{"id":5762,"date":"2019-02-27T07:18:35","date_gmt":"2019-02-27T06:18:35","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5762"},"modified":"2019-02-27T22:00:10","modified_gmt":"2019-02-27T21:00:10","slug":"kaffeeklatsch-kate-bush-sex","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5762","title":{"rendered":"Kaffeeklatsch: Kate Bush &#038; Sex"},"content":{"rendered":"<p>Sexualit\u00e4t und Erotik sind immer wiederkehrende Themen in den Songs von Kate Bush. Schon ihr Deb\u00fctalbum kommt einem mehrfachen Tabubruch gleich. Wie setzt Kate das Thema um? Wie \u00e4ndert sich ihr Blick auf das Thema im Laufe ihrer musikalischen Entwicklung? Fragen, die hervorragend in den &#8222;Kaffeeklatsch&#8220; passen. Heute mit Beate, Fan der ersten Stunde und fr\u00fcher Mitherausgeberin des deutschen Fanzines &#8222;Irgendwo in der Tiefe&#8220;.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Reden wir \u00fcber Kate Bush und Sex. Mal sehen, ob wir da Experten sind. Es ist 1978, Kate besingt eine Ikone der englischen Literatur und auf der gleichen Scheibe geht es in \u201eStrange Phenomena\u201c um den \u201epunctual blues\u201c. Ich k\u00f6nnte jetzt nicht behaupten, dass ich 1978 als 14-j\u00e4hriger Junge auch nur ansatzweise einen blassen Schimmer hatte, worum es da eigentlich geht. Wie war das bei Dir?<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=5763\" rel=\"attachment wp-att-5763\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5763\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate1-400.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"578\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate1-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate1-400-208x300.jpg 208w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Beate<\/strong>: Als M\u00e4dchen, als Teenager war Sex und Sexualit\u00e4t etwas, das noch sehr abstrakt war und unter verschiedenen Aspekten eher ungeschickt vermittelt wurde. In den grellen \u00dcberschriften von Jugendzeitschriften, eher verhalten-verkniffen im Elternhaus und sachlich-steril im Biologieunterricht. Zotig und irgendwie geschmacklos von Seiten gleichaltriger Jungs. Und mit immenser \u00e4ngstlich-faszinierter Erwartungshaltung hinter vorgehaltener Hand, tuschelnd mit Freundinnen. Dass man sich dem Thema auch unverbr\u00e4mt poetisch, neugierig, offen fasziniert und dennoch mit mystischer Tiefe n\u00e4hern kann, war f\u00fcr mich in verschiedenen Formen der Kunst m\u00f6glich. In Theaterst\u00fccken, im Ballett, in der Malerei, Literatur. Nat\u00fcrlich auch in der Musik. Es dauerte eine Weile, bis sich dies erschloss und wirkt daher noch immer nach. Besonders in Kates Musik. Ihr Umgang mit dem Thema Sex und Erotik in ihrer Arbeit, besonders auch auf den ersten Alben, ist sehr vielschichtig, hat seinen Ursprung in der Welt von Tr\u00e4umen und Vorstellungen und flie\u00dft, \u00e4hnlich wie Jahre sp\u00e4ter in The Sensual World, in die Wirklichkeit, ins Lebendige.<br \/>\nWann und wie hat sich dir erschlossen, dass in Kates Texten sexuelle Bilder, Anspielungen oder gar sehr deutliche Ans\u00e4tze enthalten sind?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Sp\u00e4t. Sehr sp\u00e4t. Vor allem deshalb, weil ich mich Kate in der Anfangszeit \u00fcber ihre Musik und nicht \u00fcber die Texte gen\u00e4hert habe. Vermutlich stehe ich damit aber nicht alleine. TKI ist ja voll von Anspielungen. In Feel it taucht die Textzeile &#8222;So keep on a-moving in, keep on a-tuning in, Synchronize rhythm now&#8220; auf, in Wow gibt es mit &#8222;hitting the vaseline&#8220; Andeutungen von schwulem Sex, ein Jahr sp\u00e4ter handelt Kashka from Baghdad von einem verliebten M\u00e4nnerpaar. Hat man das Ende der 70er Jahr einfach \u00fcberh\u00f6rt?<\/p>\n<p><strong>Beate<\/strong>: Oh, ich glaube nicht, dass Kate hier \u00fcberh\u00f6rt wurde, man ging glaube ich (etwa in Interviews) einfach nicht direkt darauf ein. An Kates Geste im &#8222;Wow&#8220;-Video &#8211; sie t\u00e4tschelt sich an der entsprechenden Textstelle ja symbolisch das Hinterteil &#8211; soll die BBC ja meines Wissens Ansto\u00df genommen haben. Im Gegenzug gab es keinerlei Probleme, Kate als Person als Sexsymbol in Szene zu setzen oder &#8222;verkaufen&#8220; zu wollen. Das ist ein klein wenig paradox, aber auch recht typisch. Beim k\u00fcnstlerischen Ausdruck err\u00f6tet man, w\u00e4hrend gleichzeitig relativ skrupellos entsprechende Fotos favorisiert wurden. Man denke an das ber\u00fchmte pinke Top\u2026<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">&#8230;bei dem es dann allerdings auch Versuche gab, es aus dem \u00e4h&#8230;Verkehr zu ziehen. Trotzdem muss es doch 1978 ein Tabubruch gewesen sein &#8211; sie singt \u00fcber Menstruation und schwule Liebe. Das hat so zuvor in Popsongs noch keiner gewagt und selbst noch Jahre sp\u00e4ter wurden Songs von der BBC mit zu eindeutigem Inhalt boykottiert. Oder ist es vielleicht deshalb kein Tabubruch gewesen, weil sie nicht provozierend, sondern sehr nat\u00fcrlich mit dem Thema Sexualit\u00e4t umgeht?<\/p>\n<p><strong>Beate<\/strong>: Ja, das waren Tabubr\u00fcche, und es gab auch noch weitere, wenn man an den tragischen Titelsong The Kick Inside denkt, in dem es ja um eine verbotene Liebe zwischen Bruder und Schwester geht und der sich interessanterweise direkt an Room for the Life anschlie\u00dft. Das gesamte Debutalbum ist tief durchdrungen von weiblicher Sexualit\u00e4t. Bereits auf Lionheart erweitert sich diese Perspektive dann. Auch das ist eine Besonderheit. M\u00e4nnliche K\u00fcnstler zu der Zeit, gerade im Rockbereich, thematisierten Sex, teils provokant, teils platt und sexistisch. Kates Umgang mit dem Thema war und ist tats\u00e4chlich sehr nat\u00fcrlich und gleichzeitig sehr poetisch und tiefsinnig. Und er bleibt respektvoll, selbst wenn sie augenzwinkernd und voller Anspielungen damit umgeht.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">\u00c4ndert sich dieser Blick auf das Thema, wenn Du beispielsweise die Lieder von The Kick Inside mit The Sensual World vergleichst?<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=5764\" rel=\"attachment wp-att-5764\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5764\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate2-400.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"319\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate2-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate2-400-300x239.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Beate<\/strong>: Definitiv ja. Die Lieder, Texte und Musik, sind auf The Sensual World viel sinnlicher und erotischer und auch bewusster. Wir h\u00f6ren auf The Kick Inside noch viel mehr Neugier, ein gro\u00dfes ernsthaftes Interesse und auch eine gewisse Unschuld im positiven Sinne am Thema. Und viel vertr\u00e4umte Verliebtheit. Ab The Sensual World h\u00f6ren wir einer reiferen, erwachsenen Frau zu, die eine Welt erf\u00e4hrt, die von Sinnlichkeit und tiefer Empfindung durchdrungen ist, Ebene um Ebene. Der Satz \u201estepping out of the page into the sensual world\u201c scheint das gesamte Album zu durchziehen. Nicht nur in den Texten, sondern auch in den Stimmen und den Instrumenten. Man denke etwa an dieses \u201eZerflie\u00dfen\u201c in The Fog, den Spannungsbogen des Trio Bulgarkas mit Dave Gilmours ekstatischer Gitarre in Rocket\u2018s Tale, das weiblich-m\u00e4nnliche Spannungsfeld in Love and Anger, oder den erotischen Kitzel in Heads we\u2018re dancing&#8230; vom wunderbaren Titelsong gar nicht zu sprechen. In einer alten Rezension des Songs schrieb ein Musikjournalist \u00fcbrigens, dass er sich zum Tanzen dazu weite Hosen w\u00fcnsche. Wie empfindest du diesen Wandel in Kates Alben?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Reifer, erwachsener und erotischer trifft es auch in meinen Augen perfekt. Das Yes im Titelsong ist Erotik pur in drei unverf\u00e4nglichen Buchstaben. Am meisten beeindruckt es mich immer, wenn sie dabei wie in Heads we\u2018re dancing eine unerwartete Geschichte erz\u00e4hlt oder wie in This Woman\u2019s Work die Perspektive ins Ungewohnte verschiebt. Das sind nur zwei der vielen Songs von ihr, die ich oft sogar eher noch visuell wahrnehme und es ist wahrhaftiges Kino. Soweit das Thema Kate Bush und Sex. Sollen wir zum Schluss noch \u2018nen Schneemann vernaschen?<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=5765\" rel=\"attachment wp-att-5765\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5765\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate3-400.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"266\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate3-400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/kk-kate3-400-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Beate<\/strong>: Ja, das finde ich auch. Das Mhhh, yes&#8230; dieses Seufzen mit bewusstem Ausdruck von Genuss, von Sehnsucht und Erf\u00fcllung&#8230; wundervoll. Bringt uns zu diesem wunderbaren Schneemann-Thema. Die Geschichte an sich ist schon fantastisch&#8230; Sie baut einen Schneemann, der nachts in ihr Schlafzimmer kommt, der in ihr Bett zu ihr sinkt und schmilzt, w\u00e4hrend sie sich lieben. Diese Erz\u00e4hlung ist so vielschichtig. Das Verschmelzen, Dahinschmelzen, die gleichzeitige Ewigkeit des Augenblicks und dessen unaufhaltsame Verg\u00e4nglichkeit. Es ist fast schmerzlich intensiv, Kate zuzuh\u00f6ren. Es dr\u00fcckt etwas aus, das wir alle schon erlebt haben, denke ich. Wenn man etwa jemanden bereits vermisst, obwohl man ihn noch in den Armen h\u00e4lt. Wie wundersch\u00f6n ausgedr\u00fcckt in diesem Bild&#8230; Was meinst Du?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\">Verschmelzen ist das richtige Stichwort. Sie verschmelzen und schmelzen dahin, suchen, finden und verlieren sich. Du kannst alles nachempfinden und an Menschen denken, die du geliebt und verloren hast. Gleichzeitig funktioniert er aber auch auf dieser vordergr\u00fcndigen Ebene der vollkommen abstrusen Geschichte vom Sex mit einem Schneemann und man kann sich vorstellen, wieviel Spa\u00df sie bei der Aufnahme hatte. Das ist wirklich ein so unglaublicher Song der dich lachen l\u00e4sst und gleichzeitig zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt. Wenn sie das Thema Liebe und Sexualit\u00e4t auf The Sensual World in Vergleich zu The Kick Inside reifer und erwachsener umgesetzt hat, muss man hier feststellen, dass sie bei diesem Lied eine Symbiose von Inhalt und Musik erreicht. Das ist Perfektion pur.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexualit\u00e4t und Erotik sind immer wiederkehrende Themen in den Songs von Kate Bush. Schon ihr Deb\u00fctalbum kommt einem mehrfachen Tabubruch gleich. Wie setzt Kate das Thema um? Wie \u00e4ndert sich ihr Blick auf das Thema im Laufe ihrer musikalischen Entwicklung? Fragen, die hervorragend in den &#8222;Kaffeeklatsch&#8220; passen. 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