{"id":6778,"date":"2023-01-24T09:24:58","date_gmt":"2023-01-24T08:24:58","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6778"},"modified":"2023-01-24T09:25:00","modified_gmt":"2023-01-24T08:25:00","slug":"das-song-abc-james-and-the-cold-gun","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6778","title":{"rendered":"Das Song-ABC: James And The Cold Gun"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"95\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2606\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg02-640.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"446\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg02-640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6779\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg02-640.jpg 640w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg02-640-300x209.jpg 300w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg02-640-605x422.jpg 605w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJames And The Cold Gun\u201c ist ein Song vom Deb\u00fctalbum \u201eThe Kick Inside\u201c, den das Publikum nicht so im Blick hat. Graeme Thomson hat Recht damit, dass er \u201eein ordentlicher Rocksong mit viel Dramatik ist, [der] das Album vielseitig macht und besonders live zu Leben erwacht\u201c [1, S. 121]. Viel mehr Aufmerksamkeit wird dem Song von den Biographen leider nicht geschenkt, was unverdient ist (dazu sp\u00e4ter mehr). Interessant ist f\u00fcr die Biographen die Geschichte des Songs.<br>Kate Bush hat \u201eJames And The Cold Gun\u201c Anfang der siebziger Jahre geschrieben [4]. Offenbar wurde hier die Melodie einer noch fr\u00fcheren Komposition \u201ePick the rare flower\u201c genommen und mit einem neuen Text versehen [1, S.88]. Als Kate Bush zu Beginn ihrer Karriere mit ihrer \u201eKT Bush Band\u201c in Pubs auftrat, geh\u00f6rte das Lied zu den Rennern. Er eignet sich mit seinem vorw\u00e4rtstreibenden 4\/4-Takt [2] auch wunderbar f\u00fcr Liveauftritte. Auf dem Deb\u00fctalbum ist er eindeutig der rockigste Track, der geradezu danach ruft, auf einer B\u00fchne pr\u00e4sentiert zu werden. Er hat eine gewisse Fr\u00f6hlichkeit und Leichtigkeit, die daf\u00fcr genau richtig ist.<br>Der Song sollte nach dem Willen der EMI die erste Single von Kate Bush werden [1, S.120], der Plattenfirma erschien dies wohl gerade wegen der Eing\u00e4ngigkeit als die beste Wahl. Ich kann dies nachvollziehen: wenn man eine neue K\u00fcnstlerin der Welt vorstellen will, dann versucht man etwas Zug\u00e4ngliches zu nehmen. Aus Sicht einer Plattenfirma w\u00e4re die Chance da gewesen, dass der Song in den Charts gut abgeschnitten h\u00e4tte. Ich glaube aber, dass es keine gute Entscheidung gewesen w\u00e4re. \u201eThe Kick Inside\u201c ist voll mit unkonventionellen, \u00fcberraschenden Songs, man h\u00e4tte mit einer Rocknummer wie \u201eJames And The Cold Gun\u201c falsche Erwartungen erweckt. Er ist nun einmal viel konventioneller klingend als der Rest. Nein, es war gut, dass sich Kate Bush mit \u201eWuthering Heights\u201c gegen EMI durchgesetzt hat, dem wohl unkonventionellsten aller Deb\u00fcts \u00fcberhaupt. Kate Bush begr\u00fcndet ihre Entscheidung sehr klar so: \u201eI felt that to actually get your name anywhere, you&#8217;ve got to do something that is unusual, because there&#8217;s so much good music around and it&#8217;s all in a similar vein. It was, musically, for me, one of my strongest songs. It had the high pitch and it also had a very English story-line which everyone would know because it was a classic book.&#8220; [5]<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg04-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"400\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg04-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6780\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg04-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg04-400-300x300.jpg 300w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg04-400-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich nicht ganz nachzuvollziehen ist aber, warum \u201eJames And The Cold Gun\u201c dann keine Folgesingle geworden ist. Er h\u00e4tte Erfolg gehabt, h\u00e4tte eine ganz andere Seite von Kate Bush gezeigt. Manchmal ist die Musikwelt eben ein R\u00e4tsel. Aber vielleicht ist der Song wirklich live am besten aufgehoben. Es ist ein Song f\u00fcr das Kneipenpublikum, passend zu Marvin Gaye und den Rolling Stones [1, S.97]. Der Auftritt dazu wurde mit Trockeneismaschine und Gewehrattrappen aufgepeppt. [1, S.97]. Brian Bath, Mitglied der \u201eKT Bush Band\u201c, schildert den Auftritt eindr\u00fccklich: \u201eRob got a dry ice machine from somewhere. We used that on stage for &#8218;James And The Cold Gun&#8216; and it looked great. We had a bit of a show going! Kate did a costume change, she&#8217;d put on a bloomin&#8216; Western cowgirl dress for the second set! The theatrical thing was starting to get there\u201c [4]. Auch bei Del Palmer hinterlie\u00df der Auftritt bleibende Eindr\u00fccke: \u201eShe was just brilliant, she used to wear this big long white robe with coloured ribbons on or a long black dress with big flowers in her hair. She did the whole thing with the gun and [the audience] just loved it. She&#8217;d go around shooting people.&#8220; [4]<br>In der \u201eTour of Life\u201c 1979 wurde der Song mit aufgenommen und diese Bilder wurden fast identisch \u00fcbernommen, Kate Bush nutzte Elemente dieser Original-Performances von 1977 [4]. Es war unbestritten der H\u00f6hepunkt und Schlusspunkt der Show vor den Zugaben. Kate Bush schie\u00dft zum Abschluss alle nieder, Graeme Thomson nennt das eine \u201eumwerfende dramatische Verk\u00f6rperung weiblicher sexueller Macht\u201c [1, S. 174]. Das ist schon eine interessante Geschichte rund um diesen Song, die Biographen lassen es dabei bewenden. Aber hinter der Leichtigkeit verbergen sich doch \u00fcberraschend spannende Details, die \u201eJames And The Cold Gun\u201c auf verborgene Weise tiefgr\u00fcndig machen.<br>Interessant ist der Blickwinkel der Geschichte. James ist nicht da, die Protagonistin singt ihn in Abwesenheit an, zusammen mit vielen weiteren Stimmen im Hintergrund. James ist abwesend, seine Freunde wollen ihn dazu bringen, wieder zur\u00fcckzukommen: \u201eJames come on home\u201c [2]. Wer ist \u00fcberhaupt dieser geheimnisvolle James? Dar\u00fcber kann man viele Spekulationen im Internet finden, es geht von James Bond bis hin zu einem Verweis auf den Thriller \u201eThe Day Of The Jackal\u201c von Frederick Forsyth [6]. \u00dcberzeugend ist das nicht, denn daraus spiegelt sich nichts im Song wieder, es gibt kein Echo. Kate Bush behauptet, James sei einfach nur ein Name: \u201eI&#8217;ve had lots of letters about this, many from people called James, with plenty of suggestions for identities of the \u201eJames&#8220;, but the answer is: nobody. When I wrote the song, James was the right name for it\u201c [7].<br>Aber vielleicht l\u00e4sst sich doch eine Inspirationsquelle finden, wenn man sich den Text und die Szenerie des Songs anschaut. F\u00fcr mich scheint er in einer Art Western-Welt zu spielen. Der Text ist voller Western-Stereotype: da ist Jeannie in ihrem Messingbett, wartend, da ist die Gang, die sich betrinkt: \u201eShe&#8217;s still a-waiting in the big brass bed \/ The boys from your gang are knocking whiskey back\u201c [2]. Also ist James vielleicht ein Echo von Jesse James, dem Western-Outlaw. \u201eJames, are you selling your soul to a cold gun?\u201c, das passt dazu. Interessanterweise findet sich das Messingbett mit der wartenden Frau auch im Song \u201eLay Lady Lay\u201c von Bob Dylan aus dem Jahr 1969 wieder: \u201eLay, lady, lay \/ Lay across my big brass bed\u201c [9]. Das ist ein Song, den man dem Genre Country zuordnen k\u00f6nnte, auch das passt zum Western-Thema.<br>Spannend ist, wie Kate Bush nun mit diesem Westernthema umgeht. Der Held ist nicht da, der Held ist abwesend, das ist ungew\u00f6hnlich. Jeannie wartet, auch seine Gang, und alle machen dem Helden Vorw\u00fcrfe: \u201eYou&#8217;re running away from humanity \/ You&#8217;re running out on reality\u201c [8]. Im Hintergrund des Songs h\u00f6rt man die Begleitstimmen, von Kate Bush gesungen, die in den Rollen der unterschiedlichen Figuren schimpfen [1, S.111].<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-full\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg01-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"300\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg01-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6781\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg01-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/jatcg01-400-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Christine Kelley hat es in einem Essay \u00fcber diesen Song [8] gut erkannt: Kate Bush beschreibt einen Western, der von seinem Helden verlassen wurde und pr\u00e4sentiert uns in \u201eJames and the Cold Gun\u201c ein Genre, das mangels eines Protagonisten auseinanderf\u00e4llt. Ohne den Helden ist kein Licht: \u201eYou left us to fight \/ But it just ain&#8217;t right to take away the light\u201c [2]. Auf leichte, lockere und doch dunkle Art hat Kate Bush einen Western um 180 Grad gewendet &#8211; und fast niemand hat es je bemerkt. Die Gestaltung der Tonarten passt zu dieser hintergr\u00fcndigen Dunkelheit. Der Song ist in b-Moll notiert [2]. Auf \u201eJeannie\u201c wechselt die Tonart im Chorus auf die Paralleltonart Des-Dur. Zum Schluss des Songs wechseln sich b-Moll- und Des-Dur-Akkorde ab, es endet auf b-Moll [2]. Nach Beckh [3] ist b-Moll eine ganz d\u00fcstere Tonart, es ist die \u201eTodestonart\u201c, die \u201eTonart des Sterbens\u201c. In Des-Dur kommt \u201eein sinnliches Element, eine gewisse sinnliche S\u00fc\u00dfe\u201c dazu [3]. \u201eEin eigenartiger Abgrund zwischen H\u00f6he und Tiefe scheint sich innerhalb dieser Tonart aufzutun\u201c [3]<br>Die Verwendung der Tonarten bei Kate Bush ist wie immer verbl\u00fcffend. James scheint ganz klar in einer Welt des Todes zu leben. Die Welt seiner verlassenen Freunde steht dagegen in der Parallelen Dur-Tonart, ist s\u00fc\u00dfer, verlockender, lebendiger &#8211; aber es ist einfach nur die Todeswelt etwas aufgehellt. Der Western ist ohne seinen Helden tot, ist eine H\u00fclle. Kate Bush hat den Helden herausgedr\u00e4ngt und f\u00fcllt dessen Welt mit dunklen Phantasien. Es ist fast witzig, dies einem mittanzendem Kneipenpublikum unterzujubeln. Graeme Thomson meint, dass \u201eJames And The Cold Gun\u201c \u201e[\u2026] ein wenig platt und formelhaft aufgebaut ist\u201c [1, S. 121]. Ich gebe ihm nur insoweit Recht, dass der Song vordergr\u00fcndig leicht zug\u00e4nglich und fr\u00f6hlich ist. Aber der Text und die Tonarten sprechen eine andere Sprache. Schaut man hinein in einen Song von Kate Bush, so findet man immer etwas Tiefes, Dunkles, Ungew\u00f6hnliches &#8211; so wie hier auch. Hier muss man blo\u00df etwas l\u00e4nger schauen und sich aus dem Pub hinaus ins Dunkle begeben. <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] Graeme Thomson: Kate Bush &#8211; Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013.<br>[2] \u201eKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S. 106f <br>[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S. 232ff <br>[4] <a href=\"https:\/\/www.katebushencyclopedia.com\/james-and-the-cold-gun\">https:\/\/www.katebushencyclopedia.com\/james-and-the-cold-gun<\/a> (13.01.2023 gelesen) <br>[5] Harry Doherty: \u201eThe Kick Outside\u201c, Melody Maker, 03.06.1978 <br>[6] <a href=\"https:\/\/genius.com\/Kate-bush-james-and-the-cold-gun-lyrics\">https:\/\/genius.com\/Kate-bush-james-and-the-cold-gun-lyrics<\/a> (gelesen 28.08.2022) <br>[7] Kate Bush Club, Ausgabe 11\/1979, <a href=\"http:\/\/gaffa.org\/cloud\/music\/james_and_the_cold_gun.html\">http:\/\/gaffa.org\/cloud\/music\/james_and_the_cold_gun.html<\/a> (gelesen 13.01.2023) <br>[8] <a href=\"https:\/\/www.eruditorumpress.com\/blog\/james-and-the-cold-gun\">https:\/\/www.eruditorumpress.com\/blog\/james-and-the-cold-gun<\/a> (gelesen 12.01.2023) <br>[9] <a href=\"http:\/\/www.bobdylan.com\/songs\/lay-lady-lay\/\">http:\/\/www.bobdylan.com\/songs\/lay-lady-lay\/<\/a> (gelesen 13.01.2023)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJames And The Cold Gun\u201c ist ein Song vom Deb\u00fctalbum \u201eThe Kick Inside\u201c, den das Publikum nicht so im Blick hat. 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