{"id":5909,"date":"2019-05-27T22:35:57","date_gmt":"2019-05-27T20:35:57","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5909"},"modified":"2019-05-27T22:48:09","modified_gmt":"2019-05-27T20:48:09","slug":"das-song-abc-coffee-homeground","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=5909","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Coffee Homeground"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"95\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2606\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eCoffee Homeground\u201c vom Album \u201eLionheart\u201c &#8211; einer der wenigen Songs, die f\u00fcr das Album neu entstanden waren [1] &#8211; ist unter den Songs von Kate Bush eine Besonderheit. Ron Moy [2] sagt es vielleicht am treffendsten, indem er feststellt, dass dieser Song ein am\u00fcsantes Gothic-Flair besitzt und dass er mit fast allem im popul\u00e4ren Musikkanon der letzten hundert Jahre wenig zu tun hat. Ron Moy erg\u00e4nzt, dass dies seine Attraktivit\u00e4t stark erh\u00f6ht. Ich stimme zu. Andere Analytiker und H\u00f6rer waren eher verwirrt und konnten den Song nicht recht einordnen. Graeme Thomson sieht in ihm ein Mischung aus Krimi und Brecht-Parodie [1]. Rob Jovanovic meint, dass er von der Musik her die Begleitung f\u00fcr einen Jongleur oder Hochseilartisten im Zirkus sein k\u00f6nnte [3]. Paul Kerton nennt ihn einen fr\u00f6hlichen Energieausbruch und stellt Ankl\u00e4nge an Marlene Dietrich fest [4]. Ron Moy stimmt dem zu und vermeint die j\u00fcngere Schwester von Marlene Dietrich zu h\u00f6ren [2]. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/coffee01-400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist coffee01-400.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Worum geht es in diesem Song? \u201eCoffee Homeground\u201c ist aus der Sicht eines vermutlich paranoiden Mannes verfasst, der zu Besuch bei einer Frau ist, die er f\u00fcr eine Giftm\u00f6rderin h\u00e4lt. Er lehnt unter Vorw\u00e4nden alle m\u00f6glichen Getr\u00e4nke ab, weil er in ihnen Gift vermutet (Bitter Almond &#8211; Bittermandel, Belladonna &#8211; Tollkirsche, Hemlock &#8211; Schierling). Er fragt sich, wo die Klempner geblieben sind, die vor kurzem dort noch arbeiteten. Er f\u00fcrchtet abgeh\u00f6rt zu werden. In Bildern an der Wand meint er den in England ber\u00fcchtigten M\u00f6rder Crippen zu erkennen. Crippen ging in die Geschichte ein als erster Verbrecher, der dank Funktelegrafie gefasst wurde, als er \u00fcber den Atlantik in die USA entkommen wollte [12].<br>Kate Bush wurde zu diesem Song inspiriert durch einen etwas merkw\u00fcrdigen Taxifahrer, der offenbar unter Verfolgungswahn litt. \u201e[Coffee Homeground] was in fact inspired directly from a cab driver that I met who was in fact a bit nutty. And it&#8217;s just a song about someone who thinks they&#8217;re being poisoned by another person, they think that there&#8217;s Belladonna in their tea and that whenever they offer them something to eat, it&#8217;s got poison in it. And it&#8217;s just a humorous aspect of paranoia [&#8230;].\u201c [6]<br>Diese dunkle Geschichte von Paranoia, Mord, Gift und Intrige ist gestaltet wie eine Moritat, die in einem dunklen Hinterhof zu einer Drehorgel gespielt wird. Es gibt Passagen mit beinahe volkst\u00fcmlich anmutender Blasmusik, Kate imitiert sogar einen pseudo-bayerischen Akzent, es herrscht Rummelplatzatmosph\u00e4re [4]. Der Song nimmt damit den Theaterfaden der ersten Seite des Albums wieder auf [3]. Faszinierend ist, wie die einzelnen Rollen des Songs voneinander abgesetzt werden. Angerissene, verschliffene T\u00f6ne mit starkem deutschen Akzent in den Strophen, die Silben gleiten zwischen den T\u00f6nen &#8211; dies ist der m\u00e4nnliche, paranoide Protagonist. Diese \u00dcbernahme einer andersgeschlechtlichen Rolle in der Geschichte war damals f\u00fcr Kate Bushs Publikum noch ungewohnt. &#8222;It would have been very difficult to make people understand I was singing as a man in that scene. That&#8217;s a problem sometimes. A lot of people don&#8217;t realise I&#8217;m a little boy in &#8218;Peter Pan\u2019 and a male who a female is trying to poison in &#8218;Coffee Homeground&#8216;.&#8220; [9]<br>Der erste Teil des Chorus (\u201ePictures of Crippen \/ Lipstick-smeared. \/ Torn wallpaper. \/ Have the walls got ears here?\u201c) wird im Gegensatz dazu von einer hohen Stimme gesungen, ohne deutschen Akzent. Das ist offenbar die Giftmischerin. Im zweiten Teil des Chorus (\u201eWell, you won&#8217;t get me with your Belladonna&#8211;in the coffee \/ [&#8230;] with your hemlock \/ On the rocks.\u201c) kommt es zu einem Wechselsang zwischen den beiden Stimmen. Die giftigen Kredenzen (\u201ein the coffee\u201c, \u201ein a cup of tea\u201c, \u201ewith your hemlock\u201c) werden von der hohen Stimme der Giftmischerin gesungen. Da sie hier \u201eyour\u201c singt, scheint es sich nicht um eine reale Person zu handeln. Ist es vielleicht eine eingebildete Stimme im Kopf des Protagonisten? <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/ch1.png\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist ch1.png\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz zum Schluss sind dann einige deutsche Worte in die Coda eingebettet (\u201eWith your hemlock on the rocks. \/ Noch ein Glas, mein Liebchen? \/ With your hemlock on the rocks \/ Es schmeckt wunderbar! \/ With your hemlock on the rocks. \/ Und?&#8220; Dies findet sich leider nicht im Booklet, sondern nur in transkribierten Texten [5].&nbsp; Dies &#8211; obwohl die Perspektive der Giftmischerin &#8211; wird wieder von der tiefen Stimme gesungen. Wer singt eigentlich? Wie viele Personen sind es? Die Ebenen verschwimmen. F\u00fcr mich sind das keine realen Personen, sondern Stimmen im Kopf des Protagonisten, der irgendwo in einem kleinen Caf\u00e9 sitzt, der von einer Kellnerin seine Getr\u00e4nke serviert bekommt und den seine Paranoia \u00fcbermannt. Homeground, das ist der \u201ehome ground\u201c, der eigene Platz, das vertraute Gel\u00e4nde &#8211; aber es f\u00fchlt sich nicht sicher an. <br>Die Tonart des Songs ist ein Ges-Dur und damit mit f\u00fcnf b ganz weit weg von klaren, n\u00fcchternen Tonarten mit wenigen Vorzeichen [7]. Es gibt viele chromatische Abt\u00f6nungen, die es noch romantisch-m\u00e4rchenhafter machen. Insbesondere im Chorus (\u201ePictures of Crippen \/ Lipstick-smeared. \/ Torn wallpaper. \/ Have the walls got ears here?\u201c) ist die Chromatik extrem [7], was sehr viel zum Spannungsaufbau und zur paranoiden Atmosph\u00e4re beitr\u00e4gt. Ges-Dur ist nach Beckh [8] die Schwellentonart, der \u201e\u00dcbergang, der \u00fcber die Schwelle f\u00fchrt, die Wachen und Schlafen, Leben und Sterben, Tagesansicht und Nachtansicht der Welt, Sinnenwelt und geistige Welt voneinander trennt.\u201c Die Tonart spiegelt die Stimmung des Songs wieder, setzt sie um. <br>Der Song war einer derer, bei denen Text und Musik zugleich entstanden, wie Kate Bush in einem Interview sagte. &#8222;Well, Coffee Homeground would have been a song where the words and the music were coming together probably at exactly the same time. Actually, that&#8217;s the only song which I wrote when I visited America [&#8230;]. Which is quite interesting, as it&#8217;s not at all American&#8230;\u201c [11] Im gleichen Interview wies ihr Bruder Paddy auf Bertold Brecht als Inspiration hin. Bertolt Brecht war zwar kein Komponist, aber Librettist. Eine Verwandtschaft des Songs zur von Kurt Weill vertonten \u201eDreigroschenoper\u201c mit Liedern wie der \u201eMoritat von Mackie Messer\u201c ist auch zweifellos erkennbar [10]. Paddy Bush erl\u00e4uterte, dass dieses Brecht-Flair entstand, als Kate Bush die Idee mit dem deutschen Akzent hatte. \u201eAs a matter of fact, Coffee Homeground vibrantly mutated. When the very first demos of it were done, it had a decidedly different flavour. The Brechtian treatment didn&#8217;t appear until much later on, that only took shape when Kate got the idea of treating the song with a slightly German sort of flavour.&#8220; [11]<br>Je weiter der Aufnahmeprozess fortschritt, desto mehr verst\u00e4rkte sich dies noch gem\u00e4\u00df Paddy Bush. \u201eThe Brechtian feel is something that appeared only gradually, during the actual recording, and became more definite as time went on.&#8220; [11] All dies hat dazu gef\u00fchrt, dass \u201eCoffee Homeground\u201c ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher und origineller Song geworden ist. Er erinnert wunderbar an vergangene Zeiten der Zwanziger und an die Moritaten von Weill und Brecht. Perfekt wird dies insbesondere im Chorus mit zeitgen\u00f6ssisch anmutenden Vokallinien verkn\u00fcpft. Der Song bildet eine Br\u00fccke zwischen den Zeiten, er verbindet und verschmilzt die paranoiden Details der Geschichte zu einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen und liebevollen Einheit.   <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em> <br><br>[1] Graeme Thomson: Kate Bush &#8211; Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.142 und 153 <br>[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.22 <br>[3] Rob Jovanovic: Kate Bush. Die Biographie. H\u00f6fen. Koch International GmbH\/Hannibal. 2006. S.95 <br>[4] Paul Kerton: Kate Bush. Bergisch-Gladbach. Gustav L\u00fcbbe Verlag GmbH. 1981. S.91 <br>[5] <a href=\"https:\/\/www.songtexte.com\/songtext\/kate-bush\/coffee-homeground-7bd3fecc.html\">https:\/\/www.songtexte.com\/songtext\/kate-bush\/coffee-homeground-7bd3fecc.html<\/a> (gelesen 02.05.2019) <br>[6] Lionheart Promo Cassette. EMI Canada <br>[7] \u201eKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S.72f <br>[8] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.102 <br>[9] Phil Sutcliffe: \u201eLabushka\u201c. Sounds 30.08.1980 <br>[10] <a href=\"https:\/\/prlbr.de\/2017\/kate\/coffee-homeground\/\">https:\/\/prlbr.de\/2017\/kate\/coffee-homeground\/<\/a> (gelesen 15.05.2019) <br>[11] <a href=\"http:\/\/gaffa.org\/reaching\/i85_swa.html\">http:\/\/gaffa.org\/reaching\/i85_swa.html<\/a> (gelesen 15.05.2019) <br>[12] <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Hawley_Crippen\">https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Hawley_Crippen<\/a> (gelesen 04.05.2019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eCoffee Homeground\u201c vom Album \u201eLionheart\u201c &#8211; einer der wenigen Songs, die f\u00fcr das Album neu entstanden waren [1] &#8211; ist unter den Songs von Kate Bush eine Besonderheit. 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