{"id":6280,"date":"2020-04-13T12:00:00","date_gmt":"2020-04-13T10:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6280"},"modified":"2020-04-13T12:58:20","modified_gmt":"2020-04-13T10:58:20","slug":"das-song-abc-the-red-shoes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6280","title":{"rendered":"Das Song-ABC: The Red Shoes"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"620\" height=\"95\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2606\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/trs-Miranda.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6281\" width=\"400\" height=\"404\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/trs-Miranda.jpg 640w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/trs-Miranda-298x300.jpg 298w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eThe Red Shoes\u201c, der Titeltrack des gleichnamigen Albums, wird aus mir nicht verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden gern \u00fcbersehen. Die Biographen widmen ihm nur einen fl\u00fcchtigen Blick. Rob Jovanovic versp\u00fcrt \u201emehr als nur ein Hauch irischen Flairs\u201c [1], f\u00fcr Graeme Thomson ist es ein \u201eherrlich wilder Wahn\u201c [2]. Ein tiefer gehender Blick ist das nicht. Dabei lohnt es sich hier wieder, genauer hinzusehen. <br>Die Geschichte beruht auf dem gleichnamigen M\u00e4rchen von Hans Christian Andersen [6]. Ein kleines Waisenm\u00e4dchen hat als letztes Geschenk ihrer Mutter ein paar rote Schuhe bekommen. Sie w\u00e4chst bei einer alten, reichen Frau auf, die ihr alles gibt, ihr aber die zerschlissenen Schuhe weggenommen hat. Sie nutzt die Farbenblindheit der Frau aus, um sich wieder ein paar rote Schuhe zu erbitten. Sie liebt diese so sehr, dass sie sie zu allen Gelegenheiten tr\u00e4gt, auch zu ganz unpassenden. Ein Soldat verflucht ihre Schuhe, die Schuhe beginnen zu tanzen, ob das M\u00e4dchen will oder nicht. Schlie\u00dflich lassen sie sich sogar nicht mehr abnehmen. Das M\u00e4dchen kann erst Erl\u00f6sung finden, als sie sich die F\u00fc\u00dfe abhacken l\u00e4sst. Soweit das M\u00e4rchen, das Kate Bush als Grundstruktur f\u00fcr ihren Song \u00fcbernimmt: Die Protagonistin bekommt die ersehnten (Wunscherf\u00fcllungs)Schuhe geschenkt und wird sie nicht mehr los.<br>Diese Geschichte wurde auch in dem Film \u201eDie roten Schuhe\u201c von Michael Powell und Emeric Pressburger als Grundlage verwendet. Hier wird eine T\u00e4nzerin zerrissen zwischen ihrer Kunst und der Liebe, auch hier endet diese Geschichte mit dem Tod der Protagonistin [4]. Genau wie im M\u00e4rchen tanzt die Hauptdarstellerin unaufhaltsam auf ihren eigenen Abgrund zu [7]. Dieser Film hat das Album ingesamt beeinflusst, insbesondere den Song \u201eMoments of Pleasure\u201c [3]. Der Song \u201eThe Red Shoes\u201c aber geht nach Kate Bushs Aussage prim\u00e4r auf das M\u00e4rchen zur\u00fcck. <br>\u201eIt&#8217;s not really to do with his film but rather the story from which he took his film. You have these red shoes that just want to dance and don&#8217;t want to stop, and the story that I&#8217;m aware of is that there&#8217;s this girl who goes to sleep in the fairy story and they can&#8217;t work out why she&#8217;s so tired. Every morning, she&#8217;s more pale and tired, so they follow her one night and what&#8217;s happening is these shoes&#8230; she&#8217;s putting these shoes on at night before she goes to bed and they whisk her off to dance with the fairies.&#8220; [3]. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/trs3-400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist trs3-400.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Kate Bush hatte die Idee zu diesem Song, als sie am Piano sa\u00df und auf einmal die Musik wie von selbst und ohne ihr Zutun zu laufen begann. \u201eThe image in her mind &#8218;was like horses galloping and running away, with the horses turned into running feet, and then shoes galloping away with themselves&#8216;. Which corresponded, conveniently enough, with the key fairy-tale element in the Powell film: the red pumps worn by the tragic ballerina, which are imbued with a magic that carries their wearer off in a terrible outpouring of expressiveness.\u201c [4]<br>Die roten Schuhe im M\u00e4rchen und im Film thematisieren den Zwiespalt, vor dem die beiden Hauptcharaktere stehen. Sie sind zwischen \u201eerwarteter Angepasstheit und Sehns\u00fcchten andererseits hin und her gerissen\u201c [7]. Sowohl im M\u00e4rchen als auch im Film sind die M\u00e4dchen\/Frauen dem nicht gewachsen. Sie verlieren die Kontrolle \u00fcber ihr Leben. <br>Es gibt allerdings auch die Geschichte \u201eDer Zauberer von Oz\u201c, wo das Geschehen um die roten Schuhe f\u00fcr die Protagonistin gut ausgeht [12]. Dorothy erschl\u00e4gt bei der Ankunft in Oz im Wirbelsturm mit ihrem Haus die b\u00f6se Hexe des Ostens. Deren magische rote Halbschuhe sind ab da an den F\u00fc\u00dfen von Dorothy und ihr zu Diensten. Die Gefahr ist, dass die b\u00f6se Hexe des Westens sich versuchen wird zu r\u00e4chen und Dorothy die Schuhe wieder abnimmt.<br>Rote Schuhe sind magisch und von Menschen kaum beherrschbar, sie geh\u00f6ren eigentlich den b\u00f6sen Hexen. Sie \u00fcbererf\u00fcllen W\u00fcnsche. Sie symbolisieren die Besessenheit &#8211; von W\u00fcnschen, von Sehns\u00fcchten, von der Verwirklichung in der Kunst. Es liegt nicht fern, das mit der akribischen, perfektionistischen Arbeitsweise von Kate Bush in Verbindung zu bringen. <br>Musikalisch ist \u201eThe Red Shoes\u201c von einem pulsierenden, vorantreibenden Rhythmus bestimmt, es wirkt wie ein schwereloser Tanz. Ganz im Sinne der Geschichte &#8211; die Protagonistin bekommt die ersehnten Wunscherf\u00fcllungsschuhe geschenkt und wird sie nicht mehr los &#8211; k\u00f6nnte dieser Rhythmus ewig weiterlaufen. Es gibt drei Stimmebenen im Song (in der Bezeichnung der Songabschnitte orientiere ich mich an [13]) &#8211; eine fast kindlich hohe Singstimme, eine Singstimme in Mittellage und ein Chor aus M\u00e4nnerstimmen. Dieser Wechsel der Perspektiven allein macht aus dem Song ein hochkomplexes Gebilde. Die hohe Singstimme wird benutzt im Vers 1 (\u201eOh, she move like the Diva do\u201c), im Chorus 1 (\u201eOh it&#8217;s gonna be the way you always thought it would be\u201c), im Vers 2 (\u201eOh, the minute I put them on \/ I knew I had done something wrong\u201c) und in der Bridge (\u201eFeel your hair come tumbling down \/ Feel your feet start kissing the ground\u201c). Es ist die Stimme der kindlich-naiven Protagonistin. <br>Die Singstimme in der Mittellage kommt im Pre-Chorus 1 (\u201eWith no words, with no song \/ You can dance the dream with your body on\u201c), im Pre-Chorus 2 (\u201eAnd this curve, is your smile \/ And this cross, is your heart \/ And this line, is your path&#8220;), im Pre-Chorus 3 (\u201eWith no words, with no song \/ I&#8217;m gonna dance the dream \/ And make the dream come true\u201c) und im Outro (\u201eYou gotta dance\u201c) zum Einsatz. Es ist die Stimme der Hexe, von der die Protagonistin die Schuhe bekommt. <br>Der Chor hat seinen Einsatz im Chorus 2: \u201eShe gotta dance, she gotta dance \/ And she can&#8217;t stop &#8218;till them shoes come off\u201c. Es sind zuschauende Menschen, die das Geschehen kommentieren. Alle drei Stimmen erz\u00e4hlen dabei ihren Teil der Geschichte aus der Ich-Perspektive. Das letzte Wort hat die Hexe (\u201eYou gotta dance\u201c im Outro), die Geschichte geht nicht gut aus. <br>Zur musikalischen Analyse ist ein Blick in die Noten hilfreich [8]. Der Song ist durch einen durchgehenden 12\/8-Takt gepr\u00e4gt, es ist ein unabl\u00e4ssig pulsierender Rhythmus, sehr t\u00e4nzerisch. Die Gesangsstimme setzt sich \u00fcber die Taktschwerpunkte hinweg, dadurch entsteht ein schwebender Eindruck. Die Tonart ist ein reines G-Dur, die allein vorkommenden Akkorde sind G-Dur (Tonika) und Abwandlungen des D-Dur-Akkords, der Dominante (insbesondere der Dominantseptakkord). Die Struktur ist stark angelegt an madagassische Musik, sie ist der Struktur von \u201eEat the Music\u201c sehr \u00e4hnlich [9]. Del Palmer hat diesen Einfluss der afrikanischen Musik in einem Interview auch best\u00e4tigt [5]. <br>\u201eThe album&#8217;s title track seems to have an Irish folk music influence, with a big bass drum sound and an unusual legato bass part, but again this stems from the music of Madagascar. It&#8217;s fascinating how music from different parts of the world can have these similarities. All the mandarins and mandolas are played by Paddy, who has really gone into this sort of music, and he also plays all the various whistles and flutes on the track&#8220;. [5] Wie schon bei \u201eEat the Music\u201c spielt der Madagasse Justin Vali die Valiha, das madagassische Nationalinstrument. <br>Musikalisch gesehen sind den Songteilen der Protagonistin und der b\u00f6sen Hexe leicht abweichende Akkordfolgen zugeordnet. F\u00fcr die Protagonistin steht eine Kombination aus D7, D7sus4 und Gadd4\/D, f\u00fcr die Hexe eine Kombination aus D7 und G\/D [8]. Immer wenn die Hexe gesungen hat, dann greift ihre Akkordfolge auf die darauffolgenden Gesangspassagen der Protagonistin \u00fcber. Der Zauber wirkt. Zum Schluss \u201egewinnt\u201c dann die Akkordfolge der Hexe. Die beiden Akkordfolgen sind sich sehr \u00e4hnlich, sie unterscheiden sich nur in Nuancen. Protagonistin und Hexe sind daher wahrscheinlich zwei Seiten einer Pers\u00f6nlichkeit. <br>Die Tonart G-Dur ist gem\u00e4\u00df Beckh [10] eine zwiesp\u00e4ltige Tonart, was zu der gespaltenen Pers\u00f6nlichkeit Protagonistin\/Hexe passen k\u00f6nnte. In reiner Form symbolisiert sie \u201edie sprie\u00dfende Bl\u00fctenf\u00fclle der Maienzeit, die Liebesoffenbarung im Werden der Natur\u201c, sie steht f\u00fcr das Anmutige, Liebliche, Bescheidene, Innige, Kindliche, Unschuldige. Diese Unschuld findet sich in der naiven Protagonistin wieder. In negativer Form ist G-Dur die Tonart des Sinnenrauschs, sie steht f\u00fcr eine vorget\u00e4uschte Innigkeit, sie ist sinnlich verf\u00fchrerisch und ber\u00fcckend. Was k\u00f6nnte besser zur Hexe passen, welche die Protagonistin verf\u00fchrt? <br>Beckh weist darauf hin, dass G-Dur in seiner negativen Form die einschmeichelnde, verf\u00fchrerische, versucherische Tonart der Botin (Hexe?) Kundry aus Richard Wagners \u201eParsifal\u201c ist. Mit Kundry als Werkzeug will dort der B\u00f6sewicht Klingsor dem Toren Parsifal die Unschuld rauben, so wie vielen Gralsrittern zuvor. Erl\u00f6sung kann sie nur erlangen, wenn ein Mann ihrer Verf\u00fchrung widersteht [11]. Auch dieser Mythos findet sich f\u00fcr mich im Song verarbeitet wieder, an Zufall kann ich nicht recht glauben. Ankl\u00e4nge an Mythen, M\u00e4rchen und Geschichten aller Art legen sich somit im Song \u201eThe Red Shoes\u201c \u00fcbereinander. Auch musikalisch ist das vielschichtig und faszinierend umgesetzt. Man kann diesen Song in kurzen S\u00e4tzen abhandeln, wie es Thomson und Jovanovic tun &#8211; aber dann sieht man nicht die ganzen Feinheiten. Aber das Album \u201eThe Red Shoes\u201c wird ja gern mi\u00dfachtet, vielleicht ist das mit eine Ursache daf\u00fcr. Ich teile das nicht. Der Song ist es wert, dass man genauer hinschaut.  <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em> <br><br>[1] Rob Jovanovic: Kate Bush. Die Biographie. H\u00f6fen. Koch International GmbH\/Hannibal. 2006. S.183 <br>[2] Graeme Thomson: Kate Bush &#8211; Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.318 <br>[3] Marianne Jensen: \u201eRubber Souls\u201c. Vox. November 1993.<br>[4] Nick Coleman: \u201eDaft As A Bush\u201c. Time Out. November 1993. <br>[5] N.N.: \u201eWell red\u201c. Interview mit Del Palmer. Future Music. November 1993.<br>[6] <a href=\"https:\/\/hekaya.de\/maerchen\/die-roten-schuhe--andersen_72.html\">https:\/\/hekaya.de\/maerchen\/die-roten-schuhe&#8211;andersen_72.html<\/a> (gelesen 01.01.2020) <br>[7] <a href=\"https:\/\/babyduda.com\/hans-christian-andersen-die-roten-schuhe\/?cn-reloaded=1\">https:\/\/babyduda.com\/hans-christian-andersen-die-roten-schuhe\/?cn-reloaded=1<\/a> (gelesen 30.03.2020) <br>[8] Kate Bush: The red shoes (Songbook). Woodford Green. International Music publications Limited. 1994. S.53ff <br>[9] <a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?page_id=2608#etm\">http:\/\/morningfog.de\/?page_id=2608#etm<\/a> (gelesen 01.01.2020) <br>[10] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.222ff <br>[11] <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Parsifal\">https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Parsifal<\/a> (gelesen 01.01.2020) <br>[12] <a href=\"https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Der_Zauberer_von_Oz_(1939)\">https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Der_Zauberer_von_Oz_(1939)<\/a> (gelesen 02.04.2020) <br>[13] <a href=\"https:\/\/genius.com\/Kate-bush-the-red-shoes-lyrics\">https:\/\/genius.com\/Kate-bush-the-red-shoes-lyrics<\/a> (gelesen 01.04.2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eThe Red Shoes\u201c, der Titeltrack des gleichnamigen Albums, wird aus mir nicht verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden gern \u00fcbersehen. Die Biographen widmen ihm nur einen fl\u00fcchtigen Blick. Rob Jovanovic versp\u00fcrt \u201emehr als nur ein Hauch irischen Flairs\u201c [1], f\u00fcr Graeme Thomson ist es ein \u201eherrlich wilder Wahn\u201c [2]. Ein tiefer gehender Blick ist das nicht. 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