{"id":3852,"date":"2016-05-02T07:20:17","date_gmt":"2016-05-02T05:20:17","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=3852"},"modified":"2017-07-23T12:36:09","modified_gmt":"2017-07-23T10:36:09","slug":"das-song-abc-why-should-i-love-you","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=3852","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Why Should I Love You?"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Songs, deren Entstehungsgeschichte nebst der Anekdoten, die sich um sie ranken, ein Traum f\u00fcr Analysten sind. Solch ein Song ist \u201eWhy Should I Love You?\u201c. Einer der auff\u00e4lligsten Momente auf dem Werk <em>The Red Shoes<\/em> &#8211; nicht zuletzt deshalb, da es sich hier um ein Teamwork zweier Alphatiere der Popmusik handelt. Und dies zu einem Zeitpunkt, in dem sie &#8211; Daisy Jones von VICE weist darauf hin<sup>1 <\/sup>&#8211; in v\u00f6llig unterschiedlichen Lebensphasen steckten: Kate noch unter dem Eindruck des Todes ihres Gitarristen Alan Murphy, sowie der sich langsam abzeichnenden Trennung von Del Palmer, Prince in \u00fcberschw\u00e4nglicher Laune, nachdem er sich von der dunklen Phase des <em>Black Album<\/em> spirituell befreit hatte. Ob \u00fcber Kates transatlantisches T\u00eate-\u00e0-t\u00eate mit Prince nach dem fr\u00fchen Tod des Querkopfs aus Minnesota noch ein paar Details mehr ans Licht kommen? Wir wissen ja schon eine Menge.<br \/>\nAus direkter Quelle gibt es Infos dar\u00fcber, wie es \u00fcberhaupt zum Teamwork kam, denn Del Palmer selbst hat die Geschichte 1993 im Homeground-Fanzine<sup>2<\/sup> zu <em>The Red Shoes<\/em> erz\u00e4hlt. Kate besuchte 1990 ein Prince-Konzert der \u201eNude Tour\u201c in der Wembley-Arena \u2013 nicht ganz uneigenn\u00fctzig, denn sie wollte abchecken, ob das Stadion auch f\u00fcr eines ihrer eigenen Konzerte taugen w\u00fcrde (!). Kurz vor Beginn des Konzerts \u00fcberreichte ihr ein Bote des Prinzen einen Notizzettel, auf dem sich der Amerikaner als Fan zu erkennen gab. Die so Verehrte fing &#8211; kreatives &#8211; Feuer und versuchte Prince backstage abzupassen, aber seine Majest\u00e4t war schon entwischt. Die Zusage f\u00fcr eine Zusammenarbeit gab es aber kurz darauf per Telefon.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/wsily400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3853\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/wsily400.jpg\" alt=\"wsily400\" width=\"400\" height=\"459\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/wsily400.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/wsily400-261x300.jpg 261w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Um die verschachtelte Genese des Songs nachvollziehen, betreten wir jetzt zun\u00e4chst Kates Studio. Es ist ein Gl\u00fccksfall, dass das Rohmaterial f\u00fcr den Song vor einiger Zeit geleakt wurde, und so wissen wir, welche Kl\u00e4nge Kate gen Paisley Park schickte<sup>3<\/sup>. Die fast siebenmin\u00fctige Prima Materia unterscheidet sich ganz wesentlich vom Song der CD-Version: Nicht nur die Textstruktur ist noch eine ganz andere, es gibt auch einen Chorus, f\u00fcr den der rhythmische Unterbau wechselt und der sich dadurch hymnisch abhebt. Die Refraingestalt der CD-Fassung erklingt hier nur fl\u00fcchtig von 5\u201828\u201c-5\u201843\u201c, wird aber f\u00fcr unsere Geschichte wesentlich werden. Wollte Kate Prince eine Spielwiese zum Austoben bieten? Oder ist das die Songl\u00e4nge, wie sie sie urspr\u00fcnglich zu ver\u00f6ffentlichen gedachte? Glaube ich nicht, aufgrund der vielen Wiederholungen. Was sie sich von Prince w\u00fcnschte, dar\u00fcber gibt es wiederum verschiedene Aussagen: Sie selbst \u00e4u\u00dferte lediglich, sie h\u00e4tte an Gitarrenspuren gedacht.<sup>4<\/sup> Paul Sinclair dagegen vermutet, sie h\u00e4tte vorgesehen, dass er \u00fcber den Textabschnitt \u201eThe fine purple&#8230;\u201c Vocals legen solle.<sup>5\u00a0 <\/sup><br \/>\nDel Palmer im \u201eHomeground\u201c wiederum ist es zu verdanken, dass wir \u00fcber die weiteren Ereignisse des kreativen Austauschs Kenntnis haben: Vom anf\u00e4nglichen Entsetzen dar\u00fcber, dass zun\u00e4chst nur das unber\u00fchrte Demoband aus Paisley Park zur\u00fcckkam, bis zum Enthusiasmus \u00fcber das sp\u00e4ter eintreffende Paket mit Princes kreativen Fr\u00fcchten. Die \u201eFine Purple\u201c-Passage lie\u00df er unber\u00fchrt. Vielleicht, weil ihm das in Hinsicht auf die Textn\u00e4he seines eigenen Hits \u201ePurple Rain\u201c zu offensichtlich gewesen w\u00e4re? Herausgepickt hat er sich offensichtlich nur den oben erw\u00e4hnten Schnipsel der Demoversion ab 5\u201828\u201c, und ihn mit Spuren aus Vocals, Keyboards, Gitarren und B\u00e4ssen vollgeschichtet. Wie sich die Vollversion seines Materials anh\u00f6rte, dar\u00fcber l\u00e4sst sich bisher nur mutma\u00dfen. Kate selbst bat laut Princes Toningenieur Michael Koppelman die Amerikaner darum, das Material zu vernichten<sup>6 <\/sup>. Aber ob sie das auch taten? Einiges \u00fcber den problematischen Charakter von Prince enth\u00fcllen die am\u00fcsanten Anekdoten auf Koppelmans Blog von 2005, inklusive der diebischen Freude des Engineers \u00fcber die Fehler seiner Majest\u00e4t beim Einsingen der Vocals. Denn es hei\u00dft ja tats\u00e4chlich: \u201eof all the people in the world\u201c statt \u201eAll of the people&#8230;\u201c<br \/>\nIn einer letzten Etappe, die allerdings zwei Jahre dauern sollte, wurden Kates Anfangsideen zusammen mit Princes neuen Zutaten zur\u00fcckgebastelt zu einem Kate Bush-Song. So zumindest beurteilt das Del Palmer. Eigentlich ist aber nur das Intro vom urspr\u00fcnglichen Charakter \u00fcbriggeblieben. Nach einer Minute herrscht der Discofunk Princescher Pr\u00e4gung, der allerdings wie ein genialer Geistesblitz ohne Vorank\u00fcndigung &#8211; denn das Wort \u201eLOVE\u201c ist ja noch nicht einmal zu Ende buchstabiert &#8211; \u00fcber den H\u00f6rer hereinbricht. Wie sich Princes und Kates Vocals allein im \u201eof\u201c der ersten Zeile melismatisch verzwirbeln: Das ist zum Niederknien. Unterf\u00fcttert ist ab jetzt alles von einem grandiosen E-Bass-Lauf, den Kate zum Ostinato f\u00fcr das ganze St\u00fcck erkoren hat. Princes immer wieder von neuem anrollende E-Gitarren-Passagen sind voll feiner Kantigkeit, seine Ch\u00f6re von samtener Soulfarbe. Dass Kate f\u00fcr die \u201eFinest Purple\u201c-Passage einen schwarzen S\u00e4nger ersehnt hatte, darauf deutet dann doch hin, dass sie letztendlich den britischen Komiker Lenny Henry ins Studio bat: Sein Gesang ist aber nur ein matter Abglanz dessen, was bei Prince m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pks.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3841\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pks.jpg\" alt=\"pks\" width=\"400\" height=\"286\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pks.jpg 400w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/pks-300x214.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Nach all diesen genealogischen Details des Songs nun eine abschlie\u00dfende Betrachtung: Kates erste, introartige Strophe mit den warmen Vokalpassagen des Trio Bulgarka geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den intensivsten Stellen auf <em>The Red Shoes<\/em>. Mit der Orgel und den sanften Drums bekommt es etwas Weihevolles. Textlich kn\u00fcpft sie hier an \u201eSong Of Solomon\u201c an: Eine fast religi\u00f6se \u00dcberh\u00f6hung der Liebe und des Geliebten, die in der zweiten Strophe durch die Jesus-Zeilen verst\u00e4rkt wird. Warum sollte ich von allen Menschen auf der Welt gerade dich lieben? Letztendlich l\u00e4sst es sich nicht erkl\u00e4ren, warum man sich oft gegen alle Vernunft f\u00fcr jemanden entscheidet. \u201eThere\u2018s just something \u2018bout you\u201c, kann man da vielleicht nur stammeln. Und die edelsten Metaphern wie \u201efine purple\u201c, \u201epurest gold\u201c hervorholen, um die Gef\u00fchle zu beschreiben. Kate selbst hat den Song in seiner Urform als \u201eR&amp;B type\u201c beschrieben. Ich w\u00fcrde sogar noch weiter gehen: Es ist ihre Art von Gospel \u2013 und guter Gospel hebt die Trennlinie zwischen irdischer und himmlischer Liebe auf.<br \/>\nAber dann \u2013 nachdem sich die anf\u00e4ngliche Faszination \u00fcber den hineinst\u00fcrzenden Funk \u00e0 la Prince gelegt hat, nachdem die zweite Strophe nochmals die heilige Atmosph\u00e4re beschw\u00f6rt hat &#8211; dreht der Song immer mehr in den Leerlauf, entwickelt sich nicht mehr weiter. Es ist einfach ein \u2013 zugegeben gro\u00dfartiger &#8211; Showcase f\u00fcr die Multitracking-Spleens zweier Genies, die aber nie ihre befruchtende Kreativit\u00e4t miteinander im Studio gesp\u00fcrt haben. Man merkt \u00fcberdeutlich, dass hier nicht kommuniziert, sondern konstruiert wurde, und zwar ein wundersames Klanggebilde zwischen Minneapolis, London und Sofia. Randnotiz: Homogener h\u00f6rt sich Kates Sidewoman-Revanche an, im Song \u201eMy Computer\u201c f\u00fcr das Prince-Album <em>Emancipation<\/em> (1996) \u2013 sicherlich gerade deshalb, weil sie sich von vorneherein auf Background Vocals beschr\u00e4nkte.<br \/>\nNoch einmal eine ganz andere Welt aus \u201eWhy Should I Love You\u201c hat Mike Scott gebaut: eine Rockhymne mit einer sich allm\u00e4hlich entfaltenden, dramatischen Strahlkraft, als Beitrag zur Kompilation <em>Come Again<\/em> (1997)<sup>7<\/sup>. Keine Frage, ich verehre Kate und ich habe den gr\u00f6\u00dften Respekt vor Prince. Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Als Song im klassischen Sinne ber\u00fchrt mich die Version des Waterboys-Chefs tats\u00e4chlich mehr. (<strong>Stefan<\/strong>)<\/p>\n<p><sup>1 <\/sup>http:\/\/noisey.vice.com\/blog\/how-prince-met-kate-bush-and-made-why-should-i-love-you<br \/>\n<sup>2 <\/sup> Cloning Made Easy \u2013 recollections of The Red Shoes by Del Palmer, S.10 &#8211; Homeground Fanzine 1993, Novercia Ltd.\/Kindlight<br \/>\n<sup>3 <\/sup>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IbP-dapt09Q<br \/>\n<sup>4 <\/sup> Kates Notizen zu den Albumsongs im Homeground Fanzine 1993, Novercia Ltd.\/Kindlight, S.2-6<br \/>\n<sup>5 <\/sup><a href=\"http:\/\/www.superdeluxeedition.com\/feature\/when-prince-worked-with-kate-bush\/\">http:\/\/www.superdeluxeedition.com\/feature\/when-prince-worked-with-kate-bush\/<\/a><br \/>\n<sup>6 <\/sup>https:\/\/lolife.com\/2005\/02\/15\/kate-bush\/<br \/>\n<sup>7 <\/sup>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=GeXr72TW-WQ<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Songs, deren Entstehungsgeschichte nebst der Anekdoten, die sich um sie ranken, ein Traum f\u00fcr Analysten sind. Solch ein Song ist \u201eWhy Should I Love You?\u201c. Einer der auff\u00e4lligsten Momente auf dem Werk The Red Shoes &#8211; nicht zuletzt deshalb, da es sich hier um ein Teamwork zweier Alphatiere der Popmusik handelt. 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