{"id":2528,"date":"2014-09-30T22:57:04","date_gmt":"2014-09-30T20:57:04","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2528"},"modified":"2014-09-30T22:57:58","modified_gmt":"2014-09-30T20:57:58","slug":"wer-da-keine-traenen-hat-hat-kein-herz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=2528","title":{"rendered":"&#8222;Wer da keine Tr\u00e4nen hat, hat kein Herz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lucky.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2526\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lucky.jpg\" alt=\"lucky\" width=\"620\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lucky.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/lucky-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Es ist wirklich und wortw\u00f6rtlich nicht zu beschreiben, ich mach&#8217;s einfach trotzdem \u2013 als Anker hier f\u00fcr mich. Da drau\u00dfen gibt es Trilliarden Artikel, fast alle tief herzbewegt, lesen sie die doch auch \u2013 ich muss bei den meisten ein Tr\u00e4nchen verdr\u00fccken.<br \/>\nEs war das Unwahrscheinlichste, was Glam und mir im Leben widerfahren ist, wahrscheinlich. Kate Bush k\u00fcndigt mal eben einfach so Live-Termine an, Als ob sie das 2x im Jahr tut. Kate Bush, die seit \u00fcber 35 Jahren Lieder unserer jeweiligen Seelen singt, aber seit Jahrzehnten eben auch pers\u00f6nlich abgetaucht ist. Ein Fabelwesen, einerseits, andererseits t\u00e4glich geh\u00f6rt und gef\u00fchlt. Beweis, wir sehr ein K\u00fcnstler in seinem Werk lebt und lebendig ist, jenseits der eigenen Person oder gar Celebrity \u2013 ganz offen les- und f\u00fchlbar, und doch so weit weg. Mit Generalstabsplan und viel Gl\u00fcck tats\u00e4chlich Tickets ergattert \u2013 gleich f\u00fcr zwei Tage hintereinander, denn wir sind uns sofort einig, dass wir beim ersten Mal viel zu aufgeregt sein werden, um wirklich etwas mit zu bekommen \u2013 eine weise Entscheidung, im Nachhinein betrachtet.<br \/>\nDie kleine Gruppe Gef\u00e4hrten am ersten Abend in der Einlassschlange vor dem Hammersmith Apollo \u2013 inmitten einer wirklich bunt gemischten, enthusiasmierten, ungl\u00e4ubig blickenden Schar von Mitfans aus aller Welt. Keiner kann sich vorstellen, gleich das zu erleben, was man in Hunderten Beschreibungen schon gelesen hat.<br \/>\nIm Saal wirklich gute Pl\u00e4tze, nicht zu nah, aber sehr gute Sicht. Panik, Atemnot, \u00dcberforderung. Lars hat sicher jetzt noch blaue Flecken, wo ich ihm immer ans Bein gepackt habe. Das Licht geht aus, die Musik f\u00e4ngt an, der Vorspann von Lily beginnt \u2013 und heraus kommt \u2013 unfassbar: die wahre echte Kate Bush, atmend, lebend, singend: \u201cLily, oh Lily, I don\u2019t feel safe, I feel that life has blown a great big hole through me!\u201d<br \/>\nSie strahlt, sie ist stolz und stark, barfu\u00df und reifer, runder, und wundersch\u00f6n. Die Stimme ist st\u00e4rker als ich sie mir jemals vorgestellt habe, und Kates Pr\u00e4senz ebenfalls, kein bisschen verhuscht oder sch\u00fcchtern und aufgeregt, sondern ruhig, liebevoll, selbst-bewusst, ganz bei sich.<br \/>\nIch bin v\u00f6llig \u00fcberw\u00e4ltigt \u2013 wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich mir die Brust aufrei\u00dfen, um alles alles in mich aufzunehmen, so bleibt mir nur \u00fcbrig, Augen, Ohren, Nase und Mund so weit wie m\u00f6glich aufzusperren \u2013 ich f\u00fcrchte ich sehe aus wie ein sterbender Goldfisch. Die selbe Luft wie Kate Bush!<br \/>\nIm ersten Teil singt sie ein paar unbekanntere Lieder und ein paar der Hits, Hounds of Love und Running up that Hill \u2013 es ist so unglaublich herzzerfetzend intensiv, diese Lieder, die mich seit Jahren begleiten, in tiefem Leid und gro\u00dfer Freude, die mit mir an so vielen Orten waren \u2013 seelisch wie andersweitig, von Kate Bush live zu h\u00f6ren. Sie werden sich das nicht vorstellen k\u00f6nnen. Nach vier Liedern bin ich bereits \u00fcbervoll, aber das wahre Konzert soll erst noch beginnen \u2013 ich frage mich ernsthaft, wie ich den Abend \u00fcberleben soll. Sprichw\u00f6rtlich wie der legend\u00e4re Mann mit dem Minzbl\u00e4ttchen bei Monty Pythons.<br \/>\nMit einem Knall beginnt The Ninth Wave, die zweite Seite der Hounds of Love. In der eine Frau in Seenot ger\u00e4t, und sich ein Kaleidoskop aus Liedern entspinnt, das assoziativ irgendwo zwischen Wachen und Traum, Todesn\u00e4he und Wiedergeburt m\u00e4andert. Der Angst vor Tod und Alleinsein, der Liebe und Sehnsucht nach den geliebten Menschen, aber auch des Bewusstsein der fundamentalen Abgeschiedenheit des einzelnen und der vorgeblichen Unm\u00f6glichkeit, jemals die Br\u00fccke zu dem Anderen zu \u00fcberschreiten.<br \/>\nIch habe diese Platte 1986 nach dem Tod meiner Schwester \u00fcber Monate mehrmals am Tag geh\u00f6rt und bin damit auf viele Reisen gegangen. Sie ist in meiner DNA. Und stellen Sie sich vor, das jetzt in einem unglaublich aufw\u00e4ndigen theatralischen Rahmen bebildert zu bekommen, mit Suchhubschraubern im Saal, skelett\u00f6sen Fischmenschen, einer Videoeinblendung, in der Kate als Ertrinkende in einer Rettungseste singt, w\u00e4hrend unten die Traumebene gespielt wird. Wie Kate (live auf der B\u00fchne) versucht, sich ihrer Familie mitzuteilen (Watching you without me) diese sie aber naturgem\u00e4\u00df nicht wahrnehmen, wie sie die Genese eines Sturms aus dem All beobachtet und versucht die Seeleute vor der Katastrophe zu warnen, und wie sie am Ende gerettet?\/wiedergeboren? zur\u00fcckkehrt und vollen Herzens singen kann: \u201cD\u2019you know what? I love you better now!\u201d<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wie oft ich bis hierher, bis zur Pause, schon aus vollem Herzen geweint habe, vor Gl\u00fcck, vor solcher Sch\u00f6nheit, voller Ergriffenheit. In der Pause sprechen wir alle nicht viel, wir sind \u00fcberw\u00e4ltigt und bet\u00e4ubt.<\/p>\n<p>Der zweite Teil, A Sky of Honey, ist ebenfalls eine zweite H\u00e4lfte eines Albums, Aerial. Eines Tages Reise vom Nachmittag in den Abend \u00fcber die Nacht bis hin zum Morgengrauen. Jetzt also Luft und Licht statt wie vorher Wasse und Dunkelheit. A Sky of Honey ist viel elegischer als die vorhergehenden Lieder, ein Genuss, Anlass zum Tr\u00e4umen, zum Philosphieren \u00fcber den Zusammenhang von Natur, Erleben und Kunst, oder anders herum, illustriert von in Gro\u00dfaufnahmen von fliegenden V\u00f6geln, wechselnden Himmeln und einem Maler (Kates Sohn Bertie) der versucht, die Natur nachzumalen, dabei aber immer wieder von ihr \u00fcberholt wird. Aber auch hier immer wieder einsetzende Bedrohung, Grausamkeit, inmitten des fast woll\u00fcstigen Genusses von Licht, Lebensfreude und wechselnder Tagesstimmung. Auch hier wieder: viele Tr\u00e4nen angesichts solcher Sch\u00f6nheit, aber auch Verst\u00f6rung, weil man manches (beim ersten Mal und ohne Diskussion mit den Gef\u00e4hrten) nicht verstanden hat. Wie albern, man sollte es verf\u00fchlen, und nicht verstehen wollen.<br \/>\nEbenfalls: eine Holzgliederpuppe, die sich am Ende selbst\u00e4ndig umher bewegen kann, eine Kate, die sich immer mehr in einen schwarzen Rabenvogel verwandelt bis zu einem furiosen, nur Zehntelsekunden dauernden furiosen Finale, und Birkenst\u00e4mme, die senkrecht durch das Piano donnern. Wie \u00fcbrigens auch eine einelne kleine wei\u00dfe Feder, die wie zuf\u00e4llig von hoch oben auf das Piano schwebt. Und das ganz exakt an jedem Abend.<br \/>\nAls Zugabe ein unglaublich intimer Moment mit Kate alleine am Piano: \u201cAmong Angels\u201d:<br \/>\nI can see angels around you.<br \/>\nThey shimmer like mirrors in Summer.<br \/>\nThere\u2019s someone who\u2019s loved you forever but you don\u2019t know it.<br \/>\nYou might feel it and just not show it.<br \/>\nWer da keine Tr\u00e4nen hat, hat kein Herz. Die letzte Zugabe \u201cCloudbusting\u201d \u2013 befreiend, auch f\u00fcr den letzten Rest der (Gl\u00fccks-)Tr\u00e4nen, w\u00e4hrend alle mit Kate Bush zusammen singen \u2013 \u201cI just know that something good is gonna happen!\u201d \u2013 and it did.<br \/>\nEs war so viel Liebe im Raum, von der B\u00fchne herab, aus dem Publikum herauf, innerhalb des Publikums \u2013 k\u00f6nnte man das in Flaschen abf\u00fcllen, es g\u00e4be keine Kriege mehr!<br \/>\nV\u00f6llig ersch\u00f6pft und angefasst und auch verst\u00f6rt ging es nach Hause, und ich gebe zu, dass ich mir an einigen Stellen mit Kate nicht einig war \u2013 daf\u00fcr war ich viel zu angespannt gewesen, m\u00f6glichst nichts zu verpassen, und dazu waren ihre Lieder und Bilder zu sehr auch meine eigenen geworden, und es bedurfte eines langen Nachtgespr\u00e4chs, um das f\u00fcr mich zu kl\u00e4ren.<br \/>\nUm so g\u00f6ttlicher, noch einen zweiten Abend mit ihr zu haben \u2013 alles richtig gemacht!<br \/>\nAm zweiten Abend viel entspannter, viel offener, und vielleicht lag es nur an der eigenen Verfassung, der gesamte Abend schien noch viel herzlicher und liebevoller und offener und grandioser, ich konnte viel mehr da sein und genie\u00dfen. Das Publikum schien mir noch viel enthusiastischer und Kates Gesang noch viel runder und voller, und so manches Bild auf der B\u00fchne setzte sich doch noch mit den anderen zusammen. So viel Liebe in den Details und in den Querverweisen, welch grandiose Band und Backgrounds\u00e4nger, was f\u00fcr eine Person, Frau, K\u00fcnstlerin, S\u00e4ngerin, Performerin, Produzentin und: Seele!<\/p>\n<p>Was ein Privileg, drei volle Stunden lang in der Gedankenwelt von Kate Bush eintauchen zu d\u00fcrfen! Und das gleich zwei Mal \u2013 diese beiden Abende werden mich in diesem Leben nicht mehr verlassen.<\/p>\n<p>(Mit freundlicher Genehmigung von <a class=\"moz-txt-link-abbreviated\" href=\"http:\/\/www.luckystrikes.me\">www.luckystrikes.me<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wirklich und wortw\u00f6rtlich nicht zu beschreiben, ich mach&#8217;s einfach trotzdem \u2013 als Anker hier f\u00fcr mich. 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