{"id":6256,"date":"2020-03-04T10:38:47","date_gmt":"2020-03-04T09:38:47","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6256"},"modified":"2020-03-06T09:12:12","modified_gmt":"2020-03-06T08:12:12","slug":"ueber-die-unmoeglichkeit-eine-kraehe-zu-kuessen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6256","title":{"rendered":"\u00dcber die Unm\u00f6glichkeit, eine Kr\u00e4he zu k\u00fcssen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"469\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/KissACrow_4_Marco_Goecke640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6258\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/KissACrow_4_Marco_Goecke640.jpg 640w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/KissACrow_4_Marco_Goecke640-300x220.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption>Foto: Bettina St\u00f6\u00df<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Gespr\u00e4ch mit Marco Goecke zu seiner neuen Choreographie \u201eKiss a Crow\u201c <\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Von Achim Riehn<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Neben meiner Mitarbeit in der \u201eGesellschaft der Freunde des Opernhauses Hannover\u201c (GFO) interessiere ich mich auch noch f\u00fcr andere Themen. F\u00fcr den Blog \u201emorningfog\u201c \u00fcber die Komponistin und S\u00e4ngerin Kate Bush schreibe ich ab und zu Beitr\u00e4ge. Marco Goeckes neue Choreographie \u201eKiss a Crow\u201c benutzt Musik von Kate Bush, es ist seine erste neue Arbeit f\u00fcr das Ballett der Oper Hannover, seit er hier Ballettdirektor ist. Eingebettet wird sie in den Ballettabend \u201e3 Generationen\u201c, zusammen mit zwei Arbeiten anderer Choreographen. Kate Bush &#8211; da musste ich einfach f\u00fcr morningfog.de ein Interview mit ihm f\u00fchren. Als ich am Opernhaus ankam, machte Marco Goecke mit einigen Mitarbeitern Pause vor dem B\u00fchneneingang. Eine Probe des Ballettabends war gerade zu Ende gegangen. Ich wurde sehr freundlich begr\u00fc\u00dft. F\u00fcr das Interview zogen wir uns in ein dunkles Foyer zur\u00fcck, stellten uns zwei St\u00fchle zusammen und fingen an. Marco Goecke hatte wie immer in einem Tragekorb seinen betagten Dackel Gustav dabei, der dem Geschehen ganz gelassen beiwohnte. Auf dem Weg ins Foyer erz\u00e4hlte ich ein bisschen \u00fcber den Blog und Marco Goecke fing spontan an, Zeilen aus Kate Bushs Lied \u201eThe morning Fog\u201c zu singen. \u201eI&#8217;ll tell my mother &#8211; I&#8217;ll tell my father &#8211; How much I love them\u201c. Marco Goecke redet mit Bedacht, leise, sehr konzentriert. Ich sp\u00fcrte, wie er er seiner Arbeit verbunden ist, wie sehr sie ihn bestimmt. Allgemeinpl\u00e4tze sind nicht zu erwarten. Wir beschlossen, uns zu duzen. Im Gespr\u00e4ch konnte ich das nicht durchhalten, als Hannoveraner muss das Duzen bei mir erst einmal in der Seele ankommen, das braucht Zeit. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:left\"><strong>Achim:<\/strong> 2013 haben Sie bereits Musik von Kate Bush in einer Choreographie umgesetzt, es war der Song \u201eSuspended in Gaffa\u201c, soweit ich mich erinnere. Was verbindet Sie mit der Musik von Kate Bush und wann haben Sie sie f\u00fcr sich entdeckt?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco: <\/strong>Ich habe sie ganz fr\u00fch entdeckt. Ich habe eine Schwester, die ist f\u00fcnf Jahre \u00e4lter als ich. Ganz fr\u00fch habe ich das bei ihr im Zimmer entdeckt, als ich Kind war. \u201eNever for ever\u201c ist vom Ende der Siebziger, kann das sein? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> 1980.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Echt 80? Gut, da war ich acht, neun &#8211; und da habe ich diese Platten bei meiner Schwester entdeckt. Ich fand das immer geheimnisvoll, weil ich da auch T\u00f6ne und Mischungen drin geh\u00f6rt habe, Effekte und Ger\u00e4usche, Dinge, die ich so von Musik nicht kannte. Dann hatte ich nochmal so 88, 89 &#8211; da war ich gerade Ballettstudent &#8211; so eine richtige Kate Bush-Phase, meist mit dem Album, auf dem \u201eCloudbusting\u201c ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Hounds of Love. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Hounds of Love, richtig. Es ist interessant, dass man oft immer noch Lieder im Kopf hat. Da steht man morgens auf und macht sich einen Kaffee und hat pl\u00f6tzlich so ein Lied im Kopf. Und wei\u00df eigentlich auch nicht, warum man das gerade im Kopf hat, oder? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Das Ph\u00e4nomen kenne ich auch!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/arco-goecke-regina-brocke300.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist arco-goecke-regina-brocke300.jpg\"\/><figcaption>Foto: Regina Brocke<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ja. Da gibt es Stellen in den Kate Bush-Liedern, die ich seit Jahren vor mich hin singe. Und dann habe ich 2013 gedacht, ich mach was damit und das hat auch ganz gut geklappt. Es ist trotzdem immer eine Gratwanderung zwischen Popmusik und meiner Arbeit. Ich brauche auch Popmusik daf\u00fcr, ich kann das nicht nur mit klassischer Musik oder moderner Musik machen. Aber bei Kate Bush ist es sehr schwierig einzusch\u00e4tzen. Es gibt Lieder, die mir sehr gut gefallen und pl\u00f6tzlich kippen die Lieder in eine andere Richtung, was sicherlich auch zu ihrer Kunst geh\u00f6rt, was ich dann aber nicht mehr gebrauchen kann. Es ist schwierig. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Es geht in der Musik von Kate Bush ja oft um die existenziellen Fragen des Lebens &#8211; wer bin ich, wie finde ich meinen Platz in der Welt, wie gehe ich mit Verg\u00e4nglichkeit um. Das sind ja Themen, die bei ihr immer wieder auftauchen. Hat Sie das gereizt? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Das sind ja Themen, die wir alle haben, nat\u00fcrlich. Im Moment ist eine Phase, die nicht so einfach ist in meinem Leben, weil mein Vater sehr schwer krank ist. Und ich habe etwas Tiefes gesucht und trotzdem auch das Traurige. So empfinde ich das in meiner Arbeit und so ist es auch in der Musik von Kate Bush. Jede Kunst, die so tief geht, die sich dem stellt, hat immer auch eine Erl\u00f6sung in sich und auch etwas Vers\u00f6hnliches. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> \u201eKiss a Crow\u201c hei\u00dft Ihre Choreographie, ich sch\u00e4tze sie ist als Drittel des Abends ungef\u00e4hr 25 Minuten lang. Welche Songs kommen da drin vor?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco: <\/strong>Ich habe witzigerweise weniger von den alten Sachen benutzt. Es gibt nat\u00fcrlich auch Hits, die nicht zu benutzen sind, weil sie uns einfach mit etwas anderem verbinden. Ich habe \u201eJig of Live\u201c eingebaut, weil das mit dem irischen Touch ein bisschen in die Irre f\u00fchrt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Da geht es ja darum, dass man der eigenen Zukunft eine Chance gibt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Okay. Ich habe den Song immer geliebt. Weil es Assoziationen mit irischem Tanz gibt. Dann habe ich \u201eSat in your Lap\u201c in das Programm eingebaut. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Ein sehr wilder Titel, in dem es wieder um existenzielle Fragen geht, darum, wie man im Leben weiterkommt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> [nickt] Dann kommt \u201eSnowflake\u201c von einem der sp\u00e4teren Alben vor. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Ah, sehr sch\u00f6n! Etwas ganz Ruhiges, Meditatives &#8211; Musik, in der man in der Nacht steht, der Schnee f\u00e4llt. Musik, in der eigentlich der Tod um jede Ecke schaut. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"431\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/kiss-a-crow-640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6260\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/kiss-a-crow-640.jpg 640w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/kiss-a-crow-640-300x202.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption>Foto: Bettina St\u00f6\u00df<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Dann habe ich noch einen Teil von \u201eAmong Angels\u201c, auch von dem Album. Aber da bin ich noch nicht ganz sicher, das probiere ich gerade im Tanzstudio. \u201eSnowflake\u201c ist sehr lang, da habe ich das Gef\u00fchl, ich verzettele mich vielleicht, da wird das so ein bisschen \u201ed\u00e4mpfig\u201c. Und am Schluss kommt \u201eGet out of my House\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim: <\/strong>Die Shining-Paraphrase! <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco: <\/strong>[lacht] Und es funktioniert! <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Da frage ich mich sofort, ob es zwischen den Liedern in Ihrer Choreographie einen roten Faden gibt, den sie drumgewunden haben? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Nein, nicht von der Aussage und von den Texten her. Es ist reine Gef\u00fchlssache, was musikalisch da passen k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Was reizt Sie denn ganz speziell als Choreograph an der Musik von Kate Bush? Ist es f\u00fcr Sie einfach Musik, die interessant ist, die sich abhebt vom Pop, die anders ist? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Als Erstes reizt mich nat\u00fcrlich das, was mich damit verbindet. Ich habe fr\u00fcher als junger Choreograph oft Musik benutzt, die grausig war, nur weil ich dachte, ich mache mich damit interessanter oder k\u00fcnstlerischer. Bis ich irgendwann in den letzten Jahren bemerkte, wenn ich die Musik benutze, die mir pers\u00f6nlich etwas bedeutet, dann ist es immer richtig. Dann ist es auch egal, was es ist. Hauptsache, es hat etwas mit mir zu tun. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Dann passt es zu einem selbst. Ich glaube auch, es passt auf eine andere Art. In der Musik von Kate Bush habe ich immer das Gef\u00fchl, sie kehrt ihr Innenleben nach au\u00dfen. Das empfinde ich auch bei Ihren Choreographien. Es sieht so aus, als ob die ganzen T\u00e4nzer alles von sich preisgeben. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Das Risiko muss man eingehen, auch wenn man nat\u00fcrlich dadurch verletzlich wird. Ich habe das bei mir auch, das Menschen das nicht m\u00f6gen, das ist auch okay. Wenn ich in Youtube bei Kate Bush geschaut habe, wieviele hunderte Daumen nach oben so ein Clip hat, aber eben auch nach unten!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim: <\/strong>Ja, sehr kontrovers manchmal! Es gibt Songs von ihr, die ich nicht so mag und welche, die ich jeden Tag h\u00f6ren k\u00f6nnte. Wie ist es, wenn Sie eine Choreographie entwickeln? Haben Sie zuerst die Musik im Ohr oder haben Sie zuerst eine Vorstellung, was Sie auf die B\u00fchne bringen wollen? <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/achim-400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist achim-400.jpg\"\/><figcaption>Foto: Achim Riehn<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ich habe nur mein t\u00e4gliches Ins-Studio-Gehen. Dann ist da erstmal ein T\u00e4nzer, den ich auf den Probenplan gesetzt habe, der kommt an dem Tag und dann fangen wir an mit Schritten. Dann habe ich vielleicht ein, zwei Lieder im Kopf oder auf CD mit oder im Computer. Wir probieren das langsam aus und so w\u00e4chst es weiter. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Iterativ geht es voran? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Eine ganz m\u00fchevolle, zehrende, schreckliche Arbeit oft. Je mehr Erfolg man hat und je mehr man gemacht hat, desto kritischer und brutaler wird man mit sich selbst und das ist schon eine harte Angelegenheit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Was bedeutet der Titel \u201eKiss a Crow\u201c? Das klingt nach Naturerlebnis. Haben Sie vielleicht die vielen Kr\u00e4hen inspiriert, die hier in der Eilenriede [der Stadtwald von Hannover] \u00fcberwintern? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco: <\/strong>Ja, das ganze St\u00fcck hat damit zu tun. Ich wohne ja noch nicht so lange hier, aber Gustav und ich wohnen direkt an der Eilenriede. Diese langen Spazierg\u00e4nge da mit ihm, das ist das Beste. Im St\u00fcck ist alles, was mir da in den Sinn kam oder was ich f\u00fcr Gef\u00fchle oder \u00c4ngste hatte oder da gesehen habe. Auch die Kr\u00e4hen nat\u00fcrlich, die da \u201erumwachen\u201c. Eine Kr\u00e4he zu k\u00fcssen ist sicherlich unm\u00f6glich, vielleicht genauso unm\u00f6glich, wie jemand anders zu k\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Aber es sind ja sehr intelligente Tiere. Wenn man ihnen Geschenke bringt, N\u00fcsse zum Beispiel an einen festen Platz, dann findet man da irgendwann auch einmal Geschenke von ihnen, eine Maus vielleicht. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ja, es sind tolle Tiere. Ich habe so das Gef\u00fchl, die h\u00fcpfen und sitzen da oben in den B\u00e4umen und gucken Gustav an. Sie haben nat\u00fcrlich auch irgendwas &#8230;.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Dunkles. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ja.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> K\u00f6nnte eine Inspiration vielleicht auch Edgar Allan Poes \u201eDer Rabe\u201c gewesen sein? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Nein. Aber gestern hatte ich auch so eine Idee. Da hat jemand gesagt, \u201ewie Edgar Allan Poe, mit dem Mantel des Teufels\u201c. Das kannte ich aber \u00fcberhaupt nicht. Mit Poe habe ich mich nicht so viel besch\u00e4ftigt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Er ist in der Literatur ja ein bisschen so, wie es Kate Bush in der Musik ist &#8211; ein bisschen merkw\u00fcrdig, unheimlich. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco: <\/strong>Ja, genau! Anselm Kiefer hat mal gesagt, ein Kunstwerk, das nicht auch etwas Bedrohliches ausstrahlt, das ist keines. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Eine Freundin von mir war zu einem Probenbesuch hier und sie hat mir danach \u00fcber Ihre Choreographie gesagt \u201eFaszinierend, aber irgendwie verst\u00f6rend unheimlich\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ja, hoffentlich! [lacht]<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim: <\/strong>Sie k\u00f6nnen das also nachvollziehen? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ja, ich beantworte das mit Anselm Kiefer. Es ist so, es hat immer etwas Bedrohliches. Aber es hat auch immer etwas mit Vers\u00f6hnlichem zu tun. Es gibt in der Musik von Kate Bush Momente, jetzt in dem St\u00fcck, die auch vers\u00f6hnlich, die tr\u00f6stend sind. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Auf ihrem letzten Album sind ja so ganz unheimliche, lange St\u00fccke drauf. \u201eSnowflake\u201c hatten Sie ja schon erw\u00e4hnt. \u201eLake Tahoe\u201c, ganz dunkel, dann \u201eMisty\u201c, \u00fcber die Liebe zu einem Schneemann, die vergebliche Liebe nat\u00fcrlich. In dem Album geht es ja eigentlich nur um Verg\u00e4nglichkeit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Dieses Album [\u201e50 words for snow\u201c] hat sie wohl nur f\u00fcr sich gemacht, glaube ich. Das war ganz privat. Das ist bei mir schwierig, weil ich nat\u00fcrlich das direkte Publikum habe. Ich hoffe, ich komme mal irgendwann so weit. Noch m\u00f6chte ich auch geliebt werden daf\u00fcr, das ist immer das Fatale bei so einer Arbeit, weil es nicht m\u00f6glich ist, von allen geliebt zu werden. Aber das ist so ein naiver Hintergedanke, dass man damit Liebe bekommt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Ich glaube, Hannoveraner sind ein bisschen zur\u00fcckhaltend zuerst, sie schauen sich alles erst einmal an. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco: <\/strong>Bist Du Hannoveraner?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Ich wohne schon sehr lange hier, bin geb\u00fcrtiger Niedersachse, das ist von der Art her ungef\u00e4hr gleich. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Das ist nicht so einfach hier, das muss ich sagen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Aber wenn die Leute einen erst einmal ins Herz geschlossen haben, dann werden sie f\u00fcr immer Ihnen geh\u00f6ren. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> [l\u00e4chelt] Ich gehe jetzt ein halbes Jahr in ein Caf\u00e9 hier in der N\u00e4he. Es hat echt gedauert, bis die einen anl\u00e4cheln, obwohl die mich jeden Tag sehen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Ja die Menschen hier k\u00f6nnen manchmal besonders stur sein! <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ja? [lautes Lachen]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\nhttps:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NzfPI9y3Ocs\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Drei Choreographien gibt es an dem Abend, die sind alle musikalisch und darstellerisch ganz unterschiedlich. War das von Anfang an beabsichtigt oder hat sich das im Laufe der Arbeit ergeben? <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Also ich habe dem ersten Choreographen, dem jungen Choreographen Emrecan Tanis, einfach eine Carte blanche gegeben, er konnte machen was er will. Dann hatte ich den Jahrhundertchoreographen Hans van Manen dabei mit einem St\u00fcck aus seinem riesigen Repertoire. Hans van Manen ist unser aller Meister in seinem Minimalismus. Von ihm habe ich viel gelernt. Mir war wichtig, dass es keinen Rahmen gab, sondern jeder seine drei\u00dfig Minuten, seinen Moment haben konnte. Und das Publikum kann sich aussuchen, was f\u00fcr den Einzelnen am meisten stimmt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim<\/strong>: Ich finde das sehr reizvoll, weil es drei ganz unterschiedliche Sachen sind. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Ja, da haben die Leute was zu quasseln. Da k\u00f6nnen sie sagen \u201edas war aber schlimm\u201c und \u201edas war toll\u201c &#8211; oder umgekehrt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Achim:<\/strong> Ich liebe das. Aber ich gehe nie zu Premieren, weil ich da immer mitfiebere. Ich habe f\u00fcr eine sp\u00e4tere Vorstellung Karten, dann schaue ich mir das an. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marco:<\/strong> Okay, gut!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Beim Hinausgehen in den sonnigen Tag plauderten wir noch angeregt weiter. Kommt Kate Bush zur Premiere? Wir glauben nicht, aber die Vorstellung an sich ist sch\u00f6n. Beim Verabschieden klappte es mit dem Duzen bei mir endlich und drau\u00dfen dachte ich mir, dass ich als Hannoveraner an spontaner Offenheit noch ein bisschen arbeiten muss. Aber bei einem n\u00e4chsten Interview kennen wir uns ja. Ich durfte einen Menschen kennenlernen, der seine Choreographien ganz tief aus seiner Seele sch\u00f6pft, der sich in seiner Arbeit nach au\u00dfen kehrt. Wer sich so f\u00fcr sein Publikum \u00f6ffnet, der ist ein besonderer Mensch. Wenn er die Kr\u00e4he Hannover k\u00fcsst, dann wird sie es lieben.  <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der umjubelten Premiere am 22. Februar geht es am 4. M\u00e4rz mit den Vorstellungen weiter. Termine gibt es bis zum 30. Juni. Weitere Infos <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/staatstheater-hannover.de\/de_DE\/programm\/3-generationen.1224727\" target=\"_blank\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Marco Goecke zu seiner neuen Choreographie \u201eKiss a Crow\u201c Von Achim Riehn Neben meiner Mitarbeit in der \u201eGesellschaft der Freunde des Opernhauses Hannover\u201c (GFO) interessiere ich mich auch noch f\u00fcr andere Themen. F\u00fcr den Blog \u201emorningfog\u201c \u00fcber die Komponistin und S\u00e4ngerin Kate Bush schreibe ich ab und zu Beitr\u00e4ge. 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