{"id":6028,"date":"2019-08-25T08:40:30","date_gmt":"2019-08-25T06:40:30","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6028"},"modified":"2019-08-25T08:50:12","modified_gmt":"2019-08-25T06:50:12","slug":"das-song-abc-moving","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=6028","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Moving"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eMoving ist schon aus einem einfachen Grund ein ganz besonderer Song. Er er\u00f6ffnet das Debutalbum \u201eThe kick inside\u201c von Kate Bush. Er wurde als erster Song in der Aufnahmesession im Juli\/August 1977 aufgenommen, nach Erinnerung des Produzenten Andrew Powell dauerte das nur zwei Stunden [2]. In Japan erschien er als Single am 6. Februar 1978 und erreichte den Platz 1 der Charts [1]. Der Song wird allgemein als Tribut an ihren Tanz\/Schauspiellehrer Lindsay Kemp angesehen [1]. Er\u00f6ffnet (und beschlossen) wird er mit gesampelten Walges\u00e4ngen, die vom Album \u201eSongs of the Humpback Whales\u201c von Roger S. Payne stammen [1]. Roger S. Payne ist ein amerikanischer Biologe, der sich intensiv mit den Ges\u00e4ngen der Wale besch\u00e4ftigt hat [11]. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/moving400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist moving400.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eMoving\u201c ist der erste Song auf \u201eThe kick inside\u201c, er ist sozusagen das Eingangsstatement. Wird seine Bedeutung angemessen gew\u00fcrdigt? Die Biographen gehen nur auf eher offen sichtbare Dinge ein. Ron Moy [3] bleibt aus meiner Sicht recht allgemein. F\u00fcr ihn adressiert der Song die Hauptthemen von Kate Bushs Songs &#8211; Liebe, Beziehungen, Sinnlichkeit und Begehren. F\u00fcr ihn ist er direkt (\u201etouch me, hold me, how my open arms ache\u201c) und gleichzeitig poetisch und metaphorisch (\u201eyou crush the lily in my soul\u201c). Ron Moy sieht diese zwei Pole (Aktivit\u00e4t \/ passive Reflexion) als typisch f\u00fcr viele Lyrics von Kate Bush an &#8211; damit bel\u00e4sst er es in seiner Analyse. F\u00fcr Graeme Thomson [2] spiegelt \u201eMoving\u201c die physische Befreiung und die psychische Wandlung wieder, die Kate Bush beim Tanzen erfahren hat. Der \u201emoving stranger\u201c ist demnach Lindsay Kemp und das Bild der Lilie, die er zerdr\u00fcckt (\u201ecrush the lily in my soul\u201c) steht gem\u00e4\u00df Thomson f\u00fcr eine positive Erfahrung, n\u00e4mlich, dass die Bewegung ihr Kraft verleiht und sie nicht etwa schw\u00e4cht. Hier frage ich mich allerdings, wie das Zerdr\u00fccken einer zarten Blume in der Seele so uneingeschr\u00e4nkt positiv gesehen werden kann. <br>Phil Sutcliffe [4] beschreibt den Song so: \u201eIt&#8217;s a complete evocation of the movement of the dancer, speaking with his limbs, sense through sensuality, as sexy as his &#8218;beauty&#8217;s potency&#8216;, the dancer and the watcher in harmony like lovers.\u201c Alle diese Analysen sprechen Aspekte des Songs an, gehen f\u00fcr mich aber nicht genug in die Tiefe. Ich werde versuchen, einige Gesichtspunkte zu erg\u00e4nzen. Ein Blick auf die Gestaltung des Songs ist dabei hilfreich. \u201eMoving\u201c beginnt mystisch. Es braucht einige Sekunden, um zu identifizieren, was hier gerade f\u00fcr fast zwanzig Sekunden erklingt. Es sind Walges\u00e4nge, sirenenhafte Kl\u00e4nge, fremdartig und fast unheimlich in ihrer Wirkung. Es sind die \u201eWalges\u00e4nge, die sie so liebte\u201c, so sagt es Graeme Thomson [2]. Nach diesen zwanzig Sekunden setzen dann zart die Instrumente und der Sologesang ein. Der Gesang ist teilweise reich verziert, f\u00fcr den Produzenten Andrew Powell klang das wie die \u201eK\u00f6nigin der Nacht\u201c aus der Zauberfl\u00f6te [2]. Diese Koloraturen sind besonders ausgepr\u00e4gt bei \u201ehow you move me\u201c, \u201epotency\u201c und auf \u201esoul\u201c, insbesondere zum Schluss des Songs. Eine K\u00f6nigin der Nacht der Romantik singt hier. Im zweiten Chorus kommen einige Echos hinzu durch einen Chor aus von Kate Bush gesungenen Stimmen. Zum Ausklang ert\u00f6nen wieder Walges\u00e4nge, ein bruchloser \u00dcbergang in den n\u00e4chsten Song findet statt. Offenbar geht es hier um mehr als nur diesen einen Song. Insgesamt ist \u201eMoving\u201c in eine \u00e4u\u00dferst romantische Stimmung getaucht. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/lindsay2-400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist lindsay2-400.jpg\"\/><figcaption>Kate und LIndsay Kemp bei den Dreharbeiten zu The Line, The Cross And The Curve \/ Foto: Guido Harari<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Aus dieser Beschreibung heraus die Verbindung zu Lindsay Kemp zu finden, ist nicht offensichtlich. Zum Gl\u00fcck gibt es \u00c4u\u00dferungen von Kate Bush selbst, die das erl\u00e4utern. Es war ihr wichtig, Lindsay Kemp ein Lied zu widmen. &#8222;He needed a song written to him. He opened up my eyes to the meanings of movement. He makes you feel so good. If you&#8217;ve got two left feet it&#8217;s &#8218;you dance like an angel darling.&#8216; He fills people up, you&#8217;re an empty glass and glug, glug, glug, he&#8217;s filled you with champagne.&#8220; [4] Kate Bush sagt ausdr\u00fccklich, dass der Song dem Schauspiellehrer gewidmet ist, das heisst aber nicht automatisch, dass es ein Song \u00fcber ihn ist. Ihr Mentor hat aber Kate Bush die Augen daf\u00fcr ge\u00f6ffnet, wie man ganz verschiedene Stimmungen ausdr\u00fccken kann. Paul Kerton geht darauf in seinem Buch sehr ausf\u00fchrlich ein. Er zitiert z.B. Kate Bush so: \u201eEr sagte zum Beispiel, ihr werdet jetzt alle zu ertrinkenden Seeleuten, Wellen schwappen schon \u00fcber euch, und jeder fing an zu schreien. Er lehrte mich zu schreien und mir meines K\u00f6rpers bewusst zu werden\u201c [5]. In diesem fr\u00fchen Zitat klingt schon die Faszination f\u00fcr das Wasser und das Meer an, die sich im ganzen Werk von Kate Bush wiederfindet. Der Wal ist ein Gesch\u00f6pf des tiefen Wassers, geheimnisvoll, immer in Bewegung. Der Wal ist ein \u201emoving stranger\u201c. \u201eWhales say everything about &#8218;moving&#8216;. It&#8217;s huge and\nbeautiful, intelligent, soft inside a tough body. It weighs a ton and yet it&#8217;s\nso light it floats. It&#8217;s the whole thing about human communication &#8212; &#8218;moving\nliquid, yet you are just as water&#8216; &#8212; what the Chinese say about being the cup\nthe water moves in to. The whales are pure movement and pure sound, calling for\nsomething, so lonely and sad&#8230;\u201c [4].<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/moving-live400.jpg\" alt=\"Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist moving-live400.jpg\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Folgerichtig schwebt Kate Bush bei der \u201eTour of Life\u201c zu diesem Song dahin in einem meerblauen  (Thomson spricht von meergr\u00fcn) Trikot, wie im Traum, als schwimme sie in der Tiefe, gefangen in einem Walzer unter Wasser [2]. Auch die Verbindung zwischen Wal und Tanz ist f\u00fcr Kate Bush offensichtlich. &#8222;On the ground they&#8217;re ppff (splodging sound), but in the water they&#8217;re &#8218;wahooo!&#8216; Which is the way with a lot of dancers\u201c [4]. Eine Identifizierung des \u201emoving stranger\u201c mit einem anonymen Liebhaber (durchaus denkbar) scheint also nicht gemeint zu sein. Kate sieht den Wal als Verk\u00f6rperung des Meeres, als durch den Tanz befreites Wesen. Der Wal hat aber weitere Bedeutungen. Im Christentum verbirgt sich hinter ihm der Teufel als Ungeheuer der Tiefe des Wassers. Seine Kieferbacken markierten die Tore zur H\u00f6lle [9]. \u201eDer Bauch des Wals als Ungeheuer des Wassers gleicht dem Ort des Todes, dem verschlingenden Grab der Dunkelheit des Unbewussten, dem Bereich der Nacht\u201c [9]. \u201eBei solchen mythischen \u201eNachtmeerfahrten\u201c besteht aber Gefahr, dass unser in unbekannten seelischen Raum vorsto\u00dfendes Bewusstsein von den archaischen M\u00e4chten des Unterbewussten \u00fcberrannt wird\u201c [9]. Der Wal ist Symbol f\u00fcr den Ort des Ursprungs, der R\u00fcckholung und Wiedergeburt, er steht f\u00fcr die \u201edunkle Nacht der Seele\u201c [9]. Der Wal ist also etwas Unheimliches, er steht f\u00fcr das Ungewisse, die andere Seite, das lockende Geheimnis, die Verf\u00fchrung. Vielleicht muss man das f\u00fcr Kate Bush so typische Motiv des Wassers \u00e4hnlich sehen &#8211; es geht um Nachtmeerfahrten auf die andere Seite. Ich weise auf \u201eThe Fog\u201c, \u201eNocturn\u201c und \u201eA Coral Room\u201c als Beispiele hin. <br>Es erscheint folgerichtig, wenn als Gegensatz auch ein Symbol f\u00fcr die verf\u00fchrte, angelockte, unschuldige Seele im Song auftaucht: \u201eYou crush the lily in my soul\u201c. Die Lilie hat in der Symbolik als Grundbedeutungen die Reinheit des Herzens, die Unbeflecktheit, die Jungfr\u00e4ulichkeit [10]. Sie verweist auf die keusche Unber\u00fchrtheit der Gottesmutter [10]. Im Song wird diese Unschuld gebrochen, der Tanz (die Verlockung des Wals) hat neue Welten er\u00f6ffnet, Welten, die dunkler, geheimnisvoller sind. Dieser Prozess ist auch schmerzhaft, das deutet klar das Wort \u201ecrush\u201c an. Die musikalische Gestaltung spiegelt diese ganzen Aspekte wieder. Der Song ist in einem reinen 4\/4-Takt gehalten, keine Abweichung st\u00f6rt den traumverlorenen Tanz [6]. Notiert ist \u201eMoving\u201c in d-Moll, ab und zu gibt es Aufhellungen nach Dur &#8211; z.B. zu \u201eAs long you\u2018re not afraid to feel\u201c, \u201eTry to fall for me\u201c und zum letzten \u201eSoul\u201c in \u201eYou crush the lily in my soul\u201c [6]. Es scheint A-Dur zu sein. Nach Beckh [7] steht d-Moll f\u00fcr das Starre, Erstorbene der Natur. Etwas mit Grab und Tod, mit dem Starren und Steinernen der Gruft hat diese Tonart zu tun. Sie scheint von einer Welt finsteren Werdens und Gestaltens zu sprechen, die vom Sonnenhaften des Lebendigen noch nicht durchleuchtbar ist [7]. Interessanterweise steht die ber\u00fchmte Rachearie der K\u00f6nigin der Nacht ebenfalls in d-Moll (verwandte Koloraturen finden sich ja im Song). Kurt Pahlen weist bei dieser Arie darauf hin, das d-Moll eine Tonart ist, in der auffallend oft seelische Bewegung ausgedr\u00fcckt wird [8]. Seelische Bewegung ist genau das Kernthema von \u201eMoving\u201c. A-Dur steht gem\u00e4\u00df Beckh f\u00fcr Lichtesh\u00f6hen, es steht f\u00fcr die durch irgendein Erlebnis, irgendeine Begegnung ausgel\u00f6ste h\u00f6chste verkl\u00e4rte Seelenstimmung [7]. <br>Die Kombination dieser beiden Tonarten gibt die Grundstimmung von \u201eMoving\u201c sehr gut wieder, auch die Tonarten stehen f\u00fcr den Ausbruch aus einer starren Welt in eine Welt des Lebendigen, sie stehen f\u00fcr eine Befreiung. Ganz folgerichtig musste f\u00fcr mich dieser Song das Album er\u00f6ffnen. Er setzt das Thema f\u00fcr das Album, ist das Eingangstor in die Welt von Kate Bush. Er thematisiert die Verf\u00fchrung durch das Unheimliche und Unbekannte, den Verlust der \u201eUnschuld\u201c durch das Ver\u00f6ffentlichen des Albums und durch das Tanzen bei Lindsay Kemp. Schon der Titel \u201eMoving\u201c dr\u00fcckt es aus &#8211; Bewegung, von einem Punkt zum anderen. Eine in ihrer alten Welt gefangene Kate Bush bricht aus und tanzt in die Zukunft. So sehe ich diesen Song, ein helles Licht der Verhei\u00dfung leuchtet auf aus der Dunkelheit. Kate Bush lockt uns in ihre Welt und nimmt uns mit auf ihre Nachtmeerfahrt.  <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em> <br><br>[1] <a href=\"https:\/\/en.m.wikipedia.org\/wiki\/Moving_(Kate_Bush_song)\">https:\/\/en.m.wikipedia.org\/wiki\/Moving_(Kate_Bush_song)<\/a> (gelesen 16.07.2019) <br>[2] Graeme Thomson: Kate Bush &#8211; Under the Ivy. Bosworth Music GmbH. 2013. S.107, 111, 116 und 169 <br>[3] Ron Moy: Kate Bush and Hounds of Love. Aldershot. Ashgate Publishing Limited. 2007. S.13f <br>[4] Phil Sutcliffe: \u201eLabushka\u201c. Sounds 30.08.1980 <br>[5] Paul Kerton: Kate Bush. Bergisch-Gladbach. Gustav L\u00fcbbe Verlag GmbH. 1981. S.42 <br>[6] \u201eKate Bush Complete\u201d. EMI Music Publishing \/ International Music Publications. London. 1987. S.122f <br>[7] Hermann Beckh: Die Sprache der Tonart in der Musik von Bach bis Bruckner. Verlag Urachhaus. Stuttgart 1999. S.155ff (d-Moll) und S.136f (A-Dur) <br>[8] Kurt Pahlen: Wolfgang Amadeus Mozart &#8211; Die Zauberfl\u00f6te. Mainz 2011. Schott Music GmbH &amp; Co KG. S.108 <br>[9] Clemens Zerling, Wolfgang Bauer: Lexikon der Tiersymbolik. M\u00fcnchen 2003. K\u00f6sel-Verlag. S.314f <br>[10] Clemens Zerling: Lexikon der Pflanzensymbolik. Baden und M\u00fcnchen 2007. AT-Verlag. S.155f <br>[11] <a href=\"https:\/\/en.m.wikipedia.org\/wiki\/Roger_Payne\">https:\/\/en.m.wikipedia.org\/wiki\/Roger_Payne<\/a> (gelesen 20.08.2019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMoving ist schon aus einem einfachen Grund ein ganz besonderer Song. Er er\u00f6ffnet das Debutalbum \u201eThe kick inside\u201c von Kate Bush. Er wurde als erster Song in der Aufnahmesession im Juli\/August 1977 aufgenommen, nach Erinnerung des Produzenten Andrew Powell dauerte das nur zwei Stunden [2]. In Japan erschien er als Single am 6. 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