{"id":6305,"date":"2020-04-22T21:28:53","date_gmt":"2020-04-22T19:28:53","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6305"},"modified":"2020-04-22T21:36:51","modified_gmt":"2020-04-22T19:36:51","slug":"tonleitern-aus-glasscherben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=6305","title":{"rendered":"Tonleitern aus Glasscherben"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"480\" height=\"550\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/peter-vogel-kim-ryrie-fairlight-inventors.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6308\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/peter-vogel-kim-ryrie-fairlight-inventors.jpg 480w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/peter-vogel-kim-ryrie-fairlight-inventors-262x300.jpg 262w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>Von Stefan Franzen<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als \u201eBabooshka\u201c am Ende von Kate Bushs gleichnamigem Song ihre Verf\u00fchrungsk\u00fcnste erfolgreich an den Mann gebracht hat, m\u00fcndet die Musik in einen Haufen zerbrochenes Glas. Dieses Glas aber splittert nicht so einfach vor sich hin. Viele von uns, die im Sommer 1980 diesen Hit immer wieder im Radio h\u00f6rten, m\u00f6gen sich gefragt haben: Wie gelang es der exzentrischen Britin, die Scherben zu einer absteigenden Tonfolge zu sammeln? Die Antwort lautet \u201eFairlight Computer Musical Instrument\u201c, kurz Fairlight CMI. Der klobige Wunderkasten war eine der ersten Samplemaschinen, und mit Sicherheit diejenige, die vor 40 Jahren die Popmusik f\u00fcr immer ver\u00e4nderte.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Kate Bush: Babooshka\u201c<br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=6xckBwPdo1c\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">youtube<\/a><\/h6>\n\n\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/6xckBwPdo1c\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Patent geht auf zwei australische Nerds namens Peter Vogel und Kim Ryrie zur\u00fcck, die in den sp\u00e4ten Siebzigern einen Synthesizer namens Qasar M8 weiterentwickeln. Ihr Ziel ist es, die synthetischen Kl\u00e4nge in m\u00f6glichst naturgetreue Ger\u00e4usche zu verwandeln. Daf\u00fcr entwickeln sie einen Analog-Digital-Wandler, will hei\u00dfen: jeglicher Klang kann aufgenommen, auf der Festplatte des Computers abgespeichert, anschlie\u00dfend \u00fcber eine Keyboard-Tastatur wiedergegeben und zu musikalischem Material geformt werden. Bis dato waren alle Samples analog gewesen, etwa beim Mellotron, das die Beatles f\u00fcr \u201eStrawberry Fields Forever\u201c oder David Bowie f\u00fcr \u201eSpace Oddity\u201c nutzten. Dort kamen die aufgenommenen Sounds, etwa Fl\u00f6ten oder Streicher, noch von einer Tonbandschleife neben den Tasten. Vogel und Ryries erstes Sample ist ein Hund, der jetzt Tonleitern rauf und runter kl\u00e4ffen kann. Eine kleine Bibliothek von Kl\u00e4ngen liefern die beiden Aussies auf einer Floppy Disc gleich mit. Sie nennen ihre Erfindung \u201eFairlight\u201c, nach einem Luftkissenboot im Hafen von Sydney. Und sie machen sich auf, sie der Welt vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Peter Vogel demonstriert den Fairlight im australischen Fernsehen<br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iOlPCpSmhRM\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">youtube<\/a><\/h6>\n\n\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/iOlPCpSmhRM\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ersten Popmusiker, die sich f\u00fcr den Fairlight begeistern, sind Stevie Wonder und Peter Gabriel. Letzterer erwirbt auch prompt drei St\u00fcck, jeweils zum Preis eines Reihenhauses, und spannt das neuartige Instrument erstmals f\u00fcr die Produktion seines dritten Soloalbums ein. Ein Exemplar borgt sich der Filmmusiker Hans Zimmer von ihm aus. Ebenfalls Feuer und Flamme f\u00fcr den Fairlight: Kate Bush, sie lernt ihn bei Gabriel kennen, als sie Gastvocals f\u00fcr \u201eGames Without Frontiers\u201c und \u201eNo Self Control\u201c beisteuert. Als sie sich wenig sp\u00e4ter in den Londoner Abbey Road Studios zur Produktion von <em>Never For Ever<\/em> vergr\u00e4bt, l\u00e4sst sie wiederholt einen Fairlight ins Geb\u00e4ude tragen, um ihr Werk mit gesampelten T\u00fcren (\u201eAll We Ever Look For\u201c), Gewehrabz\u00fcgen (Army Dreamers\u201c) und Vokalfetzen (\u201eDelius\u201c) zu w\u00fcrzen \u2013 und dem ber\u00fchmten \u201eBabooshka\u201c-Glas, das zur Aufnahme aus der Studiokantine entwendet wird. Das K\u00fcchenpersonal, so hei\u00dft es, was not amused. \u201eWas mich am Fairlight fasziniert\u201c, sagt sie sp\u00e4ter, \u201eist die F\u00e4higkeit, sehr menschliche, tierische und gef\u00fchlvolle Sounds zu kreieren, die gar nicht nach einer Maschine klingen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Peter Gabriel erkl\u00e4rt den Fairlight in der South Bank Show, 1982 (ab 16\u201920\u201c)<br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=scmYG1Pv1_Q\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">youtube<\/a><\/h6>\n\n\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/scmYG1Pv1_Q\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kritiker haben den ungelenken und dumpfen Klang der Fairlight-Samples oft verh\u00f6hnt. Doch auf den Folgealben von Gabriel und Bush ver\u00e4ndert dieses neue Handwerkszeug den Prozess des Schreibens im Pop grundlegend: Die Songs kristallisieren sich jetzt durch Experimentieren im Studio heraus, wenig wird zuvor am Klavier festgelegt, stattdessen entstehen die St\u00fccke aus Mosaiken von Melodien und Rhythmen. Gabriel schleift Schnipsel aus obskuren Feldaufnahmen afrikanischer Musik ein (etwa \u00e4thiopische Fl\u00f6ten in \u201eSan Jacinto\u201c) und legt damit auch einen Grundstein f\u00fcr die Weltmusik. Noch extensiver wird der Fairlight auf Kate Bushs <em>The Dreaming<\/em> in fast jedem Track zum Gestaltungsprinzip: Am auff\u00e4lligsten sind sicherlich die Trompeten in \u201eSat In Your Lap\u201c, die unheimlich seufzenden Ch\u00f6re in \u201eAll The Love\u201c und der geschichtete Hausrat in \u201eGet Out of My House\u201c. Richtige Fairlight-Melodien gibt es auf den Single-B-Seiten \u201eLord Of The Reedy River\u201c und \u201eNe T\u2019Enfuis Pas\u201c. Und beim n\u00e4chsten Album, <em>Hounds Of Love<\/em> ist sie schlie\u00dflich soweit, dass die Fairlight-Sounds f\u00fcr einen richtigen Ohrwurm verantwortlich sind: das Thema von \u201eRunning Up That Hill\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Kate Bush: \u201eRunning Up That Hill\u201c<br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wp43OdtAAkM\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">youtube<\/a><\/h6>\n\n\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/wp43OdtAAkM\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4testens 1983 beginnt der Siegeszug des Fairlight durch einen erweiterten Musikerkreis: Tears For Fears (\u201eShout\u201c), Jan Hammer (\u201eMiami Vice Theme\u201c), Duran Duran (\u201eA View To A Kill\u201c), Frankie Goes To Hollywood (\u201eRelax\u201c), Yes (\u201eOwner Of A Lonely Heart\u201c) und U2s Produzent Brian Eno (der Mittelteil des Songs \u201eThe Unforgettable Fire\u201c) sind vernarrt in ihn, Herbie Hancock, der ihn f\u00fcr seinen Elektrofunk-Hit <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GHhD4PD75zY\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eRockit\u201c<\/a> verwendet, demonstriert den Kasten vor neugierigen Kindern in der Sesamstra\u00dfe. Kreativ nutzen ihn l\u00e4ngst nicht alle, viele beschr\u00e4nken sich auf die Verwendung der voreingestellten Sounds: Da ist etwa der omin\u00f6se <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8A1Aj1_EF9Y\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Orchesterakkord<\/a> aus Strawinskys \u201eFeuervogel\u201c, der in den 1980ern gef\u00fchlt von jedem dritten Popmusiker eingeblendet wird, oder da sind die schauerlich seufzenden Aaah- und Oooh-Chorimitationen der menschlichen Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ebenfalls gern genommene Sample der japanischen Bambusfl\u00f6te Shakuhachi (freistehend zu h\u00f6ren in Peter Gabriels \u201eSledgehammer\u201c-Intro) stammt dagegen aus der Datenbank des Fairlight-Konkurrenzkastens namens Emulator. Bis 1985 erlebt der Fairlight CMI drei Fertigungsserien, wird aber z\u00fcgig durch viel effektivere und soundtechnisch bessere Digitalrekorder abgel\u00f6st. Wenn man in alten Demonstrationsvideos die Tonkurven auf giftig gr\u00fcnem Monitor sieht und den Lichtstift, der die Sounds anw\u00e4hlt, dann hat das was vom nostalgischen Charme der Telekolleg-Schulstunden. Science Fiction aus einer fernen Vergangenheit. F\u00fcr jeden Hobbymusiker am heimischen PC ist Sampling heute l\u00e4ngst Alltag. Doch die Anf\u00e4nge lagen in jener schlichten Tonleiter aus Glas in \u201eBabooshka\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\">Herbie Hancock erkl\u00e4rt den Fairlight in der Sesamstra\u00dfe, 1983<br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=daLceM3qZmI\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">youtube<\/a><\/h6>\n\n\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/daLceM3qZmI\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u00a9 Stefan Franzen, in gek\u00fcrzter Form erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 22.04.2020<\/em>. <em>Zum Blog von Stefan geht es <a href=\"http:\/\/greenbeltofsound.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Stefan Franzen Als \u201eBabooshka\u201c am Ende von Kate Bushs gleichnamigem Song ihre Verf\u00fchrungsk\u00fcnste erfolgreich an den Mann gebracht hat, m\u00fcndet die Musik in einen Haufen zerbrochenes Glas. 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