{"id":6495,"date":"2021-01-22T20:52:01","date_gmt":"2021-01-22T19:52:01","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6495"},"modified":"2021-01-22T21:09:59","modified_gmt":"2021-01-22T20:09:59","slug":"das-song-abc-violin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6495","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Violin"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"95\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2606\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin01-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"428\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin01-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6496\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin01-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin01-400-280x300.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesen merkw\u00fcrdigen Zeiten sind Songs genau richtig, die \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen. \u201eViolin\u201c ist unter den Songs von Kate Bush vielleicht der, der darin am extremsten ist. Er schafft es, jeden tr\u00fcben Gedanken aus dem Hirn herauszupr\u00fcgeln. Kate Bush hatte diesen Eindruck beabsichtigt. Der Song sollte extrem sein und den Eindruck von Wahnsinn erwecken. Ein Spa\u00df, ohne tiefere Bedeutung: \u201eIt was meant to be very fun, nothing deep and serious, nothing really meaningful, just a play on the fiddle, the things it represents, its madness.\u201c [1]<br>Bei solchen beschwichtigenden \u00c4u\u00dferungen traue ich Kate Bush inzwischen aber nicht mehr \u00fcber den Weg! Der Text setzt diesen \u201eSpa\u00df\u201c ad\u00e4quat um, er ist gespickt mit Anspielungen, die in Richtung musikalischen Wahnsinns weisen &#8211; wir finden Paganini, den Teufelsgeiger, wir finden Nero, der zu Musik Rom niederbrennt. \u201e[We] wanted to make it very bizarre and very very up and the idea was the mad fiddler, not so much the violinist in the orchestra but the mad fiddler like Paganini or Nero watching the city burn.\u201c [1]<br>Die Vermutung liegt nahe, dass Kate Bush genau die Gefahren kennt, die in exzessiver Musikaus\u00fcbung liegen. Die Protagonistin im Song wurde offenbar durch Geigenspiel verr\u00fcckt gemacht. Die Besessenheit wird durch diffizile Wortspiele visualisiert. Da gibt es die vier Seiten der Violine \u00fcber dem Steg, die die Protagonistin in die Bar bringen und dann betrunken schwindeln lassen (\u201eFour strings across the bridge \/ Ready to carry me over \/ Over the quavers, drunk in the bars \/ Out of the realm of the orchestra\u201c). Dazu erklingt Musik, die heraus aus dem Reich der wohligen, sch\u00f6nen Kl\u00e4nge f\u00fchrt. Wir sind nicht mehr im Orchester-Reich mit seinen harmonisch klingenden Violinen. Es geht hinaus in eine Folk-Punk-Wildnis. Vielleicht ist die Protagonistin nicht nur besessen, vielleicht ist sie eine Hexe. Warum sollte sie sonst die Todesfeen der keltischen Mythologie, die Banshees, anrufen, damit diese die \u201eBacking Vocals\u201c singen? \u201eGive me the Banshees for B.V.s\u201c.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin02-400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"399\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin02-400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6497\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin02-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin02-400-300x300.jpg 300w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/violin02-400-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6glicherweise gibt es einen biographischen Hintergrund f\u00fcr den Song. Kate Bush hatte sich in der Kindheit an der Violine versucht, aber das dann zugunsten des Klaviers aufgegeben: \u201eWell, I did when I was a child, yes, I learnt it for a few years but while I was learning it I discovered the piano, I couldn&#8217;t really relate to it in the same way.\u201c [1] Das ist wieder sehr zur\u00fcckhaltend ausgedr\u00fcckt. Jeder wei\u00df, dass der Klang einer Geige in den H\u00e4nden eines unerfahrenen Spielers schrecklich ist. Es ist nicht mit dem Klang eines Klaviers oder einer Gitarre zu vergleichen, wenn ein Anf\u00e4nger damit \u00fcbt. Es ist nicht schwer, sich zu diesen Kl\u00e4ngen die w\u00fctende und frustrierte ewige Perfektionistin Kate Bush vorzustellen. Vielleicht ist all diese Wut dann in diesen Song geflossen. Eine erste Demoversion [5] stammt aus der Zeit vor \u201eThe Kick inside\u201c, ist also m\u00f6glicherweise kurz nach Abschluss der Schule entstanden. \u201eWhat does a punk do at school? Maybe break a few windows and receive detention. [&#8230;] There\u2019s no stopping a goddamn banshee.\u201c [6]<br>Produziert wurde der Song als einer der ersten f\u00fcr das Album \u201eNever for ever\u201c. \u201eThe first stage of making Never For Ever happened last summer, when I actually decided to be brave enough to go ahead and \u201eproduce\u201c with Jon Kelly [&#8230;]. We put down Blow Away, Egypt, Violin and The Wedding List at Air Studios [&#8230;].\u201c [4] Die Arbeit ging dabei offenbar schnell voran, vielleicht war in der Demoversion schon alles Wesentliche gesagt. \u201eHaving been rehearsed with the band for two days, the tracks went down, and our first &#8218;productions&#8216;, with the help of ideal musicians, were a success.\u201c [4]<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/kbjl400.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"545\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/kbjl400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6498\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/kbjl400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/kbjl400-220x300.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eViolin\u201c ist der Song, in dem Kate Bush dem New Wave und dem Punk recht nah kommt und nat\u00fcrlich wurde sie dazu auch in Interviews befragt. Sie wies das zur\u00fcck, gab aber ihre Bewunderung f\u00fcr die Wildheit und Rauheit dieser Musik zu: \u201eI&#8217;m not projecting myself as a new wave person and people wouldn&#8217;t accept me as such because my music is generally not in that area. But I love the energy, I love the power and the rawness &#8211; I love raw music, it&#8217;s very primitive, it&#8217;s what so much of our music is about.\u201c [1] Ich glaube aber doch, dass es einen gewissen Einfluss gab. Vielleicht verweisen die Banshees n\u00e4mlich auch auf \u201eSiouxsie and the Banshees\u201c, eine 1976 gegr\u00fcndete Band der Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung [7]. Auch die zeitliche \u00dcbereinstimmung zum Entstehen der Demoversion k\u00f6nnte passen. Einfluss ja oder nein, Kate Bush l\u00e4sst auf jeden Fall vokal die Sau raus. Christine Artemisia Kelley dr\u00fcckt das in einer sehr sch\u00f6nen Besprechung des Songs wunderbar aus [6]: \u201eIn the chorus Bush completely lets herself go, gutturally howling \u201cget the bow going\/let it SCREAM to me\u201d in her most punk moment ever, a massive departure from her previous singing. Is it any wonder John Lydon is a Kate Bush fan when she does songs like \u201cViolin,\u201d with vocals closer to \u201eNever Mind the Bollocks\u201c than Pink Floyd\u2019s \u201eAnimals\u201c?\u201c<br>Wahnsinn durchdringt jede Sekunde des Songs und nichts verdeutlicht das besser als Kate Bushs Auftritt mit diesem Song in der \u201eXmas Special\u201c-Show, in der sie mit Fledermausfl\u00fcgeln tanzt und mit riesengro\u00dfen Geigen k\u00e4mpft, um am Schluss ersch\u00f6pft oder tot niederzusinken [8]. Besessenheit oder Hexerei &#8211; ich kann mich nicht entscheiden.<br>Auch musikalisch ist der Song bemerkenswert. Er kommt wie ein richtiger Rocksong daher, im marschierenden 2\/2-Takt [2]. Es erklingen nur Dur-Akkorde, das ist geradeheraus, fast fr\u00f6hlich, tanzbar. Aber die Tonart ist ein ganz unerwartetes H-Dur [2]. Warum unerwartet? Weiter weg von konventioneller Rockmusik kann eine Tonart kaum sein. H-Dur wird in der Musik selten verwendet und das hat seinen Grund. Es ist die Tonart des \u00dcbergangs ins \u00dcberirdische [3]. Der Liebestod aus \u201eTristan und Isolde\u201c steht in dieser Tonart, ebenso der Karfreitagszauber aus dem \u201eParsifal\u201c [3]. Es ist nach Beckh eine Tonart, die nicht mehr ganz im Irdischen verankert ist, es ist \u201edie Vorahnung des Hin\u00fcbergehens\u201c. \u00dcberirdisch-verkl\u00e4rt und \u201eViolin\u201c, \u201eParsifal\u201c und Punk &#8211; gr\u00f6\u00dfer k\u00f6nnte ein Kontrast f\u00fcr mich nicht sein. Aber vielleicht ist Musik f\u00fcr Kate Bush sowohl ein \u00fcberirdisches Reich als auch ein Reich des Wahnsinns. Wie so oft sagt bei Kate Bush die Tonart mehr aus als das, was sie in einem Interview zu einem Song zugibt. <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">[1] NfE Interview &#8211; EMI (London)<br>[2] \u201eKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S.162 <br>[3] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.171ff <br>[4] Kate Bush: \u201eThem Bats and Doves\u201c. Artikel KBC Ausgabe 7. September 1980.<br>[5] <a href=\"https:\/\/www.katebushencyclopedia.com\/violin\">https:\/\/www.katebushencyclopedia.com\/violin<\/a> (gelesen 09.12.2020) <br>[6] <a href=\"https:\/\/katebushsongs.wordpress.com\/2018\/09\/26\/violin\/\">https:\/\/katebushsongs.wordpress.com\/2018\/09\/26\/violin\/<\/a> (gelesen 14.09.2020) <br>[7] <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Siouxsie_and_the_Banshees\">https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Siouxsie_and_the_Banshees<\/a> (gelesen 26.12.2020) <br>[8] <a href=\"https:\/\/youtu.be\/GoQHVEXODgg\">https:\/\/youtu.be\/GoQHVEXODgg<\/a> (gesehen 26.12.2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen merkw\u00fcrdigen Zeiten sind Songs genau richtig, die \u00fcber die Str\u00e4nge schlagen. \u201eViolin\u201c ist unter den Songs von Kate Bush vielleicht der, der darin am extremsten ist. Er schafft es, jeden tr\u00fcben Gedanken aus dem Hirn herauszupr\u00fcgeln. Kate Bush hatte diesen Eindruck beabsichtigt. 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