{"id":4479,"date":"2017-05-14T10:05:20","date_gmt":"2017-05-14T08:05:20","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=4479"},"modified":"2017-07-23T10:15:27","modified_gmt":"2017-07-23T08:15:27","slug":"diese-frau-ist-der-hammer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=4479","title":{"rendered":"&#8222;Diese Frau ist der Hammer!&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4483\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=4483\" rel=\"attachment wp-att-4483\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4483\" class=\"wp-image-4483 size-full\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gill-strangelove620.jpg\" alt=\"gill-strangelove620\" width=\"620\" height=\"438\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gill-strangelove620.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gill-strangelove620-300x212.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4483\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Eberhard Gill<\/p><\/div>\n<h3><strong>Mrs. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love Kate Bush<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Von Eberhard Gill<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin ein Sp\u00e4tz\u00fcnder. Jedenfalls, was Kate Bush angeht. Kate Bush? War das nicht die mit <em>Babooshka<\/em>? Diesem peinlichen Song, in dem eine zornige Frau mit schriller Stimme irgendein Glas zerdeppert? Nein, dazu darf man sich keinesfalls bekennen, das h\u00f6rt man allerh\u00f6chstens mal alleine im stillen K\u00e4mmerlein und ansonsten schm\u00fcckt man sich nach au\u00dfen mit dem Bekenntnis zu anspruchsvoller Musik. Unter dem Niveau von Keith Jarrett oder Olivier Messiaen geht gar nichts.<br \/>\nSo \u00e4hnlich ging es mir zun\u00e4chst, als ich, angeregt durch die Lekt\u00fcre des unglaublich guten Romans <em>Wuthering Heights<\/em> von Emily Bront\u00eb auf Kate Bush gesto\u00dfen bin. Nach \u00fcber 50 Jahren Musikh\u00f6rens von Klassischer Musik, Jazz und Rock. Vielleicht braucht man auch ein gewisses Alter, um sich von den anspruchsvollen, ambitionierten Gefilden traditioneller E-Musik freizuschwimmen, um die Chuzpe zu haben, sich in die Niederungen der Unterhaltungsmusik zu wagen. So jedenfalls fing bei mir alles an. Und ich sagte mir, jetzt besch\u00e4ftige ich mich mal mit dieser zweit- oder drittrangigen S\u00e4ngerin, die Kate Bush hei\u00dft, von der ich weder etwas wei\u00df, noch\u00a0 \u2013 au\u00dfer <em>Wuthering Heights<\/em> und <em>Babooshka<\/em> \u2013 Songs kenne. Vielleicht sollte ich hier sagen, dass, wenn ich von \u201e\u2026besch\u00e4ftigen mit\u2026\u201c rede, ich so ziemlich alles, was mir unter die Augen und Ohren kommt, zu Rate ziehe. Nach etwa einem Jahr mit intensivstem Lesen, Sehen und vor allem H\u00f6ren kann ich sagen, dass ich mich niemals in der Bewertung eines K\u00fcnstlers oder K\u00fcnstlerin so grandios geirrt habe wie bei Kate Bush. Diese Frau ist der Hammer!<br \/>\nAber der Weg zu dieser Erkenntnis dauerte doch einige Monate. Lange hielt ich mich im Umfeld von <em>Wuthering Heights<\/em> auf, sah die YouTube-Videos, die heutzutage irgendwie l\u00e4cherlich wirken k\u00f6nnen, und freute mich an den albernen Reflektionen, die dieser Song-Klassiker in einer Kate Bush-Fangemeinde ausl\u00f6sen kann, zum Beispiel der Versammlung von dreihundert rotgewandeten Kate Bush-Fans auf einer Wiese in England um, von der Theatergruppe Shambush! organisiert, gemeinsam die Choreografie von Kate Bushs <em>Wuthering Heights <\/em>aufzuf\u00fchren.<br \/>\nWann genau der \u00dcbergang vom mehr und mehr interessierten Zuh\u00f6rer zum im Tiefsten ergriffenen und ersch\u00fctterten H\u00f6rer der Musik Kate Bushs stattfand, kann ich nicht sagen. Vielleicht war es am ersten Advent, an dem ich mehrere Stunden lang das neu herausgekommene Video <em>And Dream of Sheep<\/em> immer und immer wieder angesehen habe und die Tr\u00e4nen nur so flossen. Es war jedenfalls ein Schock, wie ich ihn als H\u00f6rer von Musik noch nie erlebt hatte.<br \/>\nVielleicht sollte ich hier sagen, wie ich Musik h\u00f6re. Viele Menschen h\u00f6ren Musik als Hintergrund-Untermalung. Oft tue ich das auch. Meistens jedoch h\u00f6re ich der Musik genau zu, mache nichts nebenher und konzentriere mich. Und ich kann dies vielleicht vergleichen mit jemand, der an der K\u00fcste eines Meeres steht und auf das Wasser hinausschaut. Die meisten Menschen sehen dann wohl Schiffe mit ihren sch\u00f6nen Segeln oder bewundern die Majest\u00e4t der Kreuzfahrtschiffe. Ich komme mir dagegen viel eher wie ein Taucher vor, der nicht nur die Erscheinung oberhalb der Wasseroberfl\u00e4che wahrnimmt, sondern die dazugeh\u00f6rige Unterwasserwelt. In der Musik sehe ich dann tiefer und erkenne verborgene Sch\u00f6nheiten, die glitzernden Fischschw\u00e4rme, die bunten Farben eines Korallenriffs, aber auch die steil abfallenden Flanken von schroffen Felsw\u00e4nden, die grau ins Bodenlose versinken und bei mancher Musik, die dann schnell ihren Reiz verliert, sehe ich einen \u00f6den Meeresboden aus Sand, aus dem nur vereinzelt etwas Seegras sprie\u00dft. Und ich hatte schon Erlebnisse, bei denen ich so tief in Musik eindrang und versank, dass ich den Eindruck hatte, dass die Musik nicht mehr nur in mir war, sondern dass ich in der Musik war, ganz und gar verschwunden in ihr, mit einem K\u00f6rper, der nur noch H\u00fclle ist f\u00fcr die Hirnfunktionen, die beim H\u00f6ren aktiv sind. Wenn es mir gelang, so Musik zu h\u00f6ren, war es wie nach dem Erwachen aus einem Traum, wenn die Musik aufh\u00f6rte und ich wieder zu mir kam und langsam die Glieder reckte, um beruhigt zu sehen, dass ich tats\u00e4chlich auch einen K\u00f6rper habe.<br \/>\nZur\u00fcck zu Kate Bush. Um in dem Bild des Tauchers zu bleiben, ist mir beim H\u00f6ren von Kate Bush etwas passiert, was ich vorher noch nie erlebt hatte. Beim Schnorcheln in ihrer Unterwasser-Musikwelt reckte sich pl\u00f6tzlich eine Hand aus den Tiefen des Ozeans nach mir aus und versuchte mich zu packen. Ob die Hand mich nach unten ziehen wollte, wei\u00df ich nicht so recht, jedenfalls war es nicht meine Hand, sondern eine andere Hand, eine Hand, die mir die Musik entgegen streckte und die mich packte und zu ihrem Spielball machte. Das war be\u00e4ngstigend und ich hatte das Gef\u00fchl, ich verl\u00f6re die Kontrolle. Die einzige M\u00f6glichkeit, die ich sah, um mich von dieser Erlk\u00f6nig-Erfahrung zu befreien, war mir selbst einen Monat absoluter Abstinenz von jeglichem ihrer Lieder zu verordnen, was gl\u00fccklicherweise ganz gut funktioniert hat. Mit dieser be\u00e4ngstigenden und aufw\u00fchlenden Erfahrung kann ich sagen, dass Kate Bushs Musik die einzige ist, die ich kenne, die ich als (zumindest f\u00fcr mich) gef\u00e4hrlich bezeichnen w\u00fcrde.<br \/>\nMeine Erfahrung mit ihrer Musik ist, dass ihre Lieder entweder beim ersten H\u00f6ren direkt ins Herz treffen (bei mir zum Beispiel dem unglaublichen <em>Something Like a Song<\/em>, den sie mit ca. 15 Jahren geschrieben hat) oder beim wiederholten H\u00f6ren. Ich kann einen Beatles-Song 10 oder 20-mal h\u00f6ren und es passiert: NICHTS. Anders bei Kate Bush. Selbst bei Songs, die ich beim ersten H\u00f6ren als \u201emissgl\u00fcckt\u201c empfand (zum Beispiel <em>Sensual World<\/em>), l\u00e4uft es immer nach demselben Schema ab. H\u00f6r es einmal und du sagst: \u201eDas ging daneben\u201c. H\u00f6r es f\u00fcnfmal und du sagst: \u201eNaja\u201c. H\u00f6r es zehnmal und du sagst: \u201eDas hat schon was\u201c. H\u00f6r es zwanzigmal und du sagst: \u201eWow!\u201c. H\u00f6r es f\u00fcnfzigmal und du sagst: \u201eI\u2019d die for it!\u201c.<br \/>\nWarum das gerade bei Kate Bush so ist, versuche ich an anderer Stelle zu verstehen und zu erkl\u00e4ren. Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass meine Erfahrungen beim H\u00f6ren von Kate Bush nicht einzigartig sind, sondern auch von anderen geteilt werden. Auf der Internet-Seite von\u00a0 www.songmeaning.com findet sich zum Lied <em>In the Warm Room<\/em> ein Kommentar des Pseudonyms Theresa Gionoffrio, das Kate Bush mit einer Sirene aus der griechischen Mythologie vergleicht, in diesem Fall also einer englischen Sirene. Odysseus hat auf seiner Irrfahrt seine Kameraden gebeten, ihn an den Segelmast zu binden und sie aufgefordert ihre Ohren mit Wachs zu verstopfen, um nicht durch den Gesang der Sirenen, wie viele Schiffe vor ihnen, Schiffbruch zu erleiden. Genauso ergeht es mir, wenn ich Kate Bush h\u00f6re &#8211; bindet mich fest und lasst mich Qualen erleiden. Wenig, was sch\u00f6ner sein kann als das.<\/p>\n<p><em>Eberhard Gill ist Professor f\u00fcr Raumfahrtsysteme und lehrt an der Technischen Universit\u00e4t Delft, Niederlande. Zuvor war er unter anderem am Deutschen Zentrum f\u00fcr Luft- und Raumfahrt (DLR) t\u00e4tig. Neben zahlreichen Fachpublikationen setzt er sich immer wieder mit theologischen, k\u00fcnstlerischen, geschichtlichen und literarischen Themen auseinander. In diesem Beitrag, den morningfog.de mit freundlicher Genehmigung von Herrn Gill ver\u00f6ffentlichen darf, beschreibt er, wie er seine Liebe zur Musik von Kate Bush entdeckt hat. Auf seiner <a href=\"http:\/\/www.gills-web.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Internetseite<\/a> gibt es einen weiteren, ausf\u00fchrlicheren Text (This Woman&#8217;s Work &#8211; Nachdenken \u00fcber Kate Bush), in dem er unter anderem der Frage nachgeht, &#8222;ob jemand, der von sich sagt, dass er pers\u00f6nlich nichts Interessantes zu sagen hat, ein interessantes Werk erschaffen&#8220; kann und warum die Musik von Kate in der Lage ist, so ungeheure Emotionen zu wecken. Der Text ist nur zu empfehlen!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mrs. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love Kate Bush Von Eberhard Gill Ich bin ein Sp\u00e4tz\u00fcnder. Jedenfalls, was Kate Bush angeht. Kate Bush? War das nicht die mit Babooshka? Diesem peinlichen Song, in dem eine zornige Frau mit schriller Stimme irgendein Glas zerdeppert? 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