{"id":2064,"date":"2014-08-03T07:21:13","date_gmt":"2014-08-03T05:21:13","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=2064"},"modified":"2014-07-27T23:21:49","modified_gmt":"2014-07-27T21:21:49","slug":"kate-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=2064","title":{"rendered":"Kate und das Eigenleben ihrer Songs (I)"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/ruthback.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2146\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/ruthback.jpg\" alt=\"ruthback\" width=\"620\" height=\"615\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/ruthback.jpg 620w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/ruthback-150x150.jpg 150w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/ruthback-300x297.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Wenn Kate Bush im August erstmals seit 35 wieder ein Konzert geben wird und dabei der Songzyklus &#8222;The Ninth Wave&#8220; vom 1985er Album &#8222;Hound of Love&#8220; im Mittelpunkt stehen wird, ist es nat\u00fcrlich spannend zu sehen, wie Kate selbst ihr damaliges Album bewertet hat. F\u00fcr das &#8222;Fachblatt Musikmagazin&#8220; (das bis 1998 existierte) hat im November 1985 der Journalist Andreas Hub das Gl\u00fcck gehabt, Kate interviewen zu k\u00f6nnen &#8211; unter besonderen Begleitumst\u00e4nden, wie er damals selbst beschrieb. Im August 1985 wurde Hub der Interviewtermin avisiert &#8211; und kurz drauf wieder abgesagt. Im September dann der zweite Anlauf &#8211; ein Interview zur Funkausstellung in Berlin. &#8222;Wunderbar, dachte ich, setzte mich ins Auto, eine Vorabkassette der neuen LP &#8222;Hounds Of Love&#8220; im Recorder, und fuhr los &#8211; nicht wissend, dass zur gleichen Zeit alle 25 Interviews ersatzlos abgeblasen wurden, Stern und andere hochkar\u00e4tige Publikationen eingeschlossen. Treffpunkt Steigenberger Hotel Berlin, ich p\u00fcnktlich und immer noch nichtsahnend, sie nat\u00fcrlich nicht da, von der Plattenfirma auch keiner&#8220;, schrieb Hub damals. Und nat\u00fcrlich wohne sie auh gar nicht in dem Hotel. Und w\u00e4hrend der Mann am Empfang das sagte, passierte, ws jeder aus dem Abba-Film zur Australien-Tour kennt: &#8222;Im selben Augenblick \u00f6ffnet sich neben mir eine Fahrstuhlt\u00fcr &#8211; und sie steht vor mir. Kein Manager, niemand, der mich abwimmelt, dazwischen. Ich sage &#8218;Hallo, ich m\u00f6chte gerne ein Interview mit dir machen!&#8216; Sie sagt, sehr englisch, sehr h\u00f6flich, sehr bestimmt: &#8218;Tut mir leid, ich habe alle Interviews abgesagt, weil ich keine Zeit habe.&#8216; Aber sie bleibt wenigstens einen Moment stehen und rennt nicht vorbei. Du hast keine Chance, aber nutze sie&#8230;&#8220; Also dr\u00fcckt Hub auf die Tr\u00e4nendr\u00fcse: &#8222;&#8218;H\u00f6r mal, auf diesen Moment habe ich sieben Jahre gewartet und hab&#8216; jetzt 1000 km Autofahrt auf mich genommen. K\u00f6nnen wir das Interview nicht trotzdem machen?&#8216; Sie wieder, sehr englisch, sehr h\u00f6flich und ein bisschen ger\u00fchrt: &#8218;Warte hier &#8211; ich guck&#8216; mal eben, was wir machen koennen&#8230;&#8216; Nach f\u00fcnf Minuten kommt sie wieder, komplimentiert mich unter einem Schwall von Entschuldigungen an einen Tisch &#8211; und legt los, erst 20 Minuten, schlie\u00dflich fast eine Stunde.&#8220; Und so kam Andreas Hub zu dem nachfolgenden Interview, dass wir hier mit seiner Genehmigung aus gegebenem Anlass noch einmal ver\u00f6ffentlichen d\u00fcrfen. Und weil das Interview nicht nur 20 Minuten gedauert und etwas l\u00e4nger geraten ist, erscheint es hier in vier Teilen. Im ersten Teil geht es unter anderem um den Song &#8222;Hello Earth&#8220;.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Andreas Hub: Nachdem ich ein Interview der amerikanischen Zeitschrift &#8222;Keyboard&#8220; mit dir gelesen hatte, erwartete ich eigentlich eine reine Fairlight-LP. Stattdessen gibt es eine Menge akustische Parts und sogar wieder ganz ruhige Klavierst\u00fccke, fast so wie auf deiner ersten LP.<\/p>\n<p>KATE BUSH: Interessanter Eindruck&#8230; Mir kommt es n\u00e4mlich ganz anders vor. Ich finde, es ist mein bisher am wenigsten vom Piano gepr\u00e4gtes Album geworden, weil ich beim Komponieren mehr oder weniger ganz auf den Fairlight umgestiegen bin. Alles, was man jetzt an Piano h\u00f6rt, habe ich erst hinterher zugef\u00fcgt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Du hast, genau wie bei &#8222;The Dreaming&#8220;, wieder selbst produziert&#8230;<\/p>\n<p>KATE: Ja, ich habe nach dem letzten Album mein eigenes Studio eingerichtet, und dadurch sind die Grenzen zwischen Komponieren, Aufnehmen und Produzieren noch flie\u00dfender geworden. Das ganze ist ein sehr organischer Prozess, weil alles nebeneinander und gleichzeitig passieren kann. Es gibt keine Demos im eigentlichen Sinne mehr. Ich nehme etwas auf der 24-Spur-Maschine auf und arbeite damit weiter, so dass das Demo im Prinzip schon das sp\u00e4tere Master ist.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Aber das kann doch nicht immer so ganz reibungslos ablaufen. Wie viele Versionen gibt es von einer Idee, bis ein fertiges St\u00fcck daraus wird?<\/p>\n<p>KATE: Erstaunlicherweise hat es nur zwei oder drei St\u00fccke gegeben, die noch eine dramatische \u00c4enderung erfahren haben. Die Basis f\u00fcr ein St\u00fcck habe ich meist sehr schnell, die Ideen kommen oft explosionsartig, ein paar Melodiefetzen, ein paar Textfragmente. Aber bis das St\u00fcck dann ganz fertig ist, kann es sehr lange dauern und h\u00e4ngt nat\u00fcrlich von der Komplexit\u00e4t eines Songs ab. In anderen F\u00e4llen habe ich die ganze Komposition fertig und bleibe dann pl\u00f6tzlich beim Text stecken.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Greifen wir mal ein Beispiel raus, den Titel &#8222;Hello Earth&#8220;. Da kommt erst eine sehr sanfte, von dir gesungene Melodie, w\u00e4hrend der von einem Chor gesungene Refrain dazu in einem sehr strengen und abrupten harmonischen Kontrast steht. Das h\u00f6rt sich sehr zusammengesetzt an, als w\u00e4re es nicht in einem Rutsch entstanden.<\/p>\n<p>KATE: Die &#8222;Initialz\u00fcndung&#8220; kam hier mit der Idee zum Inhalt des Songs, die die Struktur bestimmte. Die Strophe habe ich zuerst aufgenommen und auf den Teil f\u00fcr den Refrain nur eine Pilotspur mit einem Piano bespielt. Dann kamen die Musiker von der irischen Gruppe Planxty dazu und dann der Chor.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Hattest du daf\u00fcr immer echte Stimmen vorgesehen oder auch erst Stimmen aus dem Fairlight benutzt?<\/p>\n<p>KATE: Es war immer klar, dass da ein echter Chor hinmusste. Nur die Auswahl der S\u00e4nger erwies sich als sehr schwierig. Dieser Refrain basiert auf einem Traditional, das ich irgendwann mal aufgeschnappt hatte. Was ich mir vorstellte, waren nicht so sehr klassische Chorstimmen, sondern welche, die irgendwie unheimlich und auch ein bisschen feierlich klingen mussten. Auf der anderen Seite gab es das Problem, keinen Druck auszu\u00fcben und die Leute so nat\u00fcrlich wie m\u00f6glich singen zu lassen, weil gerade bei Chorgesang schnell eine posenhafte K\u00fcnstlichkeit aufkommt. Zum Gl\u00fcck kannte ich \u00fcber einen Gig, den ich mal mit dem London Symphony Orchestra hatte, einen Mann namens Richard Hickox, der unheimlich viel Erfahrung mit Chorstimmen hatte. Ich habe ihn die S\u00e4nger aussuchen lassen. F\u00fcr mich war das ganze eine ungemein spannende Erfahrung, weil ich nie zuvor mit einem Chor gearbeitet hatte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Klingt fast nach M\u00f6nchen, die sakrale Musik singen.<\/p>\n<p>KATE: Klingt ziemlich religi\u00f6s, was?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Mir scheint der Song in der Tat eine \u00fcbertragene spirituelle Bedeutung zu haben. Ins Fade Out sprichst du ja auf Deutsch die Worte &#8222;Irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht.&#8220;<\/p>\n<p>KATE: Ja, das St\u00fcck ist der H\u00f6hepunkt der zweiten Seite, die einen durchlaufenden Handlungsfaden hat (dazu sp\u00e4ter mehr). Es ist sowas wie ein Fiebertraum, das Delirium, bevor der letzte Song kommt, der ganz anders ist, von Hoffnung, Licht und dem anbrechenden Morgen handelt. &#8222;Hello Earth&#8220; ist \u00fcber den Punkt, an dem du nicht weiterkannst, wo du sehr schwach bist. Und da bist du vielleicht bereit, die Dinge zu akzeptieren, jetzt, wo du am Ende deiner Reise angekommen bist. Du hast die Wahl: Dich zu \u00e4ndern oder weiterzumachen und zu sterben. Das hat nat\u00fcrlich auch eine religi\u00f6se Komponente. Aber es f\u00e4llt mir schwer, dar\u00fcber zu reden, bzw. das zu erkl\u00e4ren. W\u00e4hrend der Arbeit an den St\u00fccken wei\u00df ich sowas viel genauer, wahrscheinlich, weil ich mich im Moment des Entstehens viel st\u00e4rker mit dem verbunden f\u00fchle, was da aus mir rauskommt. Wenn die St\u00fccke dann fertig sind, wollen sie f\u00fcr sich selbst sprechen. Sie sind dann nicht mehr l\u00e4nger ein Teil von mir, sondern entwickeln ein Eigenleben.<\/p>\n<p>(Mit bestem Dank an Andreas Hub.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Kate Bush im August erstmals seit 35 wieder ein Konzert geben wird und dabei der Songzyklus &#8222;The Ninth Wave&#8220; vom 1985er Album &#8222;Hound of Love&#8220; im Mittelpunkt stehen wird, ist es nat\u00fcrlich spannend zu sehen, wie Kate selbst ihr damaliges Album bewertet hat. 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