{"id":2570,"date":"2014-10-06T18:08:51","date_gmt":"2014-10-06T16:08:51","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2570"},"modified":"2014-10-06T18:14:53","modified_gmt":"2014-10-06T16:14:53","slug":"der-tiefe-atem-der-imagination","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=2570","title":{"rendered":"&#8222;Der tiefe Atem der Imagination&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"userContent\"><strong><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/katerezension.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2573\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/katerezension.jpg\" alt=\"katerezension\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/katerezension.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/katerezension-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Von Stefan Franzen<\/strong><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><em>Wer dabei war, reibt sich immer noch ungl\u00e4ubig Augen und Ohren. Nach 35 Jahren intensivem Fremdeln mit den B\u00fchnenbrettern ist Kate Bush ins Rampenlicht zur\u00fcckgekehrt. Mit einem Gesamtkunstwerk, das s\u00e4mtliche Kolleginnen ihres Alters und wesentlich j\u00fcngerer Jahrg\u00e4nge auf die Pl\u00e4tze verweist. Kate Bushs <\/em>Before The Dawn<em>\u00a0war eine Offenbarung, wie auch noch in der digitalen \u00c4ra Popmusik aus dem Theater befruchtet werden kann.<\/em><\/p>\n<p>An diesem Ort zu stehen, ist fast unwirklich. Vor wenigen Tagen sind hier Bj\u00f6rk, Dave Gilmour und Elton John durchgelaufen, um im Publikum Platz zu nehmen. Richtig: im Publikum. Ein Gr\u00fcppchen lagert schon jetzt, um 16 Uhr mit angespannten, teils aber auch schicksalsergebenen Gesichtsz\u00fcgen am Eingang des klobigen Art D\u00e9co-Baus, der sich da fast an die Br\u00fccke einer Stadtautobahn schmiegt. Es sind Holl\u00e4nder, Amerikaner, Franzosen, Deutsche, die die Hoffnung noch nicht haben sterben lassen. Sie werden in wenigen Minuten Nummern ziehen und auf ein Wunder warten. An anderen Tagen sollen es gar Koreaner und Australier gewesen sein, die auf Risiko, ohne Ticket um die halbe Welt geflogen sind.<\/p>\n<p><strong><em>Feinschl\u00e4giger Tremor<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Auch ich kann es erst glauben, als ich meine Karte am Box Office des Eventim Apollo gegen die E-Mail-Best\u00e4tigung in Empfang genommen habe. Ich gebe zu, mit feinschl\u00e4gigem Tremor. Oh, das Drama, das dem vorausging. N\u00e4mlich \u201eauf dem zweiten Bildungsweg\u201c, ohne vor den Schwarzmarktheinis in die Knie zu gehen doch noch am unwahrscheinlichsten Live-Ereignis der letzten Jahre teilzuhaben, das binnen 10 Minuten ausverkauft war. Einzelheiten spare ich an dieser Stelle aus. Denn hier soll\u2019s ja schlie\u00dflich um Musik gehen. Kurzum: H\u00e4tte mir 1985 jemand gesagt, dass ich 29 Jahre sp\u00e4ter eine Show von Kate Bush (die Ikone meiner Jugend) erleben w\u00fcrde, und das drei Tage nach einem Liveonzert von ELO (den Helden meiner Kindheit), ich h\u00e4tte ihm den Vogel oder Schlimmeres gezeigt.<br \/>\nKate Bush-Fans sind \u201eweird\u201c. Diese Meinung geh\u00f6rt sp\u00e4testens seit ihrem Album <em>The Dreaming\u00a0<\/em>zum guten Ton. Wie normal sie tats\u00e4chlich sind, kann ich begutachten, als ich drei Stunden sp\u00e4ter ans Eventim Apollo zur\u00fcckkehre, jener Ort, in dem Bush im Mai 1979 ihre letzte und einzige Tour beendete, und der damals noch einen Tick glamour\u00f6ser \u201eHammersmith Odeon\u201c hie\u00df. Viele Forty- und Fiftysomethings mit gepflegten B\u00e4rten, Damen im besten Alter in Blumenkleidern. Allenfalls ein Hauch von Hippie-Atmo, ein einsamer Sonderling mit Zwergenzipfelm\u00fctze und Rock. Dass viele dieser Menschen beim letzten Auftritt Bushs gerade mal Teenies oder Kinder waren, ist unheimlich.<br \/>\nDrinnen auch alles auf geheimnisvoll getrimmt: In tiefem Ultramarin ruht die B\u00fchne mit beachtlichem Bandaufbau. Davor wuseln mit einer Spannung, die zum Greifen nahe ist, 4000 Leute im pl\u00fcschigen Kronleuchtersaal zu ihren Sitzen. Kameras fahren auf und ab, heute wird gefilmt. Wie sagenhaft mein in letzter Sekunde ergatterter Platz ist, kann ich kaum fassen. Oben auf dem Rang, absolut mittig, Panoramablick. Der Soundtrack des Vorgepl\u00e4nkels ist zu filigran, um ihn wirklich zu h\u00f6ren: Eberhard Weber, Bushs einstiger Leib- und Magenbassist zupft vergebens aus der Konserve. Dann endlich die Ansage: \u201eThe KT Fellowship presents\u2026\u201c \u2013 Kate Bush tritt bescheiden hinter ihren Kollegen zur\u00fcck, reiht sich in der Ank\u00fcndigung als prima inter pares ein. Nochmals wird darum gebeten, man m\u00f6ge die Handys auslassen, sonst k\u00f6nne sie nicht mit uns direkt in Kontakt treten. Grandios. W\u00e4re ich K\u00f6nig von Deutschland, w\u00fcrde ich in s\u00e4mtlichen Konzerten sofort ein Smartphoneverbot erlassen.<\/p>\n<p><strong><em>Der Mythos kehrt als Mutter zur\u00fcck<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Unbeschreiblich ist dieser Jubel, stehend selbstverst\u00e4ndlich. Da kommt, tats\u00e4chlich im G\u00e4nsemarsch mit ihren 12 Mitstreitern, fast schon in einer Art Ringelrein, die Frau auf die B\u00fchne, die wohl die Allerwenigsten hier im Saal schon einmal gesehen haben. Auf die sie 35 Jahre gewartet haben, w\u00e4hrend sie Mutter und Mythos war. Sie tr\u00e4gt einen langen schwarzen Fransenmantel und ist einfach nur imposant, l\u00e4chelt geradezu souver\u00e4n ins Auditorium, fast ein wenig mit dem Ausdruck: \u201eSeht ihr, ich hab\u2019s euch doch gesagt, ihr m\u00fcsst nur ein bisschen warten.\u201c Sie ist nat\u00fcrlich l\u00e4ngst nicht mehr die \u00e4therische \u201eCathy\u201c mit den weit aufgerissenen, pr\u00e4raffaelitischen Belladonna-Augen, auch wenn \u201eWuthering Heights\u201c-Nostalgiker das nicht wahr haben wollen. Sondern eine stattliche 56-j\u00e4hrige, statt mit grazilen Pirouetten kreist sie mit ihrer endlosen M\u00e4hne jetzt im erdigen Barfu\u00dftanz.<br \/>\nEine halbe Stunde lang gibt es Hits und Ausz\u00fcge aus den Alben <em>Aerial<\/em> und <em>The Red Shoes<\/em>. Und in all diesen St\u00fccken, die man ja seit teils Jahrzehnten nur aus der etwas sterilen Studioproduktion kennt, wohnt pl\u00f6tzlich ein ganz und gar organischer Groove. \u00a0Aus dem ewigen K\u00e4fig befreit, bekommen sie Fleisch und Blut, sogar rockende Muskulatur. Die Entscheidung, mit zwei Schlagwerkern aufzuwarten, war goldrichtig, und dann auch gleich noch mit Omar Hakim und Mino Cinelu. Am Bass nicht etwa der langj\u00e4hrige Lebensgef\u00e4hrte Del Palmer, sondern John Giblin, an der Gitarre nicht der jetzige Freund Danny McIntosh, sondern David Rhodes, der ganz wie in den Peter Gabriel-Shows heulende, s\u00e4gende Gitarrent\u00f6ne zu Walls of Sound schichtet. Dass Kate Bush neuerdings Privates und Professionelles trennt, stimmt trotzdem nicht: Im f\u00fcnfk\u00f6pfigen, leicht unterbesch\u00e4ftigten Chor, der von drei schwarzen S\u00e4ngern angef\u00fchrt wird, singt kr\u00e4ftig ihr 16-j\u00e4hriger Sohn Bertie mit, ihre Kunst ist weiterhin von famili\u00e4ren Kr\u00e4ften getrieben. Bertie soll angeblich gar der Mutmacher gewesen sein, soll sie wieder auf die B\u00fchne gebracht haben.<\/p>\n<p><strong><em>Impulsiv, volumin\u00f6s, treffsicher, soulig<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Seiner Mutter kann er freilich hier das Wasser nicht reichen: Man musste ein wenig Angst haben nach dem schwachen Album <em>50 Words For Snow<\/em> von 2011, auf dem Kate Bushs Stimme fast lustlos, unmotiviert klang, unter dicken Schneeschichten verschwand. Wo sie diese Power jetzt her nimmt, ist ein R\u00e4tsel: Impulsiv, volumin\u00f6s, treffsicher sind ihre Stimmeneskapaden, die Sirenenqualit\u00e4ten sind auch wieder da, und dabei wirkt sie entspannt, kommunikativ und souver\u00e4n \u2013 die gewaltige Pause von dreieinhalb Dekaden scheint sie vergessen zu haben. Die Songs: \u201eLily\u201c kommt als knackiger Einstieg, beschw\u00f6rt den Schutz der Engel, und direkt danach \u201eHounds Of Love\u201c befreit von den Staccato-Celli, Rhodes \u00fcbernimmt deren Rolle und macht den Hit kantiger.\u00a0\u201eTop Of The City\u201c hat im Refrain fast Gospelcharakter: Kate\u2019s got soul! Und \u201eRunning Up That Hill\u201c verstr\u00f6mt tribale Wucht, doch entgegen dem Original r\u00fcckt die B\u00fchnenversion vom martialischen Grundcharakter ab und wandelt sich zu einem federnden Galopp. Das B\u00fchnenbild bleibt in diesem ersten Akt unspektakul\u00e4r, wird gekr\u00f6nt von Karos, die wie gro\u00dfe Goldpaletten glitzern. Doch es bahnt sich was an: In \u201eKing Of The Mountain\u201c regieren heulende Winde und s\u00e4gende Gitarren, das verschrobene Elvis-Tribut ger\u00e4t zum Rockmonster mit gewaltiger Sogwirkung. Es endet mit einem Knall: Ein gewaltiger Donner erf\u00fcllt das Auditorium, aus Kanonen wird Konfetti mit Poesie des viktorianischen Dichters Lord Alfred Tennyson geschossen. Das Apollo erzittert in seinen Grundfesten. Und dann hat Mino Cinelu seine tollen zwei Minuten: Er schwingt ein Schwirrholz, so bedrohlich ausladend, dass man unweigerlich in Deckung geht. Sp\u00e4ter wird man dar\u00fcber diskutieren, ob das vielleicht einen Hurricane symbolisieren soll, gesehen aus dem All. Jener Sturm, der den Schiffbruch von <em>The Ninth Wave<\/em> ausl\u00f6st. Die B\u00fchne taucht ins Dunkel und die 4000 ersch\u00fctterten Besucher ins n\u00e4chtliche Meer ab.<\/p>\n<div class=\"hide-this-part-wrap\"><div class=\"hide-this-part-more\" id=\"hide-this-part-0\" morelink-text=\"More\">More \u00bb<\/div><div class=\"hide-this-part\" status=\"invisible\"><br \/>\nBush hat diese maritime Schauerm\u00e4r zu einem labyrinthischen Spiel aus Traum und Wirklichkeit auf das Doppelte der Zeitdauer gestreckt. Dass die Konzeptsuite aus dem Album <em>Hounds Of Love<\/em>\u00a0 zum Klangtheater wird, mit Unterst\u00fctzung von Adrian Noble, ehemals Leiter der Royal Shakespeare Company, hat man sich drei\u00dfig Jahre lang gew\u00fcnscht.Eine Ertrinkende erlebt eine Nacht im Wasser, mitsamt den Vorspiegelungen ihrer Fantasie zwischen wachendem Entsetzen, Schlafl\u00e4hmung und Absinken\u00a0ins Reich der Toten. Das ist der genauso schlichte wie irre Plot, und er wird so hautnah, so beklemmend erz\u00e4hlt mittels Musik, szenischer Darstellung und Videoprojektion, dass man selbst glaubt, mit Bush im Wassertank zu liegen. Denn dorthin hatte sie sich in der Vorproduktion tats\u00e4chlich f\u00fcr Stunden begeben, um die St\u00fccke teils neu einzusingen. Sie bestand darauf, nur so klinge es authentisch. Auf der Leinwand (= Realit\u00e4t) erlebt man zun\u00e4chst, wie ein Hobbyastronom in die Geschichte einf\u00fchrt. Er hat einen Funkspruch eines untergegangenen Trawlers bruchst\u00fcckhaft empfangen. Dann \u00f6ffnet sich mit wabernden blauen T\u00fcchern erneut das B\u00fchnenbild (= der Traum, das Jenseits). Fish People mit Skelettmasken treiben im Gerippe eines Wracks ihr Unwesen, die Toteng\u00f6tter der Tiefe. Rauschende, blubbernde 360 Grad-Sounds, Ger\u00e4usche treffen von \u00fcberall aufs Ohr. Auf der Leinwand ist nun Bush in Rettungsweste zu sehen, wie sie durch die tiefschwarzen Wellen treibt, aus verzweifelten Augen schaut sie empor, singt somnambul \u201eAnd Dream Of Sheep\u201c.<br \/>\nWer die Suite kennt, eilt der Auff\u00fchrung von Station zu Station mit der Frage voraus, wie denn nun das n\u00e4chste Alptraumbild visuell umgesetzt wird. Und es geht Schlag auf Schlag: Zu \u201eUnder The Ice\u201c versucht der Chor einen Rettungsversuch mit Kettens\u00e4ge, Bush sieht sich selbst unterm Eis, wird von der Mannschaft herausgezogen, entgleitet aber wieder in die Tiefe und muss vor das Tribunal des Herrschers Tesoro, den Ben Thompson unerbittlich verk\u00f6rpert. Die Szene geht an die Nieren, ist physisch ausagiert mit Umklammern, Schreien, Wehren. Ein Beleuchtungskasten schlie\u00dflich macht an der Decke des Apollo eine Metamorphose zum Helikopter mit Suchscheinwerfer durch, mit gro\u00dfem Get\u00f6se schwebt er \u00fcberm Publikum. Der Pulsschlag h\u00e4mmert, man br\u00e4uchte was zum Durchatmen. Und bekommt es auch.<\/p>\n<p><strong><em>Grabesgesang der Fish People<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Denn es wird jetzt wirklich klassisch theatralisch, und die Szene entbehrt nicht eines gewissen Humors: Ein schwankendes Zimmer kommt auf die B\u00fchne geschippert. Darin sitzen \u2013 mit gro\u00dfem Talent, aber etwas zu altklug agierend \u2013 Sohn Bertie und der Vater (Bob Harms), ein typisches M\u00e4nnergespr\u00e4ch entspinnt sich, der Hausmann scheitert mit der Zubereitung eines Essens, und beide wundern sich \u00fcber den Verbleib der Mutter. Die steht pl\u00f6tzlich als Geist hinter der B\u00fchne. \u201eWatching You Without Me\u201c setzt ein, und die Protagonistin versucht verzweifelt die Aufmerksamkeit zu erregen, macht rhythmisch \u201ewhoo\u201c ins Gesicht des Vaters, packt Bertie und sch\u00fcttelt ihn zu den zersplitterten Sprechgesangspassagen. Zum ersten Mal wird mir bewusst, dass das ja auch Z\u00fcge der Schlussszene von \u201eWuthering Heights\u201c hat: \u201eLet me in your window.\u201c Es folgt ein kurzes, komplett neu komponiertes Acappella-St\u00fcck, in dem der Chor fast die Funktion aus einer griechischen Trag\u00f6die annimmt. \u201eJig Of Life\u201c, dieser lebensverzweifelte irische Rundtanz kommt in der Liveversion noch erdiger, doch ich frage mich, ob da nicht einige Spuren vom Band eingespielt werden. Der Dudelsack immerhin ist real, er kommt von Kevin McAlea, ansonsten Keyboarder, und einzig Verbliebener aus der \u201eTour Of Life\u201c von 1979. Als Bush \u201eLet Me Live\u201c schreit, live aus dem Wassertank zugeschaltet, fr\u00f6steln 4000 Mitleidende.<br \/>\nUnd dann die Kr\u00f6nung der ganzen Suite, \u201cHello Earth\u201c. Die Dimensionen vermischen sich zu einem atemberaubenden Verwirrspiel. \u00dcber dem n\u00e4chtlichen Meer spannt sich der Sternenhimmel, von dem aus der Blick zur Erde geht im Originalsong. Universum und Ozean spiegeln sich hier jetzt. Eine Boje taucht aus dem Wasser auf, die Schiffskollegen haben sich darauf gerettet, auch Bush gelingt es, sich dranzuklammern und \u00fcber den heftig schwankenden Wellen diese Wahnsinnsmelodie zu singen, diese Botschaft aus dem Nirwana. Doch es hilft nichts: Zum Entsetzen der gebannten Zuschauer wird sie von den Fish People zur\u00fcckerobert und schlie\u00dflich zu den schaurigen, georgischen Chorges\u00e4ngen zu Grabe getragen, ins Publikum hinein. Das wird nicht live gesungen: Die Richard Hickox-Singers kommen aus der Konserve.<br \/>\nWie das Erwachen im \u201eMorning Fog\u201c geschieht, wie die Erl\u00f6sung aus dem n\u00e4chtlichen Drama hinein ins Tageslicht inszeniert wird, das kann einem schier die Tr\u00e4nen in die Augen treiben: Die Band kehrt zur\u00fcck auf die erleuchtete B\u00fchne, wunderbar leichtf\u00fc\u00dfig in Dur ist diese Folk-Coda arrangiert, mit Akkordeon und vielen Zupfinstrumenten, ein Liebesshanty mit T\u00e4nzchen. Und ein wenig \u00fcberw\u00e4ltigt, mit der Hand auf dem Herz,\u00a0bedankt sich die Hauptdarstellerin f\u00fcr die ihr entgegentobende Begeisterung. Vorhang.<br \/>\nEine gigantische T\u00fcr \u00f6ffnet sich knarrend zu Vogelgesang, wei\u00dfe Bl\u00fcten (oder Schnee?) schweben herab, eine Holzpuppe wird von einem Puppenspieler hinein in die Morgend\u00e4mmerung des Waldes gef\u00fchrt. Die s\u00fc\u00dfe Marionette ist Sohn Bertie als Kleinkind, das wird einem schnell klar. Bush sitzt am Piano und schl\u00e4gt pastorale Akkorde an. Sie hat jetzt ein bord\u00fcrenbesetztes Kleid an, das ein wenig indisch aussieht. F\u00fcr einen Moment kommt echtes \u201eThe Man With The Child In His Eyes\u201c-Feeling auf. Auf der Leinwand fliegen dazu in slow motion Rotkehlchen, Meisen, Tauben und Schw\u00e4ne, ein ganzer Chor von Kirchenglocken klingelt einem in den Ohren. Das hier ist die poppige Apotheose zu allem, was in der englischen Musikgeschichte an Landschaftsmalereien aufgeboten wurde, von Orlando Gibbons bis Ralph Vaughan Williams.<\/p>\n<p><strong><em>Zeitlupiges Schwelgen in Pastell<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Alles spielt sich in einem so gem\u00e4chlichen Puls ab, dass die Darsteller selbst sich in Zeitlupe bewegen. Der Chor tritt als Landvolk auf, Sohn Bertie als Maler, der sich von der Holzpuppe mit einem deftigen \u201ePiss Off\u201c emanzipieren will: der pubert\u00e4re Rebell vertreibt das beh\u00fctete Kleinkind. Ein riesenhaftes Gem\u00e4lde zwischen Turner und Constable als Kulisse. Und diese Leinwand, sie besteht fast ausschlie\u00dflich aus Wolken, in Hunderten von Schattierungen. The Big Sky! Wie will man einen geruhsamen Tag auf dem Lande dramatisch umsetzen? Es ist wohl unumg\u00e4nglich, dass hier ein paar L\u00e4ngen entstehen, wie das auch schon auf der CD <em>Aerial<\/em>\u00a0der Fall war. Ein wenig bleibt alles in z\u00e4hem Honig stecken. Bewegung kommt erst durch das Gewitter hinein. Auf dem Gem\u00e4lde verl\u00e4uft die Farbe und die Band sammelt sich in der gereinigten Atmosph\u00e4re zu einem Sonnenuntergang. Soundtrack hierzu ist ein Flamencost\u00fcck, das im Vergleich zur Studiofassung auch wirklich ein bisschen mediterranes Feuer bekommt. Die Musiker, die im Gegensatz zu <em>The Ninth Wave<\/em> hier die ganze Zeit auf der linken Seite zu sehen sind, verlassen ihre Podeste und kommen f\u00fcr diesen bukolischen Moment zusammen.<\/p>\n<p><strong><em>Irrlichtern durch die Nacht \u2013 Flug in den Morgen<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Und es wird Nacht. Als der Mond aufgeht, lauert zun\u00e4chst noch eine dicke \u00dcberraschung: Bertie singt \u201eTawny Moon\u201c, ein werw\u00f6lfisches Ansingen des Himmelsk\u00f6rpers, er k\u00fcndigt ihm an, er werde ihn so lange versuchen auf seiner Leinwand zu fassen, bis er Blasen an den Fingern hat. Ich bin unentschieden, ob das hier passt. Einerseits ein sch\u00f6ner Einfall, dass hier noch mal ein dramatischer Zug reinkommt. Der junge Mann ist dieser Nummer mehr gewachsen als seiner Rolle in der \u201eNeunten Welle\u201c, ob er die Vorschusslorbeeren verdient, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. R\u00fcckkehr der Mutter: Sie gleitet mit ihrer Stimme durch die violette Nacht, und die Keyboards sind deshalb nicht kitschig, weil drunter der Bass von John Giblin so sch\u00f6n unruhig grummelt. Ein fantastischer Einfall ist, dass zum \u201eBlackbird\u201c-Zitat aus <em>The Ninth Wave<\/em> ein riesenhaftes Federvieh auf die B\u00fchne kommt und die beiden Suiten clever verklammert. Auch hier f\u00e4llt mir erstmals ein Verweis auf ein fr\u00fcheres Album auf: Wie Bush ihre Stimmen hier schichtet, das hat was von \u201eNight Scented Stock\u201c aus <em>Never For Ever<\/em>. Die Nackenhaare str\u00e4uben sich bei diesem nokturnen Cluster.<br \/>\nMit dem Hahnenschrei k\u00fcndigt sich ein neuer Tag an. Bogen und Feuerpfeil entz\u00fcnden die Sonnen, Tauben werden entlassen, und \u00fcbergro\u00dfe Vogelschw\u00e4rme schwirren umher. Ein Ohrenschmaus f\u00fcr Ornithologen, umso mehr, als die Heldin dieses Pan-Schauspiels jetzt mit den Amseln um die Wette lacht. David Rhodes bekommt eine Vogelmaske aufgesteckt und tanzt mit der Titelheldin zu einem sich aufb\u00e4umenden Rockgewitter, das man mal im Vergleich mit dem Sonnenaufgang bei Ravels <em>Daphnis et Chlo\u00eb<\/em> h\u00f6ren m\u00fcsste. Und pl\u00f6tzlich ist da ein Birkenwald um die Musiker herum. \u201eI wanna be up on the roof\u201c hei\u00dft es im Text \u2013 nicht etwa um nur den Tag zu begr\u00fc\u00dfen, sondern um selbst ins Reich der Gefiederten zu wechseln. Vogelmenschen stecken Bush einen Fl\u00fcgel auf, sie verschwindet hinter der gro\u00dfen T\u00fcr und fliegt schlie\u00dflich zum Schlussakkord dem Publikum entgegen. Dieser finale Knaller l\u00e4sst das Auditorium komplett ausrasten.<\/p>\n<p><strong><em>Yeah-ee-yeah-ee-yeah-eeyoo-hoo!<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Als Zugabe gibt es \u2013 ein wirklich anr\u00fchrender Moment \u2013 \u201eAmong Angels\u201c. Sie sitzt wieder allein am Klavier, mit toller, intimer Stimmgebung. Und der \u201eEngelskreis\u201c schlie\u00dft sich zum Thema des Eingangsst\u00fcckes \u201eLily\u201c.\u00a0Dass dann noch tats\u00e4chlich in einer sagenhaft zackigen Variante \u201eCloudbusting\u201c angestimmt wird, macht das Finale perfekt. 4000 vereinen sich zum \u201eYeah-ee-yo\u201c, und man w\u00fcrde sich nicht wundern, wenn es wirklich gleich anfangen w\u00fcrde zu regnen. W\u00e4hrend der Pulk in die Londoner Nacht str\u00f6mt, m\u00f6chte man sich eigentlich dauernd kollektiv zwicken. \u201eIncredible\u201c, \u201eabsolutely amazing\u201c t\u00f6nt es um mich herum. Die meisten sind sprachlos. Einige wenige bedauern, dass nicht mehr \u201czum Mitsingen\u201d\u00a0kam. \u00a0Eine\u00a0Greatest Hits-Revue aber w\u00e4re geradezu absurd gewesen, Kate Bush h\u00e4tte sich selbst verleugnet. \u00a0Nach der langen Abwesenheit war der einzig gangbare, wenn auch riskante Weg f\u00fcr sie, die stets eine sehr visuelle K\u00fcnstlerin war, eben diese\u00a0theatralische Ausgestaltung ihrer vision\u00e4ren Suiten. Und so hat sie\u00a0mitten im digitalen Zeitalter mit \u201eanaloger\u201c Theatersprache nochmals Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt. Kate Bush appelliert auch im Jahre 2014 an etwas, was uns im hochgetakteten Popzirkus abhanden gekommen ist: an den tiefen Atem der Imagination.<\/p>\n<p>(<em>Stefan Franzen ist freier Journalist und hat auch einen Artikel vom Kate-Konzert f\u00fcr die <a href=\"http:\/\/www.badische-zeitung.de\/rock-pop-rezensionen\/kate-bush-die-renaissance-eines-popmythos--91803471.html\" target=\"_blank\">Badische Zeitung<\/a> verfasst.Seinen Blog gibt es <a href=\"http:\/\/greenbeltofsound.de\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>.<\/em>)<\/p>\n<p><\/div><!-- .hide-this-part --><\/div><!-- hide-this-part-wrap -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Stefan Franzen Wer dabei war, reibt sich immer noch ungl\u00e4ubig Augen und Ohren. Nach 35 Jahren intensivem Fremdeln mit den B\u00fchnenbrettern ist Kate Bush ins Rampenlicht zur\u00fcckgekehrt. Mit einem Gesamtkunstwerk, das s\u00e4mtliche Kolleginnen ihres Alters und wesentlich j\u00fcngerer Jahrg\u00e4nge auf die Pl\u00e4tze verweist. 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