl\u00e4rten Nachglanz dieses Irdischen und damit zugleich die Vorahnung des Hin\u00fcbergehens\u201c [3]. Sie ist \u201eein \u00dcberirdisches oder nicht mehr im gew\u00f6hnlichen Sinne Nur-Irdisches, ein H\u00f6heres, das den Jammer des Irdischen wiederum verkl\u00e4rt und erl\u00f6st\u201c [3]. Kate Bush ist eine Meisterin der Tonarten, Beckh hat zu H-Dur eine ganz klare Meinung: \u201eUnd vollends von H-Dur wissen alle wahren, am Tonartenverst\u00e4ndnis teilhabenden Tondichter, da\u00df man diese ganz au\u00dferordentliche, so hoch \u00fcber dem Irdischen liegende Tonart eigentlich nur ganz selten, dann aber auch so, da\u00df sie etwas ganz bedeutsames ausdr\u00fcckt, verwendet\u201c [3]. Schaut man auf das (subtil versteckte) Gewicht, dass Kate Bush der Tonart H-Dur hier verleiht und schaut man auf diese Tonarten-Bedeutung, dann neigt sich f\u00fcr mich die Waagschale doch der Himmels\u00fcbergangs-Theorie zu. Aber das ist meine Interpretation.<br>Ich habe das Gef\u00fchl, dass Kate Bush den letzten Track offen lassen wollte. Es gibt keine wirkliche Best\u00e4tigung, dass die auf See gestrandete Frau gerettet wurde. Es gibt auch keinen direkten Hinweis darauf, dass sie gestorben ist oder einfach von allem getr\u00e4umt hat. Es lassen sich im Song Hinweise finden, die f\u00fcr den Tod und eine Auferstehung im Himmel sprechen &#8211; aber eindeutig ist es nicht. Kate Bush sagte im Interview von 1992 [6], dass es eine Rettung gibt, aber ich glaube, das war eher, um eine Antwort zu geben und den Menschen ein Gef\u00fchl der Aufmunterung zu geben.\u00a0<br>Das ist das unglaublich Faszinierende an \u201eThe Ninth Wave\u201c und damit auch an \u201eThe Morning Fog\u201c: Es gibt keine Wahrheit oder klare Antwort. Wie bei einigen gro\u00dfartigen Filmen bleibt ein Hauch von Mysterium. Man denkt, man hat alles verstanden, aber sicher sein kann man sich nicht. Das ist das Gro\u00dfartige an der Musik von Kate Bush: sie ist ein Mysterium. Und hier, bei \u201eThe Morning Fog\u201c, da sehen wir einen Ozean voller Geheimnis, voller Doppeldeutigkeit, ein wahres, nicht entschl\u00fcsselbares Mysterium. Ich liebe Kate Bush daf\u00fcr, dass sie uns so etwas zu F\u00fc\u00dfen legt. <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] Graeme Thomson: Kate Bush &#8211; Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013.<br>[2] \u201eKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S.120ff (The Morning Fog) und S.95ff (Hello Earth) <br>[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.263ff (E-Dur) und S.171ff (H-Dur) <br>[4] G\u00fcnther Harnisch: Herders gro\u00dfes Traumlexikon. Erftstadt 2007. Verlag HOHE Gmbh. S.233 <br>[5] Leonard Reiter: Symbole in M\u00e4rchen, Mythen und Therapie. Th\u00fcngersheim 2010. Vierte, erweiterte Auflage. Verlag Leonard Reiter. S.271 <br>[6] Richard Skinner: Classic Albums interview: Hounds Of Love. Radio 1 (UK), 26. 01.1992 <br>[7] \u201eHounds Of Love Songs\u201c. Kate Bush Club, Issue 18. 1985 <br>[8] Volkmar Kramarz: Die Popformeln. Die Harmoniemodelle der Hitproduzenten. Bonn 2006. Voggenreiter Verlag. S.117 <br>[9]\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.musicmusingsandsuch.com\/musicmusingsandsuch\/2022\/8\/27\/feature-kate-bushs-hounds-of-love-at-thirty-seven-the-ninth-wave-the-rescue\">https:\/\/www.musicmusingsandsuch.com\/musicmusingsandsuch\/2022\/8\/27\/feature-kate-bushs-hounds-of-love-at-thirty-seven-the-ninth-wave-the-rescue<\/a> (gelesen 15.01.2023)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eThe Morning Fog\u201c\u00a0 ist ein sehr spannender und vieldeutiger Song, obwohl er auf dem ersten Blick ganz eindeutig erscheint. Aber wir sind bei Kate Bush, so etwas sollte uns nicht \u00fcberraschen. 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