{"id":6134,"date":"2019-11-12T07:15:44","date_gmt":"2019-11-12T06:15:44","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6134"},"modified":"2019-11-11T22:28:45","modified_gmt":"2019-11-11T21:28:45","slug":"das-warten-auf-kate-bush","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=6134","title":{"rendered":"Das Warten auf Kate Bush"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"545\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/eg-warten640-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6143\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/eg-warten640-1.jpg 640w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/eg-warten640-1-300x255.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Der schwedische Schriftsteller und Philosoph Lars Gustafsson hat 1982 das Gedicht \u201eDie Stille der Welt vor Bach\u201c in einem gleichnamigen Buch ver\u00f6ffentlicht. &#8222;Darin setzt Gustafsson Bach ein, wie ich finde, unerh\u00f6rt beeindruckendes Denkmal; v\u00f6llig irrational, aber doch und vielleicht gerade deshalb so stark&#8220;, findet Eberhard Gill, dem das Gedicht k\u00fcrzlich quasi in die Hand gefallen ist. Und es hat ihn so beeindruckt, dass er es als Vorlage genutzt hat, eine Hymne auf Kate zu schreiben. Man muss ja nur &#8222;ac&#8220; durch &#8222;us&#8220; ersetzen, meint er scherzhaft. Es ist nat\u00fcrlich weit mehr.<\/p>\n\n\n<p class=\"fonts-plugin-block \" style=\"font-family: helvetica;font-size: 16px\"><em>Zun\u00e4chst einmal: Wie kamst Du auf die Idee, ein Gedicht zu schreiben, das sich eine Welt vorstellt, in der es noch keine Kate Bush-Lieder gab? Das ist doch eine merkw\u00fcrdige Vorstellung, denn ihre Lieder gibt es doch!<\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Lars_Gustafsson-400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Lars_Gustafsson-400.jpg\"\/><figcaption>Lars Gustafsson \/ <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Foto: Bengt Oberger (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Lars_Gustafsson_02.JPG\" target=\"_blank\">Foto: Bengt Oberger<\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Eberhard<\/strong>: Ja, da ist tats\u00e4chlich eine ungew\u00f6hnliche Vorstellung. Die Idee hatte ich, als ich den Titel des Gedichts \u201eDie Stille der Welt vor Bach\u201c von Lars Gustafsson h\u00f6rte. Ich kannte den Inhalt des Gedichts noch gar nicht, aber allein der Titel hat mich schon umgehauen. Eine unerh\u00f6rte Vorstellung, sich zu denken, dass die Welt vor Bach still gewesen sein soll. Das war sie sicher nicht! Deshalb ist Gustafssons These rational gesehen v\u00f6llig absurd. Aber um Ratio geht es hier nicht. Es geht ihm vielmehr um Emotionen und um den Versuch, seiner tiefen Verehrung f\u00fcr Bach einen ad\u00e4quaten Ausdruck zu geben. So irrational seine These ist, so setzt er doch Bach mit diesem Gedicht, vielleicht gerade wegen seiner Irrationalit\u00e4t, ein lyrisches Denkmal, das seine ganz pers\u00f6nliche Verehrung f\u00fcr Bach so gigantisch und absolut macht.\u00a0\u00a0 \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\"><em>Aber wie bist Du dann auf die Idee gekommen, dies auf Kate Bush anzuwenden? Zwischen beiden liegen doch Welten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eberhard<\/strong>: Das war eigentlich ganz einfach und naheliegend. Denn ich bin seit drei Jahren ein gl\u00fchender Verehrer des Werkes von Kate Bush. Was liegt da n\u00e4her als mich an einer Adaption des Gustafssonschen Gedichts zu versuchen? Ich muss doch blo\u00df \u201eac\u201c durch \u201eus\u201c vertauschen, oder?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\"><em>War es dann tats\u00e4chlich so einfach?<\/em><\/p>\n\n\n\n<\/p>\n<p><strong>Eberhard<\/strong>: Nein, das war es \u00fcberhaupt nicht. Die gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeit war, dass ich den Eindruck hatte, es ist mir selbst nicht glaubhaft, dass es vor Kate Bush noch eine Stille gegeben haben k\u00f6nnte. Vielleicht kann man das noch zu Bachs Zeiten sagen, aber nach allem, was uns die erste H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts gebracht hat mit seinen zwei Weltkriegen und dem f\u00fcrchterlichen Unrecht, das geschehen ist, kann ich nicht mehr glaubhaft von Stille reden. Deshalb habe ich die Stille durch das Warten ersetzt. Und beide Begriffe haben viel miteinander zu tun. Und Warten ist ja etwas, was die Kate Bush Fans \u00fcber die letzten vierzig Jahre lernen mussten: 12 Jahre zwischen \u201eThe red shoes\u201c und \u201eAerial\u201c und 35 Jahre zwischen ihren beiden Konzerten. Darin sind wir als Fans ge\u00fcbt und sehr geduldig, wenn es uns auch nicht leicht f\u00e4llt. Und ich fand es reizvoll, dieses Warten vorzuverlegen: auf Kates Geburt und schlie\u00dflich ihr erstes Album. Ich gebe zu, das hat fast etwas Messianisches, aber irgendeinen Ausdruck muss die Verehrung doch finden. Au\u00dferdem sind wir ja jetzt in der Adventszeit und Advent hei\u00dft ja nichts anderes als Warten auf die Ankunft, das Erscheinen. Deshalb passt das Gedicht f\u00fcr mich auch in diese Jahreszeit.<\/p>\n<p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\"><em>Das hat wirklich etwas Messianisches. Beim Thema Stille f\u00e4llt mir nat\u00fcrlich sofort die Textzeile \u201ethe world is so loud\u201c von ihrem j\u00fcngsten Album ein, also das Beklagen des Stimmengewirrs, der Nachrichtenflut und des Umstandes, dass man sich kaum noch auf Wesentliches besinnen kann &#8211; wie etwa auf eine simple Schneeflocke, die vom Himmel f\u00e4llt. Wir warten sehns\u00fcchtig auf die Zeit nach der Stille, Kate beschw\u00f6rt sie. Wie passt das f\u00fcr Dich zusammen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eberhard<\/strong>: F\u00fcr mich ist das kein Gegensatz. Stille erfahren, hei\u00dft nicht, dass man sich w\u00fcnscht taub zu sein. Du hast in Deiner Frage schon das entscheidende Stichwort gegeben, wenn Du vom Wesentlichen sprichst. Ich m\u00f6chte das Unwichtige vom Wichtigen trennen k\u00f6nnen und leider werde ich, und sicher viele andere auch, viel zu sehr von Unwichtigem \u00fcberflutet. Das geht weiter als allein die akustische Reizflut. Genauso wie die Stille auch mehr meint als nur die Lautlosigkeit. Stille h\u00e4ngt f\u00fcr mich mit Konzentration und Ruhe zusammen. Das Wesentliche mag f\u00fcr Kate sein, eine Schneeflocke zu beobachten und ihr Schmelzen in ihrer Hand zu sp\u00fcren. F\u00fcr mich hat es etwas Wesentliches, Kates Musik zu h\u00f6ren. Und damit meine ich nicht nur ihre vergangenen Alben, sondern ich m\u00f6chte h\u00f6ren, wo sie gerade als K\u00fcnstlerin steht: intellektuell, emotional, musikalisch. Deshalb hat die Stille, ihr Schweigen, wenn Du so willst, etwas, von dem ich hoffe, dass es bald mit der Ankunft von etwas Neuem zu Ende geht.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\"><em>Apropos Neu: Ist es das erste Mal, dass Du mit dem schwedischen Schriftsteller und Lyriker in Ber\u00fchrung gekommen bist?<\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/gustafsson-dtv300.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist gustafsson-dtv300.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Eberhard<\/strong>: Nein. Ich kenne seinen Roman \u201eDer Tod eines Bienenz\u00fcchters\u201c seit seinem Erscheinen in 1978. Da ging ich noch zur Schule. In dem Roman gibt es eine wunderbare kleine Science-Fiktion Geschichte \u201eAls Gott erwachte\u201c, die ebenso absurd ist wie \u201eDie Stille der Welt vor Bach\u201c. Die hat mich sehr beeindruckt und ich fand es mutig, so etwas Unvern\u00fcnftiges zu schreiben, das man eigentlich gar nicht bei Tageslicht vorzeigen darf. Umso mehr gespannt war ich als 1984, da studierte ich bereits in T\u00fcbingen, Lars Gustafsson zu einer Podiumsdiskussion im Audimax eingeladen war und jeder Teilnehmer etwas vorlas. Mir hat es dann beinahe die Sprache verschlagen, als ich h\u00f6rte, dass er begann, unter breitem Schmunzeln der Zuh\u00f6rer, mein Lieblingsst\u00fcck, die kleine Science-Fiktion Geschichte, vorzulesen. Ich erinnere mich noch an seinen schwedischen Akzent. Ein Gl\u00fccksmoment. Ich will keine k\u00fcnstlichen Br\u00fccken schlagen zwischen Lars Gustafsson und Kate Bush, aber von Gustafsson stammt der Spruch &#8222;Ich bin, kurz gesagt, eine fast uninteressante Person&#8220;. Kommt Dir das nicht bekannt vor?<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\"><em>Das erinnert tasts\u00e4chlich daran wie Kate ihr Werk von ihrer Person trennt, zum Beispiel wenn sie sagt: &#8222;I don&#8217;t feel that what I have to say personally is that interesting.&#8220;<\/em> <em>Noch eine Schlussfrage: Wie muss ich das \u201e\u2026wo der Ruf der Sirene Jahrtausende lang verstummt war\u201c in Deinem Gedicht verstehen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eberhard<\/strong>: Sirenen sind Teil der griechischen Mythologie. Es sind weibliche Fabelwesen, die durch ihren bet\u00f6renden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlocken, um sie zu t\u00f6ten. Odysseus hat auf seiner Irrfahrt seine Kameraden gebeten, ihn an den Segelmast zu binden und sie aufgefordert ihre Ohren mit Wachs zu verstopfen, um nicht durch den Gesang der Sirenen, wie viele Schiffe vor ihnen, Schiffbruch zu erleiden. Kate hat f\u00fcr mich etwas von einer Sirene: einen unbeschreiblich bet\u00f6renden Gesang, der f\u00fcr mich pers\u00f6nlich als Zuh\u00f6rer immer auch mit Gefahr verbunden ist. Und ich habe den Eindruck, dass sie die erste Sirene ist seit einer langen, langen Zeit. Keine hat seit der Zeit der alten Griechen so bet\u00f6rend gesungen. Da hast Du wieder das Unvern\u00fcnftige von Gustafsson. Aber f\u00fcr mich ist es wahr. Und was die Sirene und Kate betrifft, habe ich eine spannende Entdeckung gemacht. Ich hatte am Schluss meines Beitrags f\u00fcr Deinen Blog im Mai 2017 geschrieben \u201e\u2026Mir ergeht es genauso wie Odysseus, wenn ich Kate Bush h\u00f6re &#8211; <em>bindet mich fest<\/em> und lasst mich Qualen erleiden. Wenig, was sch\u00f6ner sein kann als das.\u201c Als ich dann dieses Jahr den Lyrics-Band von Kate \u201eHow to be invisible\u201c in H\u00e4nden hielt, habe ich kurz den Atem angehalten: denn da gibt es im Text zu \u201eHounds of Love\u201c eine einzige Zeile, die sie im Lied nicht singt, die sie aber jetzt dem Liedtext hinzugef\u00fcgt hat, und zwar <em>\u201etie me to the mast\u201c. <\/em>Also, wer wei\u00df, vielleicht liest Kate ab und zu Deinen Blog. Ist doch eine sch\u00f6ne Vorstellung, oder?<\/p>\n\n\n<p class=\"fonts-plugin-block \" style=\"font-family: calibri;font-weight: 700\"><br><em>Gerne h\u00e4tte ich zum Vergleich auch das Gedicht von Lars Gustafsson hier ver\u00f6ffentlicht; leider habe ich daf\u00fcr keine Erlaubnis vom Verlag erhalten. Es ist im Netz aber m\u00fchelos zu finden.<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der schwedische Schriftsteller und Philosoph Lars Gustafsson hat 1982 das Gedicht \u201eDie Stille der Welt vor Bach\u201c in einem gleichnamigen Buch ver\u00f6ffentlicht. &#8222;Darin setzt Gustafsson Bach ein, wie ich finde, unerh\u00f6rt beeindruckendes Denkmal; v\u00f6llig irrational, aber doch und vielleicht gerade deshalb so stark&#8220;, findet Eberhard Gill, dem das Gedicht k\u00fcrzlich quasi in die Hand gefallen &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/morningfog.de\/?p=6134\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[752,23,914],"class_list":["post-6134","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-eberhard-gill","tag-gedicht","tag-lars-gustafsson","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6134","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6134"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6134\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6163,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6134\/revisions\/6163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6134"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6134"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6134"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}