{"id":5415,"date":"2018-09-02T07:15:44","date_gmt":"2018-09-02T05:15:44","guid":{"rendered":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5415"},"modified":"2018-08-21T22:16:40","modified_gmt":"2018-08-21T20:16:40","slug":"das-song-abc-snowflake","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/morningfog.de\/?p=5415","title":{"rendered":"Das Song-ABC: Snowflake"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=2606\" rel=\"attachment wp-att-2606\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2606\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"95\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc.jpg 620w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/abc-300x45.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a>Es ist Nacht im Winter, man steht auf der Stra\u00dfe, die Schneeflocken fallen rings um einen herab, still und sanft, nur angestrahlt vom Licht der Stra\u00dfenlaternen. Es erscheint so, als ob sie zu einem kommen. Wahrscheinlich hat jeder dann schon einmal die Arme ausgebreitet und den Kopf gehoben, in die fallenden Flocken geschaut. F\u00fcr mich ist es eine meiner sch\u00f6nsten Kindheitserinnerungen. Ich sp\u00fcrte die Macht der Stille und der Natur.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=5416\" rel=\"attachment wp-att-5416\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5416\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/snow400.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"267\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/snow400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/snow400-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Was w\u00e4re, wenn man mit einer dieser Flocken reden k\u00f6nnte? Was w\u00e4re, wenn eine dieser Flocken wirklich auf dem Weg zu einem w\u00e4re? Genau darum geht es in \u201eSnowflake\u201c und vielleicht hatte Kate Bush \u00e4hnliche Gef\u00fchle und Fragen in einem Schneetreiben wie ich.<br \/>\n\u201eSnowflake\u201c ist ein ganz ruhig gehaltenes Lied, es ist fast eine Meditation, ein Zwiegespr\u00e4ch, ganz intim und pers\u00f6nlich. Es \u201efallen weiche Pianoschl\u00e4ge wie Eiskristalle von Himmel, im Hintergrund suggeriert ein leiser Klangteppich die der Jahreszeit angemessene K\u00e4lte\u201c [1]. \u201eNeben Bushs unaufgeregtem Sprechgesang ist ihr 13-j\u00e4hriger Sohn zu h\u00f6ren, der mit gespenstisch-sch\u00f6nem Knabengesang den Weg der Schneeflocke zur Erde besingt\u201c [1]. Der Song ist in Abschnitte geteilt, die durch unterschiedliche musikalische Motive und Melodien gekennzeichnet sind. Diese Motive sind sehr kurz, es sind eher Farbakzente. Es gibt aber eine \u00fcbergeordnete Einheit durch einheitliches Tempo und Grundstimmung, in die sich diese Motive einbetten.<br \/>\nIn der Einleitung ert\u00f6nt ein Klaviermotiv, das der Melodie aus \u201eNight scented stock\u201c vom Album \u201eNever for ever\u201c sehr \u00e4hnlich ist. Das hat mich ziemlich verbl\u00fcfft, als es mir aufgefallen ist. Diese beiden St\u00fccke haben auf den ersten (und auch zweiten) Blick nichts miteinander zu tun. Meine Vermutung ist, dass die Beschw\u00f6rung einer geheimnisvollen Nachtstimmung das verbindende Element ist.<br \/>\nNach der Einleitung beginnt es mit der Schneeflocke, die etwas \u00fcber ihren Ursprung erz\u00e4hlt (\u201eI was born &#8230;\u201c). Dazu ert\u00f6nt ein kleines Motiv als Begleitung, das wie eine Fanfare anmutet, ein \u201eschaut her, ich bin da\u201c. Die Schneeflocke schildert dann in einer Art Sprechgesang, was sie auf ihrem Flug sieht. Zu diesen Schilderungen ert\u00f6nt im Klavier ein hin und her schwingendes Motiv, das mit einer aufsteigenden Tonkette beginnt. Es klingt t\u00e4nzerisch, schwebend. Dazu erklingen im Hintergrund ganz leise andere Instrumente, die das Klavier und die Stimme wie mit einem Schimmer umgeben. Dieser Schimmer ist dunkel, eher geheimnisvoll, ohne klare Tonalit\u00e4t oder Melodie. Ist es das Geheimnis der Winternacht? Sind es die Kl\u00e4nge einer fernen Welt, die durch den Schnee ged\u00e4mpft wird?<br \/>\nUnterbrochen wird der Gesang der Schneeflocke durch wiederholte Anrufungen durch die Protagonistin (\u201eThe world is so loud &#8230;.\u201c). Sie sind gekennzeichnet durch ein weiteres Klaviermotiv. Es ist verwandt mit dem Begleitmotiv des Sprechgesang, da es mit einer \u00e4hnlichen aufsteigenden Tonkette beginnt (S\u00e4ngerin und Schneeflocke sind seelenverwandt). Es klingt wie eine Antwort auf das Sprechgesang-Begleitmotiv, es ist ruhig, bes\u00e4nftigend. Die Stimme dazu ist wie ein Ruf in die Dunkelheit, verl\u00e4sslich und sanft, ein stimmlicher Leuchtturm f\u00fcr die fallende Schneeflocke. Ab und zu mischen sich leise Gitarrent\u00f6ne hinein und geben eine andere F\u00e4rbung.<br \/>\nIch frage mich, ob die Protagonistin die Schneeflocke wirklich h\u00f6ren kann. Ist ihr bewusst, dass die Schneeflocke mit ihr redet und auf dem Weg zu ihr ist? Neunmal wird der Ruf wiederholt, es ist (fast) immer der gleiche Text, er geht nicht auf die Schneeflocke ein. Zudem beginnt er mit \u201eThe world is so loud\u201c &#8211; \u00fcbert\u00f6nt die Welt die leisen T\u00f6ne der Schneeflocke? Ich glaube, die Protagonistin ahnt die Anwesenheit, w\u00fcnscht sie sich herbei &#8211; aber mehr nicht.<br \/>\nDie Schilderungen der Schneeflocke \u00fcber ihren Weg vom Himmel herab werden durch Passagen unterbrochen, in denen sie ihr \u201eWesen\u201c erkl\u00e4rt, in aufsteigenden Tonspr\u00fcngen, immer h\u00f6her und h\u00f6her (\u201eI am ice &#8230;\u201c). Dazu ert\u00f6nt ein neues Motiv im Klavier, eine schwingende Tonfolge, schwer zu beschreiben, wie knisternder Schnee, wie fallendes Wasser. Die Melodie der Gesangsstimme wirkt dagegen wie ein Statement, eine Wesens\u00e4u\u00dferung. Die Flocke ist Eis und Staub, sie ist aber auch Licht und Himmel. Realit\u00e4t und \u00dcberirdisches kommen zusammen. Die Stimme springt jeweils zu diesen Worten in h\u00f6chste H\u00f6hen, kennzeichnet die Schneeflocke als ein unwirkliches, vom Himmel kommendes Wesen.<br \/>\nIn einigen Passagen verl\u00e4sst die Schneeflocke den schildernden Sprechgesang und gibt mit einer weit schwingenden Melodie Einblick in ihr Inneres (\u201eMy broken hearts &#8230;.\u201c). Ihr F\u00fchlen wird sichtbar. Dazu ert\u00f6nt kurz zu Beginn ein weiteres Klaviermotiv, das ein bisschen aufgeregt klingt. Der Text ist hier mystisch, geheimnisvoll &#8211; so wie es vielleicht auch die Natur selbst ist.<br \/>\nDer \u201eRuf\u201c der Protagonistin ert\u00f6nt neunmal und wird unterbrochen von den Schilderungen der Ann\u00e4herung der Schneeflocke, die immer k\u00fcrzer werden. In der ersten Schilderung der Schneeflocke heisst es \u201eI want you to catch me\u201c, in der letzten dann \u201eBe ready to catch me\u201c. Die in der Wolke geborene Schneeflocke hat sich den Menschen ausgesucht, der sie auffangen soll. Die Natur hat ein Ziel, die Schneeflocke als Verk\u00f6rperung der Natur beginnt die Kommunikation. \u201eIm Film w\u00fcrde man sagen, jetzt folgt Shot auf Gegenshot, Ich-Kamera der Schneeflocke vs. Ich-Kamera des Erdenbewohners [&#8230;]\u201c [2]. Die beiden Protagonisten kommen sich immer n\u00e4her, \u201ewas im Text dadurch signalisiert wird, dass der Refrain in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden wiederkehrt \u2013 ein Ausdruck f\u00fcr steigende Erwartung, \u201ekeep falling\u201c, komm schon, komm her, diese Welt ist zu laut, rette mich\u201c [2].<br \/>\n<a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?attachment_id=5417\" rel=\"attachment wp-att-5417\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-5417\" src=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/snowflake400.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"258\" srcset=\"http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/snowflake400.jpg 400w, http:\/\/morningfog.de\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/snowflake400-300x194.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Ganz zum Schluss sind dann nur noch die dunklen, unbestimmten T\u00f6ne der Nacht aus dem Hintergrund da. Kein Klavier mehr, der Song kommt zur Ruhe, die Schneeflocke ist gelandet. All das ist eine ruhige Meditation, \u00fcber neun Minuten lang. Der Song ist komplexer, als er dem Zuh\u00f6rer erscheint. Verschiedene einfache Motive kennzeichnen die Situationen des Songs. Dar\u00fcber liegen Sprechgesang und sich einf\u00fcgende, knappe Melodien. Alles f\u00fcr sich einfach, aber in der Kombination dann doch komplex, eingebettet in einen geheimnisvollen, tr\u00e4umerischen Schimmer.<br \/>\n\u201eSnowflake\u201c thematisiert die Kommunikation zwischen Mensch und magischer Natur. Diese magische Natur tritt mit dem Menschen \u00fcber mythische Wesen in Verbindung, das ist eines der Hauptthemen des Albums \u201e50 words for snow\u201c. Kate Bush war von dieser in einem Interview aufgebrachten Idee sehr angetan. &#8222;I like that, that&#8217;s lovely, yeah [&#8230;] Someone else observed that a lot of the creatures are mythical, for want of another word, fantastical creatures \u2013 even a snowflake, if you think of it as a living thing.&#8220; [3].<br \/>\nDieser mystische Kontext in \u201eSnowflake\u201c hat auch einen religi\u00f6s-mystischen Subtext, das legt eine Textzeile nahe, die die Schneeflocke singt: \u201eIt&#8217;s midnight at Christmas\u201c. Was hier von Himmel f\u00e4llt an einem Weihnachtsabend, das ist vielleicht ein Engel, vielleicht ein Gottesgeschenk. Die Schneeflocke (gesungen vom Sohn von Kate Bush) kommt herab zur Protagonistin (Kate Bush) so wie in der Weihnachtsgeschichte der Sohn Gottes zu Maria.<br \/>\nIch m\u00f6chte das nicht \u00fcberstrapazieren, aber mir fiel eine \u00c4hnlichkeit des \u201eI am ice and dust and light. I am sky and here\u201c mit dem \u201eVater unser\u201c auf: \u201eDenn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.\u201c Die Schneeflocke kommt aus dem Himmel, das \u201eVater unser\u201c beginnt mit \u201eVater unser der du bist im Himmel\u201c. F\u00fcr mich antwortet die aus dem Himmel kommende Schneeflocke auf dieses Gebet und offenbart ihre G\u00f6ttlichkeit. Damit schlie\u00dft sich der Bogen. Eine Winternacht im Treiben der Schneeflocken ist erf\u00fcllt von der Begegnung mit der mystischen, g\u00f6ttlichen Natur. Wenn man die laute Welt ausblendet, dann kann man h\u00f6ren, wie die Natur zu einem spricht. Sie spricht zu uns selbst in der kleinsten Schneeflocke. Wir sind ein Teil davon, wir sind eins. <em>\u00a9 <strong>Achim\/aHAJ<\/strong><\/em><\/p>\n<p>[1] Martin Leute: \u201eExzentrisch, irritierend, sch\u00f6n: Kate Bush singt \u00fcber den Schnee\u201c. <a href=\"https:\/\/www.laut.de\/Kate-Bush\/Alben\/50-Words-For-Snow-71922\">https:\/\/www.laut.de\/Kate-Bush\/Alben\/50-Words-For-Snow-71922<\/a>\u00a0 (gelesen 18.07.2018)<br \/>\n[2] Tina Manske: Was sagt eigentlich die Uhr. <a href=\"http:\/\/morningfog.de\/?p=109\">http:\/\/morningfog.de\/?p=109<\/a>. (gelesen 14.07.2018)<br \/>\n[3] Andy Gill: \u201eKate Bush: The ice queen of pop returns\u201c. The Independent. 18.11.2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Nacht im Winter, man steht auf der Stra\u00dfe, die Schneeflocken fallen rings um einen herab, still und sanft, nur angestrahlt vom Licht der Stra\u00dfenlaternen. Es erscheint so, als ob sie zu einem kommen. 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