{"id":6220,"date":"2020-01-21T07:15:41","date_gmt":"2020-01-21T06:15:41","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6220"},"modified":"2020-01-20T21:22:13","modified_gmt":"2020-01-20T20:22:13","slug":"das-song-abc-moments-of-pleasure","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6220","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Moments Of Pleasure"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"471\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/mop640.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6221\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/mop640.jpg 640w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/mop640-300x221.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eMoments of Pleasure\u201c geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den bewegendsten Liedern von Kate Bush. Es ist das, was ich ein \u201eErinnerungslied\u201c nenne, eine Kategorie von Songs, die bei Kate Bush h\u00e4ufiger vorkommt. Titel wie \u201eBlow Away\u201c, \u201eA Coral Room\u201c und \u201eAmong Angels\u201c geh\u00f6ren dazu. Es sind ruhige, melancholische Balladen, in denen an Vergangenes, unwiederbringbar Verlorenes, an Verstorbene erinnert wird. Meist sind diese Songs sparsam instrumentiert, nur mit Klavier und Streichern. Auch \u201eMoments of Pleasure\u201c ist so ein trauriger Blick zur\u00fcck. Kate Bush selbst sagt es so: \u201eIt&#8217;s to show just how precious life is and all those little moments that people give you. And that&#8217;s how people stay alive, through your memories of them.&#8220; [5] Es ist ein Song, \u201eder allzu fl\u00fcchtige Momente der Freude heraufbeschw\u00f6rt und am Ende in einer traurigen Aufz\u00e4hlung [&#8230;] verstorbener Weggef\u00e4hrten gedenkt\u201c [1]. Graeme Thomson hat dieses Liste durchleuchtet [1], es finden sich da Kate Bushs Tante Maureen, Alan Murphy (\u201aS Murph\u2019), Gary Hurst (\u201aBubba\u2019), Bill Duffield (der Lichttechniker war w\u00e4hrend der \u201aTour of Life\u2019 verungl\u00fcckt) und John Barrat (dessen Spitzname \u201aTeddy\u2018 aus der Kinderserie \u201aAndy Pandy\u2018 stammt), Tonassistent bei den Aufnahmen zu \u201aNever for ever\u2018 und \u201aThe Dreaming\u2018. <br>Ein weiterer wichtiger Name ist der von Michael Powell, dem Regisseur des Tanzfilms \u201aThe red Shoes\u2018. Diese Film ist einer von Kate Bushs Lieblingsfilmen [1]. Kate Bush hatte Powell kurz vor dessem Tod gefragt, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit habe [1]. Beim Besuch in New York im sp\u00e4ten Fr\u00fchjahr 1989 gab es ein Treffen, drau\u00dfen fegte dazu ein sp\u00e4ter Schneesturm \u00fcber die Stadt hinweg [1]. Diese Szene findet sich in den Lyrics des Songs wieder. Der Regisseur war da 84 Jahre alt, vom Alter gezeichnet, sehr gebrechlich. En Jahr sp\u00e4ter ist er gestorben. Die Bedeutung dieser Begegnung schildert Kate Bush in bewegten Worten: \u201eI was very lucky to get to meet Michael in New York before he died, and he and his wife were extremely kind. I&#8217;d had few conversations with him and I&#8217;d been dying to meet him. As we came out of the lift, he was standing outside with his walking stick and he was pretending to be someone like Douglas Fairbanks. He was completely adorable and just the most beautiful spirit, and it was a very profound experience for me. It had quite an inspirational effect on a couple of the songs.\u201c [6] Dieses Treffen muss Kate Bush sehr beeindruckt haben, was sich allein schon am Titelsong \u201eThe red Shoes\u201c des darauf folgenden Albums ablesen l\u00e4sst. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/mopsingle400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist mopsingle400.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Erw\u00e4hnung von Kate Bushs Mutter Hannah Bush wird oft so aufgefasst, als ob sie auch zu den Personen geh\u00f6rt, an die erinnert wird. Der Song ist aber nach Thomson Mitte 1991 aufgenommen worden, vor Hannah Bushs Tod [1]. Sie wird im Text mit einer ihrer Spruchweisheiten erw\u00e4hnt: \u201aEvery old Sock meets an old Shoe\u2018 [1]. Hannah Bush starb dann w\u00e4hrend der Entstehungszeit des Albums, was dieser Erw\u00e4hnung tragische Tiefe verlieh. Der Song existiert in zwei Fassungen, die Originalfassung findet sich auf \u201eThe red Shoes\u201c. Hier beginnt es mit zarten Klavierkl\u00e4ngen, die Gesangsstimme ist pr\u00e4sent im Vordergrund, dann kommt ein Streicherteppich hinzu. M\u00f6vent\u00f6ne sind im Hintergrund bei \u201einto another moment\u201c zu h\u00f6ren. Der Chorus \u201eJust being alive \/ It can really hurt\u201c wird fast herausgeschrieen, die Stimme ist hier voller Emotion, die Worte \u201etreffen den H\u00f6rer wie ein Hammer\u201c [1]. Ron Moy [2] konstatiert, das dies den Trauerprozess genauer und \u00f6konomischer zusammenfasst, als es jemals eine blumige poetische Lobrede schaffen k\u00f6nnte. Zum Schluss hinter den Erinnerungen klingt die Musik aus, sie verebbt quasi. Eine fast verzweifelte Stimmung herrscht von Anfang bis Ende. <br>In der musikalischen Gestaltung lenkt nichts von der inhaltlichen Aussage ab. Der Takt ist ein reiner 4\/4-Takt, die Tonart ist ein reines Des-Dur [3]. Tonverbindungen \u00fcber Taktschwerpunkte hinweg sorgen f\u00fcr einen schwebenden, schwerelosen Eindruck [3]. Die Tonart Des-Dur steht gem\u00e4\u00df Beckh [4] f\u00fcr den Ausdruck des Allerh\u00f6chsten. Ein eigenartiger Abgrund zwischen H\u00f6he und Tiefe scheint sich innerhalb dieser Tonart aufzutun. Diese Tonart ist wie ein Gebet aus der Tiefe, das fast hoffnungslos nach den verlorenen Lichtesh\u00f6hen emporblickt (z.B. Beethovens \u201aAppassionata\u2018), sie kann aber auch ein ernstes, feierliches Weihegebet sein (z.B. in Bruckners 8. Sinfonie) [4]. Alle diese Gef\u00fchle und Stimmungen finden sich in Kate Bushs Song wieder.\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/mop2-400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist mop2-400.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Fassung auf \u201eDirector\u2018s Cut\u201c intensiviert diese Gef\u00fchle noch einmal. Das Klavier klingt nun tiefer, ruhiger. Auch die pr\u00e4sente Stimme ist tiefer, ruhiger, langsamer. Es gibt keine Streicherteppiche mehr. Der ganze Song ist viel mehr in Moll, in Dunkelheit getaucht. T\u00f6ne verhallen, als ob sie in die Unendlichkeit hinein verd\u00e4mmern. Der Chorus hat nun seinen Text verloren, die Melodie wird durch einen Chor gesummt. Dieser Summchor erinnert mich an den Summchor aus \u201eMadame Butterfly\u201c von Puccini, dort wird er in einer Szene eingesetzt, in der die Titelfigur gewahr wird, dass ihr Geliebter sie verlassen hat und nicht mehr kommen wird. So wie dort ist die Stimmung auch in \u201eMoments of Pleasure\u201c tieftraurig. Kate Bush ist nun zwanzig Jahre \u00e4lter, sie muss die Fassungslosigkeit \u00fcber den Verlust nicht mehr in Worte fassen. Es gibt zu viel davon, wenn man \u00e4lter wird. Zur Textzeile \u201eit\u2018s just started to snow\u201c erklingen auf einmal h\u00f6here Klaviert\u00f6ne, so als ob Schneekristalle herabfallen. Bei \u201eAnd I can hear my mother saying\u201c bricht die Stimme fast, dies ist nun eine wieder gegenw\u00e4rtige Erinnerung, ein Satz der verstorbenen Mutter aus der Vergangenheit. Die Liste der Toten musste Kate Bush am Ende leicht k\u00fcrzen, denn \u201eoffenbar erwies sich der bereits aufgenommene\u00a0 Piano-Track als ein klein wenig zu kurz und sie musste auf jemanden verzichten\u201c [1]. Maureen und Bill Duffield fehlen nun. <br>Der Song hat die verzweifelte Grundstimmung der ersten Version verloren. Er ist nun in ein D\u00e4mmerlicht getaucht, er ist zu einer zeitlosen Elegie geworden. Graeme Thomson [1] schreibt es sehr treffend: \u201eAls das \u00fcppige Streicherarrangement des Originals wegfiel, bekam der winterliche Text mehr Gewicht und es wurde so ein pers\u00f6nliches St\u00fcck \u00fcber den Verlust liebgewonnener Menschen, dass man den Schnee im Hintergrund fallen h\u00f6ren konnte.\u201c Es singt nun jemand, der den Schock der Verluste \u00f6fter erlebt hat und der ihn nun f\u00fcr einen unausweichlichen Bestandteil des Lebens h\u00e4lt. Das Nichtakzeptieren in der ersten Fassung ist gewichen. Nun ist das Lied auf eine stille Art und Weise verst\u00f6rend und bewegend. Die Weiterentwicklung von Kate Bush in diesen zwanzig Jahren zwischen den beiden Fassungen bringt Siobhan Kane [8] f\u00fcr mich auf den Punkt: \u201eThis version is even more poignant, for the fact that there is more loss, yet the choir that hums along elevates us sky-high, gently\u2013and takes Bush into another realm, sharing space with someone like Puccini and his Hummingbird Chorus. She shares a common ground with opera in terms of its expansiveness, turning people\u2019s everyday lives and stories into great art, for we are all epic, in a way, aren\u2019t we?\u201c <br>Wie soll man diese Details \u00fcber diesen bewegenden Song zusammenfassen? Ich kann dem Fazit von Ron Moy [2] fast nichts hinzuf\u00fcgen: \u201eThe humanism, affectism and grounded spirituality of this song quite overwhelmed me upon first listen. Indeed, it is one of the few songs that carry such an emotive charge that I have to be careful when I choose to listen to it. [&#8230;] Relatively few songs have moved me to tears &#8211; but \u201aMoments of Pleasure\u2018 did, and does.\u201c Ein letztes Wort zu diesem Song von Kate Bush selbst &#8211; die Essenz in einem Satz [7]: \u201eI&#8217;m not talking about only pain or only ecstasy, but this notion that life is so precious. The moments of pleasure couldn&#8217;t exist without the sadness.&#8220;  <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em> <br><br>[1] Graeme Thomson: Kate Bush. Under the ivy. 2013. Bosworth Music GmbH. S321f und S.395f <br>[2] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.117 <br>[3] Kate Bush: The red shoes (Songbook). Woodford Green. International Music publications Limited. 1994. S.31ff <br>[4]\u00a0 Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.231ff <br>[5] Chrissie Iley: \u201eBeating About The Bush\u201c. The Sunday London Times. 12. September 1993 <br>[6] Marianne Jenssen: \u201eRubber Souls\u201c. Vox. November 1993 <br>[7] Tom Moon: \u201eA Return to Innocence\u201c. Philadelphia Inquirer. Januar 1994. <br>[8] Siobhan Kane: \u201eAlbum Review: \u202aKate Bush \u2013 Director\u2019s Cut\u201c, Consequence of Sound (Webseite), 24.05.2011. <a href=\"https:\/\/consequenceofsound.net\/2011\/05\/album-review-kate-bush-directors-cut\/\">https:\/\/consequenceofsound.net\/2011\/05\/album-review-kate-bush-directors-cut\/<\/a> (gelesen 20.01.2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMoments of Pleasure\u201c geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den bewegendsten Liedern von Kate Bush. Es ist das, was ich ein \u201eErinnerungslied\u201c nenne, eine Kategorie von Songs, die bei Kate Bush h\u00e4ufiger vorkommt. Titel wie \u201eBlow Away\u201c, \u201eA Coral Room\u201c und \u201eAmong Angels\u201c geh\u00f6ren dazu. 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