{"id":5977,"date":"2019-07-26T08:39:12","date_gmt":"2019-07-26T06:39:12","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5977"},"modified":"2019-07-26T08:44:52","modified_gmt":"2019-07-26T06:44:52","slug":"das-song-abc-leave-it-open","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=5977","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Leave It Open"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"95\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2606\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"324\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/leaveitopen640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5981\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/leaveitopen640.jpg 640w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/leaveitopen640-300x152.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit dem Album \u201eThe Dreaming\u201c erreichte Kate Bush endlich die Freiheit, die sie f\u00fcr die Gestaltung ihrer Musik ben\u00f6tigte. Das Album ist von dem Entz\u00fccken dar\u00fcber gepr\u00e4gt, es ist eine Welt der Experimente. In den Songs ist die Freude \u00fcber die Freiheit zu sp\u00fcren. Es ist klar, dass so etwas \u00fcber die Grenzen dessen hinausgeht, was gemeinhin als Popsong gilt. \u201eLeave it open\u201c ist ein Paradebeispiel f\u00fcr so einen Song, der die&nbsp; Grenze zum Bereich des \u201eIst sie nun v\u00f6llig verr\u00fcckt geworden?\u201c verschoben hat. <br>Worum es geht, hat Kate Bush selbst in einem Artikel an ihre Fans im Kate Bush Club beschrieben ([1], meine \u00dcbersetzung): \u201eWie Tassen werden wir mit Gef\u00fchlen, Emotionen gef\u00fcllt und geleert &#8211; Gef\u00e4\u00dfe, die einatmen, ausatmen. In diesem Song geht es darum, zur richtigen Zeit offen und verschlossen f\u00fcr Reize zu sein. Oft haben wir einen geschlossenen Geist und einen offenen Mund, wenn wir vielleicht einen offenen Geist und einen geschlossenen Mund haben sollten.\u201c<br>Umgesetzt ist dies mit geradezu \u00fcberbordender Fantasie unter Nutzung vielf\u00e4ltiger Stilmittel. Mit einem pochenden, markanten Marsch-Rhythmus beginnt es &#8211; wie bei einer Pophymne von Genesis oder Queen. Aber dann setzt die Hauptstimme ein, sie klingt ganz verzerrt, fast unheimlich. Das ist nun kein Pop mehr, die Erwartungen werden sofort gebrochen. Ganz hohe Einw\u00fcrfe einer Stimme kommen dazu (\u201eBut now I&#8217;ve started learning how\u201c), es klingt wie von fern, mit Hall. Ist das die Stimme des lernenden Kindes? Mit \u201eHarm is in uns\u201c startet der Refrain. Diese Zeilen beginnen mit einem aufsteigenden Glissandi, der die Melodie (wenn man hier \u00fcberhaupt von Melodie sprechen kann) noch weiter verzerrt. Als vierte Stimme kommt im Refrain ein m\u00e4nnlicher Chor dazu: \u201eHarm is in us but power to arm\u201c. F\u00fcr meinen Geschmack kommt ein bisschen viel \u201eHarm is in us\u201c im zweiten Refrain vor. Der Schluss des zweiten Harm-Refrains geht in eine fast orgiastische Steigerung \u00fcber, die den Rhythmus der Pophymne des Beginns wieder aufnimmt. Die Eselsschreie aus \u201eGet out of my house\u201c mischen sich darunter, nun ist die Verr\u00fccktheit (weirdness) endg\u00fcltig im Song angekommen. Verzerrt erklingt das \u201eWe let the weirdness in\u201c, ganz zum Schluss im ruhigen Ausklang versinkt der Song in Passagen, die wie r\u00fcckw\u00e4rts gesungen klingen. Die erste Strophe endet mit \u201ekeep it shut\u201c &#8211; sie steht f\u00fcr die Verschlossenheit. Die zweite Strophe endet mit \u201eleave it open\u201c &#8211; sie steht f\u00fcr die Offenheit. Diese Offenheit gibt dem Song auch seinen Namen. Der Schwerpunkt ist damit klar, Offenheit sollte das Grundprinzip sein, aber es gibt eben auch Ausnahmen. <br>Kate Bush erl\u00e4utert in [1], wie sich der Song im Verlauf der Zeit ver\u00e4nderte. Es war die erste Demo, die aufgenommen wurde. Das Ziel war es, dem Song ein orientalisches Flair und eine unverwechselbare Stimmung zu verleihen, dabei wurden noch wenige Effekte benutzt. (Es w\u00e4re sehr interessant, einmal diese erste Demo zu h\u00f6ren!) Es wurde dann klar, dass jeder der einzelnen Gesangsteile einen individuellen Klang besitzen musste, da ja jeder einen individuellen Charakter darstellt. Die Vocals sollten klar unterscheidbar gemacht werden, insbesondere weil sie meist von einer Stimme &#8211; der von Kate Bush &#8211; gesungen wurden. Kate Bush fasst das in [1] dann n\u00fcchtern zusammen: \u201eTo help the separation we used the effects we had. When we mastered the track, a lot more electronic effects and different kinds of echoes were used, helping to place the vocals and give a greater sense of perspective.\u201c<br>Der Song ist bei allen Klangexperimenten doch ganz klassisch in einem strengen 4\/4-Takt gehalten (eben wie eine Pophymne), die Tonart ist ein g-Moll [2]. Es geht um Erfahrungen, um schmerzhafte Welterkenntnis. Folgerichtig ist damit gem\u00e4\u00df Beckh [3] die Verwendung von g-Moll, der seelisch-ernsten Tonart, die tragischen Schicksalsernst ebenso ausdr\u00fcckt wie Furcht und Bangen und manchmal eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Es ist die Mozart-Tonart f\u00fcr das Schmerzlich-Verkl\u00e4rte. \u201eAch ich f\u00fchl\u2018s, es ist verschwunden, ewig hin der Liebe Gl\u00fcck\u201c singt in dieser Tonart Pamina in der Zauberfl\u00f6te [3]. <br>Der Schluss des Songs enth\u00e4lt wirklich einen r\u00fcckw\u00e4rts gesungenen Text. Kate Bush fand es faszinierend, wie Menschen immer wieder versuchen, solche verborgenen Sp\u00e4\u00dfe zu entdecken, selbst wenn sie nicht vorhanden sind [4]. Hier aber ist so etwas vorhanden, wie Kate Bush selbst zugibt [4]: &#8222;I think there are only about three or four people who actually know what has been said there. I really like that, though&#8211;the idea of all these people sitting and listening over and over to the ending and wondering what&#8217;s being said. It&#8217;s lovely, like a game.&#8220; Offenbar war das nichts ganz Unerwartetes, wie Brian Bath, einer ihrer ersten Mitstreiter und Teil der ersten Band, dazu feststellte [5]: \u201eKate hat immer versucht, r\u00fcckw\u00e4rts singen zu k\u00f6nnen. [&#8230;] Ich glaube, das macht sie immer noch! Solche Sachen hat sie schon immer gern ausprobiert.\u201c<br>Ich kann beim besten Willen diesen R\u00fcckw\u00e4rtstext nicht identifizieren. Andere waren da offenbar besser, die Mehrheitsmeinung tendiert zu \u201ethey said they were buried here&#8220; [7]. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/leaveitopen-400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist leaveitopen-400.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eLeave it open\u201c ist ein gewagtes Experiment, das \u00fcber die Grenzen des Erwarteten geht. Man kann lange dar\u00fcber streiten, ob der Komponistin hier die Pferde doch zu heftig durchgegangen sind. Ron Moy [6] formuliert ein Fazit, dem ich mich anschlie\u00dfen kann (zitiert in meiner \u00dcbersetzung): \u201eDieses Zeug ist ziemlich beunruhigend &#8211; zweifellos mutig &#8211; aber das allein sollte nicht als Qualit\u00e4tsgarant angesehen werden.&nbsp; Andere experimentelle Tracks der K\u00fcnstlerin werden in Bezug auf die Gesamtalben besser funktionieren, insbesondere, wenn sie [&#8230;] in einen konzeptionelleren Rahmen passen, anstatt als Songs allein zu stehen.\u201c<br>Das ist ein Kritikpunkt, den ich zugestehe. Das Experiment steht hier f\u00fcr sich allein, ist nicht in den Kontext eines Konzepts eingebunden. Aber die Experimente machen f\u00fcr mich Sinn bei der Umsetzung des Themas. Es geht um das sich \u00d6ffnen und das sich Verschlie\u00dfen gegen die von au\u00dfen auf eine Person einprasselnden Einfl\u00fcsse. Wie geht eine Musikerin damit um? In \u201eLeave it open\u201c ist es zu sehen. Eigentlich m\u00f6chte die K\u00fcnstlerin eine Pophymne schreiben, aber eine Vielzahl von verzerrten Stimmen hindert sie daran. Merkw\u00fcrdige, unheimliche, geisterhafte Stimmen k\u00e4mpfen im Song um die \u00dcbermacht. Kann die K\u00fcnstlerin, kann der Song sich wehren? Ja, die Hymne triumphiert, aber \u201eWe let the weirdness in\u201c. Hymnen sind eben nicht die naive Natur der K\u00fcnstlerin, sie muss experimentieren, das Verr\u00fcckte und das Unheimliche zulassen. Und das gelingt in diesem Song exemplarisch. <br>Das Schlusswort m\u00f6chte ich Kate Bush selbst \u00fcberlassen, die an uns appelliert, offen an diesen Song (und an alle ihre Songs) heranzugehen [4]: &#8222;It means a lot to me if people are interpreting the music in the way that I originally wanted it to be done. But, I do feel that music is a bit like a painting, in that when you buy a painting, it&#8217;s because you like it. And what is important is your interpretation of what it means. That&#8217;s why it means so much to you. I think that applies to records as well.\u201c    <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em> <br><br>[1] Kate Bush: About the Dreaming. KBC Ausgabe 12. Oktober 1982.<br>[2] \u201eKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987.&nbsp; S.117f <br>[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999.&nbsp; S.248ff und S.255ff <br>[4] Interview mit John Reimers. Voc&#8217;l. 1983.  <br>[5] Graeme Thomson: Kate Bush &#8211; Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.61 <br>[6] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.30 <br>[7] <a href=\"https:\/\/www.carookee.de\/forum\/Kate-Bush\/77\/Leave_It_Open.8369640.0.01105.html\">https:\/\/www.carookee.de\/forum\/Kate-Bush\/77\/Leave_It_Open.8369640.0.01105.html<\/a> (gelesen 12.07.2019) <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Album \u201eThe Dreaming\u201c erreichte Kate Bush endlich die Freiheit, die sie f\u00fcr die Gestaltung ihrer Musik ben\u00f6tigte. Das Album ist von dem Entz\u00fccken dar\u00fcber gepr\u00e4gt, es ist eine Welt der Experimente. In den Songs ist die Freude \u00fcber die Freiheit zu sp\u00fcren. 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