{"id":1070,"date":"2013-09-27T07:07:49","date_gmt":"2013-09-27T05:07:49","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=1070"},"modified":"2017-07-23T09:55:18","modified_gmt":"2017-07-23T07:55:18","slug":"1070","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/morningfog.de\/?p=1070","title":{"rendered":"&#8222;Metaphern f\u00fcr eine erbarmungslose Gesellschaft&#8220;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_1084\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/paul-sanker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1084\" class=\"size-full wp-image-1084\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/paul-sanker.jpg\" alt=\"paul-sanker\" width=\"350\" height=\"503\" srcset=\"https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/paul-sanker.jpg 350w, https:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/paul-sanker-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1084\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Privat<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr die Science Fiction Kurzgeschichten-Sammlung &#8222;Die gro\u00dfe Streifenl\u00fcge&#8220; hat Paul Sanker unter dem Pseudonym Abel Inkun die Geschichte &#8222;Geboren am 20. Juli&#8220; beigesteuert. Die spielt in einer Zeit, in der die Menschen ihren Geist digitalisiert haben. Maschinen-Menschen bewachen riesige Anlagen von Computerservern, auf denen die menschlichen Bewusstseinsinhalte gespeichert sind. Hauptprotagonist Benjamin, einer der Maschinen-Menschen, rebelliert. Alle Geschichten in dem Buch wurden durch Lieder von Kate inspiriert. Bei &#8222;Geboren am 20. Juli&#8220; war es der Song &#8222;Wild Man&#8220;. Paul Sanker schreibt dazu: &#8222;Inspiriert zu der Story hat mich Kate Bushs Single \u00bbWild man\u00ab, eine Art Ode an den Yeti. Der gro\u00dfe Alte der schneebedeckten Berge, den die Menschen gleichzeitig f\u00fcrchten und verehren. Das einsame Ungeheuer, das man jagen und t\u00f6ten will, dem man aber gleichzeitig wie einem Gott huldigt.&#8220; Im Interview spricht Paul Sanker \u00fcber d\u00fcstere Zukunftsvisionen, das n\u00f6tige Besinnen auf neue Ziele &#8211; und nat\u00fcrlich die Musik von Kate Bush. Paul Sanker ist Jahrgang 1958, lebt in K\u00f6ln und arbeitet als Neurochirurg in Aachen.<\/p>\n<p><em>Du hast in einem Interview mal gesagt, dass Du keine strahlenden Helden magst, die auf einem wei\u00dfen Pferd dahergeritten kommen, um die Welt zu retten. Dabei liebt doch jeder strahlende Helden. Warum magst Du sie nicht?<br \/>\n<\/em><strong>Paul Sanker:<\/strong> Weil sie im wahren Leben definitiv nicht existieren! Sicher gibt es Zeitgenossen, die auf einer Werteskala eher zur Kategorie &#8222;gut&#8220; und andere in das T\u00f6pfchen &#8222;b\u00f6se&#8220; einzuordnen sind. Obwohl sich bereits bei dieser Kategorisierung schwierige Fragen hinsichtlich der Definition von &#8222;Gut&#8220; und &#8222;B\u00f6se&#8220; ergeben. Auf alle F\u00e4lle geh\u00f6ren aber zu\u00a0 jedem Menschen Ecken und Kanten&#8230; und auch geheime Abgr\u00fcnde, \u00fcber die niemand reden m\u00f6chte &#8211; und auch nicht sollte! Ich sch\u00e4tze es sehr, wenn jemand ehrlich und offen im Dialog mit mir ist. Gutmenschen und &#8222;political correctness&#8220; sind mir dagegen ein Greuel. Nat\u00fcrlich sehe ich, dass in der heutigen Gesellschaft die L\u00fcge Konjunktur hat, und damit meine ich nicht nur die Politik.<\/p>\n<p><em>Der Protagonist von\u00a0 &#8222;Geboren am 20. Juli&#8220; strahlt zwar nicht, aber letztlich ist er doch der Held und will mit seinen Mitteln die Welt retten. Ist das kein Widerspruch?<\/em><br \/>\n<strong>Paul Sanker:<\/strong> Ich sehe Benjamin eher als Revolution\u00e4r gegen ein System, das am Ende ist. Die geschilderte Gesellschaft hat keine Chance mehr, sich weiter zu entwickeln. Die Oberschicht besteht aus einer dekadenten Kaste virtueller Bewusstseinsinhalte, die sich vom wahren Leben abgewendet hat. Die Realit\u00e4t, das K\u00f6rperlich\/Kreat\u00fcrliche, sind ihnen fremd und bedrohlich geworden. Darum muss es vernichtet werden. Benjamin, als Cyborg mit menschlichem Gehirn, ist dagegen ein Mittelding. Er sitzt sozusagen zwischen den St\u00fchlen. Er geh\u00f6rt weder zu den &#8222;Essentials&#8220; im virtuellen Netz\u00a0 noch zu den in den W\u00e4ldern lebenden &#8222;Pets&#8220;. Trotzdem muss er sich entscheiden, zu welcher Fraktion er sich z\u00e4hlt. Mit seiner Entscheidung geht er ein Risiko ein. Wenn am Ende das etablierte System die Oberhand beh\u00e4lt, dann ist er kein &#8222;Held&#8220; sondern nur ein gef\u00e4hrlicher Terrorist, der die Ordnung gef\u00e4hrdet hat. So ist das nun einmal in unserer Welt: &#8222;The winner takes it all&#8230;&#8220; H\u00e4tte Luzifer mit seiner Revolte gegen Gott Erfolg gehabt, dann w\u00fcrde heute niemand so schlecht \u00fcber den Teufel reden&#8230;<\/p>\n<p><em>Du hast vor f\u00fcnf Jahren angefangen vorwiegend Kurzgeschichten zu ver\u00f6ffentlichen. Viele davon im Science Fiction-Genre. Die Zukunft, die Du in dieser Geschichte entwirfst, klingt sehr d\u00fcster, und ob es ein Happy End gibt, bleibt ebenfalls offen. Wieviel Gegenwart steckt in Deiner Zukunftsvision?<\/em><br \/>\n<strong>Paul Sanker:<\/strong> Meine Zukunfts-Visionen sind in der Regel d\u00fcster, also Dystopien. Das mag an meinem Grundcharakter liegen, der eher pessimistisch gef\u00e4rbt ist. Ich erwarte nicht viel Gutes von der Gesellschaft, freue mich aber umso mehr, wenn sich die Dinge besser entwickeln als bef\u00fcrchtet. Man kann diese Haltung ruhig \u201ezweckpessimistisch\u201c nennen. Vielleicht trifft das auch f\u00fcr \u00a0meine Beurteilung der heutigen Gesellschaft zu. Sie ist in meinen Augen k\u00e4lter und oberfl\u00e4chlicher geworden als sie es z.B. in den 70er oder 80er Jahren war. Die Menschen h\u00e4ngen zu sehr am \u00c4u\u00dferen, anstatt sich mehr auf innere Werte zu konzentrieren. Was z\u00e4hlt ist Jugend und Geld. Immer h\u00f6her und weiter lautet die Devise, obwohl jeder erkennen kann, dass das Ende der Wachstumsgesellschaft l\u00e4ngst gekommen ist. Ein Umdenken und Besinnen auf neue Ziele ist erforderlich. Leider erkennt der Mensch meistens erst, dass sein bisheriger Weg endet, wenn er dicht vor dem Abgrund steht.<\/p>\n<p><em>Ist es nicht sehr zynisch, dass in der von Dir skizzierten Gesellschaft alle Probleme, die uns heute belasten, \u00fcberwunden sind, die Zukunft aber dennoch alles andere als Positiv erscheint?<\/em><br \/>\n<strong>Paul Sanker:<\/strong> Zynismus ist die Waffe derjenigen die versuchen, der tr\u00e4gen Masse Missst\u00e4nde unter die Nase zu reiben, die zum Himmel stinken aber trotzdem ignoriert werden. In Wahrheit wurden durch die Flucht in die Virtualit\u00e4t keine Probleme gel\u00f6st. Die Menschheit hat sich nur in einen ewigen Traum gefl\u00fcchtet. Heutzutage braucht man dazu noch Alkohol oder Drogen. Der Beantwortung seiner urspr\u00fcnglichen Grundfragen ist der Mensch dadurch keinen Schritt n\u00e4her gekommen: Wozu lebe ich? Was ist meine Bestimmung? Welche Aufgaben habe ich zu erf\u00fcllen? Zynisch dabei ist vor allem die Wahrheit, dass es der Erde, der Natur (und Gott?) v\u00f6llig schnurzegal ist, ob sich die Menschheit irgendwo im Abseits verkriecht. Das Leben geht weiter \u2013 ob mit oder ohne die \u201eKrone der Sch\u00f6pfung\u201c.<\/p>\n<p><em>Inspirationsquelle f\u00fcr Dich war in diesem Fall der Song &#8222;Wild man&#8220; von Kate Bush. Wie kommt es, dass ein Neurochirurg, der \u00fcber Cyborgs schreibt, sich von einem Song eines Albums inspirieren l\u00e4sst, auf dem die K\u00fcnstlerin in sehr unterschiedlichen Varianten dem Thema Schnee huldigt?<\/em><br \/>\n<b>Paul Sanker: <\/b>Ehrlich gesagt steckt in der Story auch jede Menge Inspiration aus dem Song \u201eArmy dreamers\u201c, wo es um einen Jungen geht, der aus einem sinnlosen Krieg \u00a0im Sarg nach Hause kommt, bevor er die Chance bekam, sein Leben zu leben. Benjamins Hirn steckt ja im wahrsten Sinne des Wortes als Cyborg in einem Metall-Sarg. Auch er hatte einmal den Wunsch gehabt, ein normales Leben mit Frau und Kindern zu haben. In \u201eWild Man\u201c geht es eher um den einsamen Mann, den Au\u00dfenseiter, den man f\u00fcrchtet und meidet. Er lebt im Schnee, im schroffen unwirtlichen Gebirge. Man kann dieses Bild durchaus wieder als Metapher f\u00fcr die kalte, erbarmungslose Gesellschaft nehmen. Mit dem \u201eNeurochirurgen\u201c hat das eigentlich wenig zu tun. Heute wei\u00df ich, dass ich einst dieses Fach gew\u00e4hlt habe, weil ich glaubte, dass das Gehirn der wichtigste Teil des Menschen sei \u2013 als Ursprungsort der Seele gewisserma\u00dfen. Heute sehe ich das differenzierter. Wahrscheinlich h\u00e4tte ich mich jetzt eher f\u00fcr die Kinderheilkunde entschieden. Was gibt es wichtigeres und sch\u00f6neres, als Leib und Seele unserer Kinder zu sch\u00fctzen?<\/p>\n<p><em>Was bedeutet die Musik von Kate Bush f\u00fcr Dich? Auf eine \u00e4hnliche Art wie Du erz\u00e4hlt sie ja auch Geschichten, die manchmal ebenfalls verst\u00f6rend sein k\u00f6nnen.<\/em><br \/>\n<strong>Paul Sanker:<\/strong> Kate Bush geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den vier Song-Interpreten, die am ehesten mein innerstes Wesen ber\u00fchren. Neben Kate Bush sind das noch David Bowie, Brian Ferry und Leonard Cohen. Ihre Lieder sind nicht immer eing\u00e4ngig und gef\u00e4llig. Wie gesagt: ich liebe es \u201eehrlich\u201c und \u201ewahrhaftig\u201c. Heile Welt und Verdr\u00e4ngung bringen uns nicht weiter. Schaut der Wahrheit ins Auge! Vor allem ein Arzt muss das tun. Er kann seinem Krebs-Patienten nichts vormachen. Das Leben ist nun einmal so&#8230; Yin und Yang. Der Fehler vieler Menschen besteht darin, dass sie immer nach den Extremen gieren: supersch\u00f6n, superreich, ewig jung&#8230; Darum k\u00f6nnen sie mit der anderen Seite der Medaille nicht fertig werden: alt werden, arm sein, krank werden. Das wirft viele v\u00f6llig aus der Bahn! Mein Anspruch ist dagegen, ein Leben in Zufriedenheit zu f\u00fchren \u2013 egal, was kommt. Kate Bushs Lieder sind nicht \u201eweichgesp\u00fclt\u201c und gef\u00e4llig. Genauso wenig sind es die Geschichten, die sie erz\u00e4hlt und die Typen, die sie beschreibt.<\/p>\n<p><em>W\u00fcrde ein praktizierender Neurochirurg eigentlich an einer Patientin verzweifeln, die ihrem Arzt beichtet, dass sie ein Lied \u00fcber Sex mit einem Schneemann geschrieben hat?<\/em><br \/>\n<strong>Paul Sanker:<\/strong> Ich w\u00fcrde eher an einem Patienten verzweifeln, dessen Fantasie nicht ausreicht, sich den Inhalt eines solchen Liedes bildlich vorzustellen.<\/p>\n<p><i>\u00a0<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Science Fiction Kurzgeschichten-Sammlung &#8222;Die gro\u00dfe Streifenl\u00fcge&#8220; hat Paul Sanker unter dem Pseudonym Abel Inkun die Geschichte &#8222;Geboren am 20. Juli&#8220; beigesteuert. Die spielt in einer Zeit, in der die Menschen ihren Geist digitalisiert haben. Maschinen-Menschen bewachen riesige Anlagen von Computerservern, auf denen die menschlichen Bewusstseinsinhalte gespeichert sind. 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