{"id":2279,"date":"2014-08-10T08:50:03","date_gmt":"2014-08-10T06:50:03","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2279"},"modified":"2014-08-13T21:37:27","modified_gmt":"2014-08-13T19:37:27","slug":"herr-boettcher-und-das-innere-auge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=2279","title":{"rendered":"Herr  B\u00f6ttcher und das innere Auge"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/hb3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-1703 size-full\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/hb3.jpg\" alt=\"hb3\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/hb3.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/hb3-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Ich kenne nix, liebe Leser, was mehr hilft, sich an Vergangenes zu erinnern wie Musik. Ganz bestimmt erz\u00e4hle ich Ihnen da nichts Neues. Ganz unerwartet passiert es meist, dass man einen Song aus vergangenen Tagen h\u00f6rt und pl\u00f6tzlich ist man &#8211; vielleicht nur f\u00fcr Sekunden &#8211; wieder dort, wo man ihn zum ersten Mal geh\u00f6rt oder mit ihm etwas Besonderes erlebt hat. Obwohl man Jahre lang nicht daran gedacht hat, erscheint pl\u00f6tzlich alles wieder vor dem inneren Auge: die Stimmung des Lichts, der Geruch in der Luft und sogar das Muster des Hemdes, was man zu jenem Zeitpunkt getragen hat.<\/p>\n<p>Wir schreiben das Jahr 1980.<br \/>\nSch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher, anfangs ein Mustersch\u00fcler, wie er im Buche steht &#8211; immerhin sechs Jahre lang &#8211; ist zum Leidwesen seiner Eltern, zumindest, was die Einrichtung Schule betraf, zum L\u00fcmmel auf der letzen Bank mutiert. Die Eltern konnten ja nicht ahnen, dass Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher beschlossen hatte, sich eine gute Zeit zu machen und erst wieder zum Abitur zu lernen. Auch als Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher die 8. Klasse wiederholen musste, wich er nicht von seinem Vorhaben ab, erst wieder ein paar Jahre sp\u00e4ter mit dem Lernen anzufangen. Besch\u00e4mt kam die arme Mutter jedes Mal vom Elternsprechtag nach Hause.<br \/>\nWichtig waren jetzt erst andere Dinge. Zum Beispiel mit einem durchgezackten Laken um den Hals, sich als Batman durch Heimat-Citys Tiefgaragen zu k\u00e4mpfen. Oder von der Gemeinschaftsdachterrasse des 60-Mietparteinenkomplexes auf die anderen D\u00e4cher zu klettern. Schwimm- und Hallenbad waren wichtiger, Mittagsschlaf nach der Schule am allerwichtigsten, Freunde nach dem Mittagsschlaf treffen, und neue Freunde kennenlernen, Hund einer befreundeten Familie stundenlang spazieren f\u00fchren, zur Gro\u00dfmutter mit dem Rad fahren, um dort die Comics zu lesen, die einem die Eltern verboten hatten, weil man angeblich nachts davon so schlecht tr\u00e4umte, und die die Gro\u00dfmutter als geheime Verb\u00fcndete nun f\u00fcr den Enkel Herr B\u00f6ttcher kaufte, mit\u00a0 der Freundin M.M. Risiko und Monopoly spielen und Galopper (ein Brettspiel, was die beiden selbst erfunden hatten), &#8222;Das Leben des Brain&#8220; im Kino, &#8222;Die Blechtrommel&#8220; und &#8222;Kramer gegen Kramer&#8220;, &#8222;Den Herrn der Ringe&#8220; lesen und &#8222;Die drei Fragezeichen&#8220; und alles von Herrmann Hesse, das bescheidene und doch so aufregende Nachtleben entdecken, sich hier und da ungl\u00fccklich verlieben &#8230; und trotzdem war das Leben ein einziger, lachender Sommertag und die Schule eine nicht enden wollende, gro\u00dfe Pause. Unbestritten hatte auch Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher viele Sorgen und N\u00f6te, wie das eben so ist in der Endphase der Kindheit und der Hochphase der Pubert\u00e4t, ganz besonders in einer sehr beengenden Kleinstadt wie Heimat-City. Aber es hilft schon, wenn man sich durchs Leben lacht, heute wie damals und besonders in der Pubert\u00e4t. Und es hilft auch, heute wie damals, immer mal wieder Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren zu lesen:<br \/>\n&#8222;Aber nein&#8220;, sagte die Lehrerin, &#8222;8 und 4 ist 12.&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, meine kleine Alte, das geht zu weit&#8220;, sagte Pippi. &#8222;Eben erst hast du gesagt, dass 7 und 5 = 12 ist. Ordnung muss sein, selbst in einer Schule. \u00dcbrigens, wenn du so eine kindische Freude an solchen Dummheiten hast, warum setzt du dich nicht allein in eine Ecke und rechnest und l\u00e4sst uns in Ruhe, dass wir Haschen spielen k\u00f6nnen?&#8220;<br \/>\nAus irgendeiner Ecke drohte immer eine 5 auf dem Zeugnis zu landen: aus der mathematischen oder der physikalischen und nicht selten aus der englischen&#8230; Nichts half, Sch\u00fcler Herrn B\u00f6ttcher umzustimmen. Nicht die Aussicht, wenn das n\u00e4chste Zeugnis stimmen w\u00fcrde, einen Hund zu bekommen und auch nicht die harte Ma\u00dfnahme das Konfirmationsgeld nun f\u00fcr Nachhilfestunden verwenden zu m\u00fcssen. Auch die Nachhilfe brachte nicht wirklich das gew\u00fcnschte Ergebnis, weil Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher seinen zwei Jahre \u00e4lteren Nachhilfelehrer davon \u00fcberzeugen konnte, dass andere Dinge viel mehr Vergn\u00fcgen bereiteten, wie zum Beispiel: Wer kann am schnellsten einen Bleistift runterspitzen bis er vollkommen futsch ist. Und mal ehrlich: Wer l\u00e4sst sich nicht gern das Anspitzen von Bleistiften oder das Erz\u00e4hlen von Witzen bezahlen?<br \/>\nUnd so kam es, wie es kommen musste: Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher wurde im Sommer 1980 f\u00fcr f\u00fcnf Wochen nach Torquay (eine Stadt an der S\u00fcdk\u00fcste von England) zum Englischlernen geschickt. Sicherlich eine verzweifelte Ma\u00dfnahme der Eltern, denn so eine Reise hatte mit Sicherheit ein gr\u00f6\u00dferes Loch in die Haushaltskasse gerissen. Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher w\u00fcrde also bei einer Gastfamilie wohnen, vormittags mit anderen deutschen Pubertierenden (ca. 25 an der Zahl, die ebenfalls zum Englischlernen verschickt worden waren) im Unterricht sitzen und nachmittags unter Aufsicht der beiden deutschsprachigen Englischlehrer in Gruppen die Freizeit gestalten.<\/p>\n<p>Am 27. Juni 1980 ver\u00f6ffentlichte Kate Bush die Single &#8222;Babooshka&#8220; zirka zwei Wochen sp\u00e4ter traf Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher in England ein.<br \/>\nAn Babooshka ging kein Weg vorbei. \u00dcbrigens kannte Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher Musikerin Kate Bush schon. Sein damals bester Freund besa\u00df &#8222;The Kick Inside&#8220; und &#8222;Lionheart&#8220; und h\u00f6rte diese rauf und runter. Herr B\u00f6ttcher konnte nicht sagen, dass ihm die Musik von Kate Bush nicht gefiel, aber gepackt hatte sie ihn zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Doch Babooshka kam \u00fcber Sch\u00fcler Herrn B\u00f6ttcher wie Kekse \u00fcber das Kr\u00fcmelmonster. Er kaufte sich die Single und dann auch die beiden ersten Longplays &#8211; &#8222;Never for Ever&#8220; kam erst im September heraus &#8211; und gelegentlich durfte er sich die Platten auf der Anlage der Gastfamilie anh\u00f6ren.<br \/>\nFreizeitgestaltung der englischlernenden Pubertierenden.<br \/>\nSaturday Night.<br \/>\nDie Jugendlichen wurden mit dem Bus aufs Land oder an den Stadtrand gefahren. In einer Scheune sollten sie bei farbenfrohen Fruchtgetr\u00e4nken und unterhaltsamer Musik auf andere Jugendliche treffen. Mit anderen Worten: Disko in der Scheune. Schummriges, goldbraunes Licht, der Geruch von Heu und Holz und Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher bekleidet mit einer dunkelbraunen Cordhose und einem l\u00e4ngsgestreiftem Hemd in Braun- und Gr\u00fcnt\u00f6nen. Ein Tanzwettbewerb wurde ausgerufen. Die Jugendlichen sollten frei Schnauze oder besser frei Bein nach der Musik tanzen. Es wurden drei Preise versprochen. Und da Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher schon immer gern nach Pop- und Diskomusik tanzte, befand er sich ohnehin auf der Tanzfl\u00e4che. Ja &#8211; und da kamen sie &#8230; die ersten Takte von Babooshka &#8230;\u00a0 Bis zu diesem Moment hat Sch\u00fcler Herr B\u00f6ttcher selbst gar nicht gewusst, dass es so etwas gibt wie &#8230; Ausdruckstanz&#8230; Und vermutlich auch nicht, was man alles beim Ausdruckstanzen so anstellen kann mit den Armen und den Beinen und dem Kopf &#8230; Und wie ruckartig und auch geschmeidig sich der K\u00f6rper bewegen konnte. Leider wei\u00df Herr B\u00f6ttcher nicht mehr, wo der erste Preis &#8211; ein Schl\u00fcsselanh\u00e4nger &#8211; abgeblieben ist. Damals war er jedenfalls auf der R\u00fcckreise von Torquay nach Heimat-City zusammen im Koffer mit den Kate-Bush-Schallplatten. Seitdem ist Herr B\u00f6ttcher auch niemals wieder in England gewesen, aber gegen den Lockruf von Kate Bush ist selbst der manchmal recht eigenwillige Herr B\u00f6ttcher machtlos. All we&#8217;re ever looking for is another open door. All we ever look for&#8211;another womb. All we ever look for&#8211;our own tomb. All we ever look for&#8211;ooh, la lune. All we ever look for&#8211;a little bit of you, too. All we ever look for, but we never do score.<\/p>\n<p><strong>Herr B\u00f6ttcher f\u00e4hrt nach London. Zu Kate. Und wir begleiten ihn. Oder er uns.<\/strong><br \/>\nAlle Kolumnen von Herrn B\u00f6ttcher gibt es <a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?page_id=1715\" target=\"_blank\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kenne nix, liebe Leser, was mehr hilft, sich an Vergangenes zu erinnern wie Musik. Ganz bestimmt erz\u00e4hle ich Ihnen da nichts Neues. 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