{"id":6098,"date":"2019-11-06T07:15:15","date_gmt":"2019-11-06T06:15:15","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6098"},"modified":"2019-11-06T07:19:11","modified_gmt":"2019-11-06T06:19:11","slug":"kaffeeklatsch-kate-bush-und-die-relativitaet-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=6098","title":{"rendered":"Kaffeeklatsch: Kate Bush und die Relativit\u00e4t der Zeit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Kate Bush und die Relativit\u00e4t der Zeit: Das lange Warten auf ein neues Kate Bush-Album kann manchmal richtig nerven. Zw\u00f6lf Jahre dauerte, es bis Aerial das Tageslicht erblickte und seit 50 Words for Snow sind auch schon wieder acht Jahre vergangen, ohne dass es irgendeinen noch so kleinen Hinweis darauf g\u00e4be, dass Kate an neuen Songs bastelt. Sind lange Alben-Pausen gerechtfertigt? W\u00e4re mehr und h\u00e4ufigerer Output besser? Oder ist es genau so richtig, wie es ist? Das ist das Thema im &#8222;Kaffeeklatsch&#8220; mit Beate Meiswinkel.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\">Wenn wir uns \u00fcber das Thema \u201eKate Bush und die Relativit\u00e4t der Zeit\u201c unterhalten, muss ich vielleicht als erstes gestehen, dass ich leicht gefrustet bin. Es ist Anfang November 2019 und es gibt acht Jahre nach <em>50 Words for Snow<\/em> kein einziges Anzeichen f\u00fcr ein neues Kate Bush-Album. Dabei hatte ich fest damit gerechnet, dass wir Ende September mit der Ank\u00fcndigung f\u00fcr ein neues Album im November \u00fcberrascht werden. Geht Dir dieses ewige Warten manchmal auch auf den Geist? <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/oneyear.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist oneyear.jpg\" width=\"400\" height=\"400\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Beate<\/strong>: Acht Jahre ist das schon her seit dem letzten Album? Die <em>Before the Dawn<\/em>-Konzerte waren auch schon 2014&#8230; time flies, m\u00f6chte man da einerseits sagen. Andererseits ist es tats\u00e4chlich immer wieder unglaublich, wie lange die Schaffenspausen dauern. Ich kann mich noch erinnern, wie lange mir die vier Jahre zwischen <em>Hounds of Love<\/em> und <em>The Sensual World<\/em> vorgekommen sind. Nie h\u00e4tte ich geglaubt, dass das mal noch ganz anders kommen sollte! Wenn man bedenkt, was andere K\u00fcnstler in diesen Jahren f\u00fcr einen Output haben und dazu noch touren &#8211; ich denke hier etwa an Tori Amos &#8211; k\u00f6nnte man manchmal f\u00fcrwahr verzweifeln. So ein irdisches Menschenleben ist ja nun bekanntlich endlich. Kunst wohnt andererseits eine gewisse Zeitlosigkeit inne, sofern sie nicht zeitgeist- oder trendorientiert ist. Was Kate betrifft, so scheint sie in ihrem Schaffensprozess irgendwie durch die \u201eLagen der Zeit\u201c zu schl\u00fcpfen oder ihr zu entfliehen&#8230; jedenfalls setzt sie sich keinem Druck aus. Das finde ich einerseits bewundernswert, andererseits bin ich manchmal auch ver\u00e4rgert, frustriert, wenn ich an \u201everlorene M\u00f6glichkeiten\u201c denke. Ich will mehr. Mehr Kate. Wie geht es Dir damit? Bei dem Gedanken \u201eWas k\u00f6nnte sie nicht alles machen &#8211; ver\u00f6ffentlichen &#8211; mit uns teilen\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Mir geht es bestimmt nicht anders als Dir: Ich muss mich da als Fan immer selbst einbremsen und mir klar machen, dass ich f\u00fcr jeden Song dankbar sein darf, aber keine Forderungen ableiten kann. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich mich gefreut, wenn es eine DVD zu den Konzerten gegeben h\u00e4tte. Nat\u00fcrlich bin ich nicht gl\u00fccklich dar\u00fcber, dass jetzt schon wieder acht Jahre ohne neue Musik von Kate verstrichen sind, obwohl sie 2011 in einem Interview zur Vorstellung von <em>50 Words for Snow <\/em>gesagt hat, dass sie schon Ideen f\u00fcr ein neues Album im Kopf hat. Aber will ich umgekehrt alle zwei Jahre ein neues Album, bei dem mir vielleicht die H\u00e4lfte der Songs gar nicht gefallen, weil man ihnen anh\u00f6rt, dass sie nicht dem Anspruch gerecht werden, den ich von Kate gewohnt bin?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beate<\/strong>: Stimmt, da geht es mir ganz genau so: wenn ich dar\u00fcber grummle, wie gerne ich mehr Musik von Kate m\u00f6chte und wie sehr ich mir die <em>Before the Dawn<\/em>-DVD w\u00fcnsche, versuche ich, mich daran zu erinnern, dass ein Teil der sch\u00f6pferischen Kraft ihrer Musik eben daraus resultiert, dass sie sich nicht verbiegen l\u00e4sst. Und eben nicht alle zwei Jahre ein Album raushaut. Was ich andererseits seltsam finde: F\u00fcr mich ist <em>50 Words for Snow<\/em> noch immer \u201edas neue Kate Bush Album\u201c. Es ist vermutlich das Album, das ich bisher am wenigsten geh\u00f6rt habe, und ich finde auch, es entfaltet sich am langsamsten. Mir geht es jedenfalls damit so.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt noch die Erkenntnis, dass sich das Warten lohnt. <em>Aerial <\/em>ist f\u00fcr mich ein Meisterwerk und besonders der <em>Sky<\/em>-Teil setzt bei mir bei jedem H\u00f6ren unglaublich viele Emotionen frei. Bei <em>50 Words for Snow<\/em> ist das nicht anders. Ich glaube sogar, dass es ihr perfektestes Album ist, weil sie sich auch musikalisch von allen Zw\u00e4ngen befreit. Bei <em>Aerial<\/em> hast du \u00fcberwiegend noch die klassischen Song-Strukturen, die erst zum Schluss aufgel\u00f6st werden. Du findest noch die radiotauglichen St\u00fccke im F\u00fcnf-Minuten-Format. Bei <em>50WfS<\/em> schmei\u00dft sie auch das \u00fcber Bord und er\u00f6ffnet der Musik Raum und Zeit. Wie \u00fcberhaupt ein Gro\u00dfteil der Musik von Kate vollkommen zeitlos wirkt. Bei anderen Musikern h\u00f6re ich, wann ein St\u00fcck entstanden ist, ob es beispielsweise in der 80ern oder 90ern war. Zeitlose Produktionen schaffen nur wenige K\u00fcnstler. Das mag vielleicht mit ein Grund sein, warum <em>50WfS<\/em> f\u00fcr Dich noch wie ein neues Album klingt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"410\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/love_and_anger_12-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6079\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/love_and_anger_12-400.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/love_and_anger_12-400-293x300.jpg 293w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Beate<\/strong>:  Teile von <em>50WfS<\/em> sind f\u00fcr mich schwer zug\u00e4nglich, und das mag  daran liegen, dass Kate hier tats\u00e4chlich Raum und Zeit \u00fcberfl\u00fcgelt. Ich  bin an sich ein sehr ruhiger Mensch, aber die bewusste Langsamkeit  mancher Momente dieses Albums hat mich stets gefordert. Dieses  unerwartet sp\u00e4te Einsetzen hier, das bewusste Innehalten da&#8230; wenn ich  es recht bedenke, hat es etwas Meditatives. Auch in der Meditation  bleibt man bewusst im Hier, im Jetzt. Das fordert dem menschlichen Geist  eine gewisse Konzentration ab. Bevor es m\u00fchelos werden kann. Auch die  Intimit\u00e4t von <em>50WfS<\/em> ist sehr gro\u00df und tief. Daf\u00fcr offen zu sein ist nicht immer leicht. Zeit ist schon eine merkw\u00fcrdige Sache. Obwohl jede Minute gleich lang ist, vergeht sie uns unterschiedlich schnell. <em>Living in the gap between past and future<\/em>, beschrieb Kate das mal in <em>Love and Anger<\/em>. Ich habe \u00f6fter schon an Kates Zeitempfinden gedacht. Das Thema besch\u00e4ftigt sie zweifellos auch, etwa in <em>Moments of Pleasure<\/em> (<em>the hills of time<\/em>), <em>Snowed in at Wheeler Street<\/em>, oder in <em>A Sea of Honey<\/em>.  Ein Liebespaar, das sich von Leben zu Leben immer wieder trifft und irgendwie verpasst. Ein Zeitbogen intensiven Erlebens im Sommer, wo die  Lebenszeit flie\u00dft wie fl\u00fcssiges Gl\u00fcck. Oder auch die Sache mit dem  schmelzenden Schneemann in <em>Misty<\/em>, diese zarte gnadenlose Verg\u00e4nglichkeit &#8230;Was f\u00e4llt Dir zum Thema Zeit ein, wenn Du an Kates Arbeit denkst? <\/p>\n\n\n\n<p>Dass sie nat\u00fcrlich bitte schneller arbeiten sollte. Oder: <em>Too-re-ay, too-re-o<\/em> aus <em>Not this time<\/em>. Aber im Ernst: Ich denke eher daran, wie zeitlos ihre Musik ist und dass sie eben auch keinem Zeitgeist hinterherrennt, sondern ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben folgt. Kates Musik ist immer Kate pur und unverf\u00e4lscht und oft auch irgendwie sehr intim. Wenn ich mich an die erste Zugabe im Konzert erinnere, wo Kate sich zuvor bei <em>Aerial<\/em> vollkommen verausgabt hat, dann kommt sie alleine auf die B\u00fchne zur\u00fcck, setzt sich ans Klavier und spielt diese herzergreifende Version von <em>Among Angels<\/em>. Und in der Halle, in der vorher der Applaus gar nicht enden wollte, k\u00f6nntest du eine Stecknadel fallen h\u00f6ren. Das ist einer der intimsten musikalischen Momente, die ich je erlebt habe und den sie mit uns geteilt hat, fast so, als ob es auch bei ihr zuhause h\u00e4tte stattfinden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beate<\/strong>: Das frage ich mich sowieso h\u00e4ufig: im Laufe der Zeit wird es Musik gegeben haben, die niemals jemand au\u00dferhalb von Kates Familie oder Freunden geh\u00f6rt haben wird. Als Musikerin wird sie in ihrem Alltag immer wieder diesen Ausdruck suchen. All diese uns verlorene Musik flie\u00dft in einer Art Lebensstrom dahin, und wir \u201ebekommen\u201c sie nicht. Die Kinder- oder Schlaflieder, die zarten Lovesongs, die witzigen, sarkastischen oder albernen Spielereien. Gesungene Gebete&#8230; Geburtstagsst\u00e4ndchen, Lieder, die sie am Grab eines geliebten Menschen dem Wind anvertraut, oder w\u00fctende, frustrierte, ver\u00e4rgerte Musik, um sich abzureagieren&#8230; In all den Jahren wird es viel davon gegeben haben. Und nicht f\u00fcr uns&#8230; Oder doch, denn bildet das Ungeh\u00f6rte nicht den Boden, auf dem solche unvergleichlichen Alben gewachsen sind?<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/28e4aa23a7ba6857700bfe9bbde65b6a.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 28e4aa23a7ba6857700bfe9bbde65b6a.jpg\" width=\"400\" height=\"282\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das setzt voraus, dass der Musiker immer Musiker ist. Der Komiker ist aber nicht immer der Komiker. Das Stichwort gesungene Gebete k\u00f6nnte mich aber in der Tat noch mal zu <em>Among Angels<\/em> f\u00fchren und auch der Song <em>Bertie<\/em> legt nahe, dass Du mit Deiner Vermutung nicht ganz unrecht hast. Und nat\u00fcrlich wird es zuhause am Klavier Melodiefolgen geben, die irgendwann, auch sehr viel sp\u00e4ter, in ein Lied m\u00fcnden, das wir kennen. Wenn wir die gefilterte Essenz eines Liedes kennen, w\u00e4re es in der Tat spannend, viel \u00f6fter die ungefilterten Gehversuche eines eigenst\u00e4ndigen Liedes zu h\u00f6ren. Da f\u00e4llt mir als erstes <em>Why Should I love you<\/em> ein, bevor Prince Hand angelegt hat. Letztlich landen wir aber auch da wieder bei unserem Thema der Relativit\u00e4t der Zeit mit Blick auf Kate. Wenn sie 2011 im Interview sagt, sie habe Ideen f\u00fcr ein neues Album im Kopf, sie dann stattdessen Konzerte gibt, ein Live-Album herausgibt, den kompletten Back-Katalog \u00fcberarbeitet und einen PopUp-Store er\u00f6ffnet, dann ist sie zwar alles andere als unproduktiv, aber in unseren Augen immer noch nicht produktiv genug. Und wenn wir ehrlich sind, ist das ausschlie\u00dflich unser Problem, weil wir immer von der Angst getrieben sind, dass der Schlusssong des j\u00fcngsten Albums auch ihr letzter gewesen sein k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beate<\/strong>: Es stimmt, es ist unser Wollen nach mehr, unser Sehnen und auch unsere Bef\u00fcrchtung, dass es keine neue Musik mehr geben k\u00f6nnte. Im Gegensatz zu vielen Bands oder Musikern, die wiederholt das letzte Album, die letzte Tour angek\u00fcndigt haben und dann doch ebenso wiederholt weitermachen, gibt es von Kate keine solchen Ank\u00fcndigungen. Die T\u00fcre ist offen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt zum Schluss die immer wieder\ngestellte Preisfrage: Neues Album 2020?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beate<\/strong>: Das bringt mich zur\u00fcck zu Deiner Aussage, ein Musiker sei nicht immer Musiker. Das ist wahr. Allerdings denke ich, dass ein K\u00fcnstler immer weitermachen will, ja muss. Hier handelt es sich um Berufung, nicht um einen Beruf. In der Dokumentation \u201eTea with the Dames\u201c werden die Schauspielerinnen Maggie Smith, Judi Dench, Joan Plowright und Eileen Atkins gefragt, ob sie denn je ans Aufh\u00f6ren denken w\u00fcrden. Alle vier verneinen dies, ungeachtet ihres stattlichen Alters. Ich denke, letztendlich wird auch Kate nicht davon lassen k\u00f6nnen, weiterzumachen. Neues Album 2020&#8230; das w\u00e4re wunderbar. Ich w\u00fcnsche es mir so sehr!<\/p>\n\n\n\n<p>Gut, ich hab\u2019s auf meiner Weihnachtswunschliste mit Auslieferung in 2020\nnotiert. Mal sehen, ob Kate uns erh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kate Bush und die Relativit\u00e4t der Zeit: Das lange Warten auf ein neues Kate Bush-Album kann manchmal richtig nerven. 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