{"id":6264,"date":"2020-03-06T09:08:03","date_gmt":"2020-03-06T08:08:03","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6264"},"modified":"2020-03-06T09:13:02","modified_gmt":"2020-03-06T08:13:02","slug":"kiss-a-crow-als-seelenerkundung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=6264","title":{"rendered":"Kiss a Crow als Seelenerkundung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"387\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/kissacrow03.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6265\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/kissacrow03.png 640w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/kissacrow03-300x181.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption>Foto: Bettina St\u00f6\u00df<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dieser ungew\u00f6hnliche und faszinierende Ballettabend zeigt drei Arbeiten, die kaum unterschiedlicher h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. Die Urauff\u00fchrungen \u201eRise\u201c des 30 Jahre alten Emrecan Tanis und \u201eKiss a Crow\u201c des 47 Jahre alten Marco Goecke wurden dabei erg\u00e4nzt durch \u201eConcertante\u201c, eine Arbeit des 87 Jahre alten Meisters Hans van Manen aus dem Jahr 1994. Der Abend demonstriert drei ganz unterschiedliche Arten, mit Musik und mit Tanz umzugehen. Musik dient in \u201eRise\u201c zur Unterstreichung dessen, was man ausdr\u00fccken will. In \u201eConcertante\u201c ist der Tanz das Spiegelbild der Musik. \u201eKiss a Crow\u201c setzt Musik als Mittel ein, um Emotionen aller Art aus den T\u00e4nzern herauszubringen. \u201eRise\u201c ist ein Tanztheater \u00fcber die Bildung von Machtstrukturen in Gruppen. Emrecan Tanis wurde &#8211; so in der Einf\u00fchrung erl\u00e4utert &#8211; durch eine Gruppe spielender Kinder in einem Einkaufszentrum inspiriert und die Art, wie sie ihre Hierarchien im Spiel kl\u00e4ren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn hebt sich zu einem t\u00fcrkischen Lied der\ngrinsende Anf\u00fchrer aus dem Orchestergraben, von oben senken sich Beine herab.\nSo beginnt das Spiel um die Macht. Tanis setzt das mit Videoprojektionen und\nLicht wie aus Computerspielen um, er spielt mit dem glei\u00dfenden Wei\u00df des\nNeonlichts. Zu wummernder Musik formt sich die Gruppe zu einem fast milit\u00e4risch\nanmutenden Tanz, bis sich der Anf\u00fchrer heraussch\u00e4lt. Eine wei\u00dfe Wand gleitet\nherein, bildet einen abgegrenzten Raum. Hier tanzt der Anf\u00fchrer mit drei\nweiteren Personen um die Macht, in komplexen Bewegungsabl\u00e4ufen. Sechs weitere\nT\u00e4nzer sind unter Scheinwerfern links abgestellt, sie geraten immer mehr in\nfast unkontrolliert wirkende Zuckungen. Aus der Wand fahren Treppenstufen\nheraus, der Anf\u00fchrer gleitet sie hinauf, verschwindet durch eine T\u00fcr. Die\nwummernden Elektronikkl\u00e4nge werden durch fast religi\u00f6s anmutende Musik aus\n\u201eKoyaanisqatsi\u201c von Philip Glass abgel\u00f6st. Der Anf\u00fchrer befreit die zuckenden\nund wimmernden Gestalten und leitet sie nach vorn, versucht sie zu beruhigen,\nes gelingt nicht. Machtmissbrauch hat seinen Preis. Rauch quillt aus seinem\nMantel hervor, mit den meisten T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzern versinkt er im\nOrchestergraben. Nur ein Paar tanzt in sich versunken zu einer Violinmelodie\nauf der B\u00fchne, bis die Musik und das Licht verd\u00e4mmert. Mich erinnerte dies manchmal an expressionistischen Tanz\nder Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, voll mit gro\u00dfen Gesten und\nTheatralik. Die Musik unterstreicht das, was ausgedr\u00fcckt werden soll. Man muss\nden gedachten Hintergrund \u00fcber Machtstrukturen nicht wissen, es wirkt auch so.\nDer Beifall f\u00fcr diese perfekt getanzte Fallstudie \u00fcber Macht war gro\u00df.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Hans van Manens \u201eConcertante\u201c nahm die Mitte des\nBallettabends ein, es bildete quasi das Adagio zwischen den zwei schnellen\nS\u00e4tzen. Zur klaren neoklassischen \u201ePetite Symphonie Concertante\u201c Frank Martins\ngab es eine ebenso klare, strenge und fast k\u00fchle Choreographie zu sehen. Musik\nund Tanz spiegelten sich ineinander, es waren zwei Seiten einer Einheit. Hans\nvan Manen stellt Paarbeziehungen in den Mittelpunkt. Von links und rechts\nkommen zwischen Vorh\u00e4ngen die T\u00e4nzerinnen in blau gestreiften Trikots und die\nT\u00e4nzer in gr\u00fcn gestreiften Trikots hervor auf die von einem blassblauen Licht\nerhellte B\u00fchne, formen sich zu Gruppen und Paaren. Immer neue Konstellationen\nfinden sich zu komplexen Bewegungsmustern zusammen. Paare umtanzen einander, die\nInteraktion ist voll von Anziehung und gleichzeitig auch latenter Aggression.\nDie typischen Mann-Frau-Muster des Tanzes sind aufgehoben, es sind Beziehungen\nauf Augenh\u00f6he. Zeit und Raum scheinen aufgehoben durch die k\u00fchlen,\nklaren Bilder. Es ist ein \u00e4sthetischer Genuss, den acht Personen auf der B\u00fchne\nbei ihrem Spiel zuzuschauen. Das war meisterlich, Tanz in Perfektion und in\nvoller Harmonie. Es gab auch f\u00fcr diesen Teil des Abends verdient viel\nBeifall.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu den ersten beiden Choreographien f\u00e4llt es mir sehr schwer, das faszinierende \u201eKiss a Crow\u201c zu beschreiben. Vielleicht so: Es ist kein Tanztheater mit Handlung, es ist auch kein reiner, klarer Tanz &#8211; es ist eine Seelenerkundung, eine Seelenerfahrung. Die Musik von Kate, Tanz und Innenleben lassen sich hier nicht mehr trennen. Die Musik zerrt Chim\u00e4ren, Monster und Gestalten hervor aus dem Inneren. Die Figuren auf der B\u00fchne sind Kr\u00e4hen, die Musik zwingt sie, Mensch zu werden. Marco Goecke wurde inspiriert von seinen Spazierg\u00e4ngen im hannoverschen Stadtwald Eilenriede, von den Kr\u00e4hen in den B\u00e4umen, die ihn und seinen Dackel Gustav beobachteten. Dieses Naturerlebnis zusammen mit dem, was in seiner Seele vorging, was ihn besch\u00e4ftigte und ber\u00fchrte, all das hat diese Choreographie hervorgebracht. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewegungssprache in den Choreographien von Marco\nGoecke hat einen hohen Wiedererkennungswert. Hier aber erscheint sie noch\nau\u00dfergew\u00f6hnlicher als sonst und der Grund ist die Musik. Marco Goecke ist mit\nKate Bush seit seiner Jugend verbunden und vielleicht passt wirklich keine\nandere Musik besser zu der Art von Tanz, die ihm vorschwebt. Es beginnt mit\n\u201eJig of Life\u201c, einem Song \u00fcber das am Leben bleiben wollen. Die Figuren in\nschwarzen Anz\u00fcgen mit weiten Hosen werden durch diesen wilden Tanz gleichsam\nauf die B\u00fchne gezwungen. Sie zittern und beben in abgehackten Bewegungen, mit\nruckartigen Zuckungen, mit Armen, die sich wie zusto\u00dfende Schn\u00e4bel bewegen oder\nwie verkrampfte Fl\u00fcgel. Es sind Kr\u00e4hen unter einem Zauber, der sie zwingt, ihre\nSeele zu offenbaren. Die K\u00f6rper scheinen unter einer unermesslichen Anspannung\nzu stehen, die Gesichter sind verzerrt, die M\u00fcnder sto\u00dfen Schreie aus. Der\nirische Tanz der Musik wird zu einer unheimlichen, be\u00e4ngstigenden Beschw\u00f6rung. Die B\u00fchne tr\u00e4gt zur unheimlichen Stimmung bei. Raucht\u00f6pfe\nverbreiten Nebel, ein Lichtkreis erhellt das Geschehen, wird mal gr\u00f6\u00dfer und mal\nkleiner, so als ob eine unirdische Wesenheit (die Ursache der Beschw\u00f6rung?)\nihren Fokus \u00e4ndert. Die B\u00fchne kann eine Lichtung im Wald sein, voll Nebel, aber\nauch im Glanz von Schnee. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/kissacrow400.png\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist kissacrow400.png\"\/><figcaption>Foto: Bettina St\u00f6\u00df<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Im Verlauf des St\u00fcckes verlieren die Figuren langsam immer mehr das Tierhafte, die Bewegungen werden menschlicher, bleiben aber genauso unheimlich, r\u00e4tselhaft und intensiv. Die verwendeten St\u00fccke von Kate Bush (\u201eSat in your Lap\u201c, \u201eAnd dream of Sheep\u201c, \u201eSnowflake\u201c, \u201eAmong Angels\u201c und \u201eGet out of my House\u201c) bringen immer neue Emotionen hervor. Die Bilder machen G\u00e4nsehaut, ich habe selten eine so emotionale Ausdeutung von Musik (und Wechselwirkung mit der Musik) gesehen. Das Au\u00dfergew\u00f6hnliche und Extravagante von Kate Bushs Musik gewinnt Gestalt in der Tanzsprache von Marco Goecke, Textzeilen spiegeln sich in Bewegungen und Konstellationen wieder, Tanz und Musik kommentieren einander. Es geht ans Herz, wenn zur Textzeile \u201eThe world is so loud. Keep falling. I&#8217;ll find you\u201c aus \u201eSnowflake\u201c sich Paare begegnen und sich fast steif und unbeholfen umarmen. Sie versuchen sich zu finden, aber es gelingt nicht. Sehnsucht und H\u00e4rte der Musik, Romantik und Aggressivit\u00e4t &#8211; alles findet auch Ausdruck im Tanz. \u201eAnd dream of Sheep\u201c zum Beispiel ist der Gesang einer Frau, die nach einem Schiffsungl\u00fcck im Meer treibt und darum k\u00e4mpft, nicht einzuschlafen. Die Eisesk\u00e4lte und Verlorenheit hinter dem Lied fand sich in jeder Bewegung auf der B\u00fchne wieder. Marco Goecke kennt Kate Bushs Songs ganz genau, es ist in jeder Minute sp\u00fcrbar. Diese Choreographie ist eine Herzensangelegenheit. Sie l\u00e4sst einen nicht los, wenn man sie anschaut. Sie ist unheimlich, sie ist bewegend, sie schmerzt. Nicht jeder wird das aushalten k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Beifall des \u00fcberraschend jungen Publikums fiel enthusiastisch aus. Die T\u00e4nzer wurden bejubelt und das Klatschen wollte fast nicht enden. Die Oper Hannover hat eine Compagnie, die die verschiedenen Herausforderungen dieses Abends mit Perfektion, Eleganz und ungeheurer Ausstrahlung fast m\u00fchelos meistert. Ein bewegender Abend!  <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser ungew\u00f6hnliche und faszinierende Ballettabend zeigt drei Arbeiten, die kaum unterschiedlicher h\u00e4tten sein k\u00f6nnen. 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