{"id":4907,"date":"2017-10-03T09:45:43","date_gmt":"2017-10-03T07:45:43","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=4907"},"modified":"2017-10-03T09:47:12","modified_gmt":"2017-10-03T07:47:12","slug":"paddy-bush-und-die-musik-madagaskars-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=4907","title":{"rendered":"Paddy Bush und die Musik Madagaskars (Teil 2)"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4908\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=4908\" rel=\"attachment wp-att-4908\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4908\" class=\"wp-image-4908 size-full\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-03-620.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-03-620.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-03-620-300x191.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4908\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Forum Schlossplatz\/Nadine Schneider<\/p><\/div>\n<p>Auf der Leinwand erscheint ein Bild aus den Love &amp; Anger\u201c-Sessions: Dave Gilmour ist zu sehen, und er selbst an der Marovany. \u201eHier seht ihr eine andere Version von Paddy\u201c, meint er mit einer augenzwinkernden Anspielung auf seine physiognomische Ver\u00e4nderung. \u201eMein Vater hat beim Akkordeonspielen immer den Mund weit offen gehabt und im Rhythmus geatmet. Das sah wirklich ein wenig doof aus. Ich habe mir schon als Kind geschworen: Wenn ich mal Musiker werde, dann mache ich das nicht!\u201c Nun, Paddy hat auf dem Foto den Mund weit offen. Und dann erklingt \u201eLove &amp; Anger\u201c, das er stolz als das erste St\u00fcck aus der Geschichte der Popmusik ank\u00fcndigt, in dem ein traditionelles madagassisches Instrument verwendet wurde.<br \/>\nPaddys Marovany-Bau blieb nicht ohne Folgen. 1992 war ein schwieriges Jahr f\u00fcr die Bush-Familie, denn Mutter Hannah starb. \u201eKate und ich waren in tiefer Verzweiflung\u201c, erinnert er sich. \u201eIch hatte in Paris gerade eine CD mit dem Projekt Spondo um Hughes de Courson und Ivan Lantos gemacht. Sie riefen mich an, dass ich nochmals r\u00fcberkommen sollte, damit sie von mir ein Foto f\u00fcrs CD-Cover machen k\u00f6nnten. Ich str\u00e4ubte mich, denn ich war so verheult von der ganzen Trauer, dass ich nicht fotografiert werden wollte, aber sie bestanden drauf. Als ich dann da war, sagte der Toningenieur der Band zu mir: \u201aDu, da ist ein madagassischer Musiker, der im New Morning gespielt hat und der hat geh\u00f6rt, dass du eine Marovany nachgebaut hast. Er m\u00f6chte dich kennenlernen.\u201c<br \/>\nDieser Musiker war kein anderer als Justin Vali, der im Begriff war, einer der Stars der gerade bl\u00fchenden Weltmusikszene zu werden. Die beiden verstanden sich blendend, und Paddy nahm Justins aktuelle CD \u201eRambala\u201c mit nach England, wo er sie Kate vorspielte. \u201eWir waren beide immer noch im Zustand tiefer Verzweiflung und h\u00f6rten diese Musik, in der uns die Sph\u00e4re der Fr\u00f6hlichkeit wieder ber\u00fchrte. Die tiefe, ehrliche Fr\u00f6hlichkeit, die die Madagassen haben, nichts Aufgesetztes. Kate hat sich sofort in das St\u00fcck\u00a0 \u201aSoratra Masina\u2018 verliebt. Am Ende singt Justin einen Vers, der bedeutet: \u201aLass Fr\u00f6hlichkeit aus uns zu euch hin\u00fcberflie\u00dfen.\u2018 Kate war v\u00f6llig fixiert auf diese Phrase, sie liebte sie so sehr. Und sie sagte zu mir: \u201aPaddy, bring Justin hier her, ich will unbedingt mit ihm arbeiten.\u201c<\/p>\n<h4>Der Bugatti-Rennwagen des Zither-Gottes<\/h4>\n<div id=\"attachment_4909\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=4909\" rel=\"attachment wp-att-4909\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4909\" class=\"wp-image-4909 size-full\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-04-1.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-04-1.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-04-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/paddy-bush-04-1-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4909\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Forum Schlossplatz<\/p><\/div>\n<p>Der Rest ist Legende. Im Studio entstand \u201eEat The Music\u201c, eigens f\u00fcr Justin geschrieben, der nicht nur Valiha spielte, sondern schlie\u00dflich auch den Chorus sang. Paddy sch\u00e4tzt, dass sich die Auskopplung vier Millionen Mal verkauft hat, wohl wissend, dass nur einem Bruchteil der Leute der madagassische Hintergrund des Songs bewusst war. F\u00fcr Paddy war das der endg\u00fcltige Startschuss f\u00fcr ausf\u00fchrliche geographische und musikalische Exkursionen in die Seele Madagaskars. Um f\u00fcr die Valiha einen neuen Kontext zu kreieren, der sie in die Popmusik des Landes hineinbringen sollte, produzierte er mit Justin die Scheibe \u201eThe Sunshine Within\u201c. Ein St\u00fcck, auf dem alle existierenden Valiha-Varianten vorgestellt werden, gelangte zu Ber\u00fchmtheit im madagassischen Fernsehen, wurde f\u00fcr Werbeclips verwendet. \u00dcber eine Reise zu Justin Valis Familie und seinem kulturellen Umfeld auf dem Hochplateau drehte er 1994 mit dem Filmemacher Christian Passuello die Dokumentation \u201eRambala\u201c, die er in einem wunderbar singenden Franz\u00f6sisch moderiert (hier ein Ausschnitt: http:\/\/www.christianpassuello.com\/films\/rambaladm.html). Und zwei Jahre sp\u00e4ter begab er sich f\u00fcr die Doku \u201eLike A God When He Plays\u201c auf die Suche nach dem halbmythischen Marovany-Virtuosen Rakotozafy (diesen Film gibt es <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/109659546\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> komplett).<br \/>\n\u201eRakotozafy hat ein riesiges Instrument gebaut, es sieht aus wie ein Bugatti-Rennwagen. Er stammte aus einer Gegend, die in Madagaskar einen \u00e4hnlichen Ruf hat wie bei uns die Umgebung des Dracula-Schlosses. Als wir sagten, dass wir dahin gingen, hat man uns etwas ironisch viel Gl\u00fcck gew\u00fcnscht. Ich fragte: \u201aWarum?\u2018 Sie sagten: \u201aDort praktizieren sie Hexerei. Sie tun dir Sachen ins Essen und k\u00f6nnen dich verr\u00fcckt machen. Wenn ich du w\u00e4re, dann w\u00fcrde ich da nicht hingehen.\u2018 Dass Paddy sich mit seinem Team trotz der Warnungen in das Gebiet wagte, hat sich gelohnt. Die Doku ist eine bewegende Reise zum Grab seines Vorbilds. Rakotozafy starb schon in den 1970ern unter sehr traurigen Umst\u00e4nden. Sein Sohn brach auf der B\u00fchne zusammen und das hat den Musiker seelisch zerst\u00f6rt. Innerhalb weniger Wochen starb er an Herzversagen. Paddy kam gerade rechtzeitig zu einer Zeremonie, in der der Musiker in einem Famadihana geehrt wird. Dabei wird der Leichnam kurz dem Grab entnommen, damit die Lebenden Kontakt herstellen k\u00f6nnen und so neue Kraft und Inspiration von den Ahnen finden. Paddy sucht auf seine Weise den Kontakt auch in Aarau: Seine zweite Live-Einlage w\u00e4hrend des Vortrags ist dem \u201eZither-Gott\u201c gewidmet.<\/p>\n<h4>Die Theatertruppe des K\u00f6nigs<\/h4>\n<p>Und nun folgen Klangbeispiele Schlag auf Schlag \u2013\u00a0 man wird sich klar dar\u00fcber, welche F\u00fclle an Kl\u00e4ngen Madagaskars birgt. Viele der musikalischen Einblicke stammen aus der f\u00fcnfteiligen Radioserie \u201eWorld Routes\u201c, die Paddy vor einigen Jahren mit der Musikjournalistin Lucy Duran f\u00fcr die BBC erstellt hat, und die auf der Seite von <a href=\"http:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/b00pqg9h\/episodes\/player\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BBC Radio 3<\/a> immer noch komplett zu h\u00f6ren ist. Er stellt den gro\u00dfartigen Akkordeonvirtuosen Justin Ren\u00e9 vor. Ja, die Valiha werde durch die Gitarre und eben vor allem durch das durchsetzungsf\u00e4hige, laute Akkordeon bedroht und verdr\u00e4ngt, aber diesen ansteckenden, \u201eengelsgleichen\u201c Kl\u00e4ngen k\u00f6nne sich niemand entziehen. Das Akkordeon im Beispielst\u00fcck wird von einer Blechb\u00fcchsen-Rassel namens Kaiamba begleitet: \u201eIch bin durch die H\u00f6lle gegangen wegen dieses Rhythmus\u2018. Es gibt Babys, die diesen Rhythmus schon in der Wiege mit dem Fu\u00df schlagen. Du musst zu einem Kolben in einem Motor werden, wenn du das exakt spielen willst. Die rhythmische Exaktheit madagassischer Musiker ist unglaublich.\u201c<br \/>\nMein pers\u00f6nliches Lieblingsbeispiel aus Paddys Fundus ist der Hira Gasy: Das Genre entstand im 18. Jahrhundert und wurde vom damaligen K\u00f6nig pers\u00f6nlich ins Leben gerufen. \u201eSie waren Botschafter des K\u00f6nigs, sind auf dem Hochplateau herumgereist, um Verk\u00fcndigungen des Palastes zu Geh\u00f6r zu bringen. Heute reisen die verschiedenen Gruppen, die den Hira Gasy aus\u00fcben in allen Regionen Madagaskars herum und bekommen riesige Zuschauermengen.\u201c Monarchie gibt es auf Madagaskar nicht mehr, die Hira Gasy-Truppen kommentieren stattdessen mit bei\u00dfender Ironie den Alltag, \u00fcben etwa Kritik an der Kirche, die sich mit der Ahnenreligion nicht immer vertr\u00e4gt. \u201eLass nicht zu, dass deine Ahnen in D\u00fcngemittel f\u00fcr Kartoffeln umgewandelt werden\u201c, hei\u00dft es in dem St\u00fcck das wir h\u00f6ren: Schneidende, helle Stimmen, werden da von einem Ensemble begleitet, in rasender Pr\u00e4zision. Man kann sich die Massenwirkung dieser Musik sofort vorstellen.<\/p>\n<h4>Vier H\u00f6lzer und der Weckruf an den Waldgeist<\/h4>\n<p>Und Paddy f\u00fchrt weiter durch die madagassischen Musikwelten, weckt die Faszination f\u00fcr vier Frauen aus dem S\u00fcden, die aus nichts als vier Holzst\u00f6cken namens Atranatrana eine polyrhythmische F\u00fclle herausholen. Er macht bekannt mit dem Musiker Sambiasy aus der Kriegerkaste des Antandroy-Volkes im S\u00fcden, der eine Marovany aus drei verschiedenen H\u00f6lzern spielt und die Waldgeister herbeiruft. Sein pers\u00f6nliches Lieblingsst\u00fcck allerdings stammt von einem Zitherspieler namens Bekamby, den er mit dem BBC-Team w\u00e4hrend eines achtst\u00fcndigen Tromba-Rituals traf. Wie sich Melodie und komplexe Rhythmik ineinander verschlingen, das l\u00e4sst einen in der Tat nicht mehr los. \u201eSelbst wenn ich 100 Jahre \u00fcbe, das werde ich mir nie draufschaffen k\u00f6nnen. Ein Beispiel daf\u00fcr, wie man als H\u00f6rer Feuer fangen kann, wenn man eine Melodie h\u00f6rt.\u201c Es besteht kein Zweifel: Viele der Zuh\u00f6rer in Forum Schlossplatz haben Feuer gefangen nach den 90 Minuten. Und viele aus der \u201eGeneration Kate Bush\u201c, die vielleicht nur aus Neugier \u00fcber die prominente Schwester gekommen sein m\u00f6gen, haben einen lebendigen Einblick in eine andere Musikkultur bekommen, dank der ansteckenden, warmherzigen Art des Referenten. Zum Ende erklingt \u201eThe Red Shoes\u201c, ein St\u00fcck, das ja auch genau so zustande kam: weil sich da jemand von Paddy anstecken lie\u00df. \u00a9<strong> Stefan Franzen<\/strong><\/p>\n<p>Mit herzlichem Dank an Paddy Bush, Eva Keller und Nadine Schneider vom Forum Schlossplatz!<\/p>\n<p>&#8230;to be continued: Im Interview nach dem Vortrag erz\u00e4hlt Paddy unter anderem, wie Kate wirklich zum Klavier kam, er berichtet \u00fcber seine Experimente im Instrumentenbau, erkl\u00e4rt, warum er vom Zitherspiel auf die Fertigung von Glasperlen umstieg, was ihn an der \u201eBefore The Dawn\u201c-Show am meisten faszinierte \u2013 und er macht neugierig auf seine und Kates musikalische Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Leinwand erscheint ein Bild aus den Love &amp; Anger\u201c-Sessions: Dave Gilmour ist zu sehen, und er selbst an der Marovany. \u201eHier seht ihr eine andere Version von Paddy\u201c, meint er mit einer augenzwinkernden Anspielung auf seine physiognomische Ver\u00e4nderung. \u201eMein Vater hat beim Akkordeonspielen immer den Mund weit offen gehabt und im Rhythmus geatmet. &hellip; <\/p>\n<p><a class=\"more-link btn\" href=\"https:\/\/morningfog.de\/?p=4907\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[31],"tags":[776,102,445,406,787,775,778,295,486],"class_list":["post-4907","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-aarau","tag-bbc","tag-dave-gilmour","tag-eat-the-music","tag-hannah-bush","tag-justin-vali","tag-madagaskar","tag-paddy-bush","tag-stefan","item-wrap"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4907","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4907"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4907\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4910,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4907\/revisions\/4910"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4907"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4907"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/morningfog.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4907"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}